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Schweigen. Den ganzen Weg vom Bahnhof zurück zum Schloss sagte keiner von ihnen ein einziges Wort. Hermione begann schön langsam an ihrer Entscheidung zu bleiben zu zweifeln. Wie sollten sie einander besser kennen lernen, wenn er nichts sagte und sie Angst hatte ihn zu fragen. Woher sie den Mut aufgebracht hatte ihn wegen des Kusses zur Rede zu stellen, wusste sie jetzt nicht mehr.
Verstohlen musterte sie ihn aus dem Augenwinkel. Finster starrte er stur gerade aus. Er sah nicht aus, als wäre er glücklich. Die Situation schien ihm nicht zu gefallen und dieser Gedanke beunruhigt sie noch mehr. Es war falsch gewesen hier zu bleiben. Sein Anblick ließ sie bereuen hier zu sein. Fest presste sie die Lippen aufeinander.
Sie würde bis zum Schloss mitgehen und wenn er dann nicht etwas sagte oder irgendetwas tat, dann … dann würde sie einfach umkehren und so schnell wie möglich zum Bahnhof zurückkehren. Und sie würde nicht einmal zurück sehen, das schwor sie sich.
Sie sagte nichts. Nicht ein Wort. Was sehr ungewöhnlich für sie war. Im Unterricht hatte sie ständig etwas zu sagen. Auch dann, wenn es eigentlich nichts zu sagen gab und vorhin, am Rande des Waldes, war sie alles nur nicht sehr schweigsam gewesen. Nicht so wie jetzt. Vorsichtig betrachtete er sie von der Seite her. Sie hatte ihre Lippen … dieser Mund – unwillkürlich dachte er an den Kuss… fest aufeinander gepresst und sah äußerst unglücklich aus.
Was mochte in ihr vorgehen? Er hatte keine Ahnung davon was Frauen dachten und schon gar nicht jene welche er zuvor geküsst hatte. Gut, das war jetzt ein paar Tage her und während er es tat wusste sie gar nicht, das er es gewesen war. Bis sie es herauf gefunden hatte. Gerade fragte er sich wie sie das geschafft hatte. Was hatte ihn verraten? Sie war verwirrend für ihn und vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen hinter ihr herzulaufen. Es wäre besser gewesen sie hätte den Zug genommen.
Probleme in seinem Leben waren noch nie seine Stärke gewesen. Er musste sich mit Dingen auseinandersetzten aus die er sich nicht mit bloßer Unhöflichkeit herauswinden konnte. Das kannte er schon aus seinen Gesprächen mit Dumbledore. Da war er auch meist der Verlierer. Erleichtert stellte er fest das endlich das Schloss in Sicht kam.
Dort würde er ihr einen Tee anbieten, mit ihr höflich Konversation betreiben und sie schließlich zum Bahnhof bringen. Eine kindische Episode die so rasch wieder ein Ende fand. Mit sich zufrieden schritt er forsch aus. Plötzlich hatte er es unerklärlich eilig.
Vor dem Schloss empfing ihm zu seinem Leidwesen Dumbledore und an dessen Seite niemand geringer als der alte Drache McGonagall. Ihm blieb wohl nichts erspart.
„Miss Granger, haben Sie ihren Zug verpasst?", rief diese gerade besorgt aus, dabei musterte sie Severus als hätte er ein Schwerverbrechen begangen.
„Nein, ich hatte nur das Gefühl etwas vergessen zu haben.", erwiderte Hermione ernst.
„Und das haben Sie jetzt nicht mehr?" Hermione sah kurz zu Severus, dann blickte sie wieder ihre ehemalige Hauslehrerin an.
„Auf dem Weg hierher beschlich mich der Gedanke mich doch geirrt zu haben!"
Fest kniff Severus seinen Mund zusammen. Sie war eben wie alle Frauen, ein flatterhaftes Ding. Sie sagen das eine und meinen aber etwas ganz anderes. „Wieso warst du eigentlich auf dem Bahnhof, Severus?", mischte sich Albus fragend in das Gespräch ein.
„Ich war nicht auf dem Bahnhof, sondern nur spazieren. Miss Granger und ich sind nur rein zufällig über den Weg gelaufen und da wir die gleiche Richtung hatten, war es nur natürlich gemeinsam die Strecke zurückzulegen."
Scharf ruhte Dumbledores Blick auf ihn. Er der niemals etwas erklärte, brauchte plötzlich ganze schön viele Worte für eine vollkommen harmlose Situation.
„Ja nun, ich und Minerva waren gerade auf dem Weg nach Hogsmaede. Wenn ihr uns hier nicht braucht ..." Albus ließ den Satz unvollendet und sah abwartend auf Severus.
„Ich denke doch, dass Miss Granger und auch ich ganz gut ohne Euch zurechtkommen werden!", erwiderte Severus kalt und schritt an den beiden, ohne abzuwarten ob Hermione ihm folgte, vorbei ins Innere des Schlosses.
Hermione nickte Dumbeldore und McGonagall zu und folgte ihm. Sie war kurz davor ihn entweder anzuschreien oder zu erwürgen. Warum wollte er das sie blieb und behandelte sie gleichzeitig als würde er mit ihr gar nichts zu tun haben wollen? Er war ein unmöglicher Mensch – Mann. Er lief vor ihr hinab in seinen geliebten Kerker. Genau wo er hingehört, dachte sie wütend. Er ließ die Tür zu seinen Räumen für sie offen und brachte so ihr Herz zum schneller schlagen.
Severus Snape war ein sehr widersprüchlicher Mann, dass wusste sie doch. Auch wenn er es nicht offen zugeben konnte, ein Teil von ihm wollte sie hier haben. Zögernd trat sie ein und schloss die Tür. Er stand mitten im Raum und schien auf sie zu warten.
„Möchtest du eine Tasse Tee?", fragte er höflich.
Stumm nickte sie. Während er einen Hauselfen damit beauftragte ihnen Tee zu bringen, begann sie sich in seinem Raum umzusehen. Sie war noch nie hier gewesen. Es gab ein großes Bücherregal. Auf diesem stapelten sich die Bücher. Sie waren nicht ordentlich sortiert, sondern lagen und standen chaotisch in den Regalen. Manche schien er häufiger zur Hand zu nehmen, auf anderen hatte sich bereits Staub angesammelt.
Ehrfürchtig strich sie mit den Fingerspitzen über die alten Ledereinbände. Einige der Bücher waren sprichwörtlich Uralt. Sie ging weiter und entdeckte ein paar Phiolen. In ihnen schimmerten unterschiedliche Flüssigkeiten. Hermione nahm eine an sich, öffnete sie und gerade wie sie an dieser schnuppern wollte, schob sich eine Hand dazwischen.
„Nicht!", warnte Severus sie und nahm sie ihr aus der Hand. Sorgfältig verschloss er sie wieder und stellte sie zurück zu den anderen.
„Was ist das?", fragte sie interessiert.
„Das ist der Tod. Ein Hauch davon und niemand mehr kann dir helfen!"
Hermione blickte ihn entsetzt an.
„Welcher Mensch braucht so etwas in seinen vertrauten Wänden?" Sie sah wie er bei ihrer Frage ein Stück zurück wich.
„Jemand, der für Dumbledore und den dunklen Lord gearbeitet hat und das zur gleichen Zeit. Niemand kommt ungestraft davon, wenn er Voldemort hintergeht!", stieß er gepresst aus. In diesem Moment kam der Tee und brachte eine willkommene Abwechslung, denn Hermione hatte das Gefühl erst ihre Gedanken sortieren zu müssen.
Was hat er sich nur dabei gedacht? Ihren entsetzten Blick, als er ihr den Inhalt der Phiole erklärte, würde er wohl niemals mehr vergessen. Sie passte nicht hier her. Er musste sie gehen lassen. Es war verrückt gewesen. Er war verrückt gewesen. Als er sie in jener Nacht alleine im Schrank vorgefunden hatte, da hätte er sich einfach umdrehen und weggehen sollen. Aber nein, er musste sie unbedingt küssen.
Seufzend trank er einen Schluck von seinem Tee. Komisch, heute schmeckte er außergewöhnlich bitter, oder lag das an ihm?
„Es tut mir leid, ich hätte dich, Sie, nicht herbringen dürfen.", sagte er plötzlich.
„Was hat deine, Ihre, Meinung geändert?"
Er wechselte vom vertrauten Du wieder auf das formelle Sie, ihr war das nicht entgangen.
„Es gibt so vieles. Du solltest nicht hier sein. Es war ein Fehler!"
„Was?"
„Alles!"
Überlaut stellte Hermione ihre Tasse zurück auf die Untertasse.
„Schade! Ich hatte gehofft … dachte, aber scheinbar habe ich mich geirrt!", brachte sie mühsam über die Lippen. In ihren Augen lag ein Schimmer. Sie wirkte verletzt auf ihn.
„Leben Sie wohl, Professor Snape!", sagte sie kalt, reichte ihm die Tasse und verließ seine Räume.
Schweigend sah er hinter ihr her. Sie war fort. Fort aus seinen Räumen und somit aus seinem Leben. Schwer sank er in seinen Stuhl. Er hätte sie aufhalten sollen, aber wozu? Sie war eine junge Frau voller Träume und Leben und er … Er war all das nicht.
Finster starrte er in seine Tasse und suchte dort auf deren Grund nach Antworten. Warum nur fühlte er sich so als hätte er gerade etwas sehr wertvolles und kostbares für immer verloren? Energisch stellte er die Tasse weg und holte sich stattdessen eine Flasche Feuerwhiskey und ein Glas. Seit einer sehr langen Zeit verspürte er das dringende Bedürfnis sich sinnlos zu betrinken.
Sorge ließ ihn umkehren und sie war nicht unbegründet. Eine verstört wirkende Hermione lief ihm beinahe in die Arme.
„Miss Granger! Haben Sie gefunden wonach Sie suchten?", fragte er sanft.
„Ich fürchte ich habe mich geirrt und es war gar nicht da!"
Ihre Antwort klang für ihn merkwürdig, doch als er in ihre Augen blickte, begann Albus langsam zu begreifen. Wie war ihm das nur entgangen, oder sah er Geister? Miss Granger eilte ohne ein weiteres Wort weiter.
Nachdenklich ging Albus zum Schloss zurück. Er würde seinem Zaubertränkemeister einen Besuch abstatten. Mal sehen in welchem Zustand sich dieser befand. An dessen Tür angekommen, begnügte er sich mit einem kurzen Anklopfen und trat dann ein. Der Anblick, der sich ihm bot, ließen ihn die Augenbrauen vor Überraschung hochziehen.
„Wie lange kennen wir einander?", fragte er ihn, ohne eine Antwort zu erwarten, denn er sprach gleich weiter.
„In all den Jahren habe ich dich noch nie Alkohol trinken sehen, außer in jener Nacht!" Severus musterte ihn finster, sagte aber kein Wort. Ungefragt nahm Albus ihm gegenüber Platz.
„Möchtest du darüber reden?"
Stumm schüttelte Severus den Kopf. In seinen Augen lag ein beinahe schon feindseliger Blick. Severus befand sich in einer sehr gefährlichen Stimmung.
„Du und Hermione ...", begann Albus, brach aber bewusst mitten ihm Satz ab. Scharf beobachtet er ihn. So hatte er ihn noch nie erlebt. Voller Anspannung mit geballten Fäusten saß Severus in seinem Stuhl. Über seine Gefühle schaffte er es noch nie zu sprechen, lieber verschloss er sie tief in sich und das hier Gefühle im Spiel waren, da war Albus sich ganz sicher. Lange blickte er auf ihn, dann holte er tief Luft und erhob sich.
„Vielleicht ist es für dich an der Zeit einen neue Pfade einzuschlagen. Denk darüber nach. Es gibt da eine Sache die du nie probiert hast!", schlug er ihm vorsichtig vor und verließ seine Räume.
