Eigentlich war sie ein fröhliches Kind. Wer sie sah, inmitten der Schweine, die sich auf die wenigen Kartoffelschalen, die Eicheln und Kastanien stürzten, wusste sofort, dass sie eines der zahlreichen Kinder eines armseligen Tagelöhners war. Ihre zerlumpten Kleider waren schmutzig und sie steckte mit ihren viel zu dünnen, braun gebrannten Beinen in der gleichen Matsche wie die Schweine, die sie mit einer Weidenrute aus dem Stall heraus trieb.
Die kleine Kaitlin Martens war elf Jahre alt und war im Großen und Ganzen mit dem Hüten der Schweine zufrieden. Es war nicht gerade das große Los, wie das ihrer großen Schwester, die einen Schäfer zum Mann hatte, aber sie war zufrieden.
"Los, ihr faulen Schweine!", trieb sie die Tiere aus dem Stall die sich nur widerwillig auf die Weide begaben, "hier gibt's was leckeres zu fressen!"
Was keiner ahnte, der sie sah, war die Tatsache, dass Kaitlin Martens eine Hexe war. Ja, selbst sie ahnte nichts von ihrem verborgenen Talent, bis zu jenem Tag im Mai, als sie wieder mal mit ihren Schweinen draußen vor dem Tor herumtollte.
Es war ein kleiner Junge aus der Nachbarschaft, etwa fünf Jahre alt, der mit aufgeschlagenen Knien, einem Ball aus Lumpen herum rannte und den Ball nach den Schweinen kickte. Die Schwein fanden das allerdings gar nicht gut und rannten dann immer panisch durch die Gegend. Gleichzeitig löcherte der Kleine Kaitlin mit seinen dummen Fragen.
"Warum hat das Schwein so einen dicken Bauch? Warum stinken Schweine so?" ging es in einer Tour.
Es war nur ein ungeschickter Wurf mit dem Ball, der die Schweine - wie so manches Mal zuvor - aufscheuchte, doch dieses Mal war der kleine Ronald der flüchtenden Sau im Weg, die ihn bei ihrer panischen Flucht umwarf, so dass die beiden anderen Schweine über ihn hinweg trampelten.
"Oh nein!", schrie Kaitlin entsetzt auf. Blut spritzte dem Knaben aus einer Wunde am Bauch und er lag bleich und ruhig da.
Kaitlin stürzte auf ihn zu und betrachtete die Blutung. Kurz entschlossen zog sie den Jungen aus dem Matsch und bettete ihn auf das weiche Gras am Wegrand.
Rasch sah sie sich um. Am Waldrand erblickte sie frischen Salbei und pflückte einige Blätter. Sie zog ein paar getrocknete Nieswurz-Blätter aus der Tasche und legte sie auf die Wunde. Dann rannte sie zum nahen Fluss, um kurz darauf mit einem Armvoll Flussgras wieder zu kommen, mit dem sie die Blutung zum Stillstand brachte.
Erst jetzt erkannte sie, dass der Junge fast nicht mehr atmete. "So ein Mist aber auch!", rief sie laut, "wieso hab ich nicht daran gedacht?"
Hastig eilte sie zurück zu der kleinen Hütte und kam mit einer kleinen, roten Blüte wieder, die sie aus einem der Blumenkästen am Fenster gepflückt hatte. "Blutgeranie", murmelte sie, "kann den Tod verzögern." Sie riss einige Blütenblätter ab und schob sie dem Jungen auf die Zunge.
"Und jetzt los zu Helga Hufflepuff!", befahl sie sich selber, hob den Jungen auf die Schulter und eilte mit ihm so schnell sie konnte in den Wald.
Helga Hufflepuff wohnte in einem kleinen Häuschen mitten auf einer Waldlichtung, weit entfernt vom Dorf. Sie galt bei den Dorfbewohnern als merkwürdig und gefährlich. Ja man erzählte sich auch Geschichten über sie, die jedes Mal, wenn sie erzählt wurden, mit weiteren Details ausgeschmückt wurden. Dennoch gingen die Menschen zu ihr, besonders diejenigen, die lange genug bei dem örtlichen Quacksalber und Kurpfuscher ihr Glück versucht hatten. Einige sprachen sogar von Zauberei, obwohl keiner das ernsthaft glauben wollte.
Kaitlin hatte die Kräuterfrau immer mal wieder im Wald getroffen. Im Gegensatz zu den anderen Kindern im Dorf, hatte sie keine Angst vor der geheimnisvollen Frau mit den rabenschwarzen Haaren und den seltsamen Umhängen und Hüten die sie trug.
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Helga Hufflepuff war vor ihrem Häuschen damit beschäftigt, frische Kräuter zu zermahlen und zu einem Sud anzusetzen. Sie lief Kaitlin entgegen, als sie diese kommen sah und nahm ihr das Kind, unter dessen Last Kaitlin beinahe zusammengebrochen war, ab.
"Meine Güte, der sieht aber schlimm zugerichtet aus", bemerkte sie gleich, "hat sein Vater mal wieder...?"
Kaitlin schüttelte den Kopf. "Die Schweine...", begann sie, doch Helga unterbrach sie.
"Los, hilf mir ihn ins Haus zu tragen." Sie nahm den Oberkörper des Jungen und Kaitlin hielt seine Beine. Gemeinsam trugen sie ihn ins Haus und legten ihn auf das einfache Lager, das der Hexe zum Schlafen diente.
"Ist er ... tot?", wollte Kaitlin wissen.
"Nein, ich glaube nicht", antwortete Helga und fühlte seinen Puls. Doch ihr Blick verriet, dass sein Zustand mehr als nur besorgniserregend war.
Eine Träne des Mitleids rollte über Kaitlins Wange, dann eine zweite. Fragend sah sie Hufflepuff an.
Die zog nun einen seltsamen Stab aus ihrem Umhang, wedelte ihn vor dem Gesicht des Jungen hin und her und murmelte dazu einen Spruch. Kaitlin konnte das Knirschen und Krachen von Knochen hören, die sich unter Helgas Zauberkraft wieder zusammenfügten, dann war wieder alles ruhig.
"Was...?" Kaitlin starrte Helga verblüfft an. War das möglich? Waren die Geschichten also doch wahr?
"Kannst du ihm das hier zu trinken geben?", bat sie das Mädchen und reichte ihr einen Krug mit einer süßlich duftenden Flüssigkeit.
Kaitlin sah auf den Jungen, der noch immer bewusstlos schien, doch als sie ihm den Krug an die Lippen führte, öffnete er den Mund und trank durstig.
Schließlich schlug er seine Augen auf und sah verwirrt um sich.
"Was ist los", fragte er das Mädchen, "was ist passiert?"
"Du hast einen Tritt von einem Schwein abbekommen", antwortete Kaitlin und grinste, "und Helga Hufflepuff hat dich wieder zusammengeflickt?"
"Hufflepuff, die Kräuterhexe?" Der Junge schien plötzlich sehr besorgt zu sein.
"Mach dir keine Sorgen", antwortete Kaitlin "sie hat dir gerade das Leben gerettet."
Der Junge gab sich mit Kaitlins beruhigenden Worten zufrieden, war aber dann doch erleichtert, als Hufflepuff ihm schließlich erlaubte, nach Hause zu gehen. Als wäre der Teufel hinter ihm her, rannte er in den Wald und sah sich nicht um, bis er das Dorf erreichte.
"Du bist ein mutiges Mädchen", sagte Helga zu Kaitlin, als die beiden unter sich waren. "Was hast du mit seinen Wunden gemacht? Die Blutung hat aufgehört und die Wunden haben sich beinahe vollständig geschlossen."
"Ich habe nur getan, was mir meine Großmutter beigebracht hat", entgegnete Kaitlin, "Salbei, Nieswurz, Flussgras, ein paar Blüten der Blutgeranie..."
"Deine Großmutter war eine weise Frau", erklärte Helga, "und sie hatte Recht: du bist eine von uns."
"Du... du hast Großmutter gekannt?" Kaitlin war überrascht. "Und was soll das heißen, ich bin eine von euch?"
"Ich glaube, ich muss dir erst mal alles der Reihe nach erzählen", antwortete Helga freundlich und legte einen Arm um das Mädchen. "Darf ich dir eine Tasse Tee anbieten?"
"Oh ja, gerne", hörte sich Kaitlin sagen, obwohl sie wusste, dass ihre Schweine mittlerweile über alle Berge waren und sie Ärger bekommen würde, wenn sie nach Hause kam.
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Sie unterhielten sich fröhlich über dies und das, während Helga für sie beide einen Kräutertee zubereitete. Erst als sie sich in ihrer kleinen Stube gegenüber saßen, berichtete Helga dem Mädchen die ganze Wahrheit.
"Nun, Kaitlin, es ist an der Zeit, dich in unsere verborgene Welt einzuführen", begann Helga. "Du gehörst zu einer Gruppe von Menschen, die ganz besondere Begabungen besitzen. Deine erstaunliche Heilkraft ist mehr, als das Wissen um die Wirkung bestimmter Kräuter und Tränke, sondern eine magische Kraft, die in dir verborgen liegt. Du bist eine Hexe, Kaitlin, so wie deine Großmutter eine Hexe war und ich eine bin."
Kaitlin hatte ihren Worten staunend gelauscht, bei dem Wort "Hexe" war sie jedoch heftig zusammengezuckt und nun sah sie Helga ängstlich an.
"Ja ich weiß", versuchte Helga, die Kaitlins Überraschung bemerkt hatte, sie zu beruhigen, "das kommt jetzt alles ein wenig plötzlich. Aber hast du nicht auch das Gefühl, dass ab und zu Dinge um dich herum passieren, die du dir nicht erklären kannst?"
"Hm, ja", bestätigte Kaitlin, "neulich hat eins meiner Schweine nicht gehorcht. Ich hab es angeschrieen und plötzlich war es wie am Erdboden festgeklebt. Ich hatte meine Mühe, es wieder loszukriegen. Solche Dinge passieren, wenn ich wütend bin..."
"Das habe ich mir schon gedacht", antwortete Helga. "Deine Großmutter hat deine magischen Talente schon früh erkannt und dir so einiges beigebracht. Wenn sie nicht so früh gestorben wäre, hätte sie dich den Umgang mit dem Zauberstab und alles andere lehren können."
"Zauberstab?" Kaitlin sah Helga fasziniert an. "Du meinst, ich kann mit einem Zauberstab wirkliche Zaubertricks ausführen? Wie der Magier auf dem Jahrmarkt neulich, er hat ein weißes Kaninchen aus seinem Hut herausgezaubert."
"Ich meine keine Tricks, Kaitlin", widersprach ihr die Hexe, "ich meine wirkliche Zauberei. Mit einem geeigneten Spruch kannst du Dinge verwandeln, bewegen, verändern. Es gibt Tränke, die auf magische Weise Krankheiten heilen, die Gedanken verändern oder den Charakter eines Menschen vollkommen verwandeln. Es gibt Zauberer, die mit Tieren sprechen oder auf einem Besen fliegen können."
"Wow, das ist ja..." Kaitlins Begeisterung war so groß, dass ihr die richtigen Worte fehlten. "Du meinst, ich könnte lernen, mit meinen Schweinen zu reden? Ihnen sagen, was sie tun sollen?"
"Oder du könntest einen magischen Schutzzauber um die Weide legen, so dass sie nicht davon laufen können", fügte Helga lachend hinzu.
"Oh stark!", rief Kaitlin aus, "Das musst du mir unbedingt mal zeigen."
"Darüber habe ich gerade auch nachgedacht", antwortete Helga, "du brauchst dringend eine Lehrerin, die dir hilft, deine magischen Kräfte nutzbar zu machen. Wenn du möchtest, könnte ich dich unterrichten, was meinst du?"
"Oh ja!" Kaitlin sprang aufgeregt auf, doch dann fiel ihr etwas ein: "Aber meine Eltern würden das niemals erlauben."
"Bist du dir da so sicher?", fragte Helga und lächelte sie geheimnisvoll an.
"Ziemlich sicher", meinte Kaitlin und jetzt sah der Ausdruck in ihrem Gesicht ein wenig enttäuscht aus.
"Lass es uns erst einmal versuchen", versuchte Helga sie wieder aufzumuntern, "im schlimmsten Fall werde ich ein wenig Zauberei anwenden müssen, um meiner Überredungskunst ein wenig Nachdruck zu verleihen."
Sie setzte ein böses Grinsen auf, so gut sie es mit ihrem gutmütigen Gesicht hinbekam, und nun lachte auch Kaitlin wieder.
"Okay", meinte sie, "lass es uns versuchen. Am besten jetzt gleich. Ich schätze, ich werde sowieso erst mal ziemlichen Ärger bekommen, weil ich die Schweine unbewacht zurückgelassen habe..."
"Mach dir mal darüber keine Sorgen", lächelte Helga hoffnungsvoll, "ich schätze, die werden schon wieder von alleine zurück finden."
"Mit deiner Zauberkraft?"
"Nein", lachte Helga, "die Macht der Gewohnheit!"
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Kaitlin konnte es kaum mehr erwarten, sich mit Helga auf den Weg nach Hause zu machen. Aufgeregt lief sie hin und her, während Helga ein paar Dinge in ihren Beutel stopfte.
Endlich waren sie so weit und brachen auf. Gemeinsam gingen sie den Weg zurück, den Kaitlin mit dem Jungen gekommen war, doch trotz aller Ungeduld ließ es sich Helga nicht nehmen, hin und wieder am Wegrand anzuhalten, um Kaitlin eine besonders schöne Blume zu zeigen, ein wenig von einem seltenen Kraut zu pflücken oder um dem Laut eines Vogels zu lauschen.
Die erreichten die ärmliche Behausung der Martens und Kaitlin gab Helga ein Zeichen, ihr hinein zu folgen.
"Mama!", rief sie, "ich bin wieder zurück..."
Wie eine Furie sprang ihr eine magere Frau mit bleichen Wangen entgegen.
"Dass du dich nicht schämst, unglückselige Kreatur", schrie sie das Mädchen an und knallte ihr rechts und links eine Ohrfeige an die Wangen, "dass du dich nicht schämst, unsere Schweine im Stich zu lassen! Wenn sie der Nachbar nicht eingefangen hätte, wären sie jetzt fort und wir wüssten nicht, wie wir den Winter überstehen sollen."
"Ronald, der kleine Junge, ist von einem Schwein... getreten worden", gab Kaitlin als Entschuldigung an, "und ich habe mich um ihn gekümmert..."
"Du hast dich um deine Schweine zu kümmern", fuhr sie die Mutter an.
"Kaitlin hat sich liebevoll um den Jungen gekümmert", mischte sich nun Helga in das Gespräch ein, "sie hat ihm das Leben gerettet und ihn halb tot zu meiner Hütte geschleppt."
Kaitlins Mutter hatte die Hexe nun erst bemerkt und sah sie voller Verachtung an.
"Und wer bitteschön, hat Sie nach Ihrer Meinung gefragt?", schrie sie Helga giftig an, "außerdem ist das vollkommen unmöglich. Der Junge ist vor einer halben Stunde aus dem Wald gekommen. Er ist gerannt und gehüpft, so schlimm kann ihn das Schwein also nicht erwischt haben..."
Sie sah Kaitlin und dann die Hexe an, beide schwiegen.
"Oh nein!", rief Kaitlins Mutter aus, "sagt mir, dass das nicht wahr ist! Meine Tochter treibt sich mit einer Hexe herum!"
In diesem Moment trat ein muskulöser Mann in das Haus - Kuno Martens, Kaitlins Vater.
"Eine Hexe?"
"Darüber wollte ich mit Ihnen reden", meldete sich nun Helga wieder zu Wort.
"Ich wüsste nicht, was ich mit einer Hexe zu besprechen hätte", unterbrach sie Kaitlins Mutter und baute sich drohend vor ihr auf.
"Ihre Tochter Kaitlin besitzt eine magische Begabung", fuhr Helga unbeirrt fort. "Sie hat das Talent ihrer Großmutter geerbt. Ich möchte Sie bitten, Kaitlin ausbilden zu dürfen, damit aus ihr eine richtige Hexe werden kann."
"RAUS!", brüllte Martens sie aus voller Brust an, "Ich dulde keine Hexen in meinem Haus! Und ich werde schon gar nicht erlauben, dass eines meiner Kinder von einer Hexe verzogen wird. Eine Hexe als Schwiegermutter war schon eine Strafe genug, nun werde ich nicht zulassen, dass meine eigene Tochter sich mit derartigen Teufeleien beschäftigt! Also verschwinden Sie aus meinem Haus!"
"Dass wir mit dem Teufel im Bunde sind, ist eine Erfindung der Kirche", lachte Helga, "keine Hexe oder Zauberer hat mit diesem Wesen der dunklen Seite zu tun. Es ist eine Erfindung der Muggel, weil wir anders sind und sie es nicht verstehen."
"Sparen Sie sich ihre Erklärungen", zischte Frau Martens giftig, "und verschwinden Sie endlich!"
"Das werde ich", antwortete Helga ruhig und sah Kaitlin an, die hilflos daneben stand. "Aber ich gehe nicht ohne Kaitlin. Du möchtest doch meine Schülerin werden, nicht wahr?"
"Oh ja!", rief Kaitlin begeistert.
Gerade setzte ihre Mutter zu einem Wutausbruch an, als Helga ihren Zauberstab zückte, ihn durch die Luft schwang und einen Spruch murmelte. Augenblicklich war Frau Martens ruhig. Wie angewurzelt stand sie mit ihrem Mann im Hausflur bis Kaitlin mit ihren wenigen Habeseligkeiten das Haus verließ, gefolgt von Helga.
Frau Martens brach weinend zusammen, als sie bemerkte, dass sie nun mit ihrem Mann alleine war. Kaitlins Vater hingegen verließ ernst und entschlossen das Haus, um den Ortsvorsteher aufzusuchen und ihm eine unangenehme Meldung zu machen.
