TITEL: Where do we go from here?
TEIL: 2/3
FSK: PG-13
GENRE: Romanze, Drama, Allgemein (Stellenweise auch etwas fluffig – also beschwert Euch nicht …)
CHARAKTER(E)/PAAR(E): Garret, Annie
SPOILER: In diesem Teil eigentlich keine
INHALT: Dritter Teil der Detroit-Triologie (Teil 1: „100 tears away", Teil 2: „Home again?") Sommer in Detroit. Die Stadt ist ein einziger Hitzeofen, und auch sonst wird scheinbar alles daran gesetzt, um Annie und Garret das Leben schwer zu machen. Ein paar Tage in der Einsamkeit klingen nach genau dem Richtigen. Doch wie immer ist nichts so, wie es scheint, und der Alltag und seine Probleme sind immer näher als man sich erhofft …
DISCLAIMER: Kontrolliert ihr Bankkonto … Nope, sieht nicht so aus.
Mir gehört immer noch nichts und alles gehört Tim Kring. Ich borge mir die Figuren und deren vorgegebene Vergangenheit also nur aus und werde alles ordentlich gewaschen und gebügelt wieder zurückgeben. Einzig und allein die Handlung gehört mir…
BEMERKUNG: Die Geschichte entstand im Rahmen der „Sommer – Sonne – Urlaubszeit Challenge" auf ‚Evidence of Things Unseen', die Mel gestartet hat. Ich hoffe, sie gefällt Euch und ihr hinterlasst mir ein bisschen Feedback.

Kapitel 2 – The end of the world

Der Lake Champlain ist das sechstgrößte Binnengewässer in den Vereinigten Staaten. Er liegt südlich von Montreal zwischen den Green Mountains und den Adirondacks an der Grenze der US-Bundesstaaten Vermont und New York, hat aber im Norden auch noch geringen Anteil in der kanadischen Provinz Québec. Er ist nach Samuel de Champlain benannt, der ihn 1609 entdeckte.
Im etwa 180 Kilometer langen und bis zu 19 Kilometer breiten Lake Champlain liegen etwa 80 Inseln, von denen eine einen eigenen Verwaltungsbezirk im US-Staat Vermont bildet. Er ist nach den Großen Seen im Mittleren Westen der größte See der Vereinigten Staaten …

Annie klappte den Touristenführer zu und legte ihn in das Ablagefach in der Fahrertür. Sie gähnte hinter vorgehaltener Hand und warf einen Seitenblick auf Garret, der nun schon seit fast vier Stunden hinter dem Steuer des geliehenen SUV saß und langsam aber sicher genauso müde aussah, wie sie sich fühlte. Wenn sie nicht bald eine Pause machten, würden sie noch einen Unfall bauen. Aber andererseits … dadurch, dass ihr Flug zwei Stunden Verspätung gehabt hatte, weil in Montreal ein heftiges Gewitter tobte und sie nicht hatten landen können, lagen sie sowieso schon weit hinter ihrem Zeitplan.

„Möchtest du etwas trinken?", fragte Annie. Ohne eine Antwort abzuwarten, griff sie hinter sich auf die Rückbank und holte eine Flasche Wasser aus der mit Kühlakkus gefüllten Tasche, drehte den Verschluss auf und reichte sie Garret.
„Danke", sagte dieser mit einem Lächeln, nahm ihr die Flasche ab und trank einen großen Schluck.
„Meinst du, wir sehen das Seemonster?", fragte Annie, nachdem sie die Flasche zwischen im Fußraum deponiert hatte, um ihre Füße zu kühlen. Der Wagen besaß zwar eine Klimaanlage, aber die konnte bei den Temperaturen draußen kaum etwas ausrichten. Es schien, als wäre das ganze Land plötzlich an den Äquator gerutscht. Klimaforscher sprachen schon von einem neuen Jahrtausendsommer, und selbst in Boston war es so heiß wie sonst nur im Südkalifornien. Jordan, mit der Annie vor ihrem Abflug noch telefoniert hatte, hatte ihr erzählt, dass in der vergangenen Woche das Kühlaggregat wegen der Hitze den Geist aufgegeben hatte und sie mittlerweile ihre Eisblöcke zum Kühlen aus New Hampshire importieren mussten, wo sie direkt von den höchsten Spitzen der Green Mountains ins Tal und von dort aus an die ganze Ostküste transportiert wurden.
„Welches Seemonster?", fragte Garret. Er sah zu Annie rüber und grinste. „Wenn du von Nessie sprichst, das lebt in Schottland, im Loch Ness. Das ist noch ein paar tausend Meilen östlicher von hier, weißt du."
„Ach, Quatsch!" Annie gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf den Arm und zog ihren Touristenführer wieder hervor.
„Hier steht es", sagte sie und las vor: „Bekannt wurde der Lake Champlain auch durch das Gerücht eines Seeungeheuers, das nach seinem oben bereits erwähnten Entdecker Champ genannt wird. Seit 1982 steht der entfernte Verwandte Nessies sogar unter gesetzlichen Schutz, da er zu einer wichtigen Touristenattraktion geworden ist. Du hättest dich ruhig mal besser informieren können, Garret." Annie sah ihn tadelnd an und wedelte mit dem Prospekt vor seiner Nase herum. „Aber du hast es ja vorgezogen, lieber in deiner Fachzeitschrift zu blättern, statt in dem hier. Ich verstehe immer noch nicht, was so lebenswichtiges und Interessantes in Journal of Forensic Sciences oder American Journal of Forensic Medicine and Pathology stehen kann, dass du dir sogar deine Freizeit damit verdirbst."
„Da stehen hochwissenschaftliche, wichtige Dinge drin, Annie", verteidigte Garret sich schmunzelnd. „Auf jeden Fall wissenschaftlicher als diese Berichte über die neueste Hollywood-Diät oder den Guide der Schönheitschirurgie, die du während des Fluges gelesen hast."
„Na ja, wenn es doch nur diese albernen Frauenzeitschriften gab", merkte Annie an. „Was hätte ich denn da tun sollen? Mich langweilen? Meine Bücher waren schließlich im Koffer." Die hatte sie ja unsinnigerweise ganz nach unten gepackt und am Flughafen nicht mehr schnell herausholen können, als ihr das Malheur aufgefallen war. So hatte sie sich halt mit der weniger intellektuellen Lektüre der Durchschnittsamerikanerin behelfen müssen. „Oder sollte ich dem Knirps neben mir den Gameboy wegnehmen?", fragte sie. „Du hast ja den halben Flug über geschlafen."
„Dafür hast du die letzten zwei Stunden und damit die wunderbare Aussicht verschlafen, Annie", sagte Garret. Er sah sie gespielt beleidigt an und machte dann eine Fast-Vollbremsung, weil er die Ausfahrt zu spät bemerkt hatte. Zum Glück war hinter ihnen niemand.
Noch hundert Meilen bis Middlebury, also noch knapp vierzig bis zu der kleinen Hütte, die Garret für das Wochenende gemietet hatte.

Die kleine Hütte lag am südlichen Ausläufer des Sees und gehörte einem alten Studienkollegen von Garret, der aber mittlerweile Professor an der Washingtoner Universität in Seattle war und die Hütte nicht mehr nutzte.
Garret war noch nie dort gewesen, hatte sich aber gleich an einen langweiligen Diavortrag von James Lexington erinnert, nachdem ihr Plan, an die Kanadische Grenze, nahe Seattle zu fahren gescheitert war. Sie hatten nur vier Tage freibekommen und der Weg wäre einfach zu weit gewesen. Außerdem hatten sie einfach keinen Flug mehr nach Seattle bekommen können, und um mit dem Auto zu fahren, wäre die Strecke eindeutig zu weit und zu anstrengend gewesen.
Nach Maine wollte Garret dann auch nicht fahren, weil es ihn zu sehr an die verkorksten Familienurlaube erinnerte, die er als kleiner Junge mit seinen Eltern hatte machen müssen – und an die mit Maggie und Abby, als letztere noch klein gewesen und Stinktiere zu ihrem liebsten Haustieren gehört hatten. Und mit Vermont war Annie sofort einverstanden gewesen. Sie wollte einfach nur weg aus Detroit, weg aus der Gluthitze und mal etwas anderes sehen. Dass es hier fast nur Ahornbäume gab, störte sie nicht. Im Gegenteil, sie hatte sich schon einen Knoten ins mentale Taschentuch gemacht und Garret ein Dutzend Mal ermahnt, er solle sie ja daran erinnern, dass sie auf dem Rückweg genug Ahornsirup kauften. Dass der noch mehr Kalorien als Annies Lieblingspizza hatte, hatte Garret ihr wohlweislich verschwiegen – er wollte nicht schon wieder einen Vortrag darüber hören, wo Annie überall überflüssige Festpolster hatte. Es reichte ihm schon, dass er ihr im Halbschlaf versprochen hatte, jeden Morgen und jeden Abend mit ihr joggen zu gehen.
Aber was tat man nicht alles für die Liebsten …

Annie blickte Garret verwundert an, als dieser plötzlich scharf bremste und das Lenkrad herumriss. Sie blickte in den Rückspiegel, um sich zu vergewissern, dass er keinen Hasen oder ein Eichhörnchen überfahren hatte, doch auf der Straße lag nichts, was nach totem Tier aussah, so dass Annie sich beruhigt wieder nach vorne drehte und am Radio herumspielte, bis sie schwach einen Sender hereinbekam, der langsame Countrymusik spielte. Sie lehnte ihren Kopf gegen Garrets Schulter und genoss die wirklich schöne Aussicht, während Garret in angemessenem Tempo weiterfuhr.
Wäre die Straße nicht asphaltiert gewesen und hätte die Leitplanke gefehlt, dann hätte man fast meinen können, sie fuhren gerade durch unberührte Natur.

-o-

Die kleine Hütte, die mitten im Wald stand, war einfach nur traumhaft schön, fand Annie, als sie kurze Zeit später aus dem Wagen stiegen.
Das von einer schmalen Veranda umrahmte Holzhaus bestand nur aus einem Stockwerk, das in drei Zimmer aufgeteilt war. Der Eingangsbereich war zugleich Wohnraum und Küche, wobei letztere durch eine kleine Theke vom Rest des Raumes abgeteilt war. Die Kücheneinrichtung sah nicht mehr modern aus, funktionierte aber noch einwandfrei, nachdem Garret den Sicherungskasten und den Anschluss fürs Wasser gefunden und alles in Gang gesetzt hatte.
Die große bordeauxrote Couch mitten im Raum lud zum Kuscheln ein und das obligatorische Bärenfell vor dem Kamin fehlte auch nicht.
Als Annie Garret darauf aufmerksam machte, murmelte er nur etwas von „Zum Glück ist Sommer und der Kamin außer Betrieb", bevor er durch die Tür neben der Küchenzeile verschwand, um das kleine Schlafzimmer und das Bad zu inspizieren. Annie folgte ihm zögernd und war im Gegensatz zu ihm eher enttäuscht, dass es zu warm für den Kamin war. Sie hätte nichts gegen ein paar romantische Stunden vor dem knisternden Feuer gehabt, aber bei ihrem Glück wäre vermutlich entweder das ganze Haus abgebrannt oder sie wären im Qualm erstickt.

Annies Enttäuschung verschwand schlagartig, als sie das Schlafzimmer betrat und das große Himmelbett entdeckte, das fast den ganzen Raum einnahm.
„Ein Traum wird wahr", rief sie begeistert. Sie ließ sich auf das Bett fallen und grinste wie ein Honigkuchenpferd.
„Sag bloß, du wolltest früher so ein Ding haben", meinte Garret. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah Annie missmutig an. Von dem Bett schien er noch weniger begeistert zu sein, als von dem Bärenfell vor dem Kamin.
„Aber sicher", sagte Annie. Sie blickte ihn erstaunt an und nickte. „Was denkst du denn? Jedes Mädchen wünscht sich doch ein Himmelbett, in dem es wie eine richtige Prinzessin schlafen kann." Annie stand auf und ging zu Garret hinüber. Sie schlang die Arme um seine Hüften und sah ihn fragend an.
„Was ist los?", fragte sie. „Gefällt es dir nicht?"
„Wenigstens ist es nicht rosa", grummelte Garret, dem nun endlich bewusst wurde, warum er Lexington durchs Telefon hatte Grinsen hören und warum der Verwalter, bei dem sie den Schlüssel abgeholt hatten, ihm so betont zweideutig einen schönen Aufenthalt gewünscht hatte, während seine Frau Annie irgendetwas von „besser als jede Honeymoonsuite in einem Hyatt" zugeraunt hatte.
Annie stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen sanften Kuss auf die Nasenspitze. „Selbst wenn es nur ein von Motten zerfressener Strohsack wäre, wäre es perfekt", sagte sie leise. „Ich würde überall schlafen, Hauptsache du liegst neben mir, und ich kann mich an dich kuscheln."

Garret starrte sie ungläubig an. Doch seine Gesichtszüge wurden augenblicklich weicher und seine Mundwinkel zuckten leicht. „Dann denke ich, wirst du dich hier wohl fühlen", sagte er. Er blickte ihr tief in die Augen, erlaubte ihr, sich einen Moment in seinen dunklen Augen zu verlieren, bevor er sich räusperte und der Zauber vorbei war.
„Ich werde dann mal die Sachen reinholen", sagte er und verschwand ohne auf Annies Reaktion zu warten, nach draußen.
Annie sah ihm stirnrunzelnd nach und hoffte, dass Garret nur müde war und dieser Zustand nicht für die nächsten Tage anhalten würde. Falls dies nämlich der Fall sein sollte, wäre es sicher besser, wenn sie die Sachen gar nicht erst auspackten, sondern lieber gleich nach Hause fuhren.

Als Garret aus der Hütte trat, blieb er stehen und schloss kurz die Augen, um wieder zu sich zu kommen.
Was war nur los mit ihm? Warum tat er gerade alles, um Annie und auch sich den Urlaub zu verderben? Warum führte er sich auf einmal so auf wie Renee sich in Florida aufgeführt hatte oder Maggie und Abby, wenn ihnen irgendwas an dem teuer bezahlten und lange geplanten Urlaub nicht gefiel?
Ihm gefiel die Hütte doch, und er hatte auch nichts gegen ein Kaminfeuer, ein Bärenfell davor oder ein Himmelbett. Warum machte er es sich und damit ihnen dann alles so schwer?
Vielleicht, weil das hier alles zu schön war, um wahr zu sein? Vielleicht, weil Annie einfach perfekt war? Sie hatte sich noch keine Sekunde lang beschwert oder an irgendetwas herumgenörgelt, wie Garret es sonst von seinen weiblichen Urlaubsbegleiterinnen gewohnt war. War das hier alles so ungewohnt, zu perfekt für ihn, dass er wieder gleich den Haken suchten musste? Dass er nicht akzeptieren konnte, dass wirklich einmal etwas einfach nur schön sein und sich richtig anfühlen konnte?

„Ist alles in Ordnung, Garret?" Annie war Garret zur Tür gefolgt und hatte ihn bewegungslos neben dem Wagen stehen sehen. Zuerst hatte sie gedacht, er hätte vielleicht einen Wolf entdeckt, ein Stinktier oder eine Schlange, dass er deswegen so ruhig blieb, in der Hoffnung, dass der ‚Feind' von sich aus wieder verschwand. Aber bis auf einen einzelnen Vogel, der hoch oben in einem Baum saß und ein Lied zwitscherte, war nichts zu sehen oder zu hören.
„Ja, sicher", sagte Garret. Er hatte Annie kommen gehört, aber nicht reagiert, in der Hoffnung, dass sie ihn wieder alleine ließ, und keine Fragen stellte, die er nicht beantworten konnte, ohne zu lügen. Es war gar nichts in Ordnung – mit ihm, nicht mit der Hütte, der Umgebung oder mit Annie. Nur mit ihm.
Vielleicht war der Urlaub doch eine schlechte Idee gewesen. Vielleicht hätte er doch einfach in Detroit bleiben sollen, wo er sich hinter seinem Schreibtisch und hinter seiner Arbeit verstecken konnte, wenn er mal wieder so eine Phase hatte, wo er sich selber nicht leiden konnte.

„Hilfst du mir bei dem Sachen?", fragte er, um sich vom Grübeln abzulenken und das Thema zu wechseln. An Annies leisem „Sicher" und ihrem verstörten Gesichtsausdruck, sah er jedoch, dass es nicht wirklich funktioniert hatte.

-o-

Während sie das Gepäck in die Hütte getragen und ausgepackt beziehungsweise verstaut hatten, war Annie auffallend ruhig gewesen. Sie hatte Garret kaum eines Blickes gewürdigt und jeden Versuch, mit ihr zu sprechen, nur einsilbig abgewürgt.

Garret fühlte sich unheimlich schlecht deswegen, wusste aber nicht so recht, was er tun sollte, um die Sache wieder ins Reine zu bringen. Deshalb tat er das, was er in solchen Situationen immer schon getan hatte: Er zog sich zurück und schwieg ebenfalls. Dass sie damals, als sie nach Boston geflogen waren, genau mit dieser Sache schon einmal auf die Nase gefallen waren, war im durchaus bewusst, aber er hatte keine Ahnung, was er sonst tun sollte. Und solange Annie keine Anstalten machte, das Schweigen zu brechen, würde er es auch nicht tun.

Es begann schon zu dämmern, als Garret sich dann doch endlich einen Ruck gab.
Sie saßen auf den Stufen, die zu der schmalen Veranda hoch führten, und aßen stumm ihren Sandwiches.
Sie hatten diese früher am Tag in den kleinen Laden gekauft, als sie dort den Schlüssel der Hütte abgeholt hatten. Das Brot war durch die Mayonnaise und den Belag schon ziemlich durchweicht und schlapp, aber Garret bemerkte es kaum; er hatte sowieso keinen großen Hunger, und auch Annie schien mehr lustlos auf ihrem Hühnchensandwich herumzukauen, als wirklich hungrig zu sein, während sie an ihm vorbei ins Leere starrte. Sie hatte sich mit dem Rücken gegen das Geländer gelehnt, die Knie an den Oberkörper gezogen und ließ die Schultern hängen.
Es brach Garret fast das Herz, sie so traurig und niedergeschlagen zu sehen, wo sie sich doch so sehr auf den Urlaub und die freien Tage mit ihm gefreut hatte.

„Mir hat mal jemand gesagt, man solle eigentlich im Leben niemals die gleiche Dummheit zweimal machen, denn die Auswahl wäre so groß", sagte Garret. Er legte sein angebissenes Sandwich auf das Papier zurück und drehte sich zu Annie. „Ich glaube, das warst du, nicht?"
Annie hatte bei seinen Worten aufgeblickt und lächelte nun schwach. „Das war damals bei diesem bewaffneten Raubüberfall", sagte sie. „Und ich habe es nicht zu dir gesagt, sondern diesem Jungen, der zweimal denselben Fehler gemacht hat, als er sich die Skimaske direkt vor der Tür der Tankstelle vom Kopf gezogen hatte. Derselben Tankstelle wohlgemerkt, die er ein Jahr zuvor auf die gleiche Weise überfallen und im Anschluss der Überwachungskamera einen schönen Blick auf sein Gesicht ermöglicht hatte."
„Aber du hast mir davon erzählt", sagte Garret. „Das ist doch dasselbe."
„Okay, wenn du meinst." Annie zuckte mit den Schultern, widmete sich wieder ihrem Sandwich und gab Garret damit die perfekte Gelegenheit, sich auch wieder in sein Schneckenhaus zurückzuziehen und zu schweigen. Aber zu seinem eigenen Erstaunen tat er weder das eine, noch das andere.
Er rutschte ein wenig näher zu Annie und griff nach ihrer Hand, die locker auf ihren Knien ruhte.
„Ich wollte nicht über den Fall sprechen, Annie", sagte er ernst. „Ich wollte … also …" Mensch, wieso war das nur so schwer, einfach zu sagen, was man wollte? „Ich wollte mich entschuldigen."
„Wofür?", fragte Annie. Sie legte ihr Sandwich beiseite und sah ihn fragend an. „Wofür willst du dich entschuldigen? Du hast doch gar nichts gemacht."
Garret seufzte. „Doch, das habe ich, Annie", sagte er. „Ich habe mich aufgeführt wie ein Idiot und dir alles verdorben."
„Wie kommst du denn darauf? Du hast einfach gesagt und gezeigt, was du denkst. Was ist daran falsch? Wenn es dir hier nicht gefällt, dann ist es doch besser es gleich zu sagen, als mir etwas vorzumachen."
Garret griff nach Annies zweiter Hand und schüttelte den Kopf. „Aber das ist es nicht, Annie", sagte er. „Ich -"
„Was ist es dann?", unterbrach sie ihn. „Bereust du es, hier zu sein? Tut es dir Leid, dass du dich von mir hast überreden lassen, herzukommen? Mit mir. Alleine. Und überhaupt …"

Annie löste ihre Hände aus seinem Griff, stand auf und lief die Stufen hinunter bis zum Waldrand, wo sie stehen blieb und sich wütend die Tränen wegwischte. Sie hatte schon die ganze Zeit auf den Knall gewartet, darauf, dass er ihr endlich sagte, dass das hier alles ein großer Fehler war und er es bereute, mit ihr hergekommen zu sein. Dass er es bereute, es überhaupt soweit kommen gelassen zu haben und er sie doch eigentlich gar nicht mochte – zumindest nicht in der Weise, wie sie ihn mochte. Doch damit, dass er sich wieder nur herausredete, hatte sie nicht gerechnet, als er dann endlich das Schweigen gebrochen hatte.

Annie hörte Schritte hinter sich, reagierte aber nicht darauf. Sie wollte nicht, dass er näher kam und sie ansprach. Sie wollte nicht reden und sich anhören müssen, dass sie trotzdem noch Freunde sein konnten.
„Annie?" In Garrets Stimme schwang Unsicherheit, als er langsam näher kam und knapp zwei Meter hinter ihr stehen blieb.
„Lass es einfach gut sein, Garret!", sagte Annie.
„Ann -"
„Nein, Garret. Lass mich einfach in Ru -"
„Annie." Die Unsicherheit in seiner Stimme war verschwunden, und als er ihren Namen jetzt aussprach, zitterte sie leicht. Irritiert verstummte Annie und wollte sich zu ihm herumdrehen, wurde jedoch von Garret davon abgehalten.
„Beweg dich nicht", sagte dieser leise. „Bleib ganz ruhig stehen, bis er weggeht."

Er
? Wovon sprach Garret? Wer um alles in der Welt sollte weggehen?
Entgegen seiner klaren Anordnung, wollte Annie sich doch herumdrehen und ihn fragen. Sie erstarrte aber, als vor ihr im Gebüsch ein Ast knackte und zwei funkelnde Augen zwischen den Blättern erschienen und sie anstarrten.
Das war es, war Annies erster Gedanke. Sie würden hier sterben, im Streit, ohne sich vorher vertragen zu haben, ohne dass sie sich sagen konnten, wie viel sie einander doch bedeuteten.
Ihr Atem ging stoßweise und sie spürte, wie ihr der Schweiß ausbrach. Es war kalter Angstschweiß, der ihr den Rücken herunter lief und sie schaudern ließ. Schaudern vor dem Anblick, der sich ihr bot, vor den Endzeitgedanken, die sie hatte und vor … diesen leisen, drohenden Knurren.
Sie spürte eine Hand auf ihrer Schulter und erschrak. Dass Garret hinter sie getreten war, hatte sie nicht bemerkt – das Tier im Busch allerdings schon. Sein Knurren wurde lauter und einschüchternder, und Annie spürte, wie alles in ihr nach Flucht rief.
„Bleib ganz ruhig, Annie", sagte Garret leise, und Annie fragte sich, wo er nur die Ruhe hernahm. „Geh langsam rückwärts, bis du hinter mir stehst und dann steig in den Wagen."
Der Wagen stand nur einige Schritte von ihnen entfernt, und obwohl Annie von ihrem Platz aus die Buchstaben auf dem Reiseprospekt, das oben auf dem Armaturenbrett lag, lesen konnte, kamen ihr diese wenigen Meter vor wie eine unüberwindbare Strecke.
Sie würde es nie schaffen, dort hinzukommen. Und überhaupt … was war mit Garret? Wollte er sich für sie opfern? Sich angreifen lassen, damit sie sich in Sicherheit bringen konnte?

Annie spürte, wie ihr bei dem Gedanken Tränen in die Augen schossen. Einen schöneren Liebesbeweis konnte es gar nicht geben. Er gab sein Leben für ihres. Wie romantisch …
Reiß dich zusammen, Capra, schimpfte sie sich innerlich. Das hier war nicht irgendeine Hollywoodschnulze, sondern die harte Realität, und es wäre überhaupt nicht romantisch, den Mann sterben zu sehen, den man liebte. Wie sollte sie denn ohne Garret weiterleben, mit der Gewissheit, dass sie schuld an seinem Tod war? So eine Erklärung wurde in den Filmen nämlich nie gegeben.
Wie mochte sich Liv Tyler gefühlt haben, als Ben Affleck sie alleine ließ, um diesen Meteoriten zu zerstören? Oder wie war es Kate Winslet ergangen, als Leonardo DiCaprio ihr das Stück Treibholz überließ und im Atlantik erfror? Wie hatte sie damit leben können, dass Leo sie alleine ließ?

„Annie, mach schon!" Garrets Stimme war mehr ein Zischen und holte sie in die Realität zurück.
„Ich kann nicht, Garret", sagte sie stockend. „Vielleicht …" Ihr war eine Idee gekommen. Wenn sie einfach die Augen schloss, sie ganz feste zusammendrückte und dann wieder öffnete, dann war dieses Monster vielleicht verschwunden und alles entpuppte sich aus Hirngespinst.
Annie setze es ihr Vorhaben in die Tat um, schloss die Augen, riss sie aber sofort wieder auf, als sie ein Knacken, gefolgt von lautem Rascheln hörte, das genau aus der Richtung kam, wo das Monster im Gebüsch hockte.

-TBC-