Kapitel 1
„Hey.", Sirius ließ sich wie immer neben sie fallen, küsste sie auf die Wange und wartete, bis sie seinen Gruß erwiderte, aber dieses Mal schnaubte Lily nur.
„Wenn er etwas zu sagen hat, dann soll er nach Hause kommen und es mir ins Gesicht sagen!", knurrte sie, sodass Sirius seufzte. „Oh – nein, warte-", unterbrach sie ihn, als er Luft holte. „Er weiß wahrscheinlich gar nicht, wo unser neues Zuhause ist, beziehungsweise meines, da er ja eh nie da ist. Vermutlich wird er es auch erst in ein paar Jahren mal sehen.", sagte sie schnippisch.
„Das ist nicht wahr, Lily.", verteidigte Sirius seinen besten Freund.
„Doch, das ist wahr.", knurrte sie.
„Er war die ganze Nacht dort und hat alle möglichen Schutzzauber ausgesprochen, um dich bloß in Sicherheit zu wissen, okay, er hat das Haus gesehen und er findet, dass es eine Verbesserung zu eurer kleinen Wohnung ist.", erklärte er.
„Ja, eine Verbesserung zu der kleinen Wohnung in der alle meine schönsten Erinnerungen hängen, die eh alle nur noch Vergangenheit sind!", schnaubte sie aufgebracht. „Neue vier Wände, in denen ich abends einsam und verlassen vor dem Kamin sitzen und grübeln kann, ob mein Ehemann nach Hause kommt oder nicht und warum nicht, wenn nicht.", ehe er etwas sagen konnte schnaubte sie schon bitter. „Nun, die Überreste meines Ehemanns.", sagte sie abfällig.
„Euer Streit hat ihn mächtig beschäftigt.", warf er jetzt ein. Sie stocherte etwas eindringlicher in ihren Kartoffeln herum, sodass er letztendlich nach ihrer Gabel griff. „Lily, sieh mich doch mal an.", bat er sie.
„Wenn er etwas zu sagen hat, dann wird er sich wohl oder übel ein oder zwei Minuten nehmen müssen, um in dieses Haus zu kommen und es mir direkt zu sagen, ich nehme keine Nachrichten mehr von ihm entgegen, nicht von dir, nicht von Remus oder wen er sonst noch schicken könnte.", er stöhnte ein bisschen.
„Er meint es doch nur gut mit dir, er hat einfach Angst um dich!", versuchte er sie zu beruhigen.
„Angst.", schnaubte sie abfällig. „Er ist völlig unfähig dazu, irgendetwas zu fühlen."
„Er liebt dich und er hat Angst um dich, wenn du daran zweifelst, dann tust du ihm Unrecht!", erwiderte er nun eher verärgert, weil sie so stur war.
„Wenn er solche Angst um mich hat, wieso haut er dann immer ab? Müsste er dann nicht psychopathisch klammern, ständig um mich herum schwirren und mich beobachten? Denn das Alternativprogramm, seine ständige Abwesenheit, wird mit der Zeit langweilig!", knurrte sie.
„Lily, du bist unfair zu ihm, er tut das doch nicht, um dir weh zu tun!", maulte er zurück. „Komm schon, du wusstest doch, was er ist. Du hast doch gewusst, dass er Auror werden will und ihr habt gemeinsam beschlossen, dass er diesem Kommando beitritt, weil er wirklich dazu in der Lage ist, diesen Voldemort-Spinner zu erledigen!", darauf verdrehte sie nur ihre Augen.
„Niemand hat je dazu gesagt, dass ich nach drei Monaten solch ein Wrack zum Ehemann habe! Die haben doch Tests mit ihm gemacht, wieso ist niemandem aufgefallen, dass er das nicht erträgt?", fragte sie ihn wütend. „Er macht mir Angst, Sirius!", sagte sie danach ganz deutlich, woraufhin er seufzte.
„Ich weiß, aber es hilft ihm sicher nicht, wenn du nachts auf ihn wartest um zu streiten!", warf er ihr vor.
„Ich habe nicht gewartet um zu streiten, ich bin wach geworden, weil er im Badezimmer Krach gemacht hat und wir haben nur gestritten, weil er mir einfach so mir nichts dir nichts eröffnet hat, dass ich heute Abend an einen mir völlig unbekannten Ort 'nach Hause' gehen soll!", sie schob ihr Tablett von sich.
„Aber-"
„Mir ist egal, ob er es nur gut mit mir meint, Sirius, ich hatte nicht einmal Zeit, mich an den Gedanken zu gewöhnen!", stöhnte sie entsetzt. „Es ist einfach so vorbei, ich gehe nie wieder in die Wohnung, in der er mir den Antrag gemacht hat und in der ich das erste Mal Sex gehabt habe und in der er mir Abends auf dem Klavier vorgespielt hat, damit ich mich 'besonders' fühle!", sein Gesicht lief ein bisschen rot an, als sie ihm diese intimen Details ihres Ehelebens erzählte, nicht, weil er sich schämte sondern offensichtlich, weil er sie bemitleidete.
„Entschuldigung, ist hier noch frei?", wurden sie unterbrochen. Beide sahen auf, in ein hübsches Gesicht. Nun, sie fand den Heiler hübsch, der sich zu ihnen setzte, nachdem sie genickt hatte.
„Sicher.", machte sie, ohne auf Sirius' offensichtlichen Widerstreben einzugehen. „Sie retten mich vor einer unangenehmen Diskussion, die ich in erster Linie eh nie führen wollte.", der fremde Heiler lachte, weil er ihre Worte offensichtlich als Scherz missverstand.
„Stets zu Diensten, mein Name ist Alan McCarthy.", sie lächelte leicht. „Ich bin neu."
„Mein Name ist Lily Evans, das ist Sirius Black.", stellte sie sich vor. Sirius schnaubte.
„Evans?", fragte er. Sie drehte sich zu ihm um.
„Ich wurde dazu angehalten, 'Evans' zu sagen, von demselben Typ, der meinen Umzug organisiert hat.", giftete sie ihn an. Sirius warf ein Stirnrunzeln zu dem fremden Mann und verschränkte seine Arme, blieb aber sitzen. „Seit wann arbeiten Sie hier, Alan?", fragte sie ihn nun lächelnd.
„Uh – nun, das ist meine erste Woche. Ich habe gerade in der Geschlossenen angefangen.", erklärte er.
„Aha.", machte Sirius nur desinteressiert. „Ich will nicht unhöflich sein, Alan, aber wir sind hier gerade ihr einer Unterhaltung, die ich nicht einfach abbrechen möchte.", maulte er dann.
„Sirius, die Unterhaltung ist beendet! Ich nehme keine Nachrichten entgegen, er soll kommen und selber den Mund auf machen, wenn er etwas los werden möchte und jetzt 'hau ab'!", fuhr sie ihn an. James wäre diesen Ton vielleicht noch von Hogwarts gewöhnt gewesen, aber Sirius gegenüber hatte sie ihn noch nie angeschlagen und er sah sie erschrocken und bestürzt an.
Schließlich räusperte er sich beherzt. „Also schön.", seufzte er, dabei griff er nach seinem Tablett und stand auf. „Dann eben nicht.", sie verschränkte ihre Arme, während sie sich stöhnend zurück lehnte, sah ihm hinterher, hielt ihn aber nicht auf.
„Uh – wow.", machte Alan. „Worum ging das denn?", sie seufzte.
„Um einen Freund der gerade Ärger macht.", er zog seine Augenbrauen interessiert herauf. „Reizt es Sie, eine These aufzustellen?", fragte sie ihn unsicher.
„Sehr sogar.", gab er zurück. „Was sind die Symptome?"
„Schlaflosigkeit. Gereiztheit. Und – uhm... so blöd das klingt, er duscht zu heiß.", da horchte er auf und runzelte seine Stirn ein wenig unverständig. „Was sagen Sie?"
„Er duscht zu heiß?", sie nickte. „Okay... Was ist sein Beruf?", da seufzte sie augenblicklich.
„Irrelevant.", gab sie etwas abweisender zurück, als sie geplant hatte.
„Klingt umso relevanter.", schoss er zurück.
„Es tut nichts zur Sache, was er macht!", fauchte sie nun auch ihn an. Er zuckte ein wenig zusammen. „Es – es tut mir Leid, ich möchte glaube ich nicht mit Ihnen darüber sprechen.", schnaubte sie aufgebracht, dabei wollte sie bereits aufstehen, aber er griff an ihr Handgelenk.
„Nicht doch, es tut mir Leid!", entschuldigte er sich. „Bitte gehen Sie nicht, wir können über etwas anderes reden!", unsicher warf sie ihm einen Blick zu, ließ sich aber schließlich wieder neben ihn sinken. „Danke, ich – wirklich, ich muss mich entschuldigen, es geht mich nichts an.", sie nickte nur noch schweigend. „Also – uhm... Schlaflosigkeit und Gereiztheit bedeutet, dass er unter großem Stress steht. Das mit dem Duschen – uh – das klingt nicht so gut.", das fand sie auch.
Gegen ihren Willen stiegen Tränen in ihre Augen. „Ich mache mir einfach Sorgen um ihn.", flüsterte sie verlegen, als er ihr einen mitleidigen Blick zuwarf.
„Wir reden von Ihrem-", sie unterbrach ihn hastig.
„Mein bester Freund.", log sie. Richtig gelogen war das nicht. Er war ihr bester Freund gewesen, ehe er in dieses Geheim-Kommando eingetreten und durchgedreht war. Sie vermisste ihn einfach so sehr. Vermisste es, mit ihm in der Badewanne zu liegen und Pläne zu schmieden wo sie hin wollten und was sie alles machen wollten. Mit ihm zu tanzen. Sie hatten so oft getanzt, als sie gerade geheiratet hatten. Sie vermisste es, mit ihm am Frühstückstisch über der ersten Tasse Kaffee zu sitzen und zu turteln, mit ihrem Fuß über seine Wade zu streicheln, weil sie wusste, dass er das mochte.
Sie hatte ihm immer alles erzählt, alles! Einfach alles, nichts war zu peinlich oder zu abgedreht gewesen, sie hatte ihm alles anvertrauen können, weil sie wusste, dass er sie bedingungslos liebte. Dass er sie 'abartig' liebte. „Also... Also ich denke, er sollte jemanden sehen und darüber sprechen, was ihn beschäftigt.", erklärte Alan schließlich nachdenklich.
„Wird er nicht.", gab sie enttäuscht zurück.
„Bieten Sie es ihm doch an.", sie fühlte, wie ihre Schultern herab sanken.
„Ich – uhm... Er hat es mir eine Weile erzählt.", flüsterte sie beschämt. „Und ich konnte es nicht ertragen, da hat er mein Gedächtnis verändert, damit ich es nicht mehr weiß.", er nickte verstehend. Er war gut, wirklich. Nicht einmal Sirius hatte diesen Umstand aus ihr heraus bekommen (obwohl er ihr Prügel angedroht hatte). „Meine Pause ist um, Alan. Man sieht sich.", stöhnte sie letztendlich und stand auf.
Tatsächlich hatte man alles zusammen gepackt und in der neuen Wohnung wieder ausgepackt, die Möbel waren etwa so gestellt worden wie in der alten Wohnung. Trotzdem roch es merkwürdig. Nicht schlecht, aber anders als 'Zuhause' für sie hätte riechen sollen. Stöhnend ließ sie sich auf die Couch fallen.
Vermutlich hätte sie alles getan, um ihren Mann bei sich zu haben. Er war sonst immer für sie da gewesen, aber sie hätte ihn 'jetzt' gebraucht. Sie hatte Angst, alleine in diesem fremden Haus, in einer völlig fremden Gegend wo sie niemanden kannte. Sie hatte Angst, dass er vielleicht nicht wieder kam. Sie hatte Angst, dass er wieder kam. Sie wollte ihren Mann einfach zurück haben! Den ursprünglichen James Potter. Sie hätte sich sogar mit der unfertigen Version aus dem fünften Schuljahr zufrieden gegeben, wenn er doch nur wieder bei ihr gewesen wäre! „Lily?", ertönte es, da sprang sie auf.
Im ersten Moment hatte sie gehofft, es sei James, der heim kam und sie in seine Arme schloss und fest an sich drückte, ehe er sie küsste und ein paar Schritte mit ihr tanzte. Aber sie hatte die Stimme sofort erkannt und sie gehörte nicht James, sondern Sirius. Irgendwie kamen ihr die Tränen, während sie wieder auf die Couch zurück sank, unfähig dazu, zu antworten.
Vielleicht hatte sie gehofft, er würde wieder gehen, aber er erschien in der Tür zum Wohnzimmer. „Hey.", er stockte, als er sie dort einfach nur sitzen sah. „D – du bist schon hier?"
„Ich bin gerade erst gekommen.", flüsterte sie seufzend und ein wenig frustriert, weil sie so plötzlich weinte, da setzte er sich neben sie, um seinen Arm um sie zu legen, was sie jetzt nur zu gerne zuließ. Das war es, was sie gerade unbedingt brauchte.
„Hast du dich ein bisschen abgeregt?", sie nickte, also schlang er auch seinen zweiten Arm um sie und zog sie in eine richtige Umarmung. „Können wir darüber reden?"
„Ich will nicht wieder streiten.", brach es schluchzend aus ihr heraus, dabei zog sie ihre Beine an und lehnte sich näher gegen ihn. „Lass uns einfach nicht darüber reden, okay? Ich – ich will einfach nur vergessen, wo – wo ich bin und was letzte Nacht gewesen ist.", er streichelte sachte über ihre Haare, um sie zu trösten. Sirius kannte sie einfach zu gut, er wusste eben, welche Knöpfe man drücken musste, um sie zu beruhigen. Es dauerte nicht lange, da weinte sie nur noch stumm gegen seine Schulter, während er sie weiterhin ein wenig streichelte. „Was machst du eigentlich hier?", fragte sie mit brüchiger Stimme.
„Ich wollte nicht, dass du her kommst und alleine bist.", gab er peinlich verlegen zu. Sie schniefte, dann löste sie sich von ihm und räusperte sich.
„Wieso? Man gewöhnt sich daran.", gab sie schulterzuckend zurück.
„Aber das hier ist der erste Abend – und – Süße, ich rede mit ihm.", versprach er.
„Nein.", sie schniefte wieder ein bisschen. „Vergiss es einfach, Sirius, ich bin nicht blöd. Nichts und niemand wird ihn dazu bringen, weniger zu arbeiten oder...", sie zuckte mit ihren Schultern. „Vergiss es einfach.", murmelte sie wieder.
„Bist du sicher?", hakte er nach, dabei sah er sich in ihrem neuen Wohnzimmer um. „Ich meine... Alleine in diesem Haus – vielleicht-"
„Nein.", gab sie zurück. „Ich... Ich habe mich daran gewöhnt.", sie stand auf. „Möchtest du etwas essen oder trinken?"
„Uh-", machte er überrascht. „Uh – ja, ich denke schon, aber du musst nicht kochen.", darauf zuckte sie nur mit ihren Schultern. „Du machst mir Angst.", gab er zu.
„Wieso?", fragte sie ihn nur, woraufhin er tief seufzte.
„Du kannst nicht so tun, als wäre alles okay. Das macht mir Angst, verstehst du?", sie zuckte mit ihren Schultern.
„Es ist alles okay. Sirius. Es ist normal, dass ich völlig alleine zu Hause bin und so tun muss, als wäre alles okay. Wirklich, mach dir keinen Kopf.", sie räusperte sich verlegen und fuhr über ihr Gesicht. „Also... Ich koche, okay?"
„Also schön.", er folgte ihr in die Küche, wo sie dann kochte, dabei schwieg sie die ganze Zeit.
Wie immer war es schon weit nach Mitternacht, da hörte sie den Kamin. Sie lag noch wach, so wie immer, wenn sie irgendwo schlafen sollte, wo sie noch nie geschlafen hatte. Unsicher griff sie nach ihrem Zauberstab und kletterte aus dem frisch bezogenen Bett. Das Licht unten wurde angeschaltet und sie hörte merkwürdige Geräusche, etwas, wie ein Ächzen, dann raschelte es eine Weile. Zittrig und mit weichen Knien stieg sie die Treppe herunter und hob den Zauberstab etwas an.
Die Tür zum Wohnzimmer stand offen, aber sie sah nur einen Schatten, also trat sie ein paar Schritte näher. Als sie die Gestalt erblickte, da entwich ihr als allererstes ein schrilles Kreischen. Es war nur James, der ebenfalls erschrocken zusammen zuckte, als er ihren Zauberstab in ihrer Hand sah und einen Laut von sich gab, den sie sofort mit einem zweiten Schrei erwiderte. „Lily, ich bin es nur!", rief er nach seinem zweiten und ihrem dritten Schrei, woraufhin sie tatsächlich verstummte, obwohl sie schwer atmend ihren Zauberstab fallen ließ und sich kurz auf ihren Knien abstützen musste. Tränen schossen in ihre Augen.
„Spinnst du, mich so zu erschrecken?", rief sie als nächstes aufgebracht.
„Was? Ich wollte dich nicht erschrecken, ich bin nur nach Hause gekommen!", verteidigte er sich nicht minder aufgeregt.
„Und du kannst nicht nach oben 'rufen', dass du kein Anhänger dieses irren Spinners bist, der uns umbringen will?", kreischte sie.
„Ich dachte du schläfst und wollte dich nicht wecken!", maulte er. „Oh Merlin, meine Nerven!", er stützte sich ebenfalls auf seinen Knien ab und stöhnte beherzt. Schließlich richtete sie sich auf und sah ihn nur noch an. Er war über und über mit Blut bedeckt, teilweise offensichtlich sein eigenes, da waren mehrere Wunden an seinem Kopf und eine an seinem Hals, sein Umhang, sein Hemd und seine Hosen waren allesamt völlig zerrissen und hingen nur noch in losen Fetzen an ihm herunter, die Haare verklebt, eines seiner Augen war geschwollen.
Kein Wunder, dass sie ihn nicht sofort erkannt hatte. Stöhnend humpelte er auf die Couch zu. „Ein Fleck, James Potter, und du bist in ernsten Schwierigkeiten.", warnte sie ihn, dabei verschränkte sie ihre Arme. Er drehte ab und ließ sich vor dem Kamin auf dem Boden nieder, wo er seine Hosentaschen kehrte. Tatsächlich holte er ein kleines Päckchen hervor, welches er mit den Zähnen aufriss und einen Verband hervor holte, den er dann unbeholfen um seinen Kopf wickelte, wo die größte Wunde war und den weißen Stoff beinahe augenblicklich durchblutete. „Was tust du da?"
„Ich verarzte mich.", gab er zurück.
„Das muss gereinigt werden.", erwiderte sie nur, woraufhin er seufzte und seine Arme sinken ließ.
„Ja, weiß ich, aber mir ist das Jod ausgegangen.", sie verdrehte ihre Augen.
„Du solltest ins Mungos gehen und danach sehen lassen.", ermahnte sie ihn, aber da er sich nicht bewegte holte sie nur aus dem Wohnzimmerschrank ihren eigenen Koffer hervor, dann setzte sie sich neben ihn auf den Teppich und nahm den Verband wieder ab. „Nur dieses Mal, James!", sagte sie todernst, ohne ihn anzusehen. „Nächstes Mal gehst du gefälligst ins Spital und lässt dich gründlich untersuchen.", verlangte sie.
„Gefällt dir das Haus?", fragte er sie. Darauf ging sie nicht ein, sondern schlitzte nur mit ihrem Taschenmesser die Fetzen seines Umhangs auseinander, dann auch die des Hemdes. Sein Arm war ganz blau und grün, überall waren kleine Wunden, blaue Flecken, Prellungen und Schwellungen.
„Wo kommt das alles her?", fragte sie ihn bemüht desinteressiert, aber ihr waren schon wieder Tränen in die Augen geschossen.
„Uh-", machte er verlegen. „Ich bin durch ein Fenster im dritten Stock gefallen und in Dornenbüschen gelandet.", erklärte er. „Das Gestrüpp hat meinen Sturz abgefedert, aber leider Spuren hinterlassen.", sie nickte nur vage.
„Mit wem bist du durch das Fenster gefallen?", darauf antwortete er dieses Mal nicht. „Hat das Gestrüpp seinen Sturz auch abgefedert?", fragte sie weiter.
„Ja.", gab er langsam zu, danach schwieg er wieder eisern.
„Dann hast du ihn selber umgebracht?"
„Lily, lass es gut sein, ich will es dir nicht erzählen!", knurrte er. Sie hatte bis gerade nur ganz vorsichtig mit Alkohol seine Wunden abgetupft, jetzt drückte sie fester und verrieb die brennende Flüssigkeit in den Wunden, sodass er Luft zwischen seinen Zähnen ausstieß. „Ja, ich habe ihn selber umgebracht, bist du glücklich? Hör auf damit!", fuhr er sie an.
Danach schwiegen sie beide wieder eine Weile verbissen, bis Lily seine Arme und seinen Oberkörper fertig abgetupft und verbunden hatte. Als letztes wandte sie sich seinem Gesicht zu, tränkte ein weiteres Tuch mit Alkohol und tupfte seine Stirn ab. Das geliebte und vertraute Gesicht, dass sie seit ein paar Wochen so schmerzlich vermisste. Je fester sie schluckte, umso mehr Tränen stiegen in ihre Augen. Er musterte sie nur, seine sonst warmen, braunen und von Zuneigung zu ihr erfüllten Augen waren leer und bewegten sich kaum, während er sie betrachtete. „Ich-", sie musste sich räuspern, ehe sie weiter sprechen konnte. „Ich schätze, lieber bringst du ihn um, als er dich.", flüsterte sie schließlich.
„Gefällt dir das Haus?", sie schüttelte ihren Kopf. „Warum nicht? Es – es ist größer als die alte Wohnung und... Und die Wände sind höher und alles hat viel geräumiger Platz.", seine Augen huschten zur Couch. „D – die Gegend ist sehr sicher, hier leben eine ganze Menge Zauberer – Dumbledore selber wohnt hier zeitweise!", stotterte er.
„Aber es ist nicht mein Zuhause.", erwiderte sie.
„D – dann machst du es zu deinem Zuhause.", schlug er vor. „Willst du neue Möbel kaufen? Oder-"
„Nein, die Möbel sind gut. Das Haus an sich ist eigentlich auch gut. Ich gehöre nur nicht hier hin.", unterbrach sie ihn, während sie ihren Zauberstab hob und die großen Wunden an ihrem Mann schloss. „Das hier ist nicht mein Zuhause.", er nickte betreten.
„Also – also... Was hat die Wohnung zu deinem Zuhause gemacht?", hakte er unsicher nach.
Ja, was hatte die Wohnung eigentlich zu ihrem Zuhause gemacht? Die Antwort darauf war ganz simpel, aber sie wollte sie nicht äußern. James hatte die alte Wohnung zu ihrem Zuhause gemacht. Weil sie hingehörte, wo James war. Weil sie seine Mrs Potter war. Weil sie dort jeden Morgen neben ihm aufgewacht war, so wie sich das gehörte und weil sie dort jeden Abend neben ihm eingeschlafen war, so wie das ebenfalls sittlich war. Er schloss seine Augen, als sie sich ein wenig über ihn beugte, um die Wunde an seinem Hals anzusehen. Sie sah hässlich aus, beinahe so, als hätte er sich dort so lange gekratzt, bis die Haut aufgeschürft worden war.
„W – war das ein Werwolf?", flüsterte sie, dabei beschleunigte sich ihre Atmung ein wenig und ein großer Kloß bildete sich in ihrem Haus.
„E – er war nicht verwandelt!", beschwichtigte er sie sofort. „Du musst keine Angst haben, er – er war in menschlicher Gestalt, das wird mir nichts tun, ich verspreche es! V – vielleicht esse ich von jetzt an mehr rohes Fleisch, aber ansonsten-", sie ließ von ihm ab und fuhr über ihr Gesicht.
„Oh Gott!", stöhnte sie. Als sie seine Hand an ihrer Schulter spürte zuckte sie heftig zusammen und entzog sich ihm rasch, dann sah sie erschrocken auf. Er sah zutiefst verletzt aus, so wie sie das erwartet hatte, zog seine Hand aber augenblicklich zurück, als hätte er sich an ihr verbrannt. Da saßen sie und starrten sich fassungslos an. Was war nur in sie gefahren? Er hatte sie trösten wollen und sie hatte ihn aktiv abgewiesen und ihn daran gehindert, indem sie ihm verboten hatte, sie anzufassen?!
„Ich gehe duschen.", sagte er letztendlich mit belegter Stimme.
„Ich bin noch nicht fertig.", flüsterte sie betreten zurück, aber er war schon beinahe aufgestanden. „James, ich bin noch nicht fertig, bleib hier!", ermahnte sie ihn.
„Den Rest schaffe ich alleine. Du solltest schlafen gehen.", gab er nur enttäuscht zurück.
„Es tut mir Leid, dass ich gezuckt habe!", sprach sie es also direkt an. „Ich weiß, dass du dich nicht in einen Werwolf verwandelst, nur weil dich einer gekratzt hat.", er nickte.
„Ich weiß, dass du nicht deswegen gezuckt hast.", gab er zurück und einen Moment fühlte sie sich beruhigt, aber dann räusperte er sich beherzt. „Das macht es ja so schlimm.", damit ließ er sie einfach so auf dem Boden sitzen.
Er hatte Recht. Das machte es nur umso schlimmer. Wenn sie nicht deswegen gezuckt hatte, weshalb hatte sie dann gezuckt? Weil ihr Ehemann sie anfassen wollte? Stöhnend vergrub sie ihr Gesicht in ihren Händen und schluchzte leise auf. So ein Mist, was war das denn für eine Aktion gewesen? Der Moment war wieder vorbei und wenn sie eben noch an sein geliebtes, vertrautes Gesicht gedacht hatte und an den Blick in seinen Augen, wenn er sie früher angesehen hatte, dann kamen jetzt nur noch sein ausdrucksloser Blick und der verletzte Gesichtsausdruck in ihren Sinn, während sie auf dem Boden saß und heulte.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich beruhigt hatte, dann rappelte sie sich mit weichen Knien auf und schlich ins Schlafzimmer. Er stand am Schrank und zog sich gerade an. „D – du bleibst nicht?", fragte sie.
„Nein.", erwiderte er. „Ich muss weiter.", sie setzte sich unsicher auf das Bett.
Unsicher, ob sie es noch einmal ansprechen oder sich vielleicht sogar entschuldigen sollte. Unsicher, ob sie wollte, dass er blieb oder ob sie wollte, dass er wieder ging. Unsicher, ob sie vorschlagen wollte, dass er jemanden sehen könnte, um zu reden, wenn er schon nicht mehr mit ihr darüber reden konnte. Ein tiefes Seufzen kam über ihre Lippen. „Was?", fragte er sie warnend. Sie überlegte, was sie ihm antworten sollte, kam aber zu keinem vernünftigen Schluss.
„Nichts.", log sie schließlich.
„Okay.", machte er nur. „Grüß Sirius von mir.", bat er dann. Sie nickte nur schweigend. Wieder musterte er sie, dann räusperte er sich. „Vielleicht – uhm... Vielleicht kann ich morgen bleiben.", murmelte er.
„Nein, schon okay.", machte sie. „Ich... Wenn es dir nichts ausmacht, ich glaube, ich fühle mich besser, wenn wir den Kamin nicht ans Flohnetzwerk anschließen.", gab sie endlich zu. Er sah geschockt auf, dann schlug er sich in einer offensichtlich schlagartigen Erkenntnis vor die Stirn.
„Hast du Angst?", fragte er sie aufgebracht. Sie nickte, da wurde er ein bisschen bleicher, als er ohnehin schon war und schüttelte seinen Kopf. „Logisch, ich Trottel! D – dann... Ich rufe Sirius, er soll her kommen und auf dich aufpassen! Und ich rede mit Moody, er soll Wachen aufstellen!", versprach er ihr. „Liebling, du bist in diesem Haus hier so sicher, wie nirgendwo anders! Niemand außer Sirius, dir und mir kann hier herein oder heraus flohen, die Wände und alle Eingänge und das Dach sind doppelt und dreifach gesichert, ich schwöre dir, nicht Voldemort selber käme hier rein!", erklärte er hastig, dabei griff er schon in seine Jackentasche.
„Sirius war hier, ich habe ihn fort geschickt!", hielt sie ihn rasch auf, ehe er den Spiegel in seiner Hand hatte.
„Was?"
„Er ist den ganzen Abend hier gewesen.", bestätigte sie. „Er wusste, dass ich Angst haben würde und ist nach der Arbeit her gekommen, aber er war so kaputt, dass ich ihn nach Hause zum schlafen geschickt habe.", James runzelte seine Stirn ein bisschen.
„Aber wieso? Er hätte doch hier schlafen können, dann hätten wir uns gerade eben nicht unten angekreischt.", sie zuckte mit ihren Schultern und räusperte sich. Vielleicht, wenn sie ihm ein Zeichen gab?
„...ich habe gehofft, du würdest nach Hause kommen.", flüsterte sie also unsicher mit einem Blick auf ihr Bett. Tatsächlich war das irgendwie die Wahrheit. Natürlich hatte sie auf der anderen Seite auch Angst gehabt, er käme nach Hause, aber nur, weil sie Angst gehabt hatte, sie würden dann wie in der vergangenen Nacht streiten. Für den Bruchteil einer Sekunde veränderte sich sein Gesicht und wurde weich, aber dann war es wieder die hässliche Grimasse die es immer war in letzter Zeit, vermischt mit ein bisschen Besorgnis und einem Funken Panik.
„Okay.", machte er nur. „Aber ich kann nicht bleiben.", murmelte er dazu. Ihre Schultern sanken herab.
„Wann hast du wieder mal einen Tag frei?", fragte sie.
„Keine Ahnung.", machte er.
„Okay.", machte sie dieses Mal.
„Lily, lass das!", verlangte er stirnrunzelnd. „Sag nicht 'okay' wenn du es nicht meinst, das gefällt mir gar nicht! Sprich dich aus, wenn du etwas zu sagen hast!", darauf schnaubte sie nur.
„Und das von jemandem, der seinen besten Freund vorschickt, sobald wir uns mal streiten!", knurrte sie.
„Ich wusste nicht, wann wir uns wieder sehen!", verteidigte er sich. „Und ich habe ihn nicht vorgeschickt, er hat mir angeboten, mit dir zu sprechen.", fügte er dann hinzu.
„Du möchtest also, dass ich dir jetzt ganz direkt sage, was ich denke?", fragte sie ihn hitzig.
„Ich bitte darum!"
„Also schön: Du arbeitest jetzt seit drei Monaten durch! Wann schläfst du?", er zuckte mit seinen Schultern. „Niemand hat dazu gesagt, dass du so durchdrehen würdest, ich hätte gerne mal wieder einen Tag Zeit mit dir! Du bist nie da und erwartest, dass zwischen uns alles so bleibt, wie es war! Zu deiner Info: Dass du mich nicht anfassen darfst ist allein deine Schuld! Du lässt dich ja nie blicken und wenn, dann haust du sofort wieder ab!", warf sie ihm vor.
„Du hast eben deutlich gemacht, dass meine Anwesenheit dir unangenehm ist!", gab er bissig zurück.
„Es wird nicht besser davon werden, wenn du nie da bist, James! Ich brauche dich!", gab sie schrill zurück. „Du hast in drei Monaten keinen einzigen Tag frei gehabt, irgendwann musst du doch mal ausruhen und aufarbeiten, was du da tust!", er schnaubte.
„Du hast ja keine Ahnung, was ich da tue!", schnaubte er wütend und auch ein bisschen abfällig.
„Wann hast du das letzte Mal geschlafen?", fragte sie ihn.
„Ich nehme Tränke, damit ich nicht schlafen muss, das gehört dazu!", knurrte er jetzt. „Was ich da tue ist verdammt wichtig, klar? Ich rette Leben, Lily, ich tue das für 'dich'! Für dich ganz alleine, damit du sicher bist, damit du in Frieden leben kannst, hörst du?", ihr traten sofort wieder Tränen in die Augen, als er einen bedrohlichen Schritt näher zu ihr trat und sie wich auch vor ihm zurück.
„Ich lebe aber nicht davon in Frieden, dass ich ständig Angst haben muss, ob du jemals wieder zurück kommst oder ob vielleicht heute Abend die Frau des Todessers im Bett liegt und sich wundert, wen ihr Mann heute umgebracht hat!", kreischte sie aufgebracht.
„Denkst du, mir macht das Spaß?", schrie er sie jetzt regelrecht an. Sie zuckte zurück, stolperte einen Schritt und presste sich flach gegen die Wand, die sie auffing. „Der einzige Gedanke, der mich dazu bringt, sie zu töten, ist dein Gesicht vor meinem inneren Auge, wenn man dir sagt, dass ich gefallen bin! Das alles tue ich nur für dich und du machst mir auch noch Vorwürfe dafür!", er hatte sie noch nie so angebrüllt, wie er es gerade tat. Sie holte entsetzt Luft, dann brach ein gewaltiges Schluchzen aus ihr heraus. Einen Moment schwieg er schwer atmend, dabei fuhr er über sich Gesicht, dann räusperte er sich. „Ich muss jetzt gehen.", erklärte er letztendlich tödlich ruhig.
Lily fühlte den Luftzug, hörte aber keine Schritte. Als sie ihre Augen wieder auseinander zwang, da war er bereits fort.
