Ich war die Erste die am nächsten Morgen erwachte. Mein Schlaf war alles andere als erholsam gewesen. Immer und immer wieder war ich hochgeschreckt, bereit mich mit all meinen Kräften zu verteidigen. Doch stets waren es nur die normalen Geräusche von Schlafenden gewesen. Ich musste zugeben, dass mein Misstrauen ein wenig sank. Agenten der träumenden Finsternis ließen sich nie lange Zeit. Bei der erstbesten Möglichkeit schlugen sie normalerweise zu.

Trotzdem wachsam bleiben, sagte ich zu mir selbst.

Ich richtete mich auf und nickte den Warforged zu, die mich ansahen.

„Ihr seid unruhig gewesen in der Nacht." stellte Nolf fest.

„Ihr müsst euch keine Sorgen machen, wir sind eine gute Nachtwache" versicherte mir Angor.

„Die meiste Zeit zumindest" knurrte eine Stimme hinter mir.

„Einmal habe ich jemanden übersehen. Höre ich das jetzt ewig?" fragte Angor.

Ein herzhaftes Gähnen neben mir verriet mir, dass nun auch Nugk wach war. Ich lächelte ihr zu, während ich aufstand und meine Kleidung abstaubte. Sie lächelte ebenfalls, aber ihre Augen waren verquollen. Ich hatte sie vor dem Einschlafen noch schluchzen gehört. Doch nun schien sie guter Dinge. Sie hatte ihren Haarknoten gelöst und kämmte ihr sandfarbenes Haar bevor sie es mit einigen flinken Handgriffen wieder in einen perfekten Knoten band. Gedankenverloren fuhr ich mir an den Hinterkopf. Auch ich hatte meine Haare immer hinten zusammengebunden, was jedoch niemals so eine Perfektion erreichte wie Nugs Haare. Ich achtete auf mein Äußeres, da ich wusste, wie sehr es auf andere wirken konnte, doch mir selbst hatte es nie viel bedeutet. In den Augen von Menschen war ich durchaus eine schöne Frau, doch meine Schwestern und andere Kalashtar übertrafen mich in ihrem Aussehen.

Für mich wirst du immer die Schönste sein. Und außerdem hast du noch andere Qualitäten" hörte ich seine Stimme in meinem Kopf sagen und hatte dabei sein vertrautes Gesicht vor Augen, die linke hochgehobene Augenbraue, das Lächeln in seinem Mundwinkel.

Eine raue Stimme riss mich aus dieser schönen Erinnerung. „Und was nun?" fragte Roge und sah dabei Nugk an. Diese grinste. „Zuerst frühstücken." Und schon kramte sie in ihrer Tasche und holte ein wenig Brot, Äpfel und Käse aus ihrer Tasche. „Leider sind mir die Chamäleons ausgegangen. Naja, das muss auch reichen. Ich kann es kaum erwarten, wieder in zivilisiertere Gegenden zu kommen." Ich lächelte und fing den Apfel auf, den sie mir zuwarf. Das kurze gemeinsame Essen bot mir endlich die Gelegenheit herauszufinden, warum sie hier waren. Auf meine Frage ergriff natürlich wieder Nugk das Wort. „Wir wurden beauftragt nach den Drachensplitterfälschungen zu suchen." Drachensplitterfälschungen? Davon hatte ich noch nicht gehört. Mir war aufgefallen, dass viele rote Steine, die Drachensplittern ähnelten auf dem Markt waren. Aber über Fälschungen war mir nichts erkannt. Nugk hatte meinen Gesichtsausdruck wohl richtig gedeutet. „Ja, Fälschungen. Würde natürlich niemand zugeben, aber es kann kein Zufall sein, dass es zur Zeit diese Mengen an Drachensplittern gibt. Deswegen wurden wir beauftragt, der Sache nachzugehen. Wir haben uns anwerben lassen für einen geheimnisvollen Transport. Und so sind wir hierher gekommen. Aber außer viel Ärger haben wir noch nicht den Ursprungsort der gefälschten Splitter gefunden. Deswegen würde ich vorschlagen, wir untersuchen das Lager noch einmal."

„Ich würde mich gerne anschließen. Drachensplitter sind meinem Volk sehr wichtig und es wäre fatal, wenn diese Fälschungen sich noch mehr ausbreiten würden."

Nugk rutschte näher an mich heran und sah mich mit großen Augen an. „Dein Volk, soso. Willst du uns nicht näheres über dich erzählen?"

Ich musste unwillkürlich lachen. Natürlich hatte ich gehofft, sie würde es vergessen haben. Aber ich gestand mir ein, dass mir die kleine Goblindame sympathisch war. „Nugk, wenn wir mehr Zeit hätten, würde ich dir gerne von mir erzählen, aber ich denken nicht, dass dies hier der richtige Ort und die richtige Zeit sind. Du wirst dich vorerst damit begnügen müssen, dass ich auf der Suche nach Drachensplittern bin. Nach echten. Und ich bin gewillt, euch zu begleiten da meine Neugierde geweckt ist." Nugk wirkte ein wenig enttäuscht, doch sie akzeptierte meine Verschwiegenheit. Das erleichterte mich, da ich noch nicht gewillt war, mehr von meinem Volk zu erzählen.

„Da wir gerade davon sprechen. Woher sollen wir wissen, dass Ihr uns nicht im Weg sein werdet? Das einzige was wir wissen ist, dass ihr euch nicht aus der Höhle befreien konntet. Wir werden Euch nicht mitgehen lassen, wenn ihr Euch nicht nützlich machen könnt" sagte Roge und blickte mich finster an. Ich seufzte. Nun war es soweit. Ich würde ihnen mein Fähigkeiten nicht länger verschweigen können. Dies war ein kritischer Moment. Sollte doch ein Agent der träumenden Finsternis unter ihnen sein, so hätte er vielleicht gewartet, um mehr über mich herauszufinden. Dann also etwas einfaches, das mich gleich in eine Verteidigungsposition bringen würde. Ich sah mich um und konzentrierte mich auf einen umgefallenen Baumstamm ein paar Meter entfernt. Das kurze Prickeln meines Körpers als er blitzschnell durch die Ebenen glitt und sich am gewünschten Ort wieder einfand merkte ich kaum noch. Ich erkannte die erstaunten Gesichter meiner neuen Gefährten während ich mich anspannte und um mich herum eine Energiewand aufbaute. So stand ich nun da, starrte durch das Schillern meiner Schutzbarriere und wappnete mich geistig gegen einen Angriff. Nugk und die Warforged kamen langsam auf mich zu, während Roge mit gezückter Armbrust beim Lager stehen blieb. Diese Waffe fürchtete ich nicht, sie würde meinen Schutz nicht durchdringen können. Nugk ging langsam auf mich zu und streckte ihre Hand aus.

Ich werde nicht kampflos untergehen.

„Das ist ja der Wahnsinn" quietschte Nugk verzückt auf. „Sola, du besitzt Psikräfte!" Ich atmete erleichtert aus, wobei mir bewusst wurde, dass ich vor Anspannung den Atem angehalten hatte. Ich gestattete mir nun, den Blick von Nugk abzuwenden und sah Nolf und Angor an. Der größere der beiden klopfte mit dem Ende seines Hammer gegen die Barriere. In Nolfs Nicken las ich so etwas wie Anerkennung. Selbst Roge hatte seine Armbrust zumindest gesenkt. Nugks Stimme klang erwartungsvoll als sie mich fragte, was ich denn noch vollbringen könne. Ich löste die Energien um mich herum auf und stieg von dem Baumstamm herunter.

„Wieder muss ich dich enttäuschen werte Nugk, ich würde mir meine Kräfte lieber aufsparen. Wer weiß worauf wir heute noch stoßen werden." Nolf stimmte mir zu und riet uns, endlich aufzubrechen.

Das Lager lag unverändert vor uns. Die Leichen der Hobgoblins hatten bereits die ersten Aasfresser angelockt, die sich von unserer Ankunft nur kurz von ihrem Mahl abhalten ließen.

„Hier drin ist etwas" erklärte uns Nugk, nachdem sie jedes hölzerne Gebäude konzentriert angestarrt hatte. Dem Aussehen nach zu schließen handelte es sich um eine Art Lagerraum. Wir traten in die große Halle ein. Ich ließ meinen Blick schweifen und war fast enttäuscht. Bergbaugerätschaften, Minenwagen und Haufen von grauen Kristallen. Dies hier war also eine frühe Station in der Fälschungsanfertigung. Doch nichts daran schien magisch zu sein. Nugk ging zielstrebig durch die Halle, offensichtlich nicht interessiert an den leeren Kristallen. Wir folgten ihr stumm bis zur gegenüberliegenden Wand. Sie war nicht erbaut worden, sondern Teil des Berges. eine massive, steinerne Wand. Nicht nur ich schien verwirrt, doch keiner stellte Nugk in Frage. Die kleine Goblindame sah sich die Wand einen Augenblick an, und ging dann einfach hindurch! Ich vernahm einen überraschten Ausruf von Angor. Ich verstand was hier vor sich ging und folgte Nugk. Kein Widerstand war zu spüren, als ich durch die vermeintliche Mauer schritt. Nugk lächelte mir auf der anderen Seite zu, steckte ihren Kopf durch die von dieser Seite offensichtlichen Höhlenöffnung und sagte vergnügt: „Ihr könnt uns gerne folgen, hier drinnen ist es spannender als da draußen". Ich sah mich in der Zwischenzeit um. Es schien eine natürliche Höhle zu sein, die aber vergrößert und angepasst worden war. In einer Wand waren Vertiefungen eingeschlagen worden, um eine Art Regal zu schaffen. Doch das interessanteste befand sich in der Mitte der Höhle. Ein riesiger roter Kristall, wohl fünffach so groß wie Angor und eine Apparatur mit einer Linse davor. Nach und nach hatten sich meine Gefährten durch die Mauerillusion gewagt und standen ebenso staunend wie ich in der Höhle. Der Kristall und die Linse zogen Nugk und mich beinahe magisch an. Ich streckte die Hand nach der Linse aus.

Drachengeschrei in den Lüften. Der Dschungel von Xendrik. Ein tempelartiger Turm mit roten Dächern. Ein Sonnenstrahl fällt durch das Fenster und lässt die roten Kristalle im inneren leuchten wie Feuer.

„Sola, was ist mit dir? Sola? SOLA!" hörte ich eine vertraute Stimme panisch rufen. Ich öffnete die Augen und sah ein grünes Gesicht vor mir. Ich fasste mir an Kopf und richtete mich auf. Erst da bemerkte ich, dass ich auf dem Höhlenboden lag.

„Was ist passiert?" fragte ich leise.

„Du bist zu dem Kristall gegangen, hast dir mit beiden Händen den Kopf gehalten und bist zusammengesunken. Nolf hat dich aufgefangen." erklärte mir Nugk besorgt.

Ich schenkte Nolf ein dankbares Lächeln und stand auf und atmete tief ein und aus. Ich fühlte mich normal, mir ging es soweit wieder gut. Es musste mit diesen Bildern in ihrem Kopf zu tun haben.

„Ich habe etwas gesehen" erklärte ich meinen Gefährten und erzählte ihnen von den Eindrücken und Bildern. Angor, Nolf und Roge waren unbeeindruckt von meiner Erzählung. Aber von Nugk hörte ich ein Keuchen. Sie streckte ihre Hand Richtung Roge aus und sagte nur „Karte bitte". Der Shifter griff in die Innentasche seines Mantels und zog eine Karte und eine Linse heraus. Die Goblindame schnappte sich beides und setzte sich damit auf den Schreibtisch. Sie schob die darauf liegenden Pergamente zur Seite und legte die Linse auf die Karte. Auf einem der Dokumente erkannte ich eine smaragdgrüne Klaue. Doch dies war nun nicht wichtig, daher sah ich wieder auf die Karte.

Bei Asthai, was war das? Dies war keine normale Karte. Ich stellte mich hinter Nugk und sah ihr über die Schulter. Die Linse die sie über die Karte führte war keine normale Vergrößerungslinse. Ich sah wie sich die Bäume bewegten und da! Auf dem Fluss in der Nähe unseres Standortes lag ein Schiff vor Anker. Nugk erklärte mir, dass das ihr Schiff sei, mit dem sie nun schon seit Wochen unterwegs seien. Sie hielt sich aber nicht lange in dieser Gegend auf. Sie führte die Linse zielstrebig weiter nördlich, dann ein wenig nach links und recht, noch wenig rauf und runter.

„Da, siehst du das!" fragte mich Nugk. Ich keuchte. Der Turm! Genau diesen Turm hatte ich gesehen. Wobei der Turm auf der Karte um einiges verfallener und verlassener aussah.

„Ich dachte es mir." erklärte mir Nugk. „Ich habe mich immer wieder mit dieser Karte beschäftigt, seit wir sie hier in der Nähe gefunden haben. Der Turm ist mir zwar aufgefallen, jedoch gibt es viele Ruinen in Xendrik. Doch deine Beschreibung hat mich daran erinnert." Ich hatte das Gefühl, dass noch mehr hinter der Sache steckte, ließ es aber auf sich beruhen.

„Wenn die Bilder die ich empfing wahr sind, dann ist der Turm eine Aufbewahrungsstätte für Drachensplitter. Für echte" fügte ich noch hinzu. Dies interessierte auch meine anderen Gefährten.

„Nun, wir habe wohl das Geheimnis um die unechten Splitter aufgedeckt, vielleicht sollten wir uns nun um echte kümmern?" stellte Nolf in den Raum.

„Was ist mit diesem Splitter hier?" fragte Roge. Diese Frage beschäftigte mich ebenfalls. Ein solch riesiger Erinnerungsstein durfte nicht hierbleiben. Doch wir konnten ihn auch nicht mitnehmen. Ich teilte meine Gedanken mit meinen Gefährten. Angor hatte eine Lösung anzubieten. Er hob seinen Hammer und hieb auf den Kristall ein. Wie zu erwarten, hatte er nicht einmal einen Kratzer. Ich bat Nolf in der Zwischenzeit, die Linse an sich zu nehmen. Ich wollte ihr nicht noch einmal zu nahe kommen. Auch wenn wichtige Erinnerungen darin waren, dies war nicht der Ort um sie zu enthüllen. Mein Volk hatte eine eigene Vorgangsweise in Bezug auf Erinnerungskristalle, die unter anderem Meditation einschloss. Die Zeit hatten wir erst recht nicht. Wir würden ihn wohl hierlassen müssen. Aber wir könnten ihn zumindest unzugänglich für andere machen. Ich schlug vor, den Höhleneingang zu verschließen, so dass die Höhle nicht mehr betreten werden konnte. Nugk wollte zuerst noch alle Bücher und Dokumente durchsehen, bevor sie verschüttet wurden. Ich drang sie zur Eile, ließ ihr aber noch ein wenig Zeit. Alles was ihr wichtig erschien, drückte sie Roge in die Hand, der es in seinem Mantel verschwinden ließ.

„Und wie verschließen wir die Höhle?" wollte Nolf von mir wissen als wir wieder im Lagerraum standen und auf die vermeintlich massive Mauer sahen.

Ich lächelte. „Überlasst das nur mir, aber haltet Abstand. Und haltet euch vielleicht die Ohren zu, ich weiß nicht was genau passieren wird". Ich ging wieder auf die Mauer zu, stellte mich in den Eingang und stemmte meine Hände links und rechts gegen die Wände, nachdem ich der Höhle den Rücken zuwandte. Dies war selbst für mich nicht einfach, doch ich wusste, dass es möglich war. Ich schloss die Augen und versetzte mich in einen leichten meditativen Zustand. Ich spürte, wie sich die Energien in mir und um mich sammelten.

Noch einmal einatmen. Jetzt! Ich schickte die Schallwellen in den Fels unter meinen Handflächen. Ich spürte wie kleine Steinchen und Staub um mich herum rieselten.

Noch einmal. Konzentrieren. Einatmen. Jetzt. In dem Moment als ich die Energien nicht mehr um mich herum spürte sprang ich nach vorne.

Ich hörte einen Aufschrei meiner Gefährten im selben Moment als ich die Höhle zusammenstürzen hörte. Der Staub um mich herum kitzelte in meiner Kehle und ich musste husten. Ich blickte zurück und sah aus der massiven Felswand eine Staubwolke hervorbrechen. Das sollte reichen. Ich ging auf meine Gefährten zu, die mich allesamt mit großen Augen anstarrten.

Ich klopfte mir den Staub von meinen blauen Gewändern und lächelte Nugk zu. „Weitere Vorstellungen meiner Kräfte folgen in Kürze".