Kapitel 2

Chawton Park war nur eine Tagesreise von London entfernt. Die drei Männer genossen die Reise und für Henry war es eine gute Gelegenheit, mehr über die Crawley Familie zu erfahren. Charles war der einzige Sohn und er hatte zwei jüngere Schwestern: Caroline, die ein Jahr zuvor geheiratet und unlängst eine kleine Tochter geboren hatte, und Victoria, die mit ihren Eltern in Chawton Park lebte. Charles sprach sehr liebevoll über die beiden Mädchen, aber man konnte leicht erkennen, dass Victoria der Liebling der Familie war.

Sie kamen nachmittags an und Chawton Park bot ihnen den schönsten Anblick. Es war ein beeindruckendes Gebäude, inmitten eines großen Parks, der sich bis zu einem kleinen Fluss erstreckte. Charles und seine Freunde wurden mit viel Wärme von Mr. und Mrs. Crawley empfangen und nachdem sie ihre Zimmer bezogen hatten, gingen die Gäste in die Bibliothek auf einen Drink mit Charles und seinem Vater. Es war auch der erste Besuch von Malcolm Rhodes und Mr. Crawley stellte den Gästen mit verständlicher Neugier Fragen über sie selbst. Er war ein jüngerer Herr um die fünfzig und sehr stolz auf seine kleine Enkeltochter, aber es ging ihm wie Charles: Victoria lag ihm am meisten am Herzen. Er fand beide Männer sympathisch, insbesondere Henry, der ihm vom Alter und auch von den Manieren her näher stand. Sie wurden zum Dinner gerufen und im Esszimmer von Mrs. Crawley und ihrer Tochter erwartet. Beide Herren sahen das bezaubernde Gesicht von Victoria mit Befriedigung, besonders ihre Augen, die richtig haselnussbraun waren und in denen ein neugieriger Blick lag. Sie knickste und das Essen begann.

Während des Dinners führte Malcolm die Gespräche an. Offensichtlich war er von Victoria bezaubert und versuchte, über sie so viel zu erfahren, wie er konnte. Henry fand sie interessant, aber einige ihrer Bemerkungen erstaunten ihn ziemlich. Auf die Fragen von Mr. Rhodes hin erzählte Victoria, ihre Lieblingsbeschäftigung sei es, bei jedem Wetter im Park spazieren zu gehen, sie liebe Musik, Bücher und all die Tätigkeiten, bei denen sie neue Gegenstände erschaffen könne. Danach fing Mr. Rhodes an, sie über die verschiedenen Arten von Unterhaltung auszufragen, die es in Audenshaw, der nächsten kleinen Stadt gäbe.

„Es gibt dort Gesellschaften und sogar Bälle", antwortete sie.

„Ich nehme an, Sie genießen sie", sagte Mr. Rhodes.

„Meine Schwester ja" antwortete Victoria. „Ich war einmal auf einem Ball und das hat genügt."

Henry sah, dass Mr. und Mrs. Crawley einen Blick über den Tisch hinweg austauschten. Malcolm war auch überrascht, aber es gelang ihm fortzufahren.

„Es hat genügt? Warum hat es Ihnen nicht gefallen?"

„Es hat mir gefallen", sagte Victoria. „Ich mochte das Tanzen und die Gesellschaft von Freunden und der Familie, aber es ergibt keinen Sinn, dass man Leute zum ersten Mal trifft und so tut, als ob einem durch ihre Aufmerksamkeit Ehre erwiesen wird."

Henry bemerkte wieder den Blickwechsel zwischen den Eltern und fragte nun: „Was meinen Sie mit ‚so tun als ob'?"

Victoria wandte ihre dunklen Augen Henry zu und lächelte. „Nichts Besonderes, aber für mich ist es absurd, nichts über einen Mann zu wissen und doch mit ihm tanzen zu müssen. Zuerst möchte ich über ihn Bescheid wissen, was er denkt, was er tut und was er will."

„Victoria, dafür wäre später noch Zeit genug", sagte ihre Mutter.

„Wie bei Caroline?" entgegnete Victoria und Henry spürte, wie sich die Atmosphäre im Esszimmer abkühlte. Einige Minuten später gab Mrs. Crawley das Zeichen, dass das Dinner beendet war, und die Männer gingen in die Bibliothek auf ein Glas Weinbrand.

Während Charles Malcolm einige Gravuren im Haus zeigte, saß Henry mit Mr. Crawley am Kamin. Nach einem kurzen Schweigen sagte dieser.

„Ich bin ein wenig besorgt über Victoria, Mr. Woodhouse. Sie ist so ein liebenswürdiges Geschöpf, aber sie hat über alles ihre eigene Meinung, vor allem über die wichtigsten Angelegenheiten. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie ihr Glück finden kann."

„Sie ist wirklich bemerkenswert", hörte Henry sich selbst sagen. „Sie scheint sehr entschieden hinsichtlich ihrer Erwartungen zu sein."

„Ein Mann kann das tun, aber ein Mädchen in ihrem Alter?" Mr. Crawley wirkte hilflos. „Sie wird nicht ewig 21 sein."

„Es lohnt sich immer, auf die perfekte Lösung zu warten", sagte Henry Woodhouse und fügte in seinen Gedanken hinzu: wie ich.

Sein Zimmer lag an der Rückseite des Hauses. Das Dienstmädchen hatte das Fenster offen gelassen, die lauwarme Abendluft war sehr angenehm und ließ ihn ungewöhnlicherweise nicht daran denken, er könne sich erkälten. Vielmehr saß er dort und lauschte den Stimmen der Nacht. Es war nach elf, und er zuckte beinahe zusammen, als er Klappern und Knacken aus dem Raum über dem seinem hörte. Es dauerte etwa zehn Minuten und danach war die Stille nur kurz. Henry hörte den Klang einer Flöte. Sie spielte drei- oder viermal ein kurzes Stück, dann wurde es still.

Henry lächelte: Es kann niemand anderes als Victoria sein. Er entschied sich dafür, bei offenem Fenster zu schlafen und das Lächeln war auch dann noch auf seinem Gesicht, als er die Kerze ausblies.