Kapitel 2
I feel so astray inside, as I know you're far away
In der Zitadelle der Zeit wurde es langsam hell. Epona hatte draußen auf dem Vorplatz einen Flecken Gras gefunden, an dem sie sich gütlich tat. Link war irgendwann von Müdigkeit übermannt worden. Zu schwach, um zu widerstehen, war er eingeschlafen, den Kopf auf seinem Arm neben den Leichnam der Prinzessin gebettet.
Irgendwann war ein Traum gekommen, in dem alles gut war. In dem sie nicht tot war, und sie lag neben ihm in der Blätterlaube im königlichen Garten, wo eine Bank stand, gepolstert mit Kissen. Es war Zeldas liebster Ort in den Gärten, und schon als Kind hatte sie jedem verboten, ohne Erlaubnis dorthin zu gehen. Link allerdings hatte sie es erlaubt.
Und so lagen sie dort beieinander, ihr goldenes Haar floss über die weißen Kissen und ihre Augen waren voller Glück und Freude. Er spielte mit einer ihrer Locken, küsste ihr Haar sanft und hatte allen Kummer vergessen. Sie war hier, sie lebte; in diesem Moment war alles perfekt.
Aber als sie den Mund öffnete, um etwas zu sagen, und ihre Augen ein Schleier vom Kummer bedeckte, legte er ihr sanft die Finger auf den Mund. „Sprich nicht", sagte er. „Lass mir diesem Moment. Ich will nicht erinnert werden."
Sie lächelte scheu, ohne ein Wort zu sagen, und konnte ihm nicht widerstehen. Mit einem Kuss auf ihre weiße Stirn legte er sich zu ihr, und sie barg ihn im Schoß.
In der Stille danach konnte Zelda ihren Kummer dennoch nicht mehr verbergen, und sie richtete sich auf. Ihre Haare fielen von seinem Körper, sodass er sie ansah und eine Haarlocke durch seine Finger gleiten ließ; wie Wasser.
Sie lächelte wehmütig ob seiner Zuneigung, wusste sie doch, dass sie ihn verletzen würde.
„Ich muss gehen, Link", sagte sie. „Möglicherweise für immer."
Link setzte sich nun doch auf. „Was meinst du? Warum solltest du jetzt... gehen wollen? Wohin?"
„Ich muss." Zelda ertrug nicht, seinem besorgten, traurigen Blick zu begegnen. „Ich weiß nicht, wohin." Ihre feinen Finger hatte sie in das weiße Tuch der Kissen gekrallt, und ohne, dass sie es selbst bemerkte, tropfte ihr eine Träne auf die Knöchel. Link berührte sie an der Schulter, aber sie zuckte weg und wollte keinen Trost und er zog die Hand zurück.
„Kann ich etwas tun?", fragte er leise. „Ich würde; alles. Das weißt du."
Sie nickte nur, brachte keinen Ton heraus. Die Trauer schnürte ihre Kehle zu, das atmen fiel ihr schwer. Auf einmal kam alle Traurigkeit, die die Verzweiflung bisher unterdrückt hatte. „Ich weiß nicht–", brachte sie schließlich hervor, „Ich weiß nicht, was passieren wird. Ich habe solche Angst."
„Prinzessin." Link nahm ihre Hand, die noch immer um das Laken gekrallt war, die Knöchel weiß wie Schnee. „Solange ich da bin, werde ich auf dich achten. Einen anderen Sinn gibt es für mich nicht."
Zelda sah ihn an, und er versuchte sich an einem Lächeln, um ihr Mut zu machen. „Wirst du mich suchen?", flüsterte sie. „Auch, wenn ich verloren bin in den düstersten Abgründen dieser Welt – der Welt der Mahre?"
Link spürte sein Herz eine Moment aussetzen. Aber er verlor nicht den Mut. „Ich verspreche es", sagte Link und hauchte einen Kuss auf ihre Handknöchel. „Wo auch immer du bist, ich werde dich finden. Ich werde Wüsten und Ozeane durchqueren, den Himmel und die untersten Schichte der Erde, Wirklichkeit und Traum, um wieder bei dir zu sein."
Zelda lächelte.
Damit wachte er auf und fand sich in der Zitadelle wieder. Die Kerzen waren heruntergebrannt, durch die Glasfenster schimmerte die Sonne und warf bunte, schwache Lichtflecken in die Zitadelle.
Aber er hatte verstanden, was er tun musste.
Er rieb sich die Augen und sah dann auf den Leichnam vor ihm hinab. Er berührte die kalte Haut; Zeldas Körper war noch steif, die Totenstarre löste sich noch nicht. Es kam Link ewig vor, dass er sie niedergesunken auf der Ebene gesehen hatte, aber länger als einen Tag war es noch nicht her.
Er betrachtete sie einen Moment lang. Sie sah kühl und edel und weise aus, wie immer. Der Tod wusste ihre Schönheit nicht zu mildern. Dennoch erinnerte nichts an ihre Lebendigkeit seines Traumes.
Link musste schlucken. „Entschuldigt, Hoheit", sagte er leise, als er vorsichtig die Hand ausstreckte, um den linken Ohrring zu lösen, den Zelda trug. Er drückte einen kleinen Kuss darauf und verstaute ihn dann sicher in einer seiner Gürteltaschen.
Mit einem Seufzen zwang er sich zum Aufbruch, wandte sich um, reckte die steifen Glieder und pfiff Epona zu sich, die aus dem Schatten treu zu ihm trottete. Er fasste sie am Halfter und führte sie in den Vorraum, wo seine Ausrüstung noch unangetastet lag. Er legte sie an, stieß dann die schweren Eichenportale der Zitadelle mit der Schulter auf und blinzelte draußen im strahlenden Sonnenschein.
Und da erinnerte er sich erst daran, dass er trotz allem siegreich gewesen war – dass die Welt jetzt besser sein würde als zuvor, trotz Zeldas Tod. Die Bewohner Hyrules konnten wieder reine Luft atmen und ihre Häuser ohne Angst verlassen. Das Licht erschien ihm heller, die Farben strahlender und obwohl es schon Herbst war, schien sich die ganze Welt zusammenzunehmen um einen letzten Sommertag hervorzubringen, um zu feiern, dass die Jahre der Tyrannei vorbei waren.
Für einen kurzen Moment verspürte Link so etwas wie Erleichterung, und auch Stolz. Es war ein langer, steiniger Weg bis hierher gewesen.
Aber er wünschte, er könnte mit Zelda an seiner Seite von nun an den Weg beschreiten, der nun kommen würde.
Er zwang sich, die dunklen Gedanken abzuwerfen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und das war seine neue Aufgabe. Er musste herausbekommen, wie er es Zelda ermöglichen konnte, aus dem Reich der Mahre zu entkommen. War das überhaupt möglich? War das nicht der Sinn in einem Ort der Verdammnis, dass man nie wieder daraus entkam?
Aber Zelda hätte ihn nicht im Traum aufgesucht, gäbe es nicht eine Chance. Womöglich hatten die Göttinnen doch seine Gebete erhört. Es musste einen Weg geben.
Er saß auf Epona auf, drückte ihr die Fersen in die Flanken und trieb sie zur Eile an, um in die Stadt zu kommen.
Beim Reiten merkte er, und er hätte es niemals zugegeben, soetwas wie Erleichterung. Die Trauer um den Tod der Prinzessin blieb, aber der kühle Wind belebte seinen Geist und irgendwo in seinem tiefsten Inneren hatte er Angst vor Stagnation gehabt, sobald seine Aufgabe erfüllt gewesen wäre. Was passierte schon mit einem Helden, der seine Aufgabe erledigt hatte?
Aber nun hatte er ein weiteres Ziel, und der Gedanke daran hob seine Laune und machte ihn optimistisch. Er hatte schon genug überlebt, um zu wissen, dass er auch diese Aufgabe schaffen konnte.
Am Tor zur Stadt standen zwei Wachen, in eine heftige Diskussion vertieft, die aber zusammenfuhren und dann stramm standen, als sie Link auf Epona herantraben sahen.
„Herr!", kam es mit zackigem Salut.
Link zog an Eponas Zügel und bremste sie etwas ab. „Sorgt dafür, dass die Zitadelle abgeriegelt wird und niemand sie ohne meine Erlaubnis betritt! Das gilt auch für euch."
Dieses mal war der Salut etwas unsicherer. „Herr, verzeiht, wenn ich spreche", sagte eine der beiden Wachen und klappte den Gesichtsschutz des Helmes auf. „Herr, sind die Gerüchte wahr?"
Link zuckte leicht zusammen. Hatte sich das Fehlen der Prinzessin etwa so schnell schon herumgesprochen? Es würde ein Chaos geben – die Herrscherin tot und ohne Nachkommen. Hatte sie ein Testament hinterlegt? Link dämmerte, dass er, bevor er sich auf den Weg seines neuen Abenteuers machte, ein paar Sachen klären musste.
„Welche Gerüchte?", fragte er schließlich taub.
„Dass Ihr den Großmeister bezwungen habt, Herr! Dass dieser Albtraum endlich vorbei ist, Herr! Die Monster aus der Stadt sind verschwunden und der Todesberg scheint sich erholt zu haben, da dachten wir..."
Link sah zu den beiden Männern hinab, die ihre Speere umklammert hielten, als müssten sie sich daran festhalten. Dann wandte er den Blick gen Osten zum Todesberg, und die dunklen Wolken waren tatsächlich verschwunden.
„Es ist wahr", sagte er schließlich leise. „Der Albtraum ist vorbei." Und weil die Wachen sofort anfingen zu jubeln, sahen sie einen Blick zurück zur Zitadelle nicht.
Link erinnerte die Männer an seine Befehle, ehe er Epona wieder zur Eile antrieb und sie in Richtung des Schlosses leitete.
Schloss Hyrule erhob sich majestätisch, weiß und golden über die Stadt und das gesamte Land. Die höchsten Türme sah man selbst in den Wüsten des Westens und den Wäldern des Ostens noch. Es war ein prächtiges Schloss, schon einige Jahrhunderte alt und doch extrem gut erhalten. Es ging das Gerücht um, dass die Göttinnen selbst es erbaut hatten als Wohnsitz für sich selbst. Was natürlich Unsinn war – Link kannte die Schöpfungsgeschichte des Landes gut und er wusste, dass die Göttinnen nur aus dem Heiligen Reich herabgestiegen waren, um Hyrule in all seiner Pracht zu erschaffen und dann wieder zu verschwinden, nichts hinterlassend als das Triforce, der einzige Weg, ins Heilige Reich zu gelangen.
Die Wachen stoben auseinander, als Link mit Epona durch ihre Mitte preschte und erst vor dem großen Hauptportal absprang, eine Wache anwies, sie solle das Pferd für seine Abreise bereit halten und dann ins Schloss stürmte, ohne sich die Tore öffnen zu lassen. Egal, wer ihn ansprach, er ignorierte es, bis er in einem der Osttürme vor einem Gemach ankam. Er rief sich zu Ruhe und Ordnung, erinnerte sich daran, wem er gegenüber stehen würde, strich sich über Stirn und Haare und klopfte dann.
Eine Weile geschah nichts, dann wurde er hereingerufen, öffnete die Türe und betrat das Zimmer.
Das Zimmer war weniger prunkvoll als man es von Gemächern im Schloss erwarten sollte. Waffen hingen an den blanken Steinwänden. An einem Schreibtisch am Fenster saß eine Frau, das lange, weiße Haar in einem komplizierten, mehrsträngigen Zopf geflochten. Sie trug leichte Rüstung und mehrere Waffen – Link zählte sichtbar drei und wusste, sie hatte viele an sich, die er nicht mit bloßem Auge sah.
Er verbeugte sich kurz, aber tief. Er hatte großen Respekt vor Impa, Zeldas Leibgarde und Amme.
Sie lächelte ihn freundlich an, was ein paar Fältchen um ihre Lippen sichtbar machte; das einzige Anzeichen ihres Alters. „Ich grüße dich, junger Held. Es geht das Gerücht um, dass deine Reise eine erfolgreiche war."
Link richtete sich auf und sah Impa ernst an. „Wie man es nimmt", sagte er und machte eine kurze Pause, in der er den Blick abwandte um den Mut finden, zu sagen, was er sagen musste. „Die Prinzessin ist tot."
Impa sah ihn an und sagte nichts. Schließlich legte sie das Schreibzeug, das sie gehalten hatte, beiseite, stand auf und ging an das Fenster, lehnte sich auf die Fensterbank und sah hinab auf das fruchtbare, wundervolle Land, das vor ihr lag.
„Das sind schlimme Nachrichten", sagte sie schließlich. Link konnte nur nicken. „Wir müssen das öffentlich machen", fügte sie nach einer weiteren Pause hinzu. „Wo ist der Leichnam der Prinzessin?"
„In der Zitadelle aufgebahrt", sagte Link. „Aber bitte halte ihren Tod vorerst geheim."
Impa zog die dünnen, weißen Augenbrauen hoch und wies Link mit einer Handbewegung an, weiterzusprechen. Er fing an, nervös hin und her zu gehen. „Sie ist mir im Traum erschienen. Sie hat mich gebeten, sie zu suchen und ich habe ihr mein Wort geben. Ich muss nur—"
Impa hob die Hand und stoppte den Redefluss, der aus Link herauszubrechen drohte. „Wer gestorben ist und wer nicht von einer Fee gerettet wird, kann nicht zurückkommen", sagte sie streng.
Link sah sie verzweifelt an. „Das weiß ich", sagte er. „Aber sie hat selbst gesagt..."
„Du hast geträumt, Link", seufzte Impa. „Ich kann verstehen, dass du ihren Tod nicht akzeptieren willst, aber ich befürchte, etwas anderes bleibt dir nicht übrig."
Link sah sie an und spürte Wut in sich aufkommen. Dass ausgerechnet Impa, die er immer für ihren Mut und ihre kämpferischen Fähigkeiten bewundert hatte, einfach so aufgeben wollte, störte ihn enorm.
„Es war ein Traum, ja, aber sie war da, mit ihren eigenen Gedanken. Ich habe mir... ich habe ihre Reaktion nicht geträumt, ich habe mir das nicht ausgedacht, sie war da..." Er sah auf seine Hände, mit denen er die ihren gehalten hatte, er erinnerte sich an den Duft ihrer Haut und ihres Haars, es war so real gewesen... „Ich würde mir nicht ausdenken, dass jemand wie sie das Reich der Mahre erdulden muss!", sagte er schließlich und sah Impa wieder an. „Jemand wie sie käme ins Heilige Reich, nirgendwo sonst, Impa, es war wirklich, ich schwöre es bei ihrem Namen."
Sie starrten sich eine Weile an und Impa merkte, dass es Link ernst war. Sie seufzte schließlich. „Das Reich der Mahre also", sagte sie und legte die Stirn in tiefe Furchen. Sie sah kurz in die Luft und überlegte, ehe sie zu einem kleinen Bücherregal ging und ein bestimmtes Buch heraussuchte. Auf den ledernen Buchdeckel war ein Symbol geprägt, das Link wohlbekannt war: Das weinende Auge mit den drei Dreiecken darüber. Die Sprache, in die der Titel geschrieben war, kannte er nicht.
Impa schien zu wissen, was sie suchte, denn sie blätterte sehr energisch in dem alten, vergilbten Buch herum, das allem Anschein nach noch handgeschrieben und nicht gedruckt war, wie es eigentlich üblich war.
„Hier", sagte sie schließlich und hielt an einer Stelle inne. „Das Reich der Mahre oder auch das Verdammte Land", zitierte sie die alte Schrift, „ist ein spiritueller Ort, der von lebendigen Lebewesen nicht aufgesucht werden kann." Mit dem Finger auf den Zeilen suchte sie eine weitere wichtige Stelle. „Die dort gefangene Seele erleidet die für sie schlimmsten Erlebnisse, geschehene wie fiktive, immer und immer wieder, das Gedächtnis wird hierbei aber nach jedem Szenario gelöscht, sodass es der Seele unmöglich ist, zu verstehen, wo sie gefangen ist..." Impa verstummte, las schweigend und runzelte dabei immer mehr die Stirn. Link beobachtete sie besorgt und fragte sich, ob er wissen wollte, was sie gerade erfuhr.
Schließlich klappte sie das Buch zu. „Du hast dir eine schwere Aufgabe ausgesucht, junger Held", sagte sie ernst. „Aber ich werde dir mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, helfen."
Link lächelte leicht. „Ich danke dir, Impa."
Sie winkte ab. „Ich rate dir, zu König Zora zu gehen und ihn um Rat zu bitten. Ihm solltest du auch anvertrauen, dass die Prinzessin tot ist. Er ist alt, älter als viele andere Lebewesen in Hyrule, er wird möglicherweise mehr wissen als ich."
Link nickte. Er hatte König Zora auf seinen Reisen getroffen und ihn als einen stolzen und sehr weisen Mann kennengelernt. Er würde ihm sicher wieder helfen. „Es ist auf jeden Fall ein erster Schritt", sagte er.
„Ich werde mich um die anfallenden Formalitäten kümmern und sehen, ob ich in der Königlichen Bibliothek mehr Quellen finde, die dir helfen könnten." Impa legte das Buch auf das Regal und kam zu Link hinüber. Sie überragte ihn, der er kein schmächtiger Mann war, um fast zwei Stirnen, als sie ihm die Hand auf die Schulter legte und anlächelte. Sie musste nichts sagen, Link wusste auch so, dass er immer auf sie zählen konnte. Ihre Berührung tat gut und erleichterte ihn.
Er erwiderte das Lächeln, verbeugte sich noch einmal vor ihr und machte sich auf den Weg zum Reich der Zora.
Immer dem Fluss nach, zuerst gen Osten, bis das Gebirge anfing, der Fluss sich im Stein verlor und für niemanden außer das Volk der Zora Zugang gewährte. Bis vor einer Weile hätte Link es niemals geschafft, selber die Quelle des Zoraflusses zu erreichen, und auch zum König hätte er bestenfalls einen Boten schicken können – die Zora waren ein stolzes Volk und obgleich sie sich als Diener der königlichen Familie sahen, hatten sie kein Interesse daran, mit jedem dahergelaufenen Hylianer zu reden, der einmal ihre kühle, glatte Schuppenhaut bewundern oder gar anfassen wollte. Durch ihre Apartheid und Distanz zu den anderen Völkern Hyrules hatten sie es vortrefflich geschafft, einen ganz eigenen Mythos um sich zu erschaffen. Dies betreffend waren sie sehr anders als die Goronen, die nicht unweit von ihnen in den Bergen über dem Zorafluss lebten und sehr gastfreundlich waren und auch mit den Menschen Handel betrieben.
Hätten die Zora nicht, als die Tyrannei auf ihnen wie ganz Hyrule wie ein Schatten lag, existenzbedrohende Probleme mit Wasserverunreinigung gehabt, die Link für sie hatte lösen können, wäre er sicher nicht willkommen gewesen.
So aber hatte er keine Ablehnung zu befürchten. Er folgte einem wenig bekannten, dünnen Gebirgspfad hinauf in die Berge. Es würde tiefste Nacht sein, bis er an der Höhle ankäme, die ihn zu einem unterirdischen See bringen würde, durch den er Zoras Reich erreichen konnte. Sein Lampenöl sparte er sich auf, das Mondlicht reichte vorerst und er ging nicht davon aus, mehr als ein paar Arachnos zu begegnen, die man getrost ignorieren konnte, griffen sie doch nur an, wenn man ihnen zu nahe kam.
Epona lief in schnellem Schritt. Sie kannte den Weg, und Link war zu sehr in Gedanken versunken, um selber darauf zu achten. In solchen Momenten kam ihm sein treues Hylianisches Schlachtross sehr zugute, und Epona war ein besonders intelligentes Tier.
Link schreckte aus seinen Gedanken heraus, als er ein steinernes Poltern hörte, zog an Eponas Halfter und hieß sie, stehen zu bleiben. Er lauschte, und das Geräusch ertönte erneut. Trocken und gewaltig klang es, wie wenn man große Steinplatten übereinanderschleifte. Ohne selbst einen Laut zu machen, ergriff Link seinen Bogen und legte einen Pfeil an die Sehne. Das Geräusch ertönte erneut, kam aber nicht näher, und Link entschied, dass wohl kaum jemand es auf ihn abgesehen hatte. Er behielt den Bogen trotzdem in den Händen. „Heda!", rief er.
„Was da?", kam es polternd aus der Dunkelheit zurück.
Link seufzte lautlos und entspannte sich wieder. Er kannte die Stimme. „Khor-Dar?", fragte er ins Nichts hinein. „Hier ist Link. Was tust du hier?"
„Ooh. Link?" Ein tiefes Poltern und Knirschen, wie wenn ein schwerer Stein über sandigen Boden rollt, ertönte und wenig später konnte Link in der Dunkelheit den Schatten eines massiven Goronen erkennen. Für das ungeübte Auge glich ein Gorone dem anderen, aber Link hatte genug Zeit mit ihnen verbracht, um die feinen Unterschiede zu erkennen.
„Was tust du hier?", fragte Khor-Dar, der jetzt direkt neben Link und Epona stand und trotzdem mit Link auf Augenhöhe war – selbst für einen Goronen war er auffallend groß und kräftig. Kein Wunder, dass er zu den Kämpfern des Stammes gehörte.
„Auf dem Weg zu König Zora", winkte Link ab und hoffte, der Gorone würde nicht nachhaken. „Und du?"
„Oh, seit gestern sind die Eruptionen im Todesberg abgebrochen, der Älteste hat einige von uns losgeschickt, um die Lage zu prüfen, und da bin ich auf diesen Fluss erkalteter Lava gestoßen und habe, ja, eine Pause gemacht." Der Gorone guckte so unschuldig, wie er konnte, aber Link hatte ihn durchschaut.
„Also hast du eine kleine Nachtmahlzeit eingelegt, hm?" Link versuchte sich an einem Lächeln, merkte am Zucken seiner Mundwinkel, dass er eine Grimasse zog und ließ es blieben.
„Wir haben seit Monaten nur noch im Berg gehaust, wo es wirklich nicht viel kulinarische Abwechslung gibt, und so ein Lavabrocken mit warmem, weichen Inneren ist wirklich eine Köstlichkeit!", verteidigte sich Khor-Dar und brachte Link doch zum Grinsen – was ihn selbst verwunderte, aber auch erleichterte. Sein Herz war so schwer.
„Soll ich dir ein wenig Gesellschaft leisten auf dem Weg bis zur Höhle?", fragte Khor-Dar. „Ich hab zwar kein Gesindel gesehen in letzter Zeit, aber zu zweit ist man weniger angreifbar als alleine, und dann auch noch du mit deinen zerbrechlichen Knochen und weichem Fleisch."
„Ich klinge köstlich, wenn du es so beschreibst." Link verzog den Mund, zuckte aber mit den Schultern und drückte seine Fersen in Eponas Seiten. Sie ging langsam wieder los. „Ich rechne nicht wirklich mit Überfällen. Ich kann mir vorstellen, dass alle Moblinbanden das Weite gesucht haben."
„So?" Khor-Dar beäugte Link von der Seite, als sie zusammen dem Pfad folgten. „Hast du damit etwas zu tun, vielleicht?"
Link sagte eine Weile nichts. Er war niemand, der sich selbst mit Lorbeeren schmückte, und für den Tod der Prinzessin fühlte er sich auch verantwortlich. „Hyrule wird jetzt wieder bessere Zeiten erleben, egal, was passiert", entschloss er sich zu antworten. „Belassen wir es dabei."
„Ho-humm." Khor-Dar wiegte den Kopf und schwieg. So gingen sie eine Weile. Dass Link nicht gesprächig war, war jedem im Land klar, aber dem freundlichen Goronen wurde es bald etwas unwohl, also fragte er fröhlich: „Zu den Zora also. Was liegt denn an? Hat sich ihr Problem mit dem dreckigen Wasser gelöst?"
Link dachte schnell nach. „Ich gehe hin, um das zu untersuchen", sagte er und war stolz, dass das nicht mal eine eindeutige Lüge war. Er wusste wirklich nicht, ob es sich seit seinem letzten Besuch marginal geändert hatte.
Khor-Dar brummte vor sich hin. Das Gespräch schlief wieder ein. Link fühlte sich peinlich berührt und mied den Blick des Goronen, der etwas hinter ihm und Epona lief und trotz seiner kleinen Beine erstaunlich gut mithielt.
„Habt ihr denn wieder genug zu essen?", bemühte Link sich zu fragen. Khor-Dar nickte freudig, erzählte begeistert von all den steinernen Köstlichkeiten, an die die Goronen nun wieder herankommen konnten und Link war dankbar, dass er einfach munter vor sich hinplapperte. Manchmal merkte er, dass er den größten Teil seines Lebens alleine oder mit Ziegen auf der Weide verbracht hatte. So ging das eine Weile, bis der Mond hinter dünnen Wolkenfetzen verschwand und Link doch seine kleine Ölfunzel entzündete. Der Gorone sah ihm zu und seine dunklen, vollkommen schwarzen Augen funkelten im Licht wie endlos tiefe Edelsteine.
„Von hier an schaffe ich es alleine", sagte Link, als sich der Pfad verlor und auch für Epona unbegehbar wurde. Er saß ab, klemmte die Lampe an seinen Gürtel und streichelte Epona durch die silbrige Mähne. „Aber danke für deine Gesellschaft. Richte dem Ältesten meine Grüße aus."
„Werde ich tun", sagte Khor-Dar und beobachtete Link, wie der sich auf den letzten Teil bis zum unterirdischen See machte, querfeldein durch das Gebirge. „Irgendwas stimmt nicht", murmelte er zu sich selbst, als das leuchten von Links Lampe in der Dunkelheit verschwand.
Nach was ihm wie Stunden vorkam, erreichte Link endlich den schmalen Felsspalt. Er glaubte nicht wirklich daran, dass jemand anderes außer ihm diesen Weg zum Reich der Zora kannte. Sie selbst kamen, wenn sie ein Anliegen bei der königlichen Familie hatten, flussabwärts. Link hatte zwar Möglichkeiten, sich den Elementen ein wenig zu widersetzen, aber flussaufwärts zu schwimmen gehörte bisher nicht dazu. Deswegen musste es so gehen.
Weil er nicht damit rechnete, dass sie jemand entdecken würde, legte er einen Großteil seiner Ausrüstung in der kleinen Höhle ab – Bomben und Lampe mussten auf jeden Fall hierbleiben, das Wasser würde sie unbrauchbar machen. Schwert und Schild, Pfeil und Bogen, Greifhaken, das Kleinzeug in seinen Taschen, das nahm er mit. Er holte ein kleines, bläulichgraues Tusch hervor, faltete es zu einem Dreieck und band es sich um Mund und Nase. Die Magie dahinter verstand er nicht, aber es funktionierte: Er konnte unter Wasser atmen wie ein Fisch. Oder Zora.
Er sicherte seine Ausrüstung ein letztes Mal, atmete aus Gewöhnung tief ein und sprang in das Wasser des kleinen Sees.
Es stach. Eiskalt. Sein Herz krampfte sich zusammen. Er atmete erschrocken ein und bekam gleichzeitig Panik, weil er unter Wasser war – aber die Magie des Zoratuches ließ ihn auch diesmal nicht im Stich. Alles, was seinen Mund und seine Nase erreichte, war frische Luft. Kalt und ein wenig feucht, aber definitiv Luft, die er atmen konnte.
Er riss sich zusammen und tauchte tiefer. Alles um ihn war pechschwarz, und nur wegen des Drucks auf seinen Ohren wusste er, wo unten war. Je tiefer er kam, desto stärker wurde die Strömung und irgendwann ließ er sich einfach mitreißen. Es war eine turbulente Art des Transports und er musste aufpassen, nicht gegen unterirdische Felsen zu schlagen, aber er hatte diesen Weg schon oft unbeschadet hinter sich gebracht. Als die Strömung schwacher wurde und seine Umgebung ein wenig heller, wusste er, dass er angekommen war.
Er fing wieder an zu schwimmen, vorerst unbestimmt einfach nach oben. Das Wasser schien ihm wärmer zu werden. Irgendwann konnte er klar über sich die Wasseroberfläche ausmachen, nur ein paar kräftige Züge und dann brach er daraus hervor.
Das Reich der Zora war eigentlich kaum mehr als eine Höhle im Gebirge, aber die Wände waren nicht einfach nur aus nacktem Gestein – die Zora waren eine alte Rasse mit langer Kultur; und diese pflegten sie. Die Wände waren mit leuchtendem Perlmutt geschmückt, Wasserpflanzen wuchsen an den Ufern und den Wänden, Seerosen auf dem Wasser, Fische schwammen umher, die die Zora teils zum Schmuck, teils zum Verzehr züchteten; große, schillernde, schwere Tiere mit Flossen wie Schleiern. Das Licht von Fackeln, das das nur durch manche Löcher in der Decke einfallende Tageslicht weitestgehend ersetzten, spiegelte sich im Perlmutt und der schimmernden Haut der Zora. Das Tropfen von Wasser war allgegenwärtig und spielte die Melodie des Meeres. Ein andauerndes, beruhigendes, betäubendes Rauschen. Die Weite der Welt strömte mit diesen Geräuschen mit, und Link fühlte Fernweh in sich aufkommen.
Dieser Ort war einer der schönsten unter der Sonne, fand Link. Ein wenig bedauerte er, dass diese Schönheit nicht jeder erleben konnte. Und es machte ihn ein wenig stolz, dass es ihm erlaubt war.
Sein Auftauchen hatte die Aufmerksamkeit einiger Zorawachen geweckt. Sie waren nicht alarmiert; durch den Wassergang, den Link benutzte, waren noch nie Gefahren zu ihnen gekommen. „Der Held ist da", sagte eine der Wachen. „Schickt Nachricht zum König!" Und ein anderer Zora tauchte unter und war verschwunden.
„Junger Held!", wandte sich die Wache mit einladender Geste an Link. „Es erfreut uns zutiefst, dass Ihr uns beehrt. Was bringt Euch zu uns?"
„Ich muss mit dem König reden", sagte Link etwas atemlos und paddelte, behindert von seiner Ausrüstung, zum Ufer. Die helfende Hand des Zora ignorierte er und kletterte etwas schwerfällig aus dem Wasser. Nach der Leichtigkeit unter Wasser war es anstrengend, das Gewicht auf seinen Schultern wieder zu spüren.
Die Wache nahm ihren Helm ab und hielt ihn in den Händen. Aus den schwarzen, für Zora typischen Augen starrte sie Link an. Link fühlte sich etwas unwohl. Zora waren vom Körperbau her humanoider als Goronen, trotzdem war es ihm bis auf wenige Ausnahmen – den König und seine Frau – unmöglich, zu erkennen, mit welchem Geschlecht er es zu tun hatte. Die Stimmen der Zora gaben darüber auch keine Auskunft. Es verunsicherte ihn immer etwas, denn schön waren diese Wesen alle. Ihre Haut aus zarten Pastelltönen, Schmuck aus Koralle und Muschel, den sie sich durch die Flossen stachen, das Glitzern ihrer nassen Haut.
„Seine Hoheit hat unangemeldeten Besuch", sagte die Wache. „Es könnte sein, dass Ihr warten müsst, junger Held."
„Es ist sehr dringend", sagte Link. „Ich komme in königlichem Auftrag." Das war nicht mal gelogen, fand er. Es ging um das Leben der Prinzessin. Nichts konnte wichtiger sein.
„Wenn das so ist...", sagte die Wache langsam. „Nun, Wort ist gesendet. Ich werde Euch zum Thronsaal begleiten." Sie setzte ihren Helm wieder auf, nahm ihren Speer und ging voran. Link folgte und spürte dabei viele neugierige Augenpaare auf sich ruhen.
Der Thronsaal lag oberhalb des Wasserfalls und war teilweise unter freiem Himmel. Aus Seegras und Korallen hatten die Zora eine Überdachung gebaut, die zwar jeden Regentropfen durchließ, aber auch Tageslicht. Insgesamt war es ein passender Thronsaal für den einzigen König neben der Prinzessin Hyrules.
Ein Vorhang aus leichtem Stoff ersetzte eine Tür. Die Wache hielt davor an. „Wartet kurz." Damit verschwand sie im Thronsaal. Link trat etwas unruhig von einem Fuß auf den anderen. Er war sich bewusst, dass es nichts ändern würde, ob er ein paar Minuten mehr warten musste oder nicht, aber unnütz herumzustehen widerstrebte ihm.
„Und ihr lasst ihn warten?", ertönte plötzlich die mächtige Stimme des Königs. „Holt ihn herein, zügig!"
Link wartete nicht darauf, von der Wache abgeholt zu werden, er schlug den Vorhang zurück und trat in den Thronsaal.
Und verschluckte sich fast an seiner eigenen Spucke.
Eigentlich war alles wie immer: Der König saß auf seinem Thron, etwas tiefer und versetzt neben ihm seine Gattin. Aber am Rande des Wasserbassins vor ihm saß jemand... Und wenn Link sich weiterhin auf seine Sinne verlassen konnte, hatte dieser jemand... einen Fischschwanz.
Eine Nixe.
Link blinzelte. Aber die Nixe blieb. Sie sah nicht besonders zufrieden aus und wandte den Blick ab.
„Ich sehe, du bist genauso überrascht wie ich", sagte König Zora und stützte amüsiert das Kinn in die Hand. „Wenn ich euch vorstellen darf: Link, das ist Aarja. Eine Nixe, wie du wohl selbst sehen kannst. Aarja, triff den jungen Held von Hyrule, der uns alle gerettet hat."
Die Nixe sagte nichts. Ihre Haut war weiß und schillernd, wie eine Perle, aber auch fahl, als bekäme sie nicht viel Sonnenlicht ab. Ihr langer, grüner Fischschwanz löste sich auf Bauchhöhe auf, einzelne Schuppen liefen ihre Seiten hinauf, bis zu den kleinen, spitzen Brüsten. Ihre Haare waren lang und schwarz, ebenso ihre abgrundtiefen Augen. Der Teil an ihr, der menschlich war, sah den Zora gar nicht unähnlich. Dieselben spitzen Züge, stromlinienförmig, wunderschön. Ihr Mund war etwas schmaler, zwischen ihren Fingern glänzte Schwimmhaut.
Und dennoch war da etwas Fremdes an ihr, etwas Kaltes, dem Link intuitiv misstraute.
Link schüttelte leicht den Kopf, um sich an seine Aufgabe zu erinnern. Und dann fiel ihm auf: „Ihr wisst bereits...?"
König Zora lachte leicht. „Das Meer und die Seen haben viele Augen und Münder. Und alle unterstehen meinem Befehl."
„Wisst Ihr auch", begann Link zu sagen, verstummte aber.
Das Lächeln auf den Lippen des Königs verschwand, und er nickte. „Ja. Es sind furchtbare Nachrichten. Aber komm, setz dich zu uns – holt einen Stuhl!", rief er den Wachen zugewandt zu. Ein Schemel aus Koralle wurde für Link zum König und seiner Frau gestellt, direkt gegenüber der Nixe, die noch immer kein Wort gesagt hatte. Link zögerte einen Augenblick, fühlte sich unwohl mit dieser Situation, setzte sich dann aber an die Seite der Königin, die er mit einem Nicken begrüßte – und dann erst sah, dass sie ein Bündel in den Armen hielt.
Link musste fragend geguckt haben, denn die Königin lächelte. Ihre Augen waren heller, als Link sie in Erinnerung hatte. Wie ihr Gatte trug sie als einzige Zora Kleidung, ein weites Kleid aus weichem Stoff, das in denselben Farben schimmerte wie ihre Haut und ihre fast durchsichtigen Flossen.
Als Link den Zora vor einiger Zeit mit der Wasserverunreinigung geholfen hatte, waren alle sehr besorgt um das Wohl ihrer Königin, die kurz vor der Niederkunft gestanden hatte. Soweit Link das komplette Geburtsritual verstanden hatte, musste die Königin dafür unter Wasser sein – nicht denkbar zu dieser Zeit. Sie hatte Schmerzen gehabt und ihr Zustand wurde immer schlechter. Jetzt saß sie da, erhaben und schön wie eh und je, völlig gesund, und hielt ihr Kind im Arm.
„Unser Nachkomme", sagte König Zora stolz und legte seiner Gattin die Hand auf die Schulter. „Du kommst gerade rechtzeitig. Er hat gerade erst Arme und Beine bekommen."
„Sie werden als Quappen geboren", sagte Königin Zora sanft und schlug das Tuch etwas auseinander, um Link das Kind zu zeigen. Es hatte tatsächlich noch einen kleinen Schwanz, wie ein junger Frosch, und kleine Arme und Beine... Selbst für ein Kind einer anderen Rasse als seiner eigenen fand Link es erstaunlich hübsch. Es hatte kleine, schwarze Augen, mit denen es ab und zu blinzelnd aufblickte, schien aber ansonsten ruhig an der Brust seiner Mutter zu schlafen. „Wir haben ihn gestern das erste Mal aus dem Wasser genommen. Jetzt lernt er, auch Luft zu atmen."
Link wusste nicht recht, was es treffend zu sagen gab. Er entschied sich für: „Ich bin erleichtert zu sehen, dass sich hier alles zum Guten gewandt hat."
König Zora nickte andächtig, besann sich dann seiner Position und sagte: „Nun gut, aber wir haben dringende Angelegenheiten zu klären. Die Prinzessin ist verstorben, das Land gerettet, soviel weiß ich. Nun Link – was bringt dich zu mir? Sicherlich nicht nur die Botschaft darüber. Wenn doch tut es mir leid, dass du den Weg umsonst gekommen bist."
„Nein." Link schüttelte den Kopf. „Tatsächlich ist es so, dass..." Er zögerte kurz. „Es ist so, dass ich glaube, dass die Seele der Prinzessin noch nicht verloren ist und ich sie zurückholen kann", sagte er dann, ohne groß um die Sache herumzureden.
König Zora machte kurz große Augen, dann sagte er etwas zu seiner Frau, das Link nicht verstand, sie nickte und verschwand aus dem Thronsaal. Aarja allerdings saß noch immer am Bassin, den Fischschwanz im Wasser, und starrte vor sich hin. Ob sie seine Sprache nicht sprach? Aber der König hatte sie ja auch angesprochen.
„Zurückholen?", sagte der König nach einer langen Pause. „Ich glaube, dass das nicht möglich sein wird."
„Ich bin weit gereist und habe viel erlebt", sagte Link kühl. „Ich habe so manches gesehen, das ich nicht für möglich gehalten habe."
König Zora sah ihm in die Augen. Link hielt seinem Blick stand, und irgendwann seufzte der König, erhob sich und ging auf und ab. „Wie stellst du dir das vor? Jemanden zurückholen..."
„Impa riet mir, Euch aufzusuchen", sagte Link und erhob sich ebenfalls, froh, eine Entschuldigung dafür zu haben. „Wir wollen noch geheim halten, was passiert ist, bis ich weiß, ob ich die Prinzessin aus dem Reich der Mahre befreien kann."
König Zora nickte und setzte sich langsam wieder hin, starrte lange vor sich hin. „Das Reich der Mahre", seufzte er. „Wie beim Trigestirn ist das möglich. Wie kann jemand wie die Prinzessin... Ein schlechter Streich, sehr schlecht."
Link spürte seinen Mut sinken, als er zusah, wie König Zora dort auf seinen Thron saß, die Schultern eingesunken, mit den Fingern auf den Armstützen trommelnd. Er starrte lange einfach nur vor sich hin.
„Link", sagte er, „ich weiß es nicht. Ich kenne viele Legenden über das Reich der Mahre, wenngleich mein Volk ein anderes Schicksal ereilt nach einem unrühmlichen Leben. Natürlich gibt es ein oder zwei Geschichten, dass jemand entkommen konnte. Aber du weißt, wie das mit den Legenden dieses Landes ist. Es gibt so viele, manche widersprechen sich, andere versteht man erst, wenn man alle kennt."
„Die meisten Legenden über unser Land kenne ich, seit ich klein war", sagte Link mit ernstem Blick. „Damals hielt ich das alles für Märchen. Aber ich war klein und kannte die Welt nicht. Seit ich meine Heimat verlassen habe, habe ich viel gelernt und manches, was hier als Märchen erzählt wird, mit eigenen Augen gesehen. Und daher weiß ich auch, dass in jeder Geschichte etwas wahres steckt."
Er starrte König Zora so lange an, bis der seufzte und nachgab. „Ich weiß trotzdem nicht, ob du auf die Geschichten vertrauen kannst."
„Jalhalla."
König Zora und Link drehten sich beide überrascht um. Die Nixe Aarja hatte jetzt den Blick aus pupillenlosen Augen auf Link gerichtet und starrte ihn an. „Jalhalla", sagte sie wieder. Link sah sich außerstande, etwas zu erwidern, aber die Nixe schüttelte den Kopf und setzte fort: „Der Herr über die Nachtschwärmer, der über das Schattenreich herrscht und somit auch über das Reich der Mahre."
„Jalhalla?" Link probierte den Namen aus. Er kam ihm so bekannt vor, aber er wusste nicht woher.
„Bist du schwer von Begriff?", fuhr die Nixe ihn an. Link war überrascht, wie viel Temperament sie auf einmal besaß, nachdem sie all die zeit nichts gesagt hatte. „Ich denke, du willst dein Liebchen zurückholen. Nimm Haltung an, schau nicht so dumm, deine Vorfahren würden sich schämen!"
Link schluckte und besann sich. „Wo finde ich Jalhalla?", fragte er, ohne nachzuhaken, was sie mit seinen Vorfahren gemeint haben könnte. Wie alt wurden Nixen eigentlich?
„In der Gespensterwüste", kam die Antwort etwas hochnäsig.
„Beim Wüstenkoloss?"
„Nein, gefährlicher, viel tiefer hinein."
Link wurde etwas mulmig. „Beim Richtergrund?", fragte er. Er hatte nur von diesem schon lange verlassenen Gefängnis gehört, das am äußersten Rand des Landes lag, viele Tagesreisen hinein in die Wüste. Vom Wüstenkoloss aus hatte er die Türme weit, weit in der Ferne blitzen sehen können, aber nicht gewagt, so tief in die Wüste vorzudringen. Er war erfahrener Wanderer, hatte schon weite Teile Hyrules und des Umlandes bereist, viel gesehen, vieles überstanden. Aber das...
„Noch viel tiefer ins Land der Geister hinein", sagte Aarja und klang, als würde sie genießen, Link so zu verunsichern. „Dort gibt es einen See, der eine Oase speist. Manche deiner Vorfahren haben geglaubt, dort sei gar das heilige Reich." Sie lachte, als sei das völliger Unsinn. „Einige meines Volkes leben dort. Und manchmal Jalhalla."
„Manchmal? Es ist also nicht sicher, dass er dort sein wird?" Link beschlich das Gefühl, die Nixe wolle ihn nur in sein Unglück locken.
„Soweit ich verstanden habe, ist das deine einzige Chance." Aarja legte kokett den Kopf schief. Link war sich sicher, dass sie mit ihm spielte. Er war kurz davor, sein Schwert zu ziehen und alles, was sie wusste, aus ihr heraus zu zwingen, aber er beherrschte sich.
„Kannst du mich hinbringen?", fragte er nur.
Sie wirkte doch eine Sekunde lang überrascht. Dann grinste sie. Ihre Zähne waren klein und spitz, was ihr Lächeln alles andere als freundlich erscheinen ließ. Sie nickte.
König Zora seufzte und sagte: „Ich werde dir ein paar meiner Männer mitgeben, falls–"
„Nein", unterbrach Link. „Ich gehe allein." Er ging immer allein.
König Zora bedachte ihn unzufrieden, aber er kannte den jungen Held. Und er wusste um seine Fähigkeiten. Seufzend gab er nach. „Wie du willst, Link. Aber bitte erlaube mir, dir etwas Ausrüstung schenken zu dürfen." Da wiederum zögerte Link nicht lange, und der König wies ihn an, in der Halle zu warten. Aarja nahm einen der Wasserwege und tauchte schon auf, als Link noch die steilen, glitschigen Gänge hinunterbalancierte. Sie sah ihm amüsiert zu und Link machte sich eine mentale Notiz, dass er ihr nicht über den Weg trauen durfte, ganz egal, was passierte. „Sieht unpraktisch aus", kommentierte sie, als sie die Arme am Ufer des Bassins abstütze und ihm zusah.
„Was?"
„Beine."
Link war neben ihr angekommen. „Versuch mal, dich an Land zu bewegen", entgegnete er, was sie verstummen ließ. Damit war er zufrieden.
Ihm wurde etwas Ausrüstung von einigen Wachen gebracht, sein Köcher wurde aufgefüllt, ebenso seine Flaschen, außerdem bekam er ein paar Flossenschuhe und Handschuhe mit Schwimmhäuten. Link nahm sie dankbar entgegen und tauschte sie gegen seine Schuhe und Handschuhe aus. Er hatte beides schon einmal benutzen dürfen, als er den Zora vor einiger Zeit geholfen hatte. König Zora hatte ihm angeboten, beides zu behalten, aber Link gab sie dankbar zurück und hatte nur das Tuch behalten, das ihn unter Wasser atmen ließ.
So ausgerüstet sollte er Aarjas Schwimmkünsten jedenfalls in nichts nachstehen. Sie benahm sich hochnäsig und Link gönnte ihr keinen Triumph.
Sie wollten sich schon auf den Weg machen, als die Königin zu ihm trat. „Link", sagte sie und fasste ihn an der Schulter. „Bitte, nimm dies. Es ist nicht so heldenhaft wie die Geschenke meines Gatten, aber ich hoffe, dass du auf der Suche nach der Prinzessin trotzdem davon Gebrauch machen kannst." Sie reichte ihm ein gefaltetes Tuch aus dünn gewebten Stoff. Es war halb durchsichtig, so filigran gearbeitet war es. „Ich habe es selbst gemacht", erklärte die Königin, „aus dem Seidenfaden eines Arachnos. In den dunkelsten Stunden deiner Reise soll es dich warm halten."
Link nahm das Tuch dankend an und verstaute es in einer seiner Gürteltaschen. Er war sich nicht sicher, ob ein so dünnes Tuch tatsächlich Wärme spenden konnte, aber es wog nichts und er wollte kein Geschenk der Königin höchstselbst ablehnen. Beobachtet von ihr und einigen Wachen zog er sich das Zoratuch über Mund und Nase, grüßte ein letztes Mal mit einem Kopfnicken, dann sprang er ins Wasser und tauchte Aarja hinterher, die vorausschwamm.
