Scheiße. Ich unsensibles Arschloch.

Luzi stürmt zu Tür raus und lässt Emma, Jenny und Bodo mit ratlosem Blick zurück. Timo ruft noch nach ihr, aber Luzi ist schon aus der Tür. Ich wechsle einen Blick mit Timo und ich kann sehen, wie es bei ihm klickt.

„Meine Schuld." Ich hebe die Hände und wende mich zum Gehen. „Ich seh nach ihr."

Als ich auf den Flur trete, sehe ich Luzi noch um die Ecke verschwinden und renne ihr nach. Ich folge ihr in den kleinen Hofgarten des Krankenhauses. Sie steht mit dem Rücken zu mir und wendet sich nicht um, während ich langsam auf sie zu und dann um sie herumgehe. Sie starrt mit vor der Brust verschränkten Armen auf den Boden. Als ich sie an der Schulter berühre, schüttelt sie mich jäh ab und blickt mich mit blitzenden Augen an. „Lass mich, Ben."

„Luzi, bitte rede mit mir.."

„Ich sagte, du sollst mich in Ruhe lassen." schleudert sie mir sauer entgegen. „Es gibt nichts zu reden." Sie deutet in die Richtung von Timos Krankenzimmer. „Du hast doch alles gesagt."

„Luzi, ich wollte nicht…." setze ich an. Ich finde kaum Worte. Die Situation ist so verfahren. „Es tut mir leid…"

„Was tut dir leid?" unterbricht sie mich. „Dass ich eine Ablenkung für dich war?" Sie zittert bei dem Wort regelrecht. „Oder dass du es mir unter die Nase gerieben hast? Oder, dass du mich auch noch vor den anderen zur Lachnummer gemacht hast?"

„Scheiße, Luzi…" Ich und mein Mundwerk. Ich könnte mich ohrfeigen. „Dich hatte ich damit nicht gemeint."

Luzi schüttelt den Kopf. „Du meinst es nie so, aber trotzdem ist immer irgendjemand verletzt. Ich hab keinen Bock mehr auf deine Entschuldigungen!" Als ich auf sie zugehen will, weicht sie zurück. „Lass es." Ihr Gesichtsausdruck wechselt von wütend zu resigniert. „Ist jetzt eh egal." Ich halte sie bei den Schultern fest und sehe ihr fest in die Augen. „Ist es nicht. Du bist mir wichtig, Luzi." Sie will mich wieder abschütteln, aber das lasse ich nicht zu. „Du bist die letzte, der ich wehtun wollte."

Ihre Wut lodert wieder auf und sie stößt mich grob von sich. „Das hast du aber! Und ganz ehrlich…" Sie schüttelt mit ungläubiger Miene den Kopf und beginnt hin und her zu laufen. „Ich weiß gar nicht, wieso es mich überhaupt noch kümmert. Nach all der Scheiße sollte es mir mittlerweile echt egal sein, was du tust oder mit wem du ins Bett gehst."

Sie wird ein wenig ruhiger und bleibt vor mir stehen. „Ich verstehe es nicht." Mit Bestürzung muss ich feststellen, dass sie zu weinen begonnen hat, doch ich rühre mich nicht und lasse sie weiter reden. „Ich hab mich so auf Timo konzentriert die letzten Tage. Seit er wieder da ist, wollte ich nur, dass es zwischen uns wieder so wird wie früher. Vor dem Unfall und Raumzeit." Sie wischt sich über die Wange und lässt die Schultern sinken. „Bevor es so scheißkompliziert wurde."

Ich zögere kurz. „Man kann die Zeit nicht zurückdrehen, so sehr man sich das auch wünscht." sage ich dann leise. Luzi wischt sich über die andere Wange und sieht mich an. Ich ziehe die Schultern nach oben. „Niemand weiß das mehr als ich."

Luzi lässt sich auf eine Bank sinken. „Ich liebe Timo und ich will mit ihm zusammen sein." sagt sie langsam. „Und obwohl ich weiß, dass ich nur der Trostpreis war, bringst du mich durcheinander…" Ich seufze und setze mich neben sie. „Du warst kein Trostpreis, Luzi. Das was ich damals in der Kirche gesagt hatte,… das war ernst gemeint."

Sie wirft mir einen skeptischen Seitenblick zu und zuckt mit den Schultern. „Selbst wenn…wir hätten sowieso keinen Sinn gemacht. Wenn ich von Anfang an von deiner Rolle bei dem Unfall gewusst hätte, dann hätte ich dir auch nie diese lächerliche Liebeserklärung gemacht."

„Sie war nicht lächerlich.."

„Aber du hast sie auch nicht erwidert. Jetzt weiß ich immerhin, wieso."

Ich stehe auf und gehe vor ihr auf die Hocke, damit sie mich direkt ansieht. „Du hast Recht. Ich bin nie von Bea losgekommen, aber in dem Augenblick ging mein Leben den Bach runter." Ich nehme ihre Hände. „Und ich wollte dich nicht auch noch runter ziehen." Luzi zuckt nur skeptisch mit den Schultern und zieht ihre Hände zurück. „Mir war klar, dass du mir nie verzeihen würdest, was ich Timo angetan habe."

Luzi blinzelt. „Aber trotzdem waren wir kurz sowas wie ein Paar. Was sollte das denn?" fragt sie verärgert.

Ich suche nach Worten. „Ich war egoistisch." versuche ich es zu erklären. „Du warst der einzige Lichtblick in dem ganzen Chaos. Und für einen Moment dachte ich wirklich, dass wir eine Chance haben." Luzis Blick wird milder und ich fahre fort. „Ich dachte, wenn wir alles hinter uns haben, dann ist das unsere Chance für einen Neuanfang." Ich setze mich wieder neben Luzi auf die Bank, allerdings diesmal auf die andere Seite. „Ich hatte mich damit abgefunden, dass das mit Bea und mir endgültig vorbei war. Mit dir fühlte sich alles…irgendwie leichter an." Luzi sieht von ihren Händen auf, versteckt ihre Gedanken aber hinter einer nachdenklichen Miene. „Es fühlte sich so an, als könnte doch noch alles gut werden." beende ich meinen Monolog.

Luzi lächelt zaghaft. „Dann habe ich dir doch was bedeutet?" Ich stupse sie mit der Schulter an. „Klar. Das tust du immer noch." füge ich dann ernster hinzu. „Ich vermisse deine Freundschaft." Beim letzten Wort merke ich meinen Fehler, doch als ich den Mund öffne, um mich zu entschuldigen, hebt Luzi nur die Hand und schüttelt den Kopf. „Schon ok." sagt sie beschwichtigend. „Wir hätten es von Anfang dabei belassen sollen. Außerdem war ich ja diejenige, die dich so überfallen hat." Sie grinst mich an. „Es war ganz schön aufregend mit dir, aber vermutlich wäre ich auf Dauer damit gar nicht klar gekommen." Ihr Gesichtsausdruck wird ein wenig verlegen. „Ich bin froh, dass ich Schluss gemacht hab, bevor wir…" Sie wird etwas rot und ich nicke schnell. Mir war immer bewusst, dass das Thema Sex noch Neuland für Luzi war, etwas, wobei sie sich vermutlich auch nicht so wirklich wohl gefühlt hätte.

„Besteht die Chance, dass wir noch Freunde sein können?" will ich vorsichtig wissen.

Luzi steht auf und nimmt einen tiefen Atemzug, während sie nachdenkt. „Gib mir ein bisschen Zeit, ok? Ich muss das alles erstmal auf die Reihe kriegen."

„Ok."

Sie lächelt und deutet dann zur Tür. „Vielleicht sollten wir wieder…"

Ich stehe auf und winke ab. „Ich geh jetzt zu Bea auf die Wache. Mir ist vorhin was eingefallen, was der Polizei vielleicht helfen kann."

Luzi nickt. „Ich bin froh, dass es dir gut geht." sagt sie, als wir zusammen wieder das Gebäude betreten. „Ja, hätte böse ausgehen können." Wir kommen an eine Ecke, an der wir in verschiedenen Richtungen gehen. „Vielleicht kannst du mir ja mal bei einem Kaffee oder so die ganze Geschichte erzählen?" schlägt Luzi vor.

„Ruf mich einfach an, wenn du soweit bist. Ich freu mich."

Luzi nickt und wir trennen uns.

„Ben?"

Ich drehe mich nochmal um.

„Du und Frau Vogel… das ist wirklich was Ernstes, oder?"

Ich nicke nur.

„Dann bau diesmal keinen Mist." mahnt sie mich. „Sie ist ne tolle Lehrerin. Vermutlich kostet sie das ihren Job."

„Versprochen." versichere ich Luzi.

Sie nickt, dreht sich um und geht.

Ich sehe ihr noch hinterher, mache mich dann aber auf dem Weg zu Bea.

Ich fühle mich, als wäre ein riesiger Knoten endlich geplatzt.