Jade

Mein Körper hatte aufgehört zu zittern. Ich drängte jeden Gedanken an meine Verwandlung zurück. Die Stimmen der Strigoi, die sich irgendwo in der Nähe der Scheune aufhalten mussten, halfen mir dabei. Ich musste hier raus. Sobald ich genug Abstand zwischen mich und die Strigoi gebracht hatte, konnte ich mit Lissa Kontakt aufnehmen. Sie hatte schon einmal einen Strigoi verwandelt und Dimitri war von dieser Aussicht keineswegs so begeistert gewesen wie ich. Vergleichsweise würde meine Rückverwandlung wirklich einfach werden. Mit neuem Mut stand ich wieder auf und versuchte auszumachen, wie weit die Stimmen von mir entfernt waren und mit wie vielen Strigoi ich es zu tun bekommen würde.

Ich wusste nicht genau, wie empfindlich mein neues Gehör wirklich war, also konnte ich mich nicht darauf verlassen, dass ich anhand der Lautstärke die Distanz korrekt einschätzen würde. Allerdings tippe ich darauf, dass sie einige Meter von der Scheune entfernt standen, sonst hätten sie meine Bewegungen sicher bemerkt und nach mir gesehen. Ich selbst hörte das Rascheln meiner Kleidung überdeutlich. Sie hatten also etwas Abstand zu mir, was gut für mich war. Weniger gefiel mir, dass ihre Stimmen aus der Richtung kamen, in der auch der einzige Ausgang lag. Skeptisch betrachtete ich die Fenster, die sich an jeder Seite der Scheune befanden.

Für einen Dhampir waren sie auf jeden Fall zu hoch und ich hatte auch noch nie einen Strigoi so hoch springen sehen. Zugegebenermaßen hatten sie in meiner Nähe auch immer andere Probleme gehabt als Hüpfmännchen spielen.

„Das würde ich nicht probieren. Du wurdest in eine Strigoi verwandelt, nicht in Spiderwoman." Erschrocken wirbelte ich herum. Ein gutes Gehör war wirklich nicht hilfreich, wenn es einem jegliche Einschätzung der Distanz verdarb. Nur wenige Meter von mir entfernt stand eine weibliche Strigoi.

Größe und Körperbau sagten mir, dass sie früher ein Dhampir gewesen war. Sie hatte rot-blonde Haare, die sie zu einem Zopf gebunden hatte. Ihre Augen hatten eine helle, grau-grüne Färbung, die den roten Pupillenrand betonte. Ich versuchte bei dem Gedanken, dass dieser rote Ring auch in meinen Augen war, nicht zusammenzuzucken. Instinktiv nahm ich eine Verteidigungsposition ein.

Das Mädchen – bei ihrer Verwandlung war sie offenbar noch ein Teenager gewesen – beobachtete mich mit gerunzelter Stirn. „An deiner Tarnung müssen wir noch arbeiten."

„Tarnung?", wiederholte ich.

Die Strigoi verdrehte die Augen. „Ich weiß, es fühlt sich nicht so an, aber äußerlich bist du eine von uns. Oder besser wir gehören zu ihnen."

Ich blinzelte. Sie hatte Recht. Ich hatte keinen Grund mir um die Strigoi Gedanken zu machen. Ich war eine von ihnen. Hastig gab ich meine Verteidigungsposition auf, betrachtete das Mädchen vor mir aber immer noch misstrauisch. „Wer bist du?"

„Mein Name ist Jade. Ich bin wie du."

Wie sehr ich mir in Momenten wie diesen wünschte, es Dimitri gleichzutun und meine Augenbrauen unabhängig voneinander heben zu können. Vielleicht schaffte ich es ja jetzt als Strigoi? Nach dem Blick zu urteilen, den Jade mir nach einem Versuch zuwarf, offenbar nicht.

„Was meinst du damit, dass du wie ich bist?", fragte ich nach. Mein Körper war immer noch angespannt und wollte sich in der Nähe von Strigoi einfach nicht beruhigen. Das konnte interessant werden.

„Wir sind beide nur äußerlich Strigoi", erklärte Jade. „Ich habe bei meiner Verwandlung genau wie du nicht meine Seele verloren."

Ich betrachtete mein Gegenüber argwöhnisch. Nichts an ihr wies daraufhin, dass sie anders war, als die anderen Mitglieder ihrer Rasse. Aber hey, ich hatte wahrscheinlich auch keine Tätowierung auf der Stirn, die meine Gesinnung verriet.

„Schau nicht so skeptisch", knurrte Jade schließlich. „Was glaubst du, woher ich weiß, dass du deine Seele noch hast?"

„Gute Frage", erwiderte ich. „Ich habe nämlich nicht die leiseste Ahnung warum ich sie noch habe."

Zum ersten Mal erschien auf Jades Gesicht so etwas wie ein amüsiertes Lächeln.

„Denk nach. Was hat dich schon als Dhampir zu etwas Besonderem gemacht?"

„Mein beeindruckender Alkoholkonsum in meinen wilden Jahren, meine bewundernswert rebellische Einstellung gegenüber Autoritätspersonen und mein Durchhaltevermögen sowie meine Kreativität was das Brechen jeder möglichen Regel angeht?"

Jade schüttelte den Kopf. Sie lächelte immer noch. „Du warst schattengeküsst."

„Das bin ich schon ein paar Wochen nicht mehr", informierte ich sie. Meine seltsame Verwandlung hatte sicher einen anderen Grund, richtig? Mir wurde bewusst, dass Jade als Dhampir auch schattengeküsst gewesen sein musste, wenn sie das für den Grund dafür hielt, dass wir noch immer unsere Seelen hatten.

Jade nickte. „Deshalb habe ich auch nicht erwartet, dass du deine Seele behalten würdest, aber ich habe beschlossen, trotzdem ein Auge auf dich zu haben. Nur für den Fall. Kein Moroi oder Dhampir hat je herausgefunden, was genau mit einer Schattenseele passiert und keiner kann wissen, ob eine Seele sich von einem Schattenkuss je komplett erholen kann. Dein Verhalten nach deiner Verwandlung hat mir gezeigt, dass deine Seele offenbar nach wie vor sehr … anhänglich ist."

„Du meinst …" Ich schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich bin immer noch auf irgendeine Art schattengeküsst? Ich habe eine … wie hast du es genannt, Schattenseele?"

Jade nickte und zu meiner Verwunderung erschien ein ehrliches Lächeln auf ihrem Gesicht. „Ja, so sieht es aus und du glaubst gar nicht, wie erleichtert ich darüber bin. Seit Jahren suche ich eine andere Strigoi wie mich. Du hast keine Ahnung, was es heißt, wie wir zu sein und jahrelang nur Kontakt zu Strigoi und Menschen haben zu können, weil Moroi und Dhampire dich im besten Fall fürchten und dich im schlimmsten mit einem Pflock durchbohren wollen." Ihr Lächeln verschwand und ich sah einen wehmütigen Ausdruck an dessen Stelle treten. „Selbst die Personen, die dir wenige Tage vor deiner Verwandlung noch ihre ewige Liebe geschworen haben."

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Jade schien plötzlich weit weg zu sein und ich wusste nicht, wie ich ihr helfen konnte. Plötzlich wurde ich mir wieder der anderen Strigoi-Stimmen bewusst. Sie waren verstummt, doch nun kamen Schritte näher. Auch Jade hatte es bemerkt und zwang sich wieder dazu, ihre Aufmerksamkeit auf mich zu richten. „Hör mir gut zu!", forderte sie scharf. „Für unser Überleben ist es wichtig, dass du deine Rolle spielst! Für sie bist du ein Strigoi, eine Verbündete. Verhalte dich auch so."

„Ich bin in einer Strigoi-Gruppe gelandet?", fragte ich nach. Noch vor einigen Monaten hätte ich es für unmöglich gehalten, dass diese Wesen überhaupt in Gruppen zusammenleben konnten, aber inzwischen hatte ich Angriffe von äußerst gut organisierten Strigoi-Gruppen miterlebt.

„Ja", sagte Jade. „Um genau zu sein in einer Gruppe mit ausschließlich weiblichen Strigoi. Die Männer unterwerfen sich den Frauen nicht gerne und Goldlöckchen würde ihre Führungsrolle nie aufgeben."

Mir gelang es wieder nicht wirklich skeptisch eine Augenbraue zu heben, aber Jade wusste offenbar trotzdem etwas mit meiner Reaktion anzufangen.

„Warte ab", sagte sie spöttisch lächelnd.

Die Tür zur Scheune öffnete sich. Im Gegensatz zu Jade bemühte sich die Gruppe nicht, leise zu sein, sondern ließ die Holztüren achtlos gegen die Wand schlagen. Die Strigoi, die die Gruppe offenbar anführte, trat hinein und warf dabei dramatisch die blonden, gelockten Haare zurück, die sie als eine der Wenigen in der Gruppe lang hatte wachsen lassen.

Jep, eindeutig Goldlöckchen. Ich hatte aber meine Zweifel daran, dass sie viel von diesem Spitznamen hielt.

Hinter Goldlöckchen betrat eine Handvoll weitere Frauen den Raum. Die meisten hatten kurz geschnittene Haare und sahen mich mit einer gewissen Ehrfurcht an. Zufrieden stellte ich fest, dass mein Ruf in der Strigoiwelt offenbar tadellos war, zumindest wenn man den Ruf einer Killerin haben wollte. Goldlöckchen schaute mich eher abschätzig an. Sie hatte blassblaue Augen, die wegen des roten Rings um die Augen fast farblos wirkten.

„Ah, du bist also aufgewacht, kleine Wächterin." Ein arrogantes Lächeln erschien auf ihrem Puppengesicht. „Mein Name ist Venatrix. Willkommen im ewigen Leben, Rosemarie Hathaway. Von heute an gehörst du zu uns."

Oh Freude, dachte ich spöttisch, während ich mir jegliche Antwort auf die Anrede „kleine Wächterin" verkniff. „Wie … schön", sagte ich stattdessen lahm.

„Wir sollten sie trinken lassen, bevor wir weiterreden", mischte Jade sich ein. „Sie wird sich vor Durst kaum auf etwas anderes konzentrieren können."

Ich bemühte mich, Jade nicht verwundert anzuschauen. Sollte ich tatsächlich Durst haben?

„Gut, dann besprechen wir die Regeln später", erwiderte Venatrix mit einem gönnerhaften Lächeln. „Jade, du hast doch sicher nichts dagegen, dich um sie zu kümmern? Wir waren gerade erst jagen."

Jade deutete eine Verbeugung an und fasste dann meinen Oberarm. „Wir haben noch ein paar Stunden bis Sonnenaufgang. Bleiben wir heute Nacht in der Scheune?"

Goldlöckchen warf einen prüfenden Blick auf die Fenster, durch die noch das Mondlicht fiel. „Ja, hier wird es genug schattige Plätze geben. Beeilt euch. Wir müssen noch Einiges mit Rosemarie klären und ich will nicht die ganze Nacht wachbleiben."

Jade nickte und führte mich an der Gruppe vorbei. Ich versuchte möglichst entspannt zu bleiben und nickte den anderen Frauen in der Gruppe kurz zu. Sie antworteten mit ehrfürchtigen Blicken und manchmal mit einem respektvollen Nicken ihrerseits. Wahrscheinlich würden sie nicht versuchen, mich als kleine Wächterin zu bezeichnen. Tröstlich.

Andererseits hatte ich nicht vor von diesem Jagdausflug zurückzukommen. Jade hatte meine Fluchtpläne - wahrscheinlich unbewusst - in die Tat umgesetzt. Ich würde mich von ihr in die nächste Stadt bringen lassen, mich von ihr verabschieden und mich dann auf den Weg zu Lissa machen. Mit etwas Glück würde ich in wenigen Tagen wieder einen Sonnenaufgang erleben können.

„Glück gehabt", unterbrach Jade meine Gedanken.

Ich runzelte die Stirn. Glück? Ich war eine Strigoi und sollte nach Meinung von Goldlöckchen heute Nacht meinen ersten Moroi oder Dhampir umbringen. Ich hatte definitiv andere Vorstellungen von Glück.

„Ich kann dir nicht ganz folgen", erwiderte ich.

Jade grinste, während sie mich durch den Wald lotste. Ihre Laune schien stetig zu steigen. „Sie hat mich allein mit dir losgeschickt. Das heißt, ich kann dir zeigen, wie ich jage. Jeden Tag mehrere Moroi oder Dhampire umzubringen, ist nicht gut für den Seelenfrieden, wie du dir sicher denken kannst. Also habe ich mir angewöhnt zu jagen, ohne zu töten."

„Nicht, dass ich grundsätzlich nicht begeistert bin, dass du nicht vorhast, heute Nacht jemanden umzubringen, aber ist es nicht gefährlich deine Opfer am Leben zu lassen?" Die Wächter würden sofort informiert werden und hätten die Strigoi-Gruppe innerhalb weniger Stunden gefunden.

Jade zwinkerte mir zu. „Es kommt ganz darauf an, wen du dir als Opfer auswählst."