Kapitel 2

1

Henry Maynard, Naturwissenschaftler und Leibarzt der königlichen Familie, legte die Hantel in die Halterung und griff nach dem Handtuch, um den Schweiß zu trocknen, der sich durch die Anstrengung auf seiner Haut gebildet hatte. Feste Muskeln spannten sich unter seiner Haut und er genoss jede Bewegung mit stiller Achtsamkeit. Er schaute in den Spiegel, den er für seine Übungen hatte aufstellen lassen. Darin sah er einen hochgewachsenen, reifen, aber muskulösen Körper, mit klaren, blauen Augen in einem ernsten, aber sanften Gesicht. Die dunklen Haare waren gewachsen und fielen nun bis zu seinen Schultern.

Seit er das Übungsprogramm, das er zusammen mit Captain Daniel Pierce entwickelt hatte, jeden Morgen ausführte, hatten sich bedeutende Erfolge gezeigt. Mit seinen fünfzig Jahren war Henry zwar nicht mehr jung, aber er weigerte sich standhaft, das Alter nach seinem Körper greifen zu lassen.

Ein leises Lächeln trat in sein Gesicht, als er mit stiller Erwartung an den Tag dachte, der vor ihm lag. Zufrieden legte er das Handtuch beiseite und ging in sein kleines Badezimmer, um seinen Körper zu reinigen. Er zog sich an und legte seinen Umhang um die Schultern. Dann nahm er den Korb und das kleine Messer für die Pflanzen vom Tisch und ging zur Tür. Nach einem tiefen Atemzug öffnete er sie und trat aus seinem Gemach.

Heute war der erste Tag der Woche, an dem Henry Maynard gewöhnlich seine Runde durch die Gärten machte. Er wollte die frühen Morgenstunden für seine Sammlung nutzen, denn zu dieser Zeit waren die Blätter noch stark und voller Leben, und boten deshalb die besten Zutaten für alles, was Henry aus ihnen herstellen wollte.

Aber vor allem gab es zu dieser Zeit in den Gärten ein geheimes, einzigartiges Schauspiel, das Henry um nichts in der Welt verpassen wollte.

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne schienen durch die großen Fenster des Ganges, und der blaue Himmel verhieß einen freundlichen, warmen Tag. Die Dienstboten, die ihm in den Gängen begegneten, grüßten ihn freundlich. Alle respektierten ihn, und seit sich seine Erscheinung im Laufe der letzten Jahre langsam gewandelt hatte, bemerkte Henry auch immer mehr Damen, die ihm zulächelten. Doch keiner Frau war jemals gelungen, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Keiner, außer einer.

Die Gärtner, die am frühen Morgen ihrer Arbeit nachgingen, wussten, dass Henry Maynard immer eine bestimmte Route durch die Gärten nahm. Besonders die Stellen, die man etwas verwildern ließ, um den Vögeln, Insekten und kleinen Tieren ihren Raum zu lassen, suchte er gerne auf, um wilde Pflanzen zu sammeln.

Henry ließ seinen Blick über die Gärten schweifen und genoss das junge Grün, die frische Luft und das morgendliche Zwitschern der Vögel. Er begann, die Pflanzen zu sammeln, die er auf der Liste in seinem Gedächtnis vermerkt hatte. Doch bald wurde ihm bewusst, wie schnell sein Herz schlug, denn heute war es anders als sonst.

Ich bin aufgeregt, wie ein kleiner Junge...

Henry schnitt einige Blätter von den Brennnesseln am Rande der Wiese ab und merkte, dass seine Hände zitterten. Kopfschüttelnd ging er weiter und versuchte, sein klopfendes Herz zu beruhigen.

Ich muss mich beruhigen!

Aber es gelang ihm nicht. Wie von einer unsichtbaren Kraft angezogen lenkte er seinen Schritt zur letzten Wiese. Sie war von einer Hecke umgeben, die wie ein kleines Labyrinth an ihrem Rand wuchs. Eine kleine Gittertür an einer versteckten Stelle im Labyrinth öffnete den Weg und...

Henry blieb stehen.

Dort drüben...

In einer kleinen Nische der Hecke stand eine Bank neben einem Rosenstock. Es war ein alter Gerudo-Rosenstock, der schon lange nicht mehr geblüht hatte. Aber heute war dort eine rote Rose, die sich gerade erst geöffnet hatte. Henry ging hinüber und setzte sein Messer an, doch er hielt inne, als sein Blick sich in ihrem Kelch verlor. Tautropfen lagen wie schillernde Perlen auf ihren zarten Blütenblättern, und ihr sanfter Duft liebkoste seine Nase. Sie war wunderschön, und Henry ließ sein Messer sinken.

Nein. Diese Rose durfte er nicht schneiden.

Denn die Rose... war ein Zeichen.

Mit einem tiefen Atemzug fühlte er, wie sein klopfendes Herz sich endlich beruhigte. Er legte das Messer wieder in den Korb und schritt zurück zu der kleinen Gittertür in der hohen Hecke. Den Weg durch das kleine Labyrinth kannte er genau und ging ruhigen Schrittes durch die grünen Gänge. Eine neue Selbstsicherheit durchströmte ihn, und er fühlte sie wie eine Bestätigung seiner Hoffnung.

Vor der letzten Biegung blieb er stehen und nahm nochmals einen tiefen Atemzug. Dann erhob er den Kopf und trat um die Ecke.

In der Mitte der Wiese stand eine große Linde, und darunter eine alte, steinerne Bank. Vor der Bank lag ein flaches Wasserbecken mit einem kleinen Springbrunnen aus weißem Marmor in Form einer Rose. Das beruhigende Plätschern des Wassers mischte sich mit dem Zwitschern der Vögel und dem leisen Rauschen des Windes in den Blättern. Im emporstrebenden Wasser des Brunnens glitzerten die Strahlen der Sonne, die inzwischen höher gestiegen war. Henry Maynard stand von stillem Staunen erfüllt, denn dort bei der Linde, auf dem breiten Rand des Brunnens, war... sie.

Vorsichtig ging er durch das Gras näher und ließ sie nicht aus den Augen. Einige Schritte vor ihr blieb er stehen, wie immer überwältigt von ihrem Anblick.

Sie saß aufrecht, mit gekreuzten Beinen, und ihre Hände lagen locker auf ihren Knien. Ihre Augen waren geschlossen und ein friedlicher Ausdruck lag auf ihrem schönen Gesicht. Die leichte Brise ließ die Blätter der Linde leise rauschen und wehte durch ihr langes, schneeweißes Haar, das offen über ihre Schultern fiel. Sie saß so still wie eine Statue, doch ihre Brust hob und senkte sich in einem langsamen, ruhigen Rhythmus, während Henry sie betrachtete. Sie war das schönste Wesen, dass er sich vorstellen konnte, und heute war der Tag gekommen, da sein Schweigen ein Ende haben sollte.

Er räusperte sich leise, und ihre Augen schnappten auf.

Rot wie die einzelne Rose bei der Bank starrten sie ihn an, doch ihr Blick war leer.

"Madam..."

Wie aus weiter Ferne zurückkehrend trat der Fokus in ihre Augen, und Henry Maynard sah zum ersten Mal in seinem Leben etwas, das ihm völlig den Atem verschlug.

Impa lächelte.

Ihre vollen Lippen wölbten sich und ihre Augen leuchteten mit einem freundlichen, verschmitzten, verspielten Ausdruck. Henry war verblüfft, denn ihr Gesicht veränderte sich dadurch so sehr, dass er nicht wusste, was er sagen sollte.

"Guten Morgen, Meister Maynard", sagte sie mit sanfter, freundlicher Stimme, die so völlig anders war, als der befehlende Ton, in dem sie üblicherweise sprach.

Henry lächelte ebenfalls, und jegliche Anspannung fiel von ihm ab. Impas Lächeln strich über sein Gemüt wie ein warmer Wind, der alle Angst und Beklemmung mit sich nahm, und nur Erleichterung und Freude übrig ließ.

In einer fließenden, geschmeidigen Bewegung stand sie auf, ging zu der alten Bank unter der Linde und setzte sich.

"Ich habe noch ein wenig Zeit", sagte sie, während sie mit einer einladenden Geste auf den Platz neben sich wies.

Henry Maynard stellte seinen Korb auf den Rand des Brunnens, legte seinen Umhang ab und setzte sich zu Impa auf die Bank. Er wandte sich ihr zu und legte seine Handflächen aneinander. Für einen kurzen Moment bedeckte er dann mit den Händen sein Gesicht, voller Staunen und Unglauben, doch trotzdem voller Freude. Nachdem er seine Gedanken geordnet hatte, atmete er tief ein und schaute in die leuchtenden, roten Augen.

"Als ich ein kleiner Junge war", begann er, "nahm mein Vater, der damals noch in Castletown wohnte, mich eines Tages mit ins Schloss, um die monatliche Visite bei der Königsfamilie durchzuführen. König Nohansen - Lady Zeldas Vater - der damals genau so alt war, wie ich - war als erster dran. Als er fertig war, schickte uns der alte König in die Gärten zum spielen. Ich freundete mich bald mit Nohansen an, und er verriet mir ein Geheimnis. Ich musste ihm versprechen, niemandem etwas davon zu erzählen, und dann führte er mich hierher. Wir schlichen durch das Heckenlabyrinth und durch das nasse, hohe Gras - denn damals war es noch nicht gemäht - bis in die Nähe des Brunnens.

Und hier... sah ich Euch.

Es war ein Frühlingsmorgen wie dieser, und ich war ungefähr zehn Jahre alt. Ihr saßt am Brunnen, genau wie heute, und... ich hatte noch nie in meinem Leben etwas Schöneres gesehen.

Madam Impa... seit diesem Tag liebe ich Euch."

Henry verstummte.

Impa hatte ihm aufmerksam zugehört. Als er geendet hatte, schaute sie ihn für einen langen Moment an. Dann schloss sie die Augen und breitete langsam ihre Hände vor sich aus. Mit einem tiefen Atemzug öffnete sie die Augen wieder und betrachtete ihre Hände. Nach einigen Augenblicken schaute sie Henry an und fragte mit ernster, aber freundlicher Stimme.

"Meister Maynard, wieviel Finger zählt Ihr?"

Henry Maynard runzelte verwirrt die Stirn und schaute zuerst auf ihre Hände, dann wieder in ihre Augen.

"Zehn... ich zähle zehn Finger. Aber was bedeutet..."

Doch zwei schlanke, weiche Finger legten sich auf seine Lippen und verschlossen sie.

"Es bedeutet, mein lieber Henry", sagte Impa mit der sanftesten Stimme, "dass dies kein Traum ist."

Dann wanderten ihre Finger weiter und strichen langsam über seine Wange, während ihre Lippen zu seinen kamen.

Henry Maynard erschauerte, als sie ihn berührte. Langsam hob er seine Hände und strich zitternd über ihr weiches, weißes Haar, während sein Traum sich nach vier Jahrzehnten des Wartens endlich erfüllte.

2

Sie lagen vor dem warmen Feuer des Kamins auf einem Lager, das Henry aus mehreren Decken und Kissen auf dem Boden gebaut hatte. Ihm war schnell klar geworden, dass sein schmales Bett zu eng gewesen wäre. Impa lag unter einer Decke auf dem Rücken und hatte einen Arm über ihre Stirn gelegt. Ihre Augen waren geschlossen und die Decke über ihrer Brust hob und senkte sich langsam und gleichmäßig.

Henry Maynard lag auf der Seite, stützte mit einer Hand seinen Kopf und betrachtete sie. Ein ehrfürchtiger Ausdruck lag auf seinem Gesicht, während er langsam ihr Haar streichelte, so weiß, und so weich. Sie regte sich unter seiner Berührung und schlug die Augen auf. Sogleich hielt sie eine Hand vor ihre Augen, und Henry lächelte.

"Fünf Finger", sagte er leise.

Ihre roten Augen richteten sich auf ihn, und ein kleines Lächeln trat auf ihre Lippen.

"Das stimmt", sagte sie. "Kein Zweifel." Sie legte ihre Hand an seine Wange, und er wandte leicht den Kopf, um ihre Finger zu küssen. Ihre Hand wanderte zu seinem Nacken und zog ihn mit sanftem Druck zu sich hinunter. Ihre Lippen trafen sich in einem langen, ruhigen Kuss, bis Impa sich zurückzog.

Wieder streichelte sie seine Wange und wickelte eine Locke seines Haars um ihren Finger, während sie ihn liebevoll betrachtete.

"Du hast mir heute ein besonderes Geschenk gemacht", sagte sie leise, und ihre Augen glänzten vor Dankbarkeit.

Verwirrung überzog Henrys Gesicht, und er wollte schon fragen, aber sie legte wieder ihre schlanken Finger auf seine Lippen.

"Sch...", beruhigte sie ihn. "Du hast mir eine Tochter geschenkt. Ich danke dir dafür."

Seine Augen wurden groß vor Staunen. "Das... das weißt du?"

Sie lächelte und nickte. "Ich kann sie fühlen. Sie ist noch unsichtbar klein, aber sie hat dich angenommen und sich entschlossen, zu wachsen."

Henry richtete sich auf und verbarg sein Gesicht in seinen Händen. Er zog tief die Luft ein und atmete mit einem zitternden Seufzer wieder aus. Als er Impa wieder anschaute, glitzerten seine Augen vor Tränen.

"Heilige Schwestern", flüsterte er, "ich hätte niemals gedacht... dies ist doch ein Traum, oder nicht?"

"Du hast meine Finger gezählt", sagte Impa und nahm seine Hand. Langsam öffnete sie seine Finger und berührte nacheinander jeden einzelnen, während sie zählte.

"Eins... zwei... drei... vier... fünf." Er schaute ihr zu, wie sie zählte, dann schüttelte er langsam den Kopf.

"Es ist ein Wunder... du bist ein Wunder."

"Aber du hast es möglich gemacht", sagte sie. "Du bist zu mir gekommen, und dafür danke ich dir."

Henry lächelte ein wenig verlegen und wandte den Blick ab. Aber Impa richtete sich ebenfalls auf, und die Decke glitt von ihrem Körper. Sie legte einen Finger unter sein Kinn und hob es sanft an, um seinem Blick zu begegnen. Ihre roten Augen schauten in seine, und sie fragte:

"Möchtest du deiner Tochter einen Namen geben?"

"Meiner Tochter...", sagte er leise, und sein Blick glitt in die Ferne. Dann legte sich ein leuchtendes Lächeln auf sein Gesicht, und er schaute wieder zu Impa.

"Drilla... das ist ein Wort aus der Sprache der Gerudos, und es bedeutet..."

"...Rose", beendete Impa den Satz mit einem Nicken. "So sei es."

Sie legte ihre warmen Hände auf Henrys neue, feste Schultern und zog ihn sanft zu sich. Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie zärtlich. Sie erwiderte seinen Kuss und drängte sich näher an ihn. Beide sanken sie zurück in die Kissen, während ihr Kuss leidenschaftlicher wurde. Henry Maynard spürte ihre weiche Haut und ihre festen Muskeln, als ihr geschmeidiger Körper sich langsam um seinen wand und ihn verzehrte.

3

Das Feuer war herunter gebrannt, als Impa erwachte. Neben ihr lag Henry Maynard, mit seinem Gesicht ihr zugewandt, seine Augen geschlossen und sein Arm um ihre Taille gelegt. Die unweigerliche Prüfung der Realität ergab zehn Finger, und sie lächelte. Sanft hob sie Henrys Arm und entwand sich seiner Umarmung. Sie erhob sich und ging zum nahen Sofa, wo sie ihre Kleider abgelegt hatte. Schnell und beinahe geräuschlos zog sie sich an. Dann ging sie zurück zu dem Lager auf dem Boden, wo Henry noch immer ruhig schlief. Er hatte sich inzwischen auf den Rücken gedreht, und sie freute sich, dass sie ihn nicht würde bewegen müssen. Sie kniete sich zu ihm auf die Decken, legte ihre warmen Finger an seine Schläfen und brachte ihr Gesicht zu seinem.

"Lebwohl, mein Liebling", flüsterte sie leise und küsste seine Lippen.

Auf sie sanfteste Weise, die ihr möglich war, drang sie in Henrys Geist ein und umgab die Erinnerung an den Tag, der vorbei gegangen war, mit einer hellen Barriere aus Freude und Dankbarkeit. Sein Geist war so schön, so ehrlich, und so edel, dass sie es nicht übers Herz brachte, die Barriere vollständig zu verschließen. Deshalb ließ sie etwas offen, wie ein Schlüsselloch. Leise flüsterte sie ihm den Schlüssel zu, der die Erinnerung eines Tages vielleicht wieder für ihn öffnen würde.

"Drilla..."

Dann erhob sie sich und verließ auf leisen Füßen sein Gemach, bevor das Leben im Schloss Hyrule erwachte.