Kapitel 2: Erwartungsvolle Augen
Der ganze Abend schien zu verschwimmen: die stille Mahlzeit, die zaghaften Fragen seiner Mutter – seine Freunde, seine ZAG –, die schlaflose Nacht in seinem gemütlichen Zimmer. Blendende Lichter, ruhelose Schatten, endlose Zweifel, alles vage, sich an der Ecke seines Geistes bewegend. Zeitlose Augenblicke.
Am Morgen fühlte er sich seltsam wach. Die Sonne schien durch das Fenster; sie erhellte das Zimmer, ohne seine Augen wehzutun. Heute gab es keine Schatten mehr; sein Blick war ausgeruht, scharf, eifrig. Und er wusste genau, was er tun wollte.
Draco wusch sich und zog sich schnell an, bevor er das Zimmer verließ. Er wusste, dass es sehr früh war, doch war es ihm gleich. Er konnte keinesfalls warten.
Sobald er im Flur stand, erkannte er, dass er nicht genau wusste, wo sie zu finden war. Das machte nichts. Er ging in gerader Linie zum ersten Gästezimmer, und klopfte an der Tür.
»Herein!« hörte er.
Er gehorchte.
Als er das Zimmer flüchtig ansah, dachte er daran, dass er noch nie hinein gegangen war. Er hatte nie seine Freunde zu sich nach Hause eingeladen. Er wollte keine Marionetten hier haben, unter dem ironischen Blick seines Vaters. Und Pansy… er hätte ja um ihre Anwesenheit bitten können. Er hatte es nicht getan. Nein, er hatte sogar nie dieses Zimmer gesehen. Wahrscheinlich war es hell, doch waren die Vorhänge gezogen, und das Zimmer war daher vollen Schatten. Er konnte niemanden sehen.
Eine Tür öffnete und schloß sich schnell, und er machte einen Schrecksprung. Sie war da, die einzige, die er sehen wollen hatte. Jäh fragte er sich warum. Er hätte in seinem Zimmer bleiben sollen.
»Draco«, flüsterte sie. Es war keine Begrüßung, sondern eine Bestätigung. Sie starrte ihn ernst an, und ihre Augen funkelten wie Onyx unter ihren schweren Lider.
»Du siehst genau wie dein Vater aus. Ich gebe zu, ich bin ein bisschen enttäuscht.«
Das brachte ihn aus der Fassung. Er öffnete seine Augen weit.
»Was?« platzte er gedankenlos heraus. Er bedauerte es plötzlich. Für was für ein dummes, unhöfliches Kind würde sie ihn halten?
Ein halbes Lächeln hob die Ecke ihrer dünnen Lippen. »I hatte gehofft, du würdest kein Mini-Lucius sein«, stellte sie klar, »doch fällt es mir schwer, ein bisschen von Narcissa an deinem Gesicht zu finden. Es gibt ja etwas… irgendwie… etwas an der Kurve deiner Brauen, an deiner Stirn… vielleicht auch deinem Kiefer…« Sie machte eine Pause. »Ich würde mehr Zeit brauchen, anzusehen…«
Er war ratlos. Natürlich merkte sie es: er starrte sie mit offenem Mund an, und er konnte offensichtlich nicht genug Gehirnzellen sammeln, diese peinliche Stellung zu beenden. Nach ein paar Sekunden erschütterter Sprachlosigkeit erinnerte er sich, wie er seine Zunge benutzen konnte. »Na ja, du siehst nicht wie sie aus«, murmelte er. Wie zum Teufel konnte ein Rauschen so heiser klingen?
»Falsch«, entgegnete sie, während sie ihm ein kurzes Lächeln zuwarf. »Aufmerksamkeit, die brauchst du… Doch ist es ein Verhalten, das gelernt werden soll, kann gar nicht einfach vorkommen… Wie dem auch sei… Wenngleich wir zuerst ganz anders aussehen, ich und deine Mutter, die wunderschöne blonde Puppe gegen die sicher wildere Schwarzhaarige, bedeutet das nicht, dass wir auffallende Gegenteile sein müssen. Ich muss zugeben, dass es an bestimmten Punkte dazu trifft… Aber wir haben irgendwie die gleichen Gesichtszüge. Wenn man die Farben überwindet… «
Es stimmte. In der Tat hatten sie etwas gemeinsam – die schmale Stirn, die spitzen Brauen, die schlanken Züge, den Kiefer… Doch sahen Bellatrix' Gesichtszüge schärfer, härter, hagerer aus. Sie hat noch eine Art barocke, wild Schönheit, die aus einer Aura, einem Charisma stammte. Draco wendte seine Augen schnell ab.
»Nach was suchst du?« fragte sie. Ihre Stimme was auch anders als die seiner Mutter. Narcissas war kurz, klar, eine Mischung der Verachtung und des Feingefühls äußernd. Bellatrix' war niedrig, fast flüsternd, doch klang sie ganz hoch. Sie war auch kurz. Sie war eine Stimme, die Liebesworte murmeln konnte, schreien aber auch, und die wahrscheinlich leicht spitz wurde.
Als sie sich räusperte und ihre Brauen hob, erkannte er die feinen, subtilen Manieren seiner Mutter. Doch hatte sie etwas mehr: eine Spur von Seltsamkeit, eine scharfe Schneide unter der Ruhe, die sie seit seinem Eintreten bewiesen hatte. Etwas bizarr, ungezähmt, nicht ganz entfesselt, doch beinahe. Jeder war geistig gesund, den er bisher kennengelernt hatte. In der schnellen, nachdenklichen Sprache seiner Tante, von der jedes Wort schien, einen anderen Sinn unter seiner scharfen, präzisen Bedeutung zu verstecken, in ihren glühenden Augen und ihrem hageren Gesicht, spürte er etwas, das ihn erschreckte und trotzdem anzog.
»Entschuldigung«, sagte er leicht, »ich träumte.« Er sollte sich besser im Griff haben. Er setzte sowieso fort, indem er versuchte, seinen Geist auf konventionellere Themen als verdeckte Ähnlichkeit umzustellen. »Ich war überrascht, dich gestern zum Abendessen nicht zu sehen.«
Sie runzelte die Stirn. »Ich dachte, dass du besser dabei allein wärst – offenkundig mit deiner Mutter.« Es klang genau, als ob seine Frage nicht in Ordnung wäre. »Außerdem bin ich keine Person für lange Sitz-Essen«, fügte sie hinzu.
Er fühlte sich dumm, weil er sie nicht verstand. Keine Person für lange Sitz-Essen, na klar – wie aß sie denn? Er wagte nicht, um mehr Detail zu bitten. Ihr ironisches Grinsen brachte ihn in Verlegenheit.
»Nach was suchtest du, vor ein paar Minuten?« fragte sie ungezwungen.
In seinem Haus gab es überall Spiegel. Sehe ich etwas wie sie aus?
Es machte nichts. Er wusste, dass er einen Spiegel finden wurde, sobald er wieder allein war, und die Überlegung beunruhigte ihn ein wenig. »Ich habe nur das Zimmer angesehen«, log er glatt.
Sie lächelte wissend.
