"Detectives Griffin und Powell in mein Büro. Sofort!", schallte die Stimme des Captains durch das Revier.
Kermit, der gerade dabei war, sich die nächste Tasse Kaffee einzuschenken warf Jody einen fragenden Blick zu, der von ihr genauso fragend erwidert wurde. Sie leistete ihm an der Kaffeemaschine Gesellschaft.
"Weißt du, was der Captain will?", erkundigte sie sich.
"Nein, aber wir werden es sicher erfahren, wenn wir dem Befehl nachkommen", erwiderte Kermit sarkastisch.
Jody verdrehte nur die Augen, als sie ihrem Zeitweise Partner in Captain Simms Büro folgte. Sie setzte sich in den freien Stuhl vor dem Schreibtisch und Kermit lehnte wie immer an die Wand, die Kaffeetasse in der Hand. Der Captain ließ die Beiden eine Weile warten, bevor sie von ihrem Ordner hoch schaute.
"Ein Toter wurde in der Forth Street gefunden. Ich möchte, dass sie beide sich darum kümmern."
"Irgendwelche Einzelheiten?", erkundigte sich Kermit.
"Nein, noch nichts. Der Anruf kam erst vor wenigen Minuten herein. Ein Team zur Spurensicherung ist schon auf dem Weg und sie sollten das auch tun, Detectives", erwiderte der Captain und warf beiden einen harten Blick zu.
Jody zog automatisch den Kopf zwischen die Schulterblätter ein. "Sind schon unterwegs Captain", meinte sie und eilte aus dem Raum, dicht gefolgt von Kermit.
"Na toll", beschwerte sich Kermit "Als ob ich nicht schon genug mit dem Wilson Fall und eueren dauernden Unterbrechungen zu tun hätte. Nun werde ich zu allem Überfluss auch noch auf einen Außeneinsatz geschickt."
Jody lächelte schräg und schlug Kermit auf die Schulter, was er mit einem scharfen Seitenblick kommentierte.
"Mach dir nichts daraus, Partner. Ich habe auch nicht gerade wenig zu tun, aber was soll's, nun musst du eben auch mal dran glauben."
Kermit murmelte etwas undefinierbares in seinen nicht vorhandenen Bart und stapfte in Richtung Ausgang. Jody zuckte nur die Schulter und trotte ihm hinterher.
*Das kann ja lustig werden, wenn er weiterhin diese Laune hat*, dachte sie nicht gerade begeistert.
Knapp zehn Minuten später hatten Jody und Kermit den Tatort erreicht. Sie schlüpften unter dem gelben Band hindurch, das die Zone abgrenzte. Kermit zeigte dem zuständigen Straßenpolizisten kurz seinen Ausweis und wandte sich dann direkt dem Toten zu, mit dem sich Nickie Elder beschäftigte. Der Tote lag schon im Leichensack auf der Bahre.
"Hallo Nickie", wurde der Pathologe von Jody begrüßt. Kermit war wie immer schweigsam.
"Hallo Jody, Kermit", erwiderte Nickie.
"Kannst du uns schon etwas über die Todesursache und den Todeszeitpunkt sagen?", erkundigte sich Jody.
"Zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Allerdings, wenn ich mir die verzerrten Gesichtszüge anschaue und den Ausdruck in den Augen, würde ich sagen er ist vor Schreck gestorben."
Kermit zog eine Augenbraue in die Höhe. "Vor Schreck?" wiederholte er.
Nickie zuckte unsicher die Schultern, neben Griffin fühlte er sich nie wohl, der Mann jagte ihm Angst ein.
"Ja, schau dir doch den Ausdruck in seinem Gesicht an. Es scheint, als hätte der Mann etwas grauenvolles erlebt oder gesehen und das Herz hat ausgesetzt. Aber ich kann erst genaueres sagen, wenn ich ihn näher untersucht habe. Es scheint zumindest rein äußerlich, keine Gewaltanwendung gegeben zu haben. Der Mann weist weder blaue Flecke noch Wunden auf soweit ich es zum jetzigen Zeitpunkt sagen kann."
"Und wie lange lag er schon hier?", hakte Jody nach.
"Auch das kann ich nicht genau sagen, vielleicht so drei oder vier Stunden, aber das ist nur eine grobe Schätzung. Rufe mich heute Abend an und ich kann dir mehr mitteilen."
Kermit trat näher an die Bahre heran und zog den Reißverschluss des Leichsacks herunter. Jody musste sich einen Augenblick abwenden, als das Gesicht des Mannes zum Vorschein kam.
Nickie hatte nicht übertrieben. Das Gesicht des Toten war vollkommen verzerrt, hatte fast nichts menschliches mehr an sich. Es war offensichtlich, dass der Tote ein schreckliches Erlebnis gehabt hatte, das zu seinem Tode führte. Das nächste was Kermit auffiel, war der gut geschnittene Anzug, den der Tote trug, welcher absolut nicht in diese heruntergekommene Gegend passte.
"Hatte er einen Ausweis bei sich?", fragte Kermit.
Nickie zeigte mit dem Finger auf einen anderen Polizisten. "Das musst du ihn fragen, er hat die Durchsuchung durchgeführt. Kann ich die Leiche nun wegbringen?"
Kermit nickte. "Ja, kannst du. Schicke den Bericht direkt an mich, wenn du ihn soweit fertig hast. Jody wird dich heute Abend auf jeden Fall auch noch anrufen."
"Ist gut."
Nickie machte sich an den Abtransport. Jody und Kermit gingen zu dem von Nickie beschriebenen Polizisten. Jody zeigte kurz ihren Ausweis vor.
"Detective Powell und Griffin vom 101. Revier. Konnte der Mann schon identifiziert werden?"
Der Polizist wandte sich Jody zu und nickte. "Ja, Detective. Er hatte seine Brieftasche noch, ein Raub fällt also aus."
Kermit streckte die Hände auffordernd dem Polizisten entgegen, der ihm sofort die Brieftasche aushändigte. Der Detectvie durchsuchte sie kurz. Das Geld, über 200 Dollar war noch da, ebenso die Kreditkarten und der Ausweis. Laut las er den Namen vor. "Brett Fischer."
"Doch nicht DER Brett Fischer von den Fischer Modewerken?", bemerkte Jody überrascht.
Kermit schaute noch einmal in der Brieftasche nach und fand eine Visitenkarte. "Doch genau der", bestätigte er.
"Das gibt es doch gar nicht. Ich frage mich, was ein Mann wie er in so einer Gegend wie dieser hier macht."
Kermit warf ihr einen kurzen Blick zu. "Um das heraus zu finden sind wie hier, Herzblatt", entgegnete er sarkastisch.
Jody überhörte seine Bemerkung großzügig. "Okay, dann werde ich mich auf den Weg machen und seine Angehörigen befragen und du kannst zurück ins Revier, um deine Nachforschungen anzustellen", meinte sie.
Kermit nickte bestätigend und entfernte sich.
Am späten Nachtmittag trafen sich die beiden wie verabredet zu einer Lagebesprechung in Kermits Büro. Jody ließ sich auf den Stuhl neben Kermit fallen und schaute ihm über die Schulter, während er wild auf seinem Keyboard herum tippte.
"Und, schon weiter gekommen?" fragte sie.
"Wie man es nimmt. Die Fischer Modewerke sind ein großes Unternehmen, aber sauber. Und dieser Brett Fischer scheint auch eine lupenreine Weste zu haben. Er hat noch nicht einmal ein Ticket wegen Falschparkens bekommen. Gibt es etwas Neues bei dir?"
"Nein, auch nichts. Die üblichen Reaktionen eben. Du weißt, es ist nicht unbedingt die schönste Aufgabe, einem Familienmitglied mitzuteilen, dass ein Angehöriger verstorben ist. Weder sein Vater noch seine Mutter konnten sich erklären, was er in dieser Gegend gemacht hat. Laut ihrer Aussage ist er das, was man einen Vorzeigesohn nennt. Er arbeitete brav, trank nicht, rauchte nicht und führte auch sonst kein wildes Leben, ein typischer Workaholic. Um es auf den Punkt zu bringen, ich habe keinerlei Anhaltspunkte wo wir ansetzen könnten."
Kermit lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
"Das heißt, wir müssen warten bis Nickie den Bericht erstellt hat. Ich werde noch ein wenig weiter wühlen, vielleicht finde ich doch noch etwas. Ich werde immer misstrauisch, wenn jemand solch eine blütenreine Weste hat, wie dieser Fischer."
"Tu das und ich werde mal den Fischer Werken einen Besuch abstatten. Mal schauen, was die Mitarbeiter über ihn sagen. Gib mir Bescheid, wenn du den Bericht von Nickie hast."
"Werde ich."
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Gegen Abend kehrte Jody sichtlich erschöpft in Kermits Büro zurück. Mit knappen Worten erzählte sie ihm, dass auch die Mitarbeiter nichts schlechtes über den Chef zu sagen hatten. Wie es schien, war er beliebt gewesen und behandelte seine Mitarbeiter gut. Alle hatten betroffen reagiert, niemand hatte Jodys Misstrauen erregt. Auch Kermit hatte nichts neues heraus gefunden. Sie schienen in einer Sackgasse gelandet zu sein.
Noch während sie sich unterhielten traf Nickies Bericht ein. Jody bedankte sich bei dem Boten und blätterte darin herum. Sie fluchte leise.
"Mist, auch hier ist nicht viel zu finden. Die Todesursache war, wie Nickie es voraus gesagt hat, ein Herzstillstand. Es gibt keine Spuren von äußerlicher Gewalteinwendung und auch keine Spuren irgend eines Giftes. Das Einzige was erhöht war, waren seine Adrenalinwerte und das ist kein Wunder, wenn man bedenkt wie er ausgesehen hat. Ich frage mich wirklich, was einen 40-jährigen, gesunden Mann dermaßen erschrecken kann, dass er an einem Herzinfarkt stirbt."
Kermit zuckte die Schultern und schaute auf die Uhr. "Wenn du es heraus gefunden hast, lass es mich wissen. Komm, machen wir für heute Schluss. Morgen werden wir uns noch einmal am Tatort umschauen, vielleicht hat jemand doch etwas gesehen oder gehört."
Jody seufzte zustimmend. "Du hast recht. Mir tun eh schon die Füße weh vom vielen Laufen. Die Firma ist riesig, sage ich dir. Für heute können wir eh nicht mehr viel tun."
Kermit verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln. "Dann würde ich mir an deiner Stelle Jemanden suchen, der dir die Füße massiert. Peter soll nicht schlecht darin sein, habe ich mir sagen lassen."
Jody versetzte ihm einen spielerischen Stoß gegen die Schulter. "Lass dir mal etwas neues einfallen. Wie geht es Peter überhaupt? Ich habe ihn schon eine Weile nicht mehr gesehen. Das letzte Mal war es, als wir ihm geholfen haben, das Appartement einzurichten. Seitdem er Priester ist, macht er sich ziemlich rar."
"Ganz gut würde ich sagen. Wahrscheinlich steckt er mal wieder bei Cara. Die beiden sind fast nicht auseinander zu bringen. Man könnte meinen, man hat zwei Siamesische Zwillinge vor sich."
Etwas an Kermits Tonfall ließ Jody aufhorchen. Sie grinste innerlich und fragte herausfordernd: "Sag bloß, Kermit Griffin ist eifersüchtig!"
Ein eiskalter Blick, der die Hölle zufrieren lassen konnte, war alles was Jody erhielt, bevor Kermit ohne ein weiteres Wort das Büro verließ. Jody lächelte breit, mit ihrer Aussage hatte sie wohl einen Nerv getroffen. Das würde sie für alle Fälle mal im Kopf behalten, wer wusste schon wofür es noch gut war.
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Kermit fluchte verhalten auf der Fahrt zu Caras Geschäft. Er hatte ihr versprochen nach seiner Schicht, die regulär um 18 Uhr geendet hatte, aufzutauchen und jetzt war es fast 22 Uhr.
*Wahrscheinlich ist sie gar nicht mehr da und zudem noch stinksauer auf mich, weil ich sie wieder einmal versetzt habe*, dachte er.
Um so überraschter war er, als er noch Licht in ihrem Laden sah. Hatte sie tatsächlich auf ihn gewartet? Da er Cara nicht im Raum entdeckte schloss er mit dem Schlüssel, den Cara ihm gegeben hatte die Türe auf. Mit Absicht verursachte er ein paar Geräusche, damit sie ihn hörte.
"Peter, bist du das?", kam es aus dem hinteren Raum.
Kermit verdrehte die Augen. Peter und immer wieder Peter, so langsam hatte er wirklich genug davon.
"Nein, ich bin es", erwiderte er leicht unwirsch.
"Kermit? Gott sei Dank bist wenigstens du hier, ich wollte dich schon anrufen", entgegnete Cara.
Das Zittern in ihrem Tonfall ließ Kermit aufhorchen. Er beobachtete sie genau, während sie auf ihn zueilte. Sie war blass und schien auch geweint zu haben. Es fiel ihm nicht schwer zu erkennen, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.
"Was ist passiert Cara?", erkundigte er sich, als sie ihn erreicht hatte und griff beruhigend nach ihrer Hand.
Die kleine Geste brachte Cara wieder dem Weinen nahe. Sie versuchte zu sprechen, brachte aber keinen Ton heraus. Kermit führte sie zu dem roten Sofa und setzte sich dicht neben sie. Entgegen seiner Art legte er einen Arm um ihre Schultern und zog sie näher an sich.
"Okay Cara, nun erzähle mir mal was los ist."
Sie brachte nur ein Wort heraus, bevor sie nun doch in Tränen ausbrach. "Peter!"
Instinktiv zog Kermit ihren bebenden Körper noch näher an sich, und versuchte so gut es ging sie zu beruhigen. So nach und nach gelang es ihm, die ganze Geschichte aus ihr heraus zu bekommen. Irgendwann hatte sie sich auch beruhigt, so dass er sie wieder los ließ. Sie rückte unangenehm berührt ein Stück weg von ihm.
"Also, wenn ich das Ganze zusammen fasse, dann ist Peter gestern Nacht betrunken vor deiner Türe aufgetaucht und seitdem ist er verschwunden?", hakte er nach, um sicher zu gehen, dass er alles verstanden hatte.
Cara nickte. "Ja, er antwortet nicht auf meine Anrufe, sein Handy ist aus und Caine hat ihn auch nicht gesehen", flüsterte sie. Ängstliche Augen schauten zu Kermit hoch. "Glaubst du, ihm ist etwas passiert?"
"Wenn Caine meint sein Sohn ist nicht in Gefahr, dann kannst du es glauben. Ich denke einfach, er hat sich eine kleine Auszeit genommen."
"Verdammt, aber warum meldet er sich dann nicht? Es sieht ihm nicht ähnlich!", rief Cara aus.
Kermit ließ sich nicht anmerken, dass er sich ebenfalls Sorgen um seinen Freund machte.
"Im Moment können wir leider nicht mehr tun, als zu warten, Cara. Ich kann ihn schlecht zur Fahndung ausschreiben, nur weil er gestern Nacht betrunken war. Aber wir können uns ins Auto setzen und ihn suchen."
"Das bringt doch nichts, Kermit. Wenn Peter nicht gefunden werden will, dann finden wir ihn auch nicht und wenn ihm etwas passiert ist, er überfallen wurde, dann haben sie sein Auto versteckt."
Kermit bemerkte, dass Cara erneut kurz vor einem Tränenausbruch stand.
"Na, na, Cara, sieh das alles nicht so düster. Peter kann ganz gut auf sich selbst aufpassen. Du wirst sehen, bald spaziert er durch diese Türe und du wirst erleben, dass du dir umsonst Sorgen gemacht hast", meinte Kermit zuversichtlicher als er sich fühlte.
Wie auf ein Zeichen hin wurde in diesem Moment ein Schlüssel ins Schloss gesteckt. Kermit und Cara sprangen von der Couch hoch. Peter trat mit einem leicht schuldbewussten Ausdruck in den Augen in den Raum.
"Peter!" Caras Erleichterung war ihr deutlich anzumerken.
"Hallo", erwiderte Peter zögernd, nicht sicher, was ihn hier erwartete.
Caras Angst um Peter verwandelte sich innerhalb einer Sekunde in Wut, nun da er sicher und unverletzt vor ihr stand.
"Wo warst du? Warum hast du dich nicht gemeldet und bist ohne einen Ton zu sagen einfach abgehauen?", herrschte sie ihn an.
Peter hatte den Anstand zu erröten. "Tut mir leid, Cara. Ich hatte ein paar Probleme, die ich lösen musste und brauchte Zeit zum nachdenken...ich.…"
Peters Rede wurde von Caras nächstem Redeschwall unterbrochen. "Und du hast keinen Augenblick daran gedacht, dass ich mir vielleicht Sorgen mache, nachdem du einfach so abgehauen bist?"
"Doch, aber mein Akku vom Handy war leer, ich konnte nicht anrufen."
"Ach, und sämtliche Telefonzellen waren wohl auch ausgefallen, oder hattest du kein Kleingeld in der Tasche? Dein Vater ist auch außer sich vor Sorge. Hast du überhaupt eine Ahnung davon, was du uns mit deinem Verschwinden angetan hast? Wir dachten, du bist vielleicht verletzt und liegst irgendwo oder noch Schlimmeres." Caras Stimme wurde mit jedem Wort lauter.
Peter trat überrascht einen Schritt zurück. So hatte er die junge Frau noch nie erlebt. Auch Kermit warf ihr einen erstaunten Seitenblick zu. Er sah, wie sich ihre Muskeln anspannten und ahnte was als nächstes passieren würde, auch wenn er es nicht glauben konnte.
Peter hob abwehrend die Hände hoch. "Nun mach mal halblang, Cara. Ich bin ein erwachsener Mensch und habe das Recht, mich auch einmal zurückziehen zu dürfen, wie jeder Andere auch. Das solltest du respektieren."
"Zum Teufel mit dem Respekt. Ausgerechnet du redest von Respekt? Wo ist denn dein Respekt deinem Vater gegenüber? Dein Respekt mir gegenüber? Hättest du wenigstens eine kurze Nachricht hinterlassen, dass du unterwegs bist, denn wäre alles okay gewesen, aber so... Ist das Respekt, sturzbetrunken vor meiner Türe aufzutauchen, mein Wohnzimmer in ein Chaos zu verwandeln und dann ohne ein Wort zu verschwinden?", schrie Cara, ihre Stimme überschlug sich fast.
"Nun beruhige dich mal wieder, es ist ja nichts passiert und Paps geht es gut. Ich habe vorhin mit ihm gesprochen, bevor ich zu dir gekommen bin. Du bist die Einzige, die sich vollkommen hysterisch benimmt und das nur, weil du mich mal einen Tag nicht erreichen konntest", erwiderte Peter ohne groß über seine Worte nachzudenken.
Kermit zog scharf die Luft ein. Dass das die falschen Worte gewesen waren, war Cara deutlich anzumerken. Ihre Augen funkelten zornig, als sie näher auf Peter zutrat. Der ehemalige Cop machte den Fehler und wollte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter legen. Cara schlug seinen Arm einfach zu Seite.
"Wage es ja nie wieder, mich anzufassen, Peter Caine! Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Du meinst, damit, dass du hier herein kommst und dich halbherzig entschuldigst ist alles erledigt? Doch da irrst du dich gewaltig. Bis heute habe ich nicht gewusst wie egoistisch und herzlos du sein kannst. Dass du dich nicht schämst!", explodierte Cara.
Im nächsten Moment ging sie wie eine Furie auf ihn los. Peter war so überrascht von ihrem plötzlichen Angriff, dass er gar nicht daran dachte, ihr Einhalt zu gebieten. Er ließ einfach zu, dass sie mit ihren kleinen Fäusten auf seine Brust eintrommelte.
Kermit, der das vorausgeahnt hatte, schritt ein. Er schlang einen Arm um Caras Taille, hob sie einfach vom Boden hoch und trat mit ihr zwei Schritte rückwärts. Da sie eh so klein und zierlich war, hatte er damit keine Schwierigkeiten. Viel schwerer war es allerdings, sie so zu halten.
Cara gebärdete sich wie eine Wilde, entwickelte Kräfte, die Kermit ihr nicht zugetraut hatte. "Lass mich los, ich kratze ihm die Augen aus!", schrie sie und wand sich in seinem Griff.
Ihr Ellbogen traf Kermits Magen und schnitt ihm für ein paar Sekunden die Luft ab. Fast hätte er sie losgelassen.
Kermit schlang seinen zweiten Arm nun ebenfalls um sie herum und schaffte es so, sie effektiv fest zu halten, so dass sie zumindest ihre Hände nicht mehr benutzen konnte. Allerdings änderte das nichts an der Tatsache, dass sie sich trotzdem noch wie eine Schlange in seinem härter werdenden Griff wand.
"Peter, tu dir einen Gefallen und verschwinde von hier. Ich melde mich später bei dir, wenn ich diesen Wirbelwind in den Griff bekommen habe", keuchte Kermit.
Peter, der bis jetzt vollkommen fassungslos dem Ganzen zugeschaut hatte, wurde durch Kermits Worte wieder in die Realität gerissen. Er sah ein, dass es besser so war. Solange Cara ihn noch im Blickfeld hatte, würde sie sich nicht beruhigen. Daher drehte er sich mit einem letzten, verwunderten Blick auf Cara herum und verließ den Laden.
Kaum war Peter aus Caras Blickfeld verschwunden beruhigte sie sich zusehends, auch wenn sie noch immer vor Wut kochte.
Kermit bemerkte das und fragte leise. "Wenn ich dich jetzt loslasse, wirst du dich dann benehmen?"
"Ach, fahr doch zum Teufel", bekam er zur Antwort.
Kermit konnte über ihr Benehmen nur den Kopf schütteln. Seine Aufmerksamkeit ließ nach, da sie nun vollkommen unbeweglich in seinen Armen stand. Gut, Peter hatte sich schon etwas daneben benommen, aber nicht so sehr, als dass es solch einen Wutausbruch von ihr rechtfertigte. Im Moment erkannte er Cara absolut nicht wieder. Nie hätte er gedacht, dass ausgerechnet Cara mit ihrem sanften Wesen dermaßen ausflippen konnte, geschweige denn so eine rüde Ausdrucksweise besaß.
Vorsichtig lockerte er den Griff ein wenig, da er bemerkte, dass sie Probleme hatte, genügend Luft in ihre Lungen zu bekommen.
"Kann ich dich nun loslassen?" hakte er noch einmal nach.
Cara nickte nur. Kermit ließ sie los, beobachtete sie scharf. Die junge Frau machte keinerlei Anstalten etwas zu tun, stand einfach nur unbeweglich und mit undurchdringlicher Miene neben ihm. Kermit, welcher der Meinung war, es wäre alles überstanden, ließ sich von Clumsy ablenken, die um sein Hosenbein strich und hochgenommen werden wollte. Er bückte sich, um das kleine Fellbündel hinter den Ohren zu kraulen.
"Na du Kleine, wirst dich wohl auch erschreckt haben, was?", meinte er leise zu der Katze.
Clumsy balgte sich spielerisch mit seinen Fingern, indem sie versuchte sie mit den Tatzen zu erreichen und Kermit musste grinsen.
Das nächste, was er dann vernahm, war das Aufheulen eines Motors und die quietschenden Reifen eines Wagens, der aus dem Parkplatz schoss. Er wirbelte auf dem Absatz herum, nur um zu erkennen, dass Cara keineswegs mehr neben ihm stand. Sie hatte die wenigen Sekunden genutzt, um sich aus dem Staub zu machen.
Wie sie es so schnell geschafft hatte zu verschwinden, ohne dass er es gemerkt hatte, blieb ihm ein Rätsel. Sie hatte ihn eindeutig ausgetrickst, anders konnte er es nicht ausdrücken und ihr Vorsprung war viel zu groß, als dass er sie mit seinem Wagen hätte einholen können. Besorgt riss er sein Handy aus der Tasche und wählte ihre Handynummer. Es klingelte zwei Mal bevor abgenommen wurde.
"Ja?"
Die Worte klangen eindeutig noch immer ziemlich ärgerlich.
"Hey, mach bitte keinen Mist Cara", redete Kermit auf sie ein.
"Mach ich nicht, ich heiße ja nicht Peter. Ich will nur nach Hause und in Ruhe gelassen werden."
"Nun komm schon. Dreh um und komm hierher zurück."
"Nein!"
"Cara...du hast Clumsy vergessen."
"Na und? Du hast sie mir geschenkt, dann wirst du dich ja wohl auch mal eine Nacht um sie kümmern können. Ich hole sie morgen ab. Und nun lass mich in Ruhe."
Mit diesen Worten legte sie einfach auf. Kermit starrte sein Handy an, als hätte es sich vor seinen Augen in eine Schlange verwandelt. Er spürte wie langsam der Ärger in ihm hochstieg. Cara hatte Mut. Einfach den Hörer aufzuknallen. Er kannte niemanden, der sich das bei ihm getraut hätte.
Kermit fühlte sich hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, ihr einfach nachzufahren, ihr gehörig die Leviten zu lesen und davor, sie in Ruhe zu lassen und zu warten, bis sie sich von selbst abkühlte.
Er entschied sich für das letztere. Vielleicht war es wirklich das Beste, wenn sie einige Zeit für sich hatte. Im Moment war sie auch nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen, dessen war er sich sicher. Immerhin war er derjenige gewesen, der sie davon abgehalten hatte, auf Peter los zu gehen. Außerdem musste er sich noch um Peter kümmern.
Mit einem tiefen, resignierten Seufzer bückte sich Kermit und hob die kleine Katze hoch, die sich sofort behaglich in seine Armbeuge kuschelte. Er kraulte sie hinter den Ohren und murmelte: "Na wenigstens eine, die sich heute normal benimmt."
Das Kätzchen miaute zustimmend und fing an zu schnurren. Kermit konnte nicht anders und musste Lächeln. Das Kätzchen hatte wirklich ein Talent dafür, jemanden aufzumuntern.
Mit ihr auf den Armen spazierte er in den oberen Stock, holte eine Dose Katzenfutter, löschte überall das Licht und schloss gewissenhaft den Laden ab, bevor er sich auf den Weg zu seiner Corvair und zu Peter machte.
Teil 5"Morgen, Kermit. Bist du jetzt zum Katzensitter aufgestiegen?", wurde der Detective am anderen Morgen von Jody begrüßt.
Ein sichtlich übernächtigter Kermit schoss ihr nur einen zornigen Blick zu, eilte in sein Büro und warf die Türe mit einem lauten Knall hinter sich zu. Sämtliche Anwesenden im Revier zogen automatisch ihre Köpfe ein. Mitleidige Blicke trafen Jody. Alle wussten, wie schwer mit Kermit zurecht zu kommen war, wenn er mal wieder eine seiner Launen hatte. Am Besten ließ man ihn dann ganz in Ruhe und hielt einen Sicherheitsabstand von mindestens zwei Metern ein, wollte man nicht in Gefahr geraten, von Kermit angegriffen zu werden. Sei es verbal oder auch körperlich.
Mary Margaret wandte sich an Jody. "Autsch", lautete ihr Kommentar dazu.
Jody warf Mary Margaret einen Blick zu, der alles bedeuten könnte. "Oh Mann, und ich bin diejenige, die sich in die Höhle des Löwen begeben muss. Wünsch mir Glück."
Mary Margaret klopfte Jody aufmunternd auf den Rücken. "Viel Glück, du schaffst das schon. Und sollte Kermit dir etwas antun, dann schrei laut, damit wir alle rechtzeitig die Flucht ergreifen können", scherzte sie.
"Na, du bist mir eine Freundin", gab Jody geschlagen zurück, bevor sie sich erhob und ihre Akten in die Hand nahm, die sie für das Meeting mit Kermit benötigte.
Die blonde Detektivin klopfte zögerlich an Kermits Türe. Ein schroffes "Herein" ertönte. Jody holte tief Luft, bevor sie die Türe öffnete und in sein Büro schlüpfte. Kermit sah nicht von seinem Keyboard auf, als sie sich in den Besucherstuhl setzte. Jody wartete ein paar Minuten, doch da Kermit keinerlei Anstalten machte, ihre Anwesenheit zu honorieren, beschloss sie mit dem Reden anzufangen.
"Es wurden heute Nacht zwei weitere Tote gefunden. Einer in der Nähe von Pier 11 und der andere am Rand von Chinatown. Zeugen gibt es angeblich keine. Wir sind um elf Uhr mit Nickie verabredet. Er meinte, bis dahin kann er uns mehr Informationen geben, diesmal sind die Opfer nämlich noch nicht identifiziert. Das, was wir bis jetzt wissen, habe ich hier in den Akten."
Kermit warf Jody einen kurzen Blick zu. "Und warum sitzt du hier auf dem Stuhl und belästigst mich, wenn du woanders sein sollst?", erkundigte er sich sarkastisch.
Jody verdrehte die Augen und streichelte Clumsy, die es sich auf ihrem Schoß gemütlich gemacht hatte, abwesend hinter den Ohren.
"Weil der Captain will, dass wir BEIDE zu Nickie fahren und du außerdem noch einen Blick in die Akten werfen sollst. Vielleicht kannst du schon etwas heraus bekommen. Außerdem sind es bis elf Uhr noch zwei Stunden."
Kermits Antwort war unverständlich, er streckte die Hand aus und Jody reichte ihm die Akten, die er kurz durchblätterte. Seine Augenbrauen zogen sich unheilverkündend nach oben.
"Und was soll ich mit diesem Schrott anfangen? Da steht nicht mehr drin als der Fundort und eine kurze Beschreibung der Opfer. Solange du nichts spezifischeres hast, kann auch mein Computer nicht weiterhelfen. Die Beschreibung trifft auf ungefähr die Hälfte aller männlichen Bewohner von Sloanville zu. Mit so etwas musst du nicht meine Zeit verschwenden, ich habe wahrlich wichtigeres zu tun", sagte er roh.
Jody sprang von ihrem Stuhl hoch und fing die Akte auf, die er ihr entgegen warf.
"Oh Mann, du hast heute eine Laune, die ist ja wirklich toll", rutschte es ihr heraus.
Gefährlich leise antwortete Kermit: "Dann mach einen Abgang, bevor sich meine Laune durch deine Anwesenheit noch mehr verschlechtert."
Aufgrund seines Tonfalls hielt es Jody für besser, dieser Aufforderung nach zu kommen, nicht ohne mit ihrem Schicksal zu hadern. Warum hatte der Captain ihr ausgerechnet Kermit zugeteilt? Was hatte sie verbrochen?
Mary Margaret blickte ihr von ihrem Schreibtisch entgegen. "Und, wie ist es gelaufen?", erkundigte sie sich.
"Ich lebe noch. Willst du Einzelheiten hören?", erwiderte Jody scharf.
Mary Margaret hob die Hände in einer defensiven Geste hoch. "U hu... nicht nötig. Dein Gesichtsausdruck sagt mir alles. Am Besten ist wohl, wenn wir Kermit heute vollkommen ignorieren, was?"
Jody seufzte leise. "Wenn ich das nur könnte."
ooooooooooo
Gegen zehn Uhr betrat Cara das Revier. Mary Margaret entdeckte die frischgebackene Ladenbesitzerin, als diese mit Broderick redete. Sie erhob sich von ihrem Schreibtisch und kam direkt auf sie zu.
"Hallo Cara, wie geht es dir?", begrüßte sie sie, während sie ihren Arm ergriff und sie von Broderick weg, in eine ruhige Ecke, zog.
"Hallo, Mary Margaret. Danke, gut", erwiderte Cara, dabei einen ziemlich schuldbewussten Eindruck machend.
Skalany beäugte sie eingehend. "Hast du schon mit Peter geredet?"
"Wie man es nimmt. Gestern Abend bin ich auf ihn los gegangen, heute Morgen habe ich dann tatsächlich mit ihm geredet. Ich wusste nicht, dass er bei dir gewesen ist."
Mary Margaret betrachtete sie mit großen Augen. "Du bist was? Ausgerechnet du, die Sanftheit in Person?"
Cara senkte schuldbewusst den Blick. "Leider, ich habe mir solche Sorgen um ihn gemacht, als er sich den ganzen Tag nicht gemeldet hat, dass ich die Beherrschung verloren habe und auf ihn los ging. Ich hätte ihm freiweg die Augen ausgekratzt, wenn Kermit nicht dazwischen gegangen wäre."
"Aha, alles klar", erwiderte Mary Margaret. Nun fügte sich auch das letzte Puzzlestückchen in die Reihe, daher hatte Kermit heute so schlechte Laune und Caras Kätzchen mit dabei.
"Was meinst du mit alles klar?", hakte Cara nach.
"Nun weiß ich, warum Kermit heute jeden bedroht, der es auch nur wagt in seine Nähe zu kommen. Ich frage mich wirklich, wie ihr Drei das immer schafft. Habt ihr es gegenseitig mal mit Zuhören versucht?", schalt Mary Margaret sanft.
Cara ließ betrübt den Kopf hängen und seufzte. "Du hast ja recht. Konnte ich denn wissen, dass ihn Kermits Bemerkung dermaßen getroffen hat? Zum Teil ist Peter ja auch selbst Schuld. Der Scherz, den er sich leisten wollte, ist nun mal gründlich nach hinten los gegangen."
"Das kannst du laut sagen. Allerdings solltest du Peter inzwischen soweit kennen, als dass er sich solche Bemerkungen immer sehr zu Herzen nimmt. Du kannst dir nicht vorstellen wie überrascht ich war, als Peter vor meiner Türe auftauchte und mich fragte, ob er wirklich so ein übler Kerl sei. Ich bin fast aus den Pantoffeln gekippt."
Cara konnte sich das lebhaft vorstellen. Der Hauch eines Lächeln zeigte sich auf ihren Lippen.
"Na da ging es dir genauso wie mir, als er die Nacht vorher betrunken an meiner Türschwelle auftauchte. Ich bin nur froh, dass sich die Sache bereinigt hat. Anscheinend war Kermit gestern Abend schon bei ihm und die beiden haben sich ausgesprochen, mehr wollte er mir nicht verraten. Ich habe mich bei Peter schon entschuldigt. Tja und Kermit, der ist sicher auch nicht gut auf mich zu sprechen..."
Skalany lächelte ihr aufmunternd zu. "Da fällt mir ein Stein vom Herzen, dass sich das mit euch dreien wieder eingerenkt hat. Ihr seid ab und an ein richtiges Chaostrio, wenn ich das mal so uncharmant ausdrücken darf."
Cara ging nicht näher auf die Bemerkung ein. Sie machte eine Kopfbewegung in Richtung von Kermits Büro.
"Ob sich alles wieder einrenkt, wird sich erst dann herausstellen, wenn ich bei Kermit war. Ist er sehr sauer?"
"Was soll ich dir darauf antworten? Am besten mit dem, was ich Jody vorhin schon sagte: sollte Kermit dir etwas antun, dann schrei laut damit wir alle rechtzeitig die Flucht ergreifen können."
Cara zog eine Augenbraue nach oben. "So schlimm?", fragte sie.
"Schlimmer...er hat Jody im hohen Bogen aus seinem Büro geworfen."
"Aua, das hört sich nicht gut an." Cara straffte sich. "Aber was soll es, ich muss da trotzdem durch. Je früher ich es hinter mir habe, desto besser und danke Mary Margaret, du weißt schon."
Die langhaarige Detektivin lächelte. "Schon gut, das habe ich gern getan. Peter ist auch ein Freund von mir, wie du weißt." Sie gab Cara einen leichten Schubs an der Schulter. "Nun geh schon und bringe es hinter dich."
Cara klopfte leise an Kermits Bürotüre. Auf sein "Herein" trat sie ein, schloss ebenso leise, wie sie geklopft hatte die Türe, wohl wissend, dass ihr sämtliche Augenpaare des Reviers folgten.
Kermit schaute kurz auf. Als er Cara erkannte, stoppte er sein frenetisches Tippen, verschränkte die Arme vor der Brust und warf ihr über den Rand seiner dunkelgrünen Brille einen kalten Blick zu.
"Sieh an, sieh an, wenn das nicht Cara ist. Schön, dass du dich an deine Pflichten erinnerst, die du gegenüber diesem Tier hast", meinte er sarkastisch.
Er deutete auf Clumsy, die in diesem Moment auf den Schreibtisch gesprungen war. Cara streckte die Hand nach dem Kätzchen aus, doch Clumsy drehte sich einfach um und wandte sich demonstrativ von ihr ab. Machte ihr so deutlich, wie wenig sie es schätzte, einfach bei einem "Fremden" zurück gelassen zu werden.
Ein trauriger Ausdruck stahl sich in Caras Augen. Sowohl das Verhalten von Clumsy als auch die offensichtliche Ablehnung von Kermit ging ihr ziemlich nahe. Dagegen war das Gespräch mit Peter eine Kleinigkeit gewesen. Er hatte ihr sofort verziehen und sie konnten offen über die Vorkommnisse reden.
Mit leicht zitternder Stimme schaffte sie es schließlich zu sagen: "Es tut mir sehr leid, wie ich mich gestern Abend benommen habe, Kermit. Ich weiß nicht was in mich gefahren ist und ich will mich in aller Form bei dir entschuldigen, weil ich meine miserable Laune auch an dir ausgelassen habe. Bei Peter habe ich mich ebenfalls schon entschuldigt."
Kermit tat seine schroffe Bemerkung fast leid. Der Ausdruck in Caras Augen ging ihm näher als er es sich eingestehen wollte. Allerdings war er in zu schlechter Stimmung um das hier und jetzt auszudiskutieren.
"Okay, deine Entschuldigung ist angenommen. Nun nimm deine Katze und geh wieder, ich habe im Moment keine Zeit."
Cara senkte beschämt den Kopf und griff nach der widerstrebenden Clumsy, drückte sie trotz ihrer Gegenwehr fest an sich. Ihr Wunsch danach auch mit Kermit alles zu bereinigen, brachte sie dazu die Einladung auszusprechen: "Vielleicht magst zu heute Abend zu mir kommen. Ich koche uns etwas, dann können wir reden?"
"Das weiß ich noch nicht, wahrscheinlich werde ich hier lange beschäftigt sein. Ich melde mich bei dir."
Mit diesen Worten wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Bildschirm zu, tippte weiter und entließ Cara so ziemlich effektiv.
Als die junge Frau die Türe hinter sich schloss, stieß Kermit den Atem aus der Lunge. Es war ihm gar nicht bewusst gewesen, ihn angehalten zu haben. Einen Moment überlegte er, ob er ihr nachgehen sollte. Sie hatte sehr niedergedrückt gewirkt, als sie regelrecht wie ein geprügelter Hund aus der Türe geschlichen war. Vielleicht war er doch ein wenig zu hart mit ihr umgesprungen. Immerhin, als so schlimm hatte er die gestrige Situation nicht empfunden. Was ihn viel mehr aufgeregt hatte war, dass sie ihm das Telefon einfach aufgelegt hatte, und dass er sich um Clumsy hatte kümmern müssen, die ihn fast die gesamte Nacht wach gehalten hatte mit ihrem herzerweichenden Maunzen.
Die Entscheidung wurde Kermit abgenommen, als es erneut an seiner Türe klopfte und Jody den Kopf herein streckte, um ihm mitzuteilen, dass es Zeit zur Abfahrt wurde.
ooooooooooo
Kurze Zeit später waren sie zu Nickie unterwegs. Die dicke Luft im Wagen konnte man fast. Jody hatte sich so dicht wie es ging gegen die Beifahrertüre gedrückt, in dem hoffnungslosen Unterfangen, ein wenig mehr Abstand zwischen sich und diesem schweigsamen, im Moment äußerst gefährlich wirkenden Mann zu bringen. Selten war sie so froh darüber gewesen, das Gebäude des Leichenschauhauses in Sichtweite kommen zu sehen wie heute.
Bald darauf erreichten sie die Leichenhalle, in der Nickie schwer beschäftigt zu sein schien, denn er schaute nicht hoch, als das ungleiche Paar den Raum betrat. Jody fasste sich ein Herz und machte den Anfang. Sie kannte Nickie gut genug und wusste, dass der Pathologe alles um sich herum vergessen konnte, wenn er arbeite.
"Hallo Nickie. Wir sind hier, hast du schon etwas gefunden?", sagte sie.
Nickie zuckte zusammen und ließ vor Schreck das Diktiergerät fallen, das er in der Hand gehalten hatte.
"Hast du mich erschreckt Jody. Ich habe euch nicht herein kommen gehört und Tote, tja, die reden im Normalfall nicht."
"Habt ihr nun genug Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht, damit wir endlich zur Sache kommen können? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit", kam es schroff von Kermit.
Nickie trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Dieser Mann war ihm einfach unheimlich, er jagte ihm Angst ein, mit seinem Benehmen und seinem ganzen Wesen. Peter Caine war ihm da immer wesentlich sympathischer gewesen, doch dieser befand sich leider nicht mehr in der Truppe.
"N...natürlich", stotterte Nickie.
Jody, die versuchte das unmögliche Benehmen ihres Partners zumindest ein wenig wieder gut zu machen, schenkte dem Mediziner ein strahlendes Lächeln, das ihn prompt erröten ließ.
"Also, was hast du für uns, Nickie?"
"Leider noch nicht allzu viel. Woran die drei Opfer gestorben sind, kann ich bei keinem mit absoluter Sicherheit sagen. Allem Anschein nach, haben alle einen Herzinfarkt erlitten, doch ich bin mir nicht sicher, ob das tatsächlich die Todesursache gewesen ist. Vor knapp einer halben Stunde sind übrigens noch zwei weitere Opfer eingeliefert worden, aber die konnte ich mir noch nicht anschauen."
Jody warf Nickie einen seltsamen Blick zu. "Was meinst du denn nun damit? Ich meine, wenn jemand einen Herzanfall hat, dann führt das meistens zum Tode, vor allem wenn man nicht mehr atmet und das Herz still steht."
Nickie krümmte sich unbehaglich. "Ja schon, es kommt mir nur äußerst seltsam vor. Keines der Opfer hat irgend welche Anzeichen, die auf Gewalteinwirkung schließen lassen. Alle befanden sich laut Bericht ihres Hausarztes bei guter Gesundheit. Eine Autopsie hat außer einer trockenen Schleimhaut bei zwei von ihnen auch nichts weiter ergeben. Allerdings haben sie doch etwas gemeinsam und daher habe ich bei ihnen eine Blutprobe entnommen, was üblicherweise eigentlich nicht getan wird. Das Ergebnis müsste eigentlich jeden Moment fertig sein. Man hat mir versprochen, es sofort zu schicken, wenn das Labor damit fertig ist."
"Ja, ja, ja", ließ sich Kermit vernehmen. "Und was war es nun, was alle drei angeblich gemeinsam haben? Ich könnte ungemütlich werden, falls du vorhast, uns weiter auf die Folter zu spannen."
Nickie hielt in einer abwehrenden Geste die Hände hoch. "Schon gut. Es kann auch nichts bedeuten, aber seltsam ist es schon."
Kermit trat einen Schritt näher auf den Pathologen zu, was ihn veranlasste, den nächsten Satz förmlich heraus zu brüllen.
"Rote Fußsohlen, alle drei haben rote Fußsohlen."
Kermit erstarrte mitten in der Bewegung, man konnte förmlich sehen, wie sich seine düstere Stimmung noch mehr verschlechterte.
"Rote Fußsohlen? Sag mal, Nickie, willst du uns jetzt veräppeln oder was? Ich bin nicht in der Stimmung, mir Märchen vom Pferd anzuhören. Oder kannst du mir mal erklären, was rote Fußsohlen mit ihrem Tod zu tun haben sollen?", sagte er, wobei seine Stimme bei jedem Wort ein wenig leiser und bedrohlicher wurde.
Jody, die merkte, dass Kermit kurz davor stand, dass ihm das Temperament durchging, trat schnell zwischen die beiden Männer, obwohl ihr bei dieser Tat auch nicht gerade sehr wohl war. Im Stillen hatte sie gehofft, dass Caras Erscheinen auf dem Revier Kermits Laune ein wenig bessern würde, doch leider war das nicht der Fall gewesen. Und sie und Nickie mussten nun seine fürchterliche Laune ausbaden.
Bevor sie auch nur einen Ton hervor bringen konnte, wurde die Türe erneut aufgerissen und ein Bote vom Labor erschien in der Türöffnung. Den beiden Detectives kurz zunickend, ging er schnurstracks auf Nickie zu, überreichte ihm die Unterlagen und verschwand genauso eilig, wie er gekommen war.
Nickie, der froh war sich mit irgend etwas anderem beschäftigen zu können, außer auf diesen großen düsteren Mann vor sich zu starren und zu überlegen was er als nächstes vor hatte, stürzte sich regelrecht auf die Unterlagen, die der Bote gebracht hatte. Mehrere Minuten verstrichen, während der Gerichtsmediziner las. Seltsamerweise wurde er weder von Jody noch von Kermit unterbrochen. Als Nickie den Kopf wieder hob, sah man seiner Miene an, dass er nichts Gutes zu berichten hatte.
"Das habe ich mir fast gedacht", murmelte er in seinen nicht vorhandene Bart hinein.
"Elder!," kam es drohend von Kermit.
Der verschüchterte Mediziner holte tief Atem, um das Ergebnis in Worte zu fassen.
"Laut dem Laborbericht wurde im Blut von zwei der Leichen unter anderem Atropin, Skopolamin und Hyoszyamin gefunden. Die dritte Leiche war ohne Befund, was aber auch nicht weiter verwunderlich ist."
"Und was heißt das nun so übersetzt, dass auch Nichtmediziner es verstehen?" erkundigte sich Jody.
"Diese drei Stoffe sind Inhalte, die aus der Tollkirsche gewonnen werden können. Schon eine mittlere Dosis genügt und derjenige, der diese Stoffe zusammen, ob bewusst oder unbewusst einnimmt, bekommt Halluzinationen, extreme Stimmungsschwankungen oder Tobsuchtsanfälle. Ein weiteres Anzeichen ist ein langsamer Pulsschlag, der sich bei Leichen leider nicht mehr feststellen lässt, sowie eine trockene Schleimhaut, wie ich sie bei den zwei Leichen gefunden habe, die diese Stoffe im Blut hatten. Je länger dieses Gift der Tollkirsche eingenommen wird, desto heftiger sind auch die Begleiterscheinungen. Also ist es gut möglich..."
Nickie wurde von Jody unterbrochen, die tonlos hinzu fügte. "Dass man vor Schreck sterben kann, sprich ein Herzinfarkt bekommt."
Nickie nickte bekräftigend. "Das hast du richtig erkannt."
Kermit mischte sich ein. "Nun gut, nun hast du diese Stoffe in zwei der Leichen gefunden, aber was ist mit der dritten Leiche? Laut deiner Aussage haben alle drei rote Fußsohlen, ist das auch eine Nebenerscheinung davon?"
"Nein, das ist es nicht. Ich habe ja keine Ahnung, wie dieses Gift in ihre Blutbahn gekommen ist. Ich für meinen Teil tippe da auf eine allergische Reaktion was die Füße anbelangt. Doch was es genau ist kann ich nicht sagen und ob es mit dieser Einnahme des Giftes in Zusammenhang steht oder nicht, kann ich auch nicht mit Sicherheit sagen. Es scheint aber zumindest so zu sein."
Jody unterbrach Nickies Rede. "Willst du damit etwa andeuten, dass eine neue Designerdroge im Umlauf sein könnte?"
"Darauf festlegen möchte ich mich nicht, aber es könnte sein. Zumindest was diese Anhäufung der Toten anbelangt. Die anderen beiden Opfer, die hier eingeliefert wurden, sind nämlich auch angeblich an einem Herzinfarkt gestorben", entgegnete Nickie.
"Beantworte gefälligst meine Frage, die ich dir vorhin gestellt habe", warf Kermit unwirsch ein. "Warum wurden die Stoffe nur in zwei Leichen gefunden, warum nicht in der dritten?"
Nickie schluckte unbehaglich, dabei hüpfte sein Adamsapfel hin und her.
"Nun ja, das Gift der Tollkirsche hat, wie die meisten Stoffe, auch nur eine bestimmte Nachweisbarkeitsgrenze. Die Leiche, die als erstes hier eingeliefert wurde, war auch am längsten Tod. Im Klartext bedeutet das, dass das Gift nach einer bestimmten Zeit nicht mehr im Blut nachgewiesen werden kann, weil es sich abgebaut hat. Je nach Konzentration des Giftes kann das von ein paar Minuten bis zu mehreren Stunden dauern. Daher ist es absolut möglich, dass auch die Todesursache des ersten Opfers damit zusammen hängen kann, worauf wiederum diese roten Fußsohlen hindeuten würden."
"Und was ist mit den anderen beiden Leichen, die hier eingeliefert wurden?", erkundigte sich Jody.
"Ich hatte noch keine Zeit nach ihnen zu schauen", entgegnete Nickie.
"Dann wird es Zeit, dass du es tust", mischte sich Kermit erneut ein.
Der Pathologe drehte sich aufgrund Kermits Gebärden auf dem Absatz herum und wandte sich den frisch eingelieferten Leichen zu. Bei Beiden Opfern enthüllte er die Füße.
Jody und Kermit traten hinter ihn, um besser sehen zu können. Alle drei sahen die roten Fußsohlen der Opfer, die nicht einmal in ihrem Tod sehr verblasst waren. Selbst Jody und Kermit fiel auf, dass so keine normalen Fußsohlen aussahen.
Kermit seufzte tief. "Na super, fünf Tote innerhalb von zwei Tagen. So wie ich die Sache sehe, haben wir es langsam aber sicher mit einer Epidemie zu tun. Ich denke, es kann sich fast nur um eine neue Droge handeln. Wie würde das Zeug sonst so schnell unters Volk kommen? Und der einzigen Anhaltspunkt, den wir haben, sind diese vermaledeiten roten Fußsohlen, von denen wir nicht mal wissen, ob sie tatsächlich mit der Drogeneinnahme in direkter Beziehung stehen."
Nickie zog es vor auf diese düstere Bemerkung lieber nicht einzugehen und meinte statt dessen: "Ich werde diesen beiden gleich eine Blutprobe entnehmen und sie ins Labor schicken, dann sehen wir bald, ob sie auch dieses Gift im Blut hatten."
Das war das Stichwort für Jody und Kermit, die genug gehört hatten.
"Okay Nickie, die Akten hier nehmen wir gleich mit und den Laborbericht dieser beiden schick uns dann, sobald du ihn hast, ins Revier", meinte Jody.
"Mach ich, aber das kann ein paar Stunden dauern", warnte Nickie.
"Das macht nichts, ich denke fürs Erste sind wir genug beschäftigt", entgegnete Jody.
Mit einem letzen Winken zu Nickie eilte sie ihrem Partner hinterher, der schon die Leichenhalle verlassen hatte. Im Stillen murmelte sie vor sich hin: "Na Bravo, ich habe auch schon bessere Tage gesehen."
Auf der Rückfahrt zum Revier hatte Jody mehr Glück und wurde von Kermits schlechter Laune verschont, da dieser schon am Telefon dem Captain einen Bericht abstattete, damit sie alles schnellstmöglich in die Wege leiten konnte.
Oberste Priorität hatte es nun, diesen vermeintlichen, todbringenden Dealer zu finden und ihn zu stoppen.
Teil 6Cara war emsig damit beschäftigt, weitere Bücher in die Regale zu sortieren. Eigentlich hatte sie schon vor Stunden damit fertig sein wollen, doch die Geschehnisse des vergangenen Tages beschäftigten sie so sehr, dass sie sich nicht richtig konzentrieren konnte. Außerdem fühlte sie sich schon seit Tagen ziemlich schlapp, so dass sie nicht so schnell voran kam, wie sie es sich gewünscht hätte. Der Bücherberg von ihr schien eigentlich ständig anzusteigen, anstatt weniger zu werden.
Mit Erstaunen stellte sie bei einem Blick auf die Uhr fest, dass es fast schon wieder Mittag war. Dann fiel ihr plötzlich wieder ein, dass sie in nicht einmal einer viertel Stunde mit Peter verabredet war. Er hatte ihr heute morgen, nach ihrem Gespräch, versprochen so gegen ein Uhr aufzutauchen, um ihr beim Einräumen zu helfen.
Cara ließ die Bücher so stehen und liegen wie sie waren und hetzte die Stufen in den oberen Stock hinauf, um noch schnell zu duschen und die staubigen Klamotten gegen ein sauberes T-Shirt einzutauschen. In letzter Zeit hatte Peter tatsächlich die Angewohnheit entwickelt, pünktlich aufzutauchen, so dass sie sich beeilen musste. Kaum war sie fertig, hörte sie schon den familiären Klang von Peters Stimme.
"Hallo? Jemand Zuhause?"
Cara konnte sich nur mit Mühe eine freche Antwort verkneifen, die ihr auf der Zunge lag. Statt dessen eilte sie die Treppen hinunter, um ihn zu begrüßen.
Peter stand mitten im Raum mit einer riesigen Pizzaschachteln in der Hand und grinste sie halb verlegen, halb jungenhaft an. So ganz waren die Ereignisse der letzten Stunden doch noch nicht vergessen.
Cara trat schnell auf ihn zu, hauchte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange und nahm ihm die Schachtel aus der Hand.
"Hallo, Peter! Das ist aber eine riesige Pizza, wer soll die denn bloß essen? Hast du schon daran gedacht, dass wir nur zu zweit sind?"
Irgendwie lockerte dieser Ausspruch die angespannte Stimmung und Peter musste grinsen.
"Na wer schon? Wir beide. Du weißt, mit Essen habe ich noch nie Probleme gehabt."
"Ach stimmt ja. Du bist ja auch bekannt als das Fass ohne Boden, wenn es um die Nahrungsaufnahme geht", gab sie flapsig zurück.
Gekonnt wich sie Peters spielerischem Schlag aus und brachte sich, als auch die Pizza in den obersten Stock in Sicherheit.
Eine gute Stunde später waren beide in die Arbeit vertieft. Cara hatte Peter gezeigt was er tun musste und nun arbeiteten sie in nebeneinander liegenden Gängen, um sich nicht ständig über die Füße zu fallen. Die lockere Stimmung kehrte zurück. Über die Bücherregal hinweg unterhielten sie sich über Gott und die Welt. Freche Bemerkungen gingen hin und her. Es war fast so, als hätte es diesen unglückseligen Abend niemals gegeben.
Peter wurde von Clumsy abgelenkt, die seine Schnürsenkel entdeckt hatte. Mit ihrer tapsigen Art, ganz im Gegensatz zur Eleganz von anderen Katzen, versuchte sie immer wieder die hin- und herrutschenden Schnürsenkel zu erobern. Peter konnte sich ein von Herzen kommendes Lachen nicht verkneifen und machte sich einen Spaß daraus, Clumsy zu necken. So merkte er nicht, dass es plötzlich vollkommen still in der anderen Reihe wurde.
Cara stellte gerade ein Buch in die oberste Buchreihe, als sie plötzlich wieder dieses komische Gefühl übermannte, das sie mittlerweile schon zu Genüge kannte. Bevor sie auch nur noch eine Bewegung machen konnte, wurde sie mitten in ihren eigenen, ganz persönlichen Albtraum gezogen.
Die Wand zu ihrer rechten Seite öffnete sich urplötzlich. In einem seltsamen Wirbel von Farben und Formen wurde die Öffnung immer breiter, bis sie fast die gesamte Höhe des Zimmers einnahm. Ein übler Geruch nach Schwefel, Teer und Verwesung schlug ihr entgegen, doch das war noch das harmlose daran.
Aus der Öffnung tauchten knochige, bleiche Handknöchel auf. Es schien, als würden sie zuerst Mühe haben, aus der nicht mehr existierenden Wand zu kommen. Doch dann folgten den Knöcheln ein Arm, ein Fuß und schließlich der ganze Körper. Die Gestalt war vollkommen in Lumpen gekleidet. Da wo keine Kleidung mehr am Körper vorhanden war, schienen die blanken, vermoderten Knochen durch.
Caras Blut verwandelte sich von einer Minute zur andern in pures Eiswasser. Sie konnte sich keinen Millimeter mehr bewegen, war verdammt dazu diesem schrecklichen Schauspiel zu folgen.
Doch das schlimmste kam erst noch. Als Caras Blick an der Gestalt höher wanderte in Richtung des Gesichtes. Zumindest das, was von einem Gesicht übrig geblieben war, meinte sie auf der Stelle tot umfallen zu müssen.
Dieses vermoderte, nur noch aus halb herab hängenden Hautfetzen und blanken Knochen bestehende Gesicht mit rotglühenden Augen, gehörte eindeutig Mr. Singer! Und er sah ganz und gar nicht so freundlich aus, wie er früher immer gewesen war. Die Stelle, an der sich zu Lebzeiten ein Mund befunden hatte, zog sich zu einem Grinsen auseinander, das man nur als teuflisch ansehen konnte. Zum ersten Mal sprach diese Alptraumgestalt sie mit hohler Stimme an: "Die Zeit ist gekommen. Du gehörst mir!"
Cara, zur Bewegungslosigkeit ob dieses Schauspiels verdammt, tat das einzige, was sie in dieser Situation tun konnte: Sie schrie. Schrie so laut wie noch nie in ihrem Leben.
Langsam, als wolle sie jede Sekunde auskosten, kam die schreckliche Gestalt immer näher auf sie zu, die spitzen Hände wie Kallen nach ihr ausgestreckt. Höhnisches Gelächter erfüllte die flirrende Luft.
Zwei Hände legten sich von hinten auf ihre Schultern. Cara brach unter diesem vollkommen unterwarteten Angriff fast zusammen. Einzig die Starre in ihrem Körper hielt sie noch auf den Beinen.
Oh Gott, hinter ihr musste sich auch so eine Gestalt befinden!
Die Gestalt von vorne kam ebenfalls immer näher. Gleich, gleich würde sie von den beiden Gestalten eingekreist sein und dann….
Der hinterste Winkel in ihrem Gehirn, der noch funktionierte, nahm wie aus weiter Ferne eine zweite Stimme wahr. Eine Stimme, die ihr bekannt und doch so fremd vorkam in diesem Augenblick. Sie spürte, wie ihre Schultern fester umfasst und sie geschüttelt wurde. Der scharfe Schmerz, als sich die Finger noch fester in ihr Fleisch gruben, riss sie zurück in die Gegenwart. Allerdings war dieses Alptraumhafte Bild von Mr. Singer, der noch immer auf sie zukam, auch noch vorhanden.
Cara schaffte es, kurz den Kopf zu drehen und erkannte die Gestalt, die nun neben ihr stand und sie mehr als nur besorgt anstarrte. Es war Peter, kein Geist! Halb von Sinnen von Angst, grub Cara ihre Finger in Peters Hemd und hielt sich an ihm fest wie an einem Rettungsanker.
"Hei Cara, was ist los?", drang Peters Stimme durch ihre umnebelten Gedanken.
Nicht fähig den Blick erneut von der Schreckensgestalt zu nehmen, riss Cara an Peters Hemd und rief panisch aus: "Siehst du es denn nicht? Tu was, bitte!"
Peter konnte unter seinen Fingern deutlich spüren, wie der gesamte Körper Caras zitterte wie Espenlaub. Sie war bleich wie ein Leintuch, eine dünne Schweißschicht bedeckte ihr Gesicht. So sehr er es wollte, er konnte nichts ungewöhnliches entdecken. Auch seine erweiterten Sinne teilten ihm keine Gefahr mit. Ein kurzer Blick zu Clumsy, die sich ebenfalls ganz ruhig verhielt und nun mit einem Papierfetzen fangen spielte, machte ihm klar, dass das, was hier ablief einzig und allein in Caras Gedanken passierte.
Erneut schüttelte er sie. "Was? Was soll ich sehen? Hier ist nichts Cara!", versuchte er erneut zu ihr durch zu dringen.
Cara schaffte es den Blick von der schrecklichen Gestalt abzuwenden und Peter in die Augen zu sehen. Große, gepeinigte, vor Horror geweitete Augen bohrten sich in seinen Blick. Noch nie hatte Peter einen Menschen gesehen, der so in Panik war wie sie. Hätte sich Cara nicht noch immer dermaßen in seinem Hemd fest gekrallt, dann wäre er sicherlich vor Schreck einen Schritt zurück gewichen. Was hatte sie nur so erschreckt? Er konnte einfach nichts fest stellen.
"D...doch…siehst du es denn nicht Peter? Er...er ist da, will mich holen!", brachte sie mit schwankender Stimme hervor.
Peter schaffte es, ihre Finger von seinem Hemd zu lösen und nahm sie in seine Hände. Sie waren einskalt.
"Cara, nun beruhige dich doch. Niemand ist hier, nur du und ich. Es ist alles in Ordnung", redete er beschwichtigend auf sie ein.
Cara schüttelte vehement den Kopf. "D...Das stimmt nicht Peter. Oh Gott, warum kannst du ihn nicht sehen? Er ist gleich hier!", rief sie erneut aus. Ihre Stimme klang noch viel panischer als vor wenigen Sekunden.
Peter sah keine andere Möglichkeit ihr zu beweisen, dass nichts hier war, als sie in jene Richtung zu drehen, aus der dieses Etwas anscheinend kommen sollte.
"Nun sage mir was du siehst. Wer ist hier?", wollte Peter wissen.
Cara, die merkte was er vorhatte, fing noch mehr an zu zittern. Sie wollte sich gegen ihn wehren, wollte rennen so schnell ihre Füße sie nur trugen, wollte sich die Seele aus dem Leib schreien, doch sie konnte nichts von all dem tun.
"Oh, Gott Peter, was tust du", wimmerte sie. "du..."
Cara brach mitten im Satz ab. Kein Mr. Singer stand mehr da. Keine Krallen, die sich nach ihr ausstreckten. Kein...nichts. Nur die blanke, weiße Wand mit dem Bild von einem Einhorn leuchtete ihr entgegen.
"Was siehst du Cara?", hakte Peter noch einmal nach.
"I...ich...e...es ist weg", stammelte Cara, die nicht begreifen konnte, was hier mit ihr geschah.
Peter drehte die zutiefst erschütterte Frau zu sich herum, damit er ihr in die Augen sehen konnte. Er beugte sich ein wenig zu ihr hinunter, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.
"Okay, Kleines. Es ist alles gut. Nun sage mir doch bitte endlich, wen oder was du gesehen zu haben glaubst."
Ein trockener Schluchzer schüttelte ihren Körper. "I...ich...es...," war alles, was sie noch von sich geben konnte.
Plötzlich weiteten sich ihre Pupillen. Ihre Hautfarbe wurde noch blasser, sofern das überhaupt möglich war. Dann sackte sie vor seinen Augen zusammen.
Peter reagierte gedankenschnell und fing die Frau auf, bevor sie zu Boden krachen konnte. Er trug den selbst noch in seiner Ohnmacht vor Angst starren Körper zum Sofa, wo er sie vorsichtig in die Kissen gleiten lies.
Die nächsten Minuten waren angefüllt mit Peters Geschäftigkeit. Er handelte nur noch rein automatisch. Die Sorge um die wie tot daliegende Cara trieb ihn vorwärts. *Nein, ich will nicht noch einmal einen Menschen, den ich mag, verlieren*, war alles, was er denken konnte. Er hatte schon viel zu viele Verluste in seinem Leben hin nehmen müssen und er sollte verdammt sein, wenn er zulassen würde, dass Cara etwas vergleichbares geschehen sollte.
Nachdem er ihre Beine hochgelagert und ihr mit dem nassen Waschlappen den Schweiß vom Gesicht gewaschen hatte, nahm er die noch immer eiskalten Hände zwischen die seinen und rieb sie fest, um die Blutzirkulation anzuregen. Gleichzeitig versuchte er selbst, wieder von seinem hohen Adrenalinspiegel herunter zu kommen. Zumindest einer von ihnen sollte in der Lage sein, klar zu denken und es war offensichtlich, dass nur er es sein konnte.
Mit den Minuten die verstrichen, ihm kamen sie wie Stunden vor, gewann schließlich sein Verstand die Oberhand. Auf das naheliegendste, nämlich einen Krankenwagen zu rufen, war er bis jetzt noch nicht gekommen. Er griff zum Telefon, um dies sofort nachzuholen und ärgerte sich gleichzeitig, warum er nicht schon früher daran gedacht hatte.
In diesem Moment begannen Caras Augenlider zu flattern. Fürs Erste war der Telefonanruf vergessen. Außerdem war er sicherlich schneller, wenn er sie persönlich ins Krankenhaus brachte, nun, da sie aufzuwachen schien. Peter kniete sich vor das Sofa und nahm ihre Hand in die seine. Atemlos wartete er darauf, dass sie wieder vollends zu sich kam.
Es dauerte nicht lange und Cara öffnete die Augen. Im ersten Moment schaute sie sich verwirrt um, dann kehrte die Erinnerung zurück. Peter konnte deutlich sehen, wie die dunklen Wolken der Erkenntnis sich in ihren Gesichtszügen fest setzten. Abrupt versuchte sie sich aufzurichten, doch Peter verhinderte das, indem er ihr eine Hand auf die Schulter legte und sie sehr bestimmt in die Kissen zurück drückte.
"Du bleibst schön brav liegen, junge Dame", unterstrich er seine Tat mit Worten.
Sie wiedersprach ihm nicht. Für ihn ein deutliches Zeichen, dass es ihr nicht gut gehen konnte.
"Wie geht es dir?", hakte er besorgt nach.
Cara schaffte es, ein leichtes Lächeln auf die Lippen zu zaubern, das aber alles andere als echt wirkte.
"Ganz gut", flüsterte sie so leise, dass er sie fast nicht verstand.
Peter gab Cara mehrere Sekunden bevor er die Frage aussprach, die ihm auf der Seele brannte.
"Kannst du mir mal sagen was zum Teufel hier passiert ist?", platzte er heraus.
Anhand Caras zusammenziehen der Augenbraue wurde ihm schnell bewusst, dass er sich mit dieser Frage ziemlich im Ton vergriffen hatte. Er konnte förmlich sehen, wie der Trotz in diese eben noch voller Angst schauenden Augen zurück kehrte, die ihn nun plötzlich zornig anfunkelten.
Unhörbar seufzend machte er sich auf ein Gefecht gefasst, das unweigerlich kommen würde, wenn sie ihn so ansah wie jetzt. Wäre nicht ihr immer noch blasser Teint gewesen, man hätte annehmen können, dass es die letzten Minuten niemals gegeben hatte. Er fragte sich was mit ihr los war. Diese schnellen Stimmungsschwankungen, er musste nur an den gestrigen Abend denken, waren absolut atypisch für sie.
"Was soll ich da groß darüber reden? Du glaubst mir doch eh nicht", schnappte Cara zurück.
Peter fuhr sich in einer halb verzweifelten Geste durch die eh schon wirren Haare. Mit dem letzten Quäntchen Geduld, das er aufbringen konnte, versuchte er seinen Satz ein wenig abzuschwächen.
"Schau mal, Cara. Du und ich haben hier absolut normal zusammen gearbeitet. Plötzlich fängst du an zu schreien und verfällst vollkommen in Panik. Und dann wirst du auch noch ohnmächtig. Meinst du nicht, ich habe zumindest eine Erklärung verdient, was dich am helllichten Tag so durcheinander bringt? Kannst du dir nicht vorstellen, dass ich mir ziemliche Sorgen um dich mache?"
Peters Versuch Cara zu beruhigen kam nicht bei ihr an. Das zornige Funkeln in ihren Augen blieb.
"Vergiss die ganze Sache einfach. Da gibt es nichts zu reden und nun lass mich einfach in Ruhe", lautete ihre schroffe Antwort.
Peter sah ein, dass er hier nur gegen eine Wand redete. So langsam bemerkte er, wie auch in ihm der Ärger aufstieg. Scheinbar ruhig zuckte er nur die Schultern.
"Wie du willst. Dann werde ich dich jetzt mal ins Krankenhaus bringen. Deine Ohnmacht muss ja eine Ursache haben."
Trotz Peters Hand auf ihrer Schulter, gelang es Cara sich in eine sitzende Position aufzurichten.
"Du willst was? Hast du nun vollkommen den Verstand verloren oder nicht gehört was ich gesagt habe?" Die nachfolgenden Worte betonte sie extra stark. "MIR GEHT ES WIEDER GUT und ich will, dass du von hier verschwindest! Ist das nun auch deutlich genug, damit du das kapierst?"
Peter konnte über diesen Ausbruch nur den Kopf schütteln. Hier war etwas ganz und gar nicht in Ordnung. Wie konnte ein Mensch, der anscheinend noch vor wenigen Minuten etwas furchtbares erlebt hatte, sich dermaßen um hundertachtzig Grad drehen? Sie fiel hier ja von einem Extrem ins andere!
Mühsam beherrscht entgegnete er: "Ich werde nicht eher von hier weg gehen, bis ich sicher bin, dass es dir wirklich gut geht. Schau dich doch nur im Spiegel an. Du bist leichenblass und du zitterst noch immer, sollte dir das nicht aufgefallen sein. Nein, ich bestehe darauf, dass du dich untersuchen lässt!"
"Den Teufel werde ich!", rief sie entrüstet aus.
Cara schob seine Hand einfach zur Seite und sprang voller Zorn auf die Beine. Kaum stand sie, gaben ihre Knie auch schon wieder unter ihr nach. Im letzten Moment gelang es Peter Cara aufzufangen.
"Junge Dame, das reicht jetzt. Ich bringe dich ins Krankhaus ob du willst oder nicht und wenn ich dich fesseln und knebeln muss, um dich dahin zu bringen", versetzte er ärgerlich und zu allem entschlossen.
Von ihr kam keine Antwort, sie war schon wieder in eine Ohnmacht abgedriftet.
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Mit Cara auf den Armen stürmte Peter knapp zwanzig Minuten später in die Notaufnahme des Stadtkrankenhauses. Eine Schwester eilte gleich auf den jungen Shaolin zu. Sie wirkte sehr erleichtert, als sie erkannte, dass es sich dieses Mal nicht um ihn, sondern um die Person auf seinen Armen drehte.
"Hier hinein bitte. Legen sie sie auf die Liege, ich hole gleich einen Arzt", meinte die Schwester.
Peter tat wie ihm geheißen wurde und legte Cara auf die Untersuchungsliege im Untersuchungsraum 1. Ein Raum, der auch ihm von zahlreichen Besuchen im Krankenhaus bestens bekannt war. Allerdings war er da meist der Patient gewesen.
Wenige Minuten später trat der Arzt ein, dicht gefolgt von der Schwester.
"Ich bin Dr. Mathews. Was ist passiert?"
"Peter Caine und das hier ist Cara Thompson. Sie ist plötzlich ohnmächtig geworden und seitdem ist sie immer mal wieder wach und in der nächsten Minute wieder ohnmächtig. Geschweige denn ansprechbar", erwiderte Peter.
"Gab es einen Vorfall, der zu dieser Ohmacht führte?", hakte der Arzt nach, während er Cara leicht auf die Wange klopfte, in dem Versuch sie aufzuwecken.
Eine Sekunde lang war Peter in Versuchung, dem Arzt alles über Caras Seltsames Benehmen zu erzählen, doch dann besann er sich anders. Er wollte auf keinen Fall, dass der Arzt Cara dann womöglich in die Psychiatrie überwies.
So meinte er nur lahm: "Nein, nicht dass ich wüsste. Wir waren den ganzen Nachmittag zusammen, es gab keinerlei Anzeichen für ihren Zusammenbruch."
Der Arzt akzeptierte seine Antwort ohne nachzuhaken. Er wandte sich voll seiner Patientin zu.
"Na dann wollen wir mal. Warten sie bitte draußen, Mr. Caine, während ich Miss Thompson untersuche. Lassen sie sich von der Schwester an der Rezeption die nötigen Papiere zum ausfüllen geben, dann sind sie wenigstens eine Weile beschäftigt während sie warten."
Peter gehorchte dem indirekten Befehl des Arztes ohne Wiederworte, auch wenn alles ihn ihm schrie, bei ihr bleiben zu wollen. Das Letzte, was er hörte, als sich die Türe des Untersuchungszimmers hinter ihm schloss, waren die Worte des Arztes der einer Schwester Anweisungen gab.
Das Ausfüllen der Formulare dauerte nur wenige Minuten. Allerdings machte ihm gerade dieses Ausfüllen sehr bewusst, wie wenig er eigentlich von Cara wusste. Nachdem er die Formulare der zuständigen Schwester wieder zurück gegeben hatte, begann er wie ein Tiger im Käfig unruhig hin und her zu wandern. Immer wieder wanderten seine Blicke zur Wanduhr, die sich nur mit quälender Langsamkeit weiter zu bewegen schien.
Irgendwann blieb er vor einem der großen Fenster stehen und starrte blicklos in die Ferne. Wie sehr wünschte er sich in diesem Moment seinen Vater an seine Seite, doch dieser war heute den gesamten Tag in der Gemeinde unterwegs, so dass er ihn nicht erreichen konnte. Ja, er konnte ihn wirklich nicht erreichen. Peter war dermaßen durcheinander, dass es ihm trotz einiger Versuche nicht gelang, eine gedankliche Verbindung zu seinem Vater her zu stellen. Heftige Gewissenbisse machten sich in ihm breit.
Was war er nur für ein Shaolin Priester, wenn ihm nicht einmal die einfachsten Aufgaben gelangen? Er schaffte es nicht, mit seinem Vater in Verbindung zu treten und er war auch nicht in der Lage gewesen, Cara vor dem was ihr geschah zu beschützen. Er hatte nicht einmal gespürt, dass da etwas in der Luft gelegen hatte!
Sein Vater hätte das mit Sicherheit bemerkt und auch gewusst was zu tun wäre. Nur er, Peter, hatte mal wie üblich kläglich versagt. Das alles war nur seine Schuld. Wäre er ein besserer Priester, Freund und Mensch, hätte er alles verhindern können. Dessen war er sich sicher. Und was wollte er nun tun? Mal wieder wie ein kleiner Junge zu seinem Vater rennen und hoffen, dass der alles in Ordnung bringen würde?
Peter schnaubte ungeduldig durch die Nase. Er war wirklich ein toller Mann. Brauchte immer seinen Vater, wenn etwas war. Schon früher, als er noch als Cop gearbeitet hatte, war das so gewesen. So oft, dass er es gar nicht zählen konnte, hatten entweder sein Vater oder Kermit ihn aus brenzligen Situationen heraus geholt. Wurde er denn nie erwachsen? Schaffte er es irgend wann mal selbst auf sich aufzupassen und nicht die Menschen, die um ihn herum waren ins Unglück zu stürzen? Wozu hatte er überhaupt den Brand erhalten, wenn er ihn nicht nutzen konnte?
Klar, sein Vater sagte ihm immer wieder seine Fähigkeiten würden wachsen, er müsse nur auf seine innere Stimme hören, die ihm den richtigen Weg weisen würde. Diesen Spruch konnte er langsam aber sicher nicht mehr hören. Aber wo waren diese Fähigkeiten, wenn er sie tatsächlich mal brauchte? Nirgends!
Wie war das noch mal, als er es geschafft hatte den dunklen Krieger zurück zu drängen und den Abgrund zu schließen? Wer war da mal wieder bei ihm gewesen und hatte ihm geholfen? Sein Vater und Kermit! Scheinbar konnte er ohne einen von beiden wirklich nichts richtig machen.
Seiner Meinung nach hatte er den Titel als Shaolin Priester nicht verdient. Er konnte ja noch nicht einmal die Kräuter seines Vaters auseinander halten, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen. Toll...wirklich toll!
Peters düstere Gedanken wurden durch die Ankunft des Arztes unterbrochen.
Der Mediziner warf ihm einen skeptischen Blick zu. "Alles in Ordnung Mr. Caine?"
Peter fuhr sich durch die Haare, schüttelte den letzten unliebsamen Gedanken ab.
"Ja. Was ist mit Cara?", brachte er die Sache direkt auf den Punkt.
"Bevor ich auf ihre Frage näher eingehe, lassen sie mich erst noch ein paar Fragen stellen."
Peter wurde Himmelangst bei dieser Bemerkung. Was verheimlichte ihm dem Arzt?
Trotz der aufkeimenden Ungeduld meinte er: "Schießen sie los Doc."
Je schneller er diese Fragen hinter sich hatte, desto eher würde er auch wissen was mit Cara war. Der Arzt bombardierte ihn mit Fragen über Caras Eßgewohnheiten, wie lange sie schlief, ob sie Stress hatte und noch einiges mehr. Ab und an waren auch Fragen dabei, die er nicht beantworten konnte. Dies versetzte ihm jedes Mal einen Stich. *Soviel zum Thema: Wie gut kenne ich Cara*, dachte er verbittert.
Irgendwann konnte Peter seine Ungeduld nicht länger bremsen und warf mit Vehemenz ein: "Ich will nun endlich wissen was mit Cara los ist, Doc. Spannen sie mich nicht länger auf die Folter!"
Der Arzt zuckte ein wenig verlegen die Schultern. "Das ist es ja. Wir haben keinerlei Ursachen gefunden, die so eine plötzliche Ohmmacht hervor rufen könnte. Nicht einmal die Blutuntersuchung hat etwas ergeben, wenn man von einem etwas erhöhten Adrenalinspiegel einmal absieht."
"Wie bitte?" Peter konnte seinen Ohren nicht trauen. "Wollen sie mir nun weis machen, dass Caras Ohnmacht keine körperlichen Ursachen hat?"
"Genau das, Mr. Caine. Miss Thompson ist absolut gesund. Ich kann nur vermuten, dass der Stress zusammen mit den unregelmäßigen Mahlzeiten diesen Zusammenbruch verursacht hat."
Erneut fuhr sich Peter ungeduldig durch die Haare. Er war so sicher gewesen, nun endlich den Grund für ihr seltsames Verhalten zu erfahren und nun das. Was ging hier nur vor?
"Und was schlagen sie vor Doc? Sind sie sicher nichts übersehen zu haben?"
Der Arzt lächelte Peter ermutigend zu. "Sehr sicher, Mr. Caine. Sie können mir wirklich glauben wenn ich ihnen sage, dass Miss Thompson nicht krank ist. Achten sie die nächste Woche einfach darauf, dass sie regelmäßig isst und keinen Stress hat, dann dürfte sich die ganze Sache in Wohlgefallen auflösen. Ein, zwei Tage Bettruhe könnten auch nichts schaden."
"Uh. Danke Doc. Die Bettruhe wird ihr aber gar nicht schmecken. Dann kann ich sie wohl wieder mit nehmen?", gab Peter zurück.
Das Lächeln des Arztes wurde breiter. "Wem gefällt es schon im Bett zu liegen? Ich habe schon fest gestellt, dass Miss Thompson ein ziemlich hitziges Temperament hat. Im Moment schläft sie. Ich musste ihr ein Beruhigungsmittel geben, weil sie partout nicht still liegen wollte sofern sie mal wach war. Lag wohl an der fremden Umgebung. Jedenfalls sehe ich keinen Grund, sie hier zu behalten. Achten sie nur darauf, dass sie sich in den nächsten Tagen an meine Anweisungen hält."
"Sicher doch Doc. Vielen Dank."
Peter streckte dem Arzt seine Hand entgegen, die dieser ergriff und sie kräftig drückte.
"Nichts zu danken, Mr. Caine. Und nun entschuldigen sie mich bitte, ich habe noch andere Patienten, die meiner Aufmerksamkeit bedürfen."
Peter folgte dem Arzt aus dem Wartezimmer. Im Türrahmen drehte sich der Arzt noch einmal zu Peter um und fing plötzlich an zu kichern, als wäre ihm etwas sehr lustiges eingefallen.
Peter schaute ihn fragend an.
Der Arzt meinte, noch immer lachend: "Wussten sie eigentlich, dass ihre Freundin über eine sehr ausgeprägte Blutzirkulation verfügt? Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der solch leuchtend rote Fußsohlen hat. Damit könnte sie glatt als Leuchtturm durchgehen."
Peter konnte über diesen Scherz überhaupt nicht lachen. Was war nun daran wieder so lustig? Konsterniert schaute er dem Arzt hinterher, bis dieser um die Ecke verschwand, erst dann machte er sich auf den Weg ins Untersuchungszimmer.
ooooooooooo
Kermit stieg, leise vor sich hin pfeifend, aus seiner Corvair. In der Hand hielt er einen winzigen Frosch mit einer Miniatursonnenbrille, den er einer Eingebung zufolge für Cara gekauft hatte.
Sein schlechtes Gewissen hatte ihm keine Ruhe gelassen, so dass er nach diesem harten Arbeitstag doch noch beschlossen hatte, bei Cara vorbei zu schauen. Sie hatte ihn ja quasi eingeladen, oder nicht? Immerhin hatte er sich im Büro ihr gegenüber auch nicht gerade sehr nett verhalten. Jeder Streit musste auch einmal ein Ende haben und er hoffte, dass Cara sein "Entschuldigungsgeschenk" gefallen würde.
*Sicherlich*, beruhigte er sich gedanklich. *Sie ist ja nicht nachtragend.*
Echt seltsam, was hatte dieses kleine, zierliche Persönchen nur an sich, dass er so oft an sie denken musste? Sonst war es ihm doch immer total egal, wen er beleidigte und wen nicht.
Kermit schloss die Corvair ab und legte die wenigen Meter bis zu ihrem Geschäft zurück. Der Verkaufsraum selbst war dunkel, aber in der oberen Etage hatte er Licht gesehen. Er beschloss, sich selbst Eintritt zu verschaffen, ziemlich sicher, dass Cara das Klopfen nicht hören würde, wenn sie einen Stock höher war. Die Klingel funktionierte leider noch nicht. Kermit nahm sich vor, das an seinem nächsten freien Tag gleich für sie zu erledigen. Mit Caras Ersatzschlüssel, den sie ihm gegeben hatte, lies er sich selbst ein.
Schon von hier unten konnte er die beiden Stimmen so deutlich hören, als würden sie direkt vor ihm stehen.
"Du tust jetzt genau das, was ich dir gesagt habe und keine Widerrede junge Dame", hörte er Peter schimpfen.
"Ich denke nicht daran du...du...du Tyrann du", kam es genauso empört von Cara zurück.
Kermit verdrehte hinter seiner Sonnenbrille die Augen. Konnten die beiden in letzter Zeit nicht einen Tag ohne Streit verbringen? So langsam war das wirklich nicht mehr zum aushalten. Cara und Peter waren Freunde, doch das war er hier erlebte und hörte glich eher einer erbitterten Feindschaft.
Angesichts des wenig erfreulichen Tages, den er schon hinter sich hatte, spürte er wie kalte Wut sich in ihm breit machte. Was war das nur eine Welt, wenn schon enge Freunde so aufeinander los gingen? Für ihn stand nur eines fest: So konnte es mit den beiden nicht weiter gehen und er würde derjenige sein, der dem ganzen ein Ende bereitete. Hier und jetzt und egal wie!
Ohne sich groß um den Lärm zu kümmern, den er verursachte, stapfte er die wenigen Treppenstufen in den oberen Stock hinauf. Die beiden hätten ihn eh nicht mal gehört, wenn er getrampelt hätte wie eine Herde Elefanten bei der Lautstärke ihrer 'Unterhaltung'.
Am Türrahmen blieb er mit vor der Brust verschränkten Armen stehen und beobachtete die beiden erst einmal. Weder Cara noch Peter schienen ihn zu bemerken.
Wie Kampfhähne standen sich die beiden gegenüber. Beide hatten die Hände in die Hüften gestützt und funkelten sich zornig an.
*Das habe ich doch schon einmal gesehen*, dachte Kermit ironisch.
Ihm kam es vor wie ein Dejá vu Erlebnis. Es war noch nicht einmal 24 Stunden her, als er Cara gewaltsam von Peter hatte trennen müssen, damit sie ihm nicht an den Kragen ging.
Gerade eben warf Cara Peter an den Kopf: "Du bist der herrischste Mensch, den ich kenne. Und überhaupt! Du hast mir gar nichts zu sagen, du bist nämlich nicht mein Vater!"
Das Reichte Kermit. Ihm platzte der Kragen. "Jetzt ist aber entgültig Ruhe!", klirrte seine Stimme wie Donnerhall durch den Raum.
Innerhalb einer Sekunde herrschte vollkommene Stille. Zwei Augenpaare starrten ihn vollkommen überrascht an.
"Du setzt dich hierhin Peter, und du dich dort Cara", befahl Kermit in einem Tonfall, den er ansonsten nur gegenüber irgendwelchen dubiosen Subjekten benutzte.
Weder Cara noch Peter wagten es sich, seinen Anordnungen zu wiedersetzen. Mit hängenden Köpfen trottete jeder der beiden auf den ihm angewiesenen Platz. Kaum hatte sich Cara hingesetzt, öffnete sie ihren Mund, um zu sprechen.
"Ein Wort von einem von euch, ohne dass ihr dazu aufgefordert werdet und ihr werdet den Tag bedauern, an dem ihr einen Fuß auf diese Welt gesetzt habt", warnte Kermit in seinem bedrohlichsten Tonfall.
Cara erstarrte mitten in ihrer Bewegung. Selbst wenn sie gewollt hätte, sie hätte keinen Ton mehr heraus gebracht. War das derselbe Kermit, der sich ihr gegenüber immer so geduldig und zuvorkommend verhielt? Sie konnte es kaum glauben. Nicht einmal, als er sie ganz am Anfang ihrer Bekanntschaft irrtümlich für eine Verbrecherin gehalten hatte, hatte er so furchteinflößend auf sie gewirkt.
Klar, sie hatte schon sehr viele Geschichten über Kermit und seine ungewöhnlichen Aktionen gehört, aber dass er sich tatsächlich so verhalten konnte hatte sie sich nicht vorstellen können. Bis jetzt. Nun war ihr klar, warum es hieß: man legt sich mit keinem Kermit Griffin an und warum einige Leute schon den Kopf einzogen, wenn sie seinen Namen nur hörten. So wie er hier stand wirkte er mehr als nur ein wenig furcheinflößend und sie hoffte von ganzem Herzen, dass sie niemals auf der falschen Seite von ihm stehen würde.
Kermit hatte mit der Gesamtsituation absolut keine Probleme. Ganz der Herr der Lage ließ er die beiden anderen spüren, wer hier das Sagen hatte. Dazu bedurfte es nicht einmal mehr der Worte. Seine Erscheinung und seine Ausstrahlung genügten vollkommen.
Mit voller Absicht ließ sich Kermit Zeit. Er holte in aller Ruhe einen Aschenbecher aus Caras Miniküche, zündete sich genüsslich eine Zigarette an und setzte sich dann zwischen die beiden Kampfhähne. Tief inhalierte er den Rauch, bevor er sich Peter zuwandte.
"Also, was zum Henker ist hier schon wieder los?"
"Ganz einfach", erwiderte Peter vollkommen entnervt. "Die junge Dame hier", dabei schoss er einen nicht gerade netten Blick in Caras Richtung, "meint, sie muss sich nicht an die Anweisungen des Krankenhausarztes halten und will mal wieder alles besser wissen."
Kermit war, als hätte er einen Schlag in den Magen erhalten. Was war hier nur alles in den letzten Stunden geschehen? Warum hatte Peter Cara ins Krankenhaus gebracht? Kermit brauchte einen Moment, um mit der völlig neuen Situation umgehen zu können.
Genau jenen Augenblick suchte sich Cara heraus um einzuwerfen: "Moment mal, du hast doch selbst gesagt, dass der Arzt mich für vollkommen gesund eingestuft hat."
Mit einem stahlharten Blick, der selbst durch die grüne Sonnenbrille hindurch seine Wirkung nicht verfehlte, wandte sich Kermit an Cara.
"Mädchen, das ist meine letzte Warnung. Noch ein ungefragtes Wort von dir und ich versohle dir den Hintern, dass du drei Tage nicht mehr sitzen kannst. Jetzt ist Peter an der Reihe und du bist gefälligst ruhig."
Cara zuckte zurück, als ob er sie tatsächlich geschlagen hätte. Sie musste kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass er seine Drohung ohne mit der Wimper zu zucken wahr machen würde. Ihr Mund schloss sich mit einem laut vernehmbaren plopp.
"Okay Peter. Alles mal der Reihe nach. Was ist genau passiert?"
Peter erzählte Kermit, was sich zugetragen hatte. Er fing bei Caras ungewöhnlichem Verhalten und ihrer anschließenden Ohnmacht an und endete mit dem jetzigen Zeitpunkt. Nachdem der junge Shaolin geendet hatte, herrschte vollkommene Stille im Zimmer.
Kermit musste wohl erst einmal verarbeiten, was er da gehört hatte und Cara wurde bewusst, wie dumm sie sich schon die ganze Zeit über verhielt. Auf gut Deutsch hatte sie sich verhalten, wie ein kleines, verzogenes Gör, dabei hatte sich Peter die ganze Zeit doch nur Sorgen um sie gemacht und versucht sie auf seine Weise zu beschützen. Urplötzlich kullerten ihr Tränen über die Wangen, die bald in heftiges Schluchzen übergingen.
Die beiden Männer sahen sich betreten an. Mal wieder konnten sie den schnellen Stimmungsumschwung von Cara nicht nachvollziehen. Kermit wollte ihr beschwichtigend seine Hand auf die Schulter legen, doch sie schob sie einfach zur Seite.
"Nein, lass mich. Ist gleich wieder vorbei", bat sie mit tränenerstickter Stimme.
Stumm warteten die beiden Männer, bis sich Cara wieder beruhigt hatte, so dass sie sprechen konnte. Sie hob den Kopf. Tränenverquollene Augen suchten Peters Blick.
Sie sagte mit zitternder Stimme: "Es tut mir leid, Peter wie ich mich dir gegenüber verhalten habe. Ich weiß wirklich nicht, was da über mich gekommen ist."
Peter schluckte hart bei diesem Blick, der ihm durch Mark und Bein ging. Seine Stimme klang selbst nicht ganz sicher als er entgegnete: "Schon gut, Cara, mach dir darüber keine Gedanken. Hauptsache es geht dir gut."
"Nein wirklich, es tut mir wahnsinnig leid. In letzter Zeit erkenne ich mich ja selbst nicht wieder. Ich habe keine Ahnung, warum ich dir gegenüber dermaßen die Beherrschung verloren habe.", beteuerte sie.
"Vielleicht liegt das ja an deiner übersteigerten Blutzirkulation wie mir der Arzt erzählte", versuchte Peter lahm zu scherzen, um die Situation aufzulockern. Er fühlte sich ja selbst nicht ganz unschuldig an der ganzen Sache.
Von beiden Seiten erntete er einen verwunderten Blick aufgrund dieser Aussage. Kermit zog fragend die Augenbraue nach oben. Mehr brauchte er nicht zu tun, damit Peter freiwillig mit der Erklärung heraus rückte.
"Der Arzt im Krankenhaus machte halt einen Scherz über deine Füße. Er meinte er hätte noch nie jemand mit so leuchtend roten Fußsohlen gesehen wie dich. Hei, das sollte doch nur ein Scherz sein", schloss Peter, als er Kermits düsteren Blick bemerkte.
Kermit Kopf schoss bei Peters Erklärung in die Höhe. Die Ereignisse des heutigen Tages fielen ihm ein. Konnte da etwa ein Zusammenhang bestehen? Es wurde immer wahrscheinlicher für ihn, zumal wenn er an Caras Angstzustände dachte. Die Frage war nur wie?
Bevor die junge Geschäftsinhaberin reagieren konnte, hatte Kermit ein Bein von ihr zu sich her gezogen und zog ihr die Schuhe und auch Socken aus. Cara protestierte nur schwach. Sie wagte es noch immer nicht, sich Kermit entgegen zu setzen. Nicht nach dem, was sie sich in letzter Zeit alles geleistet hatte.
Leuchtend rote Fußsohlen schauten Kermit entgegen. Genau wie bei den Toten in der Leichenhalle!
"Peter, hast du nicht erwähnt Cara wäre Blut abgenommen worden?", wollte Kermit wissen, ohne seine Aktion näher zu erklären.
"Ja, aber..."
Weiter kam er nicht, denn Kermit sprang auf und eilte aus dem Raum. "Ich muss nur kurz telefonieren. Und ihr beiden benehmt euch solange damit das klar ist", warf er zur Vorsicht über seine Schulter zurück.
Knapp zehn Minuten später kehrte Kermit zurück. Sein Gesichtsausdruck war todernst. So ernst, dass er beiden, die nun einträchtig nebeneinander saßen, damit regelrecht Angst einjagte. Schwer ließ er sich an den freien Platz am Ende der Couch fallen.
"Kannst du mir mal erklären was das alles soll?", wagte Peter einen Vorstoß.
Kermit umriss kurz die Ereignisse der letzten Tage im Revier. Die unschönen Dinge ließ er Cara zuliebe weg.
"...ich habe gerade Nickie angerufen, damit er mit deinem Blut denselben Test durchführt. Wie es der Zufall will, ist er gerade im Krankenhaus und wird sich in wenigen Minuten wieder melden", endete Kermit seine Erklärung.
Wie auf Verabredung klingelte in dem Moment Kermits Handy. "Und?", war alles, was er sagte. Den Rest der Zeit hörte er nur zu. Kermits Gesichtsausdruck wurde mit jeder Sekunde düsterer und düsterer. Nachdem er aufgelegt hatte und sich Cara zuwandte, zog diese instinktiv den Kopf ein, als würde sie jeden Moment einen Hieb von ihm erwarten.
Kermit rieb sich die brennenden Augen unter seinen Gläsern. Ein Versuch, sich wenigstens noch eine Sekunde Zeit zu verschaffen bevor er die Frage stellen musste, deren positive Antwort er gar nicht haben wollte. Seltenst war er sich so unsicher vorgekommen, wie in jenem Moment.
Ein tiefer Atemzug. Dann sagte er: "Cara, ich muss dir diese Frage stellen. Nimmst du Drogen? Bist du von etwas abhängig und hast Angst es uns zu sagen?"
Cara sprang wie von der Tarantel gestochen hoch. Ihr Mund klappte auf und wieder zu. Mit vielem hatte sie gerechnet, aber nicht mit so etwas. Ein tieftrauriger Blick, der sich wie ein Messer in seine Eingeweide bohrte traf ihn.
"Wie kannst du mir so etwas nur zutrauen, Kermit? Du solltest mich wirklich besser kennen. Das tut wirklich weh!"
Am Ende das Satzes wurde ihre Stimme immer leiser. Man merkte ihr deutlich an, wie sehr Kermits Frage sie verletzte. Wie viel Kraft es ihn in dem Moment kostete sie nicht einfach in seine Arme zu ziehen und sie zu trösten, wusste nur er.
Peter war derjenige der handelte. Er tat das, was Kermit verwehrt blieb. Er sprang ebenfalls auf und zog Cara beschützend in seine Arme, die schon wieder zu zittern anfing. Der Ausdruck seiner Augen teilte Kermit deutlich mit, was er von dieser Frage hielt.
"Wie kannst du nur", wiederholte er Caras Worte in eindeutig tadelndem Wortlaut.
"Der Arzt hat gesagt, man soll die nächsten Tage jeglichen Stress von ihr fern halten und was machst du?", gab er seinen Worten Nachdruck.
Kermit kam sich vor wie eine Laus. Manchmal hasste er seinen Job regelrecht. Vor allem wenn es um solche Dinge wie hier ging.
"Tut mir leid, Cara, wenn ich dich mit meinen Worten verletzt habe, doch im Moment kann ich auf dein Feingefühl leider keine Rücksicht nehmen. Ich glaube dir ja, dass du keine Drogen nimmst. Aber wo ist dann der Zusammenhang? In deinem Blut sind genau dieselben Inhaltsstoffe gefunden worden wie in den Opfern und du hast ebenfalls diese roten Fußsohlen. Was soll ich also glauben?"
Mehrere Minuten kehrte Stille ein. Peter hatte Cara zur Couch zurück geführt und hielt sie nun beschützend im Arm. Ein jeder war mit Nachdenken beschäftigt, auch wenn es sich bei den dreien nicht überall um denselben Gedanken handelte.
Schließlich war es Kermit, der wieder als erster das Wort ergriff. Er spürte, dass er kurz vor der Lösung des Falles stand, aber ihm fehlte einfach noch die richtige Verbindung.
"So kommen wir nicht weiter. Versuchen wir mal die Sache von der logischen Seite anzugehen. Nickie meinte, die Fußsohlen könnten eine allergische Reaktion auf etwas sein. Hat sich da in letzter Zeit etwas bei dir verändert? Hast du neue Schuhe, neue Socken, oder läufst du gerne Barfuss durch die Gegend?"
Cara schüttelte den Kopf. Durch Peters Ruhe hatte auch sie sich wieder soweit beruhigt, dass sie klar denken konnte. Ihr war bewusst geworden, dass Kermit diese Frage hatte stellen müssen.
"Nein, weder noch. Die Schuhe, die ich trage, habe ich schon ein paar Jahre. Socken trage ich immer dieselben und ich laufe auch nicht Barfuss durch die Gegend, nicht einmal in meiner Wohnung."
Bei der Erwähnung der Wohnung machte es bei Kermit klick. Eine kleine Vorahnung, die er nicht näher beschreiben konnte setzte sich in seinen Gedanken fest.
"Okay, dann kann es daran also nicht liegen. Wie ist es eigentlich mit deinem Wohnungen. Du hast gesagt, du hättest in letzter Zeit öfter Realitätsverluste gehabt. Wo traten sie auf? In beiden Wohnungen, oder nur hier?"
Caras Kopf ruckte nach oben. Ihre Augen wurden groß. "Wenn ich richtig überlege, dann war es nur hier in der Wohnung. In meinem richtigen Zuhause habe ich noch nie so ein Erlebnis gehabt." Noch nachträglich schüttelte sie sich bei dem Gedanken daran.
Peter mischte sich ein. "Also wenn wir das kurz zusammen fassen dann haben wir folgendes: Tatsache ist, du hast eine Art Ausschlag an den Fußsohlen, der von irgend etwas her rühren muss. Da nur in dieser Wohnung erwähnte Dinge geschehen sind, muss es hier etwas geben, was der Auslöser dafür ist. Du gehst nicht Barfuss, doch mit irgend etwas musst du mit bloßen Füssen Kontakt gehabt haben."
Die Erleuchtung kam bei allen dreien gleichzeitig. Wie auf Kommando sahen sich die drei gegenseitig an und riefen aus: "Die Dusche!"
Im nächsten Moment eilten die beiden Männer ins Badezimmer. Cara folgte ein wenig langsamer nach.
"Wann hast du die Installation der Dusche machen lassen?", erkundigte sich Kermit.
Cara gab ihm die Auskunft.
"Und wann haben diese Halluzinationen angefangen?", warf Peter ein.
Cara musste einen Moment lang nachdenken. Die Wahrheit fiel ihr wie ein Schleier von den Augen.
"Kurz danach. Das war, als ich das erste Mal hier duschte."
Die beiden Männer wechselten einen Blick. "Bingo", war alles was Kermit sagte. Sein Blick fiel auf den Boiler.
"Hast du zufällig Werkzeug hier?", meinte er.
"Moment ich hole gleich etwas. Und du Cara wirst dich jetzt erst einmal eine Weile ausruhen während wie hier suchen", gab Peter zurück.
Cara gehorchte ohne zu murren.
ooooooooooo
Eine gute Stunde später betraten die beiden Männer das Wohnzimmer. Kermit hielt ein kleines Kästchen in den Händen, das er misstrauisch und gleichzeitig triumphierend beäugte. Cara richtete sich schlaftrunken auf. Trotz des Lärms, den die beiden Männer gemacht hatten, hatte sie ein wenig vor sich hin gedöst.
"Und, was hast du da gefunden?"
"Ich denke die Ursache des Übels. Dieses Kästchen gehört auf keinen Fall in einen Boiler. Weißt du noch wer die Installation durchgeführt hat?"
"Selbstverständlich. Der Mann hieß George Cunningham."
"Hast du die Adresse?"
"Nicht hier. Die Rechnung habe ich in meiner Wohnung. Allerdings habe ich seine Nummer aus dem Telefonbuch, das kann ich dir anbieten."
"Dann gib mal her."
Kermit ergriff das Telefonbuch, das Cara ihm reichte und begann wie wild darin zu blättern. Wenige Minuten später rief er triumphierend aus: "Hab ihn!"
An Peter gewandt meinte er: "Pass mir ja gut auf Cara auf. Lass sie auf keinen Fall alleine! Am besten geht ihr zu deinem Vater, da seid ihr sicher."
Dann verschwand er ohne ein weiteres Wort oder eine Erklärung, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her. Cara und Peter konnten ihm nur völlig perplex nachschauen. Die beiden verstanden rein gar nichts mehr.
EPILOGDrei Tage später.
Cara betrat zusammen mit Caine das Delanceys, das schon angefüllt mit Kollegen der 101. Reviers war. Peter, der sich ebenfalls dort befand, kam ihr entgegen.
Mit einem Kuss auf die Wange, einer Umarmung und einem "Hi Kleines, lange nicht mehr gesehen", begrüßte er sie brüderlich und mit ein wenig Spott in der Stimme. Cara warf ihm anstelle einer Antwort einen bitterbösen Blick zu. Reden konnte sie nicht, da das Objekt von Peters offensichtlicher Belustigung direkt hinter ihr stand.
Zu ihrer Erleichterung verabschiedete sich Caine gleich darauf nach einem kurzen Wortwechsel mit seinem Sohn. Cara konnte einen Seufzer der Erlösung nicht länger unterdrücken, was Peter zu einer wahren Lachsalve trieb.
"So, hat dich mein Vater endlich wieder von der Leine gelassen, was? Aber ich muss zugeben, die drei Tage Zwangserholung scheinen dir gut getan zu haben, du siehst wieder richtig gesund aus."
Mit Leichtigkeit wehrte er den spielerischen Schlag seitens Cara ab.
"Du hast gut reden, du gemeiner Kerl. Hast du eine Ahnung, was ich bei deinem Vater alles durchmachen musste, nachdem ihr meine Wohnung einfach in Beschlag genommen habt zwecks Beweisaufnahme? Den ganzen Tag diese kryptischen Reden und strenge Bettruhe ohne irgendwelchen Besuch oder Informationen. Mir schwirrt immer noch der Kopf. Dein Vater schafft es wirklich, selbst den geduldigsten Menschen auf die Palme zu bringen. Wie hältst du das nur aus?", beschwerte sie sich.
Peter grinste breit. "Ich bin sein Sohn, was denkst du? Ich hatte einfach länger Zeit mich an so etwas zu gewöhnen als du. Aber nun komm mit zu den anderen. Sicher platzt du schon vor Neugier was bei dem Fall heraus gekommen ist."
"Und ob.", bestätigte Cara.
Peter führte die junge Frau an den Tisch, an dem sich Kermit, Jody, TJ und Blake befanden. Nach einer kurzen Begrüßung schlüpfte sie neben Kermit in die abgedunkelte Nische und Peter nahm ihr gegenüber Platz.
"Also was ist nun? Muss ich vor Neugier sterben, oder klärt mich mal jemand auf, was noch alles geschehen ist. War es tatsächlich Mr. Cunningham? Ihr habt mich ja wirklich ganz schön auf dem Trockenen gelassen."
Kermit lies sein Wolfsgrinsen aufblitzen. "So ist es eben bei Caine. Es kommt nichts hinein oder hinaus, was er nicht will. Er war eben der Meinung, du müsstest erst einmal Abstand von allem gewinnen."
"Na danke. Aber dass mich diese verflixte Neugier fast um den Verstand gebracht hat, darauf ist er wohl nicht gekommen, wie? Bitte...spann mich doch nicht länger auf die Folter."
Der Augenaufschlag der auf diese Worte folgte war so gekonnt, dass Kermit einen Moment lang der Atem stockte. Er musste sich räuspern bevor er sprechen konnte.
"Okay. Bevor du hier tatsächlich noch an Neugier stirbst. Es war tatsächlich Mr. Cunningham."
"Ich könnte diesen Typ erwürgen, obwohl er absolut nicht wie ein Verbrecher wirkte", warf Cara dazwischen.
"Warte doch erst einmal ab, bis du alles gehört hast, bevor du so schnell über einen anderen Menschen urteilst", wandte Peter ein.
"Huch, wohl bei deinem Vater in die Lehre gegangen was?", frotzelte Cara ihrerseits.
Kermit mischte sich wieder ein. "Wollt ihr schon wieder streiten, oder willst du hören was geschehen ist?"
Cara lächelte ihn engelsgleich an. "Weiter erzählen bitte und nichts auslassen", bat sie.
"Nachdem die Leute im Labor das Kästchen überprüft haben, war klar, dass dieser Behälter die Ursache allen Übels war. Jody, TJ und ich sind dann zu Cunningham gefahren, um ihn fest zu nehmen. Wir erwarteten eigentlich einen gewieften Verbrecher vor uns zu sehen, doch das genaue Gegenteil war der Fall."
Cara, die bis jetzt gespannt zugehört hat konnte sich die Zwischenfrage nicht verkneifen. "Wie soll ich das denn nun verstehen? Und in wie fern hat das Kästchen mit dem allen zu tun?"
"Nun warte doch mal ab. Du wirst alles erfahren, vorausgesetzt du bist nicht immer so ungeduldig. Nimm dir mal ein Beispiel an Peters Vater."
Alle lachten als Cara die Augen verdrehte bei diesem kleinen Seitenhieb. Kermit fuhr mit seiner Erklärung fort.
"Uns öffnete ein kleiner, Untersetzter Mann mit Halbglatze und war vollkommen überrascht, was wir von ihm wollten. Er war sich absolut keiner Schuld bewusst, stammelte nur immer wieder, dass er den Menschen helfen wollte, damit Niemand mehr auf dieser Welt leiden muss. Er habe doch nie etwas böses gewollt. Wir haben sein Haus durchsucht und fanden alles, was wir zur Beweislage brauchten. So gestört dieser Mann ist, so genial ist er auch.
"Im Keller seines Hauses hatte er sich ein Labor eingerichtet, wo es ihm gelungen war, die Extrakte der Tollkirsche mit einer anderen Substanz so zu vermischen, dass diese in Verbindung mit einer bestimmten Wassertemperatur zu Gas wurden und dadurch eingeatmet werden konnten. Ihm selbst war nie aufgefallen, wie tödlich dieses Gasgemisch sein konnte wenn man zuviel davon erwischte. Er hat es ja selbst benutzt, erst dadurch ist er auf die Idee gekommen."
Cara schüttelte verwirrt den Kopf. "Das verstehe ich nicht ganz. Er hat es selber benutzt? Ja aber wie konnte er da nicht merken, wie gefährlich dieses Zeug ist? Du meintest, er hat das alles tatsächlich nicht böse gemeint. Aber wie ist es dann dazu gekommen, so etwas auch bei anderen Leuten einzubauen?"
Kermit seufzte leicht ungeduldig. "Höre dir doch erst einmal alles an, dazu wollte ich eben kommen. Laut seiner Aussage hat er dieses Extrakt durch Zufall entdeckt und bemerkte, dass es eine entspannende Wirkung hatte. Er hat sich Abends einen Teller mit ein wenig von diesem Pulver und Wasser auf die Heizung gestellt. Das Wasser hat sich mit der Zeit erhitzt und das Gas hat sich im Raum verteilt. Dadurch, dass ein Wohnraum um einiges größer ist als ein Badezimmer war auch die Dosis, die er sich hinein gezogen hat nicht so groß, so dass er nur die entspannende Wirkung gemerkt hat, aber nicht die Nebenwirkungen. Oder anders ausgedrückt, er hat seine Alpträume nicht mit dem Einatmen des Gases in Verbindung gebracht. Er ist ja nach dem Einatmen des Gases immer gleich ins Bett gegangen und hat die heftigen Nebenwirkungen niemals im Wachzustand erlebt. Wie so eine Überdosis von diesem Gas aussehen kann, musstest du ja leider am eigenen Leib erfahren."
Cara nickte bekräftigend. "Und ob. Aber mir ist noch nicht klar, wie er auf die Idee gekommen ist, bei anderen Leuten dieses komische Kästchen da einzubauen."
"Das entstand tatsächlich aus seinem Wunsch heraus zu helfen. Als Gas- Wasserinstallateur hat er tagtäglich Menschen um sich gehabt, die gestresst und unter Druck waren. Oft genug sind ihm Schicksalsgeschichten erzählt worden. Die Leute haben ihm einfach leid getan und so kam er auf die Idee, dieses Kästchen zu bauen, das bei jedem Duschen eine bestimmte Dosis von dem Pulver frei setzte. Er wollte, dass die Menschen genauso glücklich und entspannt sind wie er.
Leider hat er dabei nicht bedacht, dass manche Menschen mehr als einmal am Tag duschen und er hat auch die Größe des Badezimmers in seine Kalkulationen nicht mit einbezogen. So kam es, dass die Leute, bei denen er das Kästchen eingebaut hat immer stärkere Halluzinationen hatten, die bei manchen leider mit dem Tod geendet haben. Du hast selbst erlebt, wie diese Halluzinationen und auch deine Stimmungsschwankungen immer mehr an Intensität zu nahmen."
Cara lief ein kalter Schauer über den Rücken wenn sie daran dachte, was sie durch gemacht hatte.
"Also dann war der Mann tatsächlich gar kein Verbrecher, sondern ein liebenswerter, alter Mann, der der Menschheit einfach etwas Gutes tun wollte?", brachte sie die Sache auf den Punkt.
Kermit lehnte sich entspannt zurück. "Genau so ist es. Du kannst mir glauben, das war mal eine gänzlich andere Verbrecherjagd. Es fällt wirklich schwer, diesem Menschen böse zu sein, selbst wenn man daran denkt, dass er fünf Menschen auf dem Gewissen hat. In ein normales Gefängnis konnte man ihn eh nicht stecken, so ist er jetzt in eine Nervenheilanstalt eingeliefert worden. Den Prozess kann man ihm auch nicht machen laut Gutachten eines Psychiaters."
"Na dann lasst uns mal feiern, dass dieser Fall geklärt ist. Ein Hoch auf unsere Polizei", warf Peter ein und hob sein Glas.
Es wurde sich zugeprostet. Alle stießen miteinander an und die angespannte Stimmung lockerte sich auf.
Eine Welle der Erleichterung flutete über Cara hinweg. "Ich bin echt froh, dass sich alles auf diese Art und Weise aufgeklärt hat. Um ehrlich zu sein, hatte ich wirklich das Gefühl verrückt zu werden. Ich erkannte mich in den letzten Tagen gar nicht wieder. Es war so, als ob ich als Zuschauer neben mir stehen würde und hilflos alles beobachten musste, was ich tat und sagte. Und dann gab es noch diese schrecklichen Visionen, die waren wirklich hammerhart. Für meinen Teil ist die Sache damit abgehakt. Ich weiß nun, was mit mir los gewesen ist und die Erinnerung wird auch verblassen. Es hätte immerhin auch schlimmer werden können", bekannte sie freimütig.
Alle am Tisch nickten bekräftigend. "Und ob, du hättest jetzt auch schon tot sein können", warf Blake ein.
"Tot?"
Cara wurde ganz blass um die Nasenspitze, als ihr bewusst wurde, wie nah sie ohne es zu wollen am Abgrund gestanden hatte. An jenem Abend vor drei Tagen hatte sie daran überhaupt nicht gedacht, so wenig wie bis zu diesem Zeitpunkt, als Blake das erwähnte.
Kermit legte spontan den Arm um ihre Schultern und drückte sie freundschaftlich an sich.
"Nun komm schon, Cara, sieh es positiv. Der Mann kann niemandem mehr schaden. Es ist zwar sehr traurig, dass Menschen sterben mussten, aber denke mal daran was geschehen wäre, wenn wir den Mann nicht so schnell gefasst hätten."
"Ja schon, aber...", fing Cara den Satz an.
Kermit unterbrach sie rüde. "Nein, Cara. Kein ja, aber. Akzeptiere es so, wie es ist. Es lohnt sich nicht, sich darüber noch groß Gedanken zu machen. Du kannst nichts mehr daran ändern."
Cara hörte den entschlossenen Unterton in Kermits Stimme sehr wohl heraus. Sie beschloss, nichts zu erwidern, denn sie wollte nicht riskieren, dass er sich wieder von ihr zurück zog. Zufrieden schmiegte sie sich wie ein Kätzchen an Kermit, genoss die Geborgenheit und Sicherheit in seinen Armen solange es dauerte.
Genau hier, da wollte sie sein, für immer. Wenn er das nur endlich auch begreifen würde. Doch leider machte Kermit keinerlei Anstalten, ihr auch nur ein wenig näher treten zu wollen. In seinen Augen war sie wohl nur eine Freundin. Nicht mehr und nicht weniger.
Sie fragte sich ernsthaft wie lange sie ihre Gefühle für ihn noch zurück halten konnte, ohne dass er etwas bemerkte. Sie seufzte leise und sehnsüchtig, erntete einen merkwürdigen Seitenblick von Kermit.
"Alles in Ordnung mit dir?", fragte er besorgt.
Cara lächelte ihm beruhigend zu, froh über das schummrige Licht, das den Ausdruck in ihren Augen nicht enthüllen konnte. Anstelle einer Antwort lehnte sie nur mit einem zufriedenen Seufzer ihren Kopf auf seine Schulter zurück. Sie spürte, wie er sie instinktiv noch ein wenig näher an sich zog.
Vielleicht...aber nur vielleicht, gab es für sie ja doch eine Chance.
Doch das ist eine andere Geschichte
Ende
Nächste Geschichte: What Friends are for.
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