-2- Alte Kräfte, neue Kräfte
Hermine wachte nicht langsam auf, sondern von eine Sekunde auf die andere.
Sie fühlte sich vollkommen wach und war von einer unangenehmen Unruhe ergriffen.
Schwungvoll stand sie auf und bemerkte erst jetzt, dass sie auf einem großen Bett gelegen hatte.
Kritisch sah sei auf die weiße Bettwäsche hinunter. Hell! Viel zu hell und viel zu freundlich. Das würde sie ändern müssen.
Der Rest des Raumes sah allerdings recht annehmbar aus.
An den grauen kalten Steinwänden erkannte sie sofort, dass sie sich in einem Kerkerraum befand.
Schwere blutrote Vorhänge hingen vor den Fenstern. Kein einziger Lichtstrahl würde je durch sie hindurch dringen.
Hermine schritt neugierig auf einen großen, altertümlich aussehenden Kleiderschrank zu und riss ihn mit einem Ruck auf. Zufrieden stellte sie fest, dass man ihre Kleider hierher gebracht hatte.
Nur… was für Kleider.
Angewidert hielt sie eine hellblaue Bluse hoch. Von der Form ja ganz nett, aber wie hatte sie so eine Farbe tragen können?!
Die Vampirin lächelte grimmig. Sie würde zu gegebener Zeit wohl ihre Garderobe erneuern müssen. Inklusive der Schuhe. Rote Strasssandalen waren nicht mehr so ganz ihr Stil.
Die junge Frau drehte sich einmal im Kreis. Außer dem Kamin befand sich sonst nichts mehr im Zimmer. Wunderbar, so könnte sie es nach ihrem Geschmack einrichten.
Als aller erstes musste diese schreckliche Bettwäsche weg! Baumwolle! Satin wäre doch nett und in irgendeiner schönen Farbe. Schwarz? Blurrot? Dunkelgrün?
Bestimmt hatte Snape so was in der Art. Irgendwie passte schwarzer Satin zu ihm.
Snape!
Was hatte er ihr da eingeflösst? Dumbledore hatte jedenfalls nicht sehr erfreut geklungen.
Ich werde ihn jetzt wohl fragen können
Vergnügt hatte Hermine festgestellt, dass sie die Schritte ihres Lehrers auf dem Gang vernehmen konnte. So ein Vampirgehör hatte schon was für sich.
Es fühlte sich generell gut an tot zu sein.
Die schrecklichen Kopfschmerzen von denen sie Tag für Tag gequält worden war, waren spurlos verschwunden und ihr Rücken tat vom schweren Taschentragen auch nicht mehr weh.
Sie sah vor allem besser. Wesentlich besser. Das gleich mit dem Riechen. Als Vampir nahm man die Welt mit ganz anderen Sinnen war.
„Kommen Sie rein!"
Ein wenig überrascht aussehender Tränkemeister stand im Zimmer. Ihm war voll bewusst gewesen, wie laut er für Miss Grangers neues Gehör gewesen war.
„Wie geht es Ihnen?"
„Bestens." Hermine lächelte falsch. „Und was haben Sie mir vorhin gegeben?"
Snape wusste, dass seine Schülerin sofort merken würde, wenn er lügen würde.
„Ein starkes Schlaf- und Beruhigungsmittel."
„Ach, und warum? Ich brauch kein Beruhigungsmittel!"
Snape sah ihr fest in die Augen, und zum ersten in seinem Leben viel es ihm schwer einem Blick standzuhalten.
„Weil, Miss Granger", er legte die gewohnte Schärfe in seine Stimme und hoffte, es würde sie noch immer beeindrucken, „Sie in ihrem jetzigen Zustand schwer einzuschätzen sind."
„Wollen Sie damit sagen, dass ich nicht zurechnungsfähig bin?" Ohne es zu merken trat Hermine einen Schritt auf ihn zu. „Das wagen Sie nicht, oder?"
„Oh doch. Sie wurden in einen Vampir verwandelt. Ihr Charakter ist wankelmütig. Sie müssen Ihr neues Ich noch finden und bis dahin werde ich versuchen Sie so ruhig wie möglich zu halten… nur zu Ihrem Bestem."
„Das werden Sie nicht!" In Hermine wallte ein unbekannter Zorn hoch. Was nahm dieser Mensch sich heraus. Ihr ins Gesicht zu sagen, dass er ihr weiter irgendwelche Mittelchen einflößen würde!
Snape keucht überrascht, als er plötzlich hart gegen die kalte Steinwand gedrückt wurde, zierliche aber überraschend starke Hände an seinem Kragen spürend und direkt in zwei vor Wut funkelnde Augen sehend.
„Sehen Sie, Miss Granger", Triumph blitzte in seinen schwarzen Augen auf, „Sie sind doch unberechenbar."
Urplötzlich ließ Hermine ihn los und trat verwirrt ein paar Schritte in den Raum hinein.
„Das wollte ich nicht."
„Eben."
Seine selbstzufriedene Stimme ließ sie wieder wütend werden, aber Hermine versuchte sich zu beherrschen. Sie durfte nicht noch einmal die Kontrolle über sich verlieren.
Ihre Kraft erschreckte sie. Wie leicht sie Snape hatte festnageln können. Und vor allem ihre unglaubliche Schnelligkeit.
Snape den Rücken zudrehend, lächelte sie zufrieden. Die Zeiten, wo sie Angst vor ihm haben musste, waren endgültig vorbei.
„Ich weiß, was Sie denken." Snape war hinter sie getreten und sie spürte seinen warmen Atem an ihrem Ohr. „Glauben Sie mir, Miss Granger…", er machte eine Pause, damit die Wirkung, seiner kalten, dunklen Stimme sich entfalten konnte, „es wäre ein großer Fehler, mich zu unterschätzen. Sie verfügen doch über recht viel Verstand…benutzen Sie ihn dann auch."
Hermine biss sich auf die Lippen. Er hatte Recht. Auch wenn sie ein Vampir und ihm somit kräftemäßig überlegen war, Snape war ein ehemaligerTodesser, man sollte sich wirklich nicht mit ihm anlegen.
Jedenfalls nicht, bis man seine Schwächen kannte.
„Sie werden nun hier wohnen, Ihre Sachen haben die Hauselfen bereits gebracht." Snape hatte wieder den erklärenden Lehrerton angeschlagen und ließ nicht im leisesten ahnen, dass die Situation eben, irgendetwas in ihm ausgelöst hätte.
„Der Unterricht?"
„Können Sie vergessen, jedenfalls die Fächer, in denen sie praktisch zaubern müssen."
Hermine starrte ihn entsetzt an. „Warum?" Das war keine Frage, sondern ein Befehl.
„Wir haben recherchiert." Snape wandte sich ihr zu und verschränkte die Arme vor der Brust. „Durch ihre Verwandlung haben Sie alle ihre Kräfte verloren. Allerdings die eines Vampirs dazugewonnen. Mit Magie, haben diese Kräfte jedoch nichts zu tun. Sie werden dem Unterricht natürlich theoretisch folgen.
Ihre Freunde werden Sie erst mal nicht sehen. Offiziell sind sie krank. Ich denke nicht, dass Ihnen das viel ausmacht, oder?"
Sein Gegenüber nickte gleichgültig.
„Sie werden ihre Räume nicht verlassen… erstmal jedenfalls nicht. Und was das Blut angeht…da haben wir noch keine Lösung gefunden. Sie werden wohl für eine Weile Hunger schieben müssen, aber keine Angst", ein diabolisches Grinsen schlich sich auf Snapes Gesicht, „irgendwas werden wir schon aufreiben."
Die Art wie er „Irgendwas" betonte und sein Grinsen gefiel Hermine nicht, doch im Moment hatte sie den kürzern gezogen.
„Noch Fragen?"
Ja, eine hatte sie noch.
„Krieg ich neue Bettwäsche?"
Nun war ihr Lehrer wirklich überrascht und seine Augenbraue schob sich in die Höhe. „Bitte?"
Hermine deutete auf das Bett. „Weiß passt nicht mehr so ganz zu meinem Typ. Die blauen Blumen auf dem Kissen, allerdings noch weniger."
„Ich werde sehen, was sich machen lässt." Snape nickte ihr noch einmal zu und ging dann schnell wie es seine Art war aus dem Zimmer.
