Kapitel 2
„Mr. Bennet, also wirklich, du bist roh!" versuchte Mrs. Bennet beleidigt zu tun, doch ihre Freude über die Nachricht, dass ihr Gatte sich Mr. Bingley vielleicht sogar als einer der Ersten vorgestellt hatte überwog nach einen Augenblick und ihre Neugier kam zum Vorschein. „Ich hörte er hat 5.000 im Jahr, ist das wahr?"
Lydia und Kitty quietschten begeistert auf, als Mr. Bennet nur leicht den Kopf neigte. „Papa, Papa, sieht er gut aus?"
Elizabeth hingegen immer noch mit Richard im Türrahmen stehend antwortete auf diese Frage: „Mit 5.000 im Jahr könnte er Warzen und einen Buckel haben!" Sie erntete allerdings nur einen schnippischen Blick ihrer jüngsten Schwester und ein unterdrücktes Lachen seitens Richards.
„Ich meine allerdings, dass ein Mann, der die Aufmerksamkeit so vieler hübscher Mädchen auf sich zieht, noch bevor diese ihn zu Gesicht bekommen haben, unmöglich Warzen und einen Buckel haben kann." Er verneigte sich leicht grinsend in Richtung der beiden Jüngsten, Lydia und Kitty. Elizabeth hingegen verkniff sich ein Grinsen und stieß Richard leicht mit dem Fuß an, um ihm zu bedeuten, dass er es nicht auf die Spitze treiben sollte. Richard allerdings tat, als hätte er nichts bemerkt. Mrs. Bennet warf ihm einen Blick zu, der zum Teil Wohlwollen und zum Teil Unverständnis darüber ausdrückte, welches Einverständnis wohl zwischen ihm und Lizzy herrschte. In diesem Moment hatte sie allerdings erfreulichere Gedanken als diesen und sie wandte sich wieder ihrem Gatten zu.
„Nun, ich hoffe doch, dass sich dieser Umstand schnell beheben lassen wird. Sag, Mr. Bennet, kommt er zum Ball in Meryton?" Ihre Augen funkelten bei der Aussicht welche Möglichkeiten sich ihren Töchtern boten und auch angesichts des Balles. Denn obgleich ihr Alter schon fortgeschritten war hatte sie immer noch Spaß an Gesellschaften und an den Neuigkeiten, die man unweigerlich bei solchen Begebenheiten austauschte.
„Das will ich doch meinen." Antwortete Mr. Bennet mit einem nun doch zufriedenen Lächeln. Lydia und Kitty, die einen Atemzug vorher noch erwartungsvoll zu seinen Füßen gesessen hatten sprangen nun kreischend auf um sich gleich auf Jane zu stürzen:
„Oh Jane, darf ich dein Musselinkleid haben? Ach bitte, ich leihe dir meine grünen Schuhe!"
„Das waren meine..." – „Ich übernehme deine Stopfarbeiten für eine Woche!" – „Ich umsäume deine neue Haube!" „Zwei Wochen, Jane, Zwei Wochen!"
Elizabeth lachte vergnügt bei dem Tumult den ihre zwei Schwestern veranstalteten, indem sie Jane umkreisten um sie schließlich mit sich zu drehen begannen und versuchten sie zu überzeugen ihr doch die begehrten Dinge zu leihen.
Mr. Bennet seufzte wohl bei dem Tumult auf. „Bleiben Sie zum Dinner Richard und unterstützen Sie mich mit ihrer zweifelsohne männlichen Gesellschaft? Ich fürchte heute gäbe es sonst kein anderes Gesprächsthema als Bälle, Bänder und Junggesellen..."
Richard zuckte entschuldigend mit den Schulter „Ich fürchte ich würde dann wohl selbst zum Gesprächsthema werden. Egoistischerweise muss ich deshalb und auch auf Wunsch meiner Mutter, heute wohl Ihre – wohlgemerkt selbstlose - Einladung abschlagen, Sir."
„Junge, du schaufelst mir mein Grab..."
„Papa, so schlimm wird's schon nicht werden, ich und Mary sind ja auch noch da." Warf Elizabeth nun ein und wandte sich wieder Richard zu: „Du musst gehen?"
Er nickte „Endlich! Dann bringe ich dich noch hinaus." grinste sie.
Der Abend klang ungewöhnlich ruhig aus für einen solch heiteren und energiegeladenen Tag. Mary, die dritte und somit mittlere Schwester, hatte sich gleich nach dem Dinner ans Klavier gesetzt und einige heitere Lieder angestimmt. Obwohl sie ein gutes Spiel hatte, so war ihre Art es vorzutragen nicht angebracht sondern zu pathetisch und ohne echte Gefühle. Keiner in der Familie geruhte sie jedoch - mit Ausnahme der Mrs. Bennets, die Mary häufig kritisierte, weil diese so völlig aus der Reihe der eigentlich so lebhaften und im Falle von Jane und Elizabeth auch wohlerzogenen Schwestern fiel – ihr zu verstehen zu geben, dass ihre Vorstellung nahezu beschämend war. Da sie aber an diesem Abend unter sich waren, sah es niemand als notwenig an Mary zu unterbrechen.
Die Dritte der fünf Schwestern war wohl diejenige, der am wenigsten Beachtung geschenkt wurde. Sie selbst wusste dies auch. Nicht nur von Seiten der Eltern aus, sondern auch bei ihren Schwestern war sie die, die keine Verbündete hatte. Sie war zu jung um wirklich mitzufühlen, was Jane und Elizabeth dachten und miteinander beredeten und zu ernst um Gefallen an Kitty und Lydias Interessen zu finden. Obwohl sie nicht hässlich war, Mary hatte etwas sanftes an sich und auch sonst war ihr Antlitz gefällig: Sie war hoch gewachsen, hatte volleres Haar als ihre jüngeren Schwestern, deren Frisuren oft strähnig anmuteten, bekam sie weder von den Herren noch von anderen Mädchen besondere Anerkennung.
Es war wohl ihre Art, sie hatte etwas Gouvernantenhaftes an sich, trug ihre Haare stets im strengen Mittelscheitel nach hinten zu einem festen Dutt geknotet. Sie war belesen, jedoch nicht intelligent, hübsch aber nicht anziehend. Sie hatte früh bemerkt, dass sie weder die Schönheit Janes, noch den Charme Lizzys oder die Lebhaftigkeit Kittys und Lydias hatte und so hatte sie sich daran gemacht eine Nische für sich zu finden: die Kultur. Seit sie ein junges Mädchen war hatte sie unermüdlich Klavierübungen gemacht und es in ihrem Spiel weiter gebracht als ihre Schwestern, von denen nur Jane, die eigentlich recht hübsch spielte jedoch viel zu schüchtern war um vor anderen aufzutreten und Lizzy, die recht passabel spielte und eine recht schöne Stimme hatte, so lange gespielt hatten, dass sie vor Publikum bestehen konnten, ohne dass sie befürchten mussten sich vor aller Welt zu blamieren.
Elizabeth saß bequem in einem weichen Sessel, die Beine über die linke Lehne gelegt, in ein Buch von Frances Burney vertieft. Ab und an lachte sie auf oder hielt vor Spannung den Atem an, so gefesselt von der Geschichte, dass sie völlig vergaß, nicht alleine in dem Raum zu sein oder dass sie überhaut in einem Raum war und nicht inmitten der Geschichte, die gerade ihre Gedanken aufwirbelte.
Jane saß am lodernden Kamin, eine helle Kerze neben sich und besserte einen alten Kissenbezug aus. Kitty und Lydia lagen ausgestreckt auf dem dicken Teppich in albernes Geflüster vertieft. Ab und zu vernahm man ein Kichern und sie rollten sich halb über den Teppich. Doch dann ermahnte sie auch schon Mr. Bennet, der ebenfalls in eine Lektüre vertieft war und dabei nur ungern gestört wurde. Mrs. Bennet, die normalerweise am Abend keiner besonderen Tätigkeit mehr nachging, lauschte, müde auf dem Sofa ausgestreckt den Albernheiten Kitty und Lydias.
