Es war alles so seltsam. Natürlich hatte sie gewusst, dass irgendetwas nicht in Ordnung war, dass ihr Leben nicht normal war, dass SIE nicht normal war.

Noch einmal las Leah den Brief, den ihr der silberhaarige Mann vor einer halben Stunde gegeben hatte.

Liebste Leah,

ich weiß, nichts was ich dir sage, wird dir helfen mit deinem Schmerz fertig zu werden, aber ich hoffe zu mindest, dass dir dieser Brief einiges erklären kann. Ich weiß, dass du dir immer viele Fragen gestellt hast und diese möchte ich dir jetzt endlich beantworten.

Aber zuerst einmal: es tut mir alles unglaublich Leid! Ich weiß nicht, wie alt du sein wirst, wenn du diesen Brief erhältst, da ich ihn geschrieben habe als du zehn warst und mit deinen Fragen immer aufdringlicher wurdest. Natürlich musste ich dir dann einen Teil erzählen, du hattest das Recht darauf. Nur alles war mir bisher immer zu viel, ich wollte dich doch schützen… Aber nun wo ich nicht mehr bei dir sein kann und du diesen Brief liest, musst du endlich die ganze Wahrheit erfahren.

Ich weiß was bzw. wer mich getötet hat. Und du sollst es auch erfahren. Du erinnerst dich sicher an die schwarzen Zauberer von denen ich dir erzählt habe. Sie nennen sich Todesser. Vor ihnen haben wir uns immer verstecken müssen und mussten deshalb auch immer im verborgenen Leben.

Aber: nicht die ganze Zaubererwelt ist schlecht! Es gibt auch viele Zauberer und Hexen die gegen die Anhänger von dem-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf (die Todesser) ankämpfen.

Einer davon ist Albus Dumbledore, der Mann der dir diesen Brief überreicht hat. Er ist Direktor der Zaubererschule an der dein Vater und ich uns kennen und lieben gelernt haben. Er ist ein sehr weiser Mann und viele halten ihn wohl für den stärksten Zauberer den es je gegeben hat. Ich verspreche dir: du kannst ihm vertrauen. Ich kenne ihn schon seit meinem elften Lebensjahr (und dein Vater ebenso). Falls du ihm trotzdem misstrauen solltest (es tut mir unglaublich Leid, dass ich dich mit diesem misstrauen gegenüber jedem aufwachsen lassen musste, aber ich denke es hat dir und mir ein paar Mal das Leben gerettet) jedenfalls kannst du ihm eine Kontrollfrage stellen, ob er wirklich der Mann ist, von dem ich dir hier geschrieben habe. Seine Lieblingsbonbons sind Zitronenbonbons.

Albus hat mich häufig versucht dazu zu überreden wenigstens dich unter einen Schutzzauber zu stellen. Ich habe jedoch immer abgelehnt, ich wollte einfach nicht, dass du ganz ohne Eltern aufwachsen musst. Bei unserem letzten Gespräch, gab ich ihm schließlich diesen Brief und bat ihn, ihn für dich bis zu meinem Tod aufzuheben. Danach habe ich nie wieder Kontakt zu ihm aufgenommen. Es war einfach zu gefährlich.

Ich denke, ich habe dir einmal das Prinzip des Geheimniswahrers erklärt (falls du dich nicht mehr erinnerst, frag einfach Albus danach). Albus versprach so einer für uns zu werden, aber ich konnte dem ganzen einfach nicht trauen. Nicht weil ich Albus nicht traue, sondern weil ich dem Zauber des Geheimniswahrers nichts abgewinnen kann.

Deinem Vater, musst du wissen Liebes, wurde dieser Zauber nämlich zum Verhängnis. Er wurde für etwas bestraft, was er nie getan hat, doch niemand glaubte ihm. Er kam nach Askaban und erfuhr deshalb auch nie etwas von deiner Geburt. Seine Familie allerdings, die durch und durch voller Todesser ist, bekam Wind davon, dass ihr abtrünniger Sohn ein Kind gezeugt hatte und dass du dieses Kind warst. Ich glaube nicht, dass sie dich wirklich umbringen wollen. Sie wollen nur deine Erziehung kontrollieren und dafür sorgen, dass du nicht so wie dein Vater wirst. Ich lehnte ihre Angebote, dich in ihre Obhut zu geben jedoch immer strickt ab… Deshalb verfolgten sie uns.

Ich beschwöre dich vorsichtig zu sein, mein Liebling. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn dir etwas zu stöße. Auch meine liebe zu deinem Vater konnten sie nie zerstören, auch wenn sie uns auseinander brachten und über Jahre hinweg voneinander trennten.

Die Jahre mit dir, Leah, waren die schönsten, die mir je vergönnt waren. Um nichts in der Welt würde ich sie oder dich missen wollen! Glaube mir, du trägst an nichts was passiert ist die Schuld!

Dein Vater wusste schon immer, dass er auf gefährlichem Fuße lebte, als er sich von seiner Familie abwandte, ebenso wie ich, als ich ihn kennen lernte. Wir befanden uns immer in Gefahr, aber nichts auf der Welt hätte uns davon abbringen können so viel Zeit miteinander zu verbringen, wie es nur möglich war und gemeinsam gegen die Todesser vorzugehen.

Uns war immer klar, dass ein Leben im Kampf gegen die schwarzen Magier meistens eine ziemlich kurze Lebensdauer hatte. Die besten Freunde deines Vaters, die Potters, überlebten den Kampf gegen ihn-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf nicht. Deinen Vater nahm das so sehr mit, dass ich ihm versprechen musste, mich aus unserem gefährlichen Leben zurück zu ziehen. Den Rest kennst du. Er kam nach Askaban und blieb dort bis zum heutigen Tage. Ich weiß nicht, was in den letzten Jahren passiert ist, vielleicht konnte endlich jemand seine Unschuld bestätigen. Ich hoffe es sehr.

Natürlich verstehe ich, dass du Kontakt zu ihm aufnehmen willst, denke allerdings an die Gefahr die das für ihn und dich birgt. Sein Name, Leah, ist Sirius Black.

Falls er immer noch in Askaban ist, habe ich Albus aufgetragen dich mit nach Hogwarts zu nehmen. Ich bin mir sicher, er wird mit dir gemeinsam eine Lösung finden wie es weiter gehen soll.

Mein Engel, meine liebste Leah, ich wünsche dir viel Glück in diesem neuen Lebensabschnitt. Ich kenne dich, du musstest in deiner Kindheit viel zurück stecken, aber du warst immer stark genug. Ich weiß, dass du auch jetzt noch stark genug bist mit allem was kommen wird fertig zu werden.

Ich liebe dich mehr als mein Leben, Leah, vergiss das nie!

In Liebe

Deine Mum

„Leah?"

Leah blickte auf.

Der Mann, der Albus Dumbledore hieß, lächelte sie schwach an.

„Ich weiß nicht, was in diesem Brief steht, aber ich bin mir sicher deine Mum wird dir nun alles erzählt haben."

Leah nickte benommen.

Sirius Black also. Die Frage die sie so lange beschäftigt hatte, war endlich geklärt. Ihr Dad hieß Sirius Black. Sie war also eine Black. Und ihr Dad war mit den berühmten Potter befreundet gewesen…

Obwohl ihre Mutter und sie sich so gut wie möglich aus der Zaubererwelt entfernt gehalten hatten, hatte sie natürlich einiges mitbekommen. Kein Wunder, in jedem vermaledeiten Buch konnte man über die Potters lesen.

Und ihr Vater… ein Black… auch über die hatte sie gelesen. Hatte mal irgendwo einen Stammbaum gesehen. Groß war der gewesen, verwirrend ineinander verwebt und ausschließlich Reinblüter waren darauf gewesen. So hatte es in dem Buch über alte Zaubererfamilien zu mindest gestanden. Ihre Mum hatte nie erfahren, dass sie es gelesen hatte. War wohl auch besser so, dachte sie jetzt.

Reinblüter… sie war kein Reinblut, oder? Ihre Mum war keins gewesen, da war sie sich sicher. Leahs Großeltern waren Muggel. Sie hatte sie als Kleinkind ab und an besucht, aber später waren sie gestorben. Jetzt fragte sie sich, ob ihre Großeltern tatsächlich eines natürlichen Todes gestorben waren… sie war immer davon ausgegangen, aber nun war sie sich nicht mehr so sicher…

Unsicher sah Leah zu Dumbledore hoch.

„Ich denke, wir sollten von hier fort gehen, Leah. Es könnte bald sehr ungemütlich hier werden. Muggelpolizisten sind durchaus neugierig", sagte er ruhig.

Leah nickte langsam und blickte sich noch einmal in ihrem alten Zimmer um. Es war verwüstet, kaum etwas von diesen Sachen lag ihr wirklich am Herzen. Trotzdem musste sie etwas packen.

Langsam stand sie auf und ging zu ihrem Kleiderschrank. Doch bevor sie die Tür öffnete, sah sie sich noch mal um.

„Mr. äh…" Wie sollte sie den fremden Mann ansprechen?

„Professor", half Dumbledore und schenkte ihr ein lächeln.

„Professor Dumbledore, was sind ihre Lieblingsbonbons?"

Sie wollte ja nur sicher gehen. Natürlich hatte sie die Schrift ihrer Mum erkannt, aber wer wusste schon ob nicht irgendwer den Brief gestohlen hatte? Und nachdem sie ihn gelesen hatte, war sie sich sogar noch sicherer dass misstrauisch zu sein, eine gute Eigenschaft sein musste. Eine, die wie ihre Mum gesagt hatte, ihr Leben sichern konnte.

Dumbledore zog eine Dose mit gelben Bonbons heraus und reichte sie Leah. „Zitronenbonbons. Möchtest du eins?"