Hi, Leute! Vielen, vielen Dank für eure ausführlichen Reviews! Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen! :)

larissaelenafabricius: Freut mich, dass dich das erste Kapitel gleich "in den Bann gezogen" hat. ;)

Richtig, Orion Black wird langsam bewusst, dass es sich bei Sirius um mehr als nur eine "kindische Rebellion" handelt. Und das macht ihn natürlich ziemlich nervös...

Freut mich übrigens auch sehr, dass dir Moody und das Motorrad gefallen haben.^^

daniel Freund: Schön, dass du auch wieder dabei bist. :) Und was für ein langer Review!

Stimmt genau, Orion Black will Sirius immer noch zu dem perfekten Erben erziehen und er wird diesbezüglich auch nicht so schnell aufgeben. Regulus ahnt, glaube ich, schon mehr als sein Vater, dass das nicht funktionieren wird.

Ja, da hatte Sirius Glück, dass das Zaubergamot kein Veritaserum eingesetzt hat. Allerdings war der ganze Prozess ja auch eher einer Schauprozess, da hätten sie wohl mehr zu verlieren als zu gewinnen gehabt.

Richtig, Orion Black wusste schon vorher über die Geschichte in der Nokturngasse Bescheid. Trotzdem hat er eine Erklärung von Sirius erwartet, vor allem was Fletcher angeht. Was Sirius und der Dieb miteinander zu tun haben, das weiß er nämlich immer noch nicht genau. (Und ich gehe zwar davon aus, dass Orion Black Legilimentik beherrscht, aber ich denke auch, dass die Reinblutkinder alle die Grundlagen der Okklumentik lernen. Sirius - impulsiv und hitzköpfig wie er ist - wird darin zwar kein Meister sein, aber wenn ihm etwas wirklich wichtig ist, wird er die wichtigsten Details verbergen können.)

Wieder richtig, Orion Black wusste ganz genau, dass Sirius zu den Potters gehen würde.


DISCLAIMER: WELT UND PERSONEN GEHÖREN J. K. ROWLING.


Cuniculus lunatus säbelzahnus

„Hi, Leute!"

Sirius schob die Abteiltür hinter sich zu und ließ sich auf den nächsten Sitz fallen. Die anderen drei starrten ihn an.

„Merlin, Sirius, was ist denn mit dir passiert?", stieß James hervor.

„Ich freue mich auch, dich zu sehen, James. Wie waren eure Ferien?" Sirius' Augen blieben an Remus hängen. „Und was ist eigentlich mit dir passiert?"

Sirius wusste, dass er nicht gut aussah. Nach seinem Ausflug nach Muggle-London hatte er sein Zimmer nicht mehr verlassen dürfen, außer um von Orion Black in sein Arbeitszimmer zitiert zu werden. Und das hatte er aus verschiedenen Gründen – Sirius konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen – mehr als einmal getan. Auch zu den Familienmahlzeiten hatte er nicht kommen dürfen, was einerseits eine Erleichterung gewesen war, andererseits aber dazu geführt hatte, dass er abends mit knurrendem Magen schlafen gegangen war, wenn er es nicht geschafft, etwas aus der Küche zu stibitzen. All das hatte seine Spuren hinterlassen, aber im Vergleich zu Remus fand Sirius, dass er aussah wie das blühende Leben. Die Wangen des Werwolfs waren eingefallen, seine Augen waren von einem fiebrigen Glanz erfüllt und lagen tief in den Höhlen. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen und sah unendlich müde und erschöpft aus.

„Remus war krank", antwortete James für ihn. Sirius schnaubte verächtlich.

„Und ich bin der Zaubereiminister. Hast du dich bei deiner Großmutter angesteckt, Lupin, oder warum siehst du aus, als wärst du gerade von den Toten auferstanden?"

Im ersten Schuljahr hatte Remus seine Abwesenheit an Vollmond oft damit erklärt, dass er seine kranke Großmutter besuchen müsse. Jetzt massierte er sich die Schläfen, als ob er Kopfschmerzen hätte – oder sich extrem beherrschen musste, um nicht aus der Haut zu fahren.

„James hat Recht, Sirius, ich hatte die Sommergrippe. Und heute Nacht ist Vollmond. Beides zusammen...na, du siehst es ja."

Sirius hatte augenblicklich ein schlechtes Gewissen. Ich wusste nicht, dass Vollmond ist...

„Wird das nicht etwas knapp heute Abend?", fragte er. Seine Stimme klang barscher als er beabsichtigt hatte.

„Ich gehe direkt in die Heulende Hütte", erklärte Remus.

„Aber..."

Sirius suchte nach Worten und fand keine. Es war einfach so unglaublich ungerecht.

„Dann verpasst du die Auswahl und das Festessen", sagte er schließlich lahm. Weil jemand, der sich unter Qualen in ein blutrünstiges Monster verwandelt, bestimmt kein größeres Problem hat als ein verpasstes Schulfest. Klar.

„Wenn ich mich recht erinnere, habt ihr beide letztes Jahr die Auswahl auch verpasst", gab Remus zurück. Lächelnd setzte er hinzu: „Ich verlasse mich natürlich darauf, dass ihr mir was vom Nachtisch aus der Küche besorgt."

Sirius grinste zurück.

„Wird erledigt."

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Sirius spürte, dass James ihn immer noch anstarrte.

„Also...äh...wie waren eure Ferien?", wiederholte er seine Frage von vorhin halbherzig.

„Langweilig!", antwortete James wie aus der Pistole geschossen. „Weil er", er deutete auf Peter, der unter seinem wütenden Blicken zusammenschrumpfte, „die halben Ferien in den Bergen war, er", er deutete auf Remus, „mit einer Grippe im Bett lag und du dich nicht einmal über den Spiegel gemeldet hast. Du hättest wenigstens auf unsere Briefe antworten können!"

Sirius runzelte die Stirn.

„Ist mein Brief nicht angekommen? Ich habe euch doch alles erklärt."

James schnaubte.

„Schreibt nicht, Briefe werden abgefangen, sehen uns im Hogwarts-Express", zitierte er. „Das nennst du erklären?"

Sirius zuckte mit den Schultern.

„Das Wesentliche steht drin. Und ich hatte nicht viel Zeit."

„Wir haben uns Sorgen gemacht, Sirius", erklärte Remus. „James' Dad war kurz davor, dem Grimmauldplatz einen Besuch abzustatten."

Sirius spürte, wie er blass wurde.

Was?!"

„Wir dachten, du hättest vielleicht Ärger wegen der Aussage bekommen", sagte James. „Ich habe andauernd versucht, dich über den Spiegel zu erreichen, aber du hast nie reagiert! Und dann sind irgendwann keine Briefe mehr von dir gekommen. Was hättest du denn an unserer Stelle getan?"

Sirius antwortete nicht.

„Und wir hatten Recht, oder?", fuhr James fort. „Hast du mal in den Spiegel gesehen, Sirius? Du siehst furchtbar aus. Warst du in den ganzen Sommerferien überhaupt einmal draußen?"

„Ob du's glaubst oder nicht, Potter, war ich", gab Sirius unwirsch zurück. Er zog das Motorradmagazin von Teddy aus seiner Tasche und schlug es auf. Die Zeitschrift hatte ihn in den Ferien davor bewahrt durchzudrehen. Wie durch ein Wunder hatte er sie an Orion Black vorbeischmugglen können.

James' Augen wurden groß.

„Das ist ein Muggle-Magazin!"

„Tatsächlich, Potter. Wie hast du das nur erkannt?"

„Wo hast du das her?"

„Aus Muggle-London."

Sirius blätterte eine Seite um und verschwand hinter der Zeitschrift. Eine Sekunde später wurde sie ihm aus der Hand gerissen.

„He!", protestierte Sirius. „Gib mir das zurück, Potter!"

James lachte nur.

„So leicht kommst du mir nicht davon, Black. Die Geschichte will ich hören."

Sirius grinste.

„Also gut."


„Bist du lebensmüde, Sirius?", fragte Remus, nachdem Sirius geendet hatte. „Erst riskierst du, zusammengeschlagen zu werden, und dann fährst du mit einem Fremden auf so einer Selbstmordmaschine durch London? Weißt du, was da hätte alles passieren können? Was wäre gewesen, wenn dieser Teddy doch nicht so nett gewesen wäre, wie er getan hat? Oder wenn..."

„Beruhig dich, Remus", unterbrach ihn James, „du klingst schon wie meine Mum."

„Das ist nicht komisch, James. Muggle-London kann gefährlich sein. Sirius hätte in ernsthafte Schwierigkeiten kommen können."

„Ist er aber nicht, oder? Wo hast du dich eigentlich hinfahren lassen?", wandte sich James an Sirius. Dessen Lächeln verblasste etwas.

„Charing Cross Road."

„Zum Tropfenden Kessel?", fragte Peter.

„Wenn du schon beim Tropfenden Kessel warst, warum hast du dann niemanden von uns besucht?", fragte James und Sirius glaubte zu hören, dass ein verletzter Unterton in seiner Stimme mitschwang. „Das wäre doch die Gelegenheit gewesen!"

Sirius' Gesicht verdüsterte sich.

„Es ist etwas dazwischen gekommen."


Die Große Halle sah wie immer fantastisch aus, aber dieses Jahr hatte Sirius keinen Blick dafür. Er hatte Schmerzen, vor allem in seinem Kopf pochte es schmerzhaft und wenn er nicht so hungrig gewesen wäre, hätte er auf der Stelle einschlafen können. Und dann fehlte auch noch Remus. Sirius machte sich Sorgen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es gut war, sich in Remus' Zustand zu verwandeln – nicht dass es überhaupt jemals gut gewesen wäre, sich in einen Werwolf zu verwandeln – aber ein guter körperlicher Zustand konnte vermutlich nicht dabei schaden, die Tortur einigermaßen intakt zu überstehen.

James schien seine Gedanken zu erraten.

„Er wird es schon schaffen", flüsterte er, als der Sprechende Hut sein Lied beendete. „Und morgen besuchen wir ihn gleich im Krankenflügel."

Aber auch er sah besorgt aus.

„Crouch, Bartemius", begann Prof. McGonagall die Erstklässler aufzurufen. Sirius nickte abwesend und sah zu, wie der Ravenclaw-Tisch in Applaus ausbrach, als ein kleiner blonder Junge mit Sommersprossen im Gesicht den Sprechenden Hut vom Kopf nahm und freudestrahlend vom Stuhl kletterte.

„Makepeace, Leyla!"

So ging es weiter und weiter, bis schließlich nur noch ein Junge mit dunkler Hautfarbe da stand, der sich neugierig umsah. Shacklebolt, Kingsley wurde ein Gryffindor und noch während das Haus der Löwen applaudierte, füllten sich die goldenen Teller vor ihnen mit Essen.

„Na endlich", sprach James Sirius' Gedanken aus und schaufelte sich den Teller voll. Auch Sirius, Peter und die anderen Gryffindors ließen sich nicht zweimal bitten.

„He, Evans", hörte Sirius James zwischen zwei Bissen sagen, „wie waren deine Ferien?"

Lily Evans, die gerade in ein Gespräch mit Mary McDonald vertieft gewesen war, reagierte nicht gerade begeistert auf die Unterbrechung.

„Seit wann interessieren dich meine Ferien, Potter?"

„Naja, ich...äh..." James fuhr sich nervös mit der Hand durch die Haare. „Also...äh...naja, du wohnst bei Mugglen und ich wollte schon immer mal wissen, wie die Ferien machen", sagte er und grinste breit. Als Lily nicht gleich antwortete, fuhr er fort: „Naja, Muggle haben keine Rennbesen und kein Quidditch und können nicht zaubern, also das klingt...äh...das klingt...ähm...ein bisschen langweilig...", schloss er lahm.

Sie haben Motorräder, dachte Sirius und erinnerte sich an die Fahrt durch das nächtliche London, die vorbeirasenden Lichter, die hohe Geschwindigkeit, das unglaubliche Gefühl. Fast konnte er den Fahrtwind wieder auf seiner Haut spüren... Etwas Spitzes traf Sirius in die Seite. Er schrak auf und der Lärm der Großen Halle strömte auf ihn ein. Augenblicklich fing sein Kopf wieder an zu pochen.

„Äh...was?", fragte er, als ihm bewusst wurde, dass ihn Lily, James und Peter anstarrten.

„Ich habe Evans gerade die Geschichte mit dem Motorrad erzählt", erklärte James.

„Oh...äh...ja, stimmt alles, was James sagt..."

„Geht es dir gut, Sirius?", fragte Lily. „Du siehst ziemlich müde aus."

Sirius zwang sich zu grinsen.

„Klar geht's mir gut, Evans. Auf einem Motorrad London unsicher zu machen, kann einen schon mal ein bisschen müde machen, weißt du..."

Lily Evans verdrehte die Augen.

„Natürlich, Black."

Sie wandte sich wieder ihrem Gespräch mit Mary MacDonald zu. Sirius spürte, dass James ihn besorgt von der Seite ansah.

„Sicher, dass es dir gut geht?"

„Sicher, Potter."

Dabei war er so müde, dass er seinen Kopf am liebsten auf den Tisch gelegt und einfach nur geschlafen hätte. Aber James dürfte nichts merken. Sirius spürte, wie seine Kopfschmerzen zunahmen.


Als das Festmahl von den Haustischen verschwand, atmete Sirius erleichtert auf. Er konnte sich nicht erinnern, sich in irgendeinem anderen Jahr so auf sein Bett gefreut zu haben.

Dumbledore erhob sich.

„Bevor ihr alle in eure Schlafsäle verschwindet, habe ich noch ein paar Ankündigungen zu machen. Wie ihr alle wisst und wie einige von euch jetzt erfahren, ist es strengstens verboten, den Wald auf unserem Gelände zu betreten. Nach dem unglücklichen Unfall im letzten Schuljahr ist es außerdem verboten, sich der Peitschenden Weide auf mehr als 15 Meter zu nähern." Dumbledore machte eine kurze Pause, um seinen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen. Dann fuhr er fort: „Mr. Filch hat mich gebeten, euch daran zu erinnern, dass Zaubern und ganz besonders Duelle in den Korridoren nicht gestattet sind. Die Quidditch-Auswahlspiele finden in der zweiten Woche statt. Bei Interesse wendet euch an Madam Hooch. Und zum Schluss möchte ich noch eine Änderung im Kollegium bekannt geben: Prof. Proudfoot wird dieses Jahr Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichten."

Ein breitschultriger Mann mit narbigem Gesicht und kurzen braunen Haaren erhob sich und nickte knapp in die Runde. Sirius erkannte sofort den Auror, der ihn in der Nokturngasse vor einem Fluch bewahrt hatte. Begeistert klatschte er Beifall.

Der Weg nach oben in den Gryffindor-Turm schien heute besonders lange zu dauern. Oben im Schlafsaal angekommen steuerte Sirius, James' und Peters freundschaftliches Geplänkel ignorierend, geradewegs auf sein Bett zu, zog die Vorhänge hinter sich zu und ließ sich erleichtert in das Federbett fallen. Endlich zurück in Hogwarts. Endlich Ruhe. Und endlich Schlaf.


Jemand rüttelte ihn an der Schulter. Sirius murmelte etwas und drehte sich auf die andere Seite. Es konnte noch nicht morgen sein, er war doch gerade erst eingeschlafen... Wieder schüttelte ihn jemand, diesmal energischer und länger.

„Lass mich schlafen, Kreacher", nuschelte Sirius. „Sag der alten Sabberhexe, sie soll zur Hölle fahren..."

Jemand lachte leise.

„Ich bin's, James."

Sirius schlug die Augen. James saß im Schneidersitz neben ihm im Bett und grinste ihn an. Aber da wo sein Knie hätte sein sollen, war nur leerer Raum zu sehen. Er hatte den Tarnumhang dabei. Sirius schloss wieder die Augen.

„Nicht heute Nacht, James."

„Du weißt doch noch gar nicht, was ich vorhabe."

„Du hast den Tarnumhang dabei. Du willst raus."

„Stimmt", musste James zugeben. „Willst du denn gar nicht wissen, wo ich hin will?", setzte er nach kurzer Zeit hinzu, als Sirius nicht reagierte.

„Es interessiert mich nicht, weil ich nicht mitkomme. Frag Peter."

„Der will schlafen."

„Schön. Ich auch."

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Dann: „Dir geht's ganz schön dreckig, was, Sirius?"

Unter der Bettdecke ballte Sirius die Hände zu Fäusten. Er schlug die Augen wieder auf und stützte sich auf die Ellenbogen.

„So ein Quatsch, Potter. Es ist Nacht, ich bin müde und ich will schlafen. Das ist alles."

James setzte sich an das Fußende von Sirius' Bett, von wo aus er seinem Freund direkt in die Augen sehen konnte.

„So was hat dich aber bisher nicht abgehalten."

„Aber heute Nacht tut es das."

Sirius wollte sich gerade wieder demonstrativ hinlegen, als James sagte: „Schön. Aber dann sag mir wenigstens, was verdammt noch mal mit dir los ist. Was haben sie dir getan?"

Sirius erstarrte.

„Niemand hat mir etwas getan, Potter. Hast du vielleicht mal daran gedacht, dass ich krank gewesen sein könnte wie Remus?"

James schnaubte.

„Die Ausrede zieht nicht mehr, Black."

Sirius schloss die Augen und atmete einmal tief durch.

„Also gut, Potter. Du willst dich diese Nacht also rausschleichen?"

„Ja, schon..."

James klang plötzlich verunsichert.

„Und wo willst du hin?"

„Äh...so genau hatte ich das noch nicht geplant, ich dachte..."

„Dann sag ich's dir." Wo würde sich niemand hinschleichen, der noch alle Besen im Schuppen hat? „McGonagalls Büro!"

„Was?!" James fiel fast rückwärts vom Bett. „Weißt du noch, wie sie uns das letzte Mal erwischt hat?"

Allerdings. Vater hat dafür gesorgt.

„Angst, Potter?"

„Nein, aber..."

„Wir können natürlich auch hier bleiben, wenn dir das lieber ist."

„Das hättest du wohl gerne, Black!"

James stand auf und warf sich den Tarnumhang über. Sein Kopf schien frei in der Luft zu schweben.

„Kommst du endlich?"

Sirius warf die Bettdecke zurück und stand. Einen Augenblick war ihm schwindelig, dann klärte sich sein Blick. Dafür kamen die Kopfschmerzen wieder.

James schien zu merken, dass es ihm nicht gut ging, denn seine Stimme klang plötzlich besorgt.

„Wir müssen das nicht tun, Sirius..."

„Wenn du Angst hast, kannst du ja zu Pettigrew ins Bett krabbeln, Potter."

Als Antwort zog James ihm den Tarnumhang über den Kopf.


„Und was jetzt?", fragte James. Sie standen unter dem Tarnumhang verborgen vor Prof. McGonagalls Büro im ersten Stock.

Keine Ahnung. „Wir gehen rein."

Sirius machte Anstalten, nach der Klinke zu greifen.

„Bist du verrückt!", zischte James und packte Sirius' Arm. „Hast du ihren Katzenjammerzauber vergessen? Was wollen wir überhaupt da drin?"

„Woher soll ich das wissen? Du wolltest dich doch unbedingt rausschleichen!"

„Aber du wolltest in McGonagalls Büro!"

Sirius verdrehte die Augen.

„Also gut. Wir könnten..."

Er überlegte. Dann grinste er plötzlich.

„Wir könnten McGonagall einen Liebesbrief im Namen von Proudfoot schreiben."

James lachte leise.

„Aber einen kurzen, bevor jemand kommt."

An Vollmondnächten war im Schloss immer besonders viel los. Während Sirius Schmiere stand und aufpasste, dass niemand kam, schrieb James, an die Wand gestützt, den Liebesbrief.

„Fertig", verkündigte er nach ein paar Minuten. Sirius riss ihm den Brief aus der Hand und richtete seinen Zauberstab auf die Tür zu McGonagalls Büro.

„Alohomora."

Kaum hatte Sirius einen Schritt über die Schwelle gesetzt, durchdrang ein schrilles Jaulen die nächtliche Stille. Sirius ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Er platzierte den Brief in der Mitte des Schreibtisches, murmelte „Orchideus" und legte die Blumen neben den Brief.

„Was machst du denn da drin noch so lange? Komm endlich raus!", zischte James. Sirius nahm sich eins von Prof. McGonagalls Ingwerplätzchen und sah sich um. Die Kopien der Verwandlungsbücher, die sie Gryffindors Hauslehrerin in ihrem zweiten Schuljahr entwendet hatten, standen immer noch am selben Platz.

„Sirius!", wiederholte James drängend. „Jetzt mach schon!"

Er hätte nicht so leise sprechen müssen. Das schrille Jaulen gellte immer noch durch die Nacht. Es schwoll an und ab im gleichen Rhythmus wie das schmerzhafte Pochen in Sirius' Kopf.

Jemand packte ihn am Arm und zog ihn aus dem Raum. Als James ihnen beiden den Tarnumhang überwarf, erhaschte Sirius aus den Augenwinkeln gerade noch einen Blick auf das Schottenmuster von McGonagalls Morgenmantel, dann rannten sie los. Sie rasten den Korridor hinunter, bogen um eine Ecke und rutschten beinahe in der Wasserlache vor dem Klo der Maulenden Myrte aus.

„Scheiße!", fluchte James, denn obwohl sie den Tarnumhang trugen, hinterließen sie natürlich gut sichtbare nasse Fußabdrücke. Sie sprinteten eine Treppe hoch, rannten einen weiteren Korridor entlang, nahmen eine geheime Abkürzung, rannten noch eine Treppe hinauf.

Sirius' Atem ging abgehackt und stoßweise, bei jedem Atemzug hatte er das Gefühl, jemand würde ihm ein Messer in die Seite rammen. James zerrte ihn weiter und Sirius fragte sich benommen, wie es dazu gekommen war. Normalerweise waren James und er etwa gleich schnell, aber James schien immer schneller zu werden, während es Sirius immer schwerer fiel, Schritt zu halten.

An der Bibliothek vorbei, wieder Treppen, an der Statue von Boris dem Bekloppten vorbei, Treppen und noch mehr Treppen und dann waren sie endlich im siebten Stock. Sie hatten ihr Ziel schon fast erreicht, als urplötzlich Prof. Flitwick auftauchte. Auf dem Absatz kehrt machend, rannten sie in die entgegengesetzte Richtung zurück – und wären beinahe Filch und Mrs. Norris in die Arme gelaufen. Sirius und James warfen sich einen kurzen Blick zu. Wirkt der Tarnumhang auch bei Katzen? Entschlossen, es nicht darauf ankommen zu lassen, drehten sie abermals. Vielleicht konnten sie ja an Flitwick vorbeischlüpfen, vielleicht würde der kleine Zauberer ihren keuchenden Atem und ihre Schritte nicht hören, vielleicht... Links von ihnen befand sich plötzlich eine Tür, von der Sirius sich sicher war, dass sie eben noch nicht da gewesen war. Aber jetzt war nicht die Zeit, sich mit solchen Ungereimtheiten aufzuhalten. Sie schlüpften hinein und James warf die Tür hinter ihnen zu.

Sirius war so erledigt, dass er sich augenblicklich auf den Boden fallen ließ und sich schwer atmend an die Wand lehnte. Noch immer stach seine Seite wie verrückt und der Schweiß lief ihm über das Gesicht. In seinem Kopf hämmerte es und er war sich nicht sicher, ob er sein Blut in den Ohren rauschen hörte oder ob es noch immer der Katzenjammerzauber war.

Sirius wusste nicht, wie lange er so da saß, an die Wand gelehnt, sich die stechende Seite haltend und bemüht, seinen Atem wieder unter Kontrolle zu bekommen. Irgendwann ließ das Stechen nach und er hatte wieder das Gefühl, genug Luft zu bekommen. Neugierig schaute er sich um. Sie befanden sich in einer Besenkammer. James lehnte an der Tür, die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtete ihn. Der verdammte Bastard atmete nicht mal schneller.

„Bleib sitzen", sagte James, als Sirius aufstehen wollte. Dieser ignorierte ihn.

„Ich sagte, bleib sitzen!", wiederholte James scharf. Er stieß sich von der Tür ab und setzte sich Sirius gegenüber auf den Boden. Dieser lehnte sich an die Wand zurück.

„Sag mal, Black, hast du eigentlich deinen Verstand verloren?"

„Wovon redest du, Potter?"

Sirius' Stimme klang rau und heiser.

„Ich rede davon, dass du dich beinahe von McGonagall hast erwischen lassen und zwar freiwillig! Wenn ich dich nur eine Sekunde später aus ihrem Büro gezerrt hätte, hätte sie dich gehabt! Was zur Hölle sollte das?"

Sirius antwortete nicht. Er wusste selber nicht genau, was in Prof. McGonagalls Büro passiert war. Er plötzlich wieder diese Leere in sich gespürt, als wenn alles egal wäre. Was sollte denn schon passieren? Wenn McGonagall ihn erwischte, würde sie ihm eine Strafpredigt halten, Gryffindor Punkte abziehen und ihm eine Strafarbeit geben. Sie würde einen Brief an seine Eltern schreiben und Regulus würde genervt die Augen verdrehen, Walburga Black würde ihn anschreien und verfluchen und Orion Black würde ihn mit diesem neuen kalten Gesichtsausdruck anblicken, bevor er seinen Zauberstab heben würde, um ihn zu bestrafen. Die Tatsache, dass Prof. McGonagall ihn dieses Mal nicht erwischt hatte, änderte daran nichts. Früher oder später würde eine Eule mit einem anderen Brief in den Grimmauldplatz geflogen kommen. Denn egal, was Sirius tat, er würde niemals der Sohn sein, den seine Eltern sich wünschten.


Als Sirius am nächsten Tag aufwachte, fühlte er sich, als hätte ihn der Hogwarts-Express überfahren. Am liebsten hätte er sich einfach umgedreht und weitergeschlafen, aber James' und Peters gedämpfte Stimmen überzeugten ihn davon, dass es tatsächlich schon morgen war.

„Lass ihn schlafen, Peter", sagte James gerade, als Sirius die Vorhänge seines Bettes zur Seite schob.

„Zu spät, Potter. Ihr wolltet doch nicht ohne mich frühstücken gehen, oder?"

James erwiderte sein Grinsen nicht. Er war immer noch wütend wegen gestern Nacht.

„Eigentlich schon. Du könntest den Schlaf gut gebrauchen."

Sirius zuckte mit den Schultern.

„Dann hättet ihr nicht so laut sein dürfen."

Zusammen gingen sie in die Große Halle, wo Prof. McGonagall schon die Stundenpläne verteilte. Ihrem verkniffenen Gesichtsausdruck nach zu urteilen war sie nicht besonders guter Laune. Sirius und James grinsten, bis James sich erinnerte, dass er ja sauer war auf Sirius, und abrupt den Blick abwandte.

Sirius überflog seinen Stundenplan. Als erstes hatten sie Kräuterkunde bei Prof. Sprout.

„Oh nein, Pflege magischer Geschöpfe immer noch zusammen mit den Slytherins", stöhnte Peter neben ihm auf. „Und dann auch noch Wahrsagen!"

„Und Verteidigung gegen die dunklen Künste erst am Donnerstag", stellte Sirius enttäuscht fest. Er wagte einen kurzen Blick zum Lehrertisch hinüber. Proudfoot saß neben Slughorn und las im Tagespropheten. Sirius grinste. Er fragte sich, ob McGonagall ihm etwas von dem vermeintlichen Liebesbrief erzählt hatte.


In Kräuterkunde erwarteten sie die hässlichsten Pflanzen, die Sirius je gesehen hatte. Sie sahen aus wie eklige schwarze Schnecken, die aus der Erde wuchsen. An den Stängeln hingen große glänzende Geschwülste und ein diskreter Geruch nach Benzin lag in der Luft.

„Bubotubler", verkündete Prof. Sprout und deutete mit einer ausladenden Handbewegung stolz auf die Schneckenpflanzen als würde sie ihnen ein paar preisgekrönte Rosen präsentieren. „Ziehen Sie bitte ihre Drachenhauthandschuhe über, unverdünnter Bubotubler-Eiter verträgt sich nicht gerade gut mit menschlicher Haut."

„Unverdünnter was?", fragte ein Hufflepuff nach.

„Unverdünnter Bubotubler-Eiter, Stebbins", wiederholte Prof. Sprout. „Er ist ein sehr wirksames Mittel gegen Akne, hat aber auch noch ein paar andere Heilwirkungen. Sie müssen die Geschwülste ausquetschen, den Eiter sammeln Sie dann in diesen Gefäßen." Sie deutete auf die andere Seite des Gewächshauses. „Fangen Sie an!"

Die Bubotubler auszuquetschen war eine eklige, aber dafür anspruchslose Arbeit. Nachdem Sirius sich an den durchdringenden Benzingeruch gewöhnt hatte (er erinnerte ihn angenehm an Teddys Motorrad), ließ er seine Gedanken einfach treiben. Er fühlte sich immer noch müde und kaputt, aber es war nicht mehr ganz so schlimm wie gestern Nacht und die Doppelstunde Kräuterkunde gab ihm zusätzlich Gelegenheit, sich auszuruhen. Und das war, wie sich herausstellte, auch gut so, denn Prof. Kesselbrand schien seinen Unterricht dieses Jahr wieder mit einem Spektakel beginnen zu wollen. Als sie auf die Wiese vor dem Verbotenen Wald kamen, konnte Sirius seinen Augen nicht trauen: Vor ihnen standen mehrere rotbraune Wesen, die zwar aussahen wie Pferde, aber mindestens anderthalb mal so groß waren. Und außerdem standen ihre Mähnen und ihre Schweife in Flammen.

„Professor, sind das etwa...Aethons?", wollte Lily Evans ungläubig wissen.

„So ist es!", bestätigte Prof. Kesselbrand mit seiner üblichen Reibeisenstimme. „Und dazu noch besonders schöne Exemplare." Er schlug einem Aethon auf die Kuppe. „Das ist Feuerglanz."

Feuerglanz schnaubte nervös und Rauch quoll aus seinen Nüstern. Die Klasse machte geschlossen einen Schritt zurück.

„Aber, Professor", wandte Lily Evans ein, „gehören Aethons nicht zum UTZ-Stoff...?"

„Unsinn! Ich habe schon Kinder auf Aethons reiten sehen. Also, wer von ihnen will freiwillig?"

Niemand meldete sich. Dafür war die Klasse plötzlich sehr am Gras unter ihnen oder an den Baumwipfeln des Verbotenen Waldes interessiert.

„Angst, Black?", flüsterte eine Stimme hinter Sirius. „Und ich dachte immer, Gryffindors sollen so mutig sein."

„Hast du etwa so die Hosen voll, dass du jemand anders vorschicken musst, Avery?"

„Ich nicht. Aber ich kenne jemanden, der hatte so die Hosen voll vor Mummy und Daddy, dass er sogar in die Muggle-Welt geflüchtet ist..."

Sirius wirbelte herum und wollte gerade seinen Zauberstab ziehe, als ihn eine kräftige Hand am Arm packte.

„Sie wollen es also mit Feuerglanz aufnehmen, he, Black?", schnarrte Prof. Kesselbrand. „Hervorragend!"

Und ehe Sirius protestieren konnte, befand er sich schon auf Feuerglanz' Rücken. Prof. Kesselbrand gab dem magischen Ross einen kräftigen Schlag auf das Hinterteil und sie jagten davon. Das war nicht das sanfte Gleiten, mit dem Sirius mit seinem Nimbus über das Land glitt, oder das aufregende Vibrieren eines Motorrads. Das hier war ein ständiges Auf und Ab aus geschmeidigen Muskeln und trommelnden Hufen. Er rutschte zur Seite, nach vorne und nach hinten, versuchte, sich dem Rhythmus des feurigen Pferdes anzupassen, sich irgendwo festzuhalten und dabei die flammende Mähne so weit es ging zu meiden. Dann machte Feuerglanz plötzlich eine rasche Kehrtwende und Sirius rutschte endgültig ab. Beim Versuch, noch irgendwo Halt zu finden, kratzten seine Schuhe und Fingernägel über das rotbraune Fell. Feuerglanz wieherte, stieg mit den Vorderbeinen in die Luft und Sirius wurde in hohem Bogen abgeworfen.

Der Aufprall trieb ihm die Luft aus den Lungen und einen Augenblick wurde ihm schwarz vor Augen. Hustend versuchte er wieder hochzukommen. Seine Kopfschmerzen kehrten mit voller Wucht zurück und für ein paar Sekunden sah er alles doppelt. Als er wieder klar sehen konnte, beugte sich jemand über ihn. Zu seiner Überraschung waren es Lily Evans und Mary MacDonald.

„Alles in Ordnung, Sirius?", wollte Lily wissen. „Hast du dich verletzt?"

Im Hintergrund hörte Sirius die Slytherins lachen. Er ballte die Fäuste und bis die Zähnen zusammen. Lily drehte sich um.

„Das ist nicht komisch!"

Das Lachen wurde lauter.

„Hast du jetzt eine Schlammblutfreundin, Black? Und wir dachten, du könntest nicht tiefer sinken!"

„Hör nicht auf sie", sagte Lily und streckte Sirius die Hand entgegen. Er schlug sie zur Seite und stand alleine auf. Im nächsten Augenblick hatte er seinen Zauberstab auf die Slytherins gerichtet.

„Du meinst, ich habe Angst, Avery? Du irrst dich! Arde!"

Avery schrie auf. Sirius drehte sich um und stampfte davon. Hinter ihm brüllte Kesselbrand etwas von wegen Punktabzug und Strafarbeit, aber Sirius war es egal. Er hatte genug.


Arithmantik zog sich endlos hin. Hin und wieder warf Sirius einen Blick auf die Uhr, nur um festzustellen, dass sich der Stundenzeiger wieder nur minimal fortbewegt hatte. Er versuchte, zuzuhören und für Remus mitzuschreiben, aber immer wieder erwischte er sich dabei, wie er mit den Gedanken abschweifte. Er stellte sich vor, wie er Avery verhexen würde, bis er nicht mal mehr kriechen konnte und ihn seine eigene Mutter nicht wiedererkennen würde. Und dann würde er sich Regulus vorknöpfen.

Kaum hatte Prof. Vektor das Ende der Stunde verkündet, stürmte er aus dem Klassenzimmer die Treppe hinab in Richtung der Kerker. Doch er war gerade in der Eingangshalle angekommen, als jemand rief: „He, Sirius! Wenn du in die Küche gehst, gehen wir schon mal in den Gryffindor-Turm vor!"

Küche...? Ein Stockwerk über ihm standen James und Peter und sahen erwartungsvoll zu ihm hinab. Plötzlich fiel Sirius ein, dass sie Remus ja versprochen hatten, ihm Nachtisch aus der Küche mitzubringen, wenn er heute Nachmittag aus dem Krankenflügel kam. Vermutlich wartete er schon im Schlafsaal auf sie und las irgendein Buch. Avery und Regulus mussten warten. Er signalisierte seinen Freunden sein Einverständnis und lief zur Küche hinunter, wo sich die Hauselfen wie üblich vor Hilfsbereitschaft überschlugen. Doch als er atemlos oben im Gryffindor-Turm ankam, fand er nur James und Peter im Schlafsaal vor.

„Remus ist noch nicht da", empfing ihn James. „Wir holen ihn vom Krankenflügel ab, er muss ja jetzt bald kommen."

Zu dritt machten sie sich auf den Weg zum Krankenflügel, aber dort erlebten sie eine böse Überraschung.

„Nein, Potter, Mr. Lupin ist gerade nicht zu sprechen", erklärte Madam Pomfrey.

„Aber..."

„Das ist mein letztes Wort. Gehen Sie jetzt, ich habe noch andere Patienten, um die ich mich kümmern muss."

„Können wir ihn denn wenigstens morgen besuchen?", wollte Peter wissen. Madam Pomfreys Gesicht wurde etwas weicher.

„Vielleicht. Wenn er aufwacht, werde ich ihm sagen, dass Sie da waren."

In denkbar schlechter Stimmung liefen Sirius, James und Peter zum Gryffindor-Tisch zurück. Auf Remus' Nachttisch standen immer noch die Süßigkeiten, die Sirius ihm aus der Küche besorgt hatte. Peter war der erste, der sprach.

„Meint ihr, es geht ihm gut?"

James zuckte mit den Schultern.

„Madam Pomfrey kümmert sich um ihn."

Sie mussten nicht weitersprechen, um zu wissen, dass sie alle das Gleiche dachten: Remus blieb normalerweise nicht länger als einen Tag im Krankenflügel. Irgendetwas musste passiert sein. Und so, wie er vor der Verwandlung ausgesehen hatte, war es vermutlich nichts Gutes.


Als Sirius am nächsten Tag aufwachte, fühlte er sich so gut wie schon lange nicht mehr. Ihm taten zwar noch alle Knochen weh von seinem Sturz von dem Aethon, aber die ständige Erschöpfung und die Kopfschmerzen waren weg. Seine Laune stieg augenblicklich. James und Peter waren weniger begeistert, denn Sirius warf sie in seiner guten Stimmung ziemlich unsanft aus den Betten.

Als sie in die Große Halle kamen, machten die Slytherins hämische Bemerkungen über die letzte Stunde Pflege magischer Geschöpfe, aber Sirius ließ sich davon nicht beeindrucken, er warf Avery und Regulus sogar ein charmantes Lächeln zu. Irgendwann heute im Laufe des Tages würde er sie sich schnappen und sie bezahlen lassen. Avery schien zu spüren, dass das Lächeln nichts Gutes zu bedeuten hatte, denn er machte nur noch eine halbherzige Bemerkung und griff dann hastig nach seinem Kürbissaft. Regulus dagegen warf seinem Bruder einen irritierten Blick zu. Dieser ignorierte ihn und setzte sich an den Gryffindor-Tisch.

Kurze Zeit später rauschte es und die Eulen stießen vom Himmel der Großen Halle zu den Haustischen hinab. James schnappte sich Remus' Tagespropheten, schob Peter geistesabwesend die Rätselseite zu und schlug den Nachrichtenteil auf. Werwolf-Massaker in Devon, lautete die größte Schlagzeile in der Mitte. Sirius spürte, wie ihm plötzlich eiskalt wurde. Zusammen mit James beugte er sich über die Zeitung.

Werwolf-Massaker in Devon

Zum zweiten Mal in Folge ist es während einer Vollmondnacht zu Angriffen durch Werwölfe gekommen. Diesmal fiel eine ganze Familie den blutrünstigen Monstern zum Opfer. Es handelt sich um Tom Bennett (Muggle), Barbara Bennett (Hexe) und ihre beiden Kinder Grace (10) und Isabel (8). Während die Eltern sofort getötet wurden und Grace Bennett ihren Verletzungen im Laufe der Nacht erlag, kämpft Isabel im St.-Mungo-Hospital für magische Krankheiten und Verletzungen noch immer ums Überleben.

Aber ich fürchte, es sieht nicht gut für sie aus", sagt Hippocrates Smethwyk, Heiler im St. Mungo. „Durch Werwölfe zugefügte Wunden sind verflucht. Selbst wenn Isabel überlebt, wird sie schwere Schäden davontragen, da es keine magische Heilmethode für diese Verletzungen gibt."

Der Fluch, der auf Bissverletzungen durch Werwölfe liegt, führt außerdem dazu, dass das Opfer selbst zum Werwolf wird. Ob man Isabel unter diesen Umständen das Überleben wünschen kann, ist fraglich.

Wir bedauern diesen Zwischenfall sehr und sprechen den Angehörigen und Freunden der Familie unser aller Beileid aus", erklärt Mr. Oafish, Leiter der Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe. „Werwolf-Angriffe kommen normalerweise äußerst selten vor. Das Werwolf-Fangkommando arbeitet eng mit den Auroren zusammen, um die Werwölfe zur Strecke zu bringen."

Es bleibt zu hoffen, dass das Ministerium bis zum nächsten Vollmond seine Hausaufgaben gemacht hat.

Ansonsten sollte man ernsthaft über Führungswechsel auf verschiedenen Ebenen nachdenken", meint ein Mitglied des Zaubergamots, das nicht namentlich genannt werden möchte. „Die Diebstähle vom letzten Sommer sind auch immer noch nicht restlos aufgeklärt und ein Verdächtiger ist verschwunden, der andere wurde freigesprochen. Das alles wirft kein gutes Licht auf das Ministerium."

James schlug vor Wut mit der Faust auf den Tisch.

„Blutrünstige Monster...fraglich, ob man ihr das Überleben unter diesen Umständen wünschen kann – weiß der Autor überhaupt, was er da schreibt? Kennt das Arschloch auch nur einen einzigen Werwolf? Wie kann der Tagesprophet nur so etwas drucken!"

„Der Artikel im August war nicht besser", sagte Sirius mit ruhiger Stimme, während seine Gedanken rasten. Wusste Remus von den Werwolf-Angriffen? Sollten sie ihm den Artikel überhaupt zeigen? Aber sie konnten ihn ja auch schlecht verheimlichen...oder? Aber wenn es Remus heute immer noch so schlecht ging...

„Blutbad in Lincolnshire oder so ähnlich."

James warf Sirius einen zornigen Blick zu.

„Wie kannst du nur so ruhig bleiben? Ist dir Remus..."

„Nein, er ist mir nicht egal", unterbrach Sirius James mit gesenkter Stimme, bevor dieser sie alle um Kopf und Kragen redete. „Aber du bist gerade dabei, der ganzen Großen Halle von Remus' pelzigem kleinen Problem zu erzählen."

James verstummte augenblicklich.

„Was hat Remus' Kaninchen mit dem Artikel im Tagespropheten zu tun?", fragte Mary MacDonald neugierig.

„Es wird bei Vollmond aggressiv und ihm wachsen lange Zähne!", gab Sirius unwirsch zurück. „Passiert das bei Muggle-Kaninchen nicht?"

„Seltsam, aber über so ein magisches Kaninchen habe ich noch nie etwas gelesen", warf Lily Evans spitz ein.

„Dann lies noch mal nach. Cuniculus lunatus säbelzahnus. Ist eine neue Art."

Lily verdrehte die Augen.

„Sehr witzig, Black."

Sie wandte sich wieder ihrem Essen zu, aber Mary MacDonald beugte sich noch weiter zur Sirius hinüber.

„Ist das wirklich eine neue Art?"

Jetzt war es an Sirius, die Augen zu verdrehen.

„Nein."

Schmollend zog sich MacDonald zurück und Sirius drehte sich wieder zu James und Peter um.

„Was tun wir jetzt?"


Der Unterricht war die reinste Qual. Zauberkunst und Kräuterkunde zogen sich praktisch ewig hin und alle um sie herum sprachen über die Werwolf-Angriffe. James verhexte Stebbins, als dieser sich dafür aussprach, alle Werwölfe einfach einzusperren. Es war eine Erleichterung, als Prof. McGonagall in Verwandlung die Klasse harsch anfuhr, sie dulde keine Gespräche, die nichts mit dem Unterrichtsstoff zutun hätten, und damit die Diskussionen endlich zum Schweigen brachte.

Nach Verwandlung machten sich Sirius, James und Peter sofort auf den Weg in den Krankenflügel. James hatte den Tagespropheten eingesteckt, aber sie waren sich immer noch nicht sicher, ob sie ihn Remus zeigen sollten.

Madam Pomfrey empfing sie mit missbilligender Miene, aber sie ließ sie zu Remus. Sirius stockte der Atem, als er ihn sah. Remus war unglaublich blass und eine frische rote Narbe zog sich von seiner rechten Schläfe bis hinunter zum Kinn, aber er strahlte, als er sie sah.

James setzte sich zu Remus aufs Bett.

„Geht's dir besser?", fragte er. „Madam Pomfrey wollte uns gestern nicht zu dir lassen."

Remus winkte ab.

„Ich war gestern nur etwas müde."

Klar. Und vermutlich mehr tot als lebendig.

Remus' Blick fiel auf Sirius.

„Du siehst besser aus."

Sirius konnte das Kompliment nicht zurückgeben. Und er wollte es auch gar nicht. Er glaubte nicht, dass es Remus so gut ging, wie er sich gab. Er lenkt ab.

„Du nicht."

Remus zuckte mit den Schultern.

„Habt ihr mir den Nachtisch aus der Küche besorgt?", wandte er sich an James.

„Klar, Kumpel! Steht alles im Schlafsaal. Du musst nur endlich aus dem Krankenflügel rauskommen."

Remus versuchte ein Lächeln.

„Madam Pomfrey will mich morgen vor dem Frühstück gehen lassen."

James runzelte die Stirn.

„Morgen erst? Wir dachten, du kannst heute gehen. Du bist schon einen Tag länger als sonst da."

„Sie will mich nur etwas länger beobachten, weil es mir vor der Verwandlung wegen dieser Sommergrippe noch immer nicht so gut ging, das ist alles. Habt ihr Notizen in den Fächern gemacht, die ich verpasst habe?"

Sirius schnaubte. Aus irgendeinem Grund war er sich sicher, dass der Werwolf log. Remus hatte genauso wenig eine Sommergrippe gehabt wie er selbst. Abgesehen von seiner Lykantrophie war Remus sonst auch nie krank. Und warum sollte er so hartnäckig versuchen, seinen Zustand zu verharmlosen, wenn nicht, um von sich selbst abzulenken?

Als Peter Remus ihre gesammelten Mitschriften aushändigte, kam Madam Pomfrey mit einem dampfenden Zaubertrank.

„Trinken Sie das, Mr. Lupin. Und vergessen Sie nicht, die Salbe aufzutragen."

Remus trank gehorsam. Madam Pomfrey wandte sich Sirius, James und Peter zu.

„Es ist nett von Ihnen, dass Sie Lupin besuchen kommen, aber Sie sollten jetzt gehen. Er braucht immer noch Ruhe."

„Aber wir sind noch nicht mal zehn Minuten hier!", widersprach James empört. Aber es hatte keinen Zweck, Madam Pomfrey ließ sich auf keine Diskussionen ein.

„Remus hätte der alten Glucke ruhig sagen können, dass er sich besser fühlt und wir noch etwas länger bleiben können", murrte James, als sie wieder vor dem Krankenflügel standen und sich langsam auf den Weg zum Gryffindor-Turm machten.

„Vielleicht fühlt er sich aber gar nicht so gut", wagte Peter vorsichtig einzuwenden. „Er sah noch ziemlich krank aus."

Sirius nickte.

„Peter hat Recht. Ich wette, er musste Pomfrey anflehen, dass sie ihn überhaupt morgen gehen lässt."

„Ach, deshalb warst du vorhin so unfreundlich zu Remus. Weil du ihm nicht glaubst."

Sirius warf James einen ärgerlichen Blick zu.

„Ich glaube es nicht, ich weiß es. Du hast ihn doch selbst gesehen."

„Kein Grund, so unfreundlich zu sein."

Sirius blieb stehen.

„Sag mal, Potter, wo ist eigentlich dein verdammtes Problem?"

James blieb ebenfalls stehen.

„Ich habe kein 'Problem', Black. Aber nur weil du so tust, als würde es dir blendend gehen, wenn es das offensichtlich nicht tut, heißt das nicht, dass sich alle Leute so verhalten."

Das war es also. James war immer noch wütend wegen der Aktion vorletzte Nacht. Aber Sirius war nicht minder zornig. Er drehte sich auf dem Absatz um und marschierte davon. Er musste dringend Regulus und Avery finden.


Es war nicht schwer, Regulus zu finden. Nachdem Sirius sich vergewissert hatte, dass sein Bruder nicht in der Bibliothek war, marschierte er geradewegs zum Gemeinschaftsraum der Slytherins. Er packte einen jüngeren Schüler am Kragen und hielt ihm seinen Zauberstab unter die Nase.

„Hör zu, Kleiner. Du gehst jetzt in euren Gemeinschaftsraum und sagst meinem Bruder, dass er auf der Stelle rauskommen soll, verstanden? Und versuch nicht, mich zu verarschen, sonst verwandle ich dich in einen Mistkäfer!"

Mit diesen Worten stieß er den Slytherin so heftig von sich, dass er der Länge nach hinfiel. Befriedigt sah Sirius zu, wie er sich eilig aufrappelte, das Passwort murmelte und hinter der Steinwand verschwand.

Regulus ließ auf sich warten. Als er nach zehn Minuten mit dem jüngeren Slytherin herauskam, kochte Sirius bereits vor Wut.

„Du wolltest mich sprechen, Sirius?", sagte Regulus in einem Tonfall, der den Gryffindor erst recht zur Weißglut trieb.

„Allerdings! Was hast du Avery erzählt?"

„Ich weiß nicht, wovon du redest."

Einen Augenblick später hielt Sirius ihm seinen Zauberstab an die Kehle.

„Ich warne dich, Regulus...!"

Sein jüngerer Bruder ließ sich nicht im Mindesten davon einschüchtern.

„Falls es darum geht, dass du einige...Auseinandersetzungen mit Vater hattest, Sirius, das ist kein Geheimnis. Und die Folgen waren nicht zu übersehen."

Die Kaltblütigkeit, mit der Regulus darüber sprach, was Sirius im Grimmauldplatz diesen Sommer hatte erdulden müssen, war zu viel für ihn.

„Ar..."

„EXPELLIARMUS!"

„IMPEDIMENTA!"

Sirius wurde sein Zauberstab aus der Hand gerissen und er wurde nach hinten geschleudert und von unsichtbaren Fesseln zu Boden gedrückt. Hinter Regulus waren Rosier, Avery, Mulciber, Wilkes und Snape aufgetaucht. Rosier hielt Sirius' Zauberstab in der Hand, Snape hatte seinen immer noch Sirius gerichtet.

„Ich weiß nicht, was du glaubst, was ich erzählt haben soll, Sirius", sagte Regulus, „aber ich schlage vor, du gehst jetzt besser." Er beugte sich zur Sirius hinab und senkte die Stimme, sodass nur dieser ihn hören konnte. „Bist du deinem Blutsverräter-Freund Potter eigentlich so unwichtig, dass es ihm egal ist, was du für seine 'Freundschaft' bezahlst, oder warst du bisher nur zu feige, es ihm zu sagen?"

Sirius juckte es in den Fingern, seinen Bruder zu verhexen, bis dieser nicht mehr wusste, wo oben und unten war, aber weder hatte er seinen Zauberstab noch konnte er sich bewegen.

„Verpiss dich, Regulus!"

Regulus ignorierte ihn und wandte sich Rosier und Snape zu. Auf eine knappe Handbewegung seinerseits hin hob Snape den Lähmfluch auf und Rosier warf Sirius seinen Zauberstab zu. Noch ehe Sirius sich aufgerappelt hatte, war Regulus im Slytherin-Gemeinschaftsraum verschwunden. Aber so leicht gab Sirius nicht auf. Er hatte noch eine andere Rechnung offen.

„Furunkulus!", zischte er und richtete den Zauberstab auf Avery. Mit einer fließenden Bewegung wich er Wilkes' Konjunktivitis-Zauber aus und blockte Rosiers Stoßfluch ab. Doch bevor er selber noch einen Zauber sprechen konnte, erwischten ihn die Peitschflüche von Mulciber und Snape und ein gut gezielter Lähmfluch von Rosier setzte ihn endgültig außer Gefecht.

„Das war ziemlich dumm, Black", sagte Avery und starrte ihn aus seinem verquollenem, fleckigen Gesicht heraus hasserfüllt an. „Arde!"

Sirius biss die Zähne zusammen, als der Brandzauber seinen rechten Arm verbrannte.

„Ich würde dir gerne noch eine richtige Lektion erteilen, aber leider möchte dein Bruder nicht, dass du zu sehr verletzt wirst." Er beugte sich vor und sprach mit gesenkter Stimme weiter. „Übrigens hat Regulus nichts weitererzählt. Pech gehabt, Blutsverräter. Sieht so aus, als würde dich deine Mutter so sehr hassen, dass sie es brühwarm ihrer Schwägerin erzählen musste."

Verächtlich gab er Sirius einen Tritt in die Seite und verschwand hinter der Steinwand, gefolgt von Snape, Mulciber und Wilkes.

„Was willst du noch hier, Rosier?", fauchte Sirius den verbliebenen Slytherin an. Wie konnte ich in den Osterferien nur so auf dieses Stück Dreck hereinfallen? „Los, hau schon ab zu deinen Slytherin-Freunden!"

„Du solltest auf deinen Bruder hören, Black", antwortete der Slytherin so ruhig, als unterhielten sie sich bei einer Tasse Tee. „Der Preis, den du für Potters Freundschaft zahlst, ist zu hoch. Und du wirst nie einer von ihnen werden, ganz egal, was du tust."

Er zog seinen Zauberstab. Augenblicklich spannten sich Sirius' Muskeln, doch Rosier beendete nur den Lähmfluch. Dann verschwand er wie die anderen Slytherins hinter der Steinwand.

Vor Wut schlug Sirius mit der Faust auf den Boden. Seine wohlverdiente Rache war in einem Fiasko geendet. Und zu allem Unglück hatte er jetzt auch noch eine Strafarbeit bei Prof. Kesselbrand.


Am nächsten Tag kam Remus tatsächlich zum Frühstück in die Große Halle, wie er es versprochen hatte. Und er merkte natürlich sofort, dass etwas nicht stimmte.

„Okay, Leute, was ist eigentlich los?", fragte er nach ungefähr drei Minuten.

„James und Sirius...", begann Peter.

„Gar nichts ist los!", fauchte James wenig überzeugend. Remus warf ihm einen vielsagenden Blick zu.

„Und warum hast du dann heute Morgen noch kein einziges Wort mit Sirius gewechselt?"

James antwortete nicht. Remus verdrehte die Augen.

„Peter?"

„James glaubt, dass Sirius dir unterstellt, dass du irgendwas vor uns verbirgst, weil er uns selbst nicht alles erzählt."

Sirius stellte sein Glas so heftig ab, dass der Kürbissaft herausschwappte und funkelte Peter zornig an. Dieser sank in seinem Stuhl zusammen.

„Ach, das ist ja interessant", sagte Remus, gerade als Sirius dazu ansetzte, Peter zusammenzustauchen. „James, vielleicht solltest du anfangen zu akzeptieren, dass wir alle ein Privatleben haben. Sirius muss uns nicht alles erzählen."

Der Erbe der Blacks war so verblüfft, dass ihm die Worte im Halse stecken blieben. Ausgerechnet Remus, der immer als erster Sirius' Ausreden nach den Ferien durchschaut hatte, sagte James, er solle ihn, Sirius, in Ruhe lassen?

James schien nicht minder verblüfft zu sein. Ungläubig starrte er Remus an, der gleich noch einen drauf setzte, indem er sagte: „Und dann hätte ich gerne noch die Tagespropheten von den letzten beiden Tagen. Immerhin bin ich derjenige, der ihn abonniert hat."

Sirius, James und Peter tauschten einen schnellen Blick aus.

„Da stand nichts Besonderes drin", sagte James schließlich. „Die Chudley Cannons haben mal wieder verloren..."

„Ich würde die Zeitung trotzdem gerne haben", unterbrach ihn Remus. James zögerte einen Augenblick, dann zuckte er mit den Schultern und griff in seine Tasche. Vermutlich sagte er sich, dass es ohnehin nur noch eine Frage der Zeit war, bis Remus von den Werwolf-Angriffen erfuhr.

Remus las den Artikel mit unbewegter Miene, aber Sirius bemerkte, wie sich seine Hände so fest in der Zeitung verkrallten, dass sich die Knöchel weiß färbten.

„Das ist doch alles nur Schwachsinn, was da steht", versuchte James Remus aufzumuntern. „Der Autor hat doch überhaupt keine Ahnung, wovon er redet."

„Aber die Leute glauben, was er da schreibt. Und ganz Unrecht hat er nicht: Werwölfe sind gefährlich."

„Nur einmal im Monat", präzisierte Sirius. „Und dann auch nur, wenn sie sich nicht einschließen."

„Was die Werwölfe, die für die Angriffe verantwortlich sind, vermutlich nicht tun", sagte Remus und faltete den Tagespropheten zusammen.

„Die Auroren werden sie schon kriegen."

Falls James Remus aufmuntern wollte, funktionierte es nicht besonders gut. Wenn möglich, sah Remus sogar noch besorgter aus. Doch bevor jemand von ihnen etwas sagen konnte, mischte sich Lily Evans ein.

„Remus, du bist wieder da! Geht's dir wieder besser? Ich hatte mir schon Sorgen gemacht..."

Etwas unsicher blieb ihr Blick an Remus' magerer Gestalt, seinen müden Augen und denen noch nicht ganz verheilten Verletzungen hängen.

„Es geht mir viel besser, danke der Nachfrage, Lily", antwortete Remus freundlich.

„Wenn du willst, kannst du meine Notizen von den letzten Tagen haben", bot sie an. Remus lächelte.

„Die anderen haben mir schon ihre gegeben, aber danke."

Lily warf Sirius, James und Peter einen Blick zu, als würde sie ihnen nicht mal zutrauen, eine Schreibfeder zu halten, geschweige denn, einen Buchstaben auf Pergament zu malen.

„Wenn du es dir anders überlegst, sag einfach Bescheid."

Mit diesen Worten wandte sie sich ab und ging aus der Großen Halle. Mary MacDonald winkte ihnen zum Abschied zu und folgte ihrer besten Freundin nach draußen.

Die Sache mit Remus hatte ein Gutes: James war nicht mehr sauer auf Sirius oder zumindest war er zu sehr mit Remus und den Werwolf-Angriffen beschäftigt, um darüber nachzudenken, was Sirius ihm möglicherweise verschwieg. Und als Remus zu seiner ersten Stunde alte Runen dieses Schuljahr ging, konnten Sirius, James und Peter endlich auch ihre Verwandlungsübungen fortsetzen. Es klappte schon ganz gut. Sirius und James schafften es recht sicher, einfache Tierklassen wie Amphibien und niedere Reptilien ineinander zu verwandeln. Und Peter verwandelte schon bei seinem zweiten Versuch einen Regenwurm in eine Weinbergschnecke.

„Super, Peter, du hast das Prinzip durchschaut!", rief James und schlug ihm anerkennend auf die Schulter. „Jetzt brauchst du nur noch etwas Routine."

Sirius hingegen fuchtelte verzweifelt mit seinem Zauberstab umher, um seinen frisch verwandelten Vogel von seinen Schuppen und dem Schildkrötenpanzer zu befreien.