Wünsche
Ein Schrei, gefolgt von einem Wimmern.
„Alles wird gut, Harry, du musst jetzt stark sein, mein Schatz!" Tränen tropften ihm auf sein verängstigtes Gesicht. Er wurde fest an einen Körper gedrückt.
„Mummy liebt dich! Daddy liebt dich! Du wirst so sehr geliebt! Du musst jetzt stark sein!"
Er kannte diese weiche Stimme. Doch sie klang anders als zuvor. Nicht mehr fröhlich und leicht, sondern ängstlich und traurig. Sie zitterte.
Ein lauter Knall, gefolgt von einem Aufschrei.
„Geh zur Seite!" Diese Stimme kannte er nicht. Sie war unmenschlich, ganz anders als die Stimmen, die er kannte und liebte.
„Nicht Harry! Bitte, bloß nicht Harry!"
„Geh zur Seite, dummes Mädchen! Ich warne dich, geh zur Seite!"
„Nicht Harry! Bitte! Ich tu alles! Bloß nicht mein Harry!"
„Geh zur Seite! Ich warne dich ein letztes Mal!"
„Bitte! Bitte! Hab Gnade! Nicht mein Harry! Bitte!"
„Du hast es so gewollt! Du hättest nicht sterben müssen. Aber wenn du es so willst…"
„Nicht Harry! Lass ihn in Frieden! Bitte!"
„Avada Kedavra!"
Ein Schrei, gefolgt von grellem, grünen Licht.
„Siehst du, du Gör?", kicherte die böse Stimme wieder. Er mochte die Stimme nicht. Wieso stand Mummy nicht wieder auf? Sie war doch nur hingefallen? Sie wusste doch, dass er die Stimme nicht mochte!
„Oh, hör auf zu schreien, du nichtsnutziger Bengel! Es geht sowieso mit dir zu Ende! Endlich! Lord Voldemort wird siegen! So wie es prophezeit wurde!" Nun lachte diese böse Stimme. Wieso lachte sie? Mummy, wieso stand sie nicht auf? Wo war Daddy?
„Avada Kedavra!"
Grünes, gleißendes Licht, ein heftiger Schmerz an der Stirn. Er schrie, doch sein Schrei wurde von einem unmenschlichen Kreischen überschattet…
Keuchend wachte Harry auf. Er war klitsch nass, mit Schweiß überzogen – kaltem Schweiß. Er griff sich an seinen pochenden Kopf. Seine Narbe tat weh. Fast so schlimm wie in seinem Traum – Nein! Es war kein Traum! Soviel wusste er. So sehr er auch hoffte, dass es ein Traum war, so sehr wusste er, dass es keiner war. Es war die erste Erinnerung, die er hatte – der Tod seiner Eltern. Wegen dieser Erinnerung war er berühmt. Wegen dieser Erinnerung wurde er von vielen Menschen verehrt. Menschen aus anderen Ländern, Menschen die er nicht kannte, die aber zu glauben schienen, ihn zu kennen. Er wollte nicht erkannt werden, er wollte nicht berühmt für diese furchtbare Nacht sein! Alles was er wollte, war ein ganz normales Leben zu führen. Ein Leben ohne Schmerzen, ein Leben mit einer Familie, ein Leben als ganz normaler sechzehnjähriger Junge.
Er rieb sich noch ein letztes Mal über die pochende Stirn, schwang seine Beine über die Kante seines kaputten Bettes und ging zum Fenster hinüber. Kalte Nachtluft blies ihm ins Gesicht und er seufzte auf.
Heute war sein sechzehnter Geburtstag. Er seufzte erneut. Geburtstag, dachte er verächtlich. Ein Tag wie jeder andere. Ihm war klar, dass er nicht so denken sollte. Geburtstage sollten eben nicht wie normale Tage sein. Sie waren die Bestätigung dafür, dass er wieder ein Jahr überlebt hatte. Seit dieser finsteren Nacht waren fünfzehn Geburtstage verstrichen. Oh, wie sehr würde er nicht diese Geburtstage aufgeben, nur damit seine Eltern wieder lebten, oder wenigstens mit ihnen dort zu sein, wo sie sich gerade aufhielten.
Ich blickte in den Sternenhimmel hinauf. Dort oben, dachte er, dort oben müssen sie sein. Ob sie wissen, was für ein Tag heute ist? Ob sie an mich denken? So sehr er Antworten auf diese Fragen wollte, gar brauchte, bekam er keine. Solange er denken konnte bekam er keine Antworten. Er hatte nie fragen dürfen. Und wenn er es jetzt tat bekam er entweder gehässige Blicke von seinen Verwandten als Antwort oder ein verständnisvolles Lächeln zu spüren mit den Worten „Die Zeit wird kommen, mein Junge, in der du all das verstehen wirst."
Aber er wollte es jetzt verstehen! Er wollte jetzt Antworten bekommen! Er wollte jetzt ein „Alles Gute zum Geburtstag" bekommen und nicht von irgendwem! Er hatte keine Erinnerung daran, wie es sich anfühlte, die Treppe hinunterzukommen und von freudestrahlenden Eltern in die Arme genommen zu werden. Zu hören, wie stolz sie auf ihn waren und wie sehr sie ihn liebten.
Er blinzelte als eine Sternschnuppe durch den Nachthimmel von Little Whinging zog. Wie sehr er seine Eltern wiedersehen wollte. Egal wo, Hauptsache es geschah! Kopfschüttelnd drehte er sich um.
„Das wird eh nie passieren", sagte er laut. „Sie sind tot! Und werden es auch blieben!"
Er ließ sich auf sein Bett nieder und strich sich über die Stirn. Der Schmerz war verschwunden, als ob es ihn nie gegeben hat.
Ich werde sie besuchen, beschloss er, als er sich wieder unter die Decke legte. Ich werde das Grab der einzigen Menschen besuchen, die mich je geliebt haben! Und mit diesem Gedanken schlief er ein. Das Lächeln auf seinem Gesicht erinnerte an das, welches er immer trug als ihn seine Eltern umarmten – er war glücklich.
