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7. Juli x791

„Sorano Angel Aguria, wie konntest du das nur tun? Denk doch nur an meine schwachen Nerven, an den Ruf der Familie. Dein Vater würde sich im Grabe umdrehen, wenn er erfährt was du getan hast! Was hast du dir dabei gedacht!"

Die junge, weisshaarige Frau gab sich Mühe um nicht die Augen zu verdrehen, was eine Lady auch niemals tun sollte. Aber manchmal verstand sie ihre Mutter einfach nicht. Sie hatte sie sowieso nie verstanden, ebenso wenig wie ihr Vater. Es gab einfach viele Dinge, die sie ihnen einfach nicht verzeihen konnte. Nicht persönlich, denn was ihre ältere Tochter angeht, hatten sie alles getan, was Aristokraten von Fiore tun mussten, damit ihre Tochter durch Schönheit, Talente, exzellentes Verhalten sich von der Menge abhob, um eine gute Heirat schliessen zu können und um dem guten Ruf der Familie Ehre zu erweisen. Was eigentlich das Schicksal der meisten Aristokratentöchter in Fiore, dem Westreich.

Nein, was Sorano ihren Eltern nie verzeihen konnte war ihr Verhalten gegenüber ihrer kleinen Schwester, Yukino. Lord und Lady Aguria hatten natürlich nur den Ruf ihrer Familie im Kopf gehabt. Sorano war diesbezüglich perfekt gewesen. Sie war atemberaubend schön, klug, elegant, hatte zahlreiche Talente, hatte die perfekte Haltung in jeder Situation, war ein Star auf jedem Ball, besass eine beneidenswerte Garderobe und war ein grossen Fisch für jeder unverheiratete Lord in Fiore. Kurzum, sie war eine perfekte Aristokratentochter, zumindest nach den Kriterien des Westreiches. Das Nord- und das Südreich, Pergrande und Minstrel, hatten natürlich andere Kriterien, aber das war unwichtig.

Mit einer perfekten Tochter hatten Lord und Lady Aguria natürlich nur etwas noch Besseres erwarten können. Einen Sohn, einen Erben, der das Blut der Agurias durch seinen Nachkommen weiterführen würde. Mit einem Erben und einer perfekten Tochter wäre ihr Triumph als einflussreiche, vermögende Familie perfekt gewesen. Sie hätten damit womöglich die Heartfillias, eine andere bedeutende Familie, überstrahlen können. Die Heartfillias waren zwar unglaublich reich und hatten mit der jungen Lady Lucy ebenfalls eine perfekte Tochter. Aber wegen der sehr schwachen Gesundheit der Lady Heartfillia hatten sie nur diese eine Tochter bekommen, einen Erben war ihnen nie beschert worden.

Dies war allerdings auch den Fall bei den Agurias gewesen. Statt dem erhofften Sohn kam wieder eine Tochter zur Welt. In den Augen der Eltern hatte Yukino den Platz des Erben gestohlen und Soranos arme kleine Schwester hatte von Vater und Mutter nur Verachtung gekannt. Sie war nicht schön genug, war kaum talentiert, keinesfalls strahlend. Lord und Lady Aguria verachteten sie so sehr, dass sie Yukino nie haben lehren wollen sich wie eine Lady zu halten und hatten sie ins Kloster gesteckt, sobald sie alt genug war. Der Eintritt ins Kloster war oft das Schicksal von zweitgeborenen Aristokratentöchtern, doch Sorano bezeichnete sie lieber als gepflegtes Gefängnis.

Sie und ihre Grossmutter waren die Einzigen, die Yukino wirklich geliebt haben. Die alte Lady Aguria fand das Verhalten ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter so abscheulich, dass sie umgehend ihr Testament änderte. Ihr riesiges Vermögen würden ihre Enkelinnen erben und zwar beide. Zudem verschrieb sie Sorano und Yukino eine beneidenswerte Rente, welche über dem Sternentempel, der auch als Bank Fiores diente, monatlich eingezahlt wurde.

Lord und Lady Aguria waren nicht erfreut gewesen über die Entscheidungen der alten Dame und nach deren Tod hatten sie alles daran gesetzt, um ihre letzten Willen rückgängig zu machen. Doch soweit war es zum Glück nicht gekommen. Lord Aguria hatte keine starke Gesundheit gehabt und wenige Monate später starb während einem Herzinfarkt. Auf seiner Toilette. Während er geschissen hatte. Man hatte natürlich nicht offen darüber gelacht, aber im Geheimen amüsierte man sich ein wenig darüber. Sorano die Erste. Sie liebte ihre Eltern nicht. Zwar war sie schon immer stolz auf ihren Status als perfekte Aristokratentochter gewesen, schliesslich liebte sie den Luxus. Doch für ihre Eltern war sie bloss ein Werkzeug gewesen und sie hatten ihre Schwester schrecklich behandelt. Jetzt wo sie der Familienchef des Hauses Aguria war, würde es anders werden für Yukino, so hatte sie es sich geschworen.

Ja, sie, eine Frau, hatte die Rolle ihres Vaters, des Familienchefs übernommen. Normalerweise hätte ihr Cousin mütterlicherseits, Lord Elfman Strauss, diese Rolle übernehmen sollen, als nächster männlicher Erbe. Doch der gute Elfman, mit der Hilfe von ihrer klugen Kusine Mirajane, hatte es so arrangiert, dass diese Rolle von Sorano übernommen wurde. Es war zwar nicht das erste Mal in Fiore, dass eine Frau die Zügel ihrer Familie übernahm, aber es war immer noch unüblich. Doch je bedeutender und mächtiger die adelige Familie war, desto weniger sprach man skeptisch davon.

Sorano dachte immer wieder daran, wenn sie Besuch von ihrer Mutter bekam. Es half ihr nicht zu vergessen, was sie geschafft hatte um eine noch bedeutendere Rolle in der Gesellschaft zu haben als eh schon und vor allem, was das Wichtigste war, endlich Yukino aus den Schatten zu holen. Lady Aguria versuchte immer wieder ihre ältere Tochter zu überreden Yukino zurück ins Kloster zu stecken, Elfman als Familienchef zu lassen und ihr selber eine angemessene Rente zu geben. Die Witwenrente, die Lady Aguria von der Regierung bekam, empfand diese als viel zu niedrig, um sich weiterhin den Luxus zu leisten, den sie glaubte immer verdient zu haben.

„Sorano, hörst du mich überhaupt zu!", seufzte die Mutter wütend und die Weisshaarige sah ihr Gegenüber gelangweilt an. Lady Aguria war schon mit sechzehn verheiratet worden und war jetzt Anfang vierzig, obwohl man sie für jünger halten konnte. Loreleï Aguria war wirklich eine Schönheit mit den langen, federleichten weissem Haar, welches modisch hochgesteckt wurde und einzelne Korkenzieherlocken auf die Schultern fallen liess. Ihre Augen waren unglaublich dunkelblau und von langen Wimpern umrahmt, ihre blasse Haut glich feinem Porzellan, keine Narbe oder ähnliches zerstörte diese Ebenmässigkeit. Sie war auch hochgewachsen, hatte beneidenswerte Rundungen und ihr hellblaues Kleid (sie hatte nach dem Tod ihres Gemahls nur drei Monate lang schwarze Trauerkleidung getragen) rundete ihre Schönheit perfekt ab. Sie wäre sicher noch schöner, wenn sich lächeln würde. Aber Loreleï hatte nie ehrlich gelächelt. Sie gehörte zu diesen typischen Aristokraten, die nur ihre eigene Wichtigkeit im Kopf hatten.

Sorano hatte die Schönheit ihrer Mutter geerbt und auch Yukino, aber nach so viel Abscheu seitens ihrer Eltern hatte sie dies nie wahrnehmen wollen, so sehr ihre Schwester sie auch vom Gegenteil überzeugen konnte. Aber tiefverankerte Meinungen löste man nicht einfach so.

„Warum willst du diese… Yukino in die Gesellschaft einführen? Sie hat keine Ahnung von der Etikette und jeglichen Verhaltensregeln, sie würde dich und die Familie bloss in die Schande ziehen", zischte Lady Loreleï. Sorano verdrehte nun tatsächlich die Augen und erwiderte: „Und warum ist sie so unwissend? Weil du und Vater ihr nie beigebracht habt, wie man sich in der Gesellschaft verhält. Also solltest du wirklich nicht darüber beklagen."

„Du wagst es wieder, deine eigene Mutter zu duzen! Wo ist dein Respekt abgeblieben?", kreischte nun Lady Aguria, als ob es sich um ein obszönes Verhalten ging.

„Würde ich dich nicht respektieren, hätte ich dich längst aus dem Haus geworfen, hätte dir Besuche verboten und hätte dich kein kleines Haus auf der Königsinsel Crocus gekauft, damit für dich gesorgt wurde. Aber du bist leider meine Mutter und als dessen respektiere ich dich noch. Du und Vater hattet auch ein wenig Respekt für mir. Doch nie habt ihr den gleichen Respekt für Yukino gehabt. Ihr habt sie verabscheut, als ob sie eine Bewohnerin des Landes unter der Wolken wäre, als ob sie nichts als eine niedrige Sklavin wäre. Das kann ich euch nie verzeihen und darum werde ich alles dafür tun, damit Yukino ihren Platz in den hohen Kreisen haben kann. Niemand hat es mehr verdient als sie."

„Du lässt also, deine unscheinbare, untalentierte, uninteressante kleine Schwester im Haus unserer Familie wohnen, während ich, deine eigene Mutter die dir alles von der Etikette beigebracht hat, nur manchmal zu Besuch kommen kann und sonst in einem kleinen Haus auf einer anderen Insel leben soll, weit unter meiner Stellung als Lady."

„Sei doch froh, wenigstens lebst du auf der Königsinsel, ganz in der Nähe der Königsfamilie. Auf die Bälle des königlichen Palastes musst du allerdings verzichten", entgegnete Sorano schnippisch. Crocus war die grösste aller Insel des Westreiches und darum der Sitz der Herrscher von Fiore. Magnolia, die Insel auf der Sorano mit ihrer Schwester lebte, war zwar von der Grösse her auch sehr wichtig, aber gegen den Dimensionen von Crocus kam sie nur auf den zweiten Platz.

Die grösste Insel eines Reiches war immer der Hauptsitz der Regierung dieses Reiches, das war schon seit Anbeginn der Zeiten immer so gewesen. Auch die Herrscherburgen des Nordreiches und der Demokratie-Palast des Südreiches befanden sich auf den grössten Inseln. Sicher war es auch so in Valarys gewesen, das Ostreich. Aber nach Tausenden von Jahren wusste das niemand mehr.

Sorano seufzte. Sie hätte ihre Mutter wirklich am Liebsten Besuchsverbot gegeben und sie auf eine mickrige kleine Insel an der entferntesten Grenze verbannt. Aber leider musste sie den Ruf der Familie wahren. Sie wusste, wie die Aristokraten Fiores war. Sie gingen auf Bälle von anderen und organisierten selber Soireen, tauschten Informationen aus, verkauften ihre Töchter an Freunden durch Heirat und gleichzeitig lechzten sie sich nach irgendwelchen Skandalen, die den Ruf anderer Adelsfamilien schadeten. Wenn sie erfahren, dass die ältere Aguria-Tochter die eigene Mutter aus dem Haus verbannt und ans andere Ende Fiores geschickt hat, würde es heiss kochen in der Gerüchteküche.

Sorano musste zwar zugeben, dass sie manchmal interessiert war an gewisse Skandale, wenn es um Personen ging, die sie nicht ausstehen konnte. Aber sie konnte es nicht zulassen, dass der Ruf der Familie in den Schlamm geworfen wurde. Nicht, wenn sie es endlich schaffen würde Yukino in die Gesellschaft einzuführen, wie ihre kleine Schwester es verdiente. Dafür musste sie ihre Mutter manchmal aushalten, wenn diese mal zu Besuch kam.

„Willst denn nicht endlich mal heiraten? Das wäre sicher der grösste Dienst, denn du deiner Familie geben könntest", seufzte Lady Loreleï theatralisch. „Dein Vater und ich hatten ja geplant, dich mit Lord Midnight zu verloben, das wäre die Hochzeit des Jahrhunderts gewesen, wir hätten endlich höher aufsteigen können. Aber er hat jeglichen Kontakt mit seinem Vater abgebrochen und stattdessen das unscheinbare Mündel von der dahingeschiedenen Lady Ultear, zur Frau genommen. Und jetzt wo du Familienchef bist, wird es schwieriger sein einen Mann zu finden. Vor allem wenn du noch Yukino verheiraten möchtest, das wird unmöglich. Wer möchte die schon zur Frau haben?"

„Mehr als du denkst!", fuhr Sorano auf. Wenn es um ihre kleine Schwester ging entwickelte sie Löwenmutter-Instinkte. „Du kennst ja deine eigene Tochter gar nicht! Sie ist eine liebevolle, zärtliche Person mit tausendmal mehr Eigenschaften als du und ich kenne noch viele Lords, die sich glücklich schätzen würden eine solche Frau zu haben."

Beim letzten Satz bluffte sie zwar, denn sie war nicht dumm. Yukino war alles, was sie gesagt hatte und Sorano war fest überzeugt, dass es einige ledige Lords gab (hoffentlich junge), die ihrer Schwester den Hof machen würden. Aber Yukino war auch extrem schüchtern und wegen der Abscheu der Eltern fehlte es ihr fatal an Selbstbewusstsein, was schlecht war wenn man in dieser Gesellschaft überleben und mit den Gerüchten richtig umgehen wollte. Umso mehr war es wichtig, sie mit der Aristokratie des Westreiches vertraut zu machen, je früher desto besser.

„Und wann wirst du sie in die Gesellschaft einführen? Gibt es denn irgendein besonderer Anlass, der perfekt dafür wäre?", höhnte Loreleï, aber ohne zu lächeln. Konnte sie nicht mal ein höhnisches Lächeln zu Stande bringen?

„In etwas mehr als einer Woche gibt es einen Ball bei den Heartfillias. Viele der grössten Namen Fiores sind eingeladen und ich gehöre dazu, gemeinsam mit Yukino. Aber du, liebe Mutter, wirst wohl leider darauf verzichten müssen, du wurdest nicht eingeladen."

Sorano genoss den entsetzten und empörter Glanz in den Augen ihrer Mutter. Vor nicht allzu langer Zeit war sie regelmässig zu Bällen eingeladen worden und war ein gern gesehene Erscheinung gewesen. Aber jetzt, wo ihr Gemahl gestorben ist und sie keine besondere Stellung mehr hatte, musste sie nun darauf verzichten. Sorano gefiel Loreleï ab und zu darauf hinzuweisen.

„Für Yukinos Garderobe musst du dich keine Sorgen machen, ich bin schon seit zwei Wochen dran und bis zum Ball wird sie ein komplette Garderobe haben wie meine, inklusive atemberaubender Ballkleider. Und das Parfüm wird sie spätestens in drei Tagen bekommen."

„Du… du möchtest ihr auch ein Parfüm kaufen?", stockte Lady Aguria. Es war eine Tradition in Fiore, dass jede adelige Lady, egal ob verheiratet oder ledig, ein eigenes, spezielles Parfüm besass. Man konnte auch mehrere haben, doch das eine spezielle und besonders teure Parfüm war natürlich von richtigen Künstlern hergestellt, denen man auch sagen konnte, wie es genau sein sollte. Das war eine Tradition des Adels in Fiore, es zeigte ein wenig wie reich man war. Sorano hatte ihr eigenes, natürlich ein Geschenk ihrer Eltern, welches nach Rosen und Lavendel roch.

Sorano antwortete nicht, sie schaute ihre Mutter bloss überheblich an. Loreleï schnitt eine enttäuschte Grimasse. Sie wusste, dass sie verloren hatte. Wie immer seit dem Tod ihres Ehemanns. Mit kalter Stimme sagte sie schliesslich: „Ich werde gleich am nächsten Tag nach dem Ball wieder nach Crocus gehen. Ich will sehen, wie Yukino sich schlägt. Bis dahin werde ich wohl in meinem Zimmer bleiben müssen. Etwas anderes bleibt einer armen Witwe ja nicht mehr."

„Racer, geleite meine Mutter zurück ins Gästezimmer", sagte Sorano bloss und grinste ein wenig, als ihre Mutter murrte: „Ich habe vergessen, dass dieser Frechdachs von einem Sklave noch hier ist. Mit was habe ich das bloss verdient?"

Soranos Bodyguard-Sklave, der wie immer während dem Gespräch zwischen Mutter und Tochter unüblich schweigsam geblieben war. Normalerweise war Racer erstaunlich frech für einen Sklaven und es kam vor, dass er sich mit seiner Herrin immer wieder stritt und neckte.

Darum hatte Sorano ihn auch als Bodyguard gekauft. Sie würde es nicht aushalten, wenn man ihr ohne Wenn und Aber gehorchte und alles tat, was man verlangte, wie Maschinen. Selbst die Diener des Hauses hatten mehr zu sagen seit Lord Aguria das Zeitliche gesegnet hatte. Racer war nicht nur stark, schnell und sogar ein wenig furchteinflössend wenn man Sorano und Yukino belästigte, er hatte auch eine eigene Meinung, was eine Seltenheit bei Sklaven war.

Racer wurde als Sklave geboren und erzogen, nie hatte er etwas anderes gekannt. Seine Heimat unter den Wolken hatte er nie kennen gelernt und bis jetzt schien seine Situation ihm ziemlich zu gefallen. Auch wenn er natürlich gerne manchmal reklamierte.

Nur wenn Lady Aguria zu Besuch war und sich mit der ältesten Tochter stritt, blieb er ruhig. Als ob er selber gemerkt hatte, dass es besser wäre bei dieser kompletten Familienangelegenheit zu schweigen. Auch wenn Sorano manchmal hoffte, er würde manchmal zu Wort kommen und sich auf ihre Seite stellen. Aber das würde sie niemals zugeben, schliesslich war er trotz allem immer noch nur ein Sklave. Ein besonderer zwar, aber halt ein Sklave.

Als Racer Loreleï schliesslich aus dem Büro ihrer Tochter – welches einst das Büro ihres Mannes gewesen war – führte oder besser gesagt hinaus schob, liess Sorano nach ihrer Schwester rufen. Es hatte noch viel zu besprechen bis zum Ball und sie wollte, dass Yukino wie ein Stern strahlte. Vielleicht würde sie sogar Lucy Heartfillia überstrahlen.

Allerdings musste Yukino dazu auch wieder Selbstvertrauen haben. Die Abscheu ihrer Eltern hatte sich so verankert, dass ihre Schwester nun selber überzeugt war, dass sie keinen grossen Wert hatte. Und es würde schwierig sein, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Man sah es ihr zwar nicht an, aber Yukino war genauso stur wie alle anderen Agurias. Wenn sie sich etwas im Kopf gesetzt hatte, würde ihre Meinung sich nur schwer ändern.

Sorano wusste, dass Liebesheiraten eine grosse Seltenheit in der Aristokratie Fiores waren. Für viele hatte Liebe sogar nichts mehr mit einer Hochzeit zu tun, da es vor allem darum geht Allianzen zu schmieden und den Ruf zu wahren. Und da die Aristokratie Widersprüche liebte, hasste sie jede Form von Ehebruch und trotzdem gab es viele, welche Ehebruch begingen. Wobei die ehebrecherische Frauen viel mehr verachtet wurden als Männer. Schliesslich gebaren sie die Kinder, also sollten SIE aufpassen keine Bastarde auszutragen. Die Männer bekamen keine Kinder, also war das nicht ihr Problem.

Dann gab es noch der Fall der unscheinbaren Töchtern aus Adelsfamilien, welche nur von Lords zur Frau genommen wurden, damit jegliche Heiratsvermittlerinnen und andere junge Adelstöchter den Junggeselle in Ruhe liessen. Das Schicksal solcher Ehe war meistens, dass die unscheinbare Frau erst einen Sohn zur Welt brachte und dann wandte sich der Mann von ihr ab. Warum wunderte man sich noch, dass Lords und Ladys immer noch Mätressen und Liebhaber nahmen?

Sorano wollte kein solches Schicksal für Yukino. Eine Liebesheirat konnte sie allerdings für beide nicht hoffen. Dieser Fall kam so selten, dass man besser keine Hoffnung daran setzen sollte. Sie hoffte einfach, sowohl für sie als auch für ihre Schwester, einen guten Ehemann zu finden, der zwar reich war und aus einer bedeutenden Familie stammte, aber der sich auch für seine Frau interessieren könnte und mit etwas Glück wenigstens Freundschaft anbieten würde.

Nicht gerade romantisch, aber Sorano wusste, dass sie nicht auf die grosse Liebe warten durfte. Schliesslich war das hier die reale Welt, kein Liebesroman voller Abenteuer, wie Yukino sie gerne las, vielleicht etwas viel zu gerne. Aber eine Hochzeit war für sie im Moment sowieso noch nicht wichtig. Erst einmal musste Yukino in der Gesellschaft strahlen und endlich Selbstbewusstsein erlangen. Sie musste zeigen, wie sie wirklich war, nämlich eine wundervolle junge Frau.

Sorano hatte schon einige Ballkleider für ihre Schwester schneidern lassen. Doch für ihr erster Ball brauchte Yukino ein ganz besonderes Kleid. Eines, welches sie zu ihrem Vorteil zeigte und zu ihr passte... Sorano beschloss gleich morgen mit Yukino im Modehaus Blue Pegasus vorbeizugehen, um ein wirklich tolles Ballkleid auf Mass schneidern zu lassen. Danach würde sie zu Ichiya gehen, dem grössten Parfümierer des Reiches. Yukino brauchte schliesslich auch ihr eigenes Spezial-Parfüm!

Da gibt es noch einiges zu besprechen, dachte sich Sorano voller Vorfreude, als Yukino endlich ins Büro eintrat und die Tür hinter sich schloss.

Xxx

Es war ein altes, edles und sehr grosses Backsteinhaus, welches in der Mitte eines etwas verwilderten, aber dennoch eleganten Garten thronte. Zum Haus gab es noch einen Stall gross genug für neun Pferde und einen romantischen kleinen Pavillon, der etwas weiter hinten im Garten stand, diskret versteckt von mehreren Weiden. Eine Mauer umgab den riesigen Garten und nur ein verschnörkeltes Gittertor gab Zugang zu diesem Haus, dass man schon als Landschlösschen bezeichnen konnte.

Eben jenes Tor wurde gerade von einem Wächter geöffnet und eine Kutsche fuhr rein. Es war eine ganz schlichte braune Kutsche, sie war aber dennoch elegant und die Sitze waren weich gepolstert. Trotz der Schlichtheit handelte es sich überraschenderweise tatsächlich um die private Kutsche eines Aristokraten, wie es das Wappen mit der Schlangenspirale auf den Türen bewies, sowie die edlen Stoffe der sechs Sitze und dem Tischchen, welches je nach Bedarf zugeklappt werden konnte.

In dieser Kutsche sass ein ziemlich muskulöser junger Mann mit gebräunter Haut, verstrubbelten weinroten Haaren und einer Narbe, welches sein rechtes Auge geschlossen hielt. Er trug praktische Reisekleidung, die eher einem Mann des Volkes gehören konnte statt einem Adeligen. Doch dieser Mann war trotz seiner ziemlich abenteuerlichen Erscheinung tatsächlich ein Edelmann.

Als die Kutsche vor dem Haus hielt, wartete schon ein alter, grosser Mann mit weissen Haaren und neutralem Gesichtsausdruck vor dem Eingang. Es war niemand anderes als der Butler und Chef des Haushaltes dieser ländlichen Villa.

„Willkommen zu Hause, Mylord. Hatte Mylord eine schöne Reise?", fragte der Butler seinem Herrn, der gerade aus seiner Kutsche stieg. Lord Cobra, intim bloss Erik, gab dem Kutscher ein Zeichen die Kutsche und die Pferde in den Stall zu bringen sowie Feierabend zu machen, bevor er sich zu seinem Butler umdrehte: „Es ging, mein guter Flambeau. Diese Luftpiraten waren einfach zu besiegen gewesen. Sonst wäre ich nicht schon nach zwei Wochen zurück."

Erik war ein Korsar, ein junger Adeliger, der seinem Reich half die Luftlinien zwischen den Inseln und an der Grenze zu beschützen. Meistens vor Piraten, die es noch ziemlich viel gab und die sich liebend auf den winzigen, unbewohnten und verwilderten Inseln versteckten. Aber auch Schmuggler und entflohene Gefangene aus der Gefängnisinsel standen auf seiner Liste.

Korsaren waren sehr beliebt in Fiore, nicht nur weil sie neben der Armee das Reich beschützten, sondern weil sie einen Ruf von absoluter Freiheit und Abenteuer hinter sich liessen, wie sie frei durch das Land reisten und gegen die "Bösen" kämpften. Das stimmte auch irgendwie, aber auch nicht ganz. Erik wusste, dass dieses Leben nicht immer ein Zuckerschlecken war. Es war nicht immer einfach, mit dem Luftschiff wochenlang durch das Reich zu fliegen und die Jagd auf Ganoven konnte oft sich als schwer erweisen. Diese "Abenteuer" ähnelten sich so sehr, dass der Gegner schon speziell sein musste, damit das Abenteuer es auch wirklich verdiente so bezeichnet zu werden.

Ausserdem stimmte das mit der absoluten Freiheit nicht wirklich. Diese junge Lords, die sich als Korsaren engagieren, standen immer noch unter dem Befehl des Königs von Fiore. Indirekt manchmal auch von All-Ceithre,, aber das passierte nur in seltenen Fällen. Wenn es irgendein Problem gibt mit Piraten oder so, wurden sie gerufen um dieses Problem zu lösen. Man schenkte ihnen ein Schiff und eine Mannschaft, die ihnen treu dienten und in seltenen Fällen zu Freunde wurden. Sie besassen schon etwas Freiheit wenn sie durch Fiore flogen, aber sie waren immer noch Diener der Krone. Wären sie dies nicht, wären die Korsaren bloss niedrige Piraten.

Erik hatte beschlossen diesen Beruf auszuüben, weil er trotzdem von der wenigen Freiheit profitieren wollte, die er dadurch bekam. Der Kapitän und die Mannschaft der Cubellios waren ihm nicht nur treu ergeben, sie liebten ihn sogar. Ausserdem konnte er so meistens der Stadt entfliehen. Erik hasste Lärm und die stickige Luft der Gesellschaft der Aristokratie. Darum kam er nur selten in die Stadt der Insel Magnolia, wo er eigentlich ein Luxushaus besass, oder auch sonst auf einer anderen Insel. Er bevorzugte entweder sein Schiff oder seine alte Villa auf dem Land, wo er die meiste Zeit auch wohnte.

„Zwei Briefe sind angekommen, Mylord. Ein privater, den ich auf Euer Büro gestellt habe. Und eine offizielle Einladung für den nächsten Ball der Heartfillias in einer Woche", erzählte Flambeau professionell, während er Erik ins edle Landhaus begleitete. Er war ein perfekter Butler und Erik war froh ihn an seiner Seite zu haben. Er führte den Haushalt mit Disziplin, half seinem Herr wo er nur konnte, gab seine Bedenken klar wenn es sein musste und war ihm treu ergeben.

„Den Brief werde ich später lesen. Und für die Einladung… keine Ahnung ob ich sie annehmen werde, Bälle sind einfach nicht mein Ding. Besonders, wenn es die arroganten, stinkreichen Arschlöcher von Heartfillias sind."

„Diese Bezeichnung möchte ich überhört haben, Mylord. Obwohl Lord Jude es durchaus verdienen würde, aber es ist nicht meine Pflicht darüber zu urteilen", entgegnete Flambeau, ruhig wie immer. Erik grinste, Flambeau wusste von seiner Aversion gegenüber gesellschaftliche Ereignisse der Aristokratie und respektierte dies auch. Ihm ging es nie wirklich um den Ruf seines Herren wie manch anderer Butler, sondern bloss um das Wohlergehen.

„Übrigens, Miss Kinana ist überglücklich Sie wieder zu Hause zu wissen, Mylord. Sie wartet im Salon auf Euch."

„Und warum hast du mir das nicht gleich gesagt?"

Ohne auf weiteres zu achten, rannte Erik durch den Eingang. In den letzten zwei Wochen hatte er Kinana schrecklich vermisst und er freute sich sie endlich wiederzusehen.

Er kannte sie aus seiner Kindheit. Leider waren sie getrennt worden und hatten jahrelang nichts mehr von einander gehört. An die Details dieses Unfalles wollte er lieber nicht denken, zu sehr lastete ihn diese schreckliche Vergangenheit und Wahrheit…

Erik war schliesslich zu einem Korsaren geworden und vor drei Jahren hatte er Kinana in einem modrigen Kloster auf der Insel Oak Town wieder gefunden. Einem schrecklichen Kloster, wo jede Nonne alle Bewohnerinnen, die nicht von adeliger Herkunft waren, verachteten. Erik hatte kämpfen müssen, um seine beste Freundin aus Kindertagen da raus zu holen, doch er hatte es geschafft. Allerdings nur, weil er Kinana zu seinem Mündel ernannt hatte, anders hätten die Nonnen sie nie gehen lassen, trotz ihrer Verachtung. Es ging wie immer um den Ruf, in diesem Fall der Ruf des Klosters.

Es war schon merkwürdig, dass das Mündel ziemlich gleich alt war wie sein Beschützer, einige munkelten sogar, dass der Korsar diese Frau von unsicherer Herkunft nur zum Mündel genommen hatte um sie insgeheim zu seiner Mätressen zu machen. Doch nicht jeder glaubte daran, war es doch normal für Korsaren etwas extravagant zu sein. Jedenfalls hatte sein Mündel eine nun gute Situation und viele adelige Mütter liessen sich davon nicht abschrecken, in Lord Erik einen potentiellen Schwiegersohn zu sehen.

Erik selber hatte aber keine Lust zu heiraten. All diese jungen heiratsfähigen Adelstöchter waren allesamt dumme, naive Tussis und er konnte sich nicht vorstellen, mit so einer verheiratet zu sein. Als Korsar brauchte er keine Allianzen mit anderen Adelsfamilien (ein paar adelige Freunde genügten ihm) und mit Kinana wieder bei ihm führte er ein angenehmes Leben. Zwar hatte er manchmal das Gefühl, dass irgendetwas in seinem Leben fehlte, aber das ignorierte er meistens…

Tatsächlich war Kinana im Salon. Die hübsche Lilahaarige sass in einem cremefarbenen Sessel vor dem Kamin, in dem jedoch im Spätsommer natürlich noch kein Feuer loderte. Sie trug ein einfaches apfelgrünes Kleid ohne jeglichen Schnickschnack, was normal war für eine adelige Dame die auf dem Land lebte. Gut, Kinana war nur ein Mündel, keine Lady. Aber in Eriks Augen hatte sie viel mehr Wert als die schnatternden, heiratsfähigen Adelstöchter in ihrem Alter.

Als er eintrat sah Kinana auf und ein strahlendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Eine Sekunde später war sie aufgesprungen und ihm um den Hals gefallen. Für Aristokraten war das natürlich nicht die Norm. Es war schon fast skandalös sich einem Mann an den Hals zu werfen, mit dem man nicht verheiratet war. Und selbst mit dem Ehemann war das nicht gut gesehen. Die Aristokraten waren die Creme der Gesellschaft, die Juwelen in der Krone. Allein deswegen sollte man sich nicht von seinen Emotionen überschwemmen lassen, sondern sich von der besten Seite zeigen und blablabla.

Aber Erik wollte schon immer nie zur Norm gehören und obwohl Kinana vom Verhalten her eine perfekte Lady sein könnte, auch sie wollte lieber sich selbst sein.

Der junge Korsar presste seine Freundin fester gegen sich. Es war erstaunlich, wie sehr er sie vermisst hatte. Aber warum überraschte ihn das? Kinana war seine beste Freundin und auch seine einzige Familie. Natürlich hatte er sie vermisst. Warum sollte er einen anderen Grund haben?

Du lügst dich selber an, hauchte eine leise Stimme in seinem Kopf, aber er ignorierte es gekonnt. Stattdessen löste er sich etwas von Kinana, ohne sie jedoch loszulassen. Ihre Augen strahlten wie richtige Smaragde als sie fragte: „Und, wie ist deine Mission gelaufen?"

„Nicht übel, es war bloss zu normal. Die Bösen jagen, einsacken, der Polizei übergeben und das war es schon. Es war sogar zu einfach, fast eine Zeitverschwendung. Darum bin ich ja schon nach zwei Wochen wieder zu Hause."

„Das freut mich, ich fühle mich immer so unsicher wenn du zu lange weg musst. Erik, bist du sicher, dass dieser Beruf das Richtige für dich ist? Es ist schliesslich nicht ohne Gefahr..."

Erik verdrehte die Augen (naja, sein Auge, das andere war für immer geschlossen). Nicht schon wieder dieses Thema. Geduldig erklärte er ihr zum Weiss-Gott-wievielten Mal: „Kinana, darüber haben wir schon gesprochen. Dieser Beruf als Korsar ist sehr wichtig für mich, es gibt mir eine gewisse Freiheit von der Etikette, die sonst anderen sehr viele Einschränkungen schenkt. Du weisst doch, wie wichtig Freiheit für mich ist... Seit unserer Kindheit."

Kinana nickte, natürlich wusste sie das. Sie hatte ja dieselbe schwere Kindheit erlebt wie er bevor sie getrennt wurden. Sie wusste nur zu gut, wie wichtig Freiheit aus diesem Grund für ihn war. Trotzdem hatte sie immer Angst, dass ihm als Korsar etwas passieren würde.

Erik streichelte lächelnd ihre Wange und nach einem gehauchten Kuss auf ihrer Stirn beruhigte er sie: „Keine Angst, diese Vergangenheit ist definitiv hinter uns. Und ich habe dir ja versprochen, dass ich nicht unnötig zur Luft stechen werde. Im Moment gibt es sowieso wenig Probleme mit den Luftpiraten, ich habe also wieder Zeit zu Hause zu bleiben."

Kinana nickte kurz, bevor sie wieder lächelte. Ein Glück, sie war einfach viel schöner wenn sie ein Lächeln auf dem Gesicht hatte. Eine Weile lang schwiegen sie, bevor Kinana zögernd wieder anfing zu reden: „Also, Erik... es gäbe etwas, was ich gerne machen würde..."

„Hm?", machte der Lord bloss. Kinana verlangte immer so gut wie gar nichts und wenn sie mal etwas wollte, war er natürlich ganz Ohr.

„Naja... nächste Woche geben die Heartfillias einen Ball. Ich weiss, dass du diese Familie nicht in deinem Herzen trägst und Bälle sowieso nicht gerade dein Ding ist. Aber... ich war lange nicht mehr in der Stadt und ich möchte gerne wieder an einem Ball teilnehmen."

Erik seufzte. Das war es also. Kinana hatte zwar nicht die gleiche Ablehnung wie er gegenüber solchen Anlässe und nahm noch gerne an Bällen teil. Aber zu viel auch wieder nicht, da unterschied sie sich wieder von den standardmässigen Adelstöchter. Ab und zu ein Ball genügte ihr, sonst nahm auch Kinana lieber das Leben auf dem Land vor.

Erik fuhr mit einer Hand durch seine verstrubbelten Haare. Wann hatte er Kinana jemals etwas abschlagen können?

„Na gut, wir werden hingehen. Zwei, drei Tage werden schon noch in unserem Stadthaus aushalten. Aber danach geht es zurück nach Hause, einverstanden?"

„Natürlich, Erik", strahlte Kinana voller Freude, bevor sie ihm einen Kuss auf die Wange drückte. „Du bist einfach ein Schatz. Ich verspreche dir, dass du nicht bis Mitternacht bleiben musst, das wäre übertrieben. Aber etwas Spass haben werden wir trotzdem. Ausserdem wollte ich schon lange bei einem solchen Anlass das violette Ballkleid tragen, welches du mir letzten Monat geschenkt hast."

Ob sie Spass haben würden, bezweifelte Erik. Naja, er zumindest, Kinana würde sicher Spass haben und das genügte ihm. Aber es war tatsächlich der perfekte Zeitpunkt das violette Ballkleid mit den schlichten silbernen Stickereien zu tragen, welches er ihr geschenkt hatte. Violett passte immer perfekt zu Kinana, sie würde darin umwerfend aussehen.

Hoffentlich würden nicht zu viele Männer ihr den Hof machen... Himmel, was dachte er da eigentlich? Kinana war eine wunderschöne Frau, es war durchaus normal, dass gewisse Männer ihr den Hof machen würden. Warum also gefiel ihm dieser Gedanke ganz und gar nicht? Erik schob es auf seinen Beschützerinstinkt gegenüber Kinana, jener des Bruders gegenüber der Schwester.

„Du kannst ja schon mal mit Violet die ersten Vorbereitungen machen. Ich habe im Büro noch einen Brief, denn ich besser noch lesen sollte. Danach sollte die Küche besser schon anfangen das Abendessen vorzubereiten. Nach dieser Reise habe ich einen Bärenhunger."

„Schon erledigt, Erik. Kaum habe ich von deiner Rückkehr gehört, habe ich der Küche schon gesagt, sie sollen das Essen zubereiten. In einer halben Stunde wird es soweit sein", kicherte Kinana und Erik erstaunte sich einmal mehr, wie gut sie die Rolle einer Hausherrin übernehmen konnte. Aber er lächelte, so sehr freute er sich, dass die Lilahaarige wie immer an alles gedacht hatte für seine Rückkehr. Naja, viel war es nicht, aber es genügte ihm.

Kinana ging nachher in ihr Zimmer und rief nach Violet, ihrer Maid. Für den Ball der Heartfillias würde es noch einiges zu vorbereiten geben. Erik hingegen ging in sein Büro. Es war eher ein kleiner Raum mit nur einem Fenster mit Ausblick auf Osten, einem Schreibtisch mit Sessel und Besuchersessel sowie zwei Regalen. Verglichen zu den üblichen Büros von Aristokraten war es eher schlicht und ähnelte eher einem Anwalt- oder Arzt-Büro. Aber er fand ja immer, dass man keinen halben Ballsaal brauchte um die Geschäfte der Familie zu führen.

Der Brief lag gut sichtbar in der Mitte des Schreibtisches aus Mahagoni. Braver Flambeau, er war wirklich ein toller Kerl. Es schien tatsächlich bloss ein privater Brief zu sein, nur die Adresse stand darauf, sowie das Siegel des Senders aus Wachs.

Erik runzelte die Stirn. Das Wachs war schwarz. Üblicherweise nahm man doch rotes Wachs für die Siegel. Der Einzige, den er kannte, der schwarzes Wachs brauchte, war...

Der junge Korsar erschrak. Eine böse Vorahnung wuchs in ihm. Blitzschnell schnappte er sich den Brief und beobachtete die Schrift genau. Ja, das war eindeutig seine Schrift. Und es gab noch einen weiteren Beweis... Das Wappen auf dem Siegel erkannte auch sofort. Ein merkwürdiges Zeichen und daneben einen Stock mit einem Totenkopf darauf.

Verdammt! Hatte er Kinana vorhin nicht noch gesagt, dass die Vergangenheit endgültig hinter ihnen wäre? Dabei hatte die Vergangenheit sie mit diesem Brief wieder eingeholt. Das konnte doch nicht wahr sein! Wie hatte ER sie finden können nach all diesen Jahren?

Seufzend legte Erik den Brief auf dem Schreibtisch zurück. Würden er und Kinana jemals frei sein vor ihrer Vergangenheit?