Kapitel 2
Rachegedanken
Sucher
Schon in der nächsten Woche geschieht etwas, das den Jungen erneut in den Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit rückt. Die Kids im ersten Jahr sollen lernen, auf Besen zu fliegen und ich weis eigentlich gar nicht so genau, was mich dazu bringt, unauffällig von diesem geheimen Zimmer aus dabei zuzusehen. Doch es lohnt sich in gewisser Weise. Die Kids steigen auf ihre Besen, doch der junge Longbottom hat wohl so seine Probleme mit dem Gerät. Es steigt ungelenkt auf und wirft ihn ab. Er muss sich wohl verletzt haben, denn Madame Hooch bringt ihn ins Schloss zurück.
Brauchst nicht so hämisch zu grinsen, Severus, dir ist es damals um kein bisschen besser gegangen – nur den Arm hast du dir nicht gebrochen.
Draco bückt sich nach etwas und hebt es hoch. Es sieht wie ein kleiner Ball aus und er zeigt es feixend den Gryffindors. Harry geht auf ihn los und Draco hebt spöttisch mit seinem Besen ab. Er hält sich außer Reichweite und triezt immer noch mit diesem Ball. Harry lässt sich provozieren und schwingt sich ebenfalls auf seinen Besen.
Grundgütiger!
Da fliegt James Potter, wie vor so vielen Jahren, doch der Junge kann Zuhause wohl kaum geübt haben. Was auch immer sein Vater in dieser Hinsicht geleistet hat, der Junge ist noch um eine Klasse besser. Er fliegt einfach großartig. Draco wirft den kleinen Ball mit seiner ganzen Kraft hoch in die Luft und Harry eilt hinterher - mein Gesicht klebt an der Scheibe - Der Ball rauscht in Richtung Boden und Harry prescht ihm nach. Einen solchen Sturzflug habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Himmel, der wird sich noch ungespitzt in den Rasen rammen ... Pass auf, Junge, pass auf...!
...doch er fängt den kleinen Ball im letzten Moment und holt sich mit einer eleganten Bewegung aus dem Sturzflug. Jubelnd und rufend landet er wieder bei seinen Kameraden. Da kommt McGonagall über den Rasen gestürmt und winkt Harry mit wilden Handbewegungen und steinernen Gesicht ins Schloss.
Zum ersten Mal kommt mir der Gedanken, dass es vielleicht gar nicht so einfach sein wird, den Jungen zu beschützen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Er scheint nämlich nicht nur das Flugtalent von seinem Vater geerbt zu haben, sondern auch dessen unheilvolles Talent, sich in Schwierigkeiten zu bringen.
Ein paar Tage später bekomme ich beim Frühstück mit, dass ein paar Eulen Harry einen Besen liefern. Den besten Besen, den es im Augenblick gibt, einen Nimbus 2000. Nun, ich weis, dass McGonagall einen guten Sucher für ihr Haus Team sucht, seit Charlie Weasley die Schule verlassen hat – seitdem hat nämlich ihr Haus nicht mehr den Pokal gewonnen und ich habe noch jedes Mal die Gelegenheit wahrgenommen, sie mit dieser Tatsache – nun – ein wenig kollegial aufzuziehen.
Könnte sich wohl in diesem Jahr ändern, wenn der Junge auch nur ein halb so guter Sucher ist, wie es sein Vater war. Solange der nämlich für Gryffindor gespielt hat, hat Slytherin nie den Cup gewonnen.
Meine Gefühle dem Jungen gegenüber sind immer noch verdammt gespalten. Einerseits freue ich mich für ihn, dass er in seine Hausmannschaft aufgenommen wurde (der jüngste Sucher seit hundert Jahren!) anderseits fürchte ich, dass er dadurch so aufgeblasen wird wie sein Vater und die Erinnerung an den liegt mir wie ein riesiger Stein im Magen.
Nun, ich kann es nicht lassen, den Jungen zu schikanieren, wo es nur geht und ich denke, er hasst die Stunden, die er in meinem Unterricht verbringen muss. Doch ich will, dass er lernt und ich kenne keine andere Methode, als die, seinen Widerspruchsgeist herauszufordern. Schon sein Vater hat immer am liebsten das getan, was am Schwierigsten war oder sogar verboten.
Ich weis, dass der Junge kein gutes Haar an mir lässt und sich bei seinen Freunden und auch bei Hagrid gewaltig über mich beschwert. Letzterer sucht mich nämlich in meinem Büro auf und erzählt mir davon. Hagrid ist der Einzige hier in Hogwarts, der einem Freund auch nur im Geringsten nahe kommt (außer Dumbledore natürlich, aber der ist ein Sonderfall). Nicht, dass ich ihn oft in seiner Hütte besuchen würde, schon gar nicht mehr, seit er Harry geholt hat und der einen erwachsenen Freund in ihm sieht, aber er ist immer für einen freundlichen Plausch am Lehrertisch gut.
„Servus, Severus", sucht er mich dieser Tage nach dem Unterricht in meinem Büro auf, „du, sog amoi, was host´n du do mit am Harry?"
Hagrid war schon immer ziemlich gerade raus und er hat eine Antwort verdient, wenn vielleicht auch nicht die ganze Wahrheit, denn die ist zu kompliziert.
„Er erinnert mich an James", gebe ich zurück.
„Du werst doch ned nach all de Jahr no imma an Hass auf den ham? Du, da James is scho seit zehn Jahr dod und was bringt´s wennst an Dod´n hasst? Es macht aa koan Sinn ned, wennst an Buam für des hasst, was sei Vadda dir ooto hod, vastehst?"
„Das weis ich doch auch, Hagrid", muss ich zugeben. „Ich hasse den Jungen ja auch nicht, aber mögen tue ich ihn auch nicht gerade."
„I vasteh di scho. De ham da damois z´vui gscherde Dinga g´spuit. Aba denk dro, des warn de und ned dea Bua. Es ist dei Sach, Severus, aba i woit mein Teil g´sagt ham."
„Das hast du ja jetzt, Hagrid und du hast Recht, aber nicht mal ich kann gegen meine Gefühle an."
„G´fui san wichtig, do host scho recht, aba wennst ned aa auf dein Vastand hearst - und davo host du an ganz´n Haufa - dann host auf an schlecht´n Rat g´heard."
Er winkt mir mit seiner gewaltigen Hand zu und verlässt wieder mein Büro. Er hat nicht Unrecht, aber meine wirren Gefühle bringen mich in letzter Zeit dazu zu handeln, bevor ich richtig nachgedacht habe. Zehn Jahre lang war ich ein Muster an Selbstbeherrschung – wenn auch mit einem ziemlich reduzierten Gefühlsleben, wie ich jetzt weis - aber seit der Junge hier an der Schule ist, liegen meine Empfindungen wieder verdammt dicht unter der Oberfläche und hinterher bereue ich nicht selten meine Ausbrüche.
Andererseits befriedigen diese einen sehr gemeinen Teil von mir zutiefst, was die Sache auch nicht gerade einfacher macht. Es ist, als würde ich diese alten Gefechte mit James erneut austragen und sie heute alle gewinnen. Verdammt, ich bin wirklich kein netter Kerl. Wie kann man nur einem Jungen das heimzahlen wollen, was sein Vater vor ewigen Zeiten getan hat?
Der Troll im Klo
Halloween kommt und ich freue mich auf das Fest. Und nicht nur auf das. Noch fast jedes Jahr habe ich mich heimlich nach Hogsmeade auf die dortige Feier geschlichen und sie sehr genossen.
Warum die Heimlichkeit? Ich weis es eigentlich selbst nicht so richtig, aber ich fühle mich wohler bei dem Gedanken, dass keiner davon weis. Vielleicht will ich mich auch nur nicht bei einer menschlichen Regung ertappen lassen oder sogar dabei, dass ich fähig bin, an etwas Spaß zu haben ... mein Image, meine finstere Maske müssen gewahrt bleiben ... irgendwie brauche ich das, um einfach nur weiter machen zu können – um Leben und atmen zu können – und dass mir keiner zu nahe kommen kann oder gar meine Masken durchschauen.
Wir sitzen in der Großen Halle und genießen das köstliche Essen (wenigstens die anderen tun das, denn ich kann mich immer noch nicht mit solchen Veranstaltungen anfreunden – aber mit was oder wem kann ich das schon). Noch ein paar Minuten und ich kann unauffällig verschwinden. Doch daraus wird nichts, denn plötzlich kommt Quirrell hereingestürmt und schreit – ohne zu Stottern oder zu Stammeln:
„Troll! – Troll in den Verließen! – Ich dachte, sie sollten es wissen..." und fällt unglaublich theatralisch in Ohnmacht.
Sofort bricht unter den Schülern Panik aus, doch Dum-bledore reagiert blitzschnell und schickt die Kids mit ein paar beruhigenden Worten in ihre Schlafsäle, dann beordert er die Lehrer in die Verliese hinunter, damit sie dort nach dem Rechten sehen. Doch ich habe etwas anderes vor. Der Ruf „Troll" lässt einen üblen Verdacht in mir aufkeimen und ich halte es für besser nachzusehen, ob der Stein noch in Sicherheit ist. Mit eiligen Bewegungen verschwinde ich durch die Hintertür und haste in den dritten Stock hinauf. Hagrids Köter ist beinahe durchgedreht und führt sich auf, wie wild. Er zerrt an seiner Leine und kläfft und sabbert. Seine drei Köpfe schießen auf mich zu und bevor ich allen ausweichen kann, hat sich auch schon eine spitze Zahnreihe in mein Bein gegraben.
Verdammt, tut das weh!
Ich kann gerade noch den Korridor verlassen, bevor sich die beiden anderen geifernden Mäuler dem ersten anschließen können. Nun, wie auch immer, die Falltür war noch verschlossen und der Stein ist wohl auch noch in Sicherheit.
Heißes Blut sickert mein Bein hinunter und rinnt in meine Socken und Schuhe. Ich kann damit wohl kaum in den Krankenflügel gehen, ich müsste zu viele Fragen beantworten und ich habe keinerlei Beweise für meinen Verdacht. Außerdem lasse ich mich nie im Krankenflügel blicken, wenn es nicht unumgänglich notwendig ist – wie zum Beispiel, wenn Madame Pomfrey neue Tränke von mir braucht – aber dann bin ich weder krank noch verletzt und ich kann auch schnell wieder verschwinden - es ist sicher. Ich kann es einfach nicht ausstehen, wenn jemand etwas von meinem Körper sehen kann, wenn er nicht völlig bekleidet ist und ich hasse es, krank und hilflos zu sein, um Hilfe bitten zu müssen oder die Kontrolle über die Gegebenheiten zu verlieren.
Da reißt mich ein gewaltiger Lärm aus meinen Gedanken. Er kommt von ganz in der Nähe und ich renne dort hin. Was ist jetzt schon wieder los? Ich stoße vor einer Mädchentoilette auf McGonagall und Quirrell, die den Krach wohl ebenfalls gehört haben und nun nach dem Rechten sehen wollen. Sie stößt die Tür auf und ich folge ihr neugierig. Drinnen herrscht das absolute Chaos. Ein riesiger Bergtroll liegt am Boden und Harry zieht ihm gerade seinen Zauberstab aus der Nase.
Was zum Henker haben die hier nur angestellt? Das ganze Klo liegt in Trümmern und der jüngste Weasley und dieses Granger Mädchen stehen mit einem äußerst schuldbewussten Gesichtsausdruck in den Scherben. McGonagall kocht regelrecht vor Zorn, doch ich glaube eher, ihr sitzt ein gewaltiger Schock in allen Gliedern. Verdammt, die drei hätten bei dieser Aktion draufgehen können. Was haben die sich nur dabei gedacht?
Auch Minervas Gedanken, gehen wohl in diese Richtung, denn sie fährt die drei Kids wütend an. Was ihnen denn eingefallen sei, sie hätten noch Glück gehabt, nicht getötet worden zu sein und warum sie nicht in ihren Schlafsälen wären. Die beiden Jungs werfen derartig schuldbewusste Blicke um sich, dass es eine wahre Pracht ist, doch das Mädchen reagiert außerordentlich schnell.
Ich habe inzwischen natürlich bemerkt, dass sie nicht einfach nur eine Streberin ist, sondern wirklich schlau. So schlau, wie damals Sirius und James und so eifrig in ihren Büchern wie Remus Lupin. Nun, dieser sich mir aufdrängende Vergleich macht sie bei mir auch nicht gerade beliebter.
Sie meint, sie sei dem Troll gefolgt, weil sie doch alles über Trolle gelesen habe und gedacht hätte, sie könne mit ihm fertig werden, doch damit habe sie sich wohl übernommen und wenn Ron und Harry ihr nicht so schnell zu Hilfe gekommen wären, wäre sie jetzt wohl wirklich tot – das alles sprudelt aus ihr heraus, ohne dass sie Luft holen muss – aber so kenne ich sie auch aus meinem Unterricht.
Sie überzeugt McGonagall mit dieser Story, doch die Blicke der beiden Jungs sagen mir nur zu deutlich, dass da noch ganz andere Dinge dahinter stecken. Ich bin ziemlich sauer, als Minerva das Mädchen zwar ein wenig ausschimpft und ihr fünf Punkte abzieht, dann jedoch die beiden Jungs mit jeweils fünf Punkten belohnt – für unverschämtes Glück, wie sie meint. Stimmt, das hatten sie sicher. Dann schickt sie das Trio ins Bett.
Über das ganze Durcheinander habe ich Quirrell beinahe vergessen. Er hat sich dramatisch auf einen Stuhl fallen lassen, hält seine Brust mit einem gequälten Gesichtsausdruck umklammert und wirft furchtsame Blicke auf den immer noch bewusstlosen Troll. McGonagall versucht, ihn zu beruhigen, doch ich nehme ihm das nicht ab. Kann ich nicht, immerhin hat der den Troll unten beim Stein besorgt und er kann diese Ungeheuer wohl nicht so fürchten, wie er es jetzt stammelnd darstellt. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass er das Biest überhaupt erst rein gelassen hat, doch wieder fehlen mir die Beweise. Minerva gelingt es, Quirrell so weit zu beruhigen, dass er in seine Räume zurückkehrt. Sie zückt ihren Stab und lässt den Troll mit einer eleganten Bewegung einfach verschwinden. Aber sie war in solchen Dingen schon immer große Klasse (ganz im Gegensatz zu mir). Dann nickt sie mir knapp zu und verlässt ebenfalls das Klo. Ich will ihr folgen, doch da macht sich der Biss wieder bemerkbar und mein Bein gibt nach, ich sacke auf den Stuhl, den zuvor Quirrell besetzt hatte.
Verdammt, das tut immer noch entsetzlich weh. Meine Robe klebt in dem getrockneten Blut und es beginnt erneut zu fließen als ich mich wieder auf die Beine quäle und der Stoff davon losreißt. Ich hinke in die Verliese hinunter und überlege, was ich damit anstellen soll. Früher hätte ich einfach Pixi um Hilfe gebeten, aber die ist vor ein paar Jahren gestorben. Sie war schon uralt, aber sie war das einzige, was Hieratus mir hinterlassen hat und es war ein wirklich wunderbares Vermächtnis.
Solange sie dazu in der Lage war, hat sie sich rührend um mich gekümmert und sie wollte nie, dass ich sie frei lasse, wie ich es aus Dankbarkeit gerne getan hätte und ist eines Tages einfach tot umgefallen, als sie mit meinen gesäuberten Roben zurückkam.
Ich habe sie im Verbotenen Wald an der Quelle begaben und habe wirklich um sie getrauert (auch weil sie die letzte Verbindung zu Hieratus gewesen war) und ich vermisse sie noch immer. Wieder was, das ich wohl als zu selbstverständlich angesehen habe und das ich es erst wirklich verstanden habe, als es zu spät war.
Unten angekommen, ziehe ich meine blutige Kleidung aus und gehe unter die Dusche. Es rinnt schmutzigrosa in Ausguss und das Wasser brennt in der Wunde. Sie ist tief und sieht verdammt übel aus – rot und entzündet. Das kann ich nicht einfach mit einem Trank schließen, das gibt eine Blutvergiftung. Ich muss es erst gründlich auswaschen und dann verbinden, bevor ich sie schließen darf. Das Blut rinnt noch immer, als ich wieder in mein Schlafzimmer zurückhinke. Nur kurz ein Nachthemd übergeworfen – ich laufe noch immer nicht besonders gerne nackt herum, auch wenn es mir nicht mehr ganz so viel ausmacht, wie als Junge – wer sollte mich hier auch schon zu Gesicht bekommen?
Mein Tranklager durchsucht – ah ja, da ist ja was Geeignetes. Das Zeug brennt noch schlimmer in der Wunde als zuvor das Wasser, aber das Bluten hört auf und die Rötung an den Wundrändern geht zurück. Gut, dann noch einen Verband darum und das muss einstweilen reichen.
Hagrid und seine blöden Viecher ... aber damit hatte er schon immer einen Vogel. Doch der Gedanke an Hagrid bringt mich wieder auf Harry und seine Freunde. Grundgütiger, das war wirklich ein gewaltiges Risiko, das sie da eingegangen sind. Der Weasley Junge ist zwar rothaarig, aber ich muss an einen schwarzhaarigen Jungen mit funkelnden schwarzen Augen denken, dem nie ein Risiko zu groß war und an seinen Kumpel, der immer dabei war. Doch die beiden hatten damals Lupin und der hat ihren Tatendrang wohl ein klein wenig gebremst, auch wenn er wohl nie wirklich großen Erfolg damit hatte. Wer wird diese beiden bremsen?
Nun, vielleicht die kleine Granger. Die scheint sich an die Vorschriften zu halten. Doch ich weis natürlich nicht, wie eng die Freundschaft zwischen den dreien wirklich ist. Andererseits, wenn sie sich wegen ihr mit einem Troll anlegen (sie sind immerhin erst elf!) dann muss da wohl mehr sein, als dass sie nur zufällig im gleichen Jahrgang im selben Haus sind.
Wie auch immer, es wird wohl viel schwieriger werden, auf den Jungen zu achten, als ich es mir je vorstellen konnte. Eigentlich habe ich überhaupt keine Ahnung davon, wie wild Jungs wirklich werden können. Ich selbst war nie besonders wild (ich hätte es nie gewagt, mich bei etwas erwischen zu lassen, was einen Brief an meinen Vater hätte bedeuten können – zu übel wären die Folgen gewesen und ich bekam ohnehin immer mehr als genug von dem alten Bastard ab) und auch Hieratus war einfach nur ein lieber Junge, der nie Schwierigkeiten machte.
Gut, ich kannte Potter, Black und Lupin. Doch wieviel weis ich wirklich von dem, was sie so alles getrieben haben? Sicher, wir hatten uns dauernd in den Haaren und ich weis, dass sie nachts ebenso wenig in ihren Betten waren wie ich, aber was sie wirklich gemacht haben? Ich weis es nicht. Klar, irgendwas mit dem Werwolf ... aber wie und was? Keine Ahnung. Selbst nach all diesen Jahren weis ich es nicht.
Himmel, Junge, ich hab geschworen, dass ich auf dich aufpasse und das werde ich auch tun aber mach es mir doch nicht gar so verflixt schwer!
Flüche beim Quidditch
Das erste Quidditch Match kommt näher und ich frage mich, ob ich es werde ertragen können, den Jungen fliegen zu sehen, aber ich werde es mir sicher nicht entgehen lassen.
Mein Bein schmerzt immer noch und ich schiebe eine ziemlich miese Laune. Es ist verdammt jämmerlich, so durch die Gegend zu hinken. Ich will das Trio im Auge behalten. Wer weis, was denen noch alles einfällt und nach der Sache mit dem Troll traue ich ihnen eine ganze Menge zu. Besser vorbeugen, als hinterher zu jammern. Sie stehen in einer Hofecke beisammen und scheinen sich angeregt zu unterhalten. Was hecken die blos schon wieder aus? Ich bin verdammt misstrauisch und auch wenn es mir sicher keiner zutraut, mache ich mir echte Sorgen. Sie werden meiner gewahr und rücken dichter zusammen – mein Misstrauen erklimmt neue Höhen und ich hinke auf sie zu.
„Was haben sie da, Potter?" will ich wissen.
Das Trio wechselt schuldbewusste Blicke und der Junge zeigt mir ein Buch aus der Bibliothek. Ich hatte eher Stinkbomben, Feuerwerkskörper oder ähnliches vermutet, wenn man bedenkt, wessen Bruder der Rotschopf ist. Einerseits bin ich erleichtert, aber andererseits bin ich irgendwie sauer, dass ich keinen Grund für einen Tadel habe. Doch ein Vorwand tut es auch und ich will immer noch den Jungen auf die richtige Größe zu Recht stutzen.
„Büchereibücher dürfen nicht mit ins Freie genommen werden", zische ich ihn an. „Fünf Punkte von Gryffindor" und nehme ihm das Buch ab – wobei ich zugeben muss, dass ich dieses Verbot soeben erfunden habe ... ‚Quidditch im Wandel der Zeiten' bedarf sicher nicht meines besonderen Schutzes.
Wie gesagt, ich habe kaum eine größere Freude, als einem anderen Haus Punkte abzuziehen. Wirklich nicht nett, aber ich habe die Macht dazu und das befriedigt mich zutiefst. Ich nehme also dem Jungen das Buch ab und hinke hoch aufgerichtet und mit schmerzhaft geraden Rücken von dannen. Mein Bein wird im Laufe des Tages wieder schlimmer und die Bewegungen haben den Biss erneut aufbrechen lassen. Jetzt brauche ich wirklich Hilfe, aber da gibt es immer noch den alten Filch und der mochte mich schon als Junge.
„Argus", spreche ich ihn an, als er mir in den Gängen über den Weg läuft. „Kommen sie mit mir ins Lehrerzimmer. Ich brauche ihre Hilfe."
„Was gibt es für ein Problem, Professor Snape?" erwidert er zuvorkommend – ich bin so ziemlich der Einzige in der ganzen Schule, den er so behandelt.
Im Lehrerzimmer angekommen, setze ich mich in einen der Sessel, schlage die Robe zurück, ziehe das Hosenbein hoch und zeige ihm die blutende Wunde, nachdem ich den Verband entfernt habe.
„Hagrids Köter", meint er knapp und nickt.
„Ja, dieses Mistvieh, wie soll man denn alle drei Köpfe auf einmal im Auge behalten?" gebe ich zurück.
Plötzlich höre ich die Türe knarren und blicke auf.
Es ist Harry und seine Augen kleben an meinem blutigen Bein.
„Potter!" zische ich und lasse meine Robe fallen.
Aber es ist wohl zu spät, er hat sicher bereits alles gesehen, was zu sehen war. Er versucht die Flucht zu ergreifen, aber da ich ihn gesehen habe, friert er auf der Stelle ein. Nun bin ich echt sauer. Das Letzte, was ich wollte, ist, dass der Junge von dieser Verletzung erfährt, denn seine Schadenfreude brauche ich nun wirklich nicht. Er stammelt etwas davon, dass er gerne sein Buch zurück hätte, aber dafür habe ich nun echt keinen Nerv.
„Raus!" fauche ich ihn an. „Raus mit ihnen!" und er rennt so schnell er kann davon.
Vielleicht hat er Angst, dass ich ihm weitere Punkte abziehe – hätte ich glatt getan, wenn er auch nur einen Augenblick länger geblieben wäre. Filch hilft mir mit meinem Bein und er kennt ein paar alte Hausmittel, die doch tatsächlich besser helfen als meine Tränke. Filch stellt keine weiteren Fragen und er wird auch nicht darüber reden. Er hat mich schon immer gedeckt, weil er wohl früher ein wenig in meine Mutter verknallt war. Nun, ich will das Ganze nicht weiter hinterfragen und bin nur über seine Hilfe froh.
Später am Abend, als ich wieder alleine in meinem Büro bin, kommen mir jedoch noch weitere Gedanken.
Kann Harry auf die richtige Spur kommen? Wie viel weis er von den Vorgängen in der Schule? Wieviel vermutet er? Er ist immerhin mit Hagrid befreundet und war auch mit ihm bei Gringotts, als dieser den Stein von dort abgeholt hat. Weis er auch von dem dreiköpfigen Biest? Nun, Filch hat ihn und den Weasley Jungen schon in der ersten Woche dort gesehen, aber sie haben ihm gesagt, sie hätten sich verirrt. Filch hat ihnen natürlich nicht geglaubt (als würde der einem Schüler je was glauben), aber ich denke, es könnte die Wahrheit gewesen sein. Man kann sich wirklich leicht im Schloss verirren, wenn man sich nicht ganz genau auskennt – und selbst dann kann das vorkommen, denn Hogwarts neigt dazu, sich immer wieder mal umzubauen.
Aber ist es durchaus möglich, dass die Jungs diese spezielle Tür geöffnet haben und das Biest zu Gesicht bekamen. Vielleicht haben sie sogar an Halloween mitbekommen, dass ich dort war. Immerhin haben wir sie nur wenige Minuten später ganz in der Nähe im Mädchenklo vorgefunden. Verdammt, wenn sie auch noch was vom Stein wissen, dann werden sie sicher vermuten, dass ich hinter dem Ding her bin.
Warum musst du dich auch immer überall so unbeliebt machen, dass dir jeder alles zutraut, Severus?
Und ich weis, dass sie mich nicht leiden können – ich gehe einfach zu sehr auf sie los. Von jemand, den man sowieso nicht mag, glaubt man ohnehin nur das Schlimmste. Wie auch immer, es lässt sich nicht ändern und ich denke, die Wahrheit kommt schon irgendwie ans Licht, auch wenn ich nicht unbedingt wirklich Wert darauf lege.
Am nächsten Morgen geht es meinem Bein wesentlich besser, auch wenn ich immer noch ein bisschen hinke, kann ich fast wieder schmerzfrei gehen. Die Kids frühstücken in der Großen Halle und es herrscht große Aufregung wegen des ersten Matchs der Saison. Ich interessiere mich immer noch nicht besonders für Quidditch, aber es wird von mir erwartet, dass ich meiner Hausmannschaft zur Seite stehe.
Nun, ich habe noch bei jedem Spiel zugesehen, seit ich Hauslehrer von Slytherin bin und die Kids wissen das zu schätzen, also wird sich auch heute nichts daran ändern. Ich gehe mit meinen Schülern hinaus und steige auf eine der Tribünen, die uns Lehrern vorbehalten sind. Quirrell sitzt in meiner Nähe und scheint ganz gespannt auf das Spiel zu sein. Die Mannschaften fliegen ein und Madame Hooch lässt die Bälle frei – das Spiel beginnt. Der Junge fliegt so hoch ihn sein Besen tragen kann und behält auf diese Weise das ganze Spielfeld im Auge. Er hat sicher noch keine große Erfahrung mit diesem Spiel, aber er verhält sich ganz wie der Profi, der sein Vater war. Ich bin mir noch nicht mal sicher, dass er davon überhaupt etwas weis. Woher denn auch? Ich denke nicht, dass ihm irgendwer viel über seinen Vater erzählt hat, doch ich weis, dass er unendlich stolz auf seine Eltern ist. Na, wenn der die ganze Wahrheit wüsste. Doch Dumbledore will nicht, dass er zu früh zu viel erfährt. Er hat mich um Diskretion gebeten und ich will den Alten nicht enttäuschen. Aber ich weis nicht, wie lange ich meine Klappe halten kann, wenn der Junge zu stolz auf seinen Vater wird.
Das Spiel wogt hin und her und Gryffindor schlägt sich besser, als seit Jahren. Plötzlich beginnt Harrys Besen zu bocken. Das verstehe ich nicht – kein nagelneuer Nimbus 2000 würde je sowas tun. Es sieht beinahe so aus, als würde jemand den Jungen verfluchen, aber wer? Ich lasse meine Augen schweifen, aber ich kann den Schuldigen nicht ausmachen.
Verdammt, was hat der vor? Will der ihn umbringen?
Ich kann und darf nicht zulassen, dass dem Jungen etwas zustößt. Jetzt kleben meine Augen ohne zu blinzeln an Harry, denn nur auf diese Art kann ich ihm helfen und ich murmle mächtige Gegenflüche – für sowas brauche ich längst keinen Stab mehr. Und wer auch immer Harry verflucht, kann hier vor der ganzen Schule ebenfalls keinen Stab benutzen, was die Magie immer ein wenig einschränkt. Doch wer auch immer es ist, seine Magie ist mächtiger als ich es mir vorstellen konnte, denn ich kann nur ein sehr labiles Gleichgewicht herbeiführen.
Der Junge kämpft mit einer unglaublichen Geschicklichkeit mit seinem Besen, strauchelt, stürzt beinahe ab, kann sich dann aber doch noch mit einer Hand an seinem bockenden Gerät festhalten. Seine Teamkameraden versuchen, ihn in Sicherheit zu bringen, doch sein Besen entwickelt ein immer stärkeres Eigenleben und weicht ihnen geschickt aus.
Plötzlich ruft jemand „Sie brennen Professor Snape!" und als ich an mir hinunterblicke, sehe ich, dass tatsächlich der Saum meiner Robe Feuer gefangen hat. Wie kann das nur passiert sein?
Wild schlage ich darauf ein, denn ich spüre die Hitze bereits auf meiner Haut und das tut schon wieder mal verdammt weh. Bei dieser Ablenkung habe ich natürlich den Jungen aus den Augen verloren und als ich wieder nach ihm sehen kann, geht er gerade in einen Sturzflug über und jagt offensichtlich dem Snatsch hinterher.
Er hat wieder die volle Kontrolle über den Besen und kommt am Boden auf. Dann hustet er und spuckt doch tatsächlich den kleinen goldenen Ball in seine aufgehaltenen Hände. Gryffindor hat das Spiel gewonnen. Doch wer hat diesen Besen verhext? Wer wollte den Jungen töten? Und wer - zum Donner noch eins - hat mich abgefackelt und warum?
Nun, zu der letzten Frage habe ich so meinen Verdacht, auch wenn ich wieder mal nicht den geringsten Beweis habe, denn die kleine Granger läuft über den Rasen zu Harry und der jüngste Weasley kommt mit Hagrid von der anderen Seite. Was hatte das Mädel hier unter meiner Tribüne zu suchen, wenn ihre Freunde doch auf der anderen Seite waren? Wie auch immer, das sind nur Indizien und ich kann nichts beweisen.
Weihnachten
Die Ferien kommen rasch näher und die Zeit vergeht wieder beinahe so schnell, wie damals als ich noch ein Junge war. Ein seltsames Gefühl, denn in den letzten Jahren schlichen die Tage und Wochen nur noch dahin, doch auf einmal ist mein Leben wieder auf eine Art spannend geworden, wie ich es nie auch nur zu träumen gewagt habe.
Es ist für mich jede Woche ein Höhepunkt, wenn ich den Jungen wieder in meinem Unterricht habe. Einerseits freue ich mich regelrecht ihn zu sehen, doch dann bringen die Augen seiner Mutter im Gesicht seines Vater wieder meine schlimmsten Seiten zum Vorschein. Ich lasse mir keine Gelegenheit entgehen, ihm zynische Bemerkungen zuzuzischen oder ihm sogar ein paar Punkte abzuziehen. Er reagiert kaum und ich trieze so lange, bis seine Augen wütend aufblitzen, doch seine Selbstbeherrschung kann ich nur bewundern.
Es ist die letzte Stunde vor Weihnachten und ich höre, wie Draco ihm etwas von wegen, es täte ihm so leid für Leute, die an Weihnachten Zuhause unerwünscht wären, zuzischt. Ich denke, Draco ist nur ein wenig sauer, weil Harry für Gryffindor das Spiel gewonnen hat. Er quatscht schon die ganze Zeit dumm rum, Gryffindor solle sich besser einen Breitmaulfrosch als Sucher holen. Doch das finde noch nicht mal ich witzig.
Er scheint nicht zu verstehen (oder verstehen zu wollen), wie gefährlich das Ganze wirklich war und wie groß Harrys Leistung ist. Wie auch immer, diese andere Aussage macht mich dann doch ein wenig hellhörig. Ich dachte, der Junge sei damals von Dumbledore so gut wie möglich bei Verwandten untergebracht worden und jetzt ist er dort unerwünscht?
Eigenartig, wirklich eigenartig. Doch ich fürchte, Dum-bledore wird mir auf entsprechende Fragen keine Antwort geben. Für ihn ist der Junge etwas Besonderes und er schützt ihn so sehr er nur kann.
Wie auch immer, die Stunde ist vorbei und meine Schüler strömen nach draußen. Meine Neugierde (die schon immer größer war, als es gut für mich ist und die mich als Junge oft in Schwierigkeiten gebracht hat) bringt mich nach ein paar Minuten dazu, den Kids nach oben zu folgen. Vielleicht reden sie über dieses Thema.
Doch dann bietet sich mir eine ganz andere Szene: Draco und der junge Weasley liegen sich in den Haaren und letzterer hat ersteren an der Robe gepackt und schüttelt ihn. Hagrid steht mit einem Weihnachtsbaum daneben. Moment Mal, da muss ich eingreifen, sowas ist sicher nicht erlaubt. Ich fauche Ron an, Draco loszulassen. Er gehorcht sofort und Malfoy taumelt zurück.
„Des is ned am Ron sei Schuid, Professor Snape", mischt sich Hagrid ein (er redet mich immer mit ‚Professor' an, wenn uns Schüler hören können. ‚Severus' nennt er mich nur, wenn wir alleine sind und ich weis diese Rücksichtnahme wirklich zu schätzen). „Da Malfoy hod eam provoziert. Ea hod seine Eltan b´leidigt."
Kann ich mir nur zu gut vorstellen. Die ganze Malfoy Familie ist sowas von arrogant und selbstherrlich, dass es höher nicht mehr geht und die Weasleys haben viel zu viele Kinder und viel zu wenig Gold. Kein Wunder, dass Draco das witzig findet. Ich finde es jedoch weniger lustig, wenn jemand wegen seiner Armut verspottet wird, denn ich weis nur zu genau, wie es ist, arm zu sein und in geflickten Roben rumlaufen zu müssen. Dennoch ich darf nicht dulden, dass sie sich hier auf den Gängen prügeln und das werde ich ihm ganz schnell abgewöhnen.
„Das mag schon sein, Hagrid", erwidere ich daher kalt, „aber es ist verboten zu kämpfen - Fünf Punkte von Gryffindor, Weasley und seien sie froh, dass es nicht mehr sind."
Eigentlich müsste ich auch Draco die Punkte abziehen und plötzlich steht dieser Tag in meinem ersten Jahr vor mir. Dieser Tag, als ich Lily das erste Mal sah und dann meinte, Harrys Vater unbedingt einen Wabbelbein in den Rücken jagen zu müssen ... Bekam mir nicht gut – Sirius hatte mich nur Sekunden später entwaffnet und meine Nase war am Bluten. Leech hat mich gerettet und die Gryffindors bestraft – er war der einzige, während meiner ganzen Schulzeit, der je sowas wegen mir tat.
Grundgütiger, ist das lange her, aber das ist jetzt beinahe dieselbe Situation und ich denke, ich werde auch meinem eigenen Haus die Punkte abziehen – so eine Art ausgleichende Gerechtigkeit - auch wenn ich das sicher nicht laut sagen werde ... ich habe gute Gründe dafür.
Ein paar Tage später – es sind bereits Weihnachtsferien – bin ich mal wieder nachts im Schloss unterwegs. Ich schlafe schon seit unendlich vielen Jahren schrecklich schlecht und die Anwesenheit des Jungen hat das sicher nicht verbessert. Früher konnte ich mich mit meiner Arbeit ablenken, aber jetzt schweifen meine Gedanken dauernd ab und vor meinem geistigen Auge laufen Bilder aus der Vergangenheit ab. Und wenn ich die verscheuchen kann, wirbeln immer dieselben Fragen durch meinen Kopf.
Wieviel wissen die Kids über den Stein? Haben sie mich wirklich im Verdacht, ihn stehlen zu wollen? Hat die kleine Granger wirklich versucht, mich abzufackeln und wenn ja warum? Dachte sie vielleicht, ich würde Harry verfluchen? Grundgütiger ... was habe ich nur für einen Ruf bei den Kids? Und was ist das mir Quirrell? Ist er hinter dem Stein her? Aber er scheint mir nicht der Typ Mensch zu sein, dem viel an Reichtum liegt ... vielleicht sucht er aber auch nach ewigem Leben. Eine schreckliche Vorstellung, nicht irgendwann sterben zu können. Nicht, dass ich recht gerne lebe, aber im Moment ist es wieder interessant geworden und das möchte ich nicht versäumen.
Doch der Gedanke in fünfhundert Jahren immer noch hier zu sein, ist einfach zu grässlich, als dass ich ihn ganz zu Ende denken wollte ... kann aber sein, dass andere das ganz anders sehen. Eine grausame, kalte, zischende Stimme schiebt sich unerwünscht in mein Bewusstsein ‚...Unsterblichkeit...'
Ja, er war immer hinter Unsterblichkeit her. Er – der Dunkle Lord – dessen Namen ich selbst nach all den Jahren nicht zu nennen wage. Doch was könnte er mit den Vorgängen hier im Schloss zu tun haben? Wenn er noch lebt, dann versteckt er sich sicher irgendwo - hilflos und machtlos. Ein wirklich furchtbarer Gedanken, dass er wieder an die Macht kommen könnte, wirklich entsetzlich. Und wie von selbst fasst meine rechte Hand nach meinem linken Unterarm, doch das Mal ist nicht deutlicher, als es seit jenem Tag war, als er verschwand, als Lily starb, als Harry überlebt hat. Es ist nicht ganz verschwunden, aber es ist sehr undeutlich geworden und das ist es auch jetzt noch – nun gut, selbst wenn er damit zu tun hat, ist er sicher noch nicht wirklich bereit, wiederzukehren – hoffentlich ist er das nie, doch ich fürchte, eines schlimmen Tages wird es doch so weit sein und mich schaudert – nein, schnell an etwas anderes denken – das ist zu scheußlich.
Meine Überlegungen führen mich durchs ganze Schloss und plötzlich kommt Filch auf mich zu gehastet und ruft schon von weitem: „Professor, da war jemand in der verbotenen Abteilung der Bibliothek. Ich habe eine Laterne gefunden und sie war noch heiß. Das muss einer der Schüler gewesen sein!"
„Die verbotene Abteilung?" gebe ich zurück. „Dann können sie noch nicht weit sein – schnell - suchen wir sie!" und ich laufe los.
Filch humpelt arthritisch hinter mir her. Natürlich liegt die zerbrochene Lampe immer noch in einer Petroleumlacke am Boden, doch keine Spur von einem streunenden Schüler, so sehr wir auch suchen. Wer um alles in der Welt war mitten in der Nacht hier unten? Wenn es damals zu meiner Schulzeit geschehen wäre, hätte ich sofort gewusst, wer die Schuldigen sind (wenn ich es nicht sogar selbst gewesen wäre), aber jetzt? James hatte seinen genialen Umhang, aber ich glaube nicht, dass auch der Junge einen hat und selbst wenn, was hätte er hier zu suchen? Eine weitere Frage, die ich zu meiner langen Liste von Fragen hinzufügen kann.
Noch ein Quidditch Match
Die Ferien sind vorbei und ich mache mir so meine Gedanken um das nächste Spiel. Was, wenn wieder jemand versucht den Jungen umzubringen?
Ich kann meinen Verdacht nicht laut äußern, denn ich habe nicht die geringste Ahnung, wer es sein könnte. Aber ich habe noch eine winzige Möglichkeit, es heraus zu finden. Doch dazu muss ich alle Tribünen sehen können und das kann ich nur, wenn ich das Spiel von oben sehen kann. Das ist jedoch nur möglich, wenn ich anstelle von Madame Hooch den Schiedsrichter mache. Wie kann ich das auf die Reihe bringen? Eine einzige Möglichkeit gibt es und ich nutze sie. Ich gehe zu Dumbledore.
„Was gibt es Severus?" will er wissen, nachdem er mich in sein Büro gebeten hat.
„Ich mache mir Sorgen, Sir", setze ich an.
„Harry?" will er einfach wissen.
Manchmal denke ich wirklich, er kann meine Gedanken lesen.
„Ja. Beim letzten Match hat jemand seinen Besen verhext und ich konnte es gerade noch abwenden, aber ich habe keine Ahnung, wer es war und jetzt fürchte ich, dass es die entsprechende Person erneut versuchen könnte."
„Und du hast einen Plan?"
„Habe ich. Ich möchte das nächste Spiel pfeifen. Dann kann ich alle Tribünen im Auge behalten und den Jungen schützen."
„Das ist eine Möglichkeit. Mach das. Doch ich werde auch anwesend sein. Gib mir ein Zeichen, wenn du etwas entdeckst und ich kümmere mich darum."
Gut, er begreift, aber der Alte hatte schon immer seine eigene Art, die Dinge zu handhaben.
„Du magst den Jungen also doch", fragt er in meine Gedanken hinein.
„Das ist so eine Sache, Sir", erwidere ich und beschließe, ihm die Wahrheit zu sagen. „Ich habe mir schon vor vielen Jahren geschworen, auf ihn aufzupassen, aber es ist nicht einfach für mich. Vielleicht wäre es leichter, wenn er James nicht so sehr gleichen würde."
„Du denkst immer noch an diese Dinge, Severus? Es ist doch schon so viele Jahre her. Kannst du denn nicht vergessen oder wenigstens verzeihen? Nicht mal Lily zuliebe?"
Da hat er mich erwischt.
„Ich versuche es, Sir, aber es ist so verdammt schwer. Lilys Augen in James Gesicht" - zum ersten Mal spreche ich diesen Gedanken vor einem anderen laut aus - „Bitte Sir, ich möchte nicht, dass der Junge je erfährt, dass ich in seine Mutter verliebt war."
„Von mir erfährt er das sicher nicht, aber vielleicht kommt der Tag, wenn du es ihm selbst sagen willst."
„Ich glaube nicht, Sir, wir kommen nicht besonders gut miteinander klar und das ist wohl hauptsächlich meine Schuld. Es tut mir leid, aber ich kann nicht aus meiner Haut raus."
„Dann musst du damit leben, Severus. Nur du selbst kannst daran etwas ändern. Das kann keiner für dich tun", erwidert er weise.
„Dessen bin ich mir bewusst, Sir. Aber wie auch immer ich sonst zu dem Jungen stehe, ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, damit ihm nichts wirklich Schlimmes zustößt."
„Nun gut, dann sind wir wenigstens in diesem Punkt einer Meinung und das genügt mir im Augenblick."
Er entlässt mich und ich gehe gedankenverloren in meine Verliese hinunter.
Da will ich wieder fliegen, aber ich bin seit Jahren nicht mehr geflogen, habe noch nicht mal mehr einen Besen. Den meinen habe ich damals verkauft, als ich kurz vor dem Verhungern war. Dann muss ich mir eben einen neuen besorgen, denn den uralten, von vielen Generationen von Schülern kaputt geflogenen Schulbesen traue ich so überhaupt nicht – viel zu schlechte Erfahrungen damit und es sind zum Teil immer noch dieselben Besen, wie der, der mich abgeworfen hat, als ich ihn fliegen wollte. Ich brauche mit Sicherheit einen neuen, doch dazu muss ich ja nur nach Hogsmeade hinunter gehen. Dort gibt es zwar keine Rennbesen, aber ein Einfacher tut es für mich schon lange – ich bin nämlich ein echt miserabler Flieger.
Das Match kommt näher und ich schleiche mich mit meinen Besen aus dem Schloss, um festzustellen, ob ich überhaupt noch fliegen kann. Ich kann es noch und es ist so herrlich wie damals, als es Hieratus mir beigebracht hat. Doch beim Gedanken an meinen lange toten Freund ist es mit dem Spaß auch schon vorbei und ich bereue es bereits, überhaupt auf diese blöde Idee gekommen zu sein. Allerdings habe ich es versprochen und so werde ich es auch tun.
Ich halte mich in der Nähe des Jungen auf, denn in einer schlaflosen Nacht kommt mir der Gedanke, dass der Möchtegernmörder nicht unbedingt auf das Spiel warten muss, um Harry etwas antun zu können. Der Junge fühlt sich sicher langsam von mir verfolgt und ist bestimmt alles andere als glücklich darüber, aber ich will kein Risiko eingehen. Leider lässt sich kein Verdächtiger blicken.
Der Tag ist da und ich gehe mit den Mannschaften aus Gryffindor und Huffelpuff aufs Spielfeld hinaus. Ich habe ziemlich üble Laune, weil ich wieder an Hieratus denken muss und mich nicht im Geringsten darauf freue, jetzt fliegen zu müssen. Aber ich habe mir das selbst eingebrockt und muss es nun auch auslöffeln – so war es in meinem Leben schon immer – mit vielen Dingen, die ich glaubte tun zu müssen.
Ich hatte nicht mit diesen intensiven Gefühlen gerechnet (immerhin hatte ich mir zehn Jahre lang so gut wie keine Gefühle gestattet und war eigentlich der Meinung, gar keine mehr zu haben) und so überfallen sie mich einfach, ohne dass ich mich dagegen wehren kann, als ich erst mal in der Luft bin. Ich bin auf alles und jeden so sauer, dass ich dermaßen parteiisch pfeife, dass es nicht mehr schön ist. In meinem Hinterkopf steht auch irgendwie der Gedanke, dass wenn Gryffindor verliert, das mein Haus nach vorne bringt. Meine Augen schweifen über das Spielfeld und auch über die Tribünen, aber heute scheint niemand zu versuchen, Harry zu verhexen. Allerdings sehe ich mal wieder eine Rangelei auf den oberen Sitzreihen. Es sind Ron, Draco, Crabbe und Goyle und man höre und staune – Neville Longbottom.
Ich schätze, Draco hat schon wieder mal seine abfälligen Bemerkungen abgelassen und der Weasley Junge wollte sich das nicht mehr länger bieten lassen. Doch was zum Merlin brachte Longbottom dazu, wie besessen auf Crabbe und Goyle einzuprügeln? Die beiden können ihn in einem Bissen mit Haut und Haaren verschlingen und sonst hat er selbst vor seinem eigenen Schatten Angst. In dem Burschen steckt wohl mehr, als man auf den ersten Blick sieht und ich mache mir eine geistige Notiz, auch das im Kopf zu behalten. Ich denke, sie haben alle verdient was sie bekommen und beschließe, mich dieses Mal nicht einzumischen – ich muss das ja nicht gesehen haben – und außerdem habe ich ja immer noch ein Quidditch Spiel zu pfeifen.
Plötzlich fegt Harry auf mich zu und mich durchzuckt regelrecht eine Art Blitz, mein Magen hebt sich und mir wird schlecht. Will er sich jetzt an mir rächen? Mitten in der Luft, wo er eindeutig der Überlegene ist? Nein – er hat nur den Snatsch gesehen und er fängt ihn, lange bevor ich Gryffindor das Spiel wirklich versauen kann.
Alle landen und mein Magen macht immer noch wilde Überschläge. Magensäure steigt hoch und füllt meinen Mund. Ich spucke angewidert aus. Himmel, der Schreck sitzt mir ganz schön in den Knochen.
Dumbledore kommt auch aufs Spielfeld und gratuliert Harry zu seinem Sieg. Verdammt, irgendwie stinkt es mir gewaltig, dass sie das Spiel gewonnen haben und ich spucke nochmals aus. Mein Gesicht ist von dem saueren Geschmack verzogen und ich muss noch blasser als gewöhnlich sein. Mein Blick schweift über die Tribünen und Quirrell hat einen ebenso finsteren Gesichtsausdruck, wie ich ihn haben muss. Nein, mit dem Kerl stimmt eindeutig was nicht.
Ich will ihn unbedingt zur Rede stellen und bestelle ihn noch für denselben Abend in den Verbotenen Wald. Ich will keine Zeugen für dieses Gespräch, denn ich habe nur einen brennenden Verdacht, aber keinerlei Beweise und wenn ich die nicht habe, ist es keine gute Idee vor den falschen Leuten (insbesondere Dumbledore) mein Maul zu weit aufzureißen. Ich hatte meine zweite Chance und so würde der Alte sicher darauf bestehen, dass ich die jedem anderem auch gewähre – besonders wenn es nichts Handfestes gegen ihn zu sagen gibt.
Allerdings hindert mich das sicher nicht daran, das Meine zu tun, dass nicht wirklich etwas aus dem Runder läuft, was uns alle in Gefahr bringen könnte.
Es ist schon beinahe dunkel, als ich mich in den Wald begebe. Ich möchte nicht erkannt werden und habe mir die Kapuze meines Umhangs über den Kopf gezogen. Quirrell ist bereits dort und wartet auf mich.
„W-w-was g-g-gibt es, S-s-severus?" fragt er und stottert und stammelt schlimmer denn je – er fürchtet mich eindeutig. „W-w-warum w-w-wolltest d-du mich a-a-ausgerechnet h-h-hier t-t-treffen?"
„Oh, ich dachte nur, wir sollten das ein bisschen privat halten", gebe ich kalt und schnarrend zurück. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er weis, dass ich weis (oder wenigstens vermute), dass er hinter dem Stein der Weisen her ist. „Die Schüler brauchen nichts vom Stein der Weisen zu erfahren."
„D-d-der Stein", murmelt er sehr leise. „W-w-was s-s-soll denn m-m-mit dem Stein s-s-sein? E-e-er i-i-ist s-s-sicher d-d-dort, wo e-e-er ist, o-o-oder?"
„Hast du schon raus gefunden, wie man an Hagrids Vieh vorbei kommt?" klopfe ich auf den Busch.
„A-a-aber S-s-severus..." stammelt er und klingt noch mehr verängstigt.
Nun vielleicht kann ich ihm soviel Angst machen, dass er seinen Plan aufgibt. Es ist noch nicht allzu lange her, dass er mein Schüler war und er hat mich damals so sehr gefürchtet, wie die meisten anderen auch. Mal sehen, ob ich das auch heute ausnutzen kann.
„Du willst mich sicher nicht zum Feind haben", fahre ich ihn an und werfe ihm einen dieser brennenden Blicke zu, die sogar die Mutigesten klein werden lassen (darin habe ich jahrelange Übung) und gehe drohend noch einen Schritt näher an ihn heran.
Wir sind zwar in etwa gleich groß, aber meine Schultern sind doppelt so breit wie die seinen und er versinkt regelrecht im Boden.
„I-i-ich weis n-n-nicht wovon d-d-du sprichst, S-s-severus", stammelt er.
„Du weist es ganz genau", fahre ich ihn an. „Du weist genau so gut wie ich, wie der Stein bewacht wird. Sprouts Teufelsschlinge, Flitwicks Schlüssel, McGonagalls Schachspiel und dein kleiner Hokuspokus. Doch ich kann warten..."
Damit meine ich, dass er sicher nicht an meinem Rätsel und den Tränken vorbei kommt, was auch immer er mit den anderen Dingen anfangen kann.
„A-a-aber i-i-ich h-h-habe doch n-n-nicht..." stottert er weiter.
Gut, ich denke das reicht, für dieses Mal habe ich ihm wohl genug Angst eingejagt, doch er soll nicht denken, dass ich es dabei belassen werde, sollte er sich weiterhin so verdächtig benehmen.
„Sehr schön", schnarre ich ihn an. „Dann werden wir wohl in Kürze ein weiteres kleines Gespräch haben. Denk genau nach und entscheide dich, wo deine Loyalität liegt."
Ich will einen dramatischen Abgang haben und werfe mir wieder meine Kapuze über den Kopf. Ich weis, dass ich wie eine übergroße Fledermaus aussehe, wenn ich mich auf die richtige Art bewege (auch das kann ich schon seit Jahren) und es macht immer wieder einen recht nachhaltigen Eindruck. Manchmal ist es auch ganz gut, wenn man einen üblen Ruf hat, jeder traut einem das Schlimmste zu und man muss nicht wirklich etwas tun – subtile Drohungen genügen häufig schon. Mit langen Schritten verlasse ich den Wald und lasse einen immer noch zitternden Quirrell hinter mir zurück. Natürlich habe ich immer noch keine Beweise, dass Quirrell wirklich hinter dem Stein her ist, aber diese Begegnung und insbesonders Quirrells Reaktionen haben mein Misstrauen nur noch angeheizt. Ich werde ihn jetzt sicher nicht mehr aus den Augen lassen.
