2.Kapitel

Féwens Kindheit war eine wunderbare Zeit. Anfangs ging die Mutter, wie sie Fenara jetzt nannte, immer mit ihr zur Schneiderei, und sie hörten den Frauen und wenigen Männern beim Reden und Geschichten erzählen zu.

Ein Jahr nach ihrer Ankunft kam sie in die Schule.

Die Schule war eine öffentliche Einrichtung, wo allen Kindern Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht wurde. Nach vier Jahren war die Schulzeit meistens beendet, die Kinder halfen auf den Feldern oder anderswo mit.

Féwen war glücklich in der Schule, sie lernte eifrig und begriff schnell. Auch interessierte sie sich mehr und mehr für die Geschichte Mittelerdes.

Sie las viele Bücher aus der Bücherei in der Burg. Am Besten gefiel ihr wie schon früher, die Geschichte vom Ringkrieg. Vor allem die fremden Völker interessierten sie.

In ihrem zweiten Schuljahr konnte sie mehrere Wochen nicht zur Schule gehen, weil Fenara ein Kind erwartete und Féwen ihr bei der Arbeit half.

Sie machten jetzt häufig Spaziergänge durch den Wald, und Fenara zeigte ihr Pflanzen und Tiere. Das war die Zeit, in der Féwen den Wald lieben lernte.

Fenara blieb bis zuletzt in ihrem Haus. Erst als die Wehen einsetzten, ging sie hoch zur Burg, zusammen mit Féwen.

Diese Geburt schockierte Féwen. Sie sah mit an wie Fenara sich vor Schmerzen krümmte und überall liefen Leute herum und keiner achtete auf das kleine Mädchen. Als sie sah, wie das Kind aus Fenara herauskam, war sie furchtbar erstaunt.

Sie hatte zwar gemerkt, dass Fenaras Bauch immer dicker wurde, aber wie war das Kind darein gekommen, wenn es doch schon so schwer heraus zu holen war?

Diese Frage stellte sie abends Maelafin. Der erklärte ihr, dass Männer machen konnten, dass Frauen Kinder bekamen, sie würden einen Samen in eine Frau pflanzen, der dann wachsen würde. So ganz verstand Féwen das nicht, aber mehr war aus Maelafin nicht herauszukriegen, also nahm sie sich vor, bei nächster Gelegenheit Fenara zu fragen.

Fenara hatte ein Mädchen bekommen. Sie bekam den Namen Maev. Féwen liebte ihre „Schwester" abgöttisch, und Maev schaute bewundernd zu ihr auf. Auch später sollte sich das nicht ändern, die beiden Schwestern hatten immer eine ganz besondere Beziehung.

Eine wichtige Entscheidung für Féwens weiteren Lebensweg war, dass sie weiter zur Schule gehen sollte. In vier Schuljahren hatte sie mehr gelernt, als andere Kinder ihres Alters, und sie hatte eine mathematische Begabung. Mit dreizehn Jahren bekam sie also Privatunterricht von einem der Ratsmitglieder, Golar, Goldorons Sohn.

Er war ein älterer Mann, der schon lange in Thanglhein lebte. Und von ihm erfuhr sie das erste Mal richtig, was diese Leute hier wollten.

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Féwen dachte an den alten Mann mit dem Bart, ihren Lehrer. Er hatte ihr damals die Augen geöffnet.

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Golar erzählte von der Unzufriedenheit mit dem falschen König. Dann berichtete er von den mit den Jahren immer stärker werdenden Gerüchten von den Südländern, die wieder anfingen, Orks zu züchten. Féwen erschrak, als sie davon hörte. Orks waren doch böse! Wieso wollte jemand sie wiedererschaffen? Über diese naive Frage musste Golar schmunzeln.

Diese Leute waren auch von Grund auf böse. Nach dem Ringkrieg hatte man ihren Ahnen das Land weggenommen, und auch jetzt gehörten sie zu den unteren Schichten der Gesellschaft. Sie waren wütend. Und der Mann, der zu dieser Zeit auf dem Thron in Minas Tirith saß, gehörte zu ihnen. Elessars Erben waren unauffindbar, Rohan und Gondors Bewohner wurden unruhig. Das Volk Gondors hungerte, damit Orks gezüchtet werden konnten. Sobald die Orks vom König als harmlos und freie Bürger bezeichnet werden würden, würden Rohan und seine Verbündeten eine Rebellion gegen den König ansetzten.

Die Leute aus Thanglhein wollten dabei helfen, die Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Sie sollten sich auf die Suche nach den letzten Elben machen, und sie bitten, ihnen im Kampf gegen die Orks zu helfen.

Früher waren schon ein paar Leute aufgebrochen, sie zu suchen, doch bislang war keiner von ihnen zurückgekehrt. Vielleicht würde man keinen der Erstgeborenen finden, hieß es doch immer, sie seien nach Valinor gegangen. In den nächsten Jahren würde ein großer Suchtrupp ausgeschickt werden.

Noch hatte kein Krieg begonnen, und in den nächsten zwei bis vier Jahren war auch noch nichts zu befürchten, aber man bemerkte schon die Unruhe im Volk.

Und immer mehr Menschen kamen nach Thanglhein, und die Stadt blühte und gedieh.

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Was hatte sie nicht alles von Golar gelernt! Er hatte sie in das Ratswesen und die neue Politik, in der jeder mitbestimmen konnte, eingewiesen.

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Es gab großes Fest zum Beginn des Frühlings, und Féwen lachte und tanzte viel. Golar setzte sich kurz zu Maelafin, und sie kamen auch auf Féwen zu sprechen. Von ihm hörte er auch zum ersten, und nicht zum letzten Mal an diesem Abend ein Kompliment über seine Tochter: „Eure Féwen wird ein ungemein schönes Mädchen." Da fiel Maelafin zum ersten Mal auf, dass aus dem kleinen Mädchen eine Frau wurde. Auch wenn sie es nicht bemerkte, sah ihr Vater, wie sich die Blicke mancher junger Männer auf sie richteten. Für ihr Alter hatte sie schon sehr weibliche Formen, und gemischt mit ihrer kindlichen Naivität war es eine Kombination, die Männer anzog.

Irgendwann wurde sie das Tanzen müde und ging hinunter zum Bach. Dort ließ sie ihre nackten Füßen ins Wasser hängen und träumte vor sich hin. Sie war fast eingenickt, als sie einen heißen Atem in ihrem Nacken spürte. Sie drehte sich um und blickte in das Gesicht von Borík. Sie kannte ihn schon lange, früher hatte sie mit ihm gespielt.

„Du riechst gut", sagte er jetzt. „Wie die Angelikablüte." Er selbst roch nach Getränk der Männer, Bier nannten sie es. Als sie merkte, wie er versuchte sie zu küssen, stieß sie ihn zurück. Sie mochte seinen feuchten Mund nicht, und die leise Angst, die sie bekam, verlieh ihr Kraft. Er versuchte, sie festzuhalten, doch sie schlug ihm ins Gesicht und schrie: „Lass mich los, Bauernlümmel, lass mich los!" Dann sprang sie rasch auf und lief in den Wald. Dort atmete sie mehrmals ein und aus, dann kroch sie durch das Gebüsch zurück zum Festplatz nahe der Burg. Ihr Rock blieb an einem Ast hängen, und wurde nun von einem Riss verunziert. Als sie den Festplatz endlich erblickte, war sie müde, Fenara und Maev waren schon vor einer Weile gegangen, und Maelafin dachte, sie wäre auch schon zu Hause.

So erblickten ihr Vater und ihr Lehrer sie: Mit zerrissenem Kleid, Laub im Haar und geröteten Wangen. Maelafin wollte schimpfen, doch sie war so müde, dass sie fast umkippte, also ließ er es sein und brachte sie rasch nach Hause.

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Das war ein Abend gewesen... Féwen lächelte, als sie daran dachte.

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Am nächsten Morgen wachte Féwen auf, und war überaus munter und keineswegs schuldbewusst. Sie empfand jedoch im Grunde ihrer Seele eine gewisse Beklommenheit. Plötzlich fiel ihr Borík ein, und dass er sicher nie wieder mit ihr Räuber und Gendarm spielen würde.

Während sie sich ankleidete, betrachtete sie gelegentlich ihre Brust. Es kam ihr vor, als wölbe sich ihr Busen, und sie dachte: „Bald werde ich Brüste wie Mutter haben."

Sie wusste nicht, ob sie darüber stolz oder erschrocken war. Alle diese Verwandlungen verwunderten sie, und vor allem hatte sie das Gefühl, dass etwas zu Ende ging. Ihr vertrautes und freies Leben war bedroht. Es würde ein neuer Abschnitt in ihrem Leben beginnen.

In ihrem vierzehnten Lebensjahr wurde Féwen zur Frau. Sie führte ein langes Gespräch mit Fenara, die ihr viel erzählte. Von dem Glück, einen Mann zu lieben und Kinder gebären zu können, und von dem Schmerz, der einem zugefügt werden konnte. Nie zuvor hatte sich Féwen Fenara so nahe gefühlt, und sie war erstaunt darüber. Verunsichert und erfreut in gleichem Maße, führte sie ihr Leben so weiter wie bisher.

Sie ging jeden Tag in die Burg, und Golar lehrte sie alles, was sie wissen wollte. Zu Hause erzählte sie es Maev, die auch ganz begierig darauf war.

Maev ähnelte ihrer Schwester vom Äußeren in keiner Weise.

Während Féwens rötlich blonde Haare leicht gewellt waren, fiel Maevs Haar glatt über ihre Schultern und war dunkelbraun. Féwens hüftlange Haare wurden jeden Morgen sorgsam geflochten, so dass sich nur einige Strähnen lösen konnten. Maevs Haare gingen nur knapp über die Schultern, und sie trug sie offen.

Féwens Gesichtszüge waren ausgeprägt, eine mittelgroße Nase, grünblaue Augen, volle Lippen und ein energisches Kinn, alles in einem gesunden Braunton.

Maev hatte eine zierliche kleine Nase, einen kleinen Mund auf einer sandfarbenen Haut. Unter langen Wimpern guckten zwei große, braune Augen hervor.

Maevs Körper war zierlich, jedoch nicht zu dünn. Auch Féwen war immer sehr zart gewesen, doch jetzt waren ihre Schultern und Hüften breiter geworden. Fast ein bisschen füllig, was aber durchaus dazu passte.

Féwen sah man ihre innere Stärke an, Maev wirkte verletzlicher. Außerdem hatte die Jüngere Fenaras innere Ruhe geerbt. Féwen brauchte mehrere Jahre, um zu lernen, ihre Gefühle besser unter Kontrolle zu bekommen.

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Und bis sie es gelernt hatte, hatte sie noch eine Lektion erteilt bekommen. Féwen dachte an die Erfahrung, die sie durch den Reiter aus Rohan gesammelt hatte.

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