„Verdammt…" schwer atmend erwachte er aus einem seiner nächtlichen Albträume: Zorro hatte ihn angewidert abgewiesen als er ihm seine Liebe gestanden hatte… Sanjis Atem ging schneller als gewöhnlich und sein Herz raste, was sein Schwindelgefühl nicht viel besser machte.
Es war mitten in der Nacht und um ihn herum vernahm er nichts weiter als leises Schnarchen und zwischenzeitlich ein leises „Hunger… Essen" von Ruffy, der sabbernd in seiner Hängematte schlief.
Langsam erhob der Smutje sich aus seinem Nachtlager und wartete einen Moment ab, um seinen Kreislauf wieder einigermaßen zu beruhigen und setzte dann vorsichtig einen Fuß vor den anderen, um niemanden der Crew aufzuwecken. Als er an Zorro vorbei huschte, konnte er nicht widerstehen, einen kurzen Seitenblick auf das schlafende Gesicht des Grünhaarigen zu werfen. Er sah ruhig aus, beinahe friedlich, wie er so im leichten Schein des Mondes da lag. Sanji beobachtete das gleichmäßige Heben und Senken seiner muskulösen Brust, bekam dafür jede Sekunde einen Stich in seine eigene versetzt: Dieser Anblick schmerzte ihn so und doch konnte er sich nicht davon losreißen geschweige denn aufhören sich vorzustellen, wie es wohl wäre, wenn er jetzt bei ihm liegen könnte, seinen Kopf auf dieser wohl geformten Brust ablegen könnte, um dem Herzschlag des Älteren zu lauschen…
Widerwillig schüttelte er den Kopf und zwang sich zum Weitergehen. An Deck zündete er sich zuerst einmal eine Zigarette an und inhalierte gierig den ersehnten Rauch und beruhigte sich so ein wenig. Schon wieder war er mitten in der Nacht wach geworden, wieder hatte ihm dieser Mann in seinen Träumen den Schlaf geraubt…
Ihm wurde schlecht von der Vorstellung, dass es wohl noch einige Zeit so weitergehen würde… Was hätte er auch dagegen tun können? Er konnte hier nicht weg, Zorro auch nicht, selbst, wenn er Bescheid wüsste…
Warum das alles? Wofür der ganze Schmerz? Wieso konnte er sich nicht einfach auf seine Aufgaben konzentrieren? Stark sein und sein Ziel verfolgen… Ein bitteres Lächeln legte sich auf seine Lippen. Was hatte er noch für Ziele? Im Moment kam es ihm vor, als lebe er nur noch, um zu funktionieren… Er erinnerte sich nicht mehr daran, das letzte Mal gelacht zu haben, selbst seine Tränen waren versiegt und es war da nur noch diese bleierne Müdigkeit, die ihn ständig zu erdrücken versuchte.
Er seufzte leise auf und schnippte die gerade aufgerauchte Zigarette über die Reling ins Meer, nur, um sich die nächste anzustecken. „Ich kann nicht mehr…" murmelte er tonlos.
„Was kannst du nicht mehr?" hörte der Blonde eine ihm nur allzu bekannte Stimme hinter sich fragen. Wieso immer er?! Warum musste er gerade jetzt auftauchen, wo er sich am schwächsten fühlte und einfach nur allein sein wollte?
Zorro hatte sich neben ihn mit dem Rücken an die Reling gelehnt und schaute ihn fragend an.
„Schlafen." log Sanji, ohne dabei den Blick von der schwarzen See abzuwenden, in der sich der Mond widerspiegelte.
„Ach so. Ich dachte, du meinst rauchen. So viel wie du in letzter Zeit paffst… Da könnte ich auch nicht mehr." Achselzuckend drehte der Schwertkämpfer sich um und beugte sich leicht über die Reling.
Sanji sah verwundert zu ihm herüber: Das war ihm aufgefallen?
„Ich rauche so viel wie immer." entgegnete der Smutje und klang dabei gereizter als er beabsichtigt hatte. Wieso regte ihn die Tatsache, dass Zorro seine Gewohnheiten kannte, so auf? Bis zu dem Vorfall in der Bar hätte er sich wohl riesig darüber gefreut und sich alle möglichen Hoffnungen ausgemalt… Aber jetzt! Mit zittriger Hand führte er den giftigen Glimmstängel zu seinen Lippen und nahm einen nervösen Zug.
„Quatsch. Und zickig brauchst du auch nicht zu werden, klar?! Hab ja nur gefragt." blaffte Zorro ihn an. Doch anstatt wie früher darauf zu reagieren und ihm Paroli zu bieten, ließ der Smutje nur resignierend den Kopf sinken.
„Ich bin jetzt nicht in der Stimmung, mich mit dir zu streiten." meinte er leise und kramte dann in seiner Hemdtasche nach seiner Zigarettenschachtel, um sich weiteres Gift in die Lungen zu pumpen…
„Bist du wohl schon länger nicht. Ich langweile mich richtig." erwiderte der Größere und klang dabei beinahe ein wenig enttäuscht.
Sanji wurde auf einmal bewusst, wie sehr er sich verändert haben musste, wenn es sogar Zorro auffiel, der sich ja sonst nicht sonderlich für ihn interessierte.
Die See war wohl rauer geworden, stellte der Smutje fest, denn auf einmal bewegte sich das Schiff unter seinen Füßen ziemlich heftig… Oder kam es ihm nur so vor? Und dieses Rauschen in seinen Ohren, waren das die Wellen oder war das sein Blut, das ihm in den Kopf schoss?
„Bitte nicht jetzt…" murmelte er abwesend.
„Was?" fragte der Grünhaarige verwirrt.
Doch Sanji schüttelte nur leicht den Kopf und schloss die Augen. Er konzentrierte sich, so wie jedes Mal, wenn ihn das Schwindelgefühl zu übermannen drohte. Doch diesmal schien er zu kraftlos zu sein, um sich dem Drang, sich fallen zu lassen, zu widersetzen.
„Sanji?" Zorro legte ihm eine Hand auf die Schulter und klang jetzt leicht besorgt.
Die kurze Berührung schickte einen leichten Stromstoß durch seinen Körper und gab ihm somit den Rest: Das Summen in seinem Kopf blendete seine Umgebung völlig aus, er nahm nicht einmal mehr die entsetzten Rufe Zorros wahr und auf einmal war alles schwarz. Dunkelheit und Kälte umgaben ihn, doch er hatte keine Angst, kannte dieses Gefühl nur zu gut und irgendwie fühlte er sich wohl…
„Sanji, verdammt!" fluchte Zorro und konnte den einknickenden Körper des Blonden dank seiner ausgeprägten Reflexe gerade noch rechtzeitig auffangen, bevor dieser den Boden berührte.
Behutsam legte er Sanji auf den Boden und beschloss, ihn zuerst zur Rede zu stellen, bevor er die anderen weckte – es sei denn dieser sture Kerl würde nicht so schnell wieder zu Bewusstsein
kommen. Der Grünhaarig war sich selbst nicht sicher, wieso es ihn so traurig machte, Sanji so leiden zu sehen. Er hatte die ganze Zeit das dringende Bedürfnis ihm zu helfen. Er vermisste den alten Smutje, den er so herrlich reizen konnte. Den wollte er zurück, nicht den, der jetzt halb in seinen Armen, halb auf den Holzplanken lag. Was hatte ihn zu dem gemacht, was er jetzt war? Nicht viel mehr als ein Schatten seiner selbst…
„Hörst du mich? Sanji!" Er rüttelte den Blonden an der Schulter und hoffte inständig, dass seine Bemühungen von Wirkung waren.
Er träumte. Er musste einfach träumen… Vielleicht war er jetzt aber auch schon so weit, dass er Wahnvorstellungen hatte und sich einbildete, dass Zorro ihn in den Armen hielt und besorgt seinen Namen rief. Moment, das fühlte sich ziemlich real an! Sofort schlug er die Augen auf und starrte den Grünhaarigen entsetzt an.
„Was…" begann er, doch weiter kam er nicht, da Zorro ihn unterbrach.
„WAS?! Das könnte ich dich auch fragen. Was soll der Scheiß?!" fluchte er laut und ärgerte sich dann aber innerlich, als er in das kreidebleiche Gesicht des Smutjes sah.
„Als ob dich das interessieren würde…" entgegnete Sanji resignierend und versuchte sich zu erheben, was er aber ohne Hilfe wohl nicht schaffen würde. Seinen Blick hatte er abgewandt und er strengte sich vergebens an, den Arm, den Zorro immer noch um seine Schultern gelegt hatte, um ihn zu stützen, zu ignorieren.
„Was soll das denn jetzt heißen? Als ob ich dich sonst aufgefangen hätte…" entgegnete er leise und fragte sich dann aber auch schon im selben Augenblick, wieso dieser gleichgültige Ton des Blonden solche Angst einjagte… Wo war der alte Sanji bloß hin? Der, den er kannte, den er… mochte?
„Danke, aber würdest du mir vielleicht aufhelfen? Ich würde mich gerne in meiner Hängematte und nicht hier hinlegen…" hauchte er matt. Schon wieder diese blöde Hoffnung, die sich seinem sonst eigentlich ziemlich zuverlässigen Menschenverstand widersetzte und ihn zweifeln ließ. Er interessierte sich also für ihn?
„Klar." Langsam erhob sich der Grünhaarige und zog Sanji mit sich. Es erschreckte ihn, ihn so zu halten… So schwach war er ihm nie vorgekommen. Selbst nich nach einem harten Kampf, was er natürlich nie zugegeben hätte, weil er sich natürlich für den besten Kämpfer der Crew hielt… Auch wenn Sanji eine ziemliche Konkurrenz für ihn darstellte, oder vielmehr dargestellt hatte…
Mit Gummibeinen löste sich Sanji aus der irgendwie wohltuenden Berührung und wollte dann einige Schritte in Richtung Kajüte gehen, doch schon beim ersten Schritt gaben seine Beine unter seinem Fliegengewicht nach. Zorro war ihm dicht gefolgt, konnte also Schlimmeres verhindern und schlang einen Arm um die Taille des Kochs, dessen Körper sich daraufhin merklich verspannte. Der erwartete Protest seinerseits blieb jedoch aus und der einsichtige Smutje ließ sich vorsichtig zurück zu seinem Schlafplatz führen.
„Zorro?" flüsterte er, als dieser sich gerade abgewandt hatte, um sich selbst noch einmal aufs Ohr zu hauen.
„Mh?" Er drehte sich noch einmal um, damit Sanji nicht lauter reden musste, was die anderen geweckt hätte.
„Könnte das… Könnte das gerade unser Geheimnis bleiben? Bitte. Es kommt auch nicht wieder vor…" stammelte Sanji, ohne den Grünhaarigen dabei anzuschauen. Er wollte doch bloß, dass sich niemand um ihn sorgte!
Zorro wusste nicht, was er dem entgegnen sollte, schließlich musste etwas unternommen werden, aber andererseits tat der Blonde ihm so Leid…
„Okay."
„Danke." flüsterte Sanji zurück und ließ sich erschöpft in sein Kissen sinken. Und auch Zorro begab sich zurück in seine Schlafstätte.
Die Stellen, an denen der Ältere ihn berührt hatte, brannten wie Feuer auf seiner Haut und sein Herz zog sich bei dem einen oder anderen Schlag schmerzhaft zusammen. Wenn der Schwertkämpfer wüsste, wie verrückt er ihn damit machte… Er schloss kopfschüttelnd die Augen. Nein, das war das Letzte, was er wollte. Niemand sollte es erfahren. Genauso wenig wie das, was sich vor einigen Minuten ereignet hatte… Keiner sollte von seiner Schwäche erfahren, weder von seiner körperlichen noch von seiner Schwäche des Schwertkämpfers gegenüber…
Erschöpft und mit den Gedanken bei dem Moment, in dem er in den Armen seines Angebeteten gelegen hatte, sank er in einen ausnahmsweise traumlosen Schlaf…
Sanjis Atem hatte sich endlich wieder beruhigt, das konnte er hören. Ob er diesmal durchschlafen können würde? Zorro hatte aufgegeben, sich zu fragen, weshalb ihn die Leiden des Blonden so sehr bewegten, es war einfach so. Er hatte fast jede Nacht mitbekommen, wie der Smutje schwer atmend erwachte und sich vermutlich für ein paar Zigaretten aufs Deck verzog, nur um dann völlig erschöpft wieder in seine Hängematte zu sinken. Er war glücklich, dass er ihm gerade diese Nacht gefolgt war; er wollte sich gar nicht ausmalen, was alles hätte passieren können, wäre Sanji in diesem Augenblick allein an Deck gewesen…
‚Sanji' dachte er besorgt. ‚Was ist nur mit dir geschehen?' Dann fiel auch er in einen tiefen, allerdings nicht traumlosen Schlaf, denn es tauchte immer wieder das geschockte Gesicht des Smutjes vor seinem inneren Auge auf, das er gemacht hatte, als er zu Bewusstsein gekommen war…
