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Am Montagmorgen, als House in die Klinik kam, schaute er sich zuerst um, ob Cuddy in der Nähe war. Er wollte ihr nicht unbedingt begegnen, da sie ihm zwangsläufig die Unmengen von Praxisstunden, die er noch ableisten musste, vorhalten würde. Aber er hatte Glück. Cuddy war nirgends zu sehen. Dafür begegnete ihm wenig später Wilson.

„Oh, ein neuer Lockgeruch", sagte House, der Wilsons stark riechendes neues Aftershave bemerkt hatte. „Wer ist es diesmal? Eine der Krankenschwestern? Oder Cuddy? Oder…?"

„Es ist niemand", unterbrach ihn Wilson hastig. „Aber du scheinst ja neuerdings als Ritter in glänzender Rüstung aufzutreten."

„Was?!"

„Wir haben seit gestern eine neue Patientin auf der Unfallstation. Ein Motorradunfall."

„Nicht meine Sache. Unfälle sind langweilig."

„Lass mich doch ausreden. Sie hat uns erzählt, dass ein anderer Motorradfahrer erste Hilfe geleistet hat. Er war offensichtlich medizinisch gebildet und hatte außerdem einen Stock."

„Ich weiß nicht, was du mir damit sagen willst", stellte House sich dumm.

„House, ich bitte dich. Du wirst dich doch wohl noch an sie erinnern. Schwarze Haare, blaue Augen. Unterschenkel- und Rippenfraktur."

House musste ganz leicht grinsen, als er diese Zusammenstellung von Kennzeichen hörte. Dann sagte er:

„Ach ja, daran erinnere ich mich. Richte ihr Gute Besserung von mir aus, wenn du sie siehst."

„Nein, das mache ich nicht. Du wirst schön selber zur ihr gehen. Sie will sich sicher persönlich bei ihrem Retter bedanken."

„Sag ihr, sie soll mir eine Karte schicken, wenn sie unbedingt will."

„House, du weißt doch, dass sich Frauen meistens in ihren Retter verlieben", versuchte es Wilson jetzt scherzhaft. „Und soviel ich bis jetzt von ihr gesehen habe, ist sie mehr als hübsch."

„Vielen Dank für die Information. Aber nachdem du so begeistert von ihr bist, überlasse ich sie dir gerne. Aber überanstreng dich nicht bei Miss ‚Whatsername'."

„Natalja. Sie heißt Natalja Petrova."

„Na bitte, eine Russin. So eine fehlt in deiner Sammlung doch noch." Und mit diesen Worten hinkte er davon.

Er erfuhr nicht, ob Wilson zu der Russin gegangen war. Genau genommen erfuhr er in den nächsten Tagen so gut wie gar nichts über den derzeitigen Krankenhausklatsch. Cuddy hatte ihn schließlich doch noch erwischt und ihm soviel Arbeit auferlegt, dass er von dem Moment in dem er das Krankenhaus betrat, bis zu dem, in dem er es wieder verließ, beschäftigt war. Und trotzdem war er mit seinen Praxisstunden noch weit im Rückstand. Die Arbeit war ziemlich eintönig und die Tatsache, dass er deshalb die letzten zwei Folgen von „General Hospital" verpasst hatte, machte ihn nur noch mürrischer. Seine Patienten und Kollegen bekamen das mehrmals deutlich zu spüren.

House selbst ging jedenfalls nicht einmal in die Nähe von Miss Petrovas Krankenzimmer. Das letzte worauf er im Moment Lust hatte, war, sich von dieser Tussi anzuhören, wie überaus dankbar sie ihm doch war. Dankbare Patienten waren ihm schon normalerweise ein Gräuel, aber in der Stimmung, in der er im Moment war, gab es für ihn nichts Schlimmeres auf der Welt. Als Wilson ihn fragte, ob er schon bei der Patientin gewesen war, sagte er „nein" und wechselte das Thema.

Zwei Tage später besserte sich House' Stimmung endlich. Er hatte einen neuen Fall. Ein 46-jähriger Mann war wegen seiner häufigen, spontan auftretenden Ohnmachtsanfälle in das Krankenhaus eingeliefert worden. House trommelte sein Team zusammen und sie stürzten sich in die Arbeit. Tests, Untersuchungen, Differentialdiagnosen mit Gekritzel auf der weißen Tafel, alles war wieder so, wie es sein musste. Der Fall, der zuerst noch halbwegs einfach gewirkt hatte, erwies sich als weit kniffliger als erwartet. Nach einigen Tagen, in denen der Patient mehrmals in Lebensgefahr geschwebt war, stellte sich heraus, dass er an der seltenen Autoimmunkrankheit Lupus litt. Er hatte noch viele Behandlungen vor sich, konnte aber für den Moment aus dem Krankenhaus entlassen werden. House beschloss, für diesen Tag ebenfalls nach Hause zu gehen. Vorher musste er aber noch zur Krankenhausapotheke, um sich sein Vicodin zu holen. Er nahm die Abkürzung durch die Unfallstation.

Allerdings sah er sofort ein, dass dies ein Fehler gewesen war, als er aus einem der Zimmer eine Stimme hörte:

„Dr. House! Warten Sie bitte! Ich möchte mit Ihnen reden."

Innerlich verfluchte er zwei Dinge: Erstens diese elenden Zimmerwände aus Glas, die den Patienten freie Sicht auf alles gaben, was auf dem Gang vor sich ging. Und zweitens Wilson, oder wen auch immer, der ihr seinen Namen gesagt hatte. Hätte er nicht darauf reagiert, indem er stehenblieb, wäre es viel einfacher gewesen, so zu tun, als hätte er nichts gehört. Doch er hatte sich nicht umgedreht und konnte noch weitergehen. Gerade machte er den ersten Schritt, als sie wieder nach ihm rief:

„Bitte!", war das Einzige, was sie sagte. Es klang aber weniger wie eine Bitte, eher wie ein Befehl. Schließlich drehte House sich langsam um und ging zu ihrer Zimmertür. Er betrat das Zimmer aber nicht, sondern blieb im Türrahmen stehen.

„Also, was wollen Sie?", fragte er unwirsch.

„Ich wollte mich bedanken." Er hatte gehofft, sie wäre von seinem Verhalten eingeschüchtert, doch dem war nicht so. Nun hörte sich seine Stimme an wie ein Knurren, als er sagte:

„Das ist nicht nötig. Ich habe nur meine Pflicht als Arzt getan."

„Dann eben danke, dass Sie Ihre Pflicht getan haben."

„Wie auch immer. Kann ich gehen?"

„Ja. Oder nein, doch noch nicht. Könnten Sie mir vielleicht einen Gefallen tun?"

„Was wollen Sie?", fragte er genervt. Aus irgendeinem Grund fiel es ihm schwer, zu dieser seltsamen Russin wirklich unhöflich zu sein, wie es seine Art gewesen wäre.

„Ich hätte wirklich gerne einen Kaffee. Es wäre sehr nett, wenn Sie mir einen bringen würden."

„Warum sagen Sie das nicht einfach der Schwester? Die wird Ihnen sicher einen bringen."

„Eben nicht. Ich habe es ja versucht, aber sie hat gesagt, der Oberarzt wünscht nicht, dass auf seiner Station Kaffee getrunken wird."

House überlegte einen Moment, dachte an den Stationsarzt, einen selbstgefälligen, machtbesessenen Mann und sagte dann:

„Na gut, Sie kriegen Ihren Kaffee. Wenn ich damit Stevenson, diesem alten Trottel, eins auswischen kann…"

Knapp 10 Minuten später kam House mit einem Kaffeebecher vom Automaten zurück und gab ihn der Russin. Sie lächelte dankbar und nahm einen Schluck. Dabei waren ihre Augen geschlossen. Sie schien den Kaffee wirklich zu genießen. Doch es war kaum ein Minute vergangen, da kam eine Krankenschwester ins Zimmer geschossen und baute sich vor dem Bett auf. Es war eine dieser jungen Schwestern, die versuchten ihre Unsicherheit zu überdecken, indem sie sich den Patienten gegenüber geradezu bösartig verhielten. Mit in die Hüfte gestemmten Armen stand sie da und schimpfte:

„Dachte ich mir doch, dass ich Kaffee rieche. Miss Petrova, ich habe es Ihnen schon mehr als einmal gesagt: Dr. Stevenson wünscht nicht, dass seine Patienten Kaffee trinken. Und was machen Sie überhaupt hier?", ging sie jetzt auf House los. „Es ist keine Besuchszeit."

Interessant", dachte House. Dieses Mädchen kannte ihn nicht. Das würde ein Schock für sie werden. Denn er kannte diese Art von Krankenschwester wirklich gut. So unhöflich sie zu den Patienten waren, so sehr schleimten sie sich bei den Ärzten ein.

„Wenn ich mich vorstellen darf", sagte er in ironischem Ton „Ich bin Dr. Gregory House."

Das blanke Entsetzen trat dem Mädchen ins Gesicht.

„Sie sind Dr. House? Es tut mir leid, Sie gestört zu haben. Wenn Sie noch etwas brauchen…?" Sie starrte ihn ehrerbietig an, wohl in der Hoffnung, wieder gut Wetter machen zu können.

„Nein, Sie können gehen", sagte er kalt.

„Danke, Sir." Die Schwester war schon fast zur Tür hinaus, als House sie noch einmal zurückrief:

„Etwas noch."

„Ja, Sir?" Sie drehte sich um und sah aus, als würde sie sich gleich vor ihm verneigen.

„Ich will, dass diese Patientin hier alles bekommt, was sie sich wünscht. Und zwar unverzüglich."

„Selbstverständlich, Sir."

„Jetzt können Sie gehen." Als die Schwester das Zimmer verlassen hatte, sagte Natalja überrascht:

„Na, das war ja eine Persönlichkeitsveränderung."

House setzte sich auf einen Stuhl neben Nataljas Bett und sagte:

„Nein, war es nicht. Das war nur pure Schleimerei. Und erwarten Sie nicht, dass Sie jetzt von ihr Kaffee bekommen. Ihre Schleimerpflichten beim Stationsarzt sind nämlich noch viel größer als bei mir. Ich wünschte, Gott hätte den Menschen ein Rückgrat gegeben."

„Glauben Sie an Gott?" Diese seltsame Frage klang beiläufig aber doch interessiert. Nach kurzem Überlegen sagte House:

„Nein."

„Ich schon."

„Aha." Dann, nach einer kurzen Pause: „Kann ich einen Schluck von Ihrem Kaffee haben?"

„Gerne. Sie haben es sich verdient. Meinetwegen war es Ihre Pflicht, mich aus diesem verdammten Straßengraben zu ziehen. Aber mir einen Kaffee und eine Live-Soap Opera zu liefern, das ist wahrer Edelmut." Sie grinste ihn an und hielt ihm den Kaffeebecher hin. Er reagierte nicht auf ihren Dank, sah sie nur von der Seite an und fragte:

„Irgendwelche ansteckenden Krankheiten bekannt?"

„Bis jetzt nicht. Aber wer weiß, was in diesem Krankenhaus so alles herumschwirrt."

„Das ist kein Problem. Wenn da was ist, hat es sich bei mir wahrscheinlich sowieso schon häuslich eingerichtet." Er nahm den Pappbecher, trank einen großen Schluck, dann noch einen und gab Natalja den Becher zurück.

„Danke. Ich muss jetzt gehen." Ohne auf eine Antwort von Nataljas Seite zu warten, stand er auf und hinkte aus dem Zimmer. Natalja trank ihren Kaffee und lächelte still in sich hinein.

Am nächsten Morgen geschah genau das, was House seit seinem Zusammenstoß mit der Schwester erwartet hatte. Er war kaum eine Viertelstunde in seinem Büro gewesen, als die Tür aufgestoßen wurde und Dr. Stevenson, ein kleiner glatzköpfiger Arzt, hereinkam. Stevenson begann unverzüglich zu schimpfen. Was House sich eigentlich dabei denke, seine, Dr. Stevensons, Autorität bei den Patienten zu untergraben und seine Krankenschwestern zu verschrecken.

„Das arme Mädchen war völlig durch den Wind."

House, der, weit im Bürostuhl zurückgelehnt, damit beschäftigt war, seinen großen grau-roten Tennisball in die Luft zu werfen, machte auch jetzt damit weiter und sagte mit ruhiger Stimme:

„Das arme Mädchen, wie Sie sie nennen, ist eine rückgratlose Schleimerin, die die Patienten wie Dreck behandelt."

„Ich muss doch sehr bitten. Mäßigen Sie sich."

„Und Sie sind ganz einfach ein zu kleiner geratener Faschist, dem es Spaß macht, sinnlose Regeln aufzustellen."

„Also wirklich…" Der kleine Arzt schnappte nach Luft und lief rot an. „Das wird ein Nachspiel haben." Mit diesen Worten drehte er sich um und ging hoch erhobenen Kopfes aus dem Büro. House fing nach einem besonders gelungen Wurf den Ball auf und legte ihn auf den Tisch.

Er wusste, dass er all das absichtlich provoziert hatte, um sich abreagieren zu können. Aber immerhin… dieser kleine Streit hatte ihm gut getan. Er war irgendwie befreiend gewesen.