Burg Möwenfels
Erzählt von Maren Lutke:
Das Auto kam jäh zum stehen. „Da sind wir!", rief meine Mutter und lächelte mich an. Ich sprang sogleich fröhlich aus dem Wagen. Einer der Züge, die hier im Bahnhof einfuhren, sollte mich in das Landschulheim Burg Möwenfels bringen. Wir waren alle glücklich, dass ich überhaupt einen Platz dort bekommen hatte. Die beiden jüngeren Schwestern meines Vaters hatten ebenfalls dieses Internat besucht und meine Eltern schon seit langem bedrängt, mich, sobald ich das 12. Lebensjahr erreicht hatte (jüngere Mädchen wurden nämlich nicht in der Schule aufgenommen), auch dorthin zu schicken. Nun war es soweit. Für mich begann das neue Schuljahr auf einer neuen Schule. Hoffentlich war sie wirklich so toll, wie es mir meine Tanten immer weismachen wollten.
Gut gelaunt pfiff ich vor mich hin, öffnete den Kofferraum und angelte nach meinem Koffer und meinem Handgepäck. Auch meine Eltern waren inzwischen aus dem Wagen gestiegen. „Sei uns bitte nicht böse, dass wir nicht bleiben können, aber wir müssen nun wirklich zum Flughafen!". Ich lächelte meine Eltern an. Ich war nicht böse, schließlich war ich den Zeitmangel meiner Eltern gewohnt. Ich umarmte erst meinen Vater und dann meine Mutter. „Treib es bitte nicht zu wild", wiederholte sie wohl schon zum Hunderttausendsten Mal. „Ich will nicht schon wieder hören, dass du irgendetwas in die Luft gejagt hast oder so". Da ich mit den Augen rollte, denn ich hatte in meinem Leben noch niemals etwas in die Luft gejagt. Als sie meinen Blick sah, meinte sie begütigend: „Nun, dann mach es gut! Ich wünsche dir, dass du viele neue Freunde findest!".
„Mach etwas aus der Zeit, die dir gegeben ist! Viel Glück auf der Burg!", sagte mein Vater feierlich. Damit nahm ich meine Sachen und ging, aber nicht ohne mich noch einmal umzudrehen und zu winken. „Denk daran, du gehörst zum Nordturm! Frag dich einfach durch!", rief meine Mutter noch. „Keine Angst, ich werde es schon nicht vergessen". Mit diesen Worten verschwand ich winkend im Bahnhofsgebäude. Sofort wurde ich von Schreien und Lachen umringt. Überall liefen Mädchen in der Schulkluft herum, die auch ich trug – eine dunkelblaue Jacke mit Goldknöpfen und gesticktem Wappen, dazu einen dunkelblauen Faltenrock.
„Hallo Gabi! Schöne Ferien gehabt? Wo zum Teufel ist Lisa?" – „Annabell! Bleib doch mal stehen – ANNABELL!" – „Ist ja gut, hier bin ich doch! Mensch Ellen, du siehst ja aus... wie eine Zigeunerin so braun!" – „Ja, ich war in Spanien! Da habe ich euch auch noch ne Menge zu erzählen!" – „Chrissi! Hast du meinen letzten Brief bekommen?". Oh je, das waren ja eine ganze Menge Mädchen! Aber nun gut, da musste ich mich jetzt durchwühlen. Wahrscheinlich musste ich mich zuerst bei irgendeiner Lehrerin melden. Wie aufs Stichwort kam eine ältere Frau auf mich zu. Sie sah nett aus, aber sie hatte einen strengen Zug um den Mund. „Gehörst du zum Nordturm?", fragte sie und betrachtete mich von Kopf bis Fuß. „Ja, ich komme in die erste Klasse!", gab ich zurück.
„Gut, dann nehme ich dich direkt mit. Mein Name ist Frau Pott. Ich bin die Vorsteherin des Nordturms. Und wer bist du?".
„Maren!", antwortete ich. „Maren Lutke!". Frau Pott runzelte die Stirn und musterte mich erneut. Dann erst hackte sie meinen Namen auf ihrer Liste ab.
Der Zug fuhr und fuhr und nach einiger Zeit legte sich meine Aufregung und schlug in das Gegenteil um: Mir wurde langweilig. Ich fing an, die Mädchen um mich herum zu betrachten. In unserem Abteil saßen die meisten Neuen aus dem Nordturm, auch Frau Pott war hier. Ein paar Mädchen schienen sich zu kennen und unterhielten sich lebhaft. Der Rest blieb still. Viele waren augenscheinlich in meinem Alter. Würden sie mit mir in eine Klasse gehen, denselben Schlafsaal bewohnen?
Von den anderen Waggongs her hörte man das ausgelassene Schreien und Lachen der anderen Mädchen. Bald würde ich auch keine Neue mehr sein!
Bevor mir in meiner Langeweile irgendein Unsinn einfallen konnte, wurde die Abteiltür von außen zur Seite geschoben. Ein auffallend hübsches Mädchen mit goldblonden Locken kam herein. „Hier ist noch eine Neue für den Nordturm, Frau Pott!", meinte sie und zog mit einem verächtlichen Blick ein anderes Mädchen in das Abteil. „Danke, Olivia!", sagte Frau Pott mit einem verwunderten Ausdruck auf dem Gesicht. „Wer bist du?", fragte sie die Neue. „Alle, die mit dem Zug nach Möwenfels fahren sollten, habe ich auf meiner Liste abgehackt!".
„Lucy Ackermann!", rief das Mädchen lauter als nötig. Frau Pott warf einen prüfenden Blick auf ihre Liste. „Ich dache, deine Eltern bringen dich nach Möwenfels?".
Lucy lachte höhnisch auf. „So? Haben sie das gesagt?", fragte sie und lies sich seufzend auf einen Sitz fallen. „Das haben die wohl selber nicht geglaubt, dazu wären die gar nicht fähig!". Ein dumpfes Poltern aus dem Nebenwaggong unterbrach die Unterhaltung. Frau Pott sprang auf. „Was ist denn da schon wieder passiert? Olivia, würdest du bitte einen Augenblick hier bleiben?". Und sie eilte ohne eine Antwort abzuwarten aus dem Abteil. Olivia ließ sich kurz entschlossen neben mir auf den Sitz nieder. „Tagchen", grüßte sie freundlich. „Wie heißt du?".
„Maren Lutke. Und du?", fragte ich, obwohl ich das natürlich jetzt schon wusste. „Olivia Reichberg", antwortete sie. „Freust du dich, nach Möwenfels zu kommen?".
„Ich kann es kaum abwarten!", gab ich zurück. Olivia blickte mich wohlwollend an. „Es ist herrlich in Möwenfels! Wie ein zweites Zuhause!", fing sie ähnlich schwärmerisch wie meine Tanten an zu erzählen. „Es gibt vier Türme – Nordturm, Ostturm, Westturm und Südturm. Der Südturm wird aber von den Lehrern und vom Personal bewohnt. Abgesehen mal von ein paar winzigen Ausnahmen und der Vorsteherin und Hausmutter jedes Turmes. Das sind bei uns im Nordturm Frau Pott und Dolly Rie – äh – Schwarze. Du gehörst doch zum Nordturm?". Ich nickte. „Dann ist gut... na ja, sonst säßest du wohl nicht hier. Von den Zimmern im Nordturm hat man den schönsten Blick auf das Meer. Wir sind schon was Besonderes. Das meiste haben wir unserer Hausmutter zu verdanken. Sie hat kürzlich auf der Burg geheiratet. Das war ein Fest! Ihr Mann- Klaus – Henning Schwarze – ist momentan Klassenlehrer der zweiten. Die beiden sind echt super. Pöttchen eigentlich auch!"
„Pöttchen? Nennt ihr sie so?".
„Ja, das weiß sie auch. Und es macht ihr nicht einmal was aus. Sie ist gar nicht so streng, wie sie sich gibt!". Zufrieden sank ich in den Sitz. „Toll, dass ich nach Möwenfels komme!".
„Möwenfels hat auch eine Schwesterschule! Gleich nebenan!".
„Ach ja? Und was ist das für eine Schule?".
„Die ist für solche von uns, die sich nicht mehr von der Burg trennen können". Olivia grinste. „Aber auch für andere ‚ältere Semester'. Man kann sich dort z.B. für den Beruf vorbereiten lassen. Weißt du, Steno, Schreibmaschine, Literatur verschiedener Sprachen, überhaupt verschiedene Sprachen, Hauswirtschaft, Kochen...". Olivia hielt einen Augenblick inne uns seufzte. „Ja, kochen können die! Da kriegst du kugelrunde Augen und freust du dich nur schon darum auf jedes Fest. Aber jetzt denk nicht, dass es auf der Burg nicht schmecken würde!". Olivia zwinkerte. „Wie heißt denn diese Schule?", fragte ich. „Möwennest!", gab Olivia zurück. „Deswegen unterscheiden wir zwischen Burgmöwen – also zwischen solchen von uns, die auf der Burg zu Schule gehen – und Nestmöwen – also denjenigen, die im Möwennest hausen". In diesem Moment ertönte durch den Lautsprecher die Stimme des Lokführers: „Nächster Halt: Bahnhof Rodenburg". Olivia sprang auf. „O.K., alles mal herhören! Sucht eure Sachen zusammen. Gleich kommen wir in unserem Bahnhof an!". Wenig später fuhr der Zug in einem kleinen Bahnhof ein. Frau Pott kam hereingestürmt. „Olivia, kannst du mir ein wenig helfen? Nimm ein paar Neue unter deine Fittiche und bring sie nachher zu Dolly!", rief sie. „Mach ich, Chef!", erklärte sich Olivia lachend bereit. „Alles vom Nordturm mir folgen!". Der Ausstieg aus dem Zug kam einer Explosion nahe. Es schien, als wollten alle Schülerinnen gleichzeitig den Bahnhof betreten.
Wir stiegen in Busse um. Jedes Haus hatte einen Bus. Olivia zog mich und ein paar andere in den vom Nordturm. Es stiegen auch ein paar junge Frauen mit in den Bus. Das schienen „Nestmöwen" zu sein. „Der Bus fährt nachher zum Möwennest", flüsterte mir Olivia zu, die wohl meinem Blick gefolgt war.
„Olivia! Komm hier neben mich!". Olivia setzte sich neben ein großes schlaksiges Mädchen, das mir irgendwie bekannt vorkam, und fing mit ihr sofort ein eifriges Gespräch an. „Hey, Mona! Pöttchen hat mich bei den Neuen gelassen. Deswegen konnte ich nicht zurück. Zu dumm, dass Vati uns dieses mal nicht bringen konnte!".
„Na egal! Jetzt geht's erst mal nach Möwenfels!".
„Ja, jetzt geht's nach Hause!".
Lucy und ich setzten uns auf den Sitz vor Olivia und Mona, doch wir sprachen nicht ein Wort miteinander. „Gleich sehen wir sie!", flüsterte Olivia Mona fast verschwörerisch zu. Im gleichen Augenblick wurde es stiller im Bus. Erwartungsvoll schweiften die Blicke zur rechten Fensterseite herüber. Als der Bus um die Ecke fuhr, da sah ich sie zum allerersten Mal. In der glitzernden Abendsonne ragten vier Türme majestätisch zum Himmel empor. Die roten Dächer und vielen Fenster schimmerten uns entgegen. Burg Möwenfels in seiner ganzen Pracht. Mir wurde ganz warm ums Herz. Meine Schule! „Von hier aus sieht sie immer am schönsten aus!". Ich blickte auf das große Mädchen, das gerade mit so einer liebevollen Stimme gesprochen hatte. Ja, sie war wirklich wunderschön, die Burg, auf der jetzt sechs wundervolle Jahre auf mich warteten.
„Die Eisenbahnerinnen kommen!", hallte der Ruf durch die Gänge. Das übliche Gedränge, Gerede und Geschreie auf dem Gelände schienen überhand zu nehmen. „Mann, ich liebe diesen Rummel!" rief Olivia. „Hey, Vivi! Schöne Ferien gehabt? Wo ist Susu? Habe ich euch viel zu erzählen! Aber erstmal muss ich zu Dolly!". Olivia lief mit den Neuen kreuz und quer, bis sie zusammen im Nordturm einen gemütlichen Raum erreichten, in dem sich viele Mädchen drängen. „Hausmutter! Hier ist das Gesundheitszeugnis meiner Schwester und meins!" – „Hausmutter! Wie schön, Sie wieder zu sehen! Wie geht es Ihnen?" – „Hausmutter, habe ich hier meine Tasche liegen lassen?" – „Hausmutter, ich kann mein Gesundheitszeugnis nicht finden!".
„Hausmutter!" rief nun auch Mona. „Wir sind wieder da!". Dolly Schwarze war voll in ihrem Element. Sie war noch sehr jung und dazu sehr hübsch. Mit dem dunklen Haarschopf und den Augen, die an schwarze Kirschen erinnerten, sah sie sehr temperamentvoll und vertrauenswürdig aus. „Olivia! Mona!", rief sie und umarmte ihre beiden Schützlinge. „Wir haben die neuen Erstklässler für den Nordturm mitgebracht! Und hier sind unsere Gesundheitszeugnisse! Können wir noch irgendwie helfen?". Die Hausmutter nahm die Gesundheitszeugnisse der beiden Mädchen an sich. „Ja, gleich könnt ihr mir noch ein wenig helfen! Geht aber erst mal euer Nachtzeug auspacken!". Als die beiden Mädchen verschwunden waren, wandte sich Dolly lächelnd den Neuen zu. „Na, habt ihr alle eure Gesundheitszeugnisse?", fragte sie freundlich. Die Mädchen nickten. „Wie viele sind seit ihr denn?". Lucy rollte mit den Augen. „Acht!", rief sie. „Können sie nicht zählen?". Dolly spürte sofort die Ablehnung in Lucys Stimme, sie zog es aber vor, den Einwurf nicht zu beachten. „Schön, dass ihr da seid! Dann gebt mir mal eure Gesundheitszeugnisse!". Die Mädchen gaben sie ihr und sie hackte jeweils den Namen des Mädchens auf einer Liste ab, nachdem sie jedes eingehend gemustert hatte und legte dann die Gesundheitszeugnisse auf die Seite. „So", sagte sie abschließend. „Du bist also Helena? Und du Judith! Du Lucy und du Maren!". Die Angesprochenen nickten. „Du bist Manuela und du Iris?" – „Nein, Isis!" – „Oh, das muss ich mir merken! O.K., du bist Katrin und du? Hey, habe ich dein Gesundheitszeugnis überhaupt schon?". Das Mädchen durchsuchte ihre Taschen und blickte die Hausmutter dann in komischer Verzweiflung an. „Ich kann es nicht finden!", meinte sie kläglich. „Dann muss ich dich wohl solange in Quarantäne auf die Krankenstation stecken, bis es gefunden wird!". Bei diesen Worten blitzten Dollys Augen vergnügt. Dieses Mädchen ließ sie sofort an ihre ehemalige Kameradin Irene denken, die auch immer Schwierigkeiten gehabt hatte, ihr Gesundheitszeugnis zu finden. Wo die wohl jetzt stecken mochte?
Das Mädchen öffnete den Koffer und Judith und Helena halfen ihr beim durchsuchen. „Überleg mal ganz scharf, wo du das Gesundheitszeugnis das letzte Mal gesehen hast!" riet ihr Dolly und wandte sich dann anderen Schülerinnen zu.
Marens Blick fiel auf die Gesundheitszeugnisse, die Dolly zur Seite gelegt hatte. Wahrscheinlich hatte sie die noch nicht eingeräumt, um sich später noch einmal die Namen der neuen Mädchen wieder in Erinnerung zu rufen.
Maren überlegte nicht lange. Schon in ihrer alten Schule war sie dafür bekannt gewesen, jede Menge Unsinn zu machen. Alle Ermahnungen nützten nichts, Maren ergriff diese erste Gelegenheit sofort, nahm die Gesundheitszeugnisse und steckte sie in ihre Tasche. Dann wandte sie sich ebenfalls dem Mädchen zu. „Ich werde es zuhause vergessen haben", sagte es völlig verzweifelt. Lucy schien das ganze ziemlich zu nerven. „Beeil dich doch mal!", rief sie gereizt. „Wahrscheinlich hat es deine Mutter längst mit der Post geschickt!". Das Mädchen schaute mit großen Augen zu Lucy hoch, dann schlug sie sich vor die Stirn. „Klar doch!", rief sie. „Hausmutter! Kann es sein, dass meine Mutter Ihnen das Gesundheitszeugnis schon zugesandt hat?". Dolly drehte sich amüsiert um. „Das kann natürlich sein", meinte sie lächelnd. „Wie heißt du denn?".
„Steffi! Äh... Stefanie Heinrich!" Dolly suchte in ihrer Schublade. „Tatsächlich! Hier ist es! Hat dir deine Mutter nicht gesagt, dass sie es schicken wollte?".
„Doch, schon, aber ich habs wieder vergessen...".
Erzählt von Isis Berners:
Als Erste betrat ich den Schlafsaal, den wir künftig bewohnen sollten. Es war ein schöner Anblick, der sich mir bot. Die Abendsonne schien in den großen freundlichen Raum mit neun blütenweiß bezogenen Betten, auf denen unterschiedlich gemusterte Daunendecken lagen. Die Betten waren durch Vorhänge voneinander getrennt. Neben jedem Bett stand ein weißer Kleiderschrank und an der Wand gegenüber für jedes Mädchen eine Kommode. Auch die anderen, die den Raum betreten hatten, schauten mit Wonne um sich. Selbst Lucy schien sehr angetan von diesem Schlafsaal. Plötzlich bleib mein Blick am Fenster hängen. Mit großen Augen trat ich näher. „Unglaublich!" flüsterte ich. Der Blick der sich mir bot, war wirklich fantastisch. Ein Blick über weites, endloses Meer. Die Sonne reflektierte sich auf dem im Moment ruhigen Wasser und es blitzte und glitzerte mir entgegen. Auch die anderen waren inzwischen ans Fenster getreten. Grabesstille erfüllte den Raum. „Macht fix, Träumerinnen! In zehn Minuten gibt es Abendessen!". Wir schraken hoch. Mona, Olivia und noch eine andere Schülerin betraten den Raum. „Bis dahin müsst ihr euch ein wenig zu Recht gemacht haben und euer Nachtzeug ausgepackt haben. Aber macht jetzt keine Hektik!", meinte die eine Schülerin und machte eine beschwichtigende Handbewegung. „Wenn wir euch helfen, geht's schneller!" Wir grinsten uns an. Die schienen ja ganz große Klasse zu sein! Ein recht hübsches rothaariges Mädchen kam hereingebraust. „Hey Susu!" rief sie. „Da bist du ja! Vivi sucht dich schon die ganze Zeit! Ihr zwei sollt zu Dolly kommen!". Susu grinste. „Nicht so stürmisch, Olly! Man merkt, dass du mal wieder zuhause warst!". Damit ging sie.
„Ja", posaunte Olly strahlend durch den Raum. „Zuhause will jeder jeden übertönen! Nun ja, egal. Kann ich irgendwie helfen?". Mona nickte. „Ja, Olly! Eine Aufgabe für Superschnelle. In acht Minuten gibt es Abendessen und wir sind hier noch nicht so ganz fertig!". Olly grinste. „Ins Träumen geraten, was? Na egal! Damit werden wir ja wohl fertig werden!". Ich mochte das ältere Mädchen sofort. Sie war lustig und ein richtiges Energiebündel. Mit den dreien an der Seite waren wir schnell fertig.
Dolly durchsuchte alle Fächer ihres Karteischrankes. „Es ist zum verrückt werden!". Ihr Mann, Klaus - Henning Schwarze, trat mit einem langen Schritt ins Zimmer. „Was denn?", fragte er. „Die Gesundheitszeugnisse der Mädchen aus der ersten Klasse... ich weiß, dass ich sie hier hingelegt habe, ich wollte sie mir noch einmal anschauen, weißt du, wegen den Namen und so. Aber jetzt sind sie weg! Einfach weg! Nur dieses eine habe ich noch", gab Dolly zurück und verwies auf Stefanies Gesundheitszeugnis. „Irgendwo müssen sie doch sein!". Klaus nahm seine Frau bei der Hand. „Es hat eben zum Essen geläutet, wir sollten hinüber gehen", meinte er. „Du hast schon wieder zu viel gearbeitet und brauchst eine kleine Pause. Wahrscheinlich tauchen sie gleich wieder auf".
Dolly führte am Tisch der ersten Klasse Aufsicht und bei ihr ging es recht lustig zu. Sie versuchte sich jedes Mädchen genau einzuprägen und fragte sie nach ihren Hobbys aus. „Die sind ja eine recht lebhafte Truppe. Hoffentlich haben sie nicht allzu viel Unsinn im Kopf und sind nicht so wild, wie sie sich geben. Helena scheint noch die ruhigste zu sein", dachte Dolly bei sich, als Judith, nachdem ihr Isis etwas ins Ohr geflüstert hatte, plötzlich laut losprustete. Sie hatten ein lautes, ansteckendes Lachen, sodass viele Mädchen auch anfingen, zu kichern. „Mädchen", versuchte Dolly sie zu beschwichtigen. „Ein paar Töne leiser bitte, sonst kriegen wir Ärger". Nur mit Mühe konnten sich die Mädchen beherrschen, besonders Judith. Sie biss auf eine Serviette, um nicht weiter lachen zu müssen. „Gefällt es euch denn in Möwenfels?", versuchte Dolly abzulenken. „Wenigstens ist das Essen klasse!", gab Lucy zurück, ohne vom Teller aufzublicken. „Ja", lächelte die Hausmutter. „Am ersten Abend gibt es immer etwas besonders Gutes!". Maren nickte. „Das haben mir meine Tanten auch immer erzählt!". Dolly blickte interessiert zu ihr. „Du hast Tanten, die mal hier waren? Wer war das denn?", fragte sie. „Die jüngeren Schwestern meines Vaters. Susanne und Lore Lutke!", gab Maren zurück. Dolly überlegte einen Augenblick. Dann nickte sie zustimmend. „An Lore erinnere ich mich sehr gut! Sie war eine klasse Mittelstürmerin, sage ich dir! Wir zwei haben einmal zusammen ein tolles Handballspiel gegen die Billstädter bestritten!". Dolly blickte verträumt drein. Doch als ob sie sich wieder erinnern würde, wo sie war, meinte sie lächelnd: „Außerdem war sie ein unheimlicher Witzbold. Fast keiner konnte es mit ihr aufnehmen!". Noch einmal überlegte sie kurz. „Aber an eine Susanne Lutke kann ich mich nicht erinnern. Wie viel älter war sie als Lore?" – „Drei Jahre!".
„Dann müsste sie in der Fünften gewesen sein, als ich an die Schule kam. Die Schwester von Lore... aber natürlich! Susanne Lutke! Fast genauso schlimm wie ihre Schwester! Die beiden waren ein Duo; aber was für eins!".
Erzählt von Maren Lutke:
Es war in Möwenfels Sitte, dass die Erstklässler sofort nach dem Abendessen zu Bett gingen. Also stürmten wir wieder hoch zum Schlafsaal. Mein erster Weg führte zum Fenster. Die Sonne stand bereits tief im Westen und warf eine Flut rot goldenen Lichts auf das Meer. Die Felskuppen glühten wie Purpur. Plötzlich merkte ich, dass Isis neben mir stand. „Es ist wundervoll, nicht wahr?", fragte sie flüsternd. „Ja", bestätigte ich aus vollem Herzen. „Ich bin sehr glücklich, dass ich hier bin". Isis nickte zustimmend. Plötzlich grinste sie. „Was wirst du mit den Gesundheitszeugnissen machen?". Einen Augenblick erstarrte ich. Ich konnte nie ausschließen, dass mich jemand während eines Streichs sehen würde, es war aber trotzdem immer ärgerlich, wenn es geschah. Na ja, Isis schien aber in Ordnung zu sein. „Ich weiß es noch nicht. Irgendwo werde ich sie wieder auftauchen lassen. Mit einer solchen Kleinigkeit kann man oft heilloses Durcheinander stiften", antwortete ich. Isis lachte auf. „So eine bist du also. Na, dann können wir uns ja auf was gefasst machen".
„Du scheinst mir aber auch nicht ganz ohne zu sein! So, wie du Judith zum Lachen gebracht hast!", grinste ich. Dann drehte ich mich um und überblickte wohlwollend den Schlafsaal. Isis, Manuela, Lucy, Katrin, Helena, Judith, Stefanie und ich. Hoffentlich würden wir eine gute Gemeinschaft werden! Mein Bett stand neben dem von Isis und dem von Lucy. Nachdem wir alle in den Betten lagen und die Hausmutter das Licht gelöscht hatte, führte ich mit Isis noch eine Unterhaltung im Flüsterton.
„Ich bin so glücklich, hier zu sein!", wiederholte ich noch einmal. „Zuhause war ich oft allein, weil meine Eltern immer unterwegs sind". Isis blickte herüber zum neunten Bett, welches leer geblieben war. „Ob wir wohl noch jemanden dazu bekommen?" – „Klar! Wenn das Bett doch aufgestellt wurde!". Isis nickte. „Was das wohl für eine sein mag?". Plötzlich richtete sich Judith, die rechts neben Isis lag, auf. „In jedem Fall ein recht egoistisches Mädchen!". Wir blickten erstaunt drein. „Woher willst du das wissen?". Judith setzte sich in ihrem Bett zu Recht. Wir taten es ihr gleich und blickten aus dem Fenster. „Überleg doch mal!", gab Judith als Antwort zurück. „Wenn sie sich doch jetzt schon Extratouren leistet!". Isis kicherte. „Wahrscheinlich trägt sie nur handgearbeitete Schuhe und hat zu jedem ihrer tausend Kleider eine passende Handtasche!".
„Was denkst du denn? Mit einer Limousine wird sie kommen!".
„Wahrscheinlich hat sie zuhause acht Badezimmer...".
„Natürlich ohne die des Personals gezählt!".
„Klar! Eins in rot, das nächste in grün...".
„Ob sie sich wohl mit blau zufrieden gibt?".
„Nicht, dass wir nachher noch anfangen müssen, den Waschraum gelb zu streichen!".
„Sie wird den ganzen Schlafsaal auf den Kopf stellen!".
„Den ganzen Schlafsaal? Ganz Möwenfels!". Wir kicherten. „Ist endlich mal Ruhe dahinten?", kam es von Helena. „Andere wollen schlafen!". Wir verstummten, blickten jedoch noch lange aus dem Fenster dem Mond entgegen.
