Disclaimer: Siehe Kapitel 1.
Notiz des Autors: Ich entschuldige mich zutiefst für die Unachtsamkeit, die mir bei Kapitel 1 widerfahren ist: Natürlich nimmt Mireille nicht die Identität einer Frau an, deren Mutter sie tötet. Die beiden Zielpersonen aus Kapitel 1 hießen nicht Réno sondern Marceau mit Nachnamen... Für die Geschichte ist das aber unerheblich.
Und vielen Dank an Fabiola fürs Korrekturlesen ;).
Kapitel 2: Folter
Kirika starrte auf die Uhr. Es waren bereits vier volle Stunden vergangen, seit sie die Gesellschaft verlassen hatte, doch Mireille war immer noch nicht zurück. Kirika ahnte, dass nicht alles glatt gelaufen war. Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus und ihr wurde ganz flau. Sie erhob sich vom Sofa und begann, unruhig im Wohnzimmer ihres Pariser Appartments auf und ab zu gehen. Es war nicht Mireilles Art, zu spät zu kommen und der Zeiger der Wanduhr stand bereits auf Fünf nach Eins! Kirika zog ihre Waffe und überprüfte die Ladung routinemäßig. Das Magazin war voll, die Waffe einsatzbereit. Kirika schob sie in ihren Gürtel und schnappte sich ihre Weste, die über der Sofalehne lag. Sie fummelte den Wohnungsschlüssel aus der Brusttasche, verließ den Raum und betrat den Flur. Hinter sich schloss sie die Haustür zweimal ab. Dann ließ sie den Schlüssel wieder in der Tasche verschwinden und ging die Treppe hinunter...
Mireille hielt sich den Bauch. Zwischen ihren Fingern sickerte Blut hervor. Sie biss die Zähne zusammen und versuchte, den Schmerz zu unterdrücken. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie der grobschlächtige Mann in dem für seine Art viel zu feinen Anzug zu einem neuen Schlag ausholte und zuckte unwillkürlich zurück. Dann traf sie die Faust in die Magengrube, genau dort, wo die Kugel steckte, die sie sich beim Sprung aus dem Fenster in den Garten des Herrenhauses eingefangen hatte. Die Wucht des Hiebes trieb ihr die Luft aus der Lunge und sie sackte zusammen. Der Mann zog seine Hand zurück. Angewidert betrachtete er seine Hand, von deren Knöchel Mireilles Blut tropfte. Langsam zog er ein feines Taschentuch aus der Hemdtasche hervor und wischte sich die Hand ab. Dabei ließ er Mireille nicht aus den Augen. Als er fertig war, erhob er seine Stimme: „Also noch einmal von vorne. Für wen arbeitest du?" Mireille schüttelte schwach den Kopf. Der Mann nickte ruhig. „Gut. Wie du willst. Es ist deine Entscheidung, wann die Schmerzen aufhören sollen..." Unsanft griff er in Mireilles blondes Haar und riss sie daran nach oben. Sein bulliges Gesicht erschien vor Mireilles Augen. Er grinste hämisch. Dann ließ er sie fallen und begann, sie in die Magengegend zu treten. „Also: Für wen arbeitest du?" Mireille verzog das Gesicht zu einer Grimasse und ballte die Fäuste. Ungerührt trat der Mann erneut zu. Blut spritzte auf den Boden und Mireille wurde kurz schwarz vor Augen. Der Mann beugte sich zu ihr herab. „Na? Das tut gut, oder?" Er lachte höhnisch. Dann begann das Treten erneut. Doch Mireille spürte schon nichts mehr...
Jean Marceau lag aufgebahrt auf seinem Bett, seine Frau neben ihm. Sein Sohn, ebenfalls Jean mit Namen, saß schweigend neben dem Bett auf einem Stuhl. Er hatte die Augen geschlossen und atmete langsam ein und aus. Es verwunderte ihn, dass er so ruhig blieb angesichts der Tatsache, dass seine Eltern gerade ermordet worden waren. Natürlich war ihm dieses Faktum egal. Worum es ihm eigentlich ging, war, dass er gerade Erbe eines gigantischen Konzernes geworden war, eines finanziellen Imperiums! Sein Puls ging schneller, als ihm die Tragweite dieses plötzlichen Dahinscheidens bewusst wurde. Er würde Macht haben und Geld! Viel Geld! Doch was ihm Kopfzerbrechen bereitete, war die Lösung eines Problems: Die Auftragskillerin, die seine Eltern ermordet hatte... Wie war mit ihr zu verfahren? Ihr Wille war unter der Folter nicht gebrochen worden. Nun würde er das selbst in die Hand nehmen müssen... und er hatte bereits einen Plan.
Mireille wurde von den höllischen Schmerzen, die in ihren Gliedern tobten, wach. Mühsam sah sie sich um, und bemerkte, dass sie am Boden einer kleinen, grauen Zelle lag. In dieser befand sich nur eine Pritsche aus Holz und ein Eimer in der einen Ecke des Raumes. Der Gestank von Blut und Fäkalien stand in der Luft. Drei Wände aus Beton, fensterlos, beschränkten den Raum. Auf der vierten Seite war eine Gitterwand mit Tür eingelassen. An dieser lehnte ein Mann und sah sie an. Das flackernde Neonlicht an der Decke des Ganges außerhalb der Zelle warf ein nur unstetes Licht auf das Gesicht der Person, doch Mireille erkannte sie sofort wieder. Ihre Augen weiteten sich, als sie den netten jungen Mann von der Party erkannte. „Jean... Marceau...", presste sie mit Mühe hervor. Der Mann schwieg. Mireille sah beschämt zu Boden. Die Eltern des Mannes waren ihretwegen tot. Sie bemerkte um ihren Bauch herum, wo die Schusswunde sein sollte, einen Verband, der jedoch nur notdürftig angelegt worden war. Die Kleidung, ihr schwarzer Minirock und ihre rote Bluse, waren getränkt mit getrocknetem Blut und halb zerrissen. Sie zog sich mit aller Kraft zu der Pritsche und setzte sich auf. Dann sah sie den jungen Mann an. Dieser erwiederte den Blick. Seine Augen, die auf der Party noch so nett und freundlich gewesen waren, strahlten nun eine Kälte aus, die sie erschraken. Der Mann ergriff das Wort: „Nun, ich bin überrascht, dass du die Folter überlebt hast, Mireille. Ist Mireille in Ordnung? Es ist höchstwahrscheinlich eh ein Codename, aber für deinen Aufenthalt wird er reichen. Nun, sehr überrascht. Liam versteht ansonsten sein Handwerk..." Die Stimme des Mannes war kalt und schneidend, ein ironischer Unterton schwang mit. Mireille zog es alles zusammen. „Ich werde dir jetzt Fragen stellen Mireille. Und du wirst sie mir ehrlich beantworten... wenn du nicht die Hölle auf Erden erleben willst!", fuhr der Mann fort. „Da die Morde zeitgleich ausgeführt wurden, hattest du einen Partner. Wo finden wir ihn?" Mireille antwortete nicht. Dieser Mann hatte sie foltern lassen und Mireille wusste, dass sie sich durch Kooperation nicht retten würde können. „Wa-warum... trage ich... den Verband, wenn ihr... mich... eh töten wollt?" Mireille hatte Mühe, zu sprechen. Ein stechender Schmerz begleitete jedes Wort. Jean lachte auf. Es war ein emotionsloses Lachen. „Nun, meine Liebe! Ich kann doch eine Frau nicht leiden lassen! Und mal im Ernst: Glaubst du etwa, ich wäre so dumm, dich sterben zu lassen, ohne vorher die Identität der Hintermänner dieser Tat aus dir heraus zu quetschen?" Mireille lachte bitter. Sie hatte am eigenen Körper erfahren, wie sehr er sie ‚nicht hatte leiden lassen'! Sie sah Jean trotzig an. Dieser stieß sich von der Tür, an der er gelehnt hatte, ab und zog mit einer eleganten Bewegung einen Schlüssel aus der Hosentasche. Dann winkte er jemanden zu sich. Mireille sah, wie ihr Peiniger, der Mann mit Anzug, an den jungen Marceau heran trat und wie die beiden ein paar Worte wechselten. Dann schloss Jean die Tür auf und betrat die Zelle. Den Schlüssel reichte er dem Mann im Anzug, der hinter ihm abschloss. Seine Augen leuchteten vor Aufregung. Jean kam auf sie zu, sein Gesichtsausdruck spiegelte keinerlei Emotionen wieder. Langsam näherte er sich Mireille. Dann stand er vor ihr. Sie sah zu Boden. „Ach Mireille..." Seine Stimme war mit einem Mal traurig und nachdenklich. „Es tut mir Leid, das tun zu müssen, ehrlich... Es ist mir auch relativ egal, dass du meine Eltern getötet hast. Aber ich brauche die Namen deiner Auftraggeber. Ansonsten bin ich meines Lebens nicht mehr sicher..." Mireille fühlte, wie ihr Kinn angehoben wurde. „Verstehst du das?" Mireille wusste nicht, was sie sagen sollte. Auf die eine Art verstand sie ihn, auf die andere wusste sie, dass er falsch spielte. Dann drückten sich zwei warme Lippen auf die ihren. Zuerst war Mireille so geschockt, dass sie nicht wusste, wie ihr geschah. Doch schon nach wenigen Sekunden hatte sie ihre Fassung wieder gewonnen und versuchte, den Mann abzuschütteln. Mit aller Kraft schlug sie auf ihn ein, versuchte, sein Gesicht von ihrem fernzuhalten. Doch sie war geschwächt und besaß nicht mehr die Kraft, sich zu widersetzen. Sie spürte, wie er sie schlug und sich ihres Körpers bemächtigte...
Kirika hatte sich erneut auf das Grundstück der Marceaus geschlichen. Eine innere Stimme sagte ihr, dass sie Mireille hier finden würde. Nur knapp war sie den Polizeihunden entkommen, die mit mehreren Polizisten das Gelände nach Spuren absuchten. Sie hatte ein paar von ihnen belauscht. Anscheinend war Mireille nicht in Polizeigewahrsam und die Polizei hatte immer noch keine Ahnung, wer hinter diesem Mord steckte. Ein weiteres Zeichen dafür, dass Mireille sich in größter Gefahr befand. Anscheinend war Mireille von den Mitgliedern der Demi-monde geschnappt worden. Kirika biss sich auf die Lippen und ballte die linke Faust. Die rechte war fest um ihre Pistole geschlossen, als sie das Vorhängeschloss zur Kelleranlage des Hauses aufschoss. Der Schalldämpfer verschluckte den Lärm des Schusses, der Aufprall der Kugel war jedoch sehr laut. Kirika sah sich schnell um. War er gehört worden? Alles blieb ruhig und ihr Puls beruhigte sich wieder.
Endnotiz: Read & review!
