„Hey, schon wieder fleißig am Trainieren?", begrüßte Rokko seine Mutter und die hochkonzentrierte Lisa, als er an jenem Tag von der Arbeit kam. „Fein, Machiavelli", lobte Lisa gerade den Hund. „Und das Leckerchen nicht vergessen", wies Uta sie an. Lisas verkrampfte Hand glitt in die Bauchtasche, die Rokkos Mutter ihr zu diesem Zweck gegeben hatte. Als sie das Leckerchen ergriffen hatte, wurde ihr bewusst, dass Rokko sie ansah. Jetzt würde er sehen, dass sie über ihre Querschnittslähmung hinaus doch behinderter war, als man auf den ersten Blick sah. „Nun mach es doch nicht so spannend", lachte Rokko. „Machiavelli kriegt ja gleich einen Herzkasper." In der Tat stand der blonde Retriever-Rüde vor ihr und tappelte aufgeregt von einer Pfote auf die andere. Nun rang sich Lisa doch dazu durch, ihre Hand aus der Bauchtasche zu ziehen und ihrem neuen Freund die Belohnung zukommen zu lassen. „Das muss schneller gehen", meinte Uta. „Zum Loben und Bestrafen hast du nur drei Minuten, danach kann der Hund keinen Zusammenhang mehr herstellen", riet sie Lisa. „Verstehe", entgegnete diese. „Sag mal, Mama, wie lange trainiert ihr noch?", ergriff Rokko das Wort. „Eigentlich sind wir fertig für heute. Warum?" – „Ich wollte Lisa fragen, ob sie Lust hätte, mit mir spazieren zu gehen." – „Na dann, frag sie", lachte Uta und deutete auf Lisa. „Also, hättest du Lust, mit mir spazieren zu gehen? Um diese Zeit ist es wirklich schön am Strand und… okay, es ist kalt, aber du kannst dir ja etwas Warmes anziehen und…" Rokko überlegte fieberhaft, was er noch sagen konnte, um Lisa von seiner Idee zu überzeugen. „Wenn du mir zubilligst, dass ich spazieren rolle", erwiderte diese verschmitzt grinsend. Sie freute sich wirklich über diese Einladung. „Na aber gerade so", grinste Rokko zurück. „Ähm, ich störe ja nur ungern", meinte Uta mit einem Mal. „Aber deine Eltern kommen doch sicher gleich, um dich abzuholen." – „Ach ja, richtig", erwiderte Lisa ein wenig melancholisch. „Ich will aber noch gar nicht zurück ins Hotel. Ich würde wirklich lieber spazieren gehen." – „Na ist doch ganz einfach", winkte Uta ab. „Ihr geht ein bisschen spazieren und ich nutze die Zeit für ein Von-Mutter-zu-überbesorgte-Eltern-Gespräch. Ihr seid ja auch nicht ewig weg." Auf Lisas Gesicht machte sich ein Lächeln breit. „Ihr könntet ja Machiavelli mitnehmen, dann kann er noch ein bisschen üben."
„Soll ich dich nicht doch ein Stück schieben?", bot Rokko an. „Würde ich laufen können, würdest du auch nicht fragen, ob du mir dabei behilflich sein kannst", erwiderte Lisa und verpasste den Rädern ihres Rollstuhls betont einen Schub. „Das war ja nur ein Angebot", meinte Rokko. „Ich wollte dir bestimmt nicht zu nahe treten. Hast du schon mal an diese Dinger gedacht… die, die an den Rollstuhl angebracht werden und wie in Fahrrad funktionieren?" – „Ja, habe ich, aber ehrlich gesagt, würde ich lieber erst den Führerschein machen. Und davor erst noch Zuhause ausziehen. Es gibt so viel, was ich gerne machen würde." – „Naja, alles auf einmal geht ja sowieso nicht." – „Aber ich sitze schon ein halbes Jahr in diesem Ding und… ach manchmal wünsche ich mir… einfach nur, dass alle wieder normal mit mir umgehen." – „Du solltest nicht zu viel auf einmal wollen", sinnierte Rokko. „Machiavelli, komm", wich Lisa der Diskussion aus. „So ist fein", lobte sie, als der Hund zu ihr kam. Seufzend beobachtete Rokko die Szene. „Soll ich dir meinen Lieblingsplatz hier am Strand zeigen?" – „Geht der asphaltierte Weg bis dorthin?", wollte Lisa wissen. Rokko dachte kurz nach. „Wenn ihn in den letzten Tagen keiner gemopst hat, dann schon."
Das war also Rokkos Lieblingsplatz. Weit ab von allem. Herrlicher Ausblick auf das Meer. „Woran denkst du?", drang Rokkos Stimme zu Lisa durch. „Verdammt in alle Ewigkeit", erwiderte Lisa verträumt, hielt sich aber sofort den Mund zu. „Ein ehrgeiziges Projekt", schmunzelte Rokko, was Lisa noch mehr erröten ließ. „Das Wasser ist eiskalt um diese Jahreszeit." – „Ich war noch nie an der Nordsee… ich meine, so richtig – bei euch war ich ja nun schon mehrmals", gestand Lisa. „Ich würde zu gerne mal die Füße reinhalten." – „Na dann", meinte Rokko und machte sich sofort an Lisas Schuhen zu schaffen. „Es ist dir vielleicht entgangen, aber mit dem Rollstuhl komme ich nicht bis ans Wasser und selbst hinlaufen kann ich nicht." – „Ja, ja, jammer, jammer", winkte Rokko ab und hob Lisa aus ihrem Rollstuhl. Ohne auf ihren Widerspruch einzugehen, trat er mit ihr ans Wasser. „So, bereit?", wollte er von ihr wissen. „Wofür?", fragte Lisa irritiert. „Hierfür." Vorsichtig ließ Rokko Lisas Beine nach unten gleiten, hielt sie aber am Oberkörper gut fest. „Und? Spürst du schon etwas?" – „Kalt", quietschte Lisa lachend. „Sehr kalt", verbesserte sie sich selbst. „Also wieder zurück?", schlussfolgerte Rokko. „Nein, noch nicht, bitte. Einen kleinen Moment noch, ja?", bettelte Lisa. Eindringlich musterte Rokko Lisas Mimik, die zwischen Begeisterung und purer Freude hin und herschwankte. Sie war schon eine tolle Frau. Rokko hatte sich jeden Tag seit ihrer Anreise auf seinen Feierabend gefreut, denn jedes Mal hatte er Lisa und seine Mutter im Hof seines Elternhauses angetroffen. Jedes Mal hatte sie dort konzentriert mit Machiavelli gearbeitet und ihn gar nicht richtig wahrgenommen. „Was ist? Habe ich etwas im Gesicht?", wollte Lisa plötzlich wissen. „Nein", seufzte Rokko. „Ich… ich dachte nur gerade an die letzten Tage. Du bist so eine tolle Frau." – „Oh… danke", erwiderte Lisa hilflos. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet und noch viel weniger mit dem, was dann passierte: Rokko strich ihr ein paar Haare aus dem Gesicht, unterbrach dabei aber nicht den Augenkontakt. Lisa legte den Kopf schief, um zu ergründen, was Rokkos Gesichtsausdruck bedeuten könnte, als seine Lippen auch schon auf ihre trafen.
