So unerwartet der Kuss begonnen hatte, so schnell war er auch wieder vorbei. Nach einem kurzen, einem viel zu kurzen Moment trennten sich ihre Lippen mit einem leisen, feuchten Geräusch.

Sie wendeten verschämt ihre Blicke ab, starrten in die Ferne und versuchten einen klaren Gedanken zu fassen, obwohl ihre rasenden Herzen ihnen das Denken verunmöglichten.

Eine halbe Minute später räusperte sich Harry und hauchte, immer noch benommen: „Ich weiß nicht, was eben in mich gefahren ist – Hab ich Dich wirklich grad ...?"

Draco nickte – obwohl Harry das nicht sehen konnte – und sagte ein wenig später mit heiserer Kehle: „Ja – aber ich hab Dich auch ..." Und dann stellte er die Frage, die ihm jetzt am meisten unter den Nägeln brannte: „Warum hast Du mich ...?"

Harry wollte diese Frage nicht beantworten. Er konnte doch nicht dem Mitschüler, der ihn seit Jahren quälte und tyrannisierte, sagen, dass er in ihn verliebt war! Auch wenn es ein zauberhafter Abend gewesen war und wenn sie offiziell Frieden geschlossen hatten, hatte er Angst, Draco die Wahrheit zu sagen: Der Slytherin mit den vor Kälte ein bisschen spröden Lippen würde ihn bei der nächsten Gelegenheit vor der gesamten Schule outen – womit Harry weniger ein Problem hätte –, aber dann noch unermüdlicher, noch garstiger verspotten und mobben. Aber was sonst könnte Harry als Antwort angeben? Versehentlich küssen, das gibt's nicht. „Ich ... Ich ...", stammelte er, als ihm etwas anderes auffiel: „Warte, Du hast es zugelassen!"

Der Slytherin hatte es leichter, die Wahrheit zu sagen. Egal was er Harry sagen würde: Wenn er ihn um Geheimhaltung bäte, würde Harry schweigen wie ein Grab. Daher konnte er dem Schwarzhaarigen leichter sagen, dass sich soeben einer seiner Träume erfüllt hatte. Und daher ergriff er Harry rechte Hand zwischen seine beiden Hände, atmete tief durch und legte seine Gefühle offen. Und er schloss das Geständnis mit jenen berühmten drei kurzen Worten, die er Harry schon immer sagen wollte – und die Harry schon immer von ihm hören wollte.

Die Augen des Gryffindor weiteten sich plötzlich, ließen deutlich das grüne Schimmern der Iris darin erkennen und der Mund öffnete sich zu einem weiten Lächeln, das die weißen Zähne dahinter entblößte: „Du liebst mich – auch?"

„‚Auch'?", fragte der Blonde und neigte den Kopf zur Seite. Der erste Gedanke, der ihm kam, war kein angenehmer, nämlicher der, dass Harry schon eine Freundin (oder einen Freund) haben müsse. Draco senkte seinen Blick betrübt hinab zu Harrys Brust. Doch als keine Antwort kam, da fiel ihm ein, dass eine unbekannte Liebschaft auszuschließen war: Denn die ganze Schule tratschte und war immer über das Privatleben des Helden am Laufenden – und Draco hatte selbst ein ausgeprägtes, wenn auch nicht öffentliches Interesse an diesem Gerede. Da lächelte er und sah in die grünen Augen: „Kann das etwa ... Heißt das etwa das, was ich denke, dass es heißt?"

Harry zögerte noch ein wenig, misstraute immer noch ein wenig dem Slytherin. Doch als er an den Zauber des Abends und den überirdisch schönen Kuss dachte und die Freude in Dracos Augen sah, da verflog jeglicher Zweifel: „Wenn Du glaubst, dass ich Schmetterlinge im Bauch krieg, wenn ich Dich sehe ... dann hast Du recht." Damit näherte er seine Lippen ein zweites Mal denen des Slytherin, und wisperte die magischen Worte: "Ich liebe Dich."

Und dann tauschten sie ihren zweiten Kuss aus, länger und intensiver, mit offenen Mündern und vereinten Zungen, aber auch ungeschickter: Denn ihre Körper waren vor Kälte starr und mehr als einmal schlugen sie mit den Zähnen ungewollt und schmerzhaft aneinander.

Harry übte sanften Druck auf Dracos Oberkörper aus und stieß ihn zärtlich von sich weg: „Das wird so nichts." Er stand auf, reichte dem Slytherin seine Hand und fuhr fort: „Gehen wir an ein wärmeres Plätzchen."

Draco ließ sich das nicht zwei Mal sagen.

Doch als sie, Hand in Hand, den Weg durch den dichter werdenden Schneefall zurück zum Schloss gingen, schweigend, voller Neugierde darauf, wie sich ihre Leben durch diesen Heiligen Abend ändern würden, und voller Vorfreude darauf, was sie von nun an miteinander erleben könnten, da blieb Draco plötzlich stehen. Harry drehte sich um und blickte seinen neugewonnenen Freund fragend an, als er jäh den Schrecken in den zu Boden gerichteten Augen erkannte: „Was hast Du? Ist Dir schlecht?"

„Ein wenig schon ...", quälte der Slytherin aus sich hervor, „Es geht nicht! Wir können nicht zusammenkommen!"

Harry – wenige Momente zuvor noch himmelhochjauchzend, jetzt zu Tode betrübt – erstarrte: „Wa– Was meinst Du? Warum soll das nicht gehen?"

„Mein Vater – der wird mich schon umbringen wollen, wenn er erfährt, dass ich schwul bin; aber wenn er hört, dass ich mit Dir zusammen bin ..." Draco schluckte und schüttelt den Kopf: „Er wird mich auf jeden Fall aus Hogwarts rausnehmen, damit ich weg von Dir komm, und dann schickt er mich sicher nach Durmstrang; da treiben sie den Leuten angeblich das Schwulsein aus."

Das war eine ziemlich eindeutige Antwort auf die Frage, wie sich beider Leben von nun an ändern würden: Nämlich gar nicht.

Aber Harry war nicht gewillt das zu akzeptieren. Er sammelte all seine Zuversicht und stellte sich dicht vor den Slytherin hin, so dass sich ihre eisig kalten Nasenspitzen fast berührten. Dann fasste er ihn zärtlich an die Schultern und sagte: „Dann halten wir es halt geheim: Wir tun tagsüber so, als wären wir immer noch Feinde, und treffen uns nur, wenn es keinem auffällt – so wie heute."

„Wenn es nur so einfach wäre!", seufzte Draco. „Du weißt, dass das nicht funktionieren wird. Irgendwer – ein Freund, ein Geist, ein Lehrer – wird uns heimlich folgen oder einfach nur zufällig finden und sehen, dass wir einander nicht an die Gurgel, sondern an die Wäsche gehen. Dann kriegt früher oder später mein Vater davon Wind und dann heißt es für mich: ‚Adieu, Harry, Adieu, Hogwarts.'" Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Es wird Dir ja kaum reichen, dass wir einander nur alle heiligen Zeiten treffen, wenn wir – wie heute – keine Nachtruhe haben und ausbleiben können, so lange wir wollen. Das reicht mir jedenfalls nicht."

Harry schüttelte traurig den Kopf: Auch ihm würde das keinesfalls reichen; er hatte sich eigentlich schon vorgenommen gehabt, jede verbliebene Sekunde der Ferien mit seinem neuen Freund zu verbringen. Und er wurde deswegen wütend: Endlich war ihm das Glück vergönnt, den Blondschopf sein eigen nennen zu dürfen, und nun sollte er ihm schon wieder entrissen werden? Nein, das würde er garantiert nicht hinnehmen! Während er in die funkelnden Augen vor den seinen starrte, suchte er nach Möglichkeiten, wie er seinen Geliebten behalten könnte, musst aber endlich mit immer flauerem Gefühl im Magen zugeben, dass er keine fand.

Er umarmte seinen Draco, der ihm in mehrerlei Hinsicht so nah wie nie war, und dabei zugleich so fern und unerreichbar war wie der Draco am Himmelszelt. Dann drückte er den schmächtigen Körper des Blonden fest an sich, als könnte er ihn mit physischer Kraft festhalten, und verfluchte dabei mit leisen Worten dessen Vater:

Einerseits war es Dracos Eltern zu verdanken, dass es den heiß begehrten Jüngling gab – und dafür hätte er Mr und Mrs Malfoy küssen können. Andererseits war es Dracos Vater nun zu verdanken, dass Harry sich selbst nun am Rande einer klaffenden Schlucht sah, die ihn von seinem Romeo trennte – am Rande einer Schlucht, in die er Dracos Vater nun am liebsten gestoßen hätte.

Und als sie da im Schneegestöber standen, einander umarmten und erstmals fühlten, wie sich die Brust des anderen mit jedem Atemzug weitete und einengte, da flüsterte Draco etwas mit heißem Atem in Harrys Ohr: „Sag mal, hast Du Deinen Zauberstab eingesteckt?"

„Ähm, tut mir leid, Draco, aber–", versuchte sich Harry zu entschuldigen. Der Gryffindor war ein wenig peinlich berührt: Seit er erfahren hatte, dass der Slytherin seine Gefühle erwiderte, hatte er mehrmals den Gedanken gehabt, dass er von nun an wirklich auf Dracos „Besen" reiten könnte – denn diese Dinge machen die meisten Paare nun einmal, auch wenn sie nicht öffentlich zusammen sind. Und diese Gedanken zeitigten ihre Wirkung in Form der Erektion, die Draco offensichtlich spürte und damit das Thema Sex aufs Tapet gebracht hatte.

„Du brauchst Dich nicht entschuldigen", unterbrach ihn der Slytherin, ehe er, nicht in gewohnt poetisch-malfoyscher Art und Weise, fortfuhr: „Ich hab auch einen Steifen."

Mehr musste nicht gesagt werden: Beide wollten das tun, was Liebende eben miteinander tun.

Eigentlich hatten sie warten wollen: Sie wussten zwar nicht, was eine angemessene Zeit zwischen dem "Ich liebe Dich" und dem Ersten Mal war, aber zehn Minuten schien beiden zu wenig. Doch die männliche Physiologie machte es beiden klar, dass sie auf derselben Wellenlänge waren. Außerdem: Wer weiß schon, wann sich wieder eine Gelegenheit bieten würde? Könnten sie so lange warten?

„Wollen wir, Du weißt schon ...?", schlug Draco seinem Harry vor. „Wir müssten halt hier draußen, im Schnee, fern von den neugierigen Blicken der Leute ..."

Harry nickte. Hand in Hand verließen sie den Pfad und stapften schnellen Schritts durch den Schnee in Richtung einer kleinen Gruppe verschneiter Eichen, die ihnen hinlänglich Schutz vor Wind und Wetter bieten würde. Harrys Beine zitterten vor Erwartung, fast wäre er über eine vom Schnee verdeckte Wurzel gestolpert.

Einen Steinwurf abseits des Pfades erreichten sie dann ihr Ziel. Sie stellten sich einander gegenüber auf und sahen einander in die Augen. Harry lachte: „Jetzt werden wir gleich sehen, wem von uns beiden kälter ist", ehe er sich vorbeugte und seine kalten Lippen kurz auf die des Slytherin drückte.

Sie zogen ihre Handschuhe aus und blieben dann starr stehen, getrauten sich nicht recht fortzufahren: Denn nun würden sie einander ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk machen: Sie würden einander etwas zeigen, das sie noch niemandem gezeigt hatten. Beiden schlug das hämmernde Herz bis zum Hals.

„Auf Drei", sagte dann der Slytherin, „Eins ... Zwei ... Drei!"

Damit öffneten beide den Hosenschlitz und zogen mit vor Kälte steifen Händen ihre vor Erregung steifen Penisse heraus. Fasziniert starrte jeder auf den seines Gegenübers, wollte seine Finger darüber streifen lassen und wollte seinem Geliebten Freude und Vergnügen bereiten – denn darauf hatte er jetzt schon sehnsüchtig gewartet – und fand doch nicht den Mut dazu.

Die beiden Körperteile, die in der kaum erhellten Nacht und vor dem schwarzen Stoff der Jeanshose strahlend hell wirkten, waren eigentlich etwas ganz Triviales und Natürliches: Die Hälfte ihrer Freunde hatte so etwas; eigentlich sollte ein Penis so aufregend sein wie ein Zeigefinger oder eine Nase. Eigentlich. Denn was Harry und Draco mit leuchtenden Augen, Vorfreude und doch auch Hemmungen beobachteten, das war nichts Triviales, sondern etwas Besonderes, etwas Magisches: Auch wenn sich das Geschlechtsorgan des Geliebten nicht sonderlich vom eigenen Genital unterschied, war es doch etwas durch und durch Außergewöhnliches.

Harry fühlte einen kalten Windhauch über die sonst von seiner Unterwäsche geschützte Haut streichen und entschied sich zuzupacken: Er näherte langsam seine rechte Hand dem Objekt der Begierde. Geträumt hatte er von diesem Moment schon hunderte Male; in seinem Geiste hatte er es wohl jeden Tag berührt, gekostet, in sich gefühlt. Und es war eine eigentlich ganz einfache Bewegung: die Hand ausstrecken und zupacken.

Aber jetzt, wo alles greifbar war, kam jedem von ihnen dieser Handgriff ungeheuer kompliziert vor: Je weiter er seine Hand ausstreckte, umso lauter hörte er sein Herz in seinen Ohren pochen, umso unruhiger fühlte er seine Atmung, umso schwächer wurden seine Beine.

„Auf Drei", hörte er plötzlich Dracos heisere und belegte Stimme wiederholen, „Eins ... Zwei ... und D–... D–rei!"

Zweimal fünf Finger griffen zu.

Und da war das Erste Mal auch schon vorbei.

Es war, als hätten sie in einem Stromkreis gegriffen, als hätten sie einen Kurzschluss verursacht: Kaum hatten sie zum ersten Mal die samtige Haut ihres Geliebten gefühlt, war ein elektrischer Strom durch ihre Leiber geschossen, die weißliche Flüssigkeit stoßweise durch ihre Glieder.

Die beiden starrten einander mit einer Mischung aus Erleichterung, Überraschung und Beschämung auf die in der Düsternis kaum erkennbaren Tropfen im Schnee, ehe Harry erleichtert auflachte: „Ich hatte jetzt einen Moment echt Angst: Sofort abspritzen, wie schaut denn das aus? Aber zum Glück ist es Dir nicht besser ergangen!" Und Draco erwiderte das Lachen – er hatte genau dieselbe Befürchtung gehabt.

Beruhigt, zufrieden und sichtlich erheitert packten sie ihre „Weihnachtsgeschenke" wieder ein und schickten sich an, den Rest des Weges zurück zum Schloss gemeinsam zu gehen. Da fiel Draco Folgendes ein: „Warte, es fällt auf, wenn wir gleichzeitig ins Schloss kommen." Damit nahm er die Haube von seinem Kopf und reichte sie ihrem Besitzer: „Ich geh voraus, warte Du noch ein paar Minuten." Er seufzte: „Und wenn wenn wir einander morgen früh beim Frühstück oder sonst wo sehen ..."

„... müssen wir so tun, als wäre nichts geschehen ...", vollendete Harry traurig den Satz, den der Slytherin nicht zu Ende sprechen wollte.

„Wir werden einander weiterhin beleidigen müssen, alles andere fällt auf."

„Das wird mir nicht schwer fallen, Schrumpfschwanz", stichelte Harry.

Draco lachte mit gespielter Entrüstung: „‚Schrumpfschwanz'? Erstens ist MEINER länger und zweitens: Wenn Du diesen Blödsinn verzapfst, erzähl ich allen, dass Du beim Sex sofort kommst – und hoffe dabei, dass mich keiner fragt, woher ich das wissen will!"

Harry küsste erneut Draco: „Wann sehen wir uns wieder?"

„Wenn ich das nur wüsste. – Im schlimmsten Fall in einem Jahr: Zu Weihnachten werd ich wieder hier warten. Aber wir werden sicher vorher noch viele Gelegenheiten finden." Damit schlang er seine Arme um den Gryffindor und drückt ihn zum Abschied fest an sich.

Diese Umarmung dauerte viele Minuten, denn sie würde die letzte für wer weiß wie lange sein, daher wollte sie keiner beenden. Doch eine weitere bis auf die Knochen schneidende Bö machte Draco klar, dass der Körper in seinen Armen zwar wunderbar seine Seele wärmte, jedoch kaum Schutz vor der winterlichen Kälte bot. „Harry, mir wird es langsam zu kalt", flüsterte er seinem geheimen Geliebten zu.

„Dann geh", kam die Antwort von Harrys süßem Mund. Er drückte dem Blonden zum Abschied einen letzten Kuss auf die Lippen und ließ ihn von dannen ziehen, blickte ihm lange mit der bittersüßen Mischung aus Freude und Schmerz nach, die Liebende, die voneinander scheiden müssen, seit jeher quält.

Er wartete einige Minuten, dann ging auch er langsam zurück zum Schloss, durch das schwere Eichenportal und hinauf in sein Schlafzimmer. Seamus, Dean und Neville schliefen schon, Ron war noch nicht da und wohl noch bei Hermine (wenn die beiden das taten, was Harry dachte, hatte Ron offensichtlich nicht das Geschwindigkeitsproblem, das sich heute bei Harry und Draco gezeigt hatte). Leise, um die Schläfer nicht zu wecken, zog er sich aus – das Zähneputzen ließ er an diesem Abend ausnahmsweise aus, um nicht den kostbaren Geschmack von Draco auf seinen Lippen zu beseitigen – und ging zu Bett.

Der Sandmann zierte sich an diesem Abend lange, aber als sich der Schlaf dann doch Harrys Lider bemächtigte, war der letzte Gedanke hinter den schwarzen Haarsträhnen, wie schon so oft, ein Gedanke an den blonden Slytherin. Doch mit einem Unterschied, der ganz wesentlich war: Es war ein Gedanke an SEINEN blonden Slytherin.