Die Zeitung titelte „Mit Fisch in die Zukunft!" und zeigte ein Bild der neu eröffneten Frischfischverarbeitungshalle im oben beschriebenen Stadtviertel.
Der Bürgermeister selbst begutachtete die Stabilität der Schnellbau-Fabrikhalle, die bereits bei ihrer Eröffnung vor Dreck zu stehen schien. Immerhin stand sie.
Zufrieden mit seinem Werk gab er ein gutgelauntes Interview, bei dem er offenbar vergas, dass der Reporter, dem er brav allerhand Fragen beantwortete beim letzten Wahlkampf eine unschöne Geschichte über ihn ans Licht gebracht hatte.
Nun, es war nicht der Fisch-Artikel, der die Aufmerksamkeit des Dunklen Lords auf sich zog, sondern ein kleinerer Artikel auf der Frontseite der Zeitung zudem zwei weitere Bilder, neben der Fabrikhalle gehörten.
Das eine zeigte ein Gesicht, das zur einen Hälfte aus einem impertinenten Grinsen und zur anderen Hälfte aus einem hautüberzogenen Schlachtfeld bestand, das aussah, als seien im Laufe des Lebens des zugehörigen Menschen, hinter dem Gesicht, so einige Akne-Tretminen darauf explodiert.
Das andere Bild zeigte einen goldenen Becher mit einer eigentümlichen Dachsverzierung.
Der Sommer hatte wieder einmal dafür gesorgt, dass den gestressten Journalisten, denen der Urlaub verweigert wurde und welche die Stellung halten mussten, die Geschichten von Interesse und Niveau ausgingen. Da wurde die Eröffnung einer Fischfabrik schon mal zu einer Titelstory und es kam gelegen, dass eine weithin bekannte, adlige Witzfigur sein Geld unnötig zum Fensterhinaus warf. So etwas kam gut an, erregte die Gemüter der arbeitenden Bevölkerung und füllte Papier.
Das Dunkle Lord selbst gehörte zwar nicht zur arbeitenden Bevölkerung - seine Anstrengungen waren eher destruktiver Natur - doch auch er interessierte sich für die Titelgeschichten der Zeitung. Nicht so sehr für die Fischfabrik, jedoch für das Bild das den antiken Becher zeigte.
Mit dem ersten Blick hatte er ihn erkannt und mit dem zweiten erkannte er die Stelle, an der nun die Fabrikhalle stand: Sie hatten sein Waisenhaus abgerissen und dabei Hufflepuffs Becher gefunden, der er höchstpersönlich dort versteckt hatte.
Hastig überflog er den Artikel über den Käufer seines Eigentums und diese neue Information entlockte ihm ein unheilverkündendes Kopf- und Schulterzucken.
Ein Muggel hatte seinen Horkrux berührt und es überlebt! Offensichtlich hatten seine Schutzzauber versagt. Er knirschte mit den Zähnen. Sich selbst eine Niederlage einzugestehen ist eine der schlimmsten Erkenntnisse, welche Lord Voldemort je erdulden musste. Jeden anderen, dem er eine Niederlage gestanden haben würde, konnte er auf ewig zum Schweigen und Vergessen bringen, aber er selbst musste mit der Schande leben...
Er hatte im Augenblick keine Zeit sich selbst zu bemitleiden. Bereits seit einigen Wochen hatte er vorgehabt seine übrigen Horkruxe zu besuchen und nachzusehen, ob es ihnen noch gut erging.
Seine Horkruxe waren seine Kinder, seine einzige Möglichkeit am Leben zu bleiben, seine einzigen Vertrauten auf der ganzen Welt. Er dachte liebevoll an den Ring, sein Tagebuch und schüttelte sich, als er sich erinnerte, dass diese beiden Teile seiner Seele grausam zerstört worden waren.
Schon seit einigen Wochen ahnte er, dass jemand Jagd auf seine Babies machte. Er überlegte, dass sein Lieblingshorkrux, das Medaillon des großen Salazar Slytherin, auf seiner Insel relativ sicher war und das Diadem im Raum der Wünsche ebenfalls. In Hogwarts konnte ohnehin derzeit noch nicht so ohne Weiteres eindringen. Nagini war an seiner Seite. Doch der Becher... Natürlich würde jeder halbwegs klar denkende Zauberer hinter dem Dachs Helga Hufflepuffs Erbe erkennen und derjenige, der seine Horkruxe jagte, würde ihn erst recht erkennen. Und dass er sich jetzt auch noch abgedruckt auf der Titelseite befand, wog das Artefakt und den Horkrux darin nicht unbedingt in Sicherheit.
Außerdem ging es um's Prinzip: Sein Becher durfte sich nicht in der Gewalt eines Muggels befinden! Sein Becher gehörte zu ihm!
Plötzlich regte sich in Voldemort ungeahnte Vaterliebe zu seinem verirrten Seelenteil. Viel zu lange hatte er es im Stich gelassen! Ein schlechtes Gewissen schnürte ihm den Hals zu und er konnte nur noch pressend und pfeifend ausatmen.
„Bellatrix!", rief er krächzend und so laut, dass es Bellatrix angemessen erschien besser zu apparieren als die Treppe hinunter zu laufen.
„Ja, Herr?", sagte sie unterwürfig und mit heißerer Stimme, als sie hinter ihm mit einem Plopp auftauchte und sich imaginären Staub von ihrem Umhang steifte - eine reine Verlegenheitsgeste.
„Erkennst du das hier?", fragte Voldemort und hielt Bellatrix die Zeitung hin.
„Eine Muggelzeitung! Ich habe keine Ahnung, wie das hier ins Haus kommt! Ehrlich! Ich würde euch nie belügen!", beteuerte sie hastig.
„Wenn ich dich so höre, könnte ich fast auf den Gedanken kommen, du hättest etwas mit ihrem Auftauchen in diesem Haus zu tun...", begann Voldemort ruhig und lächelte ein reptilisches, diabolisches Lächeln.
„Ich schwöre...", begann Bellatrix sofort und wischte sich etwas Schweiß von der erröteten Stirn.
„Ich weiß, wie die Zeitung hierher kam, Bellatrix.", beruhigt Voldemort sie.
„Und wie? Es war Lucius! Ich wusste es... Er kauft diese Zeitungen wegen der halbnackten Mädchen im Innenteil!".
„Nein, Bellatrix! Ich habe sie hierher gebracht.".
„Ihr?", Bellatrix wurde schlagartig bleich, so wie es gläubigen Menschen geht, die gerade zufällig einen mathematischen Gegenbeweis zu ihrer Religion gefunden hatten.
„Es geht nicht um die Zeitung, sondern um das, was darin steht!", erklärte Voldemort und hielt Bellatrix das Papier erneut hin. Sie nahm es und betrachtete es angewidert, als sei jeder einzelne Buchstabe ein persönlicher Feind.
Endlich fiel der Groschen: „Der Becher trägt die Insignien von Helga Hufflepuff.", stellte sie fest.
„Er gehört mir.", sagte Voldemort beiläufig und machte eine lässige Handbewegung: „Du wirst ihn mir wiederholen!".
„Was?", zischte Bellatrix, fand kurz darauf wieder ihre Contenance und fügte hinzu: „Herr.".
„Du wirst ihn mir von diesem Muggel zurückholen! Und bitte arbeite subtil!", präzisierte Voldemort und deutete mit einem dünnen, frischkäseweißen Finger auf des Minenfeldgesicht.
„Aber...".
„Du willst wissen, warum ich dich schicke und nicht zum Beispiel deine Schwester.", es war eine Feststellung, die Voldemort traf, als er etwas hinter Bellatrix' Schädeldecke gestöbert hatte. Gegen ihn wagte sie niemals Okklumentik einzusetzen, und das nutzte Voldemort nur zu gerne aus, wenn es darum ging, wer ihm beim Abendessen heimlich die letzte Pastete weggegessen hatte oder wer mal wieder das Fenster im Bad nicht geschlossen hatte. Bellatrix wusste alles, was im Haus vor sich ging...
Sie nickte und versuchte stolz dabei auszusehen.
„Nun, Narcissa ist verheiratet, nicht wahr?", sagte Voldemort.
Bellatrix wollte erwidern, dass sie ebenfalls...
Doch Voldemort schnitt ihr das Wort ab: „Das ist eine Aufgabe, die ich allein dir anvertrauen kann. Du allein wirst in der Lage sein mir den Becher zu bringen. Du allein hast die nötigen Argumente, Bella.".
Nun knirschte sie mit den Zähnen: „Aber ich bin auch...", sie gab nicht auf.
„Ich meinte: Glücklich verheiratet, Bellatrix! Glücklich verheiratet... Und jetzt beschäftige dich bitte mit deiner Aufgabe. Der Becher befindet sich offenbar im Besitz dieses Muggels. Ich möchte, dass du möglichst wenig Aufregung verursachst. Am besten wird sein, du machst dich mit ihm bekannt!".
Bellatrix Zähne gaben das Knirschen auf und verschrieben sich nun einem ungehaltenen Mahlen und es sei dem unerschütterlichen Zahnschmelz ihrer Vorfahren gedankt, dass ihre Zähne das aushielten.
