Eine bunte Menschenmenge drängte sich durch Londons Straßen.

Keiner von den Leuten, vielleicht mit einigen Ausnahmen, schenkte dem kleinen Pub Aufmerksamkeit, der eingekesselt zwischen einem Modegeschäft und einem Einkaufscenter lag.

Wenn sie gewusst hätten, dass sich im Hinterhof des Tropfenden Kessels der Durchgang zur Zauberwelt liegt, sie wären vielleicht stehen geblieben und hätten den Pub bemerkt.

Vielleicht.


In der Winkelgasse herrschte ebenfalls reges Treiben, Mütter suchten und riefen nach ihren Kindern, Hogwarts Schüler drängten sich in den Geschäften um Bücher, Zaubertrankutensilien, Pergament und Federn, Scherzartikel und Schuluniformen zu kaufen und mitten unter ihnen waren Harry Potter, Hermine Granger und Ron Weasly.

Ron betrachtet Harry verstohlen von der Seite.

Seit nunmehr als einer Woche war Harry nun schon zu Besuch bei den Weaslys und er hatte es noch nicht über sich gebracht, es Harry zu sagen, dass er und Hermine ein Paar waren.

Sie waren sich auf Dumbledores Beerdigung Näher gekommen und hatten sich in der ersten Woche der Sommerferien endlich gestanden, dass sie ineinander Verliebt waren.

Nun wohnten sie sogar zusammen in einem Zimmer, doch Hermine hatte eh schon einen Teil ihrer Ferien bei Ron verbracht, da ihre Eltern einigen Todessern in die Hände gefallen waren – beide hatten es nicht überlebt.

Harry wirkte irgendwie abwesend, sein früher sonst so abenteurerische Wesen schien ihm verloren gegangen zu sein. Teilweise war er sogar aggressiver als früher und Ron war unsicher, wie er Hermine und seine Verbindung beurteilen würde. Natürlich standen die Chancen gut, dass er sich freuen würde aber vielleicht würde er sich auch ausgeschlossen fühlen?

Er seufzte und beschloss, es Harry am Abend zu sagen. Doch, nun galt es, sich auf andere Dinge zu konzentrieren: Gin hatte ihm Pig abgeschwatzt und seine Brüder hatten ihm zum Geburtstag Geld für ein neues Tier geschenkt.


Sie betraten „Marla's Tierladen".

Von den Wänden hingen Fledermäuse und an beiden Seiten des Eingans waren Eulenstangen befestigt, auf denen wunderschöne Eulen saßen.

Sie starten die Besucher mit ihren bernsteinfarbenen oder grünen Augen an und verfolgten dann wieder jede Bewegung, die die Ratten machten, die in einem Käfig neben dem Tresen standen.

Ein leicht muffiger Geruch kam aus einem Hinterzimmer, man hörte vereinzelte Schreie und ein Gurgeln, von dem die drei lieber nicht wissen wollten, welches Tier es von sich gab.

Auch einige Weiße Perserkatzen lagen hier und da auf Samtenen Kissen herum und eine ganz vorwitzige schlich um Hermines Beine herum.

„Meine Lieben, kann ich euch helfen?"

Eine rauchige Stimme ertönte aus dem Hinterzimmer und heraus trat eine Frau, die in Harrys Augen einfach unbeschreiblich Schön war.

Ihre mandelförmigen Augen waren üppig geschminkt, ihr honigfarbener Teint reflektierte das schwummrige, einfallende Licht leicht.

Sie war in einen brombeerfarbenen Umhang gehüllt und ihr graues Haar, was früher einmal sehr dunkel gewesen sein musste, hatte sie zu zwei dicken Zöpfen geflochten.

Wenn man genauer hin sah bemerkte man die Furchen und Falten in ihrem Gesicht welche sie aber nicht alt, sondern interessant wirken ließen.

„Jaaa …" holte Ron gedehnt aus

„Ich hätte gerne ein neues Haustier, am liebsten was Exotisches – aber keine Spinne – und wenn es geht, auch nichts, was besonders viele Beine hat oder in irgendeiner Weise glibberig ist!"

Harry grinste bei der Bemerkung in sich hinein und erinnerte sich daran, wie er und Ron in ihrem 2. Schuljahr im Verbotenen Wald der Acromentula Sippe nachgestellt hatten.

„Mein Lieber, vielleicht … " und damit verschwand sie in ein Hinterzimmer und kam mit einem haarigen Fellknäul im Arm zurück „… trifft dieses Faultier deinen Geschmack? Sehr flegeleicht und anhänglich"

„Ich weiß nicht so recht … da könnte ich mir ja gleich nen ollen Kater anschaffen?"

Für diese Bemerkung versetzte ihm Hermine einen Stoß zwischen die Rippen und auch Miss Marla schaute nicht grade glücklich drein.

„Ich bitte doch sehr, in Marla's Tierhandlung gibt es keine gewöhnlichen Tiere. Dieses Faultier kann Emotionen beeinflussen. Aber sei gewarnt, es lebt auch von ihnen. Dein missmutiger Freund sollte nicht zu lange bei ihm sein" raunte sie und schaute Harry herausfordernd an.

Ron nahm das Tier auf den Arm und betrachtete es ausgiebig. Sie nannte ihm den Preis und nach einigem hin und her zahlte Ron und das Trio verließ den Laden. Während Ron und Hermine forschen Schrittes die Winkelgasse hinab liefen, trödelte Harry hinter ihnen her.

Sie besuchten noch kurz den Tropfenden Kessel auf ein Butterbier und verschwanden dann durch den Kamin Richtung Fuchsbau.


„Warum habt ihr mir das so lange verschwiegen? Ich dachte wir seien Freunde?" Harrys Stimme hatte einen aggressiven Tonfall angenommen.

„Wir dachten …" begann Ron verzweifelt aber Hermine unterbrach ihn.

„Wir dachten, dass du dich ausgegrenzt fühlen würdest, weil wir immer zu Dritt abgehangen haben und – versteh mich jetzt bitte nicht falsch - nun wollen Ron und ich auch mal alleine sein. Außerdem musstest du erst mit Dumbledores Tod fertig werden, bevor du dich mit unserer Beziehung auseinandersetzten konntest."

Harry zuckte mit den Schultern und schwieg. Sie hatten Recht, er fühlte sich ausgeschlossen und überfordert. Trotzdem wog die Verletzung mehr, dass sie ihn angelogen hatten.

Was würde passieren wenn sich die beiden Trennen würden?

Auf welche Seite sollte er sich stellen?

Immer noch missmutig blubberte Harry los.

„Ich … freue mich für euch … aber …" Noch bevor er weitere Erklärungen abgeben konnte stürmte Molly Weasly in die Küche, in der die Drei gesessen hatten und forderte sie auf, Ihre Sachen zu packen da sie am nächsten Morgen Fahren müssten.

„Los, Jungs und Mädchen, Beeilung! Wir wollen los!"

Molly Weasly stand in der Tür des Fuchsbaus und trieb ihre Schützlinge ins Freie.

Harry war der Letzte, der seinen Koffer die Treppe hinunter in den Hof manövrierte.

Hedwig war schon mit Ginnys Eule Pig, Hermines Kater Krummbein und Rons Faultier, das auf den Namen Arnold hörte, in einem der großen, schwarzen Wagen verschwunden, die vom Ministerium gestellt worden waren.

Harry blickte in den Himmel, der von einem intensiven Blau war und kleine Schäfchenwolken aufwies.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter.

„Unser letztes Jahr, Harry. Scheiße, seit 6 Jahren sind wir nun Freunde, beste Freunde. Ich weiß noch wie wir uns kennen gelernt haben."

Ron fuhr sich durch sein rotes Haar und verstrubbelte es.

Er grinste schief zu Harry herüber.

„Naja, so ganz genau weiß ich es vielleicht doch nicht mehr. Aber Harry, du bist seit dem mein bester Freund und auch Hermine kann daran nichts ändern."

Der Rothaarige sucht im Gesicht seines Freundes nach einer Regung.

Seit ihrem Gespräch gestern Abend, bei dem sie unterbrochen worden waren, ging Harry ihm aus dem Weg.

Dieser warf einen letzten Blick zurück auf das windschiefe Haus der Weaslys, das auch für so viele Jahre irgendwie auch ein Zufluchtsort für ihn gewesen war.

Ron hatte Recht, er war sein bester Freund und Hermine seine beste Freundin – sie waren wie eine Familie für ihn!

Doch er war sich nicht sicher, ob ihre Freundschaft halten würde, bestehen könnte wenn mehr als Freundschaft im Spiel war.

Um Ron keine Schuldgefühle zu vermitteln wandt er ihm das Gesicht zu und brachte ein schiefes Lächeln zustande, was seine Augen jedoch nicht erreichte. Dies schien Ron zu genügen der er verschwand glücklich in einem der Wagen.

Harry kehrte dem Haus ebenfalls den Rücken und bestieg den letzten Wagen.


Während Ginny und Molly darüber stritten, ob Ginny's Top einen zu tiefen Ausschnitt hätte oder nicht, ließ Harry seine Gedanken schweifen.

Viele Erinnerungen zogen durch seinen Geist, erinnerten ihn daran, was er in den letzten 6 Jahren im Fuchsbau erlebt hatte.

Da waren Geburtstags-, Weihnachts-, Oster- und Neujahrsfeiern gewesen.

Außerdem hatte der Sommer einen krönenden Abschluss erhalten, als Bill und Fleur sich im Weasly'schen Garten hatten Trauen lassen.

Er schmunzelte, als er daran dachte, wie Rot Ron geworden war als Fleur ihn auf die Backe geküsst hatte. Das er ihrem Charme immer noch verfallen war, war kein Geheimnis und hatte ihm einige missbilligende Blicke von Hermine eingebracht.

Harry entspannte sich und ließ seinen Gedanken noch weitere Kreise ziehen.

Er wollte seine letzte Fahrt nach Kings Cross genießen.


Auf Malfoy Manor herrschte seit den frühen Morgenstunden Hochbetrieb.

Die Hauselfen bereiteten alles für die Abreise ihres jungen Herrn vor, Koffer wurden gepackt, Lunchpackete vorbereitet und nebenher die alltäglichen Arbeiten verrichtet.

Narzissa wuselte zwischen ihnen umher und ging ihrem Sohn mit ihrer Bemutterung schon leicht auf die Nerven.

„Liebling, hast du auch noch einmal deine Koffer überprüft? Haben die Elfen alles eingepackt? Die Bücher? Die Zaubertrankzutaten? Haben sie auch deinen Festumhang gereinigt? WO ist dein Zauberstab? Ach, Herzchen, es tut mir ja so leid!" rief sie aus, als sie über einen Elf gestolpert war, der mit einer Garnitur Umhängen in den Armen den Flur entlang stürmte.

Die Hausherrin strich sich eine Strähne ihres Haares zurück.

Trotz der Hektik war sie perfekt zurecht gemacht und trug einen ihrer besten Umhänge. Sie liebte es, sich zur Schau zu stellen und die Abreise nach Hogwarts bot die perfekte Gelegenheit.

Draco verdrehte entnervt die Augen und schloss die Tür des Badezimmers.

Seine Mutter war manchmal wirklich ZU Fürsorglich.

Er schlüpfte in seinen blauen Reiseumhang und schritt die Treppe hinunter in den Apparier Raum.

Da das Manor von einer Appariersperre begrenzt wurde und die Familie nicht erst einen Fußmarsch hinter sich bringen wollte, um zu apparieren, hatte Lucius einen extra Raum im Schloss für selbiges geschaffen.

Seine Mutter erwartete ihn bereits und hakte ihn unter.

Da er für die Apparier – Prüfung letztes Jahr zu jung gewesen war, musste er immer noch von einem Erwachsenen mitgenommen werden. Die Prüfung würde er aber dieses Jahr absolvieren. Die Koffer und Dracos Besen wurden von den Elfen direkt nach Hogwarts gebracht, das leichte Handgepäck hatte er selbst genommen.


Das Bahngleis 9 ¾ glich einem Bienenstock.

Kinder wurden von ihren Verwandten verabschiedet, Koffer und Taschen verstaut, entlaufene Tiere eingefangen und Freunde begrüßt, die man den Sommer über nicht gesehen hatte.

Ein Junge mit schwarzen und gelockten schulterlangen Haaren schaute ich um.

Er hatte hellbraune Haut und fast schwarze Augen.

Diese visierten gerade ein Ziel an und er ging schnellen Schrittes auf einen blonden Jungen zu.

Als er ihn erreicht hatte schloss er ihn in die Arme.

„Draco Malfoy! Du hast dich nicht verändert – siehst noch genauso sexy aus wie vor den Ferien" raunte er in das Ohr des Blonden.

„Blaise Zabini, lass mich sofort los oder ich hex dir einen Pickel direkt auf die Nase" knurrte Draco spielerisch zurück.

Die Zwei waren schon seit dem ersten Jahr in Hogwarts beste Freunde.

Blaise wandte sich Narzissa zu und schloss sie ebenfalls herzlich in die Arme.

„Herzchen, du siehst entzücken aus! Und dieser Umhang, natürlich, du hast einfach die Figur dafür – ICH könnte so was ja nie tragen. Und deine Haare, wie machst du das?"

Narzissa grinste ihn an.

Sie mochte Blaise und behandelte ihn teilweise wie einen zweiten Sohn. Als er vor drei Jahren sein Comming- Out hatte, hatte sie ihm den Rücken gestärkt und ihn ermutigt, offen mit seiner Orientierung umzugehen. Seither hatten die beiden ihren Spaß daran, sich gegenseitig aufzuziehen.

Auch war sie froh, das Draco eine solche Frohnatur als Freund gefunden hatte, die ihn aus seinen teils trübsinnigen Stimmungstiefen holte.


Der Zug stieß Dampf aus und sein Pfeifen machte die Schüler auf eine baldige Abfahrt aufmerksam.

Harry umarmte nach der Reihe Molly und Arthur Weasly sowie Fred und George, die sie zum Bahngleis begleitet hatten.

Dann stieg er mit Ron und Hermine in den Zug ein.

Hermine, die in ihrem Hogwartsbrief ein Schulsprecherzeichen gefunden hatte, verschwand in den vorderen Teil zu einem speziellen Abteil während Ron und er sich weiter hinten ein Abteil suchten, in dem sie ungestört sitzen konnten.

Der Zug fuhr gerade los als die Abteiltür aufschwang und Ginny sowie Neville, Hand in Hand mit Luna, eintraten. Sie verbrachten eine friedliche Zugfahrt und alberten sogar ein wenig herum. Alles war wie früher.


In einem anderen Zugabteil saßen Draco Malfoy, Blaise Zabini und Pansy Parkinson.

Seit sie eingesehen hatte, dass Draco ihre Gefühle nicht erwidert, verhielt sie sich ihm gegenüber normal und es hatte sich ein zartes Band der Freundschaft geknüpft.

„Draco, geht es dir gut? Du bist vorhin auf dem Bahnsteig so blass geworden …" Pansy sah ihn fragend an.

„Nein Pansy, wir ist nur etwas schwindelig geworden. Das geht schon so seit zwei Wochen. Aber ein anderes Thema: Wisst ihr, wer dieses Jahr Pflege magischer Geschöpfe unterrichtet?" Der blonde Junge schaute in zwei ratlose Gesichter.

Langsam wurde es draußen dunkel und die Sonne verschwand hinter den Bergen der schottischen Highlands.

Der Zug hielt schließlich in Hogsmead und alle Schüler stiegen aus.

Harry lauschte aus Gewohnheit nach dem vertrauten Rufen Hagrids aber ihn empfing nur Stille, die von der schnatternden Schülerschar durchbrochen wurde.

Sie bestiegen alle die Kutschen und bald konnte er die Umrisse Hogwarts erkennen.

Ein wärmendes Gefühl erfüllte den Jungen.

Obwohl er das letzte Jahr hier nicht in bester Erinnerung hatte war es doch sein Zuhause.