Lasst die Spiele beginnen

Ich zwang mich weiterzugehen und mich nicht umzudrehen, ihm nicht in die Augen zu sehen. Ich konnte nur vermuten, weshalb Cato mir folgte. Ich war mir sicher, dass ihm mein Verhalten ihm gegenüber nicht gefiel. Und obwohl es lächerlich war, sich deswegen gleich so aufzuspielen, passte es zu den übrigen Eindrücken, die ich bereits von ihm hatte. Vermutlich war er es gewohnt, von den meisten Leuten bewundert oder gefürchtet zu werden. Das würde zumindest seine Arroganz erklären. Ich näherte mich der Tür, die zu meinem Zimmer führte, mit jedem Schritt und als ich nur noch ein paar Meter von ihr entfernt war, schoss mir kurz der Gedanke durch den Kopf, dass er mich vielleicht gar nicht verfolgte. Vielleicht war er auch nur auf dem Weg zu seinem Zimmer und vielleicht lag dieses ganz einfach in der Nähe von meinem? Ja, das war es vermutlich. Und gerade, als ich mir ganz sicher war, dass er mich in Ruhe lassen würde, hörte ich ihn. "Hey!"

Da ich fast schon nicht mehr damit gerechnet hatte, zuckte ich bei dem plötzlichen scharfen Ton fast zusammen. Das "Hey" war definitiv an mich gerichtet und es klang nicht unbedingt freundlich. Für einen kurzen Moment spielte ich mit dem Gedanken, es zu ignorieren, denn darin war ich wirklich gut, doch ich entschied mich dazu, mich ihm zu stellen. Er sollte auf keinen Fall denken, dass ich Angst hatte und vor ihm weglief. Und was sollte schon passieren?

Also drehte ich mich um und war überrascht, ihn direkt vor mir zu sehen. Direkt vor mir. Ich hatte das Gefühl, das er plötzlich noch größer war, als bei unserem ersten Aufeinandertreffen. War er in der kurzen Zeit gewachsen? Er stand da und sah auf mich herab und es störte mich aus irgendeinem Grund, dass ich meinen Kopf in den Nacken legen musste, um ihn anzusehen. Für meinen Geschmack war er mir definitiv zu nah, aber ich wagte es nicht einen Schritt zurückzugehen, denn ich war mir sicher, dass er das sofort als Angst interpretieren würde und da ich wusste, dass er genau das erreichen wollte, entschied ich mich, ihm diesen Gefallen nicht zu tun. "Was?", fragte ich genervt. Wenn ich jemanden nicht mochte, konnte ich das kaum verbergen. Darin war ich noch nie besonders gut und das würde sich vermutlich auch nie ändern – eine Eigenschaft, die ich definitiv von meiner Mutter geerbt hatte. Ich schluckte und verdrängte den Gedanken. Dies war kein guter Zeitpunkt, um an meine Familie zu denken. "Was war das vorhin, he?", schnappte Cato. Er funkelte mich wütend an. "Keine Ahnung, wovon du redest", erwiderte ich und funkelte zurück. "Versuch nochmal, mich vor irgendjemandem lächerlich zu machen und du hast ein Problem, klar?", er starrte mich weiter an und ging einen kleinen Schritt auf mich zu, kam mir noch näher, soweit das möglich war. Diesmal ging ich einen Schritt zurück. "Ist das dein Ernst?", fragte ich und lachte kurz auf, was mutiger klang als ich mich gerade fühlte, "darüber regst du dich so auf?" Ehrlich, es war lächerlich. Wenn er sich schon über meinen kleinen Kommentar bei dem Gespräch mit unseren Mentoren so aufregte, hatte er ein echtes Aggressionsproblem. "Ich mein's ernst", er hielt seinen Blick weiterhin auf mich gerichtet und ich sah, wie sich ein Lächeln auf seinen Lippen formte. Ein kaltes, berechnendes Lächeln, das seine Wirkung nicht verfehlte. Es jagte mir einen Schauer über den Rücken. Dann entfernte er sich ohne ein weiteres Wort langsam von mir. Seine kalten blauen Augen bohrten sich noch immer in meine und ich wagte es nicht meinen Blick abzuwenden. Es kam mir fast vor, als würde er nur darauf warten, dass ich etwas erwiderte, das ihm nicht passte, um dann wieder auf mich zuzustürmen. Aber ich hielt den Mund. Ich würde mich nicht auf seine Machtspielchen einlassen. Zumindest nicht hier und jetzt.

Erst nach ein paar Metern wandte er sich schließlich ganz von mir ab. Wahrscheinlich dachte er jetzt, er hätte gewonnen, aber momentan war ich einfach zu erschöpft, um mich darüber zu ärgern. Ich sah ihm noch kurz hinterher, bis ich mich letztendlich dazu entschloss ihm den Rücken zuzudrehen und endlich mein Zimmer zu betreten. Ich war froh, als ich die Tür hinter mir schloss. Ich entschied mich dazu abzuschließen, nur zur Sicherheit und erst jetzt spürte ich das Adrenalin, die Anspannung und die Tatsache, dass ich leicht zitterte. Ich war überrascht, wie sehr mich diese kurze Konfrontation aus der Fassung gebracht hatte und ich hasste es. Hatte ich Angst? Ich durfte keine Angst vor ihm haben. Vor niemandem.

Frustriert schmiss ich mich aufs Bett und versuchte die Tränen zu unterdrücken, als mich plötzlich ein starkes Gefühl von Heimweh überrannte. Ich wollte nicht hier sein. Obwohl ich normalerweise gut allein zurechtkam, mich oftmals sogar wohler fühlte, wenn ich für mich war und im Grunde nie wirklich jemanden brauchte, sehnte ich mich nun nach Gesellschaft. Ich war nicht die gesprächigste Person, aber jetzt gerade hatte ich das Verlangen nach jemandem, mit dem ich über alles reden konnte, was mich belastete – und davon gab es im Moment eine Menge. Ich fragte mich, wie es meiner Familie wohl gerade ging. Dachten sie an mich? Wahrscheinlich.

Es dauerte nicht lange und ich fiel in einen unruhigen Schlaf.


Ich öffnete die Augen und brauchte eine Weile, um zu realisieren, dass ich mich noch immer in dem Zug befand, der mich ins Kapitol bringen würde. Langsam setzte ich mich auf. Ich hatte definitiv einen Alptraum gehabt, denn die Angst steckte mir noch in den Knochen, aber ich konnte mich schon jetzt nur noch an ein paar Brocken erinnern und wusste, dass ich ihn in ein paar Minuten ganz vergessen haben würde. Ich stand langsam auf und ging ins Badezimmer, um mich noch einmal frisch zu machen und setzte mich danach auf einen gut gepolsterten Sessel direkt am Fenster, um die Landschaft zu betrachten, die an mir vorbeiraste. Es würde nicht mehr lange dauern, bis wir das Kapitol erreichten.

Ich weiß nicht, wie lange ich einfach nur so herumsaß und aus dem Fenster schaute, aber irgendwann hörte ich Schritte vor meiner Tür und gedämpfte Stimmen, die mit der Zeit immer lauter wurden. Ich drehte mich zu den Geräuschen um, da die Aussicht ohnehin nicht mehr wirklich interessant war, seit wir in einen scheinbar endlos langen, dunklen Tunnel gefahren waren. Dann klopfte es laut an der Tür. "Ja?", rief ich und sah wie kurz darauf jemand versuchte, meine Tür zu öffnen. Achja, richtig, ich hatte die Tür ja wieder abgeschlossen. Ich sprang auf, ging mit schnellen Schritten auf sie zu, um sie schließlich selbst zu öffnen und blickte Enobaria ins Gesicht, die mich mit ihren spitzen goldenen Zähnen angrinste und schließlich krächzte: "Wir sind gleich da, komm mit." Mit diesen Worten drehte sie sich um und lief voran, woraufhin ich ihr wortlos folgte. Als ich im Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm und mich daraufhin umdrehte, sah ich Brutus und Cato, die sich uns nun anschlossen. Ich ignorierte sie beide.

Ich ging wieder zum nächstgelegenen Fenster und war überrascht über den Anblick, der sich mir nun bot. Die schönen Landschaften, die ich vor einigen Minuten noch gesehen hatte und die von Zeit zu Zeit durch dunkle Tunnel unterbrochen wurden, waren verschwunden. Stattdessen erstreckte sich vor mir nun eine gigantische, futuristische Stadt. Ich hatte das Kapitol zwar schon einige Male im Fernsehen und auf Bildern gesehen, aber es war nochmal etwas ganz anderes, sie mit eigenen Augen zu sehen. Je näher wir kamen, desto riesiger wirkte sie, bis ich schließlich nicht mehr wusste, wo ich zuerst hinsehen sollte. Als der Zug letztendlich den Bahnhof erreichte und langsam zum Stehen kam, sah ich die Menschenmassen. Sie jubelten und schrien. Ich wusste nicht recht, wie ich mich verhalten sollte und starrte sie zunächst nur an. Als mich die ersten durch das Fenster entdeckten und mir zuwinkten oder die Hände nach mir ausstreckten, hob ich langsam den Arm und begann zurückzuwinken. Ich wusste, wie die Hungerspiele funktionierten. Es war wichtig, dass mich die Menschen hier im Kapitol mochten, wie auch immer ich das anstellen würde. Also zwang ich ein Lächeln auf meine Lippen. Wer weiß, vielleicht gab es unter den Menschen hier schon die ersten Sponsoren, die mir später das Leben retten könnten. Ich wandte den Blick kurz vom Fenster ab und mir sprang sofort Cato ins Auge, welcher an einem anderen Fenster stand und und den Leuten mit einem Grinsen auf den Lippen zuzwinkerte. Er konnte das viel besser als ich. Wenn ich mich nicht etwas mehr anstrengte, würde er schon jetzt alle Sponsoren auf seine Seite ziehen und wenn das passierte, war ich aufgeschmissen.

Kurz bevor wir schließlich den Zug verließen, nahm ich mir vor, mir mehr Mühe zu geben und sobald sich die Tür öffnete begann ich die Leute anzulächeln winkte ihnen etwas enthusiastischer zu. Es passte absolut nicht zu mir und ich fühlte mich nicht wohl in meiner Haut. Plötzlich ekelte ich mich nicht mehr nur vor den Menschenmassen um mich herum, sondern auch vor mir selbst. Aber das mussten sie ja nicht wissen.

Es war merkwürdig. Um mich herum standen diese vielen Menschen, die alle in bunten, grellen Kostümen steckten, auf mich wirkten wie eine fremde Spezies und meinen Namen schrien, als wäre ich eine Art Star, den sie vergötterten. Letztendlich waren sie alle meine Feinde, denn sie mochten mich momentan bejubeln, doch im Grunde waren sie nur begierig darauf, mich in der Arena möglichst spektakulär sterben zu sehen. Und nun musste ich mich meinen Feinden gegenüber verhalten, als würde ich sie lieben, weil es unter ihnen ja vielleicht jemanden geben könnte, auf den ich später angewiesen war. Was für eine kranke Welt.


Nicht lange nach unserer Ankunft wurde ich in einen Raum geführt, in dem bereits ein kleines Team von auffällig bunten Menschen auf mich wartete. Falls es denn Menschen waren. "Ah! Komm her meine Liebe!", rief einer von ihnen, sobald sich die Tür hinter mir schloss und ich ihnen somit ausgeliefert war. Der Mann hatte neongrünes Haar und trug eine merkwürdige komplizierte Frisur, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Ich fragte mich, ob es seine echten Haare waren. Er kam auf mich zugestürmt und packte mich am Arm, wobei ich seine langen Fingernägel sah, welche mit aufwendigen Mustern bemalt waren und mir fast schon Angst einjagten. Sein Gesicht war mit einer Schicht Make-up bedeckt und er trug knallgrünen Lidschatten, welcher auf seine Haarfarbe abgestimmt war. Er sah noch recht jung aus, aber hier im Kapitol musste das nicht heißen, dass er es auch wirklich war. Er grinste mich mit seinen perfekten Zähnen an und zog mich in die Mitte des Raumes zu den anderen, wo sie mich begutachteten. Ich fühlte mich unwohl, als ich so von ihnen angestarrt wurde und wusste nicht recht, was ich sagen sollte, also hielt ich den Mund. Nachdem er an mir herumgezupft und mich von oben bis unten betrachtet hatte, drehte er sich zu den anderen um. "Das volle Programm!", erklärte er den bunten Kreaturen, welche nun in verschiedene Richtungen sausten und sich auf die kommende Prozedur vorbereiteten. "Also gut, zieh dich schon mal aus, wir fangen gleich an", sagte er und huschte davon. Ich starrte ihm bloß mit großen Augen hinterher. Ausziehen? Vor all den fremden Leuten hier? Das konnte er doch nicht ernst meinen. Kurz darauf drehte er sich noch einmal zu mir um. "Na los!", rief er ungeduldig und verdrehte die Augen.

Als wäre es völlig normal, sich vor fremden Leuten auszuziehen. Vielleicht war es das hier sogar, aber ich war noch nie besonders freizügig. Dennoch folgte ich seinen Anweisungen und begann zögerlich aus meinen Klamotten zu schlüpfen. Super, jetzt fühlte ich mich noch unwohler.

Dann wurde ich auch schon von einer Frau mit hüftlangen roten Haaren und extrem langen pinken Wimpern zu einer Art Liegestuhl gezerrt. "Leg dich hin und entspann dich", sagte sie und bei der unerwartet tiefen Stimme zuckte ich vor Schreck kurz zusammen. Das war keine Frau, sondern ein Mann und bei der Erkenntnis musste ich mir ein Lachen verkneifen. Fanden die Leute hier im Kapitol soetwas wirklich attraktiv?

Ich folgte seiner Aufforderung und legte mich hin. "Wenn wir mit dir fertig sind, wirst du dich nicht wiedererkennen!", erklärte er voller Vorfreude – ich konnte seine Euphorie nicht ganz teilen. Kurz darauf begann er auch schon, Streifen mit heißem Wachs auf meinem Körper zu verteilen, glattzustreichen und dann abrupt wieder herunterzureißen. Das war definitiv schmerzhaft und nach jedem weiteren Wachsstreifen war ich mir sicher, dass er dieses Mal auch einen Teil meiner Haut erwischt hatte, um dann festzustellen, dass dies glücklicherweise nicht der Fall war. "Wir sind schon fast fertig", versicherte er mir und ich biss die Zähne zusammen.

Als er schließlich alle Haare von meinem Körper entfernt hatte, brannte meine Haut. Doch ich hatte kaum Zeit durchzuatmen, denn schon kamen die anderen zu mir und begannen hektisch, alle auf einmal, meine gereizte Haut mit einer Art Salbe zu bedecken, die angenehm kühlend war, mir gleichzeitig die Nägel zu pfeilen und die Haare zu kämmen. Ich war froh als sie mich nach einigen weiteren Prozeduren endlich in Ruhe ließen und nacheinander den Raum verließen. Ich genoss die plötzliche Stille.

Einige Sekunden später öffnete sich die Tür wieder und herein trat eine Frau, zumindest glaubte ich das. Sie lächelte mich an, während sie auf mich zukam.

"Alissa, richtig?", fragte sie mich, noch bevor sie vor mir stehen blieb.

"Ja", antwortete ich ihr bloß und musste vor Erleichterung auch lächeln – Erleichterung darüber, dass sie freundlich und nicht ganz so extrem wirkte wie die anderen Stylisten und darüber, dass sie tatsächlich eine Frau war. Zwar sah auch sie, im Vergleich zu den Menschen aus Distrikt 2, noch ziemlich verrückt aus mit ihren schulterlangen türkisen Haaren und der extravaganten Kleidung, aber es wirkte dennoch alles dezenter, als bei den anderen Leuten, die ich hier bisher gesehen hatte. Vielleicht lag es daran, dass sie weniger Make-up im Gesicht trug oder daran, dass ihre Fingernägel und Wimpern nicht aussahen wie abstrakte Kunstobjekte.

"Sehr schön, ich bin Narzissa, deine Stylistin", sagte sie und zwinkerte mir dabei zu, "wie ich sehe, haben die anderen gute Arbeit geleistet, du siehst fabelhaft aus." Ich musste wieder lächeln, diesmal über ihr Kompliment.

"Danke", sagte ich und sie grinste mich an.

"Also, dann lass mich dich mal ansehen", sagte sie und gab mir mit einer Handbewegung zu verstehen, dass ich aufstehen sollte. Ich tat es und nachdem sie mich eine Weile gemustert hatte, kehrte das Lächeln wieder auf ihr Gesicht zurück. "Das sollte funktionieren!", erklärte sie und klang dabei sehr optimistisch.

"Was?", fragte ich, sichtlich verwirrt.

"Opolus und ich – Opolus ist der Stylist, der sich um deinen Distriktpartner kümmert – haben uns schon vor einigen Tagen ein Outfit für euch beide überlegt. Wir wussten zwar noch nicht, wie ihr tatsächlich aussehen würdet, haben aber trotzdem schon mal an den Kostümen gearbeitet und wenn ich dich richtig einschätze, dürfte es dir sogar passen."

"Kann ich es sehen?", fragte ich sie. Nun hatte sie es geschafft, mich neugierig zu machen.

"Oh nein!", lachte sie, "das wird eine Überraschung, meine Liebe!"

Nachdem sie meine Maße genommen hatte, sah sie recht zufrieden aus.

"Also gut, ein paar kleine Veränderungen sind wohl doch noch nötig, aber das wird nicht viel Arbeit sein.", sagte sie und sah plötzlich sehr amüsiert aus,

"Ha! Gut, dass Opolus sich um den Jungen kümmert. Die Eröffnungsfeier beginnt schon in ein paar Stunden und ich wette, er muss das Kostüm nochmal komplett überarbeiten."

Sie lachte kurz auf und ich konnte mir denken, was sie meinte. Cato war nicht gerade zierlich und wenn dieser Opolus sich beim Zuschneiden des Kostüms nur an den vorherigen Tributen aus Distrikt 2 orientiert hatte, hatte er tatsächlich noch viel Arbeit vor sich.

"Setz dich auf den Stuhl dadrüben und mach es dir bequem," trällerte Narzissa und es erstaunte mich, wie gut gelaunt sie offenbar war. Sie schien sich wirklich hierauf zu freuen.

Doch sobald sie damit begann, meine Haare zu frisieren und mich zu schminken, sah sie plötzlich sehr konzentriert aus und sagte kein Wort mehr. Ich kannte sie erst etwa eine halbe Stunde und empfand es jetzt schon als ungewöhnlich. Aber ich würde mich nicht beschweren, die Stille gefiel mir. Ich war momentan sowie nicht wirklich in der Stimmung, um mich mit anderen Menschen zu unterhalten. Obwohl ich zugeben musste, dass ich sie mochte, auch wenn sie, bei allem, was sie sagte, für meinen Geschmack etwas zu euphorisch war.

Es dauerte drei Stunden, bis ich schließlich fertig war und Narzissa ihr "Meisterwerk", wie sie es nannte, im Spiegel betrachtete, während sie hinter mir stand.

"Wow.. es ist wunderschön", sagte ich und konnte die Augen nicht von meinem Spiegelbild abwenden. Zwar hatte ich auch zu Hause ab und zu Make-up benutzt, um meine Wimpern oder Lippen zu betonen, aber das war etwas völlig anderes.

Ich trug goldenen Lidschatten, der fast metallisch wirkte und dazu schwarzen Eyliner und lange schwarze, künstliche Wimpern, die glücherweise nicht so schlimm aussahen, wie die meiner vorherigen Stylisten. Meine Haut sah plötzlich völlig makellos aus und meine Wangenknochen schimmerten golden. Das Make-up passte perfekt zu meinen dunkelblonden Haaren, welche nun seidig glänzten und aufwendig zurückgebunden waren.

"Du bist wunderschön, meine Liebe!", sagte sie und grinste mich dabei an, offenbar zufrieden mit ihrer Arbeit.

"Danke, ehrlich, vielen Dank", entgegnete ich ihr und war noch immer fasziniert von meinem Spiegelbild, das mir einerseits so vertraut und andererseits völlig fremd vorkam.

Einige Minuten später trug ich bereits mein Kostüm für die Parade, die schon bald beginnen würde und in der ich das erste Mal die Chance haben würde, potenzielle Sponsoren wirklich auf mich aufmerksam zu machen. Narzissa musste mir beim Anziehen helfen, weil sie darauf bestand, dass ich meinen Blick immer auf die Wand gerichtet hielt, "um die Überraschung nicht zu versauen", wie sie sagte. Als es nun endlich vollbracht war und ich mich schließlich umdrehen durfte, blickte ich gespannt in den Spiegel.

Mein Outfit gefiel mir. Es bestand aus einem goldenen metallischen Material, das perfekt zu meinem Make-up passte und mich stark an Gladiatoren erinnerte. Um den Kopf trug ich eine Art goldenen Ring, an dem links und rechts jeweils ein ebenfalls goldener Flügel befestigt war. Ich sah gut darin aus und das erleichterte mich. Nach all den merkwürdig gekleideten Menschen, die hier herumliefen, hatte ich mir ernsthaft sorgen um mein Kostüm gemacht. Aber letztlich sollte ich Distrikt 2 repräsentieren und unser Distrikt sah nie lächerlich aus, zumindest konnte ich mich an kein Jahr erinnern, in dem das der Fall gewesen war. Viele andere Distrikte, vor allem die ärmeren, hatten nicht so ein Glück und ich fragte mich, wie die Kostüme der anderen Tribute wohl dieses Jahr aussahen.

Als Narzissa und ich wenig später im Erdgeschoss ankamen, sollte ich es erfahren. Hier warteten bereits einige Tribute mit ihren Stylisten und Mentoren. Als ich meinen Blick durch den Raum wandern ließ, gab es niemanden, der mir besonders auffiel. Sie steckten alle in typischen bunten Kostümen – es gab keinen Distrikt, der besonders lächerlich aussah, aber auch keinen, der außergewöhnlich tolle Kostüme bekommen hatte. Das war etwas Gutes, schätzte ich. Ich sah wie kurz nach uns Cato mit seinem Stylisten, Opolus, zu uns kam. Er trug im Grunde das selbe wie ich, mit dem Unterschied, dass er darin irgendwie bedrohlicher aussah. Das Gladiatoren-Outfit passte zu ihm wie die Faust auf's Auge. Es betonte seinen muskulösen Körper und bewirkte, dass er noch größer und stärker aussah, als er es sowieso schon tat. Letztendlich wurde er mit dem Kostüm als genau das dargestellt, was er war – als Gladiator, als trainierter Killer. Ich war mir sicher, dass er damit den ein oder anderen Tribut einschüchtern und die Leute aus dem Kapitol beeindrucken konnte.

Als ich sein eingebildetes Grinsen sah, wusste ich, dass ich ihn etwas zu lang angestarrt hatte und verfluchte mich dafür. Vermutlich dachte er jetzt, ich würde ihn anschmachten. Genervt wendete ich den Blick von ihm ab.

"Nettes Outfit. Steht dir", hörte ich ihn sagen und ich konnte das Grinsen noch immer in seiner Stimme hören.

"Ich weiß", erwiderte ich trocken, ohne in seine Richtung zu sehen. Ich hatte keine große Lust mit ihm zu reden und fragte mich, warum er sich nach unserer letzten Begegnung plötzlich dazu entschieden hatte, mir ein Kompliment zu machen. Erwartete er, dass ich das Kompliment an ihn zurückgab?

Ein paar Meter weiter sah ich schließlich Brutus und Enobaria, die sich schließlich zu uns stellten und uns begutachteten.

"Sehr schön, ihr seht gut aus", sagte Enobaria und Brutus nickte zustimmend.

"Eure Kostüme passen gut zu dem Image, dass wir uns für euch überlegt haben", fuhr Brutus fort und sah Cato an, "Cato, du wirst die anderen Tribute einschüchtern und den Leuten da draußen zeigen, dass du skrupellos und tödlich bist. Sie werden es lieben, glaub mir." Cato nickte kurz und ich wusste, dass er mit seinem Image kein Problem haben würde. Wahrscheinlich musste er sich dafür nicht einmal verstellen. Dann wandte sich Brutus an mich: "Und du, Kleine, du spielst die Unnahbare – stark und geheimnisvoll. Sieh möglichst kalt und emotionslos aus. Ab und zu ein Lächeln ist in Ordnung, aber übertreib's nicht. Es wäre von Vorteil für dich, wenn du die Leute glauben lässt, du wärest gefährlich."

Ich hörte Cato neben mir verächtlich schnauben und sah ihn daraufhin wütend an. Seine Augen funkelten amüsiert und natürlich grinste er hämisch. Er machte sich über mich lustig. Für einen Moment spürte ich, wie Wut in mir aufkeimte, aber ich unterdrückte das Gefühl und konzentrierte mich stattdessen auf unsere Mentoren.

"Okay, das krieg ich hin", erklärte ich Brutus, welcher mir kurz zunickte. Möglichst emotionslos, nur ab und zu ein Lächeln – das sollte ich schaffen. Es war definitiv besser, als den Leuten da draußen permanent Küsschen zuwerfen zu müssen. Ich sah kurz zu unseren Stylisten, die nun in ein Gespräch vertieft waren und ich hörte, wie sich Opolus über die viele Arbeit beschwerte, die er mit seinem diesjährigen Tribut hatte und wie wenig dieser sie zu schätzen wusste.

Dann sah ich, wie zwei weitere Tribute das Erdgeschoss betraten, in dem wir alle warteten. Ich konnte mich an das Mädchen erinnern – sie war diejenige, die sich freiwillig gemeldet hatte, um ihre Schwester vor den Hungerspielen zu retten. Es waren die Tribute aus Distrikt 12. Sie trugen simple schwarze Ganzkörperanzüge. Es war nichts besonderes, aber zumindest würden sie sich nicht während der Erföffnungsfeier blamieren müssen, wie so viele vor ihnen. Ich konnte mich noch an ein Jahr erinnern, in dem sich die Tribute aus ihrem Distrikt völlig nackt, nur mit schwarzen Puder oder etwas Ähnlichem bedeckt, vor ganz Panem präsentieren mussten. Sie taten mir unheimlich Leid.

Schließlich war es soweit und wir befanden uns in unserem Wagen, vor den zwei pechschwarze Pferde gespannt waren, welche, passend zu unseren Kostümen, mit goldenen Accessoirs ausgestattet waren. Ich versuchte dabei möglichst viel Abstand zu meinem Distriktpartner zu wahren, aber er nahm so viel Platz ein, dass es fast unmöglich war. Ich hörte bereits, wie die Musik laut ertönte und Menschen anfingen zu jubeln. Dann wurden die riesigen, schweren Türen geöffnet, ich sah zum ersten Mal die kreischenden Menschenmassen, die auf uns warteten und mir wurde bewusst, dass die Spiele schon jetzt begonnen hatten.