Veilchen.

Das kleine Zimmer, das der Diener mit den blauen Augen Fleur zugewiesen hat, ist blau. Alles ist blau: die Wände, der Teppich und das Bett. Fleur fühlt sich nach dem ersten Tag verschlungen im kalten Blau, umgeben von Trauer, Erinnerung und Reue. Alles ist blau, blau blau blau, und bald denkt sie, dass sie alles lieber sehen möchte, als blau, selbst die Dunkle.

Bellatrix lässt sie erst spät zu sich rufen. Es ist der gleiche Mann, der Fleur holt, wie der, der sie auch vom Keller zur Dunklen geführt hat. Bellatrix Stimmung scheint sich gewandelt zu haben. Ganz im Gegensatz zum letzten Treffen scheint sie merkwürdig abwesend, kein bisschen interessiert oder erregt.

„Du musst mir Tee bringen", sagt sie anstatt einer Begrüßung. „Ich mag es, wenn Frauen ihn zubereiten. Drei, zeig ihr alles", befielt sie, ohne den Diener oder Fleur auch nur anzusehen. Mit einem Winken entlässt sie die beiden und schaut weiter gedankenverloren in eine Kerzenflamme.

Der Diener, der von Bellatrix 'Drei' genannt wurde, der Diener mit den blauen Augen, bringt Fleur zur Küche.

„Zwei wird dir zeigen, was die Herrin erwartet", sagt er und geht.

In der geräumigen Küche hantiert ein riesiger Mann mit einem Messer. In größer Geschwindigkeit hackt er Zwiebeln. Als Fleur die Küche betritt, sieht er auf und ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus, das vortrefflich den fehlenden Schneidezahn präsentiert.

„Hallo", sagt Fleur und versucht zurück zu Lächeln, obwohl sie in sich nur raue Taubheit spürt.

„Du musst die Neue sein", sagt der Mann. „Hat sich diesmal ja 'ne richtige Schönheit geholt. Du willst nicht zufällig bisschen Spaß?" Sein Blick wandert Fleurs Körper hinab und Fleur hat das Gefühl nur von einem Schrecken in den nächsten zu fallen.

„Ich brauche... Tee?" Fleur fühlt sich so unsicher, wie ihre Stimme klingt.

„Wär' eh 'ne blöde Idee. Bist ihr Spielzeug...", murmelt der Koch, während er die Zwiebeln in eine Pfanne schiebt. Augenblicklich verscheuchen Bratgeräusche die unausgesprochenen Worte. Automatisch vermisst Fleur die Kochzauber, die ein Koch normalerweise immer nebenher ausführt, bis sie versteht, dass die Dunkle wohl kaum einen Diener zaubern lässt.

Zwei wischt sich seine großen Hände an seiner bereits fleckigen Schürze ab und zeigt Fleur die verschiedenen Teegeschirre, welche die Herrin an bestimmten Tagen bevorzugt und schafft es, während er nebenher ein Mahl zubereitet, Fleur genaue Anweisungen zu geben, wie die Herrin ihren Tee zubereitet haben will. Fleurs erster Versuch missglückt und erst den zweiten lässt der Koch mit einem etwas unwilligen Grunzen durchgehen.

Als Fleur endlich mit zitternden Fingern das Tablett zu Bellatrix Zimmer balanciert, erwartet die Herrin Fleur schon mit einem etwas wacheren Blick. Fleur schenkte Bellatrix eine Tasse ein, genau, wie der Koch es ihr gezeigt hat und versucht sich danach unauffällig zurück zu ziehen.

„Frau", spricht Bellatrix sie an. „Bleib. Komm."

„Ich würde lieber-", setzt Fleur an, aber der harte schwarze Blick lässt sie verstummen.

„Willst du noch was sagen?", fragt die Dunkle und Fleur schüttelt ihren Kopf. „Dann komm."

Fleur schluckt und spürt die Tränen steigen und schluckt wieder. Sie nimmt ihr Herz in die Hand und macht einen Schritt und einen Schritt, bis sie neben der Dunklen steht. Fleur hebt ihren Blick und merkt dennoch, wie ihre Versuche scheitern und Tränen aus ihren ängstlichen Augen laufen.

Bellatrix scheint der Anblick zu gefallen und streicht lachend mit ihrem Finger eine Träne von Fleurs Wange. Bittersüß lächelnd führt sie die Träne zu ihren Lippen und zeigt mit einem Nicken, dass Fleur sich ihr gegenüber auf den Stuhl setzten solle. Fleur wird schlecht, als sie Bellatrix sich ihre Lippen lecken sieht, tut aber, wie ihr geheißen. Mit einer geschmeidigen Bewegung lässt Bellatrix daraufhin eine zweite Tasse erscheinen und schenkt Fleur von dem klaren Tee ein.

„Was ist dein Name?", fragt sie.

„Fleur", haucht Fleur, obwohl sie eigentlich gar nichts sagen will, nur weg, weg, weg. Überrascht hebt Bellatrix ihren Blick, scheint fliegende Gedanken zu ordnen und dann breitet sich erneut ein Lächeln auf ihren Lippen aus, das fast süß sein könnte, wäre da nicht dieser irre Blick.

„Fleur", haucht Bellatrix, „Das gefällt mir. Ich werde dich Blume nennen."

Bellatrix reicht Fleur die Tasse Tee und nimmt einen Schluck von ihrem eigenen. Fleur wagt es nicht, es ihr nicht gleichzutun.

„Drei!", brüllt Bellatrix plötzlich und erschrocken verschüttet Fleur etwas Tee.

Augenblicklich öffnet sich die Türe und Drei betritt das Zimmer. „Herrin?", fragt er.

„Hol die Anderen", befielt Bellatrix.

Drei verschwindet schnell nur ein paar Schlucke später kommt Drei mit zwei weiteren Männern wieder herein. Den Koch erkennt Fleur, aber der dritte ist ihr fremd. Sie stellen sich in eine Reihe auf: Der Fremde, dessen Kleidung nicht ganz so schwarz ist, wie die der anderen, der riesige Koch und der aalglatte Drei mit den blauen Augen.

„Das sind meine Diener", sagt Bellatrix und schaut Fleur mit brennenden Augen an. „Ich nenne sie Eins, Zwei und Drei." Sie lacht. „Eins?"

„Ja, Herrin?", antwortet der Fremde augenblicklich. Er scheint älter als die anderen beiden zu sein. Seine schwarzen Haare werden von grauen Strähnen durchzogen, aber er wirkt so hart wie Stein.

Bellatrix gackert und blickt dabei wieder Fleur an. „Siehst du, Blümchen, ich bin ihre Herrin. Blume?"

„Ja, Herrin?", antwortet Fleur, die versucht das Spiel zu begreifen. Diesmal lacht Bellatrix nicht. Sie presst ihre Lippen zusammen und beugt sich weit in Fleurs Richtung. Fleur weicht ihrem Blick aus und wird mit dem Anblick eines prallen Dekolletés empfangen. Als hätte sie etwas verbotenes gesehen, wendet Fleur augenblicklich ihren Blick ab.

„Sag das nochmal", zischt Bellatrix.

„Herrin?", flüstert Fleur und fühlt sich wieder vom schwarzen Blick durchstochen.

„Siehst du, und das ist falsch. Ich bin ihre Herrin, aber dein Du. Du wirst keinen Platz mehr zwischen uns finden, Blume. Du wirst mein Schatten werden. Du nennst mich bei meinem Namen oder jedem anderen, den du mir geben magst. Aber du nennst mich nicht Herrin. Du bist mein Eigen, du gehörst mir. Du bist ab jetzt ein Teil von mir und mit diesem Teil kann ich alles tun, was ich will." Gerade weil Bellatrix dies in ruhiger Stimme sagt, durchzieht Fleur die Angst.

Sie kann ihr Zittern nicht länger beherrschen und die Tasse klirrt hell, als sie zu Boden fällt. Jetzt gackert Bellatrix endlich und entlässt die drei Männer.

Die restlichen Minuten des Teetrinkens rütteln weiter an Fleurs Realität, so lange, bis auch diese endlich klirrend zerspringt.

Ihre Realität besteht bald nur noch aus der dunklen Bellatrix, aus seelenzerfressenden Blicken und kurze helle Momente, wenn sie Drei überreden kann, sie für kurze Momente zu ihrer Schwester zu lassen. Aber genauso geht Gabrielles Realität verloren. Sie vergräbt sich in Träumen und ist auch im Wachzustand immer öfter nicht mehr anzusprechen. In nur wenigen Tagen hat sich Fleurs Schwester von einer fröhlichen Zwölfjährigen zu einem Schatten eines Menschen verwandelt. Was soll nur in ein paar Wochen geschehen? Fleur mach sich keinerlei falsche Vorstellungen. Da sie keinerlei Lebenszeichen von Bills Familie oder dem Orden mitbekommen hat, sind bestimmt alles Versuche sie oder Gabrielle zu retten – falls es denn welche gegeben hat – ohne Erfolg geblieben. Es muss etwas geschehen.

Für Gabrielle, wiederholt Fleur immer wieder in ihrem Kopf, als sie an diesem Abend mit dem Tee zu Bellatrix geht. Für Gabrielle wird Fleur versuchen zu der Frau durch zu dringen.

Schnell hat Fleur gelernt, dass sie bei Bellatrix auf keinerlei Gefühl hören kann. Ihre Handlungen scheinen für Fleur vollkommen unberechenbar.

Bellatrix ignoriert Fleur solange, bis der Tee eingeschenkt ist, dann nimmt sie ihr herrisch die Tasse aus der Hand und trinkt einen tiefen Schluck, noch bevor Fleur auch ihre Tasse gefüllt hat.

Danach starrt Bellatrix Fleur an und scheint damit so vieles zu sagen, was Fleur nicht versteht. Fleur weiß nicht, wann sie besser schweigen und wann sie sprechen soll. Aber es muss etwas geschehen.

„Bellatrix", durchbricht Fleur die schreiende Stille. Bellatrix Augen verengen sich zu Schlitzen.

Für Gabrielle, wiederholte Fleur in ihrem Kopf wieder. „Bellatrix, meiner Schwester geht es immer schlechter. Du hast keinerlei Nutzen für sie, lass sie gehen, bitte!"

Bellatrix reagiert sofort. Sie schleudert ihre Tasse gegen die nächste Wand und springt auf. Ihre Nasenflügel sind gebläht, als sie schreit: „Du wagst es, mir Befehle zu geben?!"

Auch Fleur ist aufgesprungen. Alles in ihr zittert vor der spürbaren Gefahr, aber sie denkt nur an ihre engelsgleiche Schwester. „Ich wage es zu flehen!", antwortet verzweifelt. „Ich flehe für das Leben meiner Schwester. Lass sie gehen!"

„Crucio!" Bellatrix Zauberstab ist so schnell in ihrer Hand, dass Fleur es nicht mit den Augen registrieren kann. Die Schmerzwelle, die sie auf einen Schlag überrollt, ist gewaltig.

„Du wagst es um das Leben von einer von euch zu flehen?! Du kannst froh sein, dass sie noch lebt! Kannst froh sein, dass ich euch nicht alle umgebracht habe, nachdem-"

Bellatrix verstummt und Fleur kann kurz zu Atem kommen. All ihr Verstand scheint mit den Schmerzen gewichen und gleichgültig spricht sie die Worte, die ihr in den Sinn kommen aus: „Nachdem was?"

„Nachdem euer geheiligter Junge geschafft hat zu fliehen. Harry Potter ist geflohen", antwortet Bellatrix gefährlich ruhig und den nächsten Zauber spricht sie nicht aus Jähzorn, sondern bedacht aus: „Crucio." Etwas blitzt in ihren Augen und Fleur versteht, dass es sie befriedigt. „Crucio! Crucio!", brüllt Bellatrix lüstern.

Fleur krümmt sich und zuckt und hat das Gefühl, dass der Schmerz alles auffrisst, was sie ist. Immer weiter, immer weiter, bis er endlich irgendwann verebbt.

„Es muss doch irgendwas Gutes in dir sein", flüstert Fleur mit gebrochenen Lippen. Ihr Blick ist starr in die Richtung gerichtet, in der ihr Kopf zeigt. Sie hat keine Kraft mehr.

„Nur jemand wie du kann an das Gute glauben." Bellatrix dreht sich weg und ruft Drei, damit er Fleur in ihr Zimmer trägt.

„Ich muss", flüstert Fleur. „Ich muss glauben."

Erst am nächsten Tag erfährt Fleur, dass Gabrielle in der Nacht fliehen konnte. Es erscheint ihr wie ein Wunder und erst als Drei ihr den leeren Raum zeigt, in dem Gabrielle zuvor lebte, beginnt ihr Geist langsam wieder zu glauben. Vielleicht gibt es doch Gutes.