Salute,
wieder ein weiteres Kapi fertig. und bevor ich euch darauf loslasse hätte ich ein paar Anmerkungen.
1- wie schon an meiner zweiten privaten Baustelle angekündigt, ist der erste Flashback, irgendwie zu einem OS mutiert. Ich habe ihn trotzdem hier drin gelassen. Zum einen weil ich mich entschlossen habe regelmäßig Flashbacks einzubringen und zum anderen weil er hier reinpasst. Wer will kann ihn einfach überlesen, der Plot ist auch ohne ihn verständlich.
2- ich weiß diese Kapi ist irgendwie lang geworden, aber ich fiele lange an meinen Werken und auch diesmal habe ich selber korrigiert, da meine Korrekturleserin keine Zeit hat. Deswegen würde ich euch noch einmal bitten, das wenn ihr findet es mir zu schreiben.

Nun genung geschwaffelt, ich hoffe es gefällt soweit.
lg, sternenschwester

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Kapitel 2: Unter dem Mond von Wien sind alle Katzen grau

„Generalmajor Bleischmied, sind Sie sicher dass sie diesen Mann, entlassen möchten?"
Der Gestapoagent sah Gilbert zweifelnd an.
„Geben sie uns noch ein paar Tage, und er wird uns schon seine dreckigen Geheimnisse freiwillig erzählen."
Der Albino lehnte sich gelangweilt an einem Schreibtisch.
„Sie haben meine Befehle nicht zu hinterfragen. Wenn ich sage der Mann ist frei, so ist es ihre Aufgabe diesen zu entlassen."
Roderich verfolgte die Szenerie mit gemischten Gefühlen. Einerseits war er erleichtert dieses Etablissement in wenigen Augenblicken verlassen zu können, auf der anderen Seite wusste er nicht mit der Tatsache umzugehen das gerade sein Erzrivale, sein schlimmster Feind, ihn aus diesem Höllenloch befreite. Er hatte sich auf einen der Burostühle setzen dürfen und einer der Männer, welche noch vor einiger Zeit versucht hatten ein Geständnis aus ihm raus zu quetschen, hat ihn eben ein Glas Wasser gebracht und waren gerade dabei seine wenigen Habseligkeiten zu holen.
„Edelstein, fang!"
In seinen Gedankengängen gestört, sah Roderich erschrocken auf und fing noch rechtzeitig den Gegenstand, welcher Gilbert ihm zu schupfte. Als er die Hände wiederöffnete, erkannte er seine Brille wieder. Sie sah ein wenig mitgenommen aus, aber soweit er es beurteilen konnte war sie intakt geblieben.
Die Welt bekam wieder schärfere Umrisse als er sie sich aufsetzte. Er erfreute sich kurz an diesen Umstand und beobachtete wie Gilbert mit dem Schreibtischmann einige Sätze flüsternd austauschte. Kurz darauf kam der Mann, zurück welcher beauftragt worden war seine Sachen zu holen. Beinahe beiläufig schmiss dieser ihm seinen violetten Mantel vorbei und schritt zielstrebig auf den Albino zu.
„Hier sind die Gegenstände, welche bei der Verhaftung von Roderich Edelstein, konfisziert wurden, Herr Generalmajor. „
Gilbert schaute gelangweilt in die Kiste welche ihm der Mann vorhielt.
„Na und auf was warten Sie es dem Mann wiederzugeben?"
Einen kurzen Moment zögerte der junge Gestapo, bis er sich umdrehte und Roderich die Schachtel überreichte. Während der Braunhaarige sich seiner Sachen wieder annahm, konnte er aus dem Augenwinkel beobachten wie Gilbert ein Blatt zugeschoben wurde, welcher er mit einer ausladenden Geste unterschrieb.

Sie traten aus dem Gebäude. Ein kühler Wind empfing den Braunhaarigen, welcher dann den Kragen seines Mantels ein wenig höher zupfte. Der linke Bügel seiner Brille schmerzte ein wenig hinter Ohr. Offenbar hatte sie sich beim Verhör verbogen, doch das war im Augenblick die kleinste seiner Sorgen. Sein Hauptproblem spazierte gerade fröhlich vor ihm her und steuerte geradewegs einen schwarzen Mercedes an, welcher schon fast kriminell auf der Straße geparkt worden war.
Zweifelnd warf er einen Blick auf das Gefährt. Gilbert öffnete die Fahrertür und sah Roderich auffordernd an.
„Willst du hier Wurzel schlagen, Sissy? Beweg endlich deinen kleinkarierten Arsch hierher und stieg ein."
Der Angesprochene hob ablehnend die Hände und wollte gerade dem Preußen sagen er soll dorthin fahren wo der Pfeffer wächst, da wurde er vom Weißhaarigen unterbrochen, bevor er noch dazu kam zu sprechen.
„Jetzt komm schon! Mir ist kalt und außerdem schuldest du mir was!"
Roderich seufzte. Er hasste es in der Schuld von anderen zu stehen, vor allem wenn dieser Andere ein Albino war und auf den Namen Gilbert hörte. Doch obwohl eine kleine Stimme in seinem Kopf ihm zu flüsterte dass es ein Fehler war dem Weißhaarigen zu folgen, trugen ihn seine Füße zum Auto. Es gab Momente, in dem man seinen Stolz vergessen musste.

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Schneeflocken rieselten ihm durch die verstrubelten, braunen Haare als er auf den kleinen Balkon trat. Augenblicklich umfing die Kälte ihn und verursachte ihm eine Gänsehaut. Was für eine bescheuerte Idee sich in einer Dezembernacht, nackt ins Freie zu begeben, dachte der Österreicher, als er in die Dunkelheit vor ihm blickte und sich vor Kälte schüttelte. Doch wenigstens war er durch den Kälteschock wieder klar bei Verstand. Die Gerüchte stimmten, Francis war wirklich ein Meister in Punkto Verführen. Noch immer hatte er seinen Geruch in der Nase, spürte die geschickten Hände an seiner Haut und fühlte die Weichheit der weichen blonden Harre zwischen seinen Fingern. Vielleicht aber trug auch die beträchtliche Menge konsumierten Rotwein eine Teilschuld, dass er mit dem Blonden im Bett gelandet war. Interessant eigentlich, spinn der Braunhaarige seinen Gedankengang weiter, wenn man bedankt dass unsere Beziehung zueinander die letzten Jahrhunderte nicht gerade die freundschaftlichste war. Er zwang sich einen weiteren Schritt in den Schnee zu machen. Der Abend war wider Erwarten angenehm verlaufen, wenigstens der Anfang. Das Essen war gut und üppig gewesen, die Unterhalten eher gehobener Natur und auch die Gesellschaft des Franzosen, mehr als nur erträglich. Es war ihm so vorgekommen als hätte Francis wieder zu seinem früheren inneren Gleichgewicht gefunden. Roderich hatte die französische Nation nur einmal während der Revolution getroffen und war entsetzt gewesen über den Wahnsinn und der Zerrissenheit, welche in den blauen Augen geblitzt hatten. Damals war es um eine österreichische Prinzessin gegangen, welche nur Monate später, nach dem geheimen Treffen der beiden Personifikationen, ihren Gang zum Schafott angetreten hatte. Doch nun war das französische Kaiserreich mit ihm nach der Unterschreibung des Preßburger Vertrages, mit nach Wien gegangen und hatte gestern in seinem privaten Domizil seine Aufwartung gemacht. Die kleine Villa, mitten im Wienerwald, war das eigene kleine Reich des Musikliebhabers und er schätze es ganz und gar nicht dass sich Francis wie selbstverständlich selbst eingeladen hatte. Dieser Fleck Land war sein Refugium, wo er sich von der politischen Welt zurückzog und nur sich und seine Musik hatte. Selbst Nationen, welche ihm wirklich nahe standen, wussten wie gereizt der Braunhaarige reagieren konnte, wenn man hier spontan auftauchte. Gilbert hatte es einmal versucht (auch wenn er nicht unter der Kategorie nahe stehende Personen fiel) und hatte seine Lektion daraus gelernt. Auch seine Herrscher vermieden es hier her zu kommen. Roderich seufzte und beobachtete fasziniert wie sich die kleine Dampfwolke in der Dunkelheit auflöste. Hinter ihm hörte er die Bettdecken rascheln und ein paar geflüsterte, französische Schimpfwörter.
„Rodrigue?" Die Schlaftrunkenheit war noch deutlich aus der Stimme des Franzosen zu hören.
„Qu'est-ce que tu fabrique dehors? Tu vas te chercher la mort avec ce froids. Rentre donc! Merde, quelle froids de chien ! (Was tust du bitte da draußen? Du wirst dir bei dieser Kälte noch den Tod holen. Komm wieder rein. Schieße, was für eine verdammte Kälte!)"
Roderich lächelte freundlos in sich hinein. Er hatte kein Problem damit Französisch zu reden, schließlich war es die gängigste Sprache am Hofe. Aber in diesen Zeiten empfand er es als Zeichen der Arroganz, wenn sich der Blonde nicht einmal die Mühe machte mit ihm ein paar Wörter Deutsch zu reden. Er wusste dass Francis der deutschen Sprache mächtig war, Gilbert hatte es ihm schließlich beigebracht. Das Tapsen nackter Füße auf den Holzparkett näherte sich ihm von hinten. Bevor der andere die Balkontür durchqueren konnte ging der Österreicher wieder hinein und schloss die Türe hinter sich. Obwohl die Temperatur während der Nacht im Zimmer abgefallen war, kam es dem Österreicher vor als würde ihn eine angenehme Wärme einhüllen. Ohne auf den, in Bettlacken eingewickelten Franzosen zu beachten, schritt der Braunhaarige durch den Raum und wechselte ins Musikzimmer. Jemand hatte vergessen die Kerzen im Ständer hinter dem Klavier zu löschen. Sie waren alle beinahe runtergebrannt und tauchten den Raum mit ihrem wenigen Licht in eine unheimliche Stimmung. Still und ohne zu zögern setzte er sich an sein Instrument. Die Kälte saß noch tief in seinen Knochen und seine Finger fühlten sich wie steifgefroren an, aber das hinderte ihn nicht daran vorsichtig die Fingerkuppen auf die schwarz- weißen Tasten zu legen, um den Kalvierseiten die ersten Töne herauszulocken. In Schönnbrun hätte er um diese Uhrzeit nie gespielt aber hier galten seine Regeln und die einzigen welche er aufwecken hätte können waren die paar Bediensteten, welche seinen Haushalt versorgten und pflegten. Doch er wusste das, diese es erstens gewohnt waren das er sich zu den unmöglichsten Zeiten seiner Musik hingab und zweitens waren die meisten von ihnen schon in die Jahre gekommen und waren schon halb taub. Ein erneutes Seufzen entwich seinen Lippen. Warum musste ein Menschenleben so kurz sein. Schon fast völlig in seiner Musik und seinen Gedanken vertieft nahm er die Schritte hinter sich erst im letzten Augenblick wahr, als sich die Person schon direkt hinter ihm befand. Er verlangsamte den Fluss seiner Musik und wartete ab.
„Un peu tard pour jouer, tu ne trouves pas? En plus j'aurais cru que tu sois un peu plus épuisé après une nuit pareille. (Ein wenig spät um zu spielen, findest du nicht? Außerdem dachte ich du wärst ein wenig erschöpfter nach einer solchen Nacht.) " Die Schläfrigkeit war aus der Stimme des Blonden gewichen und Roderich konnte förmlich das sanfte Lächeln hinter sich spüren. Er wechselte erneut die Geschwindigkeit der Melodie und begann dem ganzen Stück einen dunklen Charakter zu verleihen.
„Pour la musique il n'est jamais trop trad. En plus la nuit n'est encore pas finie. Tu te trouves sur mon territoire et ici ce sont mes règles qui y'compte. (Für Musik ist es nie zu spät. Außerdem ist die Nacht noch nicht vorbei. Du befindest dich auf mein Territorium und da gelten meine Regeln.) " Einen leichten Anflug von Trotz konnte der Braunhaarige im Tonfall nicht verbergen.
„Une circonstance qui est très instable, mon ami. Un mot de mon côté et ton petit empire est rendu en miette… (Eine Tatsache welche sehr unstabil ist, mein Freund. Ein Wort von mir und dein kleines Kaisertum geht in Schutt und Asche.)"
Roderich hämmerte auf die Tasten der tiefen Töne und entlockte seinem Instrument einen bedrohlichen Ton. Er hörte Francis leise auflachen.
„Mon dieu, tu t'énerve vite. Je plaisantais, mon vieux. Comment pourrais j' te faire du mal, après que tu t'es montré si docile. (Mein Gott, bist du schnell wütend. Ich scherzte nur, mein Lieber. Wie könnte ich dir böses tun, nachdem du dich so unterwürfig gezeigt hast.)" Roderich spürte wie eine Hand durch seine ungemachten Haare fuhr.
„Dis la nation, à quelle mon propre frère m'a trahis… (Sagt die Nation, an welche mein eigener Bruder mich verraten hat.)" Zornig über sich selbst, noch nicht über diese Tatsache hinweg gekommen zu sein, spielte er noch düsterer und trauriger als vorher.
„Ton cher frère bavarois n'a que su quelle étais le coté vainqueur dans cette querelle… (Dein werter bayrischer Bruder hat halt nur gewusst, welche die Gewinnerseite in diesem Krieg ist.)", antwortete Francis immer näher kommend.
„Mais ça lui donne pas le droit de me vouloir empoigner par derrière… (Das gibt ihm noch lange nicht das Recht mich von hinten erdolchen zu wollen.)" Roderich ließ seine ganze Zorn und seine tiefe Verzweiflung in seine Musik fließen. Note für Note. Auf Francis schaffte er es immer weniger wütend zu sein. Die offene Unterstützung, welche sein Bruder und frühere Mentor dem Franzosen gegeben hatte, um die Pläne des kleinen Kaiser in die Wirklichkeit umzusetzen, wurmte ihn mehr als die Tatsache, das der Franzose ihn vor kurzem wiedermal auf den Schlachtfeld besiegt hatte.
„Mon cher Rodrigue, tu ne sais pas, combien de peine j'ai dû soupire, pour le fais que j'ai dû me mettre contre Gilbert. Les nombreuses fois qu'on s'est vu sur les champs de la bataille. Tu ne peux pas savoir dans quelle point ça m'a déchiré mon cœur de affronter un de mes meilleurs amis personnelles. (Mein lieber Roderich, du weißt nicht wie oft ich gelitten habe, für die Tatsache das ich mich gegen Gilbert stellen haben uns unzählige Male auf den Schalchtfeld getroffen. Du kannst nicht wissen wie oft es mein Herz zerrissen hat gegen einen meiner besten Freunde zu kämpfen. )" Der Blonde hatte ihm die Arme von hinten über die Brust gelegt und hielt ihn so leicht an sich gedrückt. „Mais dans la guerre, il n'existe pas d'ami, que des rivales et des ennemis… (Aber im Krieg existieren Freunde nicht, es gibt nur Rivalen und Feinde…)" Er konnte den warmen Atem an seinem durchgefrorenen Ohr spüren, als sein politischer Rivale aufseufzte. „Dans ton point d'vue, je peux comprendre que tu en veux à ton frère. Mais rappelle-toi, toi aussi lui as causée plus qu'une fois des peines. (Aus deiner Sicht kann ich verstehen warum du deinen Bruder grollst. Aber erinnere dich du hast ihn auch schon öfter als einmal Kummer bereitet.) "
Roderich versteifte sich, woher und warum hatte sich der Franzose über die Beziehung zwischen ihm und seinen Bruder so genau informiert. Ja, er hatte Bayern mehr als einmal Kummer bereitet und mehr als einmal waren sie einander geraten, besonders in den letzten hundert Jahren. Das hatte aber den Frosch hinter ihm nicht zu interessieren. „Ah, oui. La seule chose qui lui a causé des maux de tête, étais le fait que j'ai grandis plus vite, qu'il s'est rendu compte. Il voulait nier que je n'avais plus besoin de lui. (Ach ja. Die einzige Sache, welche ihm Kopfschmerzen bereitet hat, war das ich schneller groß geworden bin als er sich bewusst worden war. Er wollte es einfach verleugnen das ich ihn nicht mehr benötigte.) "
Francis legte den Kopf auf seine Schulter und begann ihn tröstend über die nackte Brust zu streichen.
„On pourrait croire qu'on entends Amérique parler… En tout cas il a presque dit la même chose, après sa petite discussion avec Arthur. (Man könnte meinen Amerika sprechen zu hören… Auf jeden fall hat er beinnahe das selbe gesagt nach seiner kleinen Dikussion mit Arthur.) "
Roderich lehnte sich gegen den blonden Franzosen hinter sich, ohne sein Kalvierspiel zu unterbrechen. Eine kleine Stimme im hintersten Kammerl in seinem Gehirn warnte ihn davor dieses Spiel weiter zu treiben, doch er ignorierte sie geflissentlich. Francis war so schön warm, im Gegensatz zu ihm. Erneut verfluchte er seine Aktion, ohne Kleidung ins Schneetreiben gegangen zu sein. Doch auch wenn er sich wirklich ausgekühlt anfühlen musste, wehrte sich der andere nicht gegen seine Nähe und verlor kein Wort über die Kälte, welche im Raum herrschte. Eine Weile schwiegen sie. Francis lauschte, mit verklärtem Blick der Musik und Roderich konnte sich denken an wen alles der Franzose dachte. Dann nahm der Musiker den Gesprächsfaden wieder auf.
„En plus tu n'as pas fait du plaisir à Theodore, en lui donnant Agnès. (Außerdem machst du Theodor keine Freude indem du ihm Anges gibst.)"
Francis hob erstaunt die Augenbrauen. „Ah oui, pourtant il m'a demandé explisement de lui donner Triol… (Ach ja, dabei hat er mich ausdrücklich gebeten ihm Tirol zu geben.)"
Roderich ließ sich Zeit mit seiner Antwort und wog jedes Wort einzeln ab bevor er antwortete.
„Peut-être qu'il s'est encore pas rendu conte, mais Anges lui vas bourrer la vie…(Vieleicht ist er sich noch nicht bewusst, aber Anges wird ihm das Leben zu Hölle machen.)"
Er spürte wie sich die Hände über seiner Brust zurückzogen, doch er sah von seinem Spiel nicht auf. Kurze Zeit später spürte er wie er sanft zu Seite geschoben wurde und der Blauäugige neben ihm Platz nahm. Ohne ihm in seiner Musik zu behindern, warf die französische Nation die Bettdecke über beide Leiber. Wie es sich Roderich denken hat können war auch der Franzose unter der Tuchern (Bettdecke) nackt gewesen. Was mache ich da?, fragte der Österreicher sich. Ich spiele mitten in einer Dezembernacht, 1805, Klavier, habe eine beschießen Woche hinter mir und unterhalte mich nackt mit meinen derzeitigen Feind, welcher ebenfalls nackt ist.
„Et pourquoi ? D'après mes information vous trois êtes sœur et frères? (Warum eigentlich? Soweit meinen Informationen seit ihr drei Geschwister ?) "
Ohne dass es dem Braunhaarigen aufgefallen war, war seine Musik weich und melancholisch geworden.
„Peut-être… Mais Anges n'a jamais apiécer le lien familiales, sauf avec Adelheid. Elle est une fille qui adore obssesivement son indépendance et la meilleurs façon de s'arranger avec elle, est de la laisser tranquille… (Vieleicht… Aber Anges hat Familienbande nie wirklich sehr geschätzt, außer mit Adelheid. Sie ist ein Mädchen welches ihre Freiheit beinahe schon wie besessen liebt und die beste Art mit ihr umzugehen, ist sie in Ruhe zu lassen…) "
„T'as toi-même fais tes expériences avec sa Tête de mule ? (Hast wohl selber deine eigenen Erfahrungen mit ihrem Sturschädel gemacht?)"
„Mhmm. En tout cas, je sais comment on la doit traiter. (Auf jeden Fall weiß ich wie man mit ihr umzugehen hat.) "
Wieder legte sich Stille über den Raum und Roderich merkte wie der Franzose neben ihm zu zittern begonnen hatte. Dafür war ihm nicht mehr so kalt. „Même si j'apprécie ta musique, et là je suis vachement franc, ne serait 'il pas le temps de retourner au lit? (Auch wenn ich deine Musik leibe, und da bin ich verdammt ehrlich, wäre es nicht an der Zeit ins Bett zurück zu gehen?)", fragte der selbsternannte Gast zögerlich.
Roderich seufzte ungehalten. Der Bann, welcher sich vorhin mühsam aufgebaut hatte war gebrochen und wie ein Wasserfall sprudelten die Gefühle der letzten Tage auf ihn ein, was eine bedeutsame Wirkung auf seine Musik hatte. „Francis, ai un peu plus de respect. Si j'ai le besoin de jouer, alors laisse-moi. T'est chez moi, je te rappelle… (Francis hab ein wenig mehr Respekt. Wenn ich musizieren will dann lass mich. Du bist bei mir, erinnere ich dich…) "
„M'Ouais, tu me l'a déjà dit une fois. (Ja, du hast es mir schon einmal gesagt) " unterbrach ihn der Angesprochene und kuschelte sich noch mehr an ihn. und strich, in Gedanken verloren, zärtlich über die bleichen Unterarme des Österreichers. „Antonio, m'a une fois expliqué que tu exprimes tes sentiments à travers la musique… D'après le morceau que tu joues, ton intérieur est tourmenté, n'est pas… (Antonio, hat mir einmal erzählt dass du deine Gefühle über die Musik ausdrückst… Nach dem Stück was du spielst muss du ziemlich durcheinander sein…)"
Roderich antwortete nichts darauf. Der Franzose hatte sich ja schließlich selber die Antwort gegeben. Er spürte wie sich sein Sitznachbar versteifte.
„Pourquoi Rodrigue? Ma précence te dérange tellement… (Warum Roderich ? Stört dich meine Anwesenheit so sehr?)"
Die Unsicherheit und die Traurigkeit in der Stimme des Franzosen, machten ihn wütend ohne das er genau wusste warum. Was dachte dieser Schneckenfresser von ihm, eine Nacht und die letzten Jahre Krieg und Feindschaft wären aus dem Weg geräumt?
„Qu'est-ce que t' attend de moi, Francis. Nous sommes ennemis, et ça pas depuis hier. Depuis des siècles, nous avons essayé de nous entre tuer politiquement. Oui, il y avait aussi des époques dans l'histoire où nous nous sommes alliés, mais pour toi c'était une nécessité pour engueuler Angleterre. Même les mariages entre nos lignées de souverains n'ont pas détendu notre rivalité. (Was erwartest du von mir, Francis? Wir sind Feinde, und das nicht erst seit gestern. Seit Jahrhunderten, haben wir uns versucht gegenseitig politisch tot zu bekommen. Ja, es gab Epochen in der Geschichte wo wir alliiert waren, aber für dich war es nur ein Mittel zum Zweck um England zu verdreschen. Selbst die Hochzeiten zwischen unseren beiden Herrschaftshäusern konnten unsere Rivalität untereinander nicht entspannen.) "
Wieder entstand ein Moment des Schweigen, welche dann vom Blonden unterbrochen wurde. Doch diesmal lag in seinem Tonfall eine eindeutige Spur von Selbstsicherheit.
„Pourtant je n'avais pas l'impression ce soir, que tu te dégoutais tellement de moi. (Wiederum hatte ich nicht das Gefühl das du mich so abstoßen fandst.)" Ein künstlerische Pause trat ein „Je crois même que ça t'as eu ton plaisir…(Ich glaube sogar das du deinen Spaß gehabt hast…)"
Diesmal war es der Österreicher, der unsicher wurde. Er musste sich konzentrieren dass ihm kein Fehler in seinem Musikspiel unterlief und er am Ende mit verknoteten Fingern da stand.
„C'est possible, mais tu sais si bien que moi que c'est que une illusion. Nous n'avons pas réagis comme ça à cause des sentiments, qu'on' éprouve l'en a l'autre, mais uniquement pour le plaisir. En plus nous étions tous les deux un peu soul. (Möglich, aber du weißt ebenso gut wie ich das es nicht mehr war eine Illusion. Wir beide haben nicht wegen der Gefühle so reagiert, welche wir für einander fühlen, sondern rein aus Lust. Außerdem waren wir beide ein wenig betrunken. )"
Er konnte beinahe spüren wie der Franzose sein Hirn zum Denken antrieb, um aus dieser Situation diplomatisch unbeschadet heraus zu kommen.
„Si les sentiments sont en dehors de jeux, Rodrigue, où est le problème de tenir pour une nuit cette illusion? (Wenn Gefühle so und so aus dem Spiel sind, Roderich, wo ist das Problem, diese Illusion für eine Nacht aufrecht zu erhalten) ? "
Diesmal war es Roderich welcher zum Nachdenken begann. Der Frosch, hatte Recht, warum nicht das Spiel für eine Weile mitspielen und abwarten was nächsten Morgen auf sie zukam. Er musste endlich seinen verdammten Stolz herunterschlucken, wenn er die kommenden politischen Zeiten halbwegs unbeschadet überleben wollte. Wie hatte es sein jetziger Herrscher einmal passend ausgedrückt. Lieber opfere ich einen Teil als alles zu verlieren. Was war bitte sein Stolz wert, wenn er seine Bewegungsfreiheit verlor? Er werde lieber abwarten und seine Trumpfe sammeln, um sie für bessere Zeiten aufzuheben. Seine Stärke lag nun einmal darin, aus dem was man ihm ließ das Beste zu machen. So war es immer schon gewesen und würde sich wegen eines kleinen Zwergs, der meinte unbedingt nach den Sternen zu greifen nicht ändern. Napoleon und Francis würden eines Tages fallen, doch er wird seinen Weg weiter gehen. Mag er heute in die Knie gehen, doch dann nur um morgen wieder aufzustehen. Sanft ließ er die Musik abklingen. Er konnte aus den Augenwinkeln Francis Überraschung auf dem Gesicht ausmachen. Mit einem leichten Lächeln streckte und dehnte er sich bevor er antwortete.
„C'est vrai ça ne fait pas du mal de ce faire du plaisir temps à temps… (Stimmt, es tut manchmal gut, sich Zeit zu Zeit ein wenig Spaß zu gönnen…)"
„Tu vois, alors qu'elle est ta réponse? Je te promets te faire un peu oublier la situation autour de nous… (Siehst du, also was ist deine Antwort. Ich verspreche dir die Situation um uns herum vergessen zu lassen…) "
„Habe ich denn eine Wahl?"
„Ah, pourquoi t'a changé dans un moment pareille le langage. Je n'aime pas allemand, même si le tien est plus douce que celui de Gilbert. (Ah, warum hast du in einem solchen Moment die Sprache gewechselt. Ich mag die deutsche Sprache nicht, auch wenn die deinige weicher ist als die von Gilbert.)" Ein leises Lächeln huschte über das Gesicht des österreichischen Kaiserreichs, als er sich das angewiderte Gesicht seines französischen Pendants vorstellte.
„Tu ne te vas pas faire d'amis si tu ignores le langage natale des gens… (Du wirst dir keine Freunde machen, wenn du die Muttersprache der Leute ignorierst…)", meinte der Musizierende leicht spöttisch.
Er konnte Francis neben sich auflachen hören. Sanft legte sich ein Arm über den Seinigen. Überrascht hob Roderich den Kopf und sah den Franzosen seit seinem Aufstehen zum ersten Mal richtig an. Nahm ihn so wie er ist wahr, ohne die Gefühle mit denen er vor ein paar Stunden ihm noch ins Bett gefolgt war.

Francis blickte ihn schelmisch an und zog ihn auf die Beine. Irgendetwas war zwischen ihnen anders geworden. Noch konnte Roderich nicht sagen was es war. Liebe war es eindeutig nicht, auch nicht Anerkennung, vielleicht Respekt vor einander…
„Mon Cher, comme tu l'as déjà dit avant, la nuit n'est encore pas passé et même si je te trouve très croquant comme t'est assis là, nu en jouant du piano, mais tu ne voudrais pas continuer notre conversation à un endroit un peu plus chaleureux? (Mein Lieber, wie du es vorhin gesagt hast, die nacht ist noch nicht vorbei und auch wenn ich dich zum Anbeißen finde, wie du hier nackt Kalvier spielst, möchtest du nicht lieber unsere Unterhaltung an einem wärmeren Ort weiterführen ?)"
Willig, folgte er dem Franzosen zurück ins Bett, welcher ihm mit dem beinahe erloscheren Kerzenleuchter voraus ging. Warum er das tat, fragte sich der Braunhaarige schon seit einer Weile nicht mehr. Ihm fielen nur die Worte seiner kärnternischen Schwester ein. –Weißt du Roderich, es wird Momente geben, wo du es dir nicht leisten kannst Stolz zu zeigen. Du musst ihn herunterschlucken müssen und ihn erst dann wieder zurückholen wenn die Zeit dafür reif ist. Solange du deinem Spiegelbild in die Augen sehen kannst, hast du ihn nicht verloren.- Seltsam das er nun an sie dachte. Francis hielt ihm die Decke hoch damit er runterkriechen konnte. Als hätte der Blonde seine Gedanken erraten sprach er ihn nochmal an, bevor er die letzte Flamme ausblies.
„Tu sais, Rodrigue, les plus dangereux, sont pas ceux qui résiste, comme Anges ou Gilbert. Ce sont les gens comme toi, qui connaissent le moment quand ils doivent rangée leur fierté, pour attendre le jour le plus sûr pour entrer en action et aller gentiment en genoux pour ce temps. On pourrait alors dire qu'ils gardent leurs fiertés intérieures. (Weißt du Roderich, die gefährlichsten sind nicht diejenigen welche Weiderstand leisten, wie Agnes und Gilbert. Es die Leute, welche wie du sind, welche wissen wann der Moment gekommen ist ihren Stolz wegzuräumen, um auf den Augenblick zu warten, wo es für sie am sichersten ist in Aktion zu treten und bis dahin ganz brav in die Knie gehen. So zu sagen den inneren Stolz bewahren.) "+

Gilbert hielt, nach kurzer (und sehr schweigsamer) Fahrt in einer kleinen Seitengasse, nahe der kleinen Wohnung, welche Roderich nun seit dem Anschluss bewohnte. Roderich fragte sich erst gar nicht woher der Albino seine Adresse hatte. Er wollte gerade aussteigen, da begann der Preuße zu sprechen, ohne ihn jedoch anzusehen.
"Ich hätte nicht gedacht, eines Tages den kleinen, korrekten Roderich aus solch einer Anstalt rauszuholen." Seine Stimme hatte einen gelangweilten Unterton, wobei er während des Redens seinen Kopf auf das Lenkrad legte.
Roderich drückte den Hebel des Öffnungsmechanismus herunter, doch dann hielt er inne und überlegte es doch anderes. "Warum bist du gekommen?", fragte er mit leiser Stimme, weiterhin die Türklinke in der Hand.
Auch wenn er nicht in die roten Augen sah, konnte er vor seinem geistigen Auge das höhnische Grinsen von Gilbert sehen. Er erwartete sich das die Antwort vor nur so Selbstgefälligkeit triefte, den Gleichmut in der Stimme überraschte ihn. "Als ich gehört hatte, dass dich die Gestapo in Wien verhaftet hat, bin ich sofort nach Österreich gefahren."
Roderich zuckte kurz unter der ehemaligen Bezeichnung seines Landes zusammen, doch er ging nicht drauf ein. Nicht nur das es verboten war, schließlich war er nun die Ostmark, ein Teil des tausendjährigen Reiches. Jeder der anderen Nationen mit denen er notgedrungen in letzter Zeit zu tun gehabt hatte, nannten ihn nur noch nach seiner neuen Bezeichnung. Gilbert jedoch hatte ihn seit dem Anschluss, zwar nie so genannt, war dann aber immer bei der verkürzten Form seines Vornamen geblieben oder hatte ihn mit den peinlichsten Spitznamen getriezt (wobei dies seit Ausbruch des Krieges immer seltener geworden ist). Doch den Namen Österreich hatten beide in ihrer Interaktionen vermieden, als würde ein Unglück über diesen Namen liegen. Eine unbeantwortete Frage, vor dessen Antwort sich Roderich schämte und sie fürchtete. Warum gerade Gilbert jetzt sein Territorium so nannte, war ihm ein Rätsel.
"Solltest du den nicht an der Ostfront sein?" Diesmal fragte Roderich mit mehr Bestimmtheit in der Stimme.
"Hab ein wenig Abwechslung gebraucht..." Gilbert sah weiterhin stur geradeaus auf das Auto vor ihnen. "Außerdem konnte ich es mit nicht nehmen lassen dich, dank meiner unglaublichen Ausstrahlung aus dem Dreck zu ziehen. Nun stehst du in meiner Schuld, Sissy!" Gilbert's unverkennbares Lachen erfüllte das Auto und er schlug mit einer Hand Roderich kameradschaftlich in den Rücken. Dieser konnte es sich nicht nehmen leicht zu lächeln. Es gab gewisse Dinge, welche sich nie änderten. Doch so schnell wie das Lachen und das Lächeln gekommen waren, so schnell verschwanden sie und eine bedrückende Stille breitete sich zwischen ihnen aus. Diesmal war es Roderich, welcher das Schweigen brach. "Ein Anruf hätte auch genügt."
"Noch mal zum Mitschreiben Sissy, ich habe eine Auszeit gebraucht. Da kam mir deine Dämlichkeit gerade recht..." Gilbert lugte kurz zu seinen Sitznachbarn. Dieser hatte sich nun zurückgelehnt und offenbar einen interessanten Punkt oberhalb von ihm gefunden, welcher es Wert war angestarrt zu werden. Die erwartete Reaktion auf die Provokation jedoch, blieb aus. Früher noch zu Zeiten wo die Monarchien in Europa regiert haben, hatten sie es nie geschafft so ruhig neben einander zu sitzen. Ständig hatte es Spannung zwis chen ihnen gegeben. Gilbert hatte Roderich so oft wie möglich offen und unverblümt beleidigt, während sein südlicher Konkurrent ihm mit spitzen Bemerkungen und Anspielungen mitgeteilt hatte, was er von dem Preußen hielt. Doch diese sterile Ruhe welche nun zwischen ihnen herrschte, machte dem Albino beinahe Angst, selbst wenn dieser dass natürlich nie zugeben würde. Es kam dem Weißhaarigen vor als hätten sich zwei Schiffbrüchige auf einem kargen Felsen Mitten im Meer getroffen und überlegten nun welcher von beiden dem Tod näher war, um das Überleben des anderen für eine kurze Lebenspanne zu gewährleisten.
"Ist es so schlimm..." Roderich hatte den Kopf leicht in Richtung Gilberts gedreht. Seine violetten Augen fixierten eine vorlaute Haarsträhne, welche unter der Schirmmütze des Preußen hervor lugte.
"Du weißt doch gar nicht wovon du redest, ..." Gilbert holte tief Luft und wollte Weitersprechen, als ihn das leise Auflachen Roderichs unterbrach.
"Schlimm, komm schon Gilbert ich stand schon an genügenden Schlachtfeldern, um zu wissen wie grausam Menschen zu einander sein können..."
In Gilberts Augen blitzte es auf. "Du warst nicht dort, Roderich! Rede nicht von etwas was du nicht gesehen hast.", fauchte er mit ungewohnten Ernst in der Stimme den Braunhaarigen an. Wenn Gilbert anfing ihn mit seinem korrekten Namen ansprach, wurde die Lage ernst, soviel hatte Roderich aus ihrer nun schon über hundert Jahre andauernden Beziehung gelernt.
"Gilbert, ich war mitten drin als Theodor auf Tassilos Befehl, 772 den Aufstand bei Katharina blutig niederschlug. Ich war da als Richard Löwenherz in Akkon 3000 Muslime hinrichten ließ. Ich bin mitgegangen als Karl V, Italien in ein Blutbad stürzte, Veniziano hat noch lange davon Alpträume gehabt..."
"Die hat er bis heute noch...", unterbrach ihn Gilbert kurz, doch ließ er seinen ehemaligen Rivalen weiter reden. Roderich nahm sich nicht die Zeit nachzufragen, woher der Albino das wusste und fuhr mit seiner Aufzählung fort. "Ich war dabei als Wallensteins mordende Kriegsmaschinerie über die deutschen Lande zog. Ich habe zugesehen wie Berwalds Leute dieselben Gräueltaten der deutschen Bevölkerungen antaten. Ich konnte die grausamen Übergriffe von Sadiqs Truppen von den Stadtmauern Wien aus beobachten. Ich bin mit dir damals, im ersten Weltkrieg, durch die Schützengräben von Verdun gehuscht... Gilbert, ich bin ungefähr tausend Jahre alt. Meine Geschichte hat mit Blut begonnen und ich habe mich öfters mit fremdem Blut besudelt. Ich wurde geschaffen um zu kämpfen, auch wenn du diese Aufgabe immer besser ausgefüllt hast als ich. Was willst du mir über die tiefsten Abgründe der Menschen noch beibringen?"
Gilbert sah ihn mit einem bemitleideten Blick an. Doch sein Gegenüber konnte auch für einen Moment eine tiefe Traurigkeit in den roten Augen ausmachen. "Lass dein Klavier in Wien stehen und begleite mich an die Ostfront zurück oder von mir aus nach Mauthausen, wenn du dein Land nicht verlassen willst. Die Verbrechen geschehen da wie dort."
Gilbert kurbelte ein Fenster hinunter und fischte ein Zigarettenetui aus der Brusttasche. Mit einem Klicken sprang das flache Kästchen auf und nachdem sich der Preuße selber bedient hatte, bot er Roderich ein an. Dieser lehnte nur mit einer Handbewegung ab und beobachtete still wie der Preuße sich den kurzen Papierstab ansteckte. Der Hang zum Rauchen stammte noch aus Zeiten, wo das Reich des Soldatenkönigs in den Augen des Wiener Hofes nichts weiter war als nördliche Pampa. Roderich hatte jedoch nie das Bedürfnis verspürt sich dem Tabakkonsum hinzugeben. Vielmehr war der Kaffee sein Laster geworden.
Während den ersten Zügen sagte keiner von beiden ein Wort. Gilbert starrte in die leere Straße und beobachtete wie eine Katze über die Mauern auf der gegenüberliegenden Straßenseite huschte. Roderich wiederum, ließ seinen Blick über die Gestalt seiner Nemesis gleiten. Er hatte sich nie wirklich die Zeit genommen Gilbert in alle Ruhe anzuschauen, warum auch? Meistens war er eher damit beschäftigt den Weißhaarigen nicht ungespritzt in den Boden zu rammen (und dabei auf seine guten Manieren zu vergessen). Dass Gilbert ein Faible für Uniformen hatte wusste er schon aus den Tagen des Schlesienkrieges. Doch ihm war nie aufgefallen, dass er mit seinem Bruder verglichen, viel schmaler gebaut war. Jedoch ohne was Feminines zu haben. Doch die Tatsache, die ihn wirklich frappierte war, dass Gilbert noch bleicher als sonst aussah, was ihn ausgezehrt und knochig erschienen ließ.
"Bist du jetzt endlich fertig meinen großartigen Rücken zu begaffen.", schnarrte Gilbert als er eine neue, kleine Wolke in den Nachthimmel ausstieß. Roderich schreckte kurz hoch. Seine Wangen färbten sich kurz rot. Nicht das er an was Anzügliches gedacht hatte, doch ertappt zu werden wie er den andern musterte, der noch zu allem Überfluss derjenige war welcher ihn die letzten Jahrhunderte drangsaliert hatte, war ihm irgendwie peinlich.
"Sag jetzt nicht, dass ich dir gefalle?" Gilbert hatte sich nun zum Braunhaarigen gewandt, wobei er den linken Arm lässig mit der brennenden Zigarette aus dem Fenster hielt. Ein spöttisches Grinsen legte sich auf die Züge des Preußens. Ein Lächeln, welches früher ein Dauerzustand bei dem Albino war, doch nun seit ihrem ersten Wiedertreffen, heute Abend, öfters verschwunden war. Roderich spürte wie sich das Rot auf dem Gesicht intensivierte und nun das Blut in den Ohren zu Rauschen begann.
„Nein, sag nichts ich weiß selber, wie herrlich meine Großartigkeit ist."
„Wo denkst du hin! Als würde ich etwas an einen Saupreuß wie dich finden. „ Er schüttelte sich gespielt vor Ekel und drehte sich demonstrativ vom Albino weg, um aus dem Beifahrerfenster hinaus zu sehen. Nein, es war auch nicht so dass er sich schämte wenn ihm ein Mann gutgefiel. Erstens war er wie viele andere Nationen bisexuell und zweites hatte er schon manch eine Affäre mit Angehörigen männlichen Geschlechtes hinter sich. Plötzlich spürte er wie sein Arm gepackt wurde. Bevor er wirklich begriff was geschah war, befand er sich zwischen den Preußen, welcher sich nun über ihn beugte und der Lehne seines Sitzes eingeklemmt. Genervt versuchte er den Preußen von sich runterzustoßen, doch dieser hielt seine eine Hand noch immer fest im Griff und stütze sich mit seinem ganzen Gewicht auf die andere.
„Komm schon, Sissy. Ich weiß dass es nicht dein erstes Mal wäre, das du etwas mit einem Mann hättest. Tony hat mir so einiges pikantes über euch erzählt. Du weißt schon… zu der Zeit, wo man euch beinahe als verheiratet ansehen konnte." Gilbert grinste dreckig. Roderich unterdessen fluchte etwas im tiefsten Wienerisch. Warum hatte Antonio nicht einfach seine verdammte Klappe halten können. „Geh gefälligst runter von mir, verdammter Piefke."
Gilbert nährte sich seinem Gesicht. „Ich muss gestehen, ohne Brille, hast du mir wesentlich besser gefallen."
Wie das Kanikel, welches sich plötzlich von einem Scheinwerferlicht erfasst fühlt, erstarrte die halbherzige Gegenwehr des Braunhaarigen. Mit schreckgeweiteten Augen sah er in die seines Gegenüber. Dieser war ihm eindeutig zu nahe. Er konnte den Atem, welcher über seinen Hals strich spüren, das langsame Ein- und Ausatmen des anderen fühlen, welches im krassen Gegensatz zu seinem Herzschlag stand. „Nun, wie schaut's jetzt aus, Sissy?", hauchte ihm seine Nemesis ins Ohr. Ein leichtes Schauern glitt ihm über den Rücken. Versucht einen entnervten Gesichtsausdruck auf zu setzen, drehte Roderich den Kopf weg und sah starr auf den Gehsteig. Gilbert lachte leise sein typisches Lachen. Er hatte schon immer seine Freude gehabt, wenn er das Gefühl bekam Macht über seinen pianospielenden Rivalen aus zu üben zu können, auch wenn er sich eingestehen musste dass ihm das Ausbleiben des erwarteten Wiederstands, seine Zufriedenheit trübte.
Während Gilbert damit beschäftigt war sich an seiner Situation zu laben, merkte Roderich wie ein Mann die Straße hoch kam. „Gilbert, geh nun gefälligst runter von mir. Es kommt jemand."
„Und? In wie weit soll das meine Großartigkeit stören, Sissy?"
„Hör mir zu, du Wappler, ich habe keine Lust so schnell wieder dort zu landen, wo du mich gerade rausgeholt hast. Die dort warten nur darauf etwas gegen mich in der Hand zu haben.", fauchte Roderich den Weißhaarigen ungehalten an. Dieser warf einen schnellen Blick nach hinten und glitt, dann vorsichtig auf seinen Platz zurück. Die Gestalt jedoch kam nicht weiter auf sie zu, sondern verschwand in die nächste Seitengasse. Roderich atmete erleichtert auf. Doch der Moment der Stille währte nur kurz.
"Sieh dich an Roderich, du weißt doch nicht mal mehr wer du bist. Der Roderich, welcher mir die letzten Jahrhunderte die Stirn geboten hat, hätte sich gewehrt." Gilbert nahm gelassen die Kippe, welcher er vorher auf den Aschenbecher gelegt hatte, wieder auf. Er musste gestehen dass für ihn die, von Beleidigungen nur so triefende, Gespräche mit dem Brillenträger, befriedigender gewesen waren.
„Die Nation von damals existiert nicht mehr, Gilbert.", antwortete Roderich nur knapp.
„Schwachsinn. Salzburg existiert auch schon lange nicht mehr als Fürstentum und ist bis zum heutigen Tage immer noch das gleiche Miststück geblieben.", murrte der Albino, als er eine weitere Wolke aus dem Fenster blies.
Roderich musste leicht lächeln. „Nun Theodors und meine Meinung von dir haben sich halt sehr auf die ihrige abgefärbt."
Ein Schnauben war die einzige Reaktion auf diese Erkenntnis und abermals etablierte sich ein Schweigen im Auto. Keiner von beiden ging auf den vorigen Augenblick ein, oder versuchte überhaupt ein Thema zu ihrer konfliktreichen Beziehung anzuschneiden. Jeder war in seinen eigenen Gedanken versunken, während die Zigarette immer kürzer wurde.

+„Haltet doch alle mal eure Goschen!"
Roderich starrte erstaunt zu Salvatria. Verwunderung machte sich auf seinem Gesicht breit. Den anderen ging es nach ihren Minen zu schließen, nicht anders. Der Stuhl der Salzburgerin war mit einem lauten Krachen hinten gekippt. Das geistliche Fürstentum war keine schüchterte Person und noch weniger konnte sie ihre Meinungen für sich behalten, doch zu erleben wie diesem Ausbund von Fröhlichkeit und Arroganz, der Geduldfaden riss, war ein Spektakel für sich. Augenblicklich war es ihm Saal still. Gilbert hielt noch immer Bayern am Kragen, die Hand zum Schlag erhoben und glotzte überrumpelt zu Braunhaarigen, ebenso wie Theodor. August, das personifizierte Sachsen, hatte aufgehört lautstark eine Keilerei unter den anderen anwesenden deutschensprachigen Nationen anzuzetteln. Selbst das Heilig Römische Reich schaute kurz auf, nachdem er seit Beginn der Sitzung, nur gedankenverloren in seinen Weinbecher gestarrt hatte. Brandenburg setzte sich wieder auf ihren Stuhl, nachdem sie vergeblich versucht hatte, ihren weißhaarigen Bruder daran zu hindern dem Bayern eine rein zu würgen. Katharina war hingegen erfolgreicher gewesen. Die Kärntnerin hatte es, mit ein wenig Hilfe ihrer steirischen Schwester, verhindern können, dass sich die Tirolerin, in die Schlägerei von Bayern und Preußen eingemischte und somit beiden viel Schmerz erspart. Nur Lichtenstein und Vorderösterreich saßen immer noch ganz ruhig auf ihren Platz und sahen erleichtert zu ihrer Sitznachbarin auf. Die plötzliche Stille wurde nur noch von aufgeregten Gezwitscher Gilbrid unterbrochen, welcher hektisch um den Kopf Bayerns kreiste.
„Der reinste Kinderhaufen seit ihr! Ihr wollt Männer der Geschichte sein? Ich sehe nur eine Bande, jahrhundertalter Rotzbengel vor mir. „, grollte die Salzburgerin mit zornigen Blick. „Wenn ihr nicht innerhalb von Sekunden euch wie Erwachsene benehmt, dann Gnade euch Gott und alle Heiligen! HABEN WIR UNS VERSTANDEN!", fauchte sie die anwesende Gesellschaft an und ließ keine Zweifel das demjenigen ein schlimmes Schicksal erfahren werde, wer sich weigerte ihren Anforderung Folge zu leisten. Um ihre Worte zu unterstreichen schlug sie mit der geballten Faust auf die Tischplatte.
Während der Klang des Schlages im Raum verhallte, wurden in Windeseile Stühle wieder aufgestellt, Halstücher zu recht gezupft, Weinlachen beseitigt und die zugewiesenen Plätze wiedere eingenommen. Würzburg war dabei noch geistesgegenwärtig genug, den umgekippten Stuhl der Salzburgerin aufzustellen und in ihr höfflich zuzuschieben als sie sich wieder hinsetzte.
„Geht doch.", knirschte sie gefährlich und wandte sich an ihrem Bruder. „So, du kannst nun weiter reden, Bruder."
Roderich nickte anerkennend und ließ seinen Blick über die Anwesenden streichen. Manche von ihnen waren dem Reich zugehörig, wie er, manch andere aber waren aber von außerhalb gekommen, wie Ivan, welcher noch immer lässig sich gegen die Tür lehnte und mit Belustigung in den Augen die Versammlung vor sich beobachtete. Roderich hatte ihm zwar angeboten sich zu ihnen an den Tisch zu gesellen, doch der Russe hatte es höflich aber bestimmt abgelehnt.
„Gut nachdem sich die Gemüter beruhigt haben. Können wir fortfahren." Er richtete sich seine Brille, bevor er den Faden wieder aufnahm. „Wir müssen endlich zu einer Entscheidung kommen wie wir mit der Bedrohung aus Frankreich umgehen. Wenn wir uns nicht rechtzeitig um diese revolutionäre Meute kümmern, könnte es sein das dieses französisches Pak auch unsere Länder überrollt und die alte Ordnung zersetzt… "
„Dann aufs Maul!", donnerte August und schlug mit der geballten Faust auf den Tisch. Die Gläser begannen zu klirren. Ein scharfer Blick von Salzburg, dessen Wutanfall immer noch nicht gänzlich abgeklungen war, brachte den aufschäumenden Sachsen zu Schweigen. Roderich konnte sehen wie Ivan ein spöttisches Grinsen aufgesetzt hatte. Er hasste dieses Lächeln, doch irgendetwas sagte ihm das er den Aschblonden in Zukunft noch brauchen würde. Ein paar Stühle weiter massierte sich Salvatria die Schläfen und murmelte mehr zu sich selbst als für die anderen. „Kann mir bitte noch einer sagen, wie dieses Affentheater es geschafft hatte die letzten Jahrhunderte weiterzubestehen?" +

Nachdem Gilbert die Kippe aus dem Fenster auf die Straße geschmissen hatte, stieg Roderich endlich aus. Mit schnellen Schritten umrundete er das Auto und wollte Gilbert aus Höflichkeit(, und zwar nur aus Höflichkeit!,) noch einmal danken, doch dieser stieg zur größten Verwunderung des Braunhaarigen ebenfalls aus. „Was ist?", fragte er mit einem leicht genervten Unterton, als er das misstrauische Gesicht des anderen sah.
„Warum fährst du nicht weiter?" In Roderich begann ein fruchtbarer Verdacht zu keimen.
„Gilbert, wo hast du dich einquartiert?", fragte er argwöhnisch.
„Na weißt du… ich habe gedacht, ich könnte, jetzt wo ich dich aus der Zelle geholt habe…"
Der Weißhaarige wollte weiterreden, doch Roderich schnitt ihm das Wort ab.
"Ich sage es nur einmal, Gilbert... VERGISS ES!"

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Geschichtlicher Kontext:
Nach dem Napoleon erneut Kaiser Franz II 1805 im Krieg geschlagen hat, wurde im Dezember 1805 ein neuer Friedensvertrag ausgehandelt (der letzte datiert von 1801). Der Frieden von Preßburg traf das österreichische Kaisertum hart. Die beim letzten Frieden bekommen Ländereien wurden eingezogen und zusätzlich verlor Österreich weitere Territorien. Vor allem der Verlust von Tirol und Voderrösterreich (das frühere Vorarlberg) an Bayern, welche die Franzosen gegen Ö. unterstützt haben, war ein schwerer Schlag. Ein Trostzuckerl welches der französische Kaiser seinen Konkurrenten zusprach, war das Salzbugerland, welches seit seiner Auflösung als geistliches Fürstentum unter die Herrschaft der Franzosen gefallen war. (Nach vier Jahren jedoch musste aber auch Salzburg aus dem österreichischen Länderverband austreten.)