"Und wie war die Nachhilfe?". "Was?". Verwirrt blickte Dario seine Mutter Roswita an, als er durch die Haustür kam. "Die Nachhilfe", wiederholte Roswita. "Du hattest gerade Nachhilfe. Wie wars." "War in Ordnung", meinte der Braunhaarige zerstreut. "Herr Bergmann meinte, dass er gerade dabei ist meinen Aufsatz zu korrigieren und er bisher sehr begeistert ist." Seine Mutter nickte zufrieden. "Ich bin stolz auf dich mein Junge." Damit drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange und klopfte ihm auf die Schulter. "Wann kannst du die Klausur denn abholen, ihr habt doch nächste Woche frei für eure Abivorbereitung." Dario nickte. "Ja, aber Herr Bergmann hat gesagt, dass wir die Klausur am Dienstag abholen können." Eigentlich hatte der Lehrer Montag als Abholtag ausgesprochen, doch Dario sollte seine Klausur am Dienstag holen, um sie ausführlich zu besprechen.
"Eins interessiert mich jetzt doch noch", sagte sie langsam und betrachtete ihren Sohn von Kopf bis Fuß. "Was macht ihr eigentlich bei der Nachhilfe. Du kommst sehr oft erschöpft wieder." Dario musste sich ein Grinsen verkneifen. Wenn seine Mutter nur wüsste. "Wir machen immer sehr viele Übungen und außerdem muss ich ja auch mit dem Rad nach Hause fahren danach, da kommt alles zusammen." "Na dann ruh dich erst mal aus, mein Junge", flötete Roswita vergnügt. Seine Mutter war ja schon sehr leichtgläubig. Er war nur einmal in seinem Leben mit dem Fahrrad zur Schule gefahren und dann nie wieder. Dieser Weg war der reinste Mord. Aber solange ihm seine Mutter die Ausrede für seine verschwitzten Haare abkaufte, war alles in Ordnung. Langsam schleppte er sich die Treppe hinauf. Auf halbem Weg quakte sein Handy und er zog es aus der Hosentasche. Er würde seinen Whatsappton wohl niemals ändern. Tim hatte ihm geschrieben: Bist du gut angekommen, mein Schöner?
Grinsend antwortete Dario ihm sofort: 'Den Bus zu nehmen war ja jetzt nicht unbedingt schwer.' Schnaufend erklomm er den Rest der Stufen. "Sohnemann?". Als Dario am oberen Ende der Treppe angekommen war, drehte er sich noch einmal zu Roswita um. "Ich wollte dir nur sagen, dass ich morgen doch da bin. Das Haus meiner Schwester hat gebrannt und dadurch wurden die Gästezimmer völlig zerstört. Ich werde also nur Sonntag nicht da sein." "Alles klar!", rief der Braunhaarige ihr zu und ließ dann ein tiefes Seufzen verlauten. Eigentlich hatte er diese beiden Tage extra für sich und Tim eingeplant. Jetzt hatten sie eben nur einen Tag Zeit, aber das war auch mehr als nichts. Schnell schrieb er seinem Freund eine Nachricht, dass sie beide nur den Sonntag zur Verfügung hatten. Als Dario sein Zimmer betrat, traf ihn fast der Schlag. Auf seinem Bett saß Julia und lächelte ihn an. Musste das jetzt wirklich sein? Lustlos ließ er seine Schultasche auf den Boden gleiten. "Was machst du hier?", fragte er unfreundlich und zog seine Jacke aus.
"Ich dachte, du möchtest etwas Entspannung nach deiner Nachhilfe." Räkelte sie sich etwa gerade auf seinem Bett. War das wirklich ihr Ernst. "Und du dachtest, dass du für mich so ne Art Entspannung bist?". Anstatt zu antworten, biss sie sich auf die Lippe. Dachte sie, dass sie damit sexy aussehen würde. "Ein für alle Mal Julia. Ich habe keine Ahnung, womit du meine Mutter bestochen hast, um in dieses Zimmer zu kommen. Um es ein für alle Mal klar zu stellen. Ich bin schwul und jetzt geh bitte. Du bist zwar eine nette, aber sehr nervige Person. Du hast keine Chance bei mir." Er deutete auf die Tür als eine stumme Aufforderung das Zimmer zu verlassen. Überrascht sah sie ihn an. Er konnte es ihr nicht verdenken, er war ja selbst überrumpelt von dem, was er sich da gerade getraut hatte. In ihren Blick mischte sich nun auch ein leichter Schmerz. Dario seufzte.
"Julia, du bist sicher ein toller Mensch, aber-." Sie nickte langsam und sagte nichts. Jedoch blieb sie einfach stehen, wo sie war. "Würdest du dann bitte gehen?", fragte Dario und versuchte nicht ganz so ungeduldig zu klingen. "Hast du denn einen Freund? Und gibt es die Möglichkeit, dass du vielleicht doch bi bist?". Der Braunhaarige starrte sie ungläubig an. Rechnete sie sich immer noch ernsthafte Chancen aus? "Julia", sagte er gepresst. "Ich bin zu hundert Prozent schwul und ja, ich habe einen Freund. Seinen Namen werde ich dir nicht sagen und du hast absolut keine Chance. Ich wäre sehr glücklich, wenn du jetzt gehen würdest." Einladend hielt er ihr die Tür auf. Als sie an ihm vorbei aus der Tür stürmte, glaubte er zu erkennen, wie sich eine Träne aus ihren Wimpern löste. Er atmete tief durch.
Dario hasste es so unfreundlich zu sein, aber in manchen Situationen war dies unumgänglich. Wenigstens war er Julia jetzt endlich los. Aber was wäre, wenn das Mädchen nun aus Rache in der ganzen Schule herum erzählen würde, dass er schwul war? Er schüttelte den Kopf. Dann wussten eben alle, dass er schwul war. Na und? Wenigstens würde er so erkennen, wer ein wahrer Freund war. Allerdings hoffte er inständig, dass die homophobe Gruppierung an seiner Schule nicht all zu groß war. Schnell schälte er sich aus seiner Kleidung und stelle sich unter die Dusche in dem kleinen Bad, dass direkt an sein Zimmer angebaut worden war.. Seine Gedanken wendeten sich Tim zu. Wie würden seine Mutter wohl reagieren, wenn sie von seiner verbotenen Liebe erfahren würde? Oder Herr Müller. Beides hing zusammen und beides wäre fatal. Tim würde seinen Job verlieren, nur wegen ihm. Einmal hatte er mit seinem Freund dieses Thema angeschnitten, doch Tim hatte nur liebevoll gelächelt und ihm mitgeteilt, dass er ein geheimes Projekt in Planung hätte, welches eine sichere Geldquelle wäre.
Allerdings hatte er nicht sagen wollen, worum es sich handelte. Nur, dass es nicht illegales wäre. Leise hörte Dario sein Handy in seinem Zimmer quaken. Unfreiwillig drehte er das Wasser ab. Beim Duschen verstrich die Zeit immer so schnell. Mit feuchten Haaren und einem Handtuch um die Hüfte geschlungen begab er sich in sein Zimmer. Es war ihm relativ egal, dass er den Teppichboden volltropfte, solange es ihn nicht störte, hatte es auch niemand anderen zu stören. Als Dario auf sein Handydisplay starrte, erblickte er eine Nachricht von Tim: emIch bin in zehn Minuten bei dir./em Der Braunhaarige starrte auf die Worte. War das sein Ernst? Er konnte doch nicht einfach vorbei kommen, vor allem da seine Mutter anwesend war. Ehe er seinem Freund antworten konnte, schellte bereits die Türklingel. Dieser Idiot.
Er hastete aus dem Zimmer, vielleicht gelangte er noch an die Tür, bevor seine Mutter es tat. Doch zu spät. Als er am oberen Treppenansatz anlangte, sah er schon seine Mutter mit Tim sprechen. Sein Herz begann zu hüpfen. Sein Freund lächelte seine Mutter mit seinem schönsten und gewinnendsten Lächeln an. Zum Glück kannte Dario den Geschmack seiner Mutter gut genug, um zu wissen, dass Tim nicht ihr Typ war. Sonst hätte er glatt eifersüchtig werden können. "Verzeihen Sie die Umstände, Frau Verzögerung, aber Ihr Sohn hat etwas bei der Nachhilfe vergessen und außerdem muss ich ihm noch etwas wichtiges mitteilen." Roswita nickte ebenfalls lächelnd und deutete auf die Treppe. Tim bedankte sich bei ihr und richtete seinen Blick die Stufen hinauf. Kurz erblickte er Dario, der sich sofort in sein Zimmer zurück zog. Einige Sekunden später war Tim schon bei ihm, presste ihn gegen die Wand und küsste ihn auf sehr dominante Art. "Tim, bist du denn komplett verrückt geworden?", fragte der Braunhaarige und drückte den Anderen schwer atmend von sich weg.
"Was willst du hier? Wenn meine Mutter uns erwischt." "Dann was?", fragte Tim grinsend und blickte anerkennend an Dario hinunter. "Du siehst extrem heiß aus. Wäre das jetzt nicht so unpassend, würde ich dich direkt nochmal flach legen." "Dein Anzug ist jetzt etwas feucht." Dario versuchte das Gespräch auf nicht solch homoerotische Themen zu lenken, denn ihm war sehr heiß geworden. "Allerdings", murmelte Tim ohne auf seinen Freund einzugehen. "Du trägst nichts unter diesem Handtuch, oder Kleiner?". "Tim, was willst du hier?". Seufzend steckte der Lehrer die Hand in seine Anzugtasche und ein paar Stifte heraus. "Du gibst ja sonst keine Ruhe." Dario zog eine Augenbraue hoch. "Die hast du doch mitgehen lassen." "Vielleicht." Tim lachte leise und schubste den Braunhaarigen aufs Bett.
"Ich muss ja wenigstens einen banalen Grund haben, um mal bei dir vorbei zu schauen." Ehe Dario etwas dagegen tun konnte, hatte sein Freund ihm das Handtuch von der Hüfte gezogen. "Hör auf Tim, meine Mutter. " "Ja, was ist mit deiner Mutter", fragte der Blonde mit hochgezogenen Augenbrauen. "Ich hab was viel besseres, als deine Mutter." Plötzlich erklangen Schritte im Flur. Kurzer Hand stieß Dario Tim von sich runter, was einen dumpfen Schlag auf dem Teppich verursachte. Stöhnend rollte er sich unter das Bett. Schnell band sich Dario das Handtuch wieder um und hastete zu seinem Kleiderschrank hinüber. Keinen Augenblick zu früh, denn in diesem Moment öffnete Roswita die Tür. "Dario, ich wollte dir nur schon mal sagen, dass Tiefkühlpizzen da sind. Also du wirst nicht verhungern.""Danke Mutter", murmelte Dario. "Ist denn dein Lehrer schon weg?", fragte sie verwirrt. "Der war aber nur sehr kurz da. "Ja, war er. Lehrer haben ja auch nicht alle Zeit der Welt, oder?". "Da hast du Recht", stimmte ihm seine Mutter zu und schloss die Tür wieder. "Für die Rückenschmerzen wirst du dich aber revanchieren müssen, Kleiner." Dario zog Tim auf die Beine. "Keine Sorge", flüsterte der Braunhaarige und küsste seinen Freund kurz. "Wir haben am Sonntag ja genug Zeit dafür." Tim grinste und verschwand leise, wie eine Katze, aus der Tür.
