Im Schloss
„Hallo? Hermine hörst du mich?", benommen wachte sie auf. Das erste woran sie dachte war die Schreckensgestalt des Grindelohs und sie spuckte unweigerlich Wasser. Aber wie sollte das denn gehen, sie war doch Unterwasser? Verwirrt machte sie die Augen auf und erschrak fürchterlich.
Über ihr kniete Remus Lupin, ihr Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste und Werwolf. Fast schon automatisch schaute sie in den Himmel und suchte nach irgendwelchen Anzeichen für Vollmond, aber anscheinend war er noch nicht aufgegangen oder es gab heute keinen. Dann fiel ihr Blick wieder auf Lupin, der sie traurig aber besorgt ansah. „Nein, heute ist kein Vollmond, du hast nichts zu befürchten. Jedenfalls von mir nicht", sagte er. Er war nicht traurig darüber, dass er sich heute keiner schmerzvollen Verwandlung unterziehen musste, das war er nie, sondern dass immer alle erst an das eine dachten wenn sie ihn sahen. Er schaute wieder besorgt zu ihr.
„Kann ich dir irgendwie helfen? Ein Grindeloh hatte dich Unterwasser gezerrt, du warst anscheinend bewusstlos. Es ist schon halb Zehn und ich beginne meinen Rundgang immer bei den Ländereien, deshalb habe ich dich gesehen als du so nah am Wasser warst. Geht es dir gut?", fragte Lupin, ein bisschen nervös weil sie anscheinend unterkühlt war und einen Schock hatte. Hermine schluckte nur Wasser herunter und konnte nicht antworten, zu fest saß ihr der Schreck noch in den Knochen. „Es … es geht mir gut, Professor", brachte sie dann doch mühsam hervor, aber man sah ihm an dass er ihr das nicht abnahm. Er runzelte die Stirn und half ihr, sich gerade aufzusetzen. „Wieso warst du denn überhaupt noch so spät draußen und bist so nah ans Wasser gegangen?", fragte er jetzt. „Ich habe anscheinend die Zeit vergessen und es war ziemlich schön draußen", antwortete sie wahrheitsgemäß. Professor Lupin runzelte jetzt noch mehr die Stirn, das Ganze gefiel ihm nicht.
„Es hat fast Minusgrade!", ohne eine weitere Äußerung fasste er ihr an die Stirn und mit einem bestätigten Gesichtsausdruck sagte er: „Du hast Fieber. Ich bringe dich mal lieber in den Krankenflügel, wahrscheinlich ist es nur eine Erkältung, aber weil du jetzt noch zusätzlich unterkühlt bist solltest du dich schonen. Tauchgänge sind da nicht so empfehlenswert", sagte er, schmunzelte dabei und half ihr wieder auf. Sie fröstelte als sie von Wind getroffen wurde, denn sie hatte ihren Umhang nicht dabei. Sie hustete, zog sich dann ihre Socken und Schuhe wieder an und dachte die ganze Zeit daran, wie blöd sie doch war. Lupin hatte ihr dabei zugesehen und musterte sie, wie sie so dastand, zitterte und nicht wusste was jetzt kam.
„Hier, du kannst meinen Umhang haben, bis wir im Schloss sind. Und iss das", sagte er nun freundlich und gab ihr eine Tafel Schokolade. Sie entgegnete nichts, stattdessen zitterte sie am ganzen Körper. „Oh, tut mir Leid wie konnte ich das vergessen!", fügte er noch hinzu, sich über sich selbst ärgernd, sprach einen Trockenzauber und gab ihr ihren Zauberstab zurück den er vom Boden aufhob. Dabei bückte er sich und sie konnte an seinem Bein eine ziemlich große Wunde erkennen, die etwas ausgefranst war. Die Haut außen rum war ziemlich gerötet und das alles sah sehr schmerzvoll aus. Hermine sah ihn nur mit großen Augen an, während er sich seinen Umhang abnahm und ihr diesen vorsichtig umlegte. Der Umhang war aus robustem, aber trotz dem weichen Stoff und wärmte sie sofort. Verträumt kuschelte sie sich hinein als sie ein leises Räuspern von ihm vernahm.
Sie war immer noch etwas geistig abwesend. „Tschuldigung, Professor", nuschelte sie. Das Ganze war ihr ziemlich peinlich und sie wollte einfach nur noch ins Bett. Er sah sie nur leicht verwundert an, dachte sich aber nichts dabei. „Wir sollten jetzt lieber wieder zum Schloss gehen, es ist wirklich schon spät und du könntest dir sonst noch mehr einfangen, als du schon hast" wieder beäugte er sie besorgt. Jetzt drehte er sich um und ging langsam voraus, damit sie ihm folgen konnte ohne sich zu überanstrengen. Erst jetzt fiel ihr seine Wunde wieder ein, die sie eben gesehen hatte. „Sir, darf ich Sie etwas fragen?", bat sie ihn. „Aber natürlich, Hermine. Was ist denn?" „was ist das für eine Wunde an Ihrem Bein?". Er schwieg erst, dann antwortete er zögernd, als ob er es nicht wirklich preisgeben wollte: „Es ist beim letzten Vollmond passiert". Er schaute fast schon demonstrativ zu Boden um sie nicht ansehen zu müssen. Mehr konnte er ihr nicht sagen, denn er hatte schon seit einigen Monden eine ziemlich komische Veränderung an sich festgestellt. Immer nach Vollmond hatte er einige Wunden, die er sich anscheinend selber zugefügt hatte. Am ersten Morgen hatte er sich noch nichts dabei gedacht, aber als es sich immer wiederholte war er zu Dumbledore gegangen.
Drei Zitronenbrausebonbons später hatte dieser ihm vorgeschlagen, dass ihn doch mal jemand bei der Verwandlung beobachten sollte, um herauszufinden was immer mit dem Werwolf geschah. Erst hatte er das Angebot abgeschlagen, da es viel zu gefährlich für alle Anwesenden war und die Gefahr in seinen Augen zu groß wäre, weil er jemanden verletzen könnte. Aber dann hatte er schließlich eingewilligt, weil Dumbledore ihm die Gefahr aufzeigte die ihm durch diese Nächtlichen Verletzungen selber drohte. Zwar verheilten Verletzungen bei Werwölfen viel schneller als bei normalen Menschen, aber es könnte trotzdem ein gefährliches Maß annehmen wenn es so weiter ging.
Hermine war stehen geblieben und schaute ihn verzeihend an. „Das tut mir wirklich leid, Professor" Lupin blieb stehen und drehte sich wieder zu ihr um. „Das muss es nicht, Hermine du brauchst dir keine Sorgen zu machen". Er lächelte sie müde an. „Aber jetzt sollten wir langsam wirklich ins Schloss gehen, ich muss meinen Rundgang noch fertig machen und du gehörst ins Bett". Er reichte ihr noch eine Tafel von seiner berühmten Schokolade und machte sich jetzt endgültig auf den Weg ins Schloss, Hermine hatte zwar noch ziemlich viele Fragen, die ihr im Kopf herum schwirrten aber als sie ihn auf etwas ansprechen wollte schüttelte er nur den Kopf und ging den steinigen Weg weiter. Warum hatte er sie gerettet und ihr dann noch seinen Umhang geliehen? Jetzt musste ihm doch selbst unheimlich kalt sein? Außerdem hätte es ein Wärmezauber auch getan. Das sagte sie aber nicht laut, weil es unter dem Umhang sehr gemütlich war.
Unbewusst kuschelte sie sich wieder in den dunklen Stoff hinein und musterte ihren Lehrer. Er hatte wieder abgenommen, seine Haare waren wieder ein Stückchen mehr von Grau durchzogen und er sah allgemein ziemlich erbärmlich aus, wie er so durch die Kälte stapfte. Er bemerkte zwar, dass er von hinten gemustert wurde aber entgegnete nichts. Langsam wurde ihm auch ziemlich kalt, aber er ließ ihr seinen Umhang. Warum hatte er eigentlich nicht einfach einen Wärmezauber über sie gesprochen? Wärmezauber, gute Idee! Sein Gesichtsausdruck hellte sich kurzzeitig auf und er sprach einen. Keine Reaktion. Er versuchte es wieder und wieder, aber es kam keine Reaktion. Verwirrt runzelte er die Stirn aber er wollte nicht, dass Hermine hinter ihm etwas merkte. Er sprach einen unausgesprochenen Accio auf seinen eigenen Zauberstab und fühlte es in seiner Hand vibrieren. Also gingen die anderen Zauber. Er wunderte sich nicht weiter darüber und konzentrierte sich jetzt etwas mehr auf Hermine. Sie war in den Sommerferien gewachsen. 'Zum Glück hat sie inzwischen aufgehört zu zittern und schnieft nur alle paar Minuten, also ist es anscheinend nichts Ernstes', dachte er.
Jetzt waren sie beide am Hauptportal angelangt und gingen hindurch. Draußen war es inzwischen stockdunkel und Hermine war froh, wieder im Schloss zu sein. Im Nachhinein fand sie die Idee eines abendlichen Spazierganges bei der Kälte ziemlich absurd. Lupin hielt ihr das große Tor offen bis sie ganz drin war und auch er die Schwelle überschritten hatte, schloss es sich wenn auch nicht ganz ohne dabei ein bisschen zu knarren. Sie hielt seinen Umhang jetzt nicht mehr so verkrampft fest. Plötzlich hörten sie von links kommend Schritte und Hermine duckte sich instinktiv. Professor Lupin sprach „Lumos!" und sein Zauberstab erhellte einen Teil der Eingangshalle. Beide drehten sich in die Richtung und Hermine sah mit vor Schreck geweiteten Augen Severus Snape auf sich zukommen, der sie nur mit einer hochgezogenen Augenbraue musterte, kurz -fast schon verwundert- an dem Umhang hängenblieb und sich jetzt an Lupin wandte. Er hatte wie immer seinen schwarzen Umhang an, der jedoch ausnahmsweise nicht in der Gegend herumflatterte. Sofort verbot sie sich weitere Gedanken, das war jetzt nicht wirklich angebracht!
„Hallo Severus. Ich habe Hermine eben draußen gefunden und bringe sie jetzt in den Krankenflügel", sagte er so knapp wie möglich und nickte seinem Kollegen zu. Snape hatte anscheinend „gute" Laune, soweit man das bei ihm sagen konnte. „Nun, Lupin, was hat Miss Granger denn dazu veranlasst bei diesen Temperaturen draußen zu verweilen? Noch dazu nach 21 Uhr?". Snape hob wieder seine berühmte, obligatorische linke Augenbraue und sah die beiden abschätzend an. Dazu, dass Hermine Lupins Umhang um sich geschlungen hatte sagte er zum Glück nichts. „Ich ...", doch sie wurde von Lupin unterbrochen „Hermine wurde von einem Grindeloh angegriffen. Ich bringe sie jetzt lieber hoch, morgen ist Unterrichtsbeginn dieses Schuljahres, da sollte sie ausgeschlafen sein" er sah sie bestimmt und sogar ein bisschen entschuldigend an und fügte noch hinzu: „... und selbstverständlich wird sie eine angemessene Strafe erhalten". Snape musterte ihn jetzt anscheinend teilweise zufriedengestellt, beließ es aber noch nicht dabei. „Ich denke es wäre unverzeihlich, würde ein Wesen aus Hogwarts einen Schüler verletzen. Dabei fällt es doch gerade in IHREN Aufgabenbereich, dafür zu sorgen dass so etwas nicht vorkommt. Ich würde Ihnen raten, das morgen zu regeln, ansonsten muss ich es wohl in Erwägung ziehen den Schulleiter in Kenntnis zu setzen". 'Anscheinend hat er WIRKLICH gute Laune!' dachte Hermine jetzt. Sie hatte die ganze Zeit dagestanden und die beiden Professoren bei ihren „Verhandlungen" beobachtet. Hoffentlich ging das alles gut aus. Sie konnte doch nichts für diesen blöden Grindelohangriff!
Plötzlich musste sie sich an die Nase fassen. Schon seit sie durch das Portal gegangen war hatte sie so einen nervigen Reiz in der Nase gehabt. 'NEIN HERMINE! NICHT JETZT! OH BITTE NICHT! Warum passiert so was eigentlich immer MIR?' Aber da war es schon geschehen. Sie schloss reflexartig die Augen und ein sehr lautes „HATSCHI!" hatte sich den Weg nach draußen gebahnt. Beide Professoren schauten nun überrascht zu ihr und Lupin entgegnete Snape schnell: „Severus, ich werde das natürlich morgen regeln, aber Hermine sollte jetzt wirklich schlafen gehen, und zwar im Krankenflügel". Er schaute wieder besorgt zu ihr und war im Begriff weiterzugehen, doch als Snape sich schon abgewandt hatte und einige Schritte gegangen war, drehte sich dieser noch einmal um und Hermine erschrak sich deshalb fürchterlich. „Achso, Lupin", sagte er nun mit einem fiesen Grinsen im Gesicht „der Krankenflügel ist leer, Poppy ist nicht da". Dann wandte er sich vollständig in die Richtung des Kerkers und ließ das Licht seines Zauberstabs erlöschen. Hermine kam sich jetzt vollkommen verloren vor, wohin sollte sie denn jetzt? Lupin sah sie abschätzend an. „Hmmm..."
