Das ist es also, mein neues Heim, ein zweistöckiges Einfamilienhaus, welches der Besitzer über ein Jahr lang vergeblich versucht hat zu verkaufen. Ich kann mir vorstellen, dass es ursprünglich minzfarben war, so wie der 1959 Cadillac Coupe de Ville in Danbury Mint, aber jetzt ist die Farbe abgeblättert und große Flächen des darunterliegenden Holzes sind sichtbar. Auch sind der Veranda einige Bodenbretter abhanden gekommen und das Dach hat ein paar undichte Stellen, aber zumindest die Fenster sind in Ordnung, naja, wenigstens die, die ich sehe. Auf einer Seite ist das Dach mit Efeu überwuchert, also muss ich zuerst die Fenster befreien um ein bisschen Licht reinzulassen. Offensichtlich wird die Renovierung dieses Hauses eine Menge Arbeit sein.
Ich gehe durch den Vorgarten und bin mir sofort sicher, dass ich hier mit der Wiederbelebung meines erworbenen Besitzes anfangen sollte. Das Gras muss gemäht und gepflegt werden und ich würde gerne ein paar Rosenstöcke pflanzen um ein paar Farbtupfer zu haben, aber sonst ist es ein hübsches Fleckchen Erde. Es gibt einen Zaun ums Grundstück herum, was gut ist, wenn du Kinder hast. Er müsste allerdings dringend frisch gestrichen werden.
Ich öffne meine massive, hölzerne, stark abgenutzte Eingangstür, welche aussieht, als hätte sie den Sezessionskrieg überlebt oder wenigstens das ständige Pochen an der Tür von den Zeugen Jehovas. Da ertönt ein quietschendes Geräusch und ich bereite mich innerlich auf das Erscheinen von Jason Voorhees vor, der mich mit einer Machete in seiner Hand attakiert, aber nichts dergleichen passiert. Trotzdem warte ich einige Momente und hole zuerst tief Luft, bevor ich einen näheren Blick auf mein neues Heim werfe. Es ist sehr klein im Vergleich zu unserem vorigen Zuhause, aber für die Jungs und mich wird es genügen. Beim Blick auf die spärliche Dekoration ist es offensichtlich, dass hier keine Frau involviert war. Alles wirkt sehr steril und kühl, aber ich denke ich kann daraus ein gemütliches Heim für uns zaubern. Da ist keinerlei Farbe - weder an den Wänden noch auf den Möbeln. Naja, zumindest auf den paar Möbeln die da sind. Ich überlege, ob hier vielleicht einige der 300 Spartaner gelebt haben, denn viele Möbel gibt es nicht.
Im Erdgeschoß befinden sich drei Räume - das Vorzimmer, das Wohnzimmer und die Küche. Der Vorraum bietet gerade einmal genug Platz um ungefähr drei Labormäuse unterzubringen. Wäre hier kein Fenster, würde ich Atemprobleme haben. Das Wohnzimmer dagegen sieht schon etwas gemütlicher aus, wie das Zentrum des Hauses, was es auch sein sollte. Es gibt einen großen, offenen Kamin und eine schäbige Couch in der Mitte des Raumes. Sie schaut aus als ob 10 Katzen darauf geworfen hätten, also beschließe ich, diese unbedingt zu ersetzen. Es gibt sogar ein altes Klavier. Ich kann zwar nicht spielen, aber wenn es noch funktioniert, werde ich es behalten. Vielleicht möchte einer meiner Jungs eines Tages lernen, wie man darauf spielt. Jetzt inspiziere ich die Küche, welche wirklich wunderschön ist. Es gibt ein großes Fenster hinter der Spüle und genügend Laden und Schränke. Die weiße Farbe stört mich zwar, aber ich kann mir vorstellen, dass ein bisschen Farbe an den Wänden die Sache wieder ins Gleichgewicht bringt. Im Wohnzimmer gibt es noch eine andere Tür, welche in den Garten führt, den ich als nächstes erforschen werde. Oh Mist! Der Garten ist ein riesiges Problem. Ich denke, der letzte Besitzer hat ihn als illegale Mülldeponie missbraucht. Überall liegen Unmengen an unbeschreiblichen Dingen, viele Europaletten, Reifen in allen Größen und noch vieles mehr. Das wird eine große Menge harte Arbeit, aber hey, das Haus war wenigstens günstig.
Im oberen Stockwerk gibt es zwei Schlafzimmer und ein Badezimmer. Das weiße-Wände-und-weiße-Möbel-Konzept scheint sich auch hier fortzusetzen. Das Badezimmer hat eine Badewanne, für die ich sehr dankbar bin obwohl es hier sehr kuschelig klein ist. Mein Schlafzimmer hat ein großes Bett, was gut ist, weil Andy immer wieder einmal Nachts ein paar Stunden bei mir schläft, seit dem sein Vater tot ist. Auch Tommy schläft ab und zu hier. Ein kleiner, begehbarer Schrank ist auch vorhanden. Das andere Schlafzimmer ist komplett leer, also muss ich neue Möbel für die Buben kaufen. IKEA, ich komme.
Ich bin so glücklich, dass ich jetzt keine Miete mehr zahlen muss und dass es zumindest einen Großelternteil gibt, der auf meine Kinder aufpassen kann. Wenn es mir nun noch gelingt einen Job zu finden, könnte ich wirklich wieder glücklich werden. Vielleicht. Mein Schwiegervater hat mir einen Teilzeitjob bei Clayton's besorgt, ein Baumarkt hier in Montesano. Das Gehalt ist natürlich nicht hoch genug, um vernünftig davon zu leben, aber für das Nötigste reicht es. Ich habe mich auch bei einigen Verlagen beworben und hoffe, bald eine Vollzeitarbeit zu finden. Tommy fängt demnächst mit der Schule an und Andy wird in der Kita sein, also wenigstens ist für die Kinder gesorgt.
Eine Woche später ziehe ich ein. José, mein guter Freund, hat einen großen Kastenwagen und deshalb hat er mir seine Zeit geopfert um meine Boxen zu übersiedeln, die mein ganzes Leben enthalten. Es schockiert mich zu sehen, dass mein ganzes Leben und alles, was ich je erreicht habe, in ein paar Kartons passt, die gerade einmal einen Kastenwagen füllen. In der Zwischenzeit hab ich neue Möbel gekauft und mit Ray's Hilfe aufgebaut. Heute kommt José an, also helfen mir Kate, Ethan und seine Verlobte Hannah mit dem Entladen des Wagens, während Ray auf die Kinder aufpasst. Wenn die Königin der Tollpatsche siedelt, kann man sicher sein, dass irgendetwas kaputt geht. Nach einem Tag des Kistenschleppens muss ich mich verabschieden von: einer großen Vase, einer alten Uhr meines Großvaters und einigen Spielzeugautos, die die Kids im Weg liegen lassen haben und ich draufgestiegen bin. Für einen ganzen Tag ist das nicht einmal viel gewesen, das kaputt gegangen ist, glaub ich, also bin ich zufrieden, weil es hätte viel schlimmer ausgehen können. Am späten Nachmittag beginne ich, das Abendessen zu kochen und danach sitzen wir alle - müde aber zufrieden - am Tisch. Ich habe meine berühmte Lasagne gemacht und Kate hat einen Rotwein besorgt. Ich danke allen meinen Freunden und meinem Schwiegervater für ihre Hilfe. Ich bin so froh dass ich sie habe. Alleine mit zwei kleinen Kindern umzuziehen wäre unmöglich oder zumindest unleistbar gewesen.
In der Nacht schlafen meine Burschen und ich bin wieder alleine. Ich sitze an meinem Laptop und lese den neuesten Promi-Klatsch wie ich es immer tue, um mich abzulenken und nicht nachdenken zu müssen. Ich sehe einen Artikel über Christian Grey und seine Verlobte. Ihr Name ist Elena Lincoln. Ich hoffe für sie dass er privat verständnisvoller und liebenswerter ist als im Geschäftsleben. Ich schaue mir sein Foto genauer an. Sein Blick wirkt eisig. Ich frage mich, was ihm passiert ist das ihn so hart und kaltherzig werden hat lassen. Was ich in meinen 24 Jahren meines bisherigen Lebens gelernt habe ist, dass jeder eine Geschichte hat und einen Grund, warum er so ist wie er ist. Ich seufze.
Am nächsten Tag bin ich im Garten, um mich etwas umzusehen und um zu planen, wie ich das Wiederbeleben des Gartens am Besten bewerkstellige. Ich seufze frustriert weil ich nicht einmal weiß, an welchem Ende des vorherrschenden Chaos' ich beginnen sollte. Nach ein paar Minuten höre ich laute Geräusche. Ich gehe zur Eingangstür und bleibe auf der Stelle stehen. Ich sehe eine Dame mittleren Alters, eingewickelt in Toilettenpapier, in meinem Vorgarten stehen. Oh nein! Bitte sag nicht, dass das die Arbeit meiner Jungs war. Das bedeutet sicher Ärger.
„Sie sehen aus wie am Morgen nach Halloween. Sie hatten sicher einen genauso stressigen Tag wie ich, was ist Ihnen passiert?" frage ich sie um die Situation zu entschärfen.
„Montag ist sein erster Schultag …" sagt sie während sie mit dem Finger auf Tommy zeigt, der jetzt mit Andy hinter mir steht, um sich vor Scham zu verstecken. "… und ich kam her um Ihre Familie willkommen zu heißen! Und was bekomme ich als Antwort? Ich werde von Ihren Kindern in Toilettenpapier eingewickelt! Sie wollten das Toilettenpapier gerade mit Benzin übergießen und anzünden …" schreit sie hysterisch. Scheiße! Das ist verdammt verrückt und wirklich peinlich.
„Warten Sie. Stop. Sie gehen gerade durch ihre Brandstifterphase. Die wissen das nicht, aber ich bin ihnen um einiges voraus. Ich habe zwei Feuerlöscher bereitstehen, Mrs. … Entschuldigen Sie, wie war Ihr Name noch einmal?"
"Adele Burbridge, Direktorin der Montesano Schule. Ihre Kinder sind Monster!" keift sie und verzerrt ihr Gesicht vor Ekel.
"Oh das würden Sie nicht von ihnen denken, wenn Sie sie besser kennen", versuche ich sie zu verteidigen.
„Wo ist Mr. Steele bei all diesem Chaos?" sagt sie als ob sie versuchen würde, mich zu verstehen.
„Er ist vor sieben Monaten gestorben", antworte ich mit einer traurigen Stimme.
"Oh, es tut mir leid das zu hören, aber Mrs. Steele, Ihren Kindern fehlt jegliche elterliche Aufsicht!" sagt sie mit diesem Ich-kenne-alles-Gehabe.
"Hey, Sie müssen mir nicht sagen, dass diese Kinder glücklich sind", sage ich abwehrend.
„Schön, Sie können darüber so viele Späße machen wie sie wollen, aber wenn sie nichts dagegen tun, muss ich die Behörden informieren." Sie scheint noch immer außer sich vor Wut zu sein.
"Hey, Ich hatte hier ein Dutzend Babysitter, ich bin gerade knapp bei Kasse, ich bin neu in der Stadt, aber sobald ich kann werde ich eine Haushälterin anstellen!" sage ich verzweifelt.
„Das glaube ich erst, wenn ich es sehe. Guten Tag Mrs. Steele!" grunzt sie, dreht sich um und verschwindet.
Super, einfach super. Als ob ich nicht schon genug Probleme hätte, ist jetzt noch eins hinzu gekommen. Ich schüttle meinen Kopf und gehe in mein Haus.
Nach ein paar Wochen ist es offensichtlich, dass der Umzug in so eine Kleinstadt eine große Veränderung unseres Lebensstils darstellt. Es ist jetzt klar, dass Tommy wirklich Probleme hat sich anzupassen. Ich bekomme regelmäßig Anrufe und Nachrichten von seiner Schule. Er prügelt sich, kann sich nicht gut konzentrieren und seine Noten könnten besser sein. Das beunruhigt mich. Es ist gerade einmal sein erstes Jahr und schon müssen wir mit so vielen Problemen kämpfen.
In der Zwischenzeit hab ich einen Job in einem kleinen Verlag bekommen und Samstags arbeite ich noch immer bei Clayton's. Aber wenn ich nicht in der Arbeit bin, verbringe ich die meiste Zeit damit, zu Hause herumzulümmeln, zusammengerollt auf der Couch mit einem guten Buch in meinen Händen. Kate heißt meinen Lebensstil nicht gut.
"Ana Piranha, du musst unbedingt ausgehen und dir einen festen Freund suchen!" sagt sie fordernd.
„Ich hab einen festen Freund der exakt das tut was ich mag und weiß, wie er mich scharf machen kann … er braucht vielleicht Batterien, aber er ist meiner, also verurteile mich nicht", sage ich abwehrend, einen Finger auf sie zeigend.
„Es ist ok, einen zu haben, ich habe auch eine Auswahl, aber es ersetzt keinen Menschen", antwortet sie.
„Du kannst deine Sexfreunde haben. Ich habe meine Batteriefreunde und viel weniger Drama", sage ich und wir kichern beide.
Kate's Gesicht wird ernst. „Vermisst du nicht den speziellen Einen an deiner Seite?"
Ich seufze. „Ich suche nicht verzweifelt nach einer Beziehung, aber: Ich vermisse das Gefühl jemanden zu haben, der mich zum Lächeln bringt und der mir Wertschätzung entgegenbringt. Jemand, der als Erstes und als Letztes jeden Tag mit mir telefoniert und simst. Jemand, der da ist um mich zu halten, wenn ich mich verletzlich fühle. Jemand, der hinter meine Makel sieht und der mich liebt so wie ich bin. Jemand, der mir Schmetterlinge im Bauch beschert, jedesmal, wenn wir zusammen sind. Jemanden, den ich Mein nennen kann."
„Ooooooohhhhhhhhh. Ana, Ich bin 100%ig sicher, dass du diesen Jemanden triffst. Bald!" versichert sie mir während sie mich zärtlich umarmt. Ich vermisse meinen Ehemann wirklich und ich bin nicht sicher, ob ich schon im Stande bin, über ihn hinwegzukommen. Im Endeffekt war es ja nicht so dass wir uns nur gestritten und deshalb dann getrennt haben, sondern er wurde mir weggenommen und ich liebe ihn noch immer so sehr. Wenigstens gibt es immer mehr Abende, an denen ich nicht weinen muss. Zeit heilt wirklich alle Wunden. Zeit und Beschäftigung, wie zB Renovieren und Dekorieren meines Heimes.
Bis jetzt hab ich es schon geschafft, meinen Vorgarten zu erneuern und ich muss sagen, dass ich mit dem Ergebnis ziemlich zufrieden bin. Ich pflanzte ein Dutzend Rosenbüsche in allen Farben. Mein Rasen ist total gepflegt und ich bin ganz stolz darauf, weil es der schönste Rasen der ganzen Straße ist, sogar schöner als der von Ray. Bei meiner Einweihungsfeier hab ich ein paar Geschenke für meinen Vorgarten bekommen, die mich zum lachen brachten. Ray schenkte mir einen süßen Briefkasten in Form einer Gratis-Bibliothek. An einer Seite befindet sich der Briefschlitz und an der anderen Seite befindet sich ein kleines Schränkchen, wo ich die Bücher verstauen kann, die ich nicht mehr brauche, damit andere sie nehmen oder gegen ihre aussortierten Bücher tauschen können. Ich liebe diese geniale Idee. José schenkte mir ein Vogelhaus, das aus alten Büchern gebastelt wurde. Kate entschied sich, mir mit der Dekoration meines Hauses zu helfen, indem sie mir einen Teppich schenkte. Ich brauche wohl nicht erwähnen, dass er aus alten Buchrücken gefertigt ist. Ich hab wirklich wahnsinnig komische Freunde. Und ich sollte wirklich mein Hobby wechseln, von Büchern zu Diamanten, oder Gold. Welche Geschenke ich dann wohl bekäme?
Ich lege Kate's Teppich ins Wohnzimmer und ich muss sagen, dass er den Raum erst so richtig gemütlich macht. Aber das ist nicht die einzige Veränderung, die ich in meinem Haus vollzogen habe. Ich habe es geschafft, es in ein schönes, warmes Heim zu verwandeln. Die Zimmer sind jetzt viel farbenfroher und ein paar großartige Do-it-yourself- und Recycleideen zieren die Räume, zB ein Badezimmerregal aus einem Stuhl, eine alte Leiter, die für das Wohnzimmer in ein Buchregal umgewandelt wurde oder ein alter Reisekoffer, der jetzt mein Badezimmerspiegelschrank ist, mit einem Spiegel an der Außenseite und ein paar Regalbrettern im Inneren. Alles in allem fühle ich mich fast wie zuhause hier. Das einzige Problem ist und bleibt der Garten. Ich muss zugeben, ich bin deswegen etwas hoffnungslos, aber glücklicherweise kann niemand in meinen Garten sehen. Irgendwie werde ich diesen Klotz am Bein auch noch schaffen. Ich darf es aber nicht zu lange aufschieben, weil bald werden die Kinder Freunde mit nach Hause bringen und dann sollen sie sich nicht für unseren Garten genieren müssen.
