Bella

Mein Herz hämmerte in meiner Brust, viel zu schnell und holprig.
Ich wand mich, versuchte mir das Herz aus der Brust zu reißen, damit es endlich aufhörte.
Der Schmerz war schlimmer geworden und steigerte sich weiter. Ich suchte verzweifelt nach etwas vergleichbarem, aber es fiel mir nichts ein. Es würde nicht mehr lange dauern, und ich würde durchdrehen. Ich schlug um mich und rief nach jemandem, der mich erlösen konnte, doch niemand hörte mich. Mit einem letzten dumpfen Schlag erstarrte mein Herz.
Das erste was ich wahrnahm war die Abwesenheit von Schmerz.
Das zweite, dass ich trotz des Feuers in mir noch zu Leben schien.
Vorsichtig bewegte ich meine Finger, formte die Hände zu Fäusten, dann öffnete ich die Augen. Es war als würde ich sie zum ersten Mal richtig öffnen. Als wäre ich neugeboren worden. Ich sah alles. Jeder einzelne Faser der Blätter an den Bäumen, jede winzige Vertiefung an ihren Stämmen. Alles war so klar, als hätte ich die Welt bis her nur durch einen Schleier gesehen.
Ein Rest des Feuers der Verwandlung war übrig geblieben und züngelte als kleines Flämmchen in meiner Kehle. Klein im Verglich zu dem Feuer. Der Schmerz war dennoch sehr intensiv und...irrational. Das Brennen löste ein Verlangen in mir aus, dass mich zu übermannen drohte.
Im Bruchteil einer Sekunde sprang ich auf.
Ich war ein Vampir. Mein Körper war für die Ewigkeit erstarrt, schnell und kraftvoll und potentiell tödlich. Ich war nicht nur äußerlich stark, sondern auch innerlich. Mein Durst wollte gestillt werden. Ich war eine unwiderstehliche Tötungsmaschine.
Keiner konnte mich verletzten, kein Bär, kein Jaguar und noch nicht mal Edward Cullen.

Rosalie

Ich hätte nie gedacht, dass unsere Familie durch Edwards Entscheidung so leiden könnte.

Ich hatte Bella nie gemocht, das gab ich ohne jeden Zweifel zu, doch Edward so leiden zu sehen, traf mich. Ich hatte ihn gewarnt, hatte ihm gesagt, dass die Sache mit Bella nur schlecht für ihn ausgehen konnte, doch ich konnte meinen Triumph nicht genießen, obwohl sich mein Rat bewarheitet hatte.

Nein, ich mochte Bella nicht, doch zu sagen, dass ich sie nicht auf irgendeine kranke Art und Weise vermisste, wäre eine Lüge.

Edward traf Bellas Verlust am meisten, ich konnte nur erahnen wie viel ihm die Entscheidung gekostet hatte, sie zu verlassen. Aber warum hatte er es überhaupt getan? Er machte alles unnötig kompliziert. Wie konnte er so egoistisch sein, und unserer Familie das antun? Alice war nicht mehr dieselbe. Sie benahm sich genau gegensätzlich zu ihrem eigentlichen Verhalten. Still und energielos saß sie neben Jasper auf dem Sofa. Ich konnte nicht verstehen, wie fertig es sie machte, von Bella getrennt zu sein. Sie war doch nur ein vollkommen durchschnittlicher Mensch! Aber meine ganze Familie war ja im Bezug auf Bella total übersensibel. Was fanden sie bloß an ihr? Was fand ich an ihr, dass ich sie vermisste? Jedoch natürlich nicht mal annähernd auf dieselbe intensive Art wie Edward und Alice und auch nicht wie Carlisle und Esme. Sagen wir einfach mal, dass ich mich an Bella gewöhnt hatte.

Emmett vermisste sie. Er hatte zu nichts Lust, zu keinen Wetten oder Wettkämpfen und er machte keine Witze mehr auf anderer Leute Kosten.

Ich hörte Edward ein paar Kilometer weiter südlich. In wenigen Sekunden würde er wieder hier sein. Er war nur wenige Stunden weg gewesen. Ich hoffte inständig, dass er seine Entscheidung zu Gunsten der Familie getroffen hatte.

Ich wollte endlich mein altes Leben und meine energiegeladene Familie zurück. Ich wollte endlich wieder einen gutgelaunten Edward sehen.

Wir alle starrten auf die Hintertüre und warteten auf seine Rückkehr.

Zum ersten Mal, seit wir in Kanada angekommen waren, war so etwas wie Hoffnung in unseren Gesichtern zu sehen.

Doch als ich Alices niedergeschlagenen Blick sah, wusste ich schon, dass sein Entschluss nach wie vor derselbe war. Auch die anderen, die sich vor Spannung unbewusst nach vorne gelehnt hatten, ließen sich wieder auf dem Sofa zurück sinken, resignierter denn je.

Edward war nur nachhause gekommen, um Alices Bericht zu Bellas Zukunft zu hören.

Sie hatte ihm das Eingeständnis abgerungen, einmal in der Woche Bellas Zukunft überprüfen zu dürfen. Jeden Montagabend um halb Neun. Wir lebten praktisch nur für diesen einen Moment, in dem Alice uns mitteilte, dass Bella irgendwelche Pläne fürs Wochenende hatte, oder einen Kuchen backen wollte. Wir überstanden die Woche nur damit, ein Lebenszeichen von ihr bekommen zu haben.

Edward öffnete Türe und ließ sich neben Carlisle sinken. Keiner fragte nach seinem Entschluss, wir kannten ihn alle schon durch Alices Verhalten.

Unser alle Blicke waren auf sie gerichtet.

Sie nickte uns zu, schloss die Augen und konzentrierte sich auf Bellas Zukunft.

Nach einer halben Minute hatte sie immer noch nichts gesagt.

„Was ist da los, Alice?", fragte Edward voller Ungeduld. Er las ihre Gedanken, doch scheinbar war Alice sich nicht sicher.

Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich weiß auch nicht. Das ist mir noch nie passiert. Ich glaube, etwas stimmt mit meiner Gabe nicht."

Sie massierte sich die Schläfen.

„Was ist los?", fragte Emmett nervös, er hasste diese Art von Zwiegespräch. Sie antwortete nicht.

„Alice?" Jasper strich ihr besorgt über den Arm.

Esme und Carlisle rutschten unruhig auf dem Sofa herum und ich legte endgültig das Buch aus der Hand, in dem ich sowie so nicht gelesen hatte.

„Herr Gott noch mal, jetzt sagt schon was los ist!", beschwerte sich Em.

„Ich sehe nichts!", sagte Alice frustriert.

„Nichts?" Emmett konnte es nicht glauben.

„Vielleicht stimmt ja etwas nicht", warf ich ein.

„Ich weiß es nicht." Alice hob hilflos die Schultern. „Es kann auch an meiner Gabe liegen. Zurzeit entgeht mir vieles."

Edward schien kurz vor einem Nervenzusammenbruch zu stehen.

„Dann konzentrier dich!" Er war lauter geworden.

„Das tu ich doch, Edward, ich...", sagte Alice noch bevor Jasper sie unterbrach.

„Alice gibt ihr bestes! Du solltest ihr danken statt sie anzuschreien." Jasper funkelte Edward böse an.

Carlisle hob beschwichtigend die Hände.

„Das bringt doch jetzt nichts. Edward, es könnte etwas mit Bella passiert sein, vielleicht sollten wir ihr einen kurzen Besuch abstatten. Sie muss uns ja nicht sehen."

„Ich kann das machen", sagte Emmett sofort. Er hasste es machtlos zu sein.

„Nein." Edwards Stimme duldete keinen Widerspruch. „Es wird an Alices Gabe liegen. Ich habe Bella versprochen, dass es sein wird, als hätte es uns nie gegeben. Es wäre...falsch, sich weiter in ihr Leben einzumischen, auch wenn sie es nicht merken würde." Edward schien vollkommen überzeugt.

„Edward, bitte", sagte ich in einem letzten Versuch ihn umzustimmen.

„Es kann doch nicht ewig so weiter gehen. Kannst du auf Dauer so weiter leben? Ich kann es nicht. Es geht nicht mehr ohne Bella."

Alle sahen mich überrascht an. Ich hatte nie ein Geheimnis aus meiner Abneigung Bella gegenüber gemacht.

Edwards Augen sprühten förmlich Funken vor Wut.

„Rosalie, du hasst Bella. Du konntest sie noch nie leiden, also tu jetzt nicht so, als wüsstest du, was das beste für sie oder für uns ist."

Ich starrte ihn böse an und sprang ohne zu überlegen auf.

„Es geht mir nicht um Bella, meine Sorge gilt dieser Familie. Du machst uns alle kaputt mit deiner selbstsüchtigen Entscheidung. Wir haben ein Recht auf ein unbeschwertes Leben, Edward, merkst du nicht, was du alles zerstörst?"

Edward war ebenfalls aufgesprungen. Seine Oberlippe zog sich zurück und entblößte seine Zähne. „Ich werde nach Forks fahren und nach Bella sehen. Ich werde ihr die ganze Wahrheit sagen", drohte ich.

„Wenn du das machst, Rosalie, bist du nicht mehr meine Schwester", knurrte Edward.

„Rose", sagte Carlisle, bemüht die überschäumenden Emotionen zu besänftigen.

„Wir müssen Edwards Entscheidung akzeptieren. Es ist ganz allein seine Sache, wie er die Situation handhaben möchte."

„Ist es nicht", schrie ich zornig. „Es ist genauso unsere Sache. Kannst du noch lachen, Carlisle, kannst du unser bisheriges Leben weiterführen, als wäre nichts gewesen?"

Er schwieg, weil die Antwort auf der Hand lag.

Edward stellte sich mir in den Weg. „Du wirst das nicht machen, Rose", knurrte er.

Mir war bewusst, dass er mich nicht würde gehen lassen.

„Nicht heute", sagte ich tonlos und verschwand aus dem Wohnzimmer.

Bella

Mit einem einzigen geschmeidigen Satz stand ich vor ihm.

Es dauerte einen Augenblick, bis der Wandere mich sah. Sein unglaublich anziehender Duft sättigte die Luft und ließ meine Kehle in Flammen aufgehen.

„Miss, haben sie sich verlaufen?", fragte er heißer und versuchte sich geräuschlos zu räuspern, wobei sein Blick verschleiert meinen Körper fixierte.

Sein Mund stand leicht offen, seine Augen weiteten sich.

„Nein", sagte ich und schenkte ihm ein verführerisches Lächeln.

Er starrte mich verwirrt an, seine Lippen bebten.

„Nun, was... was tun Sie... dann hier?", stammelte er. Ihm entwich ein leises Keuchen.

„Ich werde meinen Durst stillen." Ich beobachtete jede seiner Regungen.

Sein Kinn zuckte. Die Erregung, die er bei meinem Anblick empfand, wurde von Angst überschattet.

Er machte ungeschickt ein paar Schritte rückwärts, ich hielt ihn an seiner Jacke fest.

„Na, na, na, wo willst du denn hin?", fragte ich und lehnt mich nah zu ihm hin.

Der Wanderer schluckt, sein Adamsapfel hob und senkt sich. So nah an seiner Kehle traf mich eine Wolke seines Duftes in konzentrierter Form. Gierig sog ich ihn ein.

Der Mann war wie versteinert.

Langsam ließ ich seine Jacke los.

Ich beugte mich noch näher zu ihm, meine Lippen streiften seinen Hals.

Ihm entwich ein leises Stöhnen. Als ich mich wieder von ihm weg lehnte und ihm tief in die Augen sah, wurde sein Blick panisch.

Durch die Lichtverhältnisse, hatte er meine blutroten Augen zuerst nicht gesehen.

Er wollte davon rennen, ein paar Schritte in die andere Richtung erlaubte ich ihm, dann sprang ich so blitzschnell vor ihn, dass er fast in mich hineingerannt wäre. Das wäre für ihn ziemlich schmerzhaft gewesen. Wer rannte schon freiwillig gegen einen Felsbrocken?

Ich kauerte mich vor ihm hin, bereit zum Sprung.

Panisch versuchte der Mann in entgegen gesetzter Richtung zu flüchten, doch ich hatte genug mit ihm gespielt. Meinen Körper dürstete es nach seinem Blut. Ich schnellte vor und versenkte meine messerscharfen Zähne in seinem Hals. Ich trank schnell und schon nach wenigen Schlucken erschlaffte sein Körper.

Was für ein lachhafter kleiner Mensch, ein dreckiges Würmchen, keine Träne wert.

Menschliche Reaktionen waren so leicht vorhersehbar.

Ungerührt betrachtete ich die Leiche des Mannes auf dem grünen Untergrund.

Ich machte mir nicht die Mühe, ihn wegzuschaffen. Innerhalb der nächsten paar Tage würde man ihn finden, doch Spuren, die einem zum Täter führen könnten, gab es nicht.

Ich hinterließ keine Spuren. Ich war das perfekte Raubtier.

Ich beschloss nachhause zu gehen und etwas frisches zum anziehen zu holen. Charlie war um diese Uhrzeit arbeiten. Ich rannte los, der Wind peitschte mir ins Gesicht. Ich genoss die vielen Gerüche, es duftete nach Harz und Blättern und ein bisschen modrig.

In wenigen Sekunden stand ich am Waldrand. Ich konnte Charlies Haus durch die Zweige sehen. Mein Transporter war am Randstreifen geparkt. Das Bild strahlte Normalität aus, als hätte sich mein Leben nicht vollkommen verändert.

Ich sah mich um, bevor ich aus dem schützenden Wald trat und im Bruchteil einer Sekunde den Rasen überquerte.

Ich nahm den Schlüssel aus dem Versteck unter dem Dachvorsprung, schloss auf und rannte hinauf in mein Zimmer. Ich wollte gerade eine frische Jeans anziehen, als mir das cremfarbene Kleid einfiel, das ich mir für Jaspers und Alices geplante Hochzeit gekauft hatte. Ohne zu zögern streifte ich es über und schloss den Reisverschluss am Rücken.

Im Badezimmer riskierte ich einen Blick in den Spiegel.

Überwältigend. In meinem zerzausten Haar hatten sich Blätter und kleine Zweige verfangen, ich sah wild aus. Unwerfend schön. Meine blutroten Augen starrten mich potentiell tödlich aus meinem bleichen kantigen Gesicht an. Ich war nicht minder perfekt als Rosalie.

Ein fieses Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Ich war niemand mehr, den man einfach so zurückweißen konnte. Es gab Fehler, für die andere mit ihrem Leben würden bezahlen müssen.

Mit schnellen Bürstenstrichen kämmte ich mein Haar und verlies lautlos und ohne einen Hinweis zu hinterlassen, der bezeugen könnte, dass ich hier gewesen war, das Haus.

Mit wenigen Sätzen verschwand ich wieder im Wald. Dorthin, wo ein Raubtier hingehörte.