Dasselbe Bild starrte ihn an. Dasselbe Bild wie immer. Kalt, grau, nass und verzweifelt. Die Augen verkniffen, dazwischen eine wütende Falte, den Mund verzogen. Er war keinen Schritt weitergekommen in seinen Bemühungen, keinen einzigen verdammten Schritt. Doch noch war er nicht bereit aufzugeben und den Zauberstab wegzuwerfen, obwohl alles in ihm danach schrie. Aufgeben, fallen lassen und nichts mehr tun müssen. Er brauchte eine gute Idee, einen Plan.

Tief ein und aus atmend versuchte Draco, sich zu beruhigen.

Er fluchte. Wie konnte er an Harry herankommen? Wie konnte er ihm so nahe kommen, dass er ihn mit Leichtigkeit töten konnte? Seine Gedanken rasten, unfähig eine Lösung zu finden. Die Zeit rann ihm zwischen den Fingern hindurch wie flüssiger Sand, er spürte es beinahe wie das Zeug über seine schweißnassen Hände glitt und alles zu spät war...

Wie seine Familie schrie, der Vater mehr außer sich als je zu vor in seinem ganzen Leben. Wie seine Mutter in Panik versuchte, sich vor ihn zu werfen, ihn zu schützen... Und wie der Dunkle Lord nur lachte, hoch und eiskalt, völlig gleichgültig den Menschenleben, die er gerade auslöschte.

Draco atmete aus.

Die Schreie in seinem Kopf wurden leiser und verstummten schließlich. Um ihn herum waren wieder die hässlichen grauen Fließen des Badezimmers der Maulenden Myrte, deren Geheule aus einem der Abflussrohre zu ihm herauf drang, dumpf und hohl.

Er brauchte einen Plan.

Die Augen schließend versuchte er sich zu konzentrieren. Um an Harry heran zu kommen, musste er den Platz einer seiner ach so geliebten Freunde einnehmen. Plötzlich tauchte ein glasklares Bild in seinem Kopf auf.

Ungläubig sein eigenes Spiegelbild anstarrend formten sich seine Lippen zu einem überraschten O und ein äußerst seltsames Geräusch entwich Dracos Kehle.

Erst als sich das Geräusch wie ein Schluckauf nicht aufhalten ließ, erkannte er, was es war: Lachen. Sekunden später hing er unter hysterischem Gelächter über dem Waschbecken und konnte nicht aufhören.

Er hatte die Lösung.

Mühsam richtete er sich auf und wischte sich die Spucke von den Lippen. Im selben Moment – er dachte erst, er hätte es sich eingebildet – sah er wieder die grünen Augen hinter sich. Draco fuhr herum, nur um abermals diese verhasste Gestalt zu erblicken.

Schwarze, unordentliche Haare, in etwa so groß wie er und mit der unvermeidlichen dünnen Statur eines Jugendlichen, der zu schnell gewachsen war. Dracos Blick suchten die Narbe auf der Stirn, diesen blitzförmigen Schnitt, der ihn so berühmt gemacht hatte.

„Was hast du vor?" Harrys Stimme durchschnitt die Stille. Es klang wütend.

„Das geht dich nichts an!", fuhr Draco ihn an.

„Hau endlich ab und hör auf mich zu nerven!"

„Ganz bestimmt nicht." Der Schwarzhaarige trat einen Schritt auf ihn zu, Zauberstab in der Hand und in seinem Gesicht zeichnete sich der Zorn ab, den schon seine Stimme verraten hatte.

„Verpiss dich!" Draco klang, wie er sich fühlte, nämlich ganz und gar nicht kalt und eisig – wie die Stimme des Dunklen Lords in seinem Kopf – sondern schrill und panisch, gemischt mit Wut und den letzten Resten wahnsinnigen Gelächters.

„Oh nein, vergiss es!" Harry trat noch einen Schritt näher.

Zitternd wie ein eingesperrtes Tier klammerte Draco sich am Waschbecken fest. Seine schweißnassen Finger rutschten.

„Fick dich, hau ab!", brüllte er dem Schwarzhaarigen entgegen, doch dieser ließ sich nach wie vor nicht davon abbringen immer näher und näher zu rücken... Wie ein Schatten, ein dunkler Schatten...

„Aaaah!"

Mit einem kreischenden Schrei sprintete Draco nach vorne und stürzte sich auf Harry. In wilder Verzweiflung schaltete sich sein Verstand vollkommen aus, der Zauberstab war komplett vergessen. Stattdessen schlug und trat Draco jedes Stückchen, das er von seinem Rivalen erreichen konnte. Es waren ziemlich harte und unbarmherzige Tritte

Natürlich blieben sie nicht unbeantwortet und in ebenso wildem Zorn begann Harry sich zu wehren, den Zauberstab irgendwo auf den Fliesen liegend, stattdessen sich wie ein gewöhnlicher Muggel auf dem Boden prügelnd.

Beide keuchten und ächzten, ließen aber keinen Millimeter voneinander ab. Draco gelang es, ein paar Schläge und Kratzer in Harrys Gesicht zu platzieren, wohingegen sich bei ihm selbst nach wenigen Sekunden schon die ersten blauen Flecken auf der blassen Haut abzeichneten.

„Lass los!" Draco würgte, während Harry ihn bedrohlich am Hemdkragen hielt.

„Erst wenn du mir sagst, was du hier tust!", zischte Harry zurück.

„Vergiss es!"

Der Blonde kämpfte seine linke Hand frei und versuchte den Rivalen wegzudrücken. Es gelang ihm nicht. Inzwischen lagen sie beide mit nassen, dreckigen Klamotten auf dem Boden und starrten sich nicht minder finster an als durch den Spiegel zuvor.

Ein paar eisgraue Augen trafen auf grüne. Für den Bruchteil einer Sekunde war die Spannung zwischen ihnen fast greifbar – ehe Harry losließ, als habe ihn ein Schockzauber getroffen.

Keuchend fiel Draco zurück und fing sich mit den Händen ab bevor er mit dem Kopf auf dem harten Boden aufschlagen konnte.

„Haust du jetzt endlich ab, oder was?"

Harry rappelte sich schwerfällig auf und schwankte ein bisschen als er endlich wieder auf den Füßen stand. Für einen Moment herrschte Schweigen.

„Ich komme wieder."

*AB*AB*

Es war nicht eben eine leichte Aufgabe, im Zaubertrankunterricht unter Slughorns umherhuschenden Blicken Zutaten aus dem Schrank zu stehlen, aber Draco gab sich alle Mühe. Heute war ein Verwirr-mich-Trank an der Reihe und er hätte vielleicht angesichts der Ironie darin gelacht, wenn es nicht so ernst gewesen wäre. Und wenn er nicht unter chronischem Schlafmangel leiden würde.

Die Alpträume ließen ihn kaum los, weshalb er in letzter Zeit dazu übergegangen war, nachts so lange zu lesen bis ihm die Augen von selbst zufielen. Das hatte leider den Nebeneffekt, dass er kaum Schlaf abbekam und sein neu erworbenes Wissen im Unterricht schlecht nutzen konnte.

Nach einem absichernden Blick nach links und rechts griff Draco in den Zutatenschrank und erwischte eine handvoll des Krautes, das er benötigte. Immerhin. Das musste reichen.

Rasch ließ er das Zeug in seinen Mantel gleiten und nahm ein paar Stachelschweinstacheln heraus, eine Zutat für den heutigen Trank.

Am Nachbartisch unterhielt sich das übliche Trio aus Gryffindor halblaut, doch dieses Mal machte Draco sich nicht die Mühe zu lauschen. Sollte der Kerl doch erzählen, was er wollte. Aus ihm würde er sowieso nie ein Wort herausbekommen.

Mit grimmiger Miene zerlegte Draco die Stacheln.

*AB*AB*

Dieses Mal war er deutlich ruhiger, als er das abgelegene Bad der Maulenden Myrte erreichte. Immerhin hatte er jetzt einen Plan, das war mehr als er bisher hatte vorweisen können. Gleich heute Morgen hatte er seinen Eltern geschrieben, natürlich nur in versteckten Hinweisen. Aber sie würden verstehen, was er meinte.

Hoffentlich gab ihnen das mehr Zeit.

Er warf die heute zusammengeklauten Zutaten aus seinem Mantel in einen alten Kessel, der in der letzten Kabine stand. Bisher befanden sich schon ein paar Rindenstücke und eine Phiole mit Seewasser darin, nun kam das Kraut hinzu. Eins nach dem anderen würde sich der Kessel füllen bis er endlich den Trank zubereiten konnte, der ihn ein Stück näher an Potter heran bringen würde.

Erschöpft setzte sich Draco neben die verstopfte Kloschüssel auf den nassen Boden. Er musste dringend dran denken, irgendwas zum Setzen hier rein zu schmuggeln, ermahnte er sich in Gedanken.

Seine Augen fielen ganz von selbst zu, so schwer waren die Lider nach der letzten, beinahe schlaflosen Nacht.

Die Kälte, der harte Boden.. nichts davon spürte Draco mehr als sein Kopf zur Seite fiel.

Draco stand im Wohnzimmer. Auf dem marmornen Kamin tickte die alte Uhr, die schon seit Jahrhunderten im Familienbesitz war und deren Zeiger die Form von Schlangen aufwiesen. In der Mitte glomm ein roter Rubin. Beide Zeiger standen auf der Zwölf, es herrschte tiefste Finsternis um ihn herum. Selbst die grünlichen Gaslampen an den Wänden waren erloschen...

Etwas, das sonst nie geschah.

Misstrauisch und mit klopfendem Herzen sah Draco sich um. Alles war ruhig, eigentlich wie immer. In Malfoy Manor herrschte niemals Lärm. Doch das hier war anders, eine erstickende, schwere Stille – wie eine Decke, die über allem lag.

Er atmete zitternd ein und ging ein paar Schritte zu der Tür, die, wie er wusste, ins Esszimmer führte. Von dort drang grünliches Licht durch den Spalt.

Die Gaslampen dort mussten also noch brennen.

Warum das so wichtig war, wusste er selbst nicht, aber er hatte das Gefühl, es war essentiell. Wenn die Lampen erloschen, würde etwas Schreckliches geschehen, das wusste er einfach. Solange sie an waren, war alles gut... Es musste alles gut sein! Bitte!

Den Hals mit einem dicken Kloß bis zum Ersticken verschlossen trat er auf die Türzu und stieß sie auf.

Dann hörte er einen Schrei.

„Malfoy!"

Jemand rüttelte ihn.

Er wehrte sich mit Händen und Füßen, kratze und schlug. Doch es nützte nichts, das Bild hatte sich in seinen Kopf gebrannt wie ein ewiges Bild.

Noch immer war der Schrei zu hören. Es dauerte eine ganze Weile bis er begriff, dass es sein eigener Schrei war und sein Hals mehr als heiser war.

„Malfoy, wach auf!

Endlich riss er die Augen auf.

Durch die Tränen sah er nur verschwommen, konnte aber sofort ausmachen, wem die vertraute Stimme gehörte. Harry.

„Gott, hör auf zu schreien! Sonst steht gleich die ganze Schule hier."

Nur mühsam schaffte Draco es, den Mund zu schließen und diesen in ihm sitzenden Schrei zu unterdrücken. Er bohrte sich stattdessen wie ein Stachel in ihn hinein und drohte ihn zu zerreissen. Wie besessen klammerte er sich an das einzig Lebendige um ihn herum, seine Finger klammerten sich an Harrys Umhang und hielten ihn zum Zerreissen fest.

Ganz langsam, unendlich langsam kam Draco wieder zu Bewusstsein, sein Atem wurde ruhiger und nicht mehr schnappend und keuchend. Harry hielt ihn fest. Er ließ es sogar zu, dass Dracos Finger weiter den Umhang festhielten als ginge es um sein Leben.

Noch immer brachte er kein Wort heraus, nur dieses Bild aus seinem Traum stand ihm vor Augen und für einen Moment verschwamm Harry wieder vor ihm, stattdessen waren da wieder seine Eltern...

Panisch keuchte Draco auf. Er wollte das nicht sehen, nein nein nein... Er wollte nicht mehr. Zu spät merkte er, dass er den Kopf wie ein kleines Kind in Harrys Umhang gepresst hatte.

Ziemlich überrumpelt ließ sich Harry auf den Boden sinken und tätschelte ihm schließlich sogar ganz vorsichtig den Rücken.

„So übel?", fragte er leise.

Draco nickte nur, das Gesicht im Stoff verborgen. Da war es schön dunkel.

Eine ganze Weile saßen sie so da, keiner von ihnen sagte ein Wort. Was hätten sie auch sagen sollen? Nichts machte gerade mehr Sinn und Draco wollte zuallerletzt an den Auftrag denken, den er eigentlich hatte. Und den er jetzt mühelos ausführen konnte.

Sogar den Zauberstab spürte er an seinen Rippen, er musste ihn nur ziehen und...

Er kniff die Augen zu. Nein.

„Geh."

Es war nur ganz leise, beinahe ein Hauch, doch Draco wusste, dass Harry ihn hören würde. Nicht einmal unfreundlich, wütend oder abweisend klang seine Stimme, stattdessen beinahe bittend.

Draco wusste, wenn Harry noch länger blieb, würde er ihn töten müssen.

Anscheinend spürte sein Gegenüber den Ernst der Lage, denn er löste sich ohne zu fragen von dem Blonden und stand auf. Draco lehnte sich totmüde zurück.

Noch ehe Draco wieder die Augen geschlossen hatte, war Harry verschwunden.