Kapitelupdate: 14.08.2016
2. Kapitel: Die Geschichten sind wahr
In gebückter Haltung traute sie sich nicht den Kopf in die Richtung der Unbekannten zu heben. Ihre wirren und kaputten Haare hingen ihr ins Gesicht und reichten in ihrer Position bis zum Boden. Durch die gewaltsame Behandlung durch die Dämonen waren sowohl ihr Mieder und Unterhemd, als auch die Kniebundhose voller Risse und Blut. Unter ihrem Hemd war die entzündete Wunden an ihrer Schulter zu sehen. Wieder fiel ihr das Atmen durch die von Moment zu Moment wachsende Anspannung unsagbar schwer. Ihr Ende war nah.
Sie zuckte zusammen, als sie plötzlich zwei Schritte vernommen hatte und jemand kurz vor ihr zum Stehen gekommen war. Durch die geschlossenen Augenlider konnte sie feststellen, dass es hell geworden ist im Kerker.
„Der letzte lebende Mensch in diesem Gewölbe", hörte sie eine ruhige, männliche Stimme, deren Klang unnatürlich widerhallend war, von weiter vorne. Die sonderbare Eigenart der Stimme erinnerte sie an den Dämon von vorhin, doch in dieser Stimme lag keine Bosheit, keine Hinterlistigkeit.
„Die Spur endet hier und wir konnten nichts über Diablos Pläne in Erfahrung bringen." Sie konnte die Position der zweiten, distanziert klingenden Stimme nicht weit entfernt von der ersten orten. Auch dieses Geschöpf schien männlichen Geschlechts anzugehören, auch wenn sich das Mädchen nicht ganz sicher sein konnte. „Stattdessen treffen wir hier in den Brennenden Höllen noch einen Menschen an. Lange wird sie nicht mehr durchhalten."
Jemand anderes stampfte mit einer schweren Waffe auf den Boden auf. „Auch dieser Abschaum muss sterben." Die grollende, aggressive und dennoch kräftige Stimme ließ sie aufschrecken. „Die Nephalem sind nichts weiter als ungewollte Kreaturen, die niemals hätten erschaffen werden dürfen. Sie sind eine Plage und sie dürfen von uns keine Notiz nehmen. Nun aber weiß er von uns. Ich werde sein Leben hier und jetzt beenden, so wie bei den anderen zuvor."
Das ängstliche Beben ihres Körpers wurde immer heftiger. Die furchterregende Ankündigung ihrer Hinrichtung ließ einen eiskalten Schauder durch ihren Leib fahren. Das war ihr Ende. Ein hoffentlich schmerzloses Ende.
„Haltet ein, Imperius", vernahm sie jetzt die klare und entschlossene Stimme desjenigen, der vor ihr zum Stehen gekommen war. „Ich sehe keine Gerechtigkeit in Eurem Vorhaben. Dieser Mensch hat es nicht verdient sein Leben durch Eure Hand zu verlieren. Außerdem hattet Ihr kein Recht die anderen Menschen in diesem Kerker zu töten, während der Kampf zwischen uns und den Dämonen stattfand. Ich erinnere Euch daran, als der Angiris-Rat beschlossen hatte, dass sich weder Dämonen noch Engel in die Angelegenheiten der Menschen einmischen und dass Sanktuario bestehen bleibt."
„Ich mische mich nicht in die Angelegenheiten der Nephalem ein", entgegnete ihm derjenige wütend, dessen Name als Imperius enthüllt wurde, „ich behebe nur dieses Problem. Die Erinnerungen der Nephalem an uns und die Missgeburten der Hölle sind im Laufe der Zeit verblasst. Es liegt nicht in unserem Interesse, wenn es ihm gelingen sollte, seinesgleichen von uns zu erzählen."
„Noch weniger liegt es uns daran, dass Unschuldige leiden müssen." Der Mann vor ihr ließ sich kein bisschen von seinem Mitstreiter beirren. „Es ist nicht allein Eure Entscheidung, ob sie leben oder sterben wird."
Die Temperatur in der Zelle stieg mit einem Mal rapide an, als Imperius' donnernde Stimme dagegenhielt. „Es macht keinen Unterschied, ob ich einen Nephalem oder einen Dämon umbringe. In beiden fließt stinkendes Dämonenblut. Ihr werdet mich nicht daran hindern diese niedere Kreatur zu töten, Tyrael!"
„Es bringt doch nichts, wenn ihr beide euch jetzt um einen Menschen streitet." Dieses Mal beteiligte sich eine weibliche, vernunftbegabte Stimme an dem Gespräch. „Wir sind hierhergekommen, um etwas über den Plan der drei Großen Übel in Erfahrung zu bringen und diesen zu vereiteln."
Die Bewohnerin Sanktuarios schreckte merklich auf, als sie die indirekte Bestätigung hörte, dass die Dämonenwächter die Wahrheit gesagt haben. Dieser Plan war also wahr. Mit zögernden Bewegungen, hob sie ihren Kopf ein wenig und horchte angsterfüllt auf, was die Fremden zu sagen hatten.
„Dieser Mensch hier weiß etwas darüber", konnte sie eine düstere und tiefe Stimme hören. Das Mädchen zuckte furchtsam zusammen ob der Aufmerksamkeit gebietenden und zugleich melodisch klingenden Stimme. Sie erfüllte die Sterbliche mit Gedanken an einen langsamen Tod.
„Weshalb seid Ihr Euch so sicher, Malthael?"
Der Angesprochene näherte sich dem Mädchen mit langsamen Schritten. Er brauchte, bis er wieder seine tiefe Stimme erhob. „Sie hätte sonst nicht so über Eure Aussage reagiert, Auriel."
Wieder ertönte das Geräusch, wenn Metall auf Steinboden trifft. „Wieso sollte dieser unbedeutende Nephalem etwas über den wohl wichtigsten Plan der drei Übel wissen. Bei allem Respekt. Eure Weisheit hat nachgelassen."
„Die Dämonen schlachten die Menschen in diesem Kerker ab", erklärte Malthael ruhig und überging die dreiste Beleidigung seines Mitstreiters. Dieses Wesen war wohl nur schwer zu erzürnen und es machte lange Pausen während des Sprechens. „Sie waren der festen Annahme, dass keiner ihrer Gefangenen jemals mit einem Außenstehenden in Kontakt treten würde, geschweige denn, dass die Menschen gegen diesen Plan ankämpfen könnten. Folglich sahen sie keine Gefahr darin, wenn ein Mensch ein Gespräch über das Vorhaben der drei Großen Übel mitbekäme."
„Ein Grund mehr ihr Leben zu verschonen", sagte derjenige, dessen Name Tyrael war. „Immerhin ist sie der einzige Anhaltspunkt, dem wir noch nachgehen können." Sie fühlte, dass er sich zu ihr heruntergebeugt hatte. „Wie lautet dein Name?" Als sie keine Reaktion zeigte, hob er behutsam ihr Kinn an, um in ihr Gesicht sehen zu können.
„Was ist mit ihr?" Leichte Sorge schwang in Auriels Stimme mit. „Hat diese Sterbliche die Schwelle zwischen Tod und Leben überschritten?"
Ein kurzes Zögern lag in Tyraels Bewegungen, als er ihr fest geschlossenes Augenlid mit dem Daumen seiner freien Hand öffnen wollte. Bei der kleinsten Berührung zuckte das Mädchen zusammen und wandte sich aus dem Griff des Fremden. Sie wollte ihre Augen nicht öffnen. Sie wollte nicht wissen, wer über sie richtete. Auch wenn sie sich sicher war, dass dies keine Dämonen waren. Sie war voller Furcht.
„Sie hat Angst", konstatierte Tyrael und ließ von ihr ab. „Aber sie atmet und lebt... noch."
„Das ist kein Grund, wieso der Nephalem nicht spricht!", fuhr der Befürworter ihrer Hinrichtung Tyrael an. „Diese wertlose Kreatur soll gefälligst sprechen. Sonst hat sie keine Existenzberechtigung und ich werde persönlich dafür Sorge tragen, dass sie für immer schweigen wird!"
„Sie wird sprechen", versicherte ihm der Mann vor ihr. „Sie ist wahrscheinlich verstört durch die geschehenen Ereignisse und das, was ihr widerfahren ist. Wir sollten erst einmal ihre Ketten lösen."
„Wozu?", fragte Imperius gereizt. „Das würde nichts an der Tatsache ändern, dass er uns nicht die nötigen Informationen gibt."
„Unter diesen Umständen wäre ich auch dafür, dass wir sie von den Ketten befreien und uns um sie kümmern, bis sie mit uns spricht." Die einzige weibliche Kriegerin in der Runde der Fremden meldete sich zu Wort. „Nur sie kann uns Aufschluss über unsere Fragen geben. Und ich denke, dass alle Anwesenden wissen, wie wichtig es ist, dass wir über das Vorhaben der Großen Übel genau Bescheid wissen."
„Was gibt uns die hundertprozentige Sicherheit, dass sie wirklich etwas über den Plan weiß und dass sie mit uns kooperieren wird?", mischte sich derjenige ein, dessen Stimme distanziert war.
„Itherael hat recht", stimmte Imperius ungeduldig zu. „Es hat keinen Sinn, dass wir uns noch länger mit diesem Abschaum beschäftigen." Als er mit seinen schweren Schritten auf sie zu kam, wandte sich Tyrael von ihr ab und stellte sich schützend vor sie. „Geht mir aus dem Weg, Tyrael!"
„Nein, Imperius. Der ganze Angiris-Rat soll entscheiden. Darüber, ob wir dieses Mädchen bei uns aufnehmen und sie über das Vorhaben von Diablo, Baal und Mephisto befragen."
„Seid Ihr verrückt geworden?!", antwortete Imperius voller Zorn. „Wir werden keiner niederen Kreatur Eintritt in unser heiliges Reich gewähren. Es verstößt gegen unsere uralten, unumstößlichen Gesetze! Ich bin dagegen."
„Ich bin dafür", gab Auriel ihre Stimme kurzerhand ab. „Wir sollten es versuchen. Immerhin haben wir nichts zu verlieren. Und diese arme Seele soll nicht weiter leiden. Die Dämonen haben schon genug Unglück über diese Menschen hier gebracht."
„Da ich das Schicksal dieser Sterblichen nicht sehen kann, enthalte ich mich", traf Itherael seine Wahl. „Zu viele Abhängigkeiten sind ungewiss."
Es wurde still. Alle warteten auf den fünften in der Runde.
„Malthael", ließ sich Auriel wieder verlauten, „wie entscheidet Ihr?"
Es verstrichen noch einige Sekunden bis der Angesprochene zum Reden ansetzte und dem Mädchen wieder einen kalten Schauer den Rücken entlang jagte. „Sie wird unter ständige Aufsicht gestellt", bekundete Malthael seinen Standpunkt und in seiner Stimme lag etwas, was die Sterbliche nicht deuten konnte.
„Eine Enthaltung, eine dagegen und drei dafür", fasste Tyrael zusammen. „Der Angiris-Rat hat den Kasus beschlossen."
„Ihr Narren!" Imperius konnte sich immer schwerer beherrschen und die Temperatur stieg wieder an. „Kein Nephalem hat das Recht unser heiliges Land, die Hohen Himmel, zu betreten! Er ist korrumpiert und trägt Böses in sich."
„Ich bin mir sicher, dass dieses Mädchen keine bösartigen Absichten hegt und El'druin wird dies beweisen." Tyrael drehte sich zurück zu ihr herum und ließ sein Schwert auf sie niederfahren.
Sie zuckte erschrocken zusammen, als sie plötzlich kalten Stahl auf ihrer linken Schulter wahrnahm. Jedoch verletzte sie die messerscharfe Klinge nicht.
„El'druin kann kein Lebewesen verletzen, welches gerechte Absichten hegt." Er zog sein Schwert von ihrem Körper und trat hinter sie, um mit einem gezielten Schwerthieb die Ketten an ihren Händen zu durchtrennen.
Da ihre Arme nun von nichts mehr gehalten wurden hingen sie schlaff neben ihrem Körper. Noch immer verharrte sie in der gleichen Position und bewegte sich nicht. Doch ihr wurde schwindelig und ihr strapaziertes Bewusstsein klagte.
Langsam trat jemand anderes vor sie. „Kannst du aufstehen?", erklang die Stimme von Auriel über ihr. Als ein kaum merkliches Zittern von dem Mädchen ausging, beugte sie sich zu ihm herunter und berührte es vorsichtig an einem Oberarm. Die Berührung verursachte viel Wärme auf der kalten Haut der Sterblichen. Dabei stöhnte sie leise auf und verzog das Gesicht unter Schmerzen. Doch sie wagte es nicht die Augen zu öffnen. Als die Gefangene ein wenig ihre Wirbelsäule aufrichtete, war ein dumpfes Knacken zu vernehmen. Der Kriegerin fiel auf, dass die Gefangene um ihren Hals ein stachelbesetztes Band trug, welches sich leicht in ihre Haut bohrte.
„Tyrael, wärt Ihr so freundlich und befreit sie auch davon?"
„Gewiss." Der Angesprochene trat an ihre Seite und wandte sich nun an die Sterbliche. „Erschreck dich nicht."
Sie neigte ihren Kopf nach rechts und ihr Herz pochte ihr bis zum Hals, doch sie ließ es zu, sich von diesen Fremden helfen zu lassen. Präzise durchschnitt der Fremde das Material, sodass das Halsband von ihr abließ und zu Boden fiel.
„Weißt du etwas über den Plan der drei Übel?", erkundigte sich Auriel. „Nur ein Kopfnicken. Bitte."
Das Mädchen deutete nach kurzem Zögern ein leichtes Nicken an und senkte dann den Kopf.
„Wenn er lügt oder in nächster Zeit nicht sprechen wird, werde ich diesen Nephalem eigenhändig zurück in die Brennenden Höllen schicken!", keifte Imperius in einem bedrohlichen Ton.
„Mit Eurer Einstellung werdet Ihr bei ihr nur das Gegenteil erreichen." Tyrael klang leicht gereizt. „Der Angiris-Rat hat entschieden und wir werden alles Mögliche tun, damit sie ihre Stimme wiedererlangt und uns von dem Plan erzählen kann."
„Für den Fall, dass dem nicht so sein wird, wird es auch für Euch Konsequenzen haben, Tyrael! Es war Eure Idee."
„Dann soll es so sein", brachte der stolze Krieger unerschüttert und selbstbewusst zum Ausdruck. „Dieser Mensch steht unter meinem Schutz und ich werde für ihre Taten verantwortlich sein."
Das Blut in ihren Armen begann sich immer schneller zu füllen und der Rest ihres Körpers wurde immer schwächer durch das weniger werdende Blut. Der Schwindel überkam sie und auch ihre Konzentration ließ langsam aber sicher nach.
„Ich spüre, dass ihr Bewusstsein schwindet", ließ sich Auriel vernehmen und verstärkte den Griff um den Oberarm des Mädchens.
Die Atemzüge des Mädchens wurden immer schwerer und ihr Gleichgewichtssinn litt unter der Kraftlosigkeit ihres Körpers. Sie nahm kaum mehr etwas wahr. Nur noch eines spürte ihr gepeinigter Leib, bevor sie wegtrat.
Etwas berührte sie... doch es war nichts, das eine Form und Masse besaß. Eher war es etwas wie... Licht.
