There... and back?
Authors note: „Ganz lieben Dank an alle reviewer! Ich wollte schon eher updaten, aber hatte mit dem I-net Problemchen... na, jetzt funzt es ja wieder! ENJOY!"
Kapitel
Bläulicher Rauch steigt in Kringeln hoch, sammelt sich unter der getäfelten Decke und verblasst. Genüsslich lehnt sich Gimli in seinem Sitz zurück.
„Also, wenn ihr mich fragt, sollte dies hier tatsächlich der Zauber Sarumans sein, lebt mein Vetter Balin noch! Beim Barte Thurins, mir gefällt es hier. Erst das gute Essen und..."
„Aber überleg doch mal, Gimli...", mischt sich Aragorn ein und unterbricht das Stopfen seiner Pfeife „...wir sind hier in einer uns völlig fremden Welt gelandet. Wir wissen nicht einmal, wie wir hier wieder zurückgelangen können." Er sieht Legolas kurz an, dann stopft er seine Pfeife weiter.
Gimli brummt etwas von „... Gemütlichkeit..." und „...es gibt andere Wege für böse Zauberer...", dann schließt er seine Augen und genießt den Rest seines Pfeifenkrauts schweigend.
Legolas hockt vor dem Kamin. Sein undurchdringlicher Blick heftet sich fest in die nur noch spärlich flackernden Holzscheite. Fast scheint es, als würde sich ein Schleier Traurigkeit in die sonst klaren Augen legen. Aber das kann auch der rötliche Schein des Feuers sein.
Langsam erhebt er sich. „Mich verlangt, die Sterne zu sehen. Vielleicht sind sie ja genauso wie in... Ennorath." Bei dem letzten Wort schwankt seine Stimme leicht. Aragorn spürt, wie sehr sein Freund unter dem Verlust Mittelerdes leidet und nickt ihm verständnisvoll zu.
Der Elb verlässt lautlos den Raum und einige Minuten vergehen, in denen kein Wort gesprochen wird.
„Möchte mal wissen, was diese Josephine vorhin von dir wollte.", brummt Gimli, als er seufzend sich erhebt und die Pfeife über dem nun fast kalten Kamin ausklopft. „Was ist denn eine Versi... Versicherung? Und... hast du eigentlich auch so einen komischen schwarzen Kasten auf deinem Zimmer? Ich möchte auch mal wissen, was dieses seltsame Ding in meinem Baderaum ist... sieht aus wie eine längliche Waschschüssel, mit einem Deckel zum hochklappen. Es ist auch Wasser drin, aber wer wäscht sich denn bitteschön auf den Knien? Außerdem ist es kalt! Aber toll ist das runde glatte Ding an der Wand... wie ein glatter See, man sieht sich selber so unglaublich... echt darin."
Aragorn zuckt nur mit den Achseln. Er kann darauf keine Antwort geben, dann erhebt auch er sich und beide Freunde verlassen den Raum. „Es wird sich alles morgen klären, Gimli." Hoffentlich! , und beobachtet den Zwerg, welcher mühsam die Treppe erklimmt. „Nicht mal eine Kerze hat sie dagelassen... in der Dunkelheit das Zimmer finden, eine Schande, sowas gibt es nicht einmal in Moria, ich hoffe nur, dass...", schimpft der Zwerg leise, als er seinen Weg durch die stockdunkle erste Etage fast stolpert.
Aragorn verkneift sich das Grinsen. Auch er weiß nicht, wo sich dieser magische Lichtschalter befindet, welcher die Räume hell durchfluten lässt. Aber er weiß, wo sein elbischer Freund sich befinden könnte und langsam tritt er durch die große Haustür, hinaus in die Nacht.
Hell schimmern die Haare des Elben, heben sich von der schwarzen Umgebung deutlich ab. Aragorn blinzelt hinauf in den Himmel, während er seinen Weg hinüber zu Legolas nimmt. Leicht fröstelnd reibt er seine Oberarme, als er sich neben seinen Freund stellt, dann blicken beide stumm hinauf in den Himmel... welcher von dicken Wolken verdeckt ist.
„Nicht ein einziger Stern... nicht ein einziger.", flüstert Legolas, leise und bedrückt.
Aragorn seufzt auf. Es steckt in diesem Satz noch viel mehr und prüfend blickt er seinen Freund an. „Wie fühlst du dich, Legolas?"
Irritiert sieht Legolas Aragorn an. Doch dessen Augen sind unverwandt auf ihn gebannt und der Elb seufzt nun auch. Dann schüttelt er unmerklich den Kopf, blickt wieder nach oben. „Nicht gut...", wispert er, kaum hörbar.
Er zieht die kalte Nachtluft tief in seine Nase ein. „Die Luft ist so schwer... kein Stern grüßt mich... ein stetes... Dröhnen oder Rauschen... von weit her, hörst du, erfüllt meine Ohren. Kein Nachtvogel lässt sich blicken... ich spüre keine Gefahr aus dem Wald, doch finde ich auch keine Ruhe."
Fahl leuchtet die Sichel des Mondes kurz auf, von gehetzten Wolkenfetzen bald wieder verschleiert. Aragorn legt Komfort bietend seine Hand auf die Schulter des Elbenprinzen. Doch sagen kann er auch nichts, kein Wort des Mutes bringt er über die Lippen.
Diese Situation ist für sie alle neu.
„Glaubst du, dass es Sarumans Werk ist? Uns mit seinem Zauber hierher zu senden, zu einer Frau, die uns ihre Herberge anbietet?"
Legolas schüttelt langsam den Kopf. „Es gäbe andere Wege für ihn, uns sich in den Weg zu stellen. Doch... doch wenn man bedenkt... wenn man bedenkt, dass wir hier in einer uns völlig fremden Welt sind, dann war dies ein mächtiger Zauber! Zumindest hat er geschafft, was er wollte... er hat uns zwar nicht getötet, doch..."
Dann bricht der Elb ab, ist der Worte machtlos.
Mit einer fast verzweifelten Geste weist er ins Dunkel hinaus. „... ich spüre, wir sind für diese Welt nicht gewappnet. Ich fühle, dass wir hier nichts zu suchen haben. Ich wöllte lieber noch zehnmal durch Moria gehen... nur um hier nicht mehr zu sein!"
Aragorn zieht eine Augenbraue hoch. Das sein Freund so sehr leidet hat er sich nicht vorstellen können.
„Du solltest versuchen, dich zur Ruhe zu legen, Legolas. Wir können von hier aus nichts tun... es liegt im Verlauf der nächsten Tage, was geschehen wird. Verzweifle nicht."
„Erst Gandalf, dann Boromir, dann Pippin und Merry. Nun fehlen auch wir im Bündnis des Guten. Wie sollen das Frodo und Sam schaffen, Aragorn?" Der Elb schüttelt den Kopf. „Ich werde hier keine Ruhe finden, Aragorn. Nicht, bevor wir wieder zurück in Mittelerde sind. Diese Welt hier ist anders... sie ist noch schlimmer.", flüstert er.
„Genau deshalb sollte man ausgeruht sein, Legolas. Versuche es zumindest. Versuche, deinem Geist Ruhe zu gönnen!"
Damit marschiert Aragorn los und tritt zum Tor hinaus in den Wald.
Wenig später kehrt er wieder zurück und rennt Gimli fast in die Arme. „Gibt es ein gutes Plätzchen für..."
„Nur wenige Schritt... dann findest du Buschwerk."
„Nicht mal eine Abortgrube hinterm Haus... diese Frau ist sehr schlecht eingerichtet.", grummelt der Zwerg missmutig und verschwindet in der Dunkelheit.
Der Waldläufer grinst, dann wendet er sich wieder an seinen Freund und weist auf den Bogen. „Ich spüre keine Gefahr für heute Nacht, Legolas. Du?"
Der Elb schüttelt den Kopf. „Ich bin mir nicht sicher... ich fühle keine Bedrohung, doch Unruhe und Hektik liegt in der Luft. Es kommt von Osten und ist stetig an- und abschwellend. Ich kann nicht einschätzen, was es ist."
Aragorn gibt auf. Seinen elbischen Freund wird er heute Nacht nicht mehr bekehren können. Doch bevor er wieder ins Haus zurückgeht hat er noch eine Frage auf dem Herzen.
„Warum hast du dies als Trinkspruch („Möge das Königreich kommen... und mögest du es sehen!")
gesagt, Legolas? Warum zu ihr?" Der Elb packt seinen Bogen fester. Ein kleines Lächeln umspielt seine Lippen und für einen Augenblick glänzen seine Augen auf. „Es war passend."
Nun muss auch Aragorn lächeln. „Mae lóme, mellonamin!" („Gute Nacht, mein Freund!") Dann kehrt auch er zurück ins Haus.
Der Elb wendet sich um. Still liegt das Gehöft und seine Augen wandern über die Mauern, bis sie an ein paar erleuchteten Fenstern unterm Dach des Gästehauses hängen bleiben. Nochmals erhellt ein kleines Lächeln seine Gesichtszüge, dann verschwindet er lautlos im Dunkel der Nacht in den Wald.
PIEP... PIEP... PIEP... PIEP... PIEP... PIEP
Wie gelähmt schalte ich das nervtötende Geräusch der Weckuhr aus. Ich traue mir niemals, den Sleepmodus einzuschalten, wenn ich nicht sofort aufstehe, schlafe ich durch bis mindestens 10 Uhr.
Nur der geschlurfte Gang ins Bad ist das Allerschlimmste am frühen Morgen.
Doch wenn ich dann erstmal meine heiße Dusche genossen habe, dann ist alles gut. Wie wohl diese heute früh wieder tut!
Leise summend laufe ich langsam durch die Treppen hinunter. Noch ist alles still.
Nun gut, mich wundert das nicht, ich bin immer die Erste, die aufsteht. Ich freue mich nach meiner Dusche immer auf eine Tasse heißen frischen Kaffee... allein in meiner Küche, ganz in Ruhe genossen. Dann wird es meistens schon langsam hell, ich brühe nochmals frischen Kaffee auf, dieser Duft zieht dann hoch in den Gästetrakt, gemischt mit dem Duft frisch aufgebackener Brötchen und während ich den Tisch decke kommen dann immer schon die Ersten hinunter.
Das macht sie alle wach!
Wollen doch mal sehen, ob ihr immer noch auf Mittelalter seid, wenn Jacobs, das Verwöhnaroma, in eure Zimmer zieht!, schmunzele ich, während ich angestrengt in der ersten Etage lausche. Alles ist still. Okay, dann habe ich noch etwas Zeit für mich.
„Na, Ginger, hast du dich mal wieder ausgesperrt?"
Zärtlich streichele ich meiner Katze durch ihr dickeres Winterfell. Doch auch dadurch lässt sie sich nicht beruhigen, kratzt und zerrt an der Küchentür und ihr Miauen wird immer tiefer, kehliger.
Ich mache die Türe nur einen Spalt weit auf und schon ist sie hindurchgewetzt. „Na, du musst aber einen Mordshunger ha..."
„AAAAAAaaaaaaahhhh... oh... mein... Gott... das ... darf doch nicht wahr sein!"
Vor lauter Entsetzen presse ich meine Hand vor den Mund, taste mich zum Türrahmen zurück. Mir wird schlecht.
Jetzt weiß ich, warum meine Katze so wahnsinnig darauf aus war, in die Küche zu gelangen.
Der Boden ist voller Blutspritzer. Auf dem Küchentisch liegen Gedärme in ihrer schleimig grau-violetten Masse verschlungen. Stetig läuft ein zäher Faden Blut in eine große Schüssel, welcher auf dem Boden steht und fast voll ist. Glasige Augen eines toten Rehs starren mich anklagend an, um sich dann wieder abzuwenden. Das Rotwild ist an den Hinterläufen zusammengebunden, hängt kopfüber an einem der großen schweren Deckenbalken meiner Küche, dreht sich langsam um sich selbst... und blutet aus.
So etwas widerliches habe ich noch nie gesehen und ich stolpere rückwärts in den Empfangsraum zurück.
Schon will ich nochmals schreien, doch dies kann ich mir sparen. Aragorn und Gimli kommen schon schlaftrunken die Treppe hinuntergestolpert.
„Was... was ist denn los, Lady Josephine?"
„Was los ist?", atme ich schwer, presse meine Hand vor den Mund. Mensch, ich habe noch nichts gegessen. Also, dass Frühstück kann ich mir heute sparen. „Irgendeiner ist heute Nacht hier eingestiegen und hat... und hat ein... ach, sehen Sie selbst, Sie werden mir ja doch nicht glauben!"
Ich halte denen die Küchentür auf, wende mich ab, erwarte mindestens ebenso einen entsetzten Schrei.
Nichts davon!
„Na, also das ist doch mal ein ganz Kapitaler. An dem werden wir ja lange was zu kauen haben.", ruft Gimli freudig aus, geht an mir vorbei in die Küche hinein. Habe ich mich gerade verhört?
„Hervorragend, Legolas! Wo... ist denn unser Elb?", fragt sich derweil Aragorn und anstatt in die Küche zu gehen läuft er hinaus auf den Hof.
Ich glaube, mich trifft gleich der Schlag! Die Katastrophe in meiner Küche waren die Drei? Das ich das Wort „Elb" mal jetzt übergehe, ist nur auf die Situation zu beziehen.
Vorsichtig öffne ich nochmals einen Spalt breit die Küchentüre. Gimli wühlt in den Gedärmen herum, dann holt er aus dem Nirgendwo ein kleines Messer, vergrößert den Schlitz am Bauch des Rehs... ein neuer Sturzwall Blut ergießt sich, schwappt über den Rand der Schüssel.
In dem Augenblick betritt Aragorn in Begleitung von Legolas wieder mein Haus, welcher noch zwei Hasen in der Hand hält, beide tot.
„Josephine, ich erlaube mir, Euch diese Zwei neben dem Reh zu überreichen, ich hoffe, es füllt Eure Speisekammer wieder aufs Neue... als Dank für das vortreffliche Mahl des gestrigen Abends und für Eure Gastfreundschaft!" Damit hält er mir mit einer kleinen Verbeugung das tote Wild hin.
Ich weiß nicht, ob ich ihm jetzt eine runterhauen kann, ob ich schreien soll oder mich lieber doch zu seinen Füßen übergebe... Recht wäre mir jetzt alles!
Doch anstatt die Fassung zu verlieren hole ich ganz tief Luft und flüstere: „Das...", damit weise ich in Richtung Küche, „... waren Sie?"
Er nickt, doch langsam zieht er seine Hand mit den Kaninchen wieder zurück, runzelt die Stirn. Ich muss mich an der Wand abstützen, greife mir an die Stirn. Himmel, wozu habe ich das verdient?
„Sind Sie von allen guten Geistern verlassen? Haben Sie noch alle Tassen im Schrank, Mann?" Langsam werde ich lauter, obwohl ich die Kontrolle behalten möchte. Doch es gibt Punkte, an denen man die Beherrschung verlieren darf. Dieser ist einer.
„Was fällt Ihnen ein, in meiner Küche ein totes Reh aufzuhängen?" Wütend funkele ich ihn an, balle die Hände zu Fäusten, gehe langsam auf ihn zu „WIR SIND NICHT MEHR IM MITTELALTER!", schreie ich nun aus voller Kehle. Das hatten nicht einmal die allerschlimmsten launischsten Gäste auf Lager, das übertrifft alles! Legolas wirft Aragorn einen kurzen Blick zu, weicht nach hinten aus.
„Josephine, ich..."
„HALTEN SIE IHREN MUND! Sie wissen gar nicht, was Sie damit angerichtet haben. Was soll ich denn nur mit einem Reh... und... und Hasen? Sie... sie sind wahnsinnig, jawohl!"
„Er wollte Euch nur ein Geschenk, einen Dank und einen Gefallen tun, Josephine.", mischt sich jetzt Aragorn ein.
„Einen Gefallen? EINEN GEFALLEN? Was kann ein Gefallen sein, wenn man bei jemanden ein totes Reh ausbluten lässt?", frage ich in einer schrillen Stimmlage. Dann fällt mir noch etwas anderes ein. „Wo... wo haben Sie es... na, sie wissen schon... erlegt?"
Der Blonde ist so verblüfft, dass er kurz überlegen muss. „Am... am See. An diesem kleinen gefrorenem Weiher an der Lichtung, nicht weit von..."
„FUCK! OH SHIT!", rufe ich verzweifelt. Legolas und Aragorn tauschen sich mehrere irritierte Blicke aus. Mittlerweile ist auch Gimli aus der Küche gekommen, mit einem schnurrendem Ginger im Arm. Blutstropfen kleben noch an den Barthaaren und ich raufe mir die Haare, gehe wütenden Schrittes vor den Dreien auf und ab.
„Das ist noch innerhalb der Jagdverbotzone, innerhalb eines Naturschutzgebietes, welches zur Zeit bewacht wird. Es gibt dort seltene Arten, was weiß ich. Jedenfalls müssen Sie gesehen worden sein!"
„Nein, wurde ich nicht.", entgegnet er mir daraufhin kühl. „Niemand vermag einen Elben bei der Jagd zu sichten... dies können nur wenige.", fügt er noch hinzu und blickt Aragorn kurz an.
Ich lasse mich schwer auf die unterste Stufe der Treppe sinken, weiß nicht, ob ich nun heulen oder lachen soll. „Es... gibt... hier... keine... Elben.", erwidere ich sehr langsam und müde. „Keine Elben... nur Menschen. Elben, Zwerge, Feen... sind alles Märchengestalten."
„WAS?", kommt es nun ungläubig von Legolas und, zu meiner Verwunderung, auch Gimli, zurück. „Bei allem Respekt, Josephine...", röhrt der Kleine los, baut sich vor mir auf und Ginger springt erschrocken aus seinen Armen, „... aber falls ihr es noch nicht bemerkt haben solltet: Vor euch steht ein waschechter Zwerg!"
Die Standuhr in der Bibliothek schlägt laut sieben Uhr morgens. Es wird langsam hell.
Ich stehe auf.
„Raus.", flüstere ich eiskalt.
Verblüfft sehen sich die Drei an. „Was?", flüstert Legolas.
„Ich sagte raus! Verschwinden Sie! Und lassen Sie sich hier NIE WIEDER BLI..."
DINGDONG!
Vier Augenpaare gehen gleichzeitig zur Tür.
„Frau Weber, aufmachen! Hier ist die Forstaufsicht. Es wurde im Bereich des Naturschutzgebietes gewildert. Machen Sie die Tür auf, die Spuren sind frisch und führen zu ihrem Hof!"
Ich beginne am ganzen Leib zu zittern. Aragorn und Legolas sehen mich nur stumm an, Gimli geht schon zur Garderobe, holt sich seine Axt.
Jetzt schlägt es laut gegen die Tür. „FRAU WEBER, MACHEN SIE DIE TÜR AUF!"
„Nach oben.", wispere ich nervös. „Jetzt!" Die Drei verharren noch, sind sich unschlüssig. Legolas sieht aus, als würde er jeden Moment angreifen wollen, Gimli hebt schon seine Axt.
„Machen Sie nur einmal, was ich Ihnen sage und verschwinden Sie nach oben.", flehe ich nun schnell.
„FRAU WEBER!"
„Bitte. Ich bitte Sie!" Fast wollen mir die Tränen kommen.
„FRAU WEBER, AUFMACHEN!"
Wie der Blitz rennen sie leise nach oben und drücken sich ins Dunkel hinein. Ein kurzer Blick genügt... wer sie nicht sehen will, kann sie auch nicht sehen. Bevor ich die Türe nun endlich öffne, schmeiße ich noch schnell meine Winterjacke über Aragorns Waffen. Er hat sie nicht an sich genommen.
„Na endlich!", brummt ein sichtlich durchgefrorener Polizist in einer Art Walduniform und hält mir seinen Ausweis unter die Nase. „Sie wissen, warum wir kommen?"
Stumm schüttel ich meinen Kopf. Was soll ich denen denn auch sagen? Das drei Gestalten, die glauben, Elben und Zwerge zu sein, gewildert haben, da Sie ja keine Ahnung haben können, was überhaupt ein Naturschutzgebiet ist und das ich das nicht mal selber glaube, was ich hier erzähle? Dann kann ich gleich meinen Ruf an den Nagel hängen und die Pension schließen!
„Schmidt, erklären Sie Frau Weber die Sachlage.", brummt der eine Polizist und wirft schon einen Blick über meine Schulter ins Hausinnere. Ein etwas jüngerer Beamte erzählt mir das, was ich schon weiß. Dann weist er hinter sich und gibt den Blick auf dunkle Flecken im Schnee frei. Legolas, was hast du nur getan?
„Haben Sie gewildert, Frau Weber?" Ich schüttel den Kopf. Fast muss ich lachen, die Situation ist einfach zu perfide. „Na, dann haben Sie doch bestimmt nichts dagegen, wenn wir uns mal etwas bei Ihnen umsehen?"
„Haben Sie einen Hausdurchsuchungsbef...?"
Fast grinsend hält er mir das Schriftstück unter die Nase, welches meinen Untergang besiegelt und seufzend gebe ich den Weg frei. Wenn Blicke töten könnten, die Drei da oben wären jetzt mausetot. Ich spüre seinen Blick wieder auf mir ruhen, es ist wie am vergangenen Abend, doch jetzt spüre ich etwas anderes als Neugier mit... Sorge! Mach dir keine Sorgen um mich, Legolas... mach dir langsam Sorgen um dich!
Aus der Küche kommt ein anerkennendes Pfeifen. „Nun, hier wollte wohl jemand sich einen ganz besonders schmackhaften Sonntagsbraten machen, nicht wahr?", lacht der ältere Polizist und schneidet das Reh vom Balken ab. Ich bringe nur ein gequältes Lächeln zustande.
Das Reh ist aber so schwer, dass er es nicht halten kann, es nach unten fällt, mit dem Kopf zuerst in der Schüssel landet, diese natürlich dadurch umkippt und das ganze Blut sich in meiner Küche verteilt, bis sie davon nur so schwimmt. Guter Gott, lass es nun vorüber sein!
„Gottverdammte Sch...", flucht der Polizist, wischt sich seine Stiefel an einem meiner Küchentücher ab, packt das Wild an den Hinterläufen und schleift es bis nach draußen. „Beschlagnahmt!", ruft er mir mit herrischer Stimme zu. Hey, ich wollte es eh nie haben! Der blutige Kopf macht eine breite rote Spur durch das ganze Empfangszimmer bis in den Hof, aber das ist mir jetzt auch egal.
„Sie wissen, was auf Wilderei steht, Frau Weber?"
Geistesabwesend schüttele ich den Kopf und halte ihm meine beiden Handgelenke hin. Solange es einen Kaffee im Gefängnis gibt?
Doch anstatt mir die Handschellen anzulegen bekomme ich nur wieder einen Zettel unter die Nase gehalten, diesmal von dem jüngeren Beamten namens Schmidt. „Die Anzeige und die Rechnung! Zahlbar innerhalb der nächsten 14 Tage. Sollten Sie das Geld nicht haben oder verweigern Sie die Zahlung, geht die Sache vor Gericht und die Angelegenheit regelt ein Anwalt für Sie, sollten Sie sich keinen leisten können, wird Ihnen einer vom Gericht gestellt. Einen schönen Sonntag noch, Frau Weber!"
„Ach, und noch etwas...", kommt nochmal der ältere Polizist herein und wischt sich die blutigen Hände an einem Taschentuch ab. „... es gibt da noch einige Ungereimtheiten. Erstens: Wie haben sie den Bock hierher gebracht und zweitens: Kann ich mal ihren Waffenschein sehen?"
Jetzt werde ich sauer. Ich habe gerade einen Blick in die Anzeige geworfen... 1500 Euro steht auf Wilderei im Naturschutzgebiet. Das ist selbst für mich eine Stange Geld. Meine Einnahmen sind zwar gut, aber ich muss ja auch alles allein tragen.
„Ich habe es ganz allein hierher geschleift. Auch Frauen können stark sein." Abschätzend sieht er mich an. Der glaubt mir kein Wort! „Hier sind keine Schleifspuren... der Bock wurde getragen.", kontert er leise. „Doch den konnten Sie niemals getragen haben, nicht mal ich alleine schaffe das." Ich beiße mir auf die Unterlippe. Den Jeep kann ich auch nicht anbringen, der liegt im Graben. Und die sind garantiert an ihm vorbeigefahren. „Ich... ich habe es nur bis zum Hof geschliffen, dann getragen." Jetzt bringe ich doch tatsächlich ein gewinnbringendes Lächeln zustande. Nun, es wirkt... erstmal.
Dann kommt mir noch ein brillanter Gedanke. „Und einen Waffenschein habe ich nicht. Seit wann braucht man für einen Bogen einen Waffenschein?"
„Sie... sie haben das Reh mit Pfeil und Bogen erlegt?", prustet der Ältere los. „Wollen Sie mich für dumm verkaufen?"
„Nein, will ich nicht. Ich sage die Wahrheit. Kommen Sie mit!"
Rasch werfe ich noch einmal einen Blick nach oben, doch die Drei verhalten sich ruhig. Gut so! Ich gehe mit den zwei Beamten hinaus und weise auf die Einschüsse. Anerkennend pfeift der ältere Polizist durch die Zähne. „Sauberer Schuss, dass muss ich zugeben.", murmelt er leise. Doch der Jüngere ist völlig aus dem Häuschen.
„COOL! Das ist ja wie beim „Herrn der Ringe. Dort schießen Sie auch alle nur mit Pfeil und Bogen herum." Was ist denn jetzt mit dem los? Wovon redet der eigentlich?
„Reiß dich zusammen, Mann. Seit der erste Teil im Kino ist, redest du von nix anderem mehr.", herrscht ihn der Ältere mahnend an. Mir wird langsam kalt. „Meine Herren, darf ich wieder reingehen? Mir ist kalt."
„Jaja, gehen sie nur. Ach, noch etwas..."
Seufzend drehe ich mich wieder herum. „Ja, was denn nun noch?"
„Der Jeep, ist das ihrer, der im Graben steht?" Ja, natürlich, dass musste ja noch kommen. „Ja, wissen Sie, mir war gestern während der Fahrt nicht gut, ich musste mich übergeben und fuhr zu weit an die Böschung heran... es war dann etwas zu weit." Oh Gott, was redest du hier eigentlich für ein Blech?"
Doch komischerweise kaufen die mir das ab und gehen nicht weiter darauf ein. Wahrscheinlich ist ihnen die Vorstellung unangenehm, sich etwas anzusehen, was Halbverdautes abbekommen hat. Endlich kann ich mich verabschieden, die Männer werfen das tote Wild auf die Ladefläche ihres Jeeps und verlassen rumpelnd meinen Hof.
Wenig später stehe ich unten an der Treppe, beobachte stumm, wie sie einzeln und hastig die Treppe herunterkommen.
"Wer waren diese Männer, Josephine?", fragen mich die Drei. Ich werfe Legolas einen flüchtigen Blick zu, doch seinen Gesichtsausdruck kann ich nicht deuten. „Na, das war die Polizei!" antworte ich genervt. Was müssen die das überhaupt noch fragen, ist doch sonnenklar, wer das war!. Als Antwort bekomme ich nur fragende Gesichter. Na, das ist ja nichts Neues!
„Wollten diese Männer Ihnen Leid zufügen?", fragt mich da plötzlich Legolas und stellt sich ganz nah an mich heran, examiniert mein Gesicht, als wäre es voller Wunden. „Ne... nein.", stottere ich. „Die... die sorgen doch nur für Recht und Ordnung! Wissen Sie das denn auch nicht?"
Legolas hat immer noch die Hasen in der Hand. Doch anstatt sie mir zu geben, legt er sie sachte auf den kleinen Tisch im Empfangsraum. „Ich wusste nicht, dass ich gewildert habe. Das habe ich in meinem ganzen Leben noch niemals getan. Ich hätte mich Ihnen stellen sollen."
Da fällt mir ein, dass ich doch gar keinen Grund gehabt habe, die Drei zu verstecken. Ich hätte doch Legolas als den Schuldigen den Beamten vorzeigen können. Dann könnte ich jetzt schon die Küche putzen und ich wäre aus der Misere raus. Warum habe ich das nur nicht getan?
Die Antwort kann ich mir nicht mal selber geben! Aber das kann ja jetzt ausgehandelt werden.
Aragorn und Gimli legen sich schon langsam ihre Waffen an. Dabei wird kein Wort gesprochen und ich falte theatralisch langsam die Anzeige auseinander.
„Ich bekomme noch 1500 Euro von Ihnen." Meine Stimme ist genüsslich schwer, triefend vor Hochmut. „Außerdem noch das Geld für die eine Nacht, ihre Personalien und ihre Versicherungsdaten, wegen dem Jeep. Ich nehme nicht an, dass sie alles allein tragen wollen, Legolas? Vielleicht sollten Sie dies erstmal unter sich aus machen?"
Ich knalle die Anzeige neben die Hasen auf den Tisch und warte mit verschränkten Armen vor der Brust auf ihre Antwort.
Die Drei sehen sich stumm an, dann greift jeder in sein Oberteil hinein und holt etwas heraus, legen es neben die Hasen auf den Tisch. „Das ist alles, was wir haben.", beginnt Legolas. Sein Ton ist kalt, trocken. Irgendwie aber auch enttäuscht und fassungslos.
Ich nehme eine Münze hoch, halte sie in das dämmerige Morgenlicht. „Was ist das hier? Spielgeld?" Die Münze ist schwer, silbern und glänzt. Aber diese Zeichen habe ich noch niemals gesehen. Sehen fast aus wie Runen.
„Beim Barte meiner Mutter! DAS IST MITHRIL!" , platzt Gimli förmlich. Schäumend vor Rage baut er sich vor mir auf. „Das ist feinstes Mithril aus den Minen Morias! Etwas besseres findet Ihr weit und breit nicht!"
„Mehr haben Sie nicht?", erwidere ich leise. Wenn die jetzt die Köpfe schütteln, rufe ich die Polizei!
„Es tut uns leid, Josephine. Wir gaben Euch alles, was wir an Besitz haben.", antwortet Aragorn und schüttelt dabei mit einer traurigen Miene seinen Kopf.
Ein kaltes Lächeln umspielt meine Lippen. „Dann nehmen Sie jetzt bitte für einen Moment im Esszimmer Platz. Ich... werde sofort wieder bei Ihnen sein.", flüstere ich. Ich wollte es eigentlich ganz normal klingen lassen, aber das habe ich dann doch nicht geschafft. Egal jetzt.
Legolas wirft Aragorn einen raschen Blick zu, während ich mich abwende und raschen Schrittes in die Bibliothek zum Telefon laufe. 110, 110, dass ist die Nummer der Polizei. Hoffentlich kommen die auch Sonntags früh..., überlege ich hastig und nehme den Hörer ab.
