Kapitel Eins - John Doe
Das, was die moderne Welt ausmachte, ließ sich mit wohl keinem Ort besser, als mit New York City beschreiben.
Das Zwanzigste Jahrhundert in all seiner Größe, seiner Technologie und Dynamik lebte und pulsierte hier in dieser Stadt, die die Heimat der Wallstreet, der Freiheitsstatue und des Empire State Building war. Und die Menschen, die die Straßen bevölkerten, spürten ihre Macht, waren mit ihr verwurzelt, waren ihre Identität. Wer auch immer den Begriff Großstadtdschungel geprägt hatte, er musste an New York dabei gedacht haben, auch wenn er sich dessen wohl nicht bewusst gewesen ist. Schon der Name allein zauberte bei Menschen in aller Welt Bilder hervor, Eindrücke eines stetig wachsenden Fortschritts, der den Atem beschleunigte, kaum, dass man daran dachte.
Und selbst im Sog seiner größten Tragödie: New York schien seine Niederlage wie ein gezeichneter Preisboxer hinzunehmen, der nicht wusste, wann der richtige Moment zum Aufhören war. An diesen Tagen war die Arroganz des typischen New Yorkers einer in sich ruhenden Stärke und einem Sinn des Selbstwertes gewichen, die sich im Angesicht des Unglücks erhoben hatten. Beweise der Zerstörung gab es überall, wenn auch manchmal nur gering. Sei es die klaffende Leere dort, wo so viele in einer schrecklichen Katastrophe menschlicher Niedertracht ihr Leben verloren, oder sei es die verwelkende Blume im staubigen Asphalt, derer man sich schon im nächsten Moment nicht mehr erinnerte.
Einen New Yorker aber gab es noch, der durch die Straßen lief als besäße er sie, jetzt sogar im Wissen, das er auch das Recht dazu besaß.
Doktor Aaron Stone hatte an jenem Tag, an dem zwei Flugzeuge ins World Trade Center gerast waren und dieses zum Einsturz brachten, in einem der ersten Krankenhäuser, dass Verwundete aufnahm, seinen Dienst getan.
Er war Arzt. Einer, der nie vergaß, wo er herkam; der medizinischer Leiter einer Privatklinik, mit einem schicken eigenen Büro hätte werden können, doch es nicht übers Herz brachte, die geschäftige Aktivität des Hospitals, wo seine medizinische Karriere ihren Anfang genommen hatte, hinter sich zu lassen. In Wahrheit hatte er damals, als er sein Studium an der Medizinfachschule aufnahm, die feste Absicht besessen Chirurg zu werden, doch noch im ersten Jahr seiner Ausbildung hatte er sich dahingehend entschieden, dass die Psychiatrie es war, die er ausüben wollte. Die Heilung der Sinne wurde für ihn zum wichtigsten Teilgebiet der Medizin, und bis zur Tragödie des World Trade Centers hatte er diese Entscheidung auch nie in Frage gestellt.
Aber als dann die Verwundeten mit zum Teil schrecklichen Verletzungen und Brandwunden, Folgen des Einsturzes der Zwillingstürme, eingeliefert wurden, da hatte er plötzlich realisiert, dass er beides tun wollte - Körper und Seele heilen. Und da er die notwendigen Voraussetzungen dafür besaß, teilte Aaron seine Zeit von nun an zwischen Notaufnahme und Psychiatrie. Doch während einige diese Vorgehensweise als leichtsinnig kritisierten: Aaron hatte endlich das Gefühl, in einer Balance seines eigenen Gewissens angekommen zu sein. Das war es, weshalb er Arzt geworden war, und es half ihm des Nachts besser zu schlafen, wenngleich die Träume, die ihn dabei überfielen, nicht selten sehr eigenartig waren.
Er schenkte den vagen nächtlichen Episoden zwar kaum einen Gedanken, doch er fragte sich, was Freud wohl davon halten würde: von Träumen, die ihn stets mit dem Eindruck aufwachen ließen, dass in seinem Leben etwas fehlte - etwas, dass er nicht zu ergründen vermochte. Diese seltsame Leere in ihm war jedoch nichts Neues, sein ganzes Leben lang war sie da gewesen, und nichts, nicht einmal ein beruhigtes Gewissen, hatte sie je ausfüllen können. Es war seltsam, sich unvollkommen zu fühlen, besonders da er sich von Belastungen, die sich die meisten Menschen aus Angst oder Unwissenheit auferlegten, fernhielt. Es war eine Leere, die ihn meist abends überfiel, wenn er zum Himmel aufsah und die Sterne betrachtete, so als könnten sie ihm alle Geheimnisse der Welt, deren Antwort in ihrem Licht zu ruhen schien, beantworten.
Und obwohl das so war und er es nicht anders kannte, es gab keinen Grund für ihn, um nicht zufrieden zu sein. Er hatte ein gutes Leben. Zwar war auch er von Tragödien nicht verschont geblieben, insbesondere dem frühen Verlust seiner Eltern, doch er hatte das Schicksal akzeptiert, wenngleich es ihm als Einzelkind auch schwerfiel, sich an Geburts- und Feiertagen nicht einsam zu fühlen. Er pflegte zwar Bekanntschaften, doch er besaß nur wenige gute Freunde, und nur selten hatte es eine Frau gerade so lange in seinem Leben ausgehalten, dass man es Beziehung nennen konnte. Seine Kollegen hielten ihn für einen gutaussehenden Arzt, der sein Junggesellen-Dasein bis zum Äußersten genoss, wenn sie Aaron jedoch gefragt hätten, wären sie überrascht gewesen zu erfahren, dass dem überhaupt nicht so war.
Er suchte nach jemandem, der nicht existierte.
Nach Ihr. Nach der Frau, die ihm in seinen Träumen erschien, und die, falls er sie beschreiben und die Umstände ihrer Begegnungen schildern müsste, sich schwer in Worte fassen ließ. Und auch wenn sie nur in seinem Unterbewusstsein existierte, ihr Einfluss auf ihn war mehr als nur das Abbild einer Traumfrau. Ihr Erscheinen glich dem Ausbruch einer Flut von Emotionen, war Leidenschaft und eine tief verwurzelte Liebe, kombiniert zu einer Verbindung, die ihn stets im Gefühl, dass sein Leben nicht das war, was es sein sollte, aufwachen ließ. Und nicht selten geschah es, dass Aaron sich fragte, ob es vielleicht eine Art der Verdrängung war, die sein Dasein bestimmte.
Doch dann gab es auch Momente in denen seltene Blitze der Einsicht ihn trafen, Augenblicke, die sich echt anfühlten und die ihm den Weg wiesen, dass er hier und jetzt an diesem oder jenem Ort zu sein hatte. So wie an jenem Tag, als ein Instinkt ihn zur Klinik trieb, wo er sich dann, im Angesicht der Tragödie des Terrorangriffs, inmitten von Patienten wiederfand. Diesen Zufall, der es ihm ermöglicht hatte, vor Ort zu sein und helfen zu können, hatte er niemals bereut. Es lag eine gewisse Genugtuung darin, zu wissen, dass sein Gespür es war, das geholfen hatte, die Last eines schrecklichen Tages zu mildern.
Erfreulicherweise gab es heute keinen Instinkt, der ihn trieb und der seine Anwesenheit in der Klinik erforderte, abgesehen von dem Papierkram, der sich auf seinem Schreibtisch stapelte. Ungeachtet der Tatsache, dass er als einer der angesehensten Ärzte der Station galt, war seine Kleiderordnung nicht selten am Rande des Vertretbaren, da die Auswahl seiner Garderobe sich scheinbar auf Jeans, Turnschuhe und langärmelige T-Shirts beschränkte. Den obligatorischen weißen Kittel zog er nur zu Behandlungen über, da er den Gedanken, auch nach außen hin als der erscheinen zu müssen, der er ohnehin schon war, nicht mochte. Sein dunkles Haar war nicht wirklich lang, doch ebenso wenig konnte es als kurz bezeichnet werden, und obwohl er sich langsam der Lebensmitte näherte, so kam es doch manchmal noch vor, dass man ihn fälschlicherweise für einen Praktikanten im ersten Jahr hielt.
In der psychiatrischen Abteilung herrschte geschäftiges Treiben, und während er den Korridor entlang zu seinem Büro ging, registrierte sein flüchtiger Blick ein paar der als harmlos eingestuften Patienten, die - mehr oder weniger stark in ihren Psychosen versunken - der Entscheidung harrten, ob ihre weitere Behandlung in staatlich- oder privatfinanzierten Spezialkliniken stattfinden würde. Krankenpfleger, die ein wachsames Auge auf sie hielten, waren zu sehen, und Schwestern, die mit Tabletts voller Medikamente von Tür zu Tür eilten. Es belastete ihn, dass er so vielen Patienten gegenüber abgestumpft war, doch dies, so vermutete er, waren Schwielen, die wohl jeder Arzt aufzuweisen hatte, und die es einem gewährleisteten seine Sachlichkeit über seinen Gefühlen zu erhalten. Die Theorie allein mochte beeindruckend klingen, die Praxis jedoch war meistens ganz anders.
„Doktor Stone!", hörte Aaron seinen Namen über den Korridor hallen. Die Stimme war ihm vertraut, er kannte die meisten der Belegschaft, und da er die Fähigkeit besaß, eine Stimme zuzuordnen, wusste er sofort wer es war.
Aaron drehte sich um und sah Warren Sheldon, einen Praktikanten im zweiten Jahr, auf sich zueilen. Trotz des frühen Morgens sah er übernächtigt aus, dem trüben Blick seiner Augen zufolge war er letzte Nacht in die Klinik gerufen worden. Warren war ein fähiger junger Mann, doch Aaron befürchtete, dass sich seine spätere, dem Praktikum anschließende Karriere, auf die Sorgen älterer Damen beschränken würde, die davon überzeugt waren, dass Brustimplantate alle Probleme dieser Welt ausmerzen konnten.
„Du bist noch hier, Warren?" Aaron klang ehrlich überrascht. Er fragte sich, weshalb Warren, wenn er schon die Nacht hindurch gearbeitet hatte, noch nicht abgelöst worden war. Der Schichtwechsel musste längst stattgefunden haben, und Warren sah aus als bräuchte er Schlaf - ganz dringend sogar. Das hellblonde Haar des jungen Mannes war zerzaust, so als ob er sich ständig mit den Fingern hindurchfuhr, und er schien blasser als sonst.
„Ja, ich wollte mit Ihnen über einen John Doe sprechen, der letzte Nacht eingeliefert wurde", Warren rieb sich in einer Geste, die Aaron gut vertraut war und die ihm sagte, dass irgendein Problem zu viel für ihn war, den Nasenrücken.
„Erzähl mir davon, während wir zu meinem Büro gehen." Im Wissen, dass Warren ihm folgen würde, nahm Aaron seine Schritte wieder auf.
„Nun, es handelt sich um einen älteren Mann, in - wie ich stark vermute - Moses' Alter. Die Polizei hat ihn vergangene Nacht vor dem Malcolm Building aufgelesen, wo er Ärger gemacht hat. Er scheint unter schweren Halluzinationen zu leiden, es brauchte beide Cops um ihn unter Kontrolle zu bringen."
„Ziemlich kräftig für einen Mann in Moses' Alter", kommentierte Aaron. „Ist das seine Akte?"
„Ja", Warren nickte und reichte ihm die Mappe. „Wir haben ihn bereits auf Drogen hin untersucht, doch das einzig bemerkenswerte ist eine starke Häufung von Nikotin in seinem Organismus. Bei der Menge, die der Kerl raucht, müsste er Lungenkrebs haben, stattdessen ist er in ausgezeichneter Verfassung für jemanden seines Alters."
„Irgendwelche sonstigen neurologischen Abnormitäten?"
„Nein, nichts", Warren schüttelte den Kopf. „Keinerlei Auffälligkeiten. Außer denen in seinem Oberstübchen."
Aaron hob seinen Blick. „Ist das die professionelle Meinung eines Arztes?"
„Meiner Auffassung nach weist er alle Symptome einer Schizophrenie auf, nur …", Warren wirkte nervös. „Es fühlt sich nicht richtig an."
Aaron vermutete, dass es die vielen Stunden Dienst waren, die nun ihren Tribut von Warren zu fordern begannen, doch nach einem Blick in die Akte konnte auch er nicht bestreiten, dass sie Lücken aufwies. Eine Diagnose zum jetzigen Zeitpunkt war ausgeschlossen, und da der Mann keinerlei Identifizierung besaß, war es ihnen auch nicht möglich, etwas über seine eventuelle frühere Krankheitsgeschichte herauszufinden. Aaron wurde plötzlich klar, warum Warren sich mit einer Meinung zurückhielt: dieser Fall erforderte mehr Erfahrung als die eines Praktikanten.
„Du gehst jetzt und ruhst dich aus", sagte Aaron nach einem Moment. „Ich werde mir Moses ansehen. Ist er bei klarem Verstand?"
„Ja", Warren nickte. „Als er sich beruhigt hatte, war er völlig normal. Nur bei Fragen nach seiner Herkunft flammte sein Zorn wieder auf."
„So dass er gefährlich wird?", fragend sah Aaron ihn an.
Warren haderte. „Ich bin mir nicht sicher."
„Klingt interessant", dann aber runzelte Aaron die Stirn. Er hatte keine Zeit sich darum zu kümmern, ein Schreibtisch voller Papierkram erwartete ihn, doch andererseits … vielleicht war es wirklich an der Zeit, eine Sekretärin einzustellen. „Wenn du gehst, bitte doch eine der Schwestern, Moses zu mir in mein Büro zu bringen. Ich will ihn mir so bald wie möglich ansehen."
Bereits kurze Zeit später sah sich Aaron dem Mann gegenüber, den man in Ermangelung einer Identität John Doe genannt hatte.
Und nun verstand er auch Warrens Einschätzung dessen Alters. Mit seinem langen fließenden Bart und dem ebenfalls langen Haar, das zuweilen eher weiß als grau erschien, war er mindestens Siebzig. Selbst seine Augenbrauen waren grau, und so buschig, dass sie sich nach außen hin zu kräuseln begannen. Die blaugrünen Augen schienen leicht benommen, doch nach der starken Dosis Thorazin die er letzte Nacht erhalten hatte, war das zu erwarten gewesen, auch wenn mittlerweile genug Zeit vergangen war, um zwar die volle Wirkung des Medikaments ausschließen zu können, jedoch noch so viel davon übrig, dass Aaron ohne Furcht vor einem neuerlichen Gewaltausbruch seines Gegenübers eine erste Beurteilung abgeben konnte.
Beide starrten sich minutenlang an, so als schätzte Aaron nicht nur seinen Patienten, sondern dieser auch ihn ein. Aaron saß auf seinem Stuhl, hielt einen Schreibblock in der Hand, und wartete, wie der Mann auf seine Beobachtung reagieren würde. Er versuchte, sich ihn als Ruhestörer vor dem Malcolm Building vorzustellen und konnte eine gewisse Skepsis, in Anbetracht der Tatsache, dass der Mann ihm völlig harmlos schien, nicht leugnen. Etwas Tieferes als sein Instinkt sagte ihm, dass sein Patient vielleicht krank, nicht aber gefährlich war.
„Könnte ich vielleicht ein Glas Wasser haben?", sprach der alte Mann zuerst. Seine Stimme zunächst nur ein Krächzen, dann aber zunehmend klarer, mit der Spur eines vielleicht britischen Akzents.
„Sicher!" Aaron goss aus einem Krug, der auf dem Tischchen neben seinem Schreibtisch stand, ein Glas Wasser ein und reichte es ihm.
„Ich fühle mich schrecklich ausgetrocknet", kommentierte John Doe, noch ehe er das Glas ergriff und seiner Erklärung ein „Danke" hinzufügte.
Aaron zeigte Verständnis. „Eine Nebenwirkung des Thorazins."
„Ich mag das Zeug nicht, das man mir in die Venen gespritzt hat", sah John ihn an, nachdem er das Glas in einem Zug geleert hatte.
„Sie waren gefährlich." Aaron sah keinen Sinn darin, sich zu entschuldigen. Der beste Weg das Vertrauen eines Patienten zu gewinnen war Aufrichtigkeit, nichts war seiner Meinung nach besser. Weder irgendwelche psychiatrischen Fachbegriffe, die für Außenstehende eh keinen Sinn ergaben, noch sinnlose Worte des Mitgefühls - einfach nur Ehrlichkeit. „Wir mussten Ihnen etwas geben, um Sie zu beruhigen."
„Ja ja", knurrte der Mann und rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her, „das sagen Sie."
Aaron machte sich eine Notiz. „Sie erinnern sich nicht?"
„Nein", kam es kurz.
„Haben Sie öfter solche Erinnerungslücken?"
„Ich weiß es nicht." Die Lippen des Mannes begannen zu zittern, so als ob er sich einer Stelle nähere, an die er nicht wollte. „Der Vorteil daran, Erinnerungslücken zu haben, ist der, dass man sich nicht erinnert, dass man welche hat."
Aaron entschied, auf vorerst sicheres Terrain zurückzukehren. „Das stimmt", lächelte er. „Woran erinnern Sie sich?"
„Hier an diesem Ort aufgewacht zu sein", sein Blick schweifte ab, „sonst an nichts."
„Sie wissen nicht, was Sie gestern getan haben?"
„Nein", klang es nun leicht verärgert.
Aaron war mehr als unglücklich darüber, hatte die letzte Antwort doch eine neue Flut von Fragen, betreffs seines Patienten, in ihm ausgelöst, dessen Klinikpyjama in seiner steril blauen Farbe nicht so recht zu seinem sonstigen Ich zu passen schien. Der Mann hatte etwas an sich, das für Aaron nicht in Worte zu fassen war, und dass ihn davon überzeugte, dass es auf keinen Fall die normale Form der Schizophrenie war, mit der er es zu tun hatte - falls überhaupt. Die Augen seines Patienten schienen zwar glasig, doch war das eine Spätfolge der Medikation, die er, um seinen Gewaltausbruch einzudämmen, bei seiner Einweisung erhalten hatte. Aaron, der seinen Patienten nicht gleich bei ihrer ersten Sitzung zu sehr drängen wollte, entschied, ein unverfängliches neues Gesprächsthema anzuschneiden:
„Sie waren vergangene Nacht nicht in der Lage uns Ihren Namen zu nennen", merkte er an. „Wäre es jetzt vielleicht möglich? Ich mag den Gedanken nicht, sie nur mit John Doe anzusprechen."
Über den buschigen Brauen bildeten sich Runzeln, die blauen Augen starrten ihn unentwegt an. „Ich weiß nicht, wie man mich nennt. Ich sagte Ihnen doch schon, dass ich mich an nicht mehr erinnere, als ich Ihnen gesagt habe. Ist das Ihre Art, mir helfen zu wollen, indem Sie mir dumme Fragen stellen, Thorongil?"
Aaron blinzelte, verwirrt starrte er sein Gegenüber an. „Bitte?"
„Was?" John Doe wirkte ebenfalls perplex.
„Sie haben mich bei einem Namen genannt", wies Aaron ihn hin.
Skeptisch sah Moses ihn an. „Habe ich das?"
„Sie nannten mich Thorongil", erklärte der Doktor.
„Ich weiß nicht, warum ich das getan habe." Ihre Blicke trafen sich und Aaron konnte die Aufrichtigkeit der Antwort in Moses' Augen sehen, sowie einen nicht geringen Grad ehrliche Verwirrung. „Es ist mir wohl einfach so herausgerutscht. Wahrscheinlich passte es gerade."
Angesichts dieser Erklärung runzelte Aaron die Stirn. Er machte sich eine weitere Notiz: Sein Patient schien nicht gewalttätig, doch andererseits war die Wirkung von 500mg Thorazin bei niemandem zu unterschätzen. Aaron wagte noch keine Diagnose, die zum jetzigen Zeitpunkt, nach nur einer Sitzung, ohnehin verfrüht wäre, außerdem wollte er abwarten, wie sein Patient sich ohne Medikamente verhielt.
„Wir müssen darüber nachdenken, wie wir Sie nennen sollen", merkte Aaron wie beiläufig an, „für den Fall, dass wir unsere Gespräche fortsetzen, würde ich es bevorzugen, Sie anders als nur mit John Doe anzusprechen.
„Wie viele dieser Gespräche werden wir denn führen?" Misstrauisch, mit einer Spur von Nachdruck, sah John ihn an.
„Ich weiß es nicht", gab Aaron ehrlich zu. „Wahrscheinlich, bis wir herausgefunden haben, wie Ihr Name lautet und warum Sie sich vor dem Malcolm Building so aufgeregt haben."
Auf einmal verkrampfte der Mann. Vorher entspannte Hände ballten sich zu Fäusten, sein Rücken straffte sich, seine Kiefermuskeln begannen, unbewusst zu knirschen. Der Alte war zornig, wie Aaron folgerte, und kaum in der Lage es zu verbergen.
„Sie wirken beunruhigt", versuchte er sanft auf ihn einzureden, voller Zweifel darüber, ob er eine sinnvolle Antwort erhalten würde. „Gibt es etwas am Malcolm Building, dass Sie aus der Fassung bringt?"
„Es ist ein Ort der Finsternis!" John Doe sprang auf, schien den Doktor zusehends zu überragen, und während seine Stimme sich Angst einflößend änderte, tiefer und kräftiger wurde, geriet Aaron für einen kurzen, aber verrückten Moment in Versuchung, dem alten Mann Glauben zu schenken.
„Setzen Sie sich", versuchte er ihn abermals zu beruhigen, dazu entschlossen, die Kontrolle über dieses Gespräch zu behalten, fügte dann aber noch ein „Bitte" hinzu, um es dem alten Mann leichter zu machen.
Dieser sah Aaron aufgeschreckt an, so als ob er sich jäh daran erinnerte, wo er sich befand. Sein Zornausbruch schwand, der vorherige Zustand der Verwirrung kehrte zurück.
„Warum glauben Sie, dass es ein Ort der Finsternis ist?" Aaron konnte kaum fassen, dass er solch melodramatischen Ausdruck benutzte, der zwar angebracht war, um die Handlung des aktuellen George Lucas Films zu beschreiben, nicht aber in einer psychiatrischen Sitzung.
„Ich weiß es nicht", erklärte John einmal mehr, sein Ausdruck war angespannt. „Ich weiß gar nichts, es ist nur so ein Gefühl."
„Ist schon in Ordnung", Aaron war voller Mitleid für diesen alten Mann, der so deplatziert hier wirkte. Wer war er in dieser Welt, wenn er fern von diesem Ort war? Hatte er Frau und Kinder, Enkelkinder angesichts seines Alters? „Sie müssen mir nichts erzählen, wenn Sie nicht wollen."
„Ich würde es ja gerne tun", erwiderte der alte Mann leise, „ich sollte wohl sogar. Mir scheint nämlich, als ob ich für lange Zeit fort war und es wichtig für mich sein könnte zurückzukehren."
„Zuzugeben, dass man ein Problem hat, ist immer ein guter Schritt", ging Aaron mehr als für ihn üblich auf seinen Patienten ein. John schien es zu brauchen. „Wir werden gemeinsam eine Antwort finden, das verspreche ich Ihnen. In der Zwischenzeit hoffe ich, dass Sie es mir nicht übel nehmen, wenn ich Sie nicht mehr mit John Doe anspreche. Sie sind keine Person, die nicht existiert, Sie sind hier und Sie sind mein Patient. Wie würde es Ihnen gefallen, wenn ich Sie Moses nenne?"
„Moses?", eine buschige Augenbraue hob sich. „Sie wollen mich nach einem Mann benennen, der sich durch einen unglaublich schlechten Orientierungssinn hervorgetan hat?"
„Schlechter Orientierungssinn?" Aaron verkniff sich ein Lachen.
„Man muss nicht sonderlich intelligent sein, um zu erkennen, dass er nur deshalb vierzig Tage lang auf dem Berg verschollen war, weil er sich verirrt hatte", brummte der Alte und klang dabei sehr nach einem zänkischen Greis, der von seiner Terrasse herab Kindern mit Stockschlägen droht. „Jedenfalls nicht genug, um seinen Angelegenheiten ein ganzes Testament zu widmen."
„Wenn Sie meinen", Aaron sah keinen Sinn darin, weiter über dieses Thema zu diskutieren. „Dann sagen Sie mir, wie ich Sie nennen soll."
Ein abfälliges Knurren ertönte, gefolgt von einer nörgelnden Antwort: „Moses passt schon. Ich vermute, unter diesen Umständen bin ich nicht in der Position Ansprüche zu stellen."
Etwa drei Monate bevor Doktor Aaron Stone mit jenem Patienten, den er in Ermangelung eines Namens Moses genannt hatte, konfrontiert wurde, tauchte aus dem Nebel der nördlichen See ein Schiff auf. Bemerkt von niemandem, da die Menschen Reisen durch das Nordmeer, wo es selbst an guten Tagen eisig kalt war, während der Wintermonate mieden. Eisschollen, Treibgut der arktischen Pole, trieben gefährlich im Wasser und stellten eine nicht zu unterschätzende Gefahr für jegliches Schiff dar, dass es wagte, sich ihnen zu nähern. Aber auch Eisberge, Nebel und für gewöhnlich stürmische See machten das Nordmeer zu einem unwirtlichen Ort, selbst für jene, die die meiste Zeit ihres Daseins auf dem Meer zugebracht hatten.
Doch selbst wenn jemand hier gewesen wäre, er hätte ein Schiff erblickt, einer römischen Galeere nicht unähnlich, mit einem Trio gewaltiger Segel, so grau, wie die Nebel aus denen es aufgetaucht war. Gefertigt aus Holz, von Zimmerern, deren kunsthandwerkliche Arbeit jenseits von allem war, was es in dieser Welt gab. Pure Schönheit, nicht von Schiffsbauern, sondern von Künstlern erschaffen. Als ob es auf den Wellen glitt, schwamm es sanft durch das unstete Wasser dahin, gefolgt von einem Schaumbett, das es hin zu seiner Bestimmung brandete. Inmitten singender Stimmen von Buckelwalen, schien das Schiff nicht wirklich real, und jeder, der es gesehen hätte, würde meinen, sich in einem Traum zu befinden.
An Bord des Schiffes, das Platz für viele bot, gab es nur drei Passagiere. Drei, die nötig waren, um eine Reise zu wagen, die keiner von ihnen mehr für möglich gehalten hätte. Voll beladen mit Nahrung und Trinkwasser war das Schiff dafür ausgestattet ihnen eine sorgenfreie Fahrt hin zu ihrem Ziel und wieder zurück zu gewähren; für eine Reise, die bislang ohne Zwischenfälle verlaufen war, und die, ehe sie den Dunstschleier in die andere Welt, die sie vor langer Zeit verlassen hatten, ganz im Geheimen durchbrachen, nichts Aufregendes bot. Das jedoch änderte sich, als die Grenze erst passiert war, als sie die ruhigen Wasser, auf denen man in einer sanften, kühlen Brise dahinsegelte und den strahlenden Sonnenschein einer wahren Idylle hinter sich gelassen hatten.
Nun waren sie an einem Ort angelangt, wo die Wellen sich fast so hoch wie ihre Masten erhoben, und wo es trotz der Sonne über ihnen grau und trübsinnig war. Böiger Wind, der vermengt mit Regenschwaden unablässig auf sie einpeitschte, und eine von Blitz und Donner erfüllte Luft, erinnerte die Reisenden stets daran, wie weit sie sich von ihrem Zuhause entfernt und welches Risiko sie mit dieser Fahrt auf sich genommen hatten. Die Zurückgebliebenen hatten ihnen abgeraten, diese Reise anzutreten, hatten es als töricht bezeichnet den Schritt von einem sicheren Ort in eine Welt zu wagen, in der die Gewalt seit ihrem Abschied gewiss nicht weniger geworden war.
Legolas Grünblatt stand am Bug seines Schiffes und sah nichts weiter vor sich als den Horizont einer trübgrauen See, der sich kaum von dem ebenfalls grauen Himmel, der sich darüber ausbreitete, abhob. Der Wind war so eisig, dass seine blasse Haut zu erfrieren drohte, doch die Idee, das offene Deck gegen das geborgene Innere des Schiffes zu tauschen kam ihm nicht. Es war zu lange her, dass er etwas so widriges wie dieses Wetter erlebt hatte; und weil er das stets perfekte Klima Valinors kaum noch zu würdigen wusste, genoss er es aus vollem Herzen. Einige wenige Monate wie das hier, so dachte er, und er würde liebend gerne nach Hause zurückkehren.
„Du solltest nach drinnen kommen", riet ihm eine Stimme.
Legolas warf einen Blick über seine Schulter und sah einen dick eingehüllten Elladan, der ihm sein Gewand reichte.
„Danke", zeigte er sich erkenntlich, „aber ich bevorzuge es, noch etwas hier draußen zu bleiben." Er zog sich den Mantel über und wandte sich wieder der See zu.
Elladan gesellte sich zu ihm. „Was meinst du, wie lange werden wir brauchen, um das Meer zu durchqueren?"
„Ich weiß es nicht", antwortete Legolas wahrheitsgemäß. „Ein paar hundert Millennien können die Gestalt der Welt erheblich beeinflusst haben. Augenblicklich segeln wir in der einstigen westlichen See, halten uns jedoch nicht ostwärts nach Mithlond, sondern eher Richtung West, nach Valinor, falls es in dieser Welt überhaupt noch eine Rolle spielt. Ich vermute, dass wir auf das, was einst die Ostküste der Sonnenlande war, zuhalten."
„Und du meinst, dass dies der richtige Weg ist?" Elladan klang besorgt. Er wusste, dass es mehr als nur ihre Aufgabe war, die den Prinzen des Düsterwalds antrieb.
Unfähig die Schwierigkeiten der auf sich genommenen Reise zu leugnen, zuckte Legolas die Achseln. „Es ist der einzige Anhaltspunkt, den wir haben." Sie besaßen nur spärliche Informationen, und die Tatsache, dass sie in einer Welt angekommen waren, die sich ihrer Art gewiss nicht mehr erinnerte, war sicherlich nicht hilfreich.
„Er könnte tot sein", wies Elladan ihn vorsichtig hin, wohl wissend, dass dies ein Thema war, das dem Prinzen nicht behagte, ganz besonders jetzt, nach Antritt ihrer Reise. Doch ebenso wie Legolas, hatten auch Elladan und sein Bruder, als sie ihm ihre Begleitung anboten, das Risiko dieser Fahrt auf sich genommen. Es stand ihnen zu, ihre Meinung zu äußern, zumindest was Elladan betraf, und auch wenn Legolas es nicht gerne hörte, die Realität ihrer Situation musste ihm vor Augen geführt werden.
„Wenn er tot wäre, wäre seine Seele nach Mandos heimgekehrt", Legolas' Stimme hob sich. „Und da sie das nicht getan hat, ist er noch am Leben."
„Legolas, niemand will das Allerschlimmste denken, doch auch du solltest dich mit dieser Möglichkeit auseinandersetzen", Elladans Worte klangen sanft. „In dieser Welt hat sich vieles verändert, wir kennen sie kaum. Wir müssen herausfinden, warum wir so lange nichts von Mithrandir gehört haben; ob er von etwas Bösem befallen oder tot ist."
„Ich weigere mich, daran zu denken." Legolas, dessen Augen unverwandt zum trüben Horizont starrten, wirkte entschlossen.
„Das will niemand", beharrte Elladan, „aber auch du solltest diese Möglichkeit in Erwägung ziehen."
Abrupt wandte Legolas sich zum Gehen. „Ich will nicht mehr darüber reden!"
„Legolas!" Elladan griff nach seiner Schulter und hielt ihn somit auf. „Der Tod gehört zum Leben dazu. Es ist nur eine Fügung des Schicksals, das wir das sind, was wir sind. Wir müssen das akzeptieren."
Mit deutlich sanfterem Gesichtsausdruck wandte Legolas sich um. Er konnte nicht bestreiten, dass das was sein alter Freund sagte, der Wahrheit entsprach, auch wenn der Schmerz in seinem Herzen es war, der ihn antrieb Mithrandir zu finden. „Ich weiß, und ich habe die Tatsache akzeptiert, dass es der Preis der Unsterblichkeit ist, die sterben zu sehen, die man liebt. Ich hielt Melias Hand, als das Leben sie verließ, und ich saß an Aragorns Totenbett. Als ich gemeinsam mit Gimli nach Valinor segelte, glaubte ich, das Unvermeidbare damit abgewendet zu haben, doch ich irrte mich, auch er ging von mir. Ich möchte nicht das letzte überlebende Mitglied der Ringgemeinschaft sein, Elladan, ich verweigere mich dem Gedanken daran. Mithrandir ist am Leben und ich werde ihn finden."
Elladan verstand Legolas' Kummer, er selbst wusste nur zu gut, wie hilflos man im Angesicht des Sterbens geliebter Menschen war. Ebenso wie Legolas hatte auch er Aragorn und Gimli geliebt, und sie waren nicht die Einzigen, die Liebgewonnene verloren hatten. „Ich verstehe deine Angst, der letzte der Neun zu sein, doch wir alle haben Verluste erlitten. Glaubst du etwa, mein Schmerz war weniger gering, als ich von Arwens Ableben erfuhr? Es gab keinen Grund für sie zu sterben, doch sie selbst wählte so. Es war ihre Trauer, die sie getötet hat, Legolas. Sie tötete sie, weil sie sich ein Leben ohne Aragorn nicht vorstellen konnte."
Legolas sah den Kummer in Elladans Augen und fühlte sein eigenes Herz, beim Gedanken daran, dass der Abendstern ihrer beider Leben erloschen war, schmerzen. So viele ihrer Worte waren noch immer in seiner Erinnerung, selbst nach Tausenden von Jahren seit ihrem Scheiden. Bis zum heutigen Tage wurde sie von ihrer Familie betrauert, und jedes Jahr an ihrem Geburtstag stellte Elrond eine Kerze für sie auf, so wie er es tat, seit Legolas nach Valinor heimgekehrt und ihm vom Ableben seiner Tochter erzählt hatte, die nun bei ihrem König ruhte.
„Aber so muss es nicht sein, Legolas", fuhr Elladan fort. „Du hast nicht so viel verloren, wie du vielleicht glaubst. Melia starb, doch wir alle wissen, dass ihre Seele in Ariel weiterlebt. Und Ariel liebt dich."
Das konnte Legolas nicht bestreiten. Er liebte die Elbin, die er kurz nach seiner Ankunft in Valinor geheiratet hatte. Mit dem Verlust Melias hatte er zwar geglaubt, dies sei für immer, da menschliche Seelen nicht in Mandos' Hallen Einzug hielten, doch Mithrandir hatte ihm erzählt, dass die Pläne Erus für die Menschen andere waren. Denn auch wenn sie nicht die Ewigkeit der Elben besaßen, so gab es selbst für ihre Seelen einen Weg um ein neues Leben zu beginnen. Als Legolas Ariel zum ersten Mal begegnete, hatte er sofort gewusst, dass es Melia war, die erneut in sein Leben trat, auch wenn sie nicht die Frau, die er gekannt und geliebt hatte, war. Es war sein Herz gewesen, das zu ihm sprach.
Seit damals waren sie unzertrennlich, und wenn er es ihr erlaubt hätte, dann wäre sie bei dieser Reise an seiner Seite gewesen, doch Legolas war nicht bereit, ihr Leben für etwas aufs Spiel zu setzen, das jenseits der Grenzen Valinors lag und solch ein Mysterium war. Dennoch, der Gedanke, das Mithrandir irgendwo hier in dieser Welt war und Hilfe brauchte, ließ ihn nicht los. Die Valar würden keinen weiteren Boten senden, nicht - so vermutete Legolas - ehe sie nicht wussten, was mit Olórin geschehen war. Vier Jahrhunderte lang hatte Legolas geduldig auf die Rückkehr seines alten Freundes gewartet und mit Ablauf eines weiteren Jahrtausends eingesehen, dass es Zeit war zu handeln. Fest dazu entschlossen Mithrandir zu finden, ebenso wie er fest dazu entschlossen war, nicht das letzte verbliebene Mitglied der Ringgemeinschaft zu sein, überzeugte er Elladan und Elrohir davon ihn zu begleiten und stach in See.
„Ich weiß", wandte er sich schließlich wieder Elladan zu. „Und es schmerzt mich, dass sie nicht bei mir ist - wird es jeden Tag unserer Reise tun, an dem ich von ihr getrennt bin. Doch dies hier muss getan werden."
Elladan nickte. Trotz allem bewunderte er die manchmal an Sturheit grenzende Entschlossenheit des Prinzen. „Ich kann nicht sagen, dass ich das Band, das euch Gefährten verbindet, verstehe, aber auch ich wünsche mir, das Mithrandir noch am Leben ist."
„Es ist mehr als ein Band", Legolas traf Elladans Blick, „es ist das Wissen, dass er an meiner Stelle ebenso handeln würde. Wenn ich der Vermisste wäre, Mithrandir würde mich finden."
Elladan hoffte, dass es so einfach sein würde, dass sie Mithrandir hoffentlich lebend aufspüren würden. Doch als ihr Schiff immer weiter und weiter segelte, sich immer mehr aus den schützenden Nebeln wagte, die es sicher vor dieser neuen Welt verbargen, desto mehr quälte ihn der Gedanke, dass es vielleicht unmöglich war, den Istar je wiederzusehen.
Detective Eve McCaughley starrte auf die Leiche.
Wie sie am Ausmaß der Hautschädigung erkannte, schien der Körper bereits längere Zeit im Wasser gelegen zu haben, ebenso wie ihr der Fundort an der Uferböschung verriet, dass die Strömung ihn hergebracht haben musste. Höchstwahrscheinlich war die Leiche an einem etwas höher gelegenen Lauf des Flusses ins Wasser geworfen worden und hatte während der vergangenen Tage ihren Weg stromabwärts genommen. Verfaultes Laub und anderes organisches Material, wie Zweige und Insekten, hatten sich während seiner Reise an den Körper gehangen und waren gemeinsam mit diesem an der Böschung, die ein natürliches Hindernis für alle im Fluss treibenden Materialien bot, zum Stillstand gekommen. Und dort war die Leiche am heutigen Morgen von einer dreiköpfigen Familie auf ihrem Morgenspaziergang gefunden worden.
Da die Unbescholtenheit des Tatorts bis zum Eintreffen des forensischen Teams und des Leichenbeschauers unbedingt gewahrt werden musste, hatte Eve die Polizisten angewiesen, das Gebiet weiträumig abzusperren und Distanz zu halten. Während sie selbst am Fundort neben der Leiche niederkniete, zog sie sich die Latexhandschuhe über. Eine erste vorläufige Analyse würde sie selbst unternehmen. Wie sie es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, unter anderem, weil es ihr beim späteren Schreiben des Berichtes half, hob sie ihr Diktiergerät an die Lippen und begann zu sprechen:
„Detective Eve McCaughley - Mord", begann sie ihre Aufzeichnung. „Bei dem Opfer handelt es sich um einen männlichen Weißen, circa eins siebzig groß, hundertsiebzig Pfund schwer, von mittlerer Statur, mit braunen Haaren und blauen Augen. Sein Alter würde ich auf Mitte zwanzig bis Anfang Dreißig schätzen. Todesursächlich scheint ein Kopfschuss aus nächster Nähe zu sein, was sich auf die Schädelverletzung mit Eintrittswunde am Nasenbein und Austritt am Hinterkopf bezieht. Ballistisch kann zum jetzigen Zeitpunkt noch keine genaue Aussage getroffen werden, doch ich vermute ein eher großes Kaliber, wahrscheinlich eine 45er. Das Opfer ist vollständig mit einem Anzug bekleidet, lediglich ein Schuh fehlt, wobei schwer zu sagen ist, ob er im Fluss oder während der Ermordung verloren ging. Der verbliebene Schuh ist zugeschnürt. Der Anzug sieht teuer aus, möglicherweise Armani, was meiner Meinung nach auf einen Geschäftsmann hinweist …"
„Detective McCaughley!" Die Erwähnung ihres Namens und sich nähernde Schritte des Streifenpolizisten ließen Eve den Recorder unverzüglich abschalten. Wie in einem solchen Falle üblich, hatte sie Beamte zur Erkundung des Geländes ausgesandt, ganz besonders, da es sich hier um die Uferböschung eines Flusses handelte, die durchaus noch vereinzelte abgetriebene Beweisstücke bergen konnte.
Eve sah über die mit Laub bedeckte Grünfläche hinweg, die entlang des Flusses von Bäumen gesäumt war. Ein Spazierpfad, der einen angenehmen Blick aufs Wasser bot, schlängelte sich einladend durch einen Park, der ideal schien, um mit seinen Kindern Modellboote schwimmen zu lassen oder um ein Picknick zu veranstalten. Ein Ort, viel zu schön für die makabre Entdeckung, die hier am Ufer gemacht worden war. Der Polizist, ein Officer namens Scavelli, trat zu ihr. In der Hand einen Folienbeutel, in dem sich ein von ihm oder seinen Beamten gefundenes Objekt befand, dass Eve auf den ersten Blick für eine Brieftasche hielt.
„Was haben Sie entdeckt?", fragte sie ihn.
Er reichte ihr den Beutel. „Einer meiner Männer ist auf das hier gestoßen."
„Am Fluss?" Der Inhalt war in bemerkenswert gutem Zustand und sah nicht aus, als hätte er über längere Zeit im Wasser gelegen.
„Nein." Scavelli schüttelte den Kopf. „In einem Abfallkorb entlang des Weges. Eine in New York ausgestellte Fahrerlaubnis mit Adresse in Manhattan befindet sich im Inneren."
Während Eve den Beutel an sich nahm, die Brieftasche herausholte und genau untersuchte, sprach sie kein Wort. Weder Kreditkarten noch Geld waren vorhanden, die Fahrerlaubnis der tatsächlich einzig bemerkenswerte Inhalt. Als sie das Gesicht auf der Plastikkarte musterte, wusste sie augenblicklich, dass die Person auf dem Foto jene war, die solch abruptes Ende gefunden hatte. Ein Gesicht, dem absolut nichts Auffälliges anhaftete und dass jedem einzelnen Passanten, der ihr täglich auf der Straße begegnete, gehören konnte.
„Sein Name ist Robert Falstead", merkte Eve an, „wohnhaft vierundneunzigste Straße, Manhattan."
„Müsste eine Seitenstraße der Columbus Avenue sein", Scavelli nickte. „Ich frage mich, wie es geschehen konnte, dass er als Fischfutter im Fluss gelandet ist."
„Ich weiß es nicht." Eve versank in Schweigen. Die wenigen Puzzleteile, die sie besaß, begannen sich langsam zu einem unvollkommenen Bild zu formen. Zwar standen ihre Ermittlungen erst ganz am Anfang, aber eines, was durchaus noch von Bedeutung sein konnte, war ihr jetzt bereits klar: „Auf jeden Fall war es kein Raubmord."
„War es nicht?" Scavelli, der ihre Erfolgsgeschichte gut genug kannte, um ihre Aussage zu respektieren, sah sie an.
Wie die meisten Officers wusste auch er, dass Eve McCaughley, trotz ihres noch jungen Alters, als eine der fähigsten Ermittlerinnen galt, was nicht zuletzt ihrem hervorragenden Auge für Details und einem ausgeprägten kriminalistischen Gespür geschuldet war. Sie wusste sich selbst zu verteidigen, war geschickt im Umgang mit der Waffe und war nicht zimperlich. Eve war keine von denen, die sich hinter ihrem Schreibtisch verkrochen und Berichte tippten, während andere die Drecksarbeit erledigten. Einer Polizeifamilie entstammend machte sie sich gern die Hände schmutzig. Ihr Vater war Polizist gewesen und ihr Bruder, der vor wenigen Jahren, beim Einsatz in einem überfallenen Spirituosengeschäft getötet worden war, ebenfalls.
Sich diese wunderschöne Frau als Polizistin vorzustellen fiel schwer. Um ernst genommen zu werden, wusste sie das jedoch gut zu verbergen. Sie benutzte nur wenig Make-up, trug ihr langes mahagonifarbenes Haar stets zu einem Zopf gebunden und versteckte ihre saphirblauen Augen hinter metallgefassten Brillengläsern, auch wenn sie diese nur benutzte, um Berichte zu schreiben. Stets lässig gekleidet wirkte sie auf den ersten Blick wie ein junges Mädchen, dass das College besucht, nicht wie jemand, dem man die Verantwortung einer Ermittlerin anvertrauen würde. Dennoch hatte sie sich im Laufe der Zeit bewährt. Sie hatte ihr Können bewiesen, und die, die sie kannten, waren sich ihrer Fähigkeiten bewusst.
„Nein", sie schüttelte den Kopf. „Es sollte wie ein Raubüberfall aussehen, war aber keiner. Dem Opfer - das übrigens verheiratet war - wurde der Schmuck abgenommen, ich habe den Abdruck an seinem Ringfinger gesehen. In seiner Brieftasche sind weder Kreditkarte noch Bargeld, und dieser Typ, der wie ein Buchhalter aussieht, wirkt auf mich auch nicht wie jemand, der es auf einen Kampf mit einem Straßenräuber ankommen lässt. Es gibt keinen Grund, ihn aus kürzester Entfernung zu erschießen und seine Leiche ins Wasser zu werfen."
„Und die Brieftasche? Warum wurde sie zurückgelassen?", fragend sah Scavelli sie an. Er verstand, was sie meinte, auch wenn noch viel Erklärungsspielraum blieb. „Ich meine, wenn ein anderes Motiv des Täters ursächlich war, warum hat er der Leiche die Brieftasche entnommen?"
„Für den Fall, dass wir den Toten finden und das Offensichtliche übersehen." Eve hielt die Brieftasche hoch. „Sehen Sie, echtes Kalbsleder. So etwas, wie das hier, kauft man sich nur, wenn man es sich leisten kann. In der Pfandleihe würde man ohne Weiteres hundert Dollar dafür bekommen. Ein gewöhnlicher Räuber würde so etwas nicht zurücklassen. Er würde das, was für ihn nicht verwertbar ist, wegwerfen und sie zu Geld machen."
„Vielleicht war er nur nicht intelligent genug", wies Scavelli sie hin.
„Vielleicht", Eve lächelte, „aber das bezweifle ich."
Es war reiner Impuls der Aaron auf seinem Heimweg diesen Abend zum Malcolm Building fahren ließ.
Der Fall Moses hatte seine Gedanken den ganzen weiteren Tag beschäftigt. Besonders da er es dem alten Mann im weiteren Verlauf ihrer Sitzung gestattet hatte, die Führung ihres Gesprächs zu übernehmen. Die Einsicht, die Moses trotz fehlender Erinnerungen in seiner Wahrnehmung der Welt gegenüber zeigte, hatte Aaron überrascht. Doch es gab auch die anderen Momente: die, in denen er sich seiner Vergangenheit stellen wollte und plötzlich so verstört wirkte, dass lediglich das Thorazin in seinem Körper einen befürchteten neuerlichen Gewaltausbruch abhielt. Die Frage, ob dieser Zorn aus dem Willen zu verletzen heraus geboren wurde oder ob er ein Resultat der Frustration darüber war, nicht zu wissen, wie er diesen unkontrollierbaren Level erreichte, ließ Aaron, der Moses' Überweisung um einige Tage aufgeschoben hatte, nicht los.
Für ihn stand fest, dass es sich um ein Trauma handelte, dass Moses' Erinnerungen vor ihm verbarg; eine schreckliche Begebenheit, die ihm widerfahren war und die sein Verstand verweigerte zu akzeptieren. Bedauerlicherweise schien es keinerlei Nachweis über die Herkunft des Mannes zu geben. Es war schwer Informationen zu sammeln, wenn man nicht einmal einen Namen für die Suche besaß. Aaron wusste, dass der Schlüssel, Moses zu helfen, darin verborgen lag, den Grund für dieses Trauma herauszufinden, doch wie er das bewerkstelligen sollte, stand auf einem anderen Blatt. Den ganzen weiteren Tag, nach seiner Sitzung mit dem alten Mann, hatte Aaron mit der Erledigung seines Papierkrams zugebracht, seine Gedanken allerdings waren ständig zu einem ganz bestimmten Punkt hin abgeschweift:
Thorongil.
Was bedeutete dieses Wort?
Als sich das Malcolm Building vor ihm in den Himmel erhob, nutzte er die Kurzwahl seines Mobiltelefons um die einzig ihm bekannte Person zu kontaktieren, von der er wusste, dass sie ihm weiterhelfen könnte. Und obwohl es durchaus im Bereich des Möglichen lag, dass das Wort lediglich Moses' lädierter Psyche entsprungen und nichts weiter als Kauderwelsch war, musste Aaron, der vollkommen im Dunkeln tappte, jeden Strohhalm an Wissen, der sich ihm bot, ergreifen - und sei er noch so gering. Die Verbindung war schnell hergestellt, das Freizeichen ertönte und schon einen Augenblick später sprach Aaron in die Freisprechanlage, die sein Handy mit dem Auto verband.
„Hey Stuart, ich bin's, Aaron", grüßte er seinen alten Freund, einen Collegelehrer, der an der New York University dozierte.
„Hi Aaron!", erwiderte Stuart. Das klackende Geräusch einer Computertastatur im Hintergrund wies darauf hin, dass sich Stuart Farmer noch immer in seinem Büro, in der Abteilung für Englische Literatur, befand.
Aaron wusste aus Erfahrung, dass Stuart viel zu viel Zeit mit seiner Arbeit verbrachte und dabei vergaß, ein Leben zu führen. „Du arbeitest noch?", konnte er sich ein Sticheln nicht verkneifen.
„Ja, das tue ich", kommentierte Stuart trocken. „Nicht jeder von uns verschwendet seine Zeit damit, in teuren Autos durch die Gegend zu fahren und schwer arbeitende Freunde zu belästigen."
Aaron grinste. „Denkst du noch an das Spiel am Samstag?"
„Klar", ertönte die knisternde Stimme, „ich bringe das Bier mit."
„Großartig", Aaron freute sich darauf, gemeinsam mit seinem alten Freund das Spiel anzusehen. „Hör zu, ich habe eine Frage an dich. Hast du je von einem Wort Thorongil gehört?"
„Bitte?" Stuart schien nicht verstanden zu haben.
„Thorongil", verdrehte Aaron die Augen und bog in die Straße ein, an deren Ende sich das Malcolm Building auftürmte.
„Im Moment sagt es mir nichts", gestand Stuart, „aber ich kann in meiner Datenbank nachsehen. Gib mir eine Minute."
„Danke." Während Aaron wartete, parkte er am Bordstein ein und brachte sein Auto zum Stehen.
Durch die Windschutzscheibe seines Wagens hindurch sah er die hoch aufragende Glasstruktur des Gebäudes, dass offiziell als Malcolm Building bezeichnet wurde. Und auch wenn es nicht so hoch wie das Empire State Building in den Himmel ragte, so war es doch fast noch beeindruckender, und hatte den Spitznamen Monolith, was es seiner Bauweise aus schwarzem Marmor und der schwarzen gläsernen Fassade verdankte, wahrlich verdient; ganz besonders nachts, wenn es sich dunkel vom Sternenhimmel abhob und wie ein Schwarzes Loch schien, das jedes Licht schluckte. Während Aaron an dem Gebäude emporstarrte, konnte er den Gedanken, dass es für kranke, mit Psychosen belastete Sinne unheilvoll wirken musste, nicht leugnen. Er ahnte, warum Moses' von Halluzinationen geplagter Geist, beim Anblick des Gebäudes einen derart heftigen Ausbruch erlitten hatte, dass der alte Mann in die Psychiatrie gebracht worden war.
Stuarts Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Aaron?"
„Ja, ich höre." Noch immer sah er am Gebäude empor.
„Es gibt eine Niederschrift des Wortes", begann Stuart zu erläutern, "seine Herkunft ist jedoch unklar. Jemand, der in mittelalterlicher Volkskunde bewandert ist, könnte etwas darüber wissen, doch selbst darauf würde ich nicht wetten."
Aaron riss seinen Blick vom Malcolm Building los und wandte seine Aufmerksamkeit Stuart zu. „Was meinst du damit?"
„Dass es einen kleinen Hinweis in den Aufzeichnungen betreffs der Artus-Legende gibt."
„Die Artus-Legende?", konnte Aaron sein Erstaunen nicht verbergen, „du meinst den Ritter der Tafelrunde? DEN Artus?"
„Ja", Stuarts Stimme troff vor Sarkasmus, „DEN Artus."
Verblüfft lehnte Aaron sich zurück. „Okay! Und was ist das für ein Hinweis?"
„Gemäß einer populären Theorie ist mit der Artus-Legende keine individuelle Person, sondern eine Sammlung von Geschichten gemeint. Ehe Malory sie zu dem gemacht hat, was sie heute ist, gab es viele dieser Art von Legenden, und eine davon schien sich um einen König namens Thorongil zu handeln, der, bevor er König wurde, jemand ganz anderes war; der seine wahre Identität verbarg und sich erst offenbarte, als es notwendig wurde. So etwas in der Art. Man vermutet, dass diese Erzählung um Thorongil Einzug in die Artus-Legende gefunden hat."
„Also könnte Moses Geschichtsprofessor sein …", grübelte Aaron.
„Wer?"
„Einer meiner Patienten", klärte Aaron ihn auf. Er wusste, dass er Stuart eine Erklärung schuldig war, auch wenn es ihm nicht zustand, detaillierte Einzelheiten aus Moses' Krankengeschichte preiszugeben. „Ein John Doe ohne Identifikation, dessen ganze Weise zu sprechen mir britisch erscheint, obwohl ich mir nicht sicher bin. Er scheint unter einer schweren Form der Amnesie zu leiden, hervorgerufen durch ein traumatisches Ereignis in seiner Vergangenheit. Während unserer Sitzung hat er mich plötzlich Thorongil genannt."
„Weshalb du jetzt vermutest, dass er Experte für mittelalterliche Sagen ist", ahnte Stuart.
„Mir fällt nichts Besseres ein", Aaron zuckte die Achseln. „Gibt es noch weiteres Material über diesen Thorongil?"
Stuart schüttelte den Kopf. „Nein. Das, was ich dir erzählt habe, ist alles, was es darüber gibt. Ich scherze nicht, Aaron, aber es gibt keine weiteren Aufzeichnungen, nicht einmal darüber, wo diese Legende ihren Ursprung hat. Dein Mann müsste Experte für längst vergessene Mythen sein, um überhaupt je davon gehört zu haben. Es sei denn, er kannte diesen Thorongil persönlich", Stuart kicherte.
„Witzbold!" Aaron sah seine Hoffnung, dass Stuart ihm wenigstens einen Anhaltspunkt für seine Suche liefern konnte, enttäuscht. Die Herkunft Moses' lag weiterhin im Dunkeln, auch wenn er plötzlich das starke Gefühl hatte, das der Schlüssel darin, die Wahrheit über den Mann herauszufinden, im Verstehen des Zusammenhangs lag.
Der Mann stand am Fenster und betrachtete mit einem zufriedenen Lächeln die Welt weit unter sich.
Obwohl das Gebäude nicht das höchste der Stadt war, genügte es, um ihm einen Panoramablick auf New York zu bieten, von dem er der Meinung war, dass ohne den vertrauten Anblick der zwei Türme etwas fehlte. Doch nichts in einem sterblichen Dasein war ewig, Gebäude ebenso wie Menschen vergänglich. Als er die Konstruktion seines Turmes in Auftrag gegeben hatte, war es seine Absicht gewesen, etwas errichten zu lassen, das zwar beeindruckend, nicht jedoch ästhetisch ansprechend sein musste. Und obwohl die Architekten die Meinung vertraten, dass nur Höhe etwas darstellte, war er selbst geerdeter geblieben. Was ihn betraf, war der Himmel völlig überbewertet.
Es war die Fassade, die ihm wichtig war; Höhe allein, mit der man einzig die Aussicht genießen konnte, zählte für ihn kaum. Innerhalb der dunklen Wände seines Gebäudes, das, wie er wusste, im Allgemeinen nur Monolith genannt wurde - nach dem Objekt in einem Kubrick-Film - leitete John Malcolm sein Unternehmen wie ein Imperium. Der Monolith war das Zentrum seines Reiches, von hier aus überwachte er alles. Malcolm ließ den Anblick New Yorks hinter sich und wandte sich wieder dem Schreibtisch zu, dessen ihn umgebendes Büro sich direkt dem Penthouse anschloss, in dem er unterhalb des Swimmingpools und des Gartens auf der Dachterrasse, lebte.
Fortune 500 hatte ihn als einen der mächtigsten Männer der Welt bezeichnet, doch solche Titel, die eh nur Ansichtssache waren, interessierten ihn nicht. Er wusste, wie viel er besaß, und das war im Gegensatz zu den Hunderten anderen Männern in Fortune 500, die davon nur träumten, nicht wenig. Die Tentakel seines Einflusses hielten nicht nur seine Vorstandsetage im Griff, sondern reichten weit darüber hinaus: in Dimensionen, die für andere kaum vorstellbar waren. Sein Potenzial war grenzenlos, und Malcolm hatte es sich zum Ziel gesetzt, sein ganzes Dasein auf Erden damit zu verbringen, es auszuschöpfen.
In den meisten Fällen wusste niemand, dass er es war, der hinter den Kulissen wie ein Puppenspieler die Fäden zog. Die hohe Kunst der Geheimhaltung beherrschte er ausnehmend gut, und Malcolm war stolz darauf, wie weit sein Einfluss sich inzwischen ausgedehnt hatte. Seine Agenten waren überall und dienten ihm mit unerschütterlicher Hingabe. Zum einen, weil sie den Preis fürs Scheitern kannten, zum anderen, weil sie ihrer Dienste wegen fürstlich entlohnt wurden. Zudem waren sie einer der Gründe dafür, dass Malcolms Arm bereits bis in allerhöchste Kreise reichte. Es gab Staatsoberhäupter, die dankbar für seine Aufmerksamkeit waren.
Obwohl, und das war für Malcolm das Wichtigste, niemand davon wusste.
Noch ehe die Tür seines Büros sich öffnete, wusste er bereits wer eintreten würde. Abwartend ließ er sich im Ledersessel vor seinem marmornen Schreibtisch nieder. Er mochte die Kühle des dunklen Steins und strebte danach, sein Büro, das mit seinen dunklen, blankpolierten Oberflächen eisigkalt wirkte, mit so viel wie möglich davon einzurichten. Persönliche Dinge waren rar, ebenso wie Menschen hielt er sie für entbehrlich. Sie dienten und starben, mehr nicht. Warum Dinge verkomplizieren, indem man eine unnötige Bindung zu ihnen einging?
„Sandra", grüßte Malcolm die Frau, die eintrat. „Ich erinnere mich nicht, Sie gerufen zu haben."
„Tut mir leid, Mr. Malcolm, aber ich glaube, dies duldet keinen Aufschub", entschuldigte sich die in ein dunkles Kostüm gekleidete Frau, die seine persönliche Assistentin und Vertraute war. In ihrer Jugend musste sie wunderschön gewesen sein, mit flachsblondem Haar, das jetzt zu einem Knoten geschlungen war und dem Schimmer eines inneren Feuers in ihren smaragdgrünen Augen, das im Laufe der Jahre seinen Glanz eingebüßt hatte. Mit ihren fünfzig Jahren war Sandra Collins zwar noch immer eine gut aussehende Frau, doch es war klar, dass ihr Aussehen es nicht mehr mit der Schönheit früherer Jahre aufnehmen konnte.
„Ich höre."
Mit genug Gespür, um auf seine Aufforderung zu warten, trat Sandra im Wissen, dass der Kaiser Audienz gewähren musste, erst nach einer Geste Malcolms näher. Sie öffnete den Aktenordner, den sie seit ihrem Eintreten unter dem Arm trug, und zog etwas hervor.
„Dies wurde vergangene Nacht von den Sicherheitskameras aufgezeichnet", legte sie einige körnige Fotografien, die jedoch noch genug zeigten, um ihre Sorge zu begründen, vor ihn auf den Tisch. „Er ist nicht tot", setzte sie fort. „Er lebt, und er war hier vor dem Gebäude letzte Nacht."
„In der Tat", Malcolm wirkte weit weniger besorgt als sie. „Ich hatte auch nicht erwartet, dass er tot ist, Sandra. Ich wusste, er würde irgendwie überleben, auch wenn er nicht mehr in der Lage sein wird, mir gefährlich zu werden."
„Meinen Sie nicht, dass wir dieses Problem ein für alle Mal aus der Welt schaffen sollten?" Sandra sah ihn an. „Wir haben genug für uns arbeitende Leute, die es wie einen Unfall aussehen lassen könnten. Er wurde in die Psychiatrie gebracht, nachdem die Polizei ihn aufgelesen hat, es wäre eine ganz einfache Sache …"
Malcolm erhob sich. „Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt, und ich werde es jetzt noch einmal tun …" Sein stechender Blick bohrte sich in sie, seine Worte schienen Eiszapfen der Angst durch ihre Haut zu jagen. Für einen kurzen Augenblick sah sie all das in seinen Augen, was böse und entsetzlich an ihm war. „Er darf unter keinen Umständen getötet werden. Die Minute, in der sein Blut vergossen wird, wird gefolgt von jener, in der unseres fließt. Haben Sie das verstanden?"
Angesichts der Schwärze seines Blicks spürte Sandra ein Schauern. „Jawohl, Sir!", nickte sie nur.
„Gut!" Malcolm ließ sich zurück in seinen Stuhl sinken. „Und was Sie jetzt tun werden, ist herauszufinden, wer in diesem Hospital die Macht hat, meinen alten Freund herauszugeben, um ihn dann in ein nettes kleines Asyl zu stecken, wo er für die nächsten vierhundert Jahre vergessen werden kann. Und das wird dann hoffentlich das Letzte sein, dass ich in dieser Sache unternehmen muss. Ist das klar?"
„Ja, Sir", nickte Sandra ein weiteres Mal, „und was, wenn ich mich weigere?"
Zynisch sah Malcolm sie an. „Sie werden es tun, wenn Sie leben wollen."
