Der unbekannte Tote aus dem Boot war der erste „Patient" der an diesem Morgen bei Alexx auf dem Tisch lag. Da er bereits entkleidet war machte sie sich zuerst daran Abstriche vom Mund und dem Unterleib zu nehmen, sowie die Fingernägel auf eventuelle Hautreste, die sich darunter haben verfangen können zu untersuchen. Als nächstes kam ein Mitarbeiter des DNA- und Fingerabdrucklabors vorbei um Abdrücke zu nehmen, die zur Identifizierung des Toten helfen könnten und um einige DNA Proben, sowie die Abstriche, die Alexx gemacht hatte mitzunehmen und zu untersuchen. Nachdem auch dies geschehen war und der ME die restlichen Vorbereitungen, wie das Wiegen und Vermessen des Körpers etc. abgeschlossen hatte, die für eine Autopsie nötig waren, begann sie mit ihrer eigentlichen Arbeit. Etwa 20 Minuten später kam Horatio dazu und erkundigte sich nach dem Stand der Dinge.
(VII)„Hey, Alexx! Ist er das Opfer von heute Morgen?", fragte er, während er sich einen Kittel überwarf und zum Seziertisch vortrat.
„Ja, das ist er, gibt es einen Namen?"
„Nein, es gibt unter den Vermisstenmeldungen keine Beschreibung, die auf ihn zutrifft. Haben wir seine Fingerabdrücke?"
„Proben für AFIS und CODIS sind unterwegs.", antwortete Alexx, bevor sie sich gewohnt liebevoll ihrem Patienten zuwendete. „Du hast dir bestimmt für heute auch nicht vorgenommen bei mir auf dem Tisch zu enden, Süßer."
„Wie steht es mit äußeren Verletzungen?"
„Also: Zum einen hätten wir diese blauen Flecken an beiden Unterarmen.", sie hielt den linken Arm des Toten hoch und zeigte H die Hämatome an den Innenseiten. „Und an den Knien.", auch diese zeigte sie vor. „Dann hatte er auf der Brust ein markantes dreieckiges Hämatom, ich habe es fotografieren lassen, bevor ich ihn aufgemacht habe, weil ich mir gedacht habe, es passte ganz gut zu dem Beistelltisch auf dem er lag. Schlussendlich habe ich hier im Gesicht noch einige Narben gefunden." Sie drehte es zu H, und deutete auf ein paar helle Streifen unter- und oberhalb des linken Auges, auf beiden Jochbeinen und am Kinn.
„Autsch.", sagte Caine mit verzerrtem Gesicht. „Da muss ihn jemand übelst mitgenommen haben."
„Das Röntgenbild hat ergeben, dass seine Nase zweimal gebrochen war. Ein Bruch ist älter und komplett verheilt, ich konnte ihn nur anhand der Dislokation einiger Knochenfragmente ausfindig machen. Siehst du die Falte am oberen Ende des Nasenbeines?"
„Solch eine Falte kann man bei Boxern oft sehen wenn bei ihnen das Nasenbein schon einmal gebrochen war."
„Richtig. Der zweite Bruch ist, wie die anderen Verletzungen höchstens drei bis maximal vier Monate alt. Er ist ebenfalls schon fast komplett verheilt, aber deutlicher zu erkennen, als der erste Bruch."
Horatio nickte interessiert und fragte dann nach der Todesursache.
„Eine zwei Rippen sind gebrochen und in die Lunge eingetreten, diese hat sich mit Blut gefüllt. Er ist letztendlich erstickt.", Alexx deutete auf den Brustkorb des Opfers
„Hämotothorax."
„Hey, du bist gut!"
„Was ist das für eine braune Verfärbung oberhalb des Kehldeckels?", fragte H nach einem genaueren Blick auf den Körper.
„An der Stelle ist ein wenig Blut aus der Lunge mit Magensäure in Berührung gekommen und hat sich kaffeesatzartig verfärbt. Hinzu kommt noch, dass ich in seinem Mund keine größeren Mengen Blut gefunden habe."
(VIII)„Also Eric, wenn du mich fragst, passt dieser Abdruck nicht ins Muster. Er verläuft senkrecht zur Fortbewegungsrichtung und nicht parallel." Calleigh befasste sich nun mit den Fußspuren im unteren Flur.
„Du hast Recht.", bestätigte Delko, als er den Fußabdruck vor der Badezimmertür genauer betrachtete.
„Es sieht aus als wäre jemand, darf ich mal…", Calleigh ging an ihm vorbei zur Tür und öffnete sie. Als sie dann im Bad das Licht einschaltete waren im Waschbecken und auf dem Fußboden vor der Toilette Blutstropfen zu erkennen. Vor dem Becken war eine kleine Lache von der die Fußspuren wegführten „ ...mit blutigen Sohlen von hier aus weggelaufen. Wir haben definitiv einen zweiten Verletzten, wahrscheinlich der Täter selber. Ich sage H bescheit." Calleigh griff zu ihrem Handy und wählte per Schnellwahltaste Horatios Nummer. Er nahm beim ersten Klingeln ab.
„Horatio, ich bin's, Calleigh."
„Hast du etwas Neues?"
„Ja, hör zu, wir haben einen zweiten Verletzten, wahrscheinlich der Täter selber."
„Das hat Alexx auch schon vermutet. Das meiste Blut muss von einem anderen als unserem Toten stammen, er hat keine großen äußeren Verletzungen gehabt."
„Habt ihr schon die Todesursache geklärt und einen Namen?", wollte Calleigh wissen.
„Nein, Tripp ist noch dran. Hör zu: Nehmt von allen Blutflecken, die ihr finden könnt Proben und bringt sie ins Labor."
„Ja, machen wir. Ich bin hier bald fertig, dann kann ich in den Krankenhäusern anrufen und fragen, ob jemand mit stark blutenden Kopfverletzungen oder Ähnlichem eingeliefert wurde."
„Ich bitte darum, gute Arbeit, Calleigh! Bye"
Sie legten auf.
(IX) Priscilla Heli CarterEinige Augenblicke später klingelte H´s Handy erneut. Diesmal war es Frank Tripp, der ihm mitteilen wollte, dass kurz zuvor eine Vermisstenanzeige aufgegeben worden war, die auf das Opfer passte. Er bat Horatio zu ihm zu kommen.
Die Anzeigenstellerin war eine junge Frau namens Priscilla Heli Carter. Ihr Verlobter, war nach der Arbeit nicht nach Hause gekommen und als er auch am nächsten Morgen nicht da war, hatte sie sich Sorgen gemacht und war zur Polizei gegangen. Jetzt saß sie, völlig aufgelöst ein Papiertaschentuch in den Händen zerpflückend, im Wartebereich des Polizeireviers und schien sich mächtig Sorgen zu machen, weil Tripp sie gebeten hatte da zu bleiben. Als Horatio sie begrüßte fiel ihm auf, dass wohl hinter dem von Tränen ruinierten, etwas übertriebenem Make-up und den langen, dunkelblonden, verwuschelten Haaren eine mit ca. 5´5´´ recht kleine, attraktive junge Frau stecken musste.
„Guten Tag Miss Carter, mein Name ist Lieutenant Horatio Caine vom Miami Dade CSI. Mein Kollege, Detective Tripp hier, hat mir erzählt, sie haben ihren Freund als vermisst gemeldet?"
Zitternd schüttelte sie junge Frau H´s Hand und sagte:
„Ja, das ist richtig, er ist gestern nicht nach Hause gekommen. Ich habe es in seinem Büro probiert. Er ist nicht rangegangen und das Handy war aus."
„Okay, hören sie zu….", Caine wurde durch das Klingeln seines Handys unterbrochen. „Entschuldigen sie mich!", er entfernte sich ein paar Schritte und nahm das Gespräch an.
„Horatio."
„Lieutenant Caine, hier ist Amanda aus dem Labor. Wir haben die Fingerabdrücke des Opfers zwar nicht bei AFIS gefunden, haben sie aber durch andere Datenbänke gejagt und bei der Arbeitnehmerdatenbank für Miami und Umgebung einen Treffer gelandet. Sein Name ist Collin Abrahams, er arbeitet bei einer Versicherung in Downtown Miami und ist nicht der Aigner der „Desire".
„Okay, Danke, gute Arbeit."
Er beendete das Gespräch und rief Tripp zu sich.
„Frank, kommst du mal bitte."
„Ja, was gibt´s?"
Er beugte sich zu dem Detective vor und fragte:
„Wie lautet der Name ihres Verlobten?"
„Collin Abraham."
„Okay, wir haben ihn. Er ist das Opfer. Ich muss sie mit ins Labor nehmen und sie dort verhören."
(X)Im Trockenraum des MDPD CSI sah es nach eher nach einem Zeltlager, als nach einem Kriminallabor aus, nachdem Tim die Bettwäsche und Tagesdecke von der Jacht zur genaueren Untersuchung aufgehängt hatte. Als er dann Proben von allen Flecken genommen hatte, wartete er auf das Ergebnis der DNA-Analyse. In der Zwischenzeit machte er sich daran die Fingerabdrücke von den Weingläsern und der Flasche die Calleigh auf dem Schiff sichergestellt hatte zu identifizieren. Er bestäubte nacheinander Glas und Flaschen, scannte die Abdrücke ein und suchte in allen Datenbanken nach einer Übereinstimmung. Als er seine Ergebnisse vorliegen hatte, machte er sich auf den Weg um sie Horatio vorzutragen.
(XI) Collin Abraham„Miss Carter, es tut mir sehr Leid ihnen mitteilen zu müssen, dass ihr Verlobter heute Morgen tot auf dem Boot eines gewissen Glen Crab aufgefunden worden ist. Alle Spuren deuten auf einen Mord hin." Horatio saß der jungen Frau gegenüber in einem der Verhörräume und senkte mitfühlend den Blick, als Priscillas Gesichtsausdruck geschockt versteinerte.
„Mord, wer würde so etwas tun?", fragte sie vollkommen aufgelöst.
„Hatte Collin irgendwelche Feinde? Vielleicht einen Geschäftspartner, der ihn nicht mochte?", wollte Caine wissen.
„Nein, er ist… war ein guter Mensch, er hatte keine Feinde…"
Es klopfte an der Tür und Speed betrat den Raum.
„Horatio, kommst du mal bitte?", fragte er vorsichtig.
„Natürlich. Miss Carter, sie entschuldigen mich bitte für einen Augenblick.", er verließ das Zimmer hinter dem Detective.
„Speed."
„Ich habe die Fingerabdrücke auf dem Weinservice, das Calleigh sichergestellt hat mit den Abdrücken aus den Datenbänken verglichen und zwei Treffer gefunden. Zum einen die Abdrücke des Opfers und zum anderen die Abdrücke eines gewissen Norman Sullivan, ebenfalls nicht bei AFIS, sondern wieder in der Arbeitnehmerdatenbank."
„Und das bedeutet für unseren Fall?", hakte H nach.
„Nun ja, wenn man bedenkt, dass ich auf den Bettlaken Spermaspuren von zwei Männern, d.h., von unserem Opfer und einem anderen, unbekannten Mann und keine weiblichen Körperflüssigkeiten, gefunden habe.", führte Speedle fort.
„Sieht das Ganze schon etwas anders aus. Wie steht es mit den Blutspuren von dem Rahmen und aus dem Bad?"
„Bis wir da die Ergebnisse haben, wird es noch ein bisschen dauern. Doch Daniela, die Haarexpertin, die Valera in ihrer Urlaubzeit vertritt, hat die Haare aus der Wunde schon einer ersten Untersuchung unterzogen und konnte definitiv sagen, dass sie von einem Mann stammen. Jetzt haben wir nur ein Problem:", er zeigte Horatio das Bild eines Mannes mit rotblonden, schulterlangen Haaren.
„Das ist Norman Sullivan."
Caine kommentierte das Bild mit einem lang gezogenen „Okay." Dann dachte er kurz nach und sagte:
„Schafft mir Sullivan hierher."
Ähm… das geht leider nicht.", sagte Tim zögerlich.
„Wieso?"
„Yelina hat herausgefunden, dass er im Moment in Europa auf Geschäftsreise ist."
„Speed, Europa ist ziemlich groß! Wo genau?"
„Von heute bis Dienstag in Frankreich, genauer Paris und von Dienstagabend bis Freitag in Deutschland, genauer in Berlin."
Horatio erschrak etwas, als seine Schwägerin plötzlich direkt hinter ihm auftauchte und die Daten aus ihrem Notizblock ablas.
„Ist es absehbar, dass er in die Staaten zurückkommt?"
„Seine Maschine landet am Samstagmorgen um 10:00 Uhr.", ergänzte Yelina.
Tim machte einen genervten Gesichtsausdruck.
„Mensch, wo sind die Leute mit den guten Connections zu den europäischen Konsulaten, wenn man sie braucht?"
Einen Moment war es still zwischen den Dreien, dann sagte Horatio:
„Gut, Speed, danke für die Information. Kann ich bitte den Ordner mit dem Bild von Sullivan haben? Ich muss es nachher noch mit dem Zeugen vorlegen."
Tim überreichte ihm die Akte und Horatio verschwand wieder im Verhörraum, um die Befragung seiner Zeugin zu Ende zu führen.
(XII) Norman Sullivan„Bitte entschuldigen sie die Unterbrechung, Miss Carter.", Horatio setzte sich wieder ihr gegenüber an den Tisch und legte ihr nun das Foto von Norman Sullivan vor.
„Haben sie diesen Mann schon einmal gesehen?"
Priscilla betrachtete das Bild, schüttelte jedoch den Kopf.
„Nein, wer ist das?"
„Wir wissen, dass dieser Mann gestern Abend mit ihrem Verlobten zusammen auf dem Boot gewesen ist. Sein Name ist Norman Sullivan. Hat Collin ihn ihnen gegenüber schon einmal erwähnt?"
„Nein, nicht, dass ich wüsste…", sie schaute erneut und sagte dann sicher: „Nein, ich kenne ihn nicht."
„Okay.", sagte Caine. „Sagt ihnen der Name Glen Crab etwas?"
„Nein.", antwortete sie knapp.
„Gut. Wir wären dann vorerst fertig.", H beendete das Verhör und bat Tripp mit ihm zusammen vor die Tür zu kommen.
„Frank, wann können wir mit diesem Crab reden?"
Tripp senkte den Blick und murmelte:
„Vorerst gar nicht. Er ist auf Geschäftsreise."
Horatio zog die Augenbrauen hoch.
„Der auch?"
„Ja, wieso auch?", wollte Tripp wissen.
„Mr Sullivan ist gerade geschäftlich in Europa unterwegs und wo ist Crab?"
„Laut seinen Angestellten ist er bis Ende der Woche in Paris."
„Na, wenn das mal kein Zufall ist. Frank, finde heraus, wann und mit welchem Flieger er hierher zurück nach Miami kommt, vergleiche dann deine Ergebnisse mit denen von Yelina und halte mich auf dem Laufenden!"
„Okay, wir sehen uns später!"
