Kleiner Tipp: Besser nicht essen. ;)
Kapitel 1.02 – Rekonvaleszenz
- 09.07.2001 -
Es konnte nicht viel Zeit vergangen sein, als Granger ihn sehr unsanft wieder aufweckte. Severus bedauerte es, dass es keine skrupellosere Variante des Worts ‚wecken' gab. Von einem singenden Hauselfen aufzuwachen, war sanfter als das, was sie mit ihrem vermaledeiten Zauberstab veranstaltete.
„Man sollte Ihnen das Ding wegnehmen", nuschelte Severus heiser, hustete röchelnd und verzog das Gesicht. Dann bemühte er sich, seine Augen zu öffnen und zu sehen, wo er überhaupt war.
Er spürte, dass er auf etwas Weichem lag. Insofern hatte sie es anscheinend zumindest geschafft, ihn aus der Eingangshalle wegzubekommen. Das Zimmer war dunkel und wurde nur durch ein paar Kerzen auf einem kleinen Nachtschrank erhellt, also mussten wohl doch schon einige Stunden vergangen sein. Oder sie hatte einfach Mitleid mit seinen empfindlichen Augen gehabt, aber angesichts der Tatsache, dass sie ihn bisher behandelt hatte, als ob sie ihn gefunden hätte – was wirklich nur bedingt zutraf – ging er eher nicht davon aus.
„Schön, dass Sie wieder unter den Zurechnungsfähigen weilen", erwiderte Granger in diesem Moment und wandte sich vom Bett ab.
Severus versuchte zu erkennen, wohin sie ging und vor allem, wie es ihr ging. Die Erinnerung daran, dass es sie auch ziemlich schwer erwischt hatte auf ihrer Flucht, war wirklich nicht sehr willkommen in seinem Verstand. Dennoch konnte er sich nicht dagegen wehren.
Die dünne Decke, die sie über seinem Körper ausgebreitet hatte, rutschte ein Stück hinunter, als er sich leicht aufrichtete – was allerdings weder ihm noch ihr auffiel aufgrund des Schreis, den er dabei nicht unterdrücken konnte.
Granger drehte sich zu ihm um, eine Augenbraue missbilligend angehoben. „Sie sollten liegen bleiben, Sir", wies sie ihn ruhig und unberührt auf das Offensichtliche hin, was Severus mit einem Knurren beantwortete. Doch sein Gesicht fühlte sich besser an als das letzte Mal, das er es mit ein wenig mimischer Untermalung versucht hatte.
„Wie geht es Ihnen, Miss Granger?" Er bemühte sich wirklich, eine gesunde Portion Nachdruck in seine Frage zu legen, während er mit seinen Blicken die Einrichtung des Zimmers abtastete. Ein hoher Kleiderschrank stand auf der ihm gegenüberliegenden Seite, daneben stand ein Tisch mit zwei Stühlen. Die Fenster waren mit schäbigen Gardinen verhängt und ein schmales Regal neben der Tür bot ein Minimum an Stauraum. Er sah noch eine weitere Tür und vermutete, dass diese in ein angrenzendes Badezimmer führte.
„Bestens", murmelte Granger monoton, beinahe so, als hätte sie seine Frage gar nicht wirklich gehört.
„Nun, dann sind wir schon zwei." Er zischte gedämpft, als er ein Bein über die Matratze zog. Gab es eigentlich irgendeinen Zentimeter seines Körpers (mal abgesehen von seinem Gesicht), der noch heil war? Vermutlich nicht.
„Nein, Sir. Ihnen geht es beschissen, das ist in etwa das Gegenteil." Sie kehrte mit einer Schüssel zum Bett zurück und als ihm der Duft einer sehr starken Kräutermischung in die Nase stieg, wusste er, dass sie sich nun an seinem restlichen Körper zu schaffen machen würde. Es war wirklich sehr zuvorkommend, dass sie ihn dafür geweckt hatte.
„Was ist da drin?", fragte er, um ein Gespräch am Laufen und seinen aufkommenden Ärger unter Kontrolle zu halten. Er hatte seit Wochen mit niemandem außer sich selbst geredet und so sehr es ihm auch missfiel, die Wandlung, die seine ehemalige Schülerin durchgemacht hatte, interessierte ihn. Sie strahlte eine Aura der Verbitterung aus, die seiner eigenen in nichts nachstand. Er hatte sie noch niemals zuvor so erlebt und da sie beinahe über ein Jahr eng miteinander gearbeitet hatten, hatte das schon etwas zu bedeuten.
„Raten Sie mal. Oder sind Ihre Fähigkeiten in den dreieinhalb Monaten so eingerostet?" Sie sah ihm nicht ins Gesicht, während sie die Decke zur Seite warf und die Fetzen seiner Kleidung entfernte, soweit diese in offene Wunden hingen. Später würde sie ihn zweifellos noch komplett entkleiden müssen, doch daran wollte er im Moment noch nicht denken. Jeder behauptete, Folter wäre das Schlimmste, was einem zustoßen konnte – Severus fand das Verarzten danach sehr viel schlimmer.
Er konzentrierte sich auf den Duft der Tinktur und inhalierte tief in seine geschundene Lunge. „Kamille, Ringelblume, Bärentraube", begann er aufzuzählen, während sie mit gerunzelter Stirn einige tiefe Schnitte auf seiner Brust betupfte. Die Tinktur brannte höllisch und Severus krallte seine freie Hand um den Stoff der Decke, ohne dass sie es sah. „Goldrute", fügte er dann noch hinzu und Granger nickte.
„Und ein paar nette Pülverchen und Pasten", ergänzte sie beiläufig.
„Das setze ich voraus."
Sie verzog das Gesicht. „Ich wäre auch schwer enttäuscht gewesen wenn nicht." Sie widmete ihm einen flüchtigen Blick und zog über seine ausdruckslose Miene eine Schnute. „Oh, kommen Sie, Sir! Was erwarten Sie von mir? Dass ich einen Trauertag einlege, weil Sie verletzt sind? Das hilft niemandem von uns." Sie zog ihren Zauberstab hervor und einen Schwenk später war sein Oberkörper unbekleidet.
Severus murrte einen leisen Fluch vor sich hin, den sie hoffentlich nicht verstanden hatte. „Was ist bloß in den zwei Jahren, seitdem ich Sie das letzte Mal sah, mit Ihnen passiert?" Grangers kalte Fassade schien ein wenig zu schwanken. „Selbst ich habe fünf Jahre gebraucht, um diesen Grad der Verbitterung zu erreichen."
Zur Antwort presste sie das Tuch mit der Tinktur besonders fest auf eine Schürfwunde oberhalb des Bauchnabels und Severus unterdrückte mühsam einen überraschten Schrei. „Biest!", schnarrte er stattdessen und sah sie zufrieden lächeln, als er die Augen wieder öffnete.
„Sadist", gab sie das Kompliment zurück.
„Seien Sie froh, dass wir nicht in Hogwarts sind! Das wären mindestens 50 Punkte gewesen, Miss Granger."
„Sie sollten sich vom Punktesystem lösen, Sir. Hogwarts liegt vier Jahre zurück." Er wusste nicht, ob etwas Wehmut in ihren Augen stand, als sie seinem Blick kurz begegnete, doch sie wandte sich danach mit der gleichen kühlen Analytik wieder seinen Verletzungen zu wie zuvor auch. „Diese hier werde ich nähen müssen", stellte sie schließlich fest und deutete auf eine weit auseinander klaffende Schnittwunde an seiner rechten Leiste.
„Sie können Wunden nähen?"
Granger verdrehte die Augen. „Ich habe eine abgeschlossene Ausbildung zur Medimagierin unter Madam Pomfrey absolviert. Also ja, ich kann Wunden nähen. Haben Sie an den Beinen noch Verletzungen, die vor dem Verschließen nur desinfiziert werden müssen?"
Severus breitete seine Arme in darreichender Geste aus, soweit ihm dies möglich war. „Nehmen Sie sich, was Sie wollen, Miss Granger. Ich habe ausreichend davon, es gehört alles Ihnen." Er beobachtete, was sie tat. Jedenfalls wurde sie nicht rot. „Es sind gerade einmal zwei Jahre vergangen, seitdem ich den Orden verließ. Die Ausbildung zur Medihexe dauert vier Jahre Minimum", stellte er dann fest.
„Aufgrund der Umstände durfte ich meine Prüfung vorziehen. Praxiserfahrung hatte ich ja genug."
„Und?"
Sie wandte den Blick von seinen Beinen ab und sagte mit stolz vorgerecktem Kinn: „Klassenbeste."
Severus lachte kopfschüttelnd auf. Sie achtete nicht auf seine Reaktion, doch bei Severus löste dieses Lachen einen starken Hustenanfall aus. Er würgte neuen Schleim hoch und presste sich die Hand vor den Mund.
Noch während er überlegte wohin damit, erschien eine Hand in seinem Sichtfeld, die eine kleine Schüssel hielt, ähnlich der, in der die Tinktur war. Er griff unwirsch danach und drehte sich von Granger weg, soweit sein Zustand es zuließ. Sie mochte nun eine Medimagierin sein, doch das änderte nichts daran, dass sie auch seine ehemalige Schülerin war und er ein gewisses Maß an Würde behalten wollte (es war wirklich ein Kreuz mit der Würde).
Was sie allerdings nicht großartig zu interessieren schien, denn als er röchelnd wieder in die Kissen sank, nahm sie ihm die Schüssel aus der Hand und stellte sie beiläufig auf den Nachtschrank. „Es liegt an den gebrochenen Rippen. Sie haben Ihre Lunge verletzt. Ich werde mich später darum kümmern", erklärte sie sachlich, sein Verhalten gänzlich ignorierend.
„Machen Sie das", fügte er sich resignierend und es kehrte Stille ein, während sie die Verletzungen an seinen Beinen versorgte und heilte.
Nachdem sie sich auch seinem Rücken und vor allem seinem Allerwertesten gewidmet hatte (das war der Moment, in dem er sie das erste Mal recht unwirsch angefahren hatte und am liebsten vor die Tür gesetzt hätte – nur dass er ihrer erstaunlich angewachsenen Kraft in seinem Zustand nicht das Mindesten entgegenzusetzen hatte), wies sie ihn an, sich etwas auf die Seite zu drehen, damit sie sich den größeren Wunden widmen konnte. Die Prozedur war unangenehm, aber nicht neu für Severus, deswegen nutzte er die Zeit, um ein wenig zu dösen.
Er erwachte wieder, als sie flüchtig die Decke über ihm ausbreitete und ihre Sachen zusammenräumte. „Ziehen Sie sich den Schlafanzug an, während ich Ihnen etwas zu essen mache", sagte sie schlicht und deutete im Vorbeigehen auf einen schwarzen Stoffhaufen am Fußende des Bettes.
„Ich habe keinen Hunger", grummelte Severus verstimmt.
„Sie werden etwas essen! Ich plane, Ihre inneren Verletzungen nachher zu heilen und Sie haben die Wahl zwischen langsam und schmerzhaft oder schnell und Übelkeit erregend. Da ich Sie kenne und außerdem keinen Nerv auf eine Nacht voller Gestöhne habe, werden wir die zweite Variante nehmen und Sie werden mir auf Knien danken, wenn Sie etwas zum Auskotzen im Magen haben!" Sie atmete einige Male tief durch, nachdem sie ihm diese Worte an den Kopf geworfen hatte. Dann strich sie sich betont beherrscht mit dem kleinen Finger eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ziehen Sie sich an, ich bin gleich wieder da."
Mit diesen Worten verschwand sie und Severus erwachte aus seiner Starre. Sofort ärgerte er sich maßlos darüber, dass er ihr nichts entgegnet hatte, doch nachdem sie ihm den Hintern geheilt hatte, war es im Grunde auch egal, ob er sich von ihr belehren ließ. Wenigstens wusste sie, was sie tat. Das war ein Anfang.
- - -
Obwohl er zuvor stur behauptet hatte, keinen Hunger zu haben, war es doch eine Wohltat, wieder etwas Vernünftiges zwischen die Zähne zu bekommen. Granger beschäftigte sich am Tisch sitzend mit einigen Pergamenten, von denen er nicht wusste, was darauf stand, und kümmerte sich nicht weiter um ihn.
Nachdem er seine erste Gier gestillt hatte, aß er langsamer und beobachtete sie prüfend. Ihre Haltung war leicht nach vorne gekrümmt und er vermutete, dass das noch immer die Nachwirkungen ihres Sturzes waren. Was auch immer sie sich dabei getan hatte, allzu schnell würde es sicherlich nicht abheilen.
„Hören Sie auf, mich zu beobachten", sagte sie in diesem Moment deutlich und hatte ihn für die Feststellung, dass er es tat, nicht einmal angesehen.
„Dann erklären Sie mir, was wir hier tun, wie lange wir bleiben und wie der Plan generell aussieht", forderte er schlicht und schöpfte einen weiteren Löffel Suppe in seinen Mund. Zwar war dieses Essen ohnehin nur dafür vorgesehen, nachher den umgekehrten Weg zu nehmen, doch sie hatte trotzdem darauf geachtet, ihm etwas zu geben, was sein seit Wochen kaum benutzter Magen vertragen würde.
„Der Plan besteht darin, dass wir hier sind. Ich weiß nicht wie lange und außer ein paar Gesellschaftsspielen habe ich auch nicht viel zu tun gefunden. Aber es gibt ein Labor im Keller, was Sie sicherlich interessieren wird, sobald Sie wieder auf den Beinen sind." Weiterhin widmete sie ihm nicht mal einen kurzen Blick.
Severus legte missmutig den Löffel neben dem Teller ab und die Hände auf das kleine Tischchen. „Nur weil ich momentan leicht angeschlagen bin, heißt das noch lange nicht, dass Sie mit mir reden können, als wäre ich ein Insekt unter ihrem Schuh, Miss Granger. Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir die Differenzen aus dem Weg räumen können, bevor der Aufenthalt unbestimmter Zeit in diesem Haus beginnt."
Nun endlich legte sie ihren Stift weg und drehte sich zu ihm um. Ihre Blicke tasteten ihn forsch ab und sie nickte anerkennend. „Es ist immer wieder schön zu sehen, dass eine Behandlung anschlägt. Wenn Sie schon wieder so geschwollen reden können, muss es Ihnen ausgesprochen gut gehen."
Severus holte tief Luft, kommentierte sein erneutes Husten mit unverständlichen und vor allem nicht salonfähigen Flüchen und beobachtete zufrieden, dass eine leichte Spur Besorgnis ihre Gesichtszüge weicher machte. „Miss Granger, ich biete Ihnen diese Gelegenheit nur dieses eine Mal an." Ein weiteres Husten, aber schwächer als zuvor. „Was habe ich Ihnen getan?"
Sie rümpfte die Nase. „Ich bin hier, reicht das nicht?"
Diese Antwort traf ihn sehr unvermittelt und Severus kniff verstimmt die Augen zusammen. „Nun, wenn das so ist… Ich halte es für das Beste, Albus Bescheid zu sagen, dass Sie nicht gewillt sind, weiter hier zu bleiben. Dann könnte ich auch in ein vernünftiges Krankenhaus und wir sind beide glücklich."
Granger schüttelte angedeutet den Kopf. „Das wird nicht möglich sein. Der Zauber, den ich gestern aktivierte, schottet dieses Haus und den Garten darum komplett von der Realität ab. Es gibt keinen Weg rein und keinen Weg raus, solange der Zauber nicht aufgehoben wird. Nur Albus kann dies tun und er wird es erst tun, wenn die Todesser allesamt verhaftet und in Askaban sind."
„Das kann Jahre dauern!", brach er schockiert hervor. Die Vorstellung, eine derart lange Zeit mit dieser Version von Hermine Granger zu verbringen, behagt ihm nicht im Mindesten. Nicht dass ihm gleiches mit der alten Hermine Granger mehr zugesagt hätte.
„Sie sollten anfangen zu beten, dass es schneller geht", erwiderte sie trocken und wandte sich wieder ihren Pergamenten zu.
„Was bezweckt Albus damit?"
Sie stöhnte frustriert und legte den Kopf in den Nacken. Dabei rutschten ihre Haare aus dem Gesicht und entblößten die Narbe, die er bereits vorhin gesehen hatte. Sie zog sich direkt am Haaransatz entlang und war unter normalen Umständen nur schwer sichtbar. Nun allerdings fiel sie ihm stark ins Auge. Schließlich antwortete sie: „Er hielt es für das Schlauste. Sie sind ein permanentes Ziel für die Todesser und hier sind Sie sicher, ohne dass er sich um Sie kümmern muss. Er wollte Sie aus dem Weg räumen, damit der Orden gezielter agieren kann."
„Und warum sind Sie hier?"
„Weil ich dumm genug war, diesen Auftrag anzunehmen." Es fehlte definitiv nicht mehr viel, bis sie die gleiche Stufe des Sarkasmus erreicht hätte, auf der er stand. Diese Erkenntnis war hochgradig verstörend.
„Wenigstens muss ich mich dann nicht schlecht fühlen, weil Sie mit in diesem Haus festsitzen."
„Wie, Sie haben so etwas wie ein Gewissen?" Granger sah ihn gespielt erstaunt an.
„Hüten Sie Ihre Zunge, Miss Granger!", knurrte Severus.
„Das habe ich aufgegeben. Es lebt sich viel leichter, wenn man nicht nachdenken muss. Ehrlich, ich kann Sie wirklich verstehen mit Ihrer direkten Art." Sie stand auf, wobei sie sich so hart auf dem Tisch abstützte, dass dieser zu zittern begann. „Sie sollten sich daran gewöhnen. Die hörige Schülerin existiert nicht mehr", fügte sie mit gepresster Stimme hinzu.
„Jammerschade", murmelte Severus und erntete dafür einen bitterbösen Blick.
„Sie werden mit dem Verlust zurechtkommen." Granger nahm eine kleine Phiole vom Schrank und schwenkte den Inhalt einige Male, bis er gründlich durchmischt war. Dann entkorkte sie das Gefäß und hielt es ihm hin. „Trinken Sie! Je eher wir anfangen, desto schneller haben wir es hinter uns. Die nächste Zeit wird nicht angenehm."
Ohne seine Antwort abzuwarten, wandte sie sich um und ging auf die zweite Tür im Raum zu. Durch den schmalen Spalt konnte Severus erkennen, dass es sich dabei wirklich um ein Badezimmer handelte. Er konnte sich nicht gegen den Anflug von Genugtuung wehren, der ihn dabei überkam. Wenigstens war seine Auffassungsgabe noch nicht restlos verkümmert, auch wenn er aus Granger im Moment nicht im Mindesten schlau wurde.
Besagte Person kehrte schließlich mit einem Eimer zurück, nachdem Severus gerade den letzten Schluck aus der Phiole genommen hatte. Er verzog das Gesicht und knallte das Gefäß auf den Tisch. „Vielen Dank, Sie können dann gehen", murmelte er und bereitete sich auf die Übelkeit vor, mit der er bereits öfters das Vergnügen gehabt hatte.
Granger allerdings schnaubte laut. „Soweit kommt es noch. Sie sind mein Patient und in einem Zustand, in dem ich Sie nicht mal eine Aspirin ohne Aufsicht nehmen lassen würde, geschweige denn dieses Zeug!"
Er sah sie unverständlich an. „As-pi-rin?"
Sie wedelte mit der Hand durch die Luft. „Vergessen Sie's. Tatsache ist, dass ich hier bleiben werde."
„Das werden Sie nicht!" Er würde nie im Leben vor ihr erbrechen! Die Vorstellung vorhin war schon mehr als genug gewesen.
„Und ob ich das werde. Stellen Sie sich nicht so an, Harry und Ron haben es auch überlebt." Ihr Blick flackerte bei der Erwähnung ihrer Freunde, was Severus allerdings nur beiläufig bemerkte. Sein Magen begann bereits jetzt, sich schmerzhaft zusammenzuziehen, ein Zeichen dafür, dass der Trank vollständig in seine Blutbahn aufgenommen worden war und seine Arbeit begann.
„Gehen Sie, Miss Granger!", bat er nun schon inständig und beugte sich leicht nach vorne, um den Krämpfen entgegenzuwirken. Zu behaupten, dass diese Variante schmerzfrei war, war eine himmelschreiende Lüge – doch er wusste ziemlich genau, dass sie nur eine schwache Version der vom Prinzip her sehr ähnlichen Skelewachs-Therapie war.
„Ich denke nicht mal dran", murmelte sie beiläufig und hielt ihm den Eimer vor das Gesicht, während sie sich neben ihn stellte.
Am Rand seines Bettes sitzend, klammerte Severus sich am Plastik des Eimers fest und beugte seinen Kopf so tief in die Öffnung, dass sie hoffentlich keine Chance haben würde, sein Elend zu sehen. Dennoch konnte er nichts gegen die widerlichen Geräusche und den Gestank unternehmen, die dabei entstanden. Er war seit Jahren nicht mehr rot angelaufen, doch diese Situation war ihm so entsetzlich unangenehm, dass sein Gesicht brannte. Wenigstens, so dachte er sich in einem Anflug von Galgenhumor, konnte er diese Röte der Anstrengung zuschreiben.
Sein Brustkorb und der gesamte Bauchbereich, sowie einige Stellen seines Rückens taten bestialisch weh, während er sich so verkrampft nach vorne beugte. Irgendwann trat Granger leicht vor ihn und zwang ihn in eine mehr aufrechte Position. Mit verschwitztem Gesicht, keuchend und hustend sah er zu ihr auf und hätte sie am liebsten mit den Blicken erdolcht.
„Vergessen Sie das Atmen nicht, Sir! Sonst hat das alles hier wenig Sinn."
Er kam nicht mehr dazu, auf ihre dreiste Erinnerung zu antworten, denn sein Magen hob sich ein weiteres Mal und er drängte Granger unsanft zur Seite und riss den Eimer wieder an sich. Im Stillen musste er ihr Recht geben, er war ihr wirklich dankbar, dass sie ihn zum Essen gezwungen hatte. In den letzten Monaten hatte er häufiger erlebt, wie unangenehm es war, einem Brechreiz mit leerem Magen nachgeben zu müssen.
Nach weiteren zwanzig Minuten und einigen reinigenden Zaubern von Grangers Seite schaffte er es kaum mehr, sich aufrecht sitzend zu halten. Sie legte eine Hand auf seine Schulter und stützte seinen Oberkörper, die andere fand den Weg auf seine nasse Stirn, um seinem Kopf ein wenig Halt zu geben.
„Lassen Sie mich los", nuschelte er leise in einer der wenigen Pausen, die dieser Trank ihm ließ. Er wusste, dass diese nicht lange anhalten würde. Die heilenden Substanzen brachten seine inneren Organe gehörig durcheinander und vertrugen sich außerdem so wenig mit dem Magen, dass dieser auf die einzige unzufriedene Art reagierte, die er kannte.
„Halten Sie den Mund", zischte Granger gepresst und als er einen raschen Blick zu ihr riskierte, sah er, dass sie sehr blass um die Nase war.
Ein sadistisches Lächeln umspielte seine Lippen und er schob ihr den Eimer etwas zu. „Nur zu, ich teile gerne!"
„Danke, der gehört Ihnen alleine", erwiderte sie trocken, schluckte allerdings hart, als er erneut zu würgen begann.
Inzwischen war Severus so weit mit seinem Sarkasmus, dass er diese ganze Situation als äußerst amüsant empfand. Was zum größten Teil daran lag, dass Granger nicht so kühl darauf reagierte, wie sie gerne würde. So hatte er zumindest noch ein kleines bisschen Spaß bei seiner Therapie.
Noch einmal zwanzig Minuten später sorgte Granger mit einem unsanften Stoß dafür, dass er zurück ins Bett sackte und flach atmend und vollkommen erschöpft und ausgelaugt liegen blieb. „Das sollte es gewesen sein", sagte sie matt und schwankte leicht. „Ich hab den Trank etwas höher dosiert als üblich."
Er drehte ihr seinen Kopf zu und lachte kurz auf. „Biest!", wiederholte er dann seine Äußerung von vor einigen Stunden und sie grinste zynisch. Ein dünne Schweißschicht stand auf ihrer Stirn und sie sah beängstigend fahl aus.
„In diesem Fall gerne. Ich muss jede Gelegenheit nutzen, um Sie schikanieren zu können. Und in diesem wehrlosen Zustand kommen Sie wenigstens nicht auf die Idee, sich zu rächen." Ihrer Stimme fehlte der Nachdruck.
„Miss Granger?"
Sie wandte ihm widerwillig ihre Aufmerksamkeit zu und schluckte dabei angestrengt.
„Das Bad ist dort vorne", sagte er mit einem gemeinen Lächeln.
„Bastard!", knurrte sie und hätte sicherlich gerne noch den einen oder anderen Fluch hinzugefügt. Doch was auch immer noch auf ihrer Zunge gelegen hatte, sie kam nicht mehr dazu, es auszusprechen. Ein paar sehr wütende Blicke trafen ihn noch, dann schnappte sie sich seinen Eimer und folgte dem Fingerzeig ins Badezimmer.
Severus pulte unberührt die Bettdecke unter seinem verschwitzten Körper hervor und hüllte sich darin ein, während er das Gesicht über die Geräusche verzog, die aus dem Nebenzimmer erklangen. Sie hatte es nicht anders gewollt. Wobei man es ihr dennoch hoch anrechnen musste, dass sie sich wenigstens so lange zurückgehalten hatte, bis ihr Patient versorgt war. Für ihn war das immer bezeichnend für eine gute Medihexe gewesen.
An diesem Punkt verloren sich seine Gedanken irgendwann. Die Erschöpfung war so groß, sein Bedarf an diesem Tag ausreichend gedeckt, so dass er nicht einmal mehr mitbekam, dass Granger die Spülung betätigte.
- 10.07.2001 -
Am nächsten Morgen betrat Severus ziemlich steifbeinig die Küche, die er erst im dritten Anlauf gefunden hatte. Seine Muskeln beschwerten sich bei jeder Bewegung und dennoch hatte er nicht geplant, darauf Rücksicht zu nehmen. Nervtötender Firlefanz.
Granger saß schräg an dem kleinen Tisch, die Füße auf die Sitzfläche des Stuhls gezogen, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt und ihren linken Oberarm auf der Stuhllehne, während ein Buch auf ihren Knien ruhte. Sie schenkte ihm keinerlei Beachtung, als er sich eine Tasse Kaffee eingoss und auf der anderen Seite des Tisches Platz nahm.
„Wie geht es Ihnen?", fragte er mit heiserer Stimme und räusperte sich. Die Eskapaden des letzten Abends hatten seinen Stimmbändern und vor allem seinem Rachen überhaupt nicht gut getan. Auch sein restlicher Körper war nach wie vor wund und geschunden, es würde noch Tage dauern, ehe alles verheilt wäre – selbst mit magischer Unterstützung. Außerdem hatte er in der ersten Zeit seiner Gefangenschaft so viele Wunden gehabt, die inzwischen von alleine geheilt waren, dass es zahllose Narben geben musste, die niemals wieder verschwinden würde.
Sie schob ihm wortlos eine Phiole über den Tisch. Severus nahm das Gefäß nach einem skeptischen Blick an sich, roch an dem Inhalt und entschied, dass es zumindest seinem Hals helfen würde. Er verzog das Gesicht, als er es mit zwei Schlucken hinuntergewürgt hatte.
Lauter als normal stellte er die Phiole auf den Tisch zurück und wiederholte seine Frage: „Wie geht es Ihnen, Miss Granger?" Seine Stimme klang wieder sehr viel mehr nach dem, was er aus Hogwartszeiten gewohnt war.
Nur die Wirkung war nicht mehr dieselbe. Granger seufzte verhalten, kaute weiter an dem Apfel herum, den sie in der rechten Hand hielt und ließ sich sehr viel Zeit, ehe sie ihm antwortete. „Bestens", war wiederum ihre monotone Erwiderung und Severus knirschte missmutig mit den Zähnen.
„Ich meine mich zu erinnern, dass Sie früher ein größeres Repertoire an Antworten benutzten."
„Nicht für ein und dieselbe Frage."
Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Eigentlich hatte er geplant, sie noch ein bisschen mehr auszufragen und zu fordern, so wie er es früher bereits gerne getan hatte. Doch dann fiel sein Blick auf den goldenen Ring, den sie an der rechten Hand trug. Er blitzte im Licht der Morgensonne, die vom Fenster hinter ihm aus in die Küche fiel. Granger war seit dem Ende der Schule mit Ronald Weasley liiert gewesen, eine Wahl, die Severus nie wirklich verstanden hatte. Potter wäre vielleicht noch nachvollziehbar gewesen; er war berühmt und das alles. Aber Weasley war… nun ja, einfach Weasley. Er konnte ihr nicht das Wasser reichen. „Wann haben Sie geheiratet?", fragte er deswegen vollkommen von seinem ursprünglichen Plan abweichend.
Granger blickte ihn scheel an und legte den Apfel weg, bevor sie antwortete: „Vor nicht ganz zwei Jahren."
„Und Sie haben mich nicht eingeladen? Ich bin enttäuscht", erwiderte er trocken und hob eine Augenbraue.
„Ich hätte Sie ja liebend gerne dabei gehabt, aber leider haben Sie vor Ihrer Flucht keine Adresse hinterlassen." Ihre Stimme klang wieder übertrieben süßlich.
„Ich bin nicht geflohen. Und ich konnte keine Adresse hinterlassen." Nach dem Fall Voldemorts hatte er keine andere Wahl gehabt, als alle Verbindungen zum Orden – zumindest die offensichtlichen – abzubrechen. Die Neuformierung der Todesser setzte keine zwei Tage nach dem Ende des Krieges ein und für ihn galt es, seine Tarnung aufrecht zu erhalten.
Er hatte ernsthaft geglaubt, dass dieser ganze Zirkus nach Voldemorts Tod ein Ende haben würde. Dass er seinen Hut nehmen und gehen könnte, ohne dass jemand Argumente in der Hinterhand hatte, die es ihm verbieten würden. Nun gut, gegangen war er – aber er hatte festgestellt, dass er eigentlich viel lieber geblieben wäre.
Doch Lucius Malfoy hielt nicht viel von der Spionage beim Orden. Severus wusste, dass Lucius ihn schon immer als den Maulwurf verdächtigt hatte, der den Lord untergrub. Er hatte es geschafft, diese Verdächtigungen zu zerschlagen (wenn auch auf recht unkonventionellem Weg), doch Lucius hatte seine Beweise gefunden und schließlich die Konsequenzen daraus gezogen. Beinahe zwei Jahre hatte Severus es geschafft, unauffällig unter den Todessern zu leben und nur verdeckten Kontakt zu Albus zu halten. Irgendwann war seine Glückssträhne zu Ende gewesen.
„Dann beschweren Sie sich nicht, dass Sie keine Einladung in ihrer Post hatten", riss Granger ihn recht trotzig klingend wieder aus seinen Gedanken und er konnte sich ein frustriertes Stöhnen nur schwer verkneifen. Bei Merlin, womit hatte er bloß diese Gesellschaft verdient?
„Dann muss ich Sie ja jetzt ‚Mrs Weasley' nennen, Miss Granger", stellte er spöttisch fest.
Für einen Moment glaubte er, etwas in ihren Augen blitzen zu sehen. Doch sie fasste sich schnell wieder. „Unterstehen Sie sich! Bleiben Sie bei Miss Granger, den Namen haben Sie schon häufig genug missbraucht."
Severus verbarg seine Überraschung über ihre harsche Antwort hinter einer ausdruckslosen Miene. „Sie sehen gar nicht aus wie eine glücklich verheiratete Frau."
„Es ist Krieg. Und ich sitze hier fest. Wenn ich mich richtig erinnere, sahen Sie früher auch nie so aus, als würden Sie Ihren Job sonderlich genießen."
„Das habe ich auch nicht."
„Und trotzdem haben Sie ihn weitergemacht."
„Ich hatte keine andere Wahl."
„Und aus genau diesem Grund bin ich hier. Ohne meinen Mann." Als er auf diese Feststellung hin nichts erwiderte, stand Granger schließlich auf und räumte ihr benutztes Geschirr in die Spüle, in der eine sehr eifrige Bürste anfing, das Porzellan zu schrubben. Leises Klirren und Plätschern erfüllte die Küche. „Sie sollten etwas essen. Ihr Körper braucht Energie, vor allem nach der letzten Nacht", wies sie ihn an. „Im Schrank in Ihrem Zimmer finden Sie Kleidung und eine Kiste mit persönlichen Dingen, die Albus zusammengestellt hat." Er warf ihr einen pikierten Blick zu. „Nein, ich habe nicht hineingesehen!", zeterte sie sofort und er hob beschwichtigend die Hände. Sie schien leicht betreten wegen ihres Ausbruches. „Essen Sie! Sie werden es brauchen."
„Darauf wäre ich nicht gekommen", erwiderte er sarkastisch, doch sie reagierte nicht darauf. Nur wenige Sekunden später saß er alleine in der Küche und strich sich seufzend durch die schwarzen Haare. Es würde eine wirklich sehr unterhaltsame Zeit auf ihn zukommen.
TBC…
