Vertraue niemals deinen Gefühlen

Kapitel 2

„Öffnet die Bücher, ihr wisst, was zu tun ist", kommandierte er mit gewöhnlich tiefer Stimme und drehte sich, ohne die Klasse eines Blickes zu würdigen, seinem Schreibtisch zu. Graziös, seinem Ärger trotzend, setzte er sich nieder und griff nach der Feder. Er musste seine harte Fassade wahren und sich ablenken. Niemandem sollte es gelingen, sein Geheimnis zu enthüllen, solange er sich nicht selbst sicher darüber war. Die metallische Klinge kratzte über das braune Papier, das die Tinte sofort in sich aufnahm.

Was gab es befriedigenderes, als einen neuen Zaubertrank zu entwickeln, seine Gedanken zu Papier zu bringen, um sie dann anschließend in die Tat umzusetzen? Severus verzog die Mundwinkel zu einem flachen Grinsen und legte sich ins Zeug.

Wenig später war er unzufrieden mit dem Ergebnis seiner Arbeit und knüllte alles zusammen, was er in den letzten fünfzehn Minuten geschaffen hatte.

Sie war hier.

Er konnte ihre bloße Anwesenheit fühlen, obwohl er keinen einzigen Blick in den Raum geworfen hatte. Ein ungeheurer Zwiespalt bahnte sich in seinem Inneren an. Er war ein erwachsener, reifer Mann. Er hatte nicht einfach nur seinen Gefühlen zu folgen, die ihn mit Sicherheit in die Irre führen wollten...

Zu seiner Erleichterung gehorchten seine Schüler. Der Raum blieb still und niemand wagte es, ohne die Erlaubnis des Zaubertranklehrers zu sprechen, oder gar nur unaufgefordert den Blick von seinem Buch zu heben. Der Moment war somit perfekt für Severus, über seine fremdartigen Gefühle nachzudenken. Das musste selbst er sich eingestehen.

Warum nur musste ausgerechnet ihm das passieren, dem nach Dumbledore stärksten und tapfersten aller Zauberer? Er schluckte hart. Sein Mund war trocken, seine Kehle wie ausgedörrt.

Idiot! Seine Lippen zogen sich schmal zusammen.

Trotz allem konnte er nicht widerstehen. Er hob vorsichtig den Blick, wie ein lauerndes Tier. Er musste sie einfach ansehen. Doch was er sah, versetzte ihn in einen Schock: Sie hatte ihren Blick vom Buch gehoben und sah ihn an.

Severus wusste nicht, wie ihm geschah. Er konnte die Augen nicht von ihr abwenden, so überwältigend war ihr sanftes Lächeln. Vor lauter Entgeisterung stand sein Mund halb offen. Er räusperte sich und erhob sich von seinem Stuhl. Wie konnte sie es nur wagen, ihm das anzutun? Mit geschmeidigen Bewegungen trat er an ihren Tisch heran. Noch immer blickte sie ihn an.

Endlich fand er seine Sprache wieder. „Miss Granger, gibt es ein Problem?" Seine Stimme schwankte, er wirkte aufgewühlt.

Sie löste den Blick von ihm los, das Lächeln war verschwunden, als sie nach einer Antwort suchte. „Nein Professor. Es ist nur, … ich kenne den Text bereits auswendig."

Snapes Augenbrauen rutschten in die Höhe. Die Antwort überraschte ihn, obwohl er Miss Granger bereits seit Jahren unterrichtete.

„Dann lesen Sie das nächste Kapitel", befahl er.

Hermine presste ihre Lippen aufeinander. An ihrem enttäuschten Blick war eindeutig zu erkennen, dass sie sich von dieser Unterhaltung etwas anderes erhofft hatte.

„Professor, ich habe das Buch bereits mehrmals gelesen", murmelte sie leise. Es war keine Absicht gewesen, es war einfach so aus ihr herausgerutscht.

„Und das befähigt Sie dazu, meine Klasse zu stören?" Obgleich es sich um eine Kleinigkeit gehandelt hatte, klang Snape ungewöhnlich hart. „Nachsitzen, Miss Granger!"

Hermine öffnete verdutzt ihren Mund. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und so blieb ihr nichts anderes übrig, als den Blick zu senken und auf ihre Tischplatte zu starren.