Kapitel 2

Lisa riss die Tür von Jürgens Kiosk auf und stürmte hinein.

„Da kommt dieser Mensch einfach auf nem Schimmel angeritten, direkt zu Kerima! Wen will er denn damit beeindrucken?"

„Hallo Lisa!"

Jürgen zog eine Augenbraue hoch und schaute sie fragend an.

„Wer kommt auf nem Schimmel angeritten?"

„Hallo! Na wer wohl? David!"

„David? Auf nem Schimmel und was wollte er?"

Diese Frage ließ Lisa stocken. Auf dem Weg zu Jürgens Kiosk war die Wut in ihr immer weiter gewachsen und hatte alle anderen Gefühle verdrängt. Wie konnte David es wagen, sie in ein solches Gefühlschaos zu stoßen? Jetzt! Wo er ihre Gefühle 1000 Mal mit Füßen getreten hatte, obwohl sie alles für ihn gegeben hatte. Jetzt! Wo sie endlich jemand anderen liebte, der sie zu schätzen wusste und sie ebenfalls liebte. Jetzt! Jetzt kam er und wollte ihr die Märchenwelt zu Füßen legen, nach der sie sich so gesehnt hatte. Doch Jürgens Frage hatte die Mauer der Wut zum Einstürzen gebracht, hinter der sie sich so sicher gefühlt hatte. So schaute sie ihn nun unsicher und etwas verlegen an, bevor sie ihm leise antwortete.

„Er hat mir einen Antrag gemacht, einen Heiratsantrag."

Jürgen kräuselte die Stirn und konnte kaum glauben, was er da hörte.

„Lieselotte, kann es sein, dass du dir da etwas zusammen spinnst? Hast du Fieber? Muss ich mir Sorgen um dich machen?"

Genervt verdrehte Lisa die Augen und fauchte ihn an.

„Jürgen lass das! Das ist kein Witz, das ist bitterer Ernst!"

„Ach du dickes Ei! Er hat dir wirklich einen Heiratsantrag gemacht?

„Jaaaaa! Man Jürgen, was soll ich denn jetzt bloß machen?"

Jürgen ging um den Tresen herum und postierte sich kopfschüttelnd direkt vor Lisa.

„Wie was sollst du jetzt machen? Hast du denn noch gar nicht auf seinen Antrag reagiert? Das ist doch wohl nicht dein Ernst!"

„Doch natürlich habe ich reagiert, was glaubst du denn? Ich hab ihm gesagt, dass ich Rokko liebe und dass er sich zum Teufel scheren soll."

„Wo ist dann dein Problem Lisa?"

„Wo mein Problem ist?!"Lisa schrie nun beinahe.

„Mein Problem, lieber Jürgen, ist, dass er mitten auf dem Potsdamer Platz ein riesen Tohuwabohu veranstaltet! Er kommt auf einem Pferd angeritten, macht einen auf Märchenprinz und denkt keine 5 Sekunden darüber nach, welche Konsequenzen sein Verhalten hat, das ist mein Problem!"

Jürgen schaute sie einen Moment lang prüfend an.

„Kann es sein Lisa, dass dieser Auftritt dir heimlich imponiert hat, und das ganze Gezetere über David, in Wirklichkeit die Wut ist, die du auf dich selbst hast, weil du am liebsten mit ihm davon geritten wärst?"

Lisa wurde leichenblass und ihr Herz schien aussetzen zu wollen.

„Du spinnst doch Jürgen! Ich liebe Rokko!", stieß sie mühsam hervor und wollte das Gefühl an ihrer aller verletzlichsten Stelle getroffen worden zu sein, einfach nur noch los werden. In diesem Moment betrat Rokko den Kiosk und auch er war ziemlich blass um die Nase.

„Hallo Lisa, hallo Jürgen", sagte Rokko recht leise und ungewöhnlich unsicher. Lisas Kopf fuhr herum und sie schaute ihn ein wenig entgeistert an, ging dann aber sofort auf ihn zu und umarmte ihn.

„Rokko wie gut, dass du hier bist! Du kannst dir gar nicht vorstellen, was passiert ist! Dieses ganze Chaos und es hat wieder mit David zu tun. Rokko es tut mir so leid!"

„Ich war am Potsdamer Platz und habe euch gesehen. Hat er dir da etwa einen Heiratsantrag gemacht? Und was tut dir leid Lisa?", fragte Rokko jetzt sichtlich nervös und mit brüchiger Stimme.

„Ja, es war ein Antrag und es tut mir leid, weil dieses Chaos gar nicht mehr aufhört und dabei war ich doch so sicher, dass David jetzt auf seiner Weltreise ist und dadurch endlich Ruhe einkehrt."

„Lisa ich konnte euch nicht hören, nur sehen. Was hast du ihm geantwortet, bitte ich muss es wissen!"

„Hey ich hab natürlich nein gesagt, was denkst du denn!" Sie lächelte ihn liebvoll an und drückte ihn an sich. „Ich liebe nur dich Rokko, nur dich und wenn du da warst, dann hast du doch auch sehen müssen, wie ich abgehauen bin."

„Ja Lisa das habe ich." Rokko nahm ihre Hände in seine und hielt sie ein Stück von sich fort, um ihr direkt in die Augen sehen zu können. Sein Blick war unendlich traurig und Lisa spürte plötzlich eine unglaubliche Angst in sich aufsteigen. Auch Jürgen hatte die Situation genau beobachtet und hielt jetzt regelrecht den Atem an. Er hoffte so, dass er sich in Bezug auf Lisas Gefühle geirrt hatte und das sie Rokko wirklich so liebte, dass David keine Rolle mehr spielte, aber Rokkos Blick ließ nicht unbedingt auf diese Hoffnung schließen.

„Aber Lisa ich habe auch noch etwas anderes gesehen. Nämlich deinen Blick, als er sich vor dich gekniet hat und dir diesen Schuh angezogen hat. Lisa, ich weiß ich habe dir versprochen, nicht eifersüchtig auf ihn zu sein, aber ich muss jetzt einfach wissen, was dieser Blick zu bedeuten hatte. Wenn du ihn noch willst, dann lass ich dich gehen, aber wenn du sagst, dass du nur mich liebst, warum hast du ihn dann so angesehen? Lisa wir wollen heiraten, aber das geht nicht, wenn du dir nicht 100-prozentig sicher bist!"

Der Schmerz in seinen Augen ließ Lisa einen Schauer über den Rücken laufen und die Angst, dass sie Rokko verlieren könnte, schnürte ihr den Magen zusammen. Sie liebte ihn und doch verunsicherte Davids Antrag sie so sehr. Wollte sie David denn noch, obwohl sie Rokko liebte? Sie war so verunsichert und verwirrt, dass sie kein Wort herausbrachte und Rokko nur bittend ansah, doch der wollte eine Antwort von ihr hören und hielt sie immer noch ein gutes Stück von sich weg. Schließlich schluckte Lisa hart und ihr liefen einige Tränen die Wangen hinunter.

„Rokko du musst mir glauben, dass ich dich liebe und ich will dich heiraten! Aber ich weiß nicht, warum ich ihn so angeschaut habe, ich weiß selbst nicht so genau was ich dabei gefühlt habe, aber jetzt bin ich nur noch sauer auf ihn und ich will ihn am liebsten gar nicht mehr sehen, das musst du mir einfach glauben!" Sie schaute ihn ängstlich an und hoffte, dass er sie nun in den Arm nehmen würde, um ihr zu sagen, dass alles wieder gut sei und sie sich keine Gedanken mehr um das Geschehene machen müsste.

Rokko schloss die Augen und atmete tief durch. Als er seine Augen wieder öffnete, lag in seinem Blick noch mehr Schmerz als zuvor, aber auch eine unglaubliche Entschlossenheit.

„Hör mir zu Lisa! Ich kann das so nicht, es zerreist mich und ich kann nicht dauerhaft damit umgehen, dass David immer wieder zwischen uns steht. Ich bitte dich genau in dich zu hören, was du vorhin empfunden hast und noch einmal zu prüfen, ob du mich wirklich liebst. Ich könnte es nicht ertragen, dass du mich irgendwann nach der Hochzeit verlässt, weil du merkst, dass du doch noch David liebst. Ich gehe jetzt nach Hause und ich muss mir überlegen, wie ich mit dieser Situation klarkommen soll. Lisa ich melde mich bei dir, aber jetzt muss ich einfach alleine sein, um nachzudenken. Ich hoffe du verstehst das und dass du herausfindest, was du wirklich fühlst!" Er ließ sie los und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, denn dann hätte er nicht gehen können. Lisa hatte ihn so entsetzt und traurig angesehen, dass es ihm das Herz zeriss, aber er wusste, es gab keine andere Möglichkeit. Er musste einfach einen Weg finden, wie er Lisa dazu bringen würde, sich über ihre Gefühle klar zu werden. Er wollte mehr als alles andere mit ihr gemeinsam glücklich sein, aber sie musste es auch uneingeschränkt wollen, sonst würden sie beide nicht glücklich werden. Lisa sah Rokko wie betäubt nach, bevor sie heftig zu schluchzen anfing und Jürgen eine gute Stunde brauchte, um sie zu beruhigen.