1. Kapitel
Who needs a fob watch?

„Ich habe diese Frau wieder getroffen", sagte Lucinda, als sie das Haus betrat. „Sie schritt über den Markt beim Kirchhof… lief wie jemand, der die Wunder der Welt kaum mehr begreifen kann. Wenn sie jünger wäre, Sir, würde ich jede Wette eingehen, daß ein Aug e auf Sie geworfen hat."

Jackson lachte. Lucinda Quinn führte ihm seit einigen Jahren den Haushalt. Er mochte sie. Es gab zwar nicht jene starke Bindung zwischen ihnen wie er sie mit Rosita gehabt hatte, doch Rosita war sein Companion gewesen. Lucinda dagegen war nicht nur in einem wesentlich gesetzteren Alter. Sie besaß auch eine strahlende Lebensfreude, die Rosita in ihrer Ernsthaftigkeit fehlte. Seit Rositas Hochzeit kam sie mehrere Tage die Woche in sein Haus kochte, putzte, kümmerte sich um ihn und versorgte ihn mit all jenem Klatsch, den die Gemeinde hergab.

„Lachen Sie nicht", erwiderte Lucinda und verschwand mit ihren Einkäufen in der Küche.

Jackson erinnerte sich an jene Frau, von der Lucinda gesprochen hatte. Sie war, wie man hörte, seit vielen Jahren ein Mitglied der Kirchengemeinde, zu der auch er gehörte. Man sagte, sie sei aus dem Norden nach London gekommen. Niemand kannte sie oder ihre Familie. Man wußte nicht, woher ihr Vermögen stammte, doch mußte sie ein beachtliches besitzen, denn sie lebte gut in einem stattlichen Anwesen namens Millennium Manor.

Jackson selbst war erst durch Lucindas Bemerkung auf jene Fremde aufmerksam geworden. Er konnte nichts Seltsames an ihr finden. Sie war eine Frau, die ihre besten Jahre bald hinter sich lassen würde, doch man konnte sicher sein, daß ihre Schönheit, wenn überhaupt, dann nur ein wenig verblassen würde. Ihr offenes Gesicht hatte nicht jenen Ausdruck von unbändigem Wissenshunger, den Jackson an Caroline so geliebt hatte, doch bisweilen lag auf ihm eine Spur von weltläufiger Erkenntnis. Es schien die Erfahrung von Äonen zu sein.

Es läutete. Lucinda , die gerade wieder aus dem Rückweg aus der Küche war, öffnete. „Ein Bote hat einen Brief für Sie abgegeben", sagte sie. „Er kommt von Millennium Manor." Sie dehnte die letzten Worte, so daß sie das „Habe ich es nicht gleich gesagt." gar nicht aussprechen mußte.

Der Brief enthielt eine Einladung zum Lunch auf Millennium Manor für den folgenden Tag, einen Sonntag. Es sollte ein Treffen geben, bei dem einige Angelegenheiten der Gemeinde besprochen werden sollten.

„Werden Sie hingehen?", fragte Lucinda.

„Das muß ich wohl", entgegnete Jackson. „Ansonsten werden wir vielleicht nie erfahren, ob Ihre Theorie über die Ambitionen jener Dame richtig sind, Lucinda." Der Gedanke an ein Essen im Kreise der erhabenen Gemeindemitglieder erheiterte den Mathematiklehrer aus Sussex. Gehörte er bereits zu jenem betagten Lehrpersonal, das zwischen dem Pfarrer und den grauköpfigen Matronen saß, um Themen von mittelmäßiger Bedeutung zu diskutieren? Nun, er würde das mit Frederic besprechen, wenn sein Sohn das nächste Mal nach Hause kam.

„Ich bin nicht neugierig", gab Lucinda unterdessen schnippisch zurück, „sondern wollte nur wissen, ob ich morgen ein Mahl für Sie bereiten soll oder nicht."


Millennium Manor war bereits von außen ein beeindruckendes Gebäude. Auch der Garten davor strahlte Macht und Geld aus. Eine beeindruckende Anzahl an Grüntönen zeigte sich in den unterschiedlichsten Pflanzen. Bäume und Sträucher, mustergültig gepflegt, säumten die Auffahrt, die Jackson Lake zu Fuß hinaufstieg.

Er hätte dem Rat von Lucinda entsprechen und sich für den Weg eine Kutsche mieten können, doch dieser Tag war mit seinem Sonnenschein und der milden Luft zu schön, als das er auf einen kurzen Fußmarsch nach dem Gottesdienst hätte verzichten mögen, und er war nur ein klein wenig außer Atem geraten.

Jackson beendete seinen Weg durch den parkartigen Garten und trat vor die Haustür. Auf sein Klopfen öffnete ein livrierter Diener, der ihn mit gelangweiltem Blick musterte.

„Jackson Lake", stellte sich der Besucher vor.

Der Blick seines Gegenübers wurde noch einen Tick blasierter. „Sie werden im Salon erwartet", erwiderte der Lakai. „Folgen Sie mir bitte."

Das Innere des Hauses zeigte sich, nachdem Jackson sich an den Lichtwechsel gewöhnt hatte, als ebenso imposant wie die äußere Erscheinung. Mächtige Eichenmöbel säumten die Wände den Weg zur Halle, die sich schließlich mit ihren hohen Fenstern lichtdurchflutet, beinahe kirchenschiffartig vor dem Gast auftat.

„Hier entlang." Mit diesen Worten wurde Jackson durch eine Tür geleitet. „Mylady wird sofort erscheinen."

Nach der beeindruckten Halle wirkte der Salon im ersten Augenblick recht bescheiden, doch auf den zweiten Blick erwies er sich als exquisit eingerichtet. Die Stofftapetiere in einem zarten Grünton ergänzten sich gut zu den eleganten Möbeln in einer hellbraunen Färbung. Der Raum besaß eine ganz eigene Leichtigkeit und bildete so einen guten Kontrast zum Entree.

Über dem Kamin hing ein Porträt. Der in eine Art Richterrobe gewandete Mann darauf kam Jackson vage bekannt vor. Das gewinnende Lächeln und der triumphierende Gesichtsausdruck hätten eher einem Politiker gut zu Gesicht gestanden, denn einem Richter, aber den Juristen mochte Jackson ihm geradewegs abnehmen.

„Gefällt Ihnen dieses Bild?", fragte plötzlich eine weibliche Stimme.

Jackson fuhr herum. Hinter ihm stand die Hausherrin. Eine hochgewachsene Blondine, in deren sorgfältig aufgesteckten Haar sich bereits die ersten silbrigen Strähnen zeigten. Ihre blauen Augen leuchteten leidenschaftlich.

„Eine der wenigen Erinnerungen, die ich von Zuhause mit in dieses London bringen konnte. Kommt er Ihnen bekannt vor?"

Jackson verneinte. „Wer ist er?"

„Ein Visionär", gab sein Gegenüber zurück, „einer der größten Köpf Britanniens, aufgehalten allein durch die Torheit einiger weniger Ignoranten". Ihre Stimme klang für einen Moment bitter, doch sie fing sich rasch. „Lucy Saxon", stellte sie sich vor und reichte ihm die Hand zum Kuß.

Jackson deutete eine Verneigung an und stellte sich vor. „Die anderen treffen später ein?", fragte er anschließend, da ihm Smalltalk über das Wetter irgendwie nicht angebracht schien.

„Die anderen?", fragte Lucy Saxon zurück. „Oh, das müssen Sir mir nachsehen. Ich habe nur Sie eingeladen, denn es gibt etwas zu besprechen, das nicht für fremde Ohren bestimmt ist.

Postwendend fiel Jackson Lucindas Verdacht ein. Er errötete kurz, hatte sich aber umgehend wieder in der Gewalt.

„Sind Sie überrascht?". Ein helles Lachen begleitete diese Frage. „Nun, vermutlich sollte sich eine Dame meiner Schicht und meines Alters kaum zu benehmen. Das ist etwas, das ich mühsam habe lernen müssen. Manchmal jedoch…" Lucy lachte wieder. „Manchmal vergesse ich dies."

Jackson Lake fühlte sich zunehmend unwohl in seiner Haut. Er stellte durchaus noch immer eine stattliche Erscheinung dar. Es war nicht so, daß es in den vergangenen elf Jahren nicht die eine oder andere Frau mit der Chance, Mrs. Lake zu werden, gegeben hätte. So offensichtliche Avancen hatte ihm allerdings noch nie eine Dame gemacht. Er hüstelte verlegen, weil er nicht wußte, was er entgegnen sollte.

„Habe ich Sie in Verlegenheit gebracht?". Lucy klang amüsiert. „Verzeihen Sie mir. Ich denke, bevor wir über das sprechen, weshalb ich Sie heute hierher bat, sollten wir das Lunch einnehmen, zu dem eingeladen war."

„Ihren Arm", forderte sie und schritt an Jacksons Seite ins Eßzimmer.


Nach dem Essen wurde der Kaffee von jenem mürrischen Lakaien serviert, der Jackson bereits die Tür geöffnet wurde. Lucy Saxon bot ihm einen Platz in einem der Sessel gegenüber dem Kamin an. Sie setzte sich in den anderen.

Ihr Tischgespräch hatte zu Jacksons Erleichterung keinerlei Anzüglichkeiten oder Andeutungen enthalten. Man hatte sich tatsächlich über die Arbeit der Gemeinde unterhalten und über Möglichkeiten, deren karitative Bemühungen zu unterstützen. Anschließend schweifte das Konversation ab. Man sprach über Jacksons Arbeit als Lehrer und ein wenig über die Faszination der Mathematik.

Auf den ersten Blick mochte seine Gastgeberin keinen besonders scharfsinnigen Eindruck machen, doch sie war bei weitem nicht die schlichte Frau mittleren Alters, die sie anscheinend vorgab zu sein. Sie sei die jüngste Tochter von Lord Cole of Tarminister – Jackson hatte noch nie von der Familie gehört, doch das war bei seinen Interessen nicht außergewöhnlich – und habe die Roedaen Schule sowie St. Andrews besucht, hatte sie ihm während des Essens erzählt.

Jackson war überrascht gewesen. Es war außergewöhnlich, daß soviel Wert auf die Ausbildung einer jüngeren Tochter gelegt wurde, möge die Familie auch noch so reich und angesehen sein. Es war in den bessergestellten Kreisen immer noch üblich, die Mädchen eher günstig zu verheiraten, als sich um ihre Bildung zu sorgen. Caroline und er hatten in Bezug auf eine Tochter andere Pläne gehabt… doch schlußendlich war er nicht hier, um sich darüber Gedanken zu machen.

„Verzeihen Sie mir die Kühnheit", begann Jackson daher ein wenig zögernd. „Ich würde nun doch gern erfahren, weshalb Sie mich hierher gebeten haben."

Die erste Antwort war ein nachsichtiges Lächeln. Der Blick, der dem folgte, erinnerte Jackson unwillkürlich an den Doctor. Merkwürdig, er hatte seit einiger Zeit kaum mehr an jenen Reisenden zwischen Raum und Zeit gedacht.

„Sie sind seinetwegen hier", sagte Lucy mitten hinein in seine Gedanken und blickte hinauf zu dem Bild über dem Kamin.

„Seinetwegen? Aber wer ist er?" Jackson fühlte sich plötzlich verwirrt und unsicher.

Lucy erhob sich. Sie trat näher an den Kamin und legte ihre Hand auf den Rahmen des Gemäldes. „Mein Mann, Harold Saxon. Erinnern Sie sich nicht?"

Jackson war inzwischen auch aufgestanden. Etwas Seltsames ging hier vor. Er schüttelte den Kopf. Überrascht nahm er wahr, wie Lucy Saxon von dem Bild abließ und sich ihm näherte.

„Es ist ein Jammer.", flüsterte sie. Sie hob ihre rechte Hand und strich ihm durchs Haar. „All diese Jahre habe ich gewartet und gehofft. Endlich schien mir die Zeit reif, und nun können Sie sich weder an mich und noch an ihn erinnern."

Sie ließ von Jackson ab, ging auf einen kleinen Sekretär zu und öffnete eines der zahlreichen Fächer. Bei ihrer Rückkehr zum Kamin trug ein kleines Etui in der Hand.

„So ist es wahr. Jede Erinnerung geht erst einmal verloren," fuhr sie fort. „Du hast es schon einmal getan. Erinnerst Du Dich daran? Nein? Damals hattest Du eine Taschenuhr, und es hat ein ganzes langes Leben gedauert, bis Du Dich befreien konntest. Dieses Mal war es ein halbes Leben, doch glaube mir, es war sicherer so."

Jackson konnte nicht mehr tun als sie anzustarren. Wovon sprach diese Frau? Was wollte sie von ihm? Ihre Augen hatten einen abwesenden Ausdruck, dennoch schien sie genau zu wissen, was sie tat.

„Ich weiß, Du wirst nie mehr als Harry zu mir zurückkehren, doch Deine Seele ist noch ganz die gleiche", fuhr Lucy mit bedauerndem Unterton fort.

Unwillkürlich machte Jackson einen Schritt zurück, stieß aber nur gegen den Sessel, in dem er zuvor gesessen hatte. Sein Fluchtreflex wurde übermächtig. Seine Gedanken rasten. Wer wußte, daß er hier in diesem Haus war? Lucinda, doch die hatte ihren freien Tag. Würde sie die Polizei alarmieren, wenn er am nächsten Morgen noch nicht wieder zurückgekehrt war? War es dann vielleicht bereits zu spät für ihn?

„Furcht?", stellte Lucy fest. „Du fürchtest Dich. Oh, Du dummer, kleiner Mensch. Es wird Zeit, daß Du ihm Platz machst, auf das er zu mir zurückkehrt."

„Wer?", fragte Jackson mit Panik in der Stimme zurück.

Ohne weitere Worte legte ihm Lucy ihm das Etui in die Antwort. Als Jackson dieses öffnete, erblickte er darin einen großen, silberfarbenen Siegelring.