Disclaimer: Alles gehört Tolkien. Alles? – Nein, nicht alles, aber das, was ihm gehört, hab ich echt nur geliehen und gebe es auch wieder zurück.

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A/N: Amélie hat wie immer gefindelt und dabei besonders sorgfältig gekämmt. Offenbar kappt auch ‚drei Punkte hintereinander'. Das dürfte der Grund sein, warum nicht gekennzeichnete Satzfragmente im letzten Kapitel aufgetaucht sind. Ich habe noch keine Ahnung, wie wir dieses Problem lösen.

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2. Kapitel: Gesandte

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Über der Ebene tobte seit zwei Tagen ein Schneesturm. Nicht der erste in diesem Winter und wohl auch nicht der letzte. Die Valar zürnten dem Land. Möglich war allerdings auch, dass das Land selber versuchte, die drohende Veränderung doch noch aufzuhalten.

Haldir gefiel allerdings die erste Variante besser. Zu ihr passte auch, dass der Sturm dem Wald nichts anhaben konnte. Wo die weißen Böen auf den unsichtbaren Ring trafen, der Taurhoss und das anliegende Arenor schützte, bauten sich die hartgefrorenen Flocken zu einer Wand auf, bevor sie schmolzen und zu Boden rutschten.

Taurhoss hingegen erlebte einen Winter, der sich wohl in nichts von denen der Jahrtausende davor unterschied. Schnee fiel nur wenig auf die Mellyrn, den weichen Waldboden erreichte fast gar keiner. Die goldenen Blätter der Bäume, die erst im Frühjahr fallen würden, wenn das neue Laub bereits sichtbar war, bewegten sich nur sacht in einer leichten Brise.

Auch von dieser war oben in Tirnos Krone nichts zu spüren. Völlige Ruhe umgab den Elb, der zum ersten Mal diesen Turm aufgesucht hatte. Er stand an einem der Hauptäste, die Hand auf den warmen, weißen Stein gelegt. Während seine Augen den Wald überblickten, suchten andere, feinere Sinne nach Zeichen, dass dieser gewaltige Turm einst ein Maia gewesen war, der niemals festere Formen als die eines Wasserstroms angenommen hatte. Oryn hatte all seine Macht und Kraft darin gelegt, diesen Turm aus sich selbst heraus zu erschaffen.

Ausgerechnet der Maia, der durch seine Natur die Veränderung so liebte, war nun ein festes, gewaltiges Bauwerk, strahlend weiß wie der Winterstein, in den er einstmals von Melkor gefangen genommen worden war. Er hatte ein Gefängnis gegen das andere getauscht, freiwillig diesmal, aber ein Gefängnis war es dennoch.

Unter Haldirs Hand schien sich Leben zur rühren. Er spürte eine nachsichtige Belustigung, die ein schwacher Abklang von Oryns immer so heiterem, lebhaftem Spott war.

Es war kein Opfer, Waldelb, machte sich der Maia Ulmos dann seinem Geist bemerkbar. Und es ist auch nicht für eine Ewigkeit.

„Aber vielleicht für lange Zeit", murmelte Haldir, ohne den Blick von den Mellyrn zu nehmen.

Was ist eine lange Zeit? Tausend Jahre sind für einen Menschen eine Ewigkeit, für dich nur ein Teil deiner Lebensspanne, den du bereits mehrfach zurückgelegt hast. Für mich sind tausend Jahre ein Wimpernschlag, ein Akkord in einer Melodie, wie du sie so herrlich noch nie vernommen hast.

„Du hast die Veränderung geliebt, Oryn", widersprach Haldir. „Jetzt bist du hier gefangen. Tausend Jahre können dann sehr lang werden."

„Findest du?"

Beim Klang der Stimme hinter ihm fuhr Haldir herum. Seine Augen weiteten sich, als er Oryns vertraute, gläserne Gestalt mitten in der Quelle erblickte, die im Boden der Krone entsprang. Der Maia machte eine übertriebene Verbeugung.

„Ich bin nicht völlig verändert", meinte er und ein breites Grinsen erschien auf seinen durchscheinenden Zügen. „Zwar kann ich den Wächterturm nicht mehr verlassen, aber die Quelle ist recht unterhaltsam. Sie kennt jedes meiner Kinder hier auf Escalonde und berichtet mir von allem. Sie kennt auch die Quellen auf Arenor und berichtet mir von dort."

Mit einem Kopfschütteln verließ Haldir den Platz am Rand des Turms und überquerte das ebene Kroneninnere, bis er am Rand des Quellbeckens stand. „Ich hätte wissen müssen, dass niemand dich zur Bewegungslosigkeit verdammen kann."

Oryn zog eine Grimasse. „Melkor ist es eine Weile gelungen. Du solltest also vorsichtig mit dem Wort niemand sein."

„Am Ende ist er an dir gescheitert", schmunzelte Haldir. „Wie gefällt dir deine Aufgabe als Wächter über die Lichtbringer und ihre Verbündeten?"

„Hast du deine Aufgabe also akzeptiert?"

„Hatte ich eine Wahl?"

„Die habt ihr immer, auch wenn es euch nicht klar ist." Oryn legte den Kopf etwas zur Seite. „Nun, du vielleicht nicht. Du würdest dich niemals für die Dunkelheit entscheiden, auch wenn das Licht noch so schmerzlich ist. Da bist du wie viele, die auf Arenor endeten. Ihr seid wirklich Lichtbringer. Ihr tragt es in euch. Eure innere Schönheit ist beeindruckend."

„Zurzeit hilft es Escalonde nicht sehr viel", wechselte Haldir das Thema. Oryns offene Bewunderung war ihm mehr als unangenehm. „Hast du schon gehört, was wir vor uns haben?"

„Ihr wollt wieder hinaus." Oryn tauchte kurz in die Quelle, um sich sofort wieder an ihrem Rand genau neben Haldir zu erheben. Seine fließenden Umrisse zeigten nun einen hochgewachsenen Mann in schwerer Rüstung. „Das ist kein leichtes Unterfangen. Raynulf wird euch voller Misstrauen begegnen."

„Raynulf?"

„Der Reichsvogt des Südwestens. Er und seine Landvögte haben wie es scheint in den letzten Jahrhunderten ein besonderes Geschick entwickelt, den Bergherren zu dienen und sich dennoch ihre Unabhängigkeit zu bewahren." Oryn seufzte und kleine zittrige Wellen bewegten seinen Brustkorb. „Nur weil er mit euch redet, bedeutet dies nicht, dass er euch auch Unterstützung gewähren wird. Es wird ein hartes Stück Arbeit, ihn von einer Allianz zu überzeugen."

„Dorian drückte es hoffnungsvoller aus."

„Dorian ist ein Sterblicher und einer, der nun voller Glauben an eure Unbesiegbarkeit ist." Oryn machte eine wegwerfende Handbewegung. Eine Spur Wassertropfen zog sich danach wie eine dunkle Perlenkette über Haldirs gefütterte, weiße Wildlederjacke. „Er glaubt, dass euch alles gelingen kann."

Ein Glaube, der wenigstens zurzeit wohl durch nichts zu erschüttern war, stellte der Waldelb kurz darauf fest, als er das Hüttendorf erreichte, das Arenors Verbündete ganz in der Nähe Tirnos auf dem Waldgrund errichtet hatten. Dorian hockte auf einer großen Kiste am Dorfrand und beobachtete erheitert die nicht sehr erfolgreichen Versuche Andoris', seinem Freund Iven die elbische Kunst des Schwertkampfes näher zu bringen.

Als der Sterbliche Haldir entdeckte, hob er grüßend die Hand, Zuversicht leuchtete aus seinen gelben Wolfsaugen. Haldir nickte nur wortlos und beschränkte sich ansonsten darauf, den reichlich ungleichen Übungskampf zu beobachten.

Es war beinahe lächerlich, wie der Zwerg versuchte, sich gegen die noch sehr zurückhaltenden Attacken des jungen Elben zur Wehr zu setzen. Er war ihm weder an Gewandtheit noch an Reichweite gewachsen. Wenn Andoris nur gewollt hätte, wäre Iven schon nach wenigen Atemzügen entwaffnet und besiegt gewesen. Doch der Waldelb hätte niemals das ohnehin zerbrechliche Selbstbewusstsein seines zwergischen Freundes verletzt. Außerdem half es wenig, den Zwerg so zu frustrieren und ihm jeden Glauben an sich zu nehmen. Sollten sie draußen im Land in einen Kampf verwickelt werden – und es gab kaum etwas, das Haldir weniger bezweifelte – brauchte Iven alles Selbstvertrauen, um ihnen eine Hilfe zu sein. Oder um wenigstens keine allzu große Last für seine Begleiter darzustellen.

Cric gesellte sich zu ihm. „Seine Tapferkeit ist groß, auch wenn seine Fertigkeiten sie wohl nie erreichen werden."

„Es reicht schon, wenn er sich nicht selber verletzt", seufzte Haldir und schenkte dem Ihainym einen fragenden Blick. „Du bist wohl nicht nur hier, um dir die Zeit zu vertreiben."

„Ihr seid alle so scharfäugig", kicherte Cric mit einem Augenzwinkern, um sofort wieder ernst zu werden. „Der Lei will dich sprechen. Er bittet dich in den Hort. Alleine, elbischer Freund der Ihainym."

„Alleine?" echote Haldir irritiert und unwillkürlich wanderte sein Blick zu den grüngolden gestreiften Zelten am Rande des Hüttendorfes, in denen die Gesandtschaft untergebracht war. Es waren Überbleibsel der Schlacht um den Wald vor einigen Monaten.

„Sie kann nicht mit", erklärte Cric etwas unbehaglich. „Was Lei-Tox dir zu sagen hat, ist nur für deine Ohren bestimmt."

„Diese Geheimniskrämerei gefällt mir nicht, Cric."

„Ich bitte dich dennoch, mich zu begleiten. Vertrau mir, Herr von Ithuris. Nichts Verwerfliches wird an den Worten sein, die Lei-Tox zu dir sprechen wird."

Haldir gab sich einen Ruck. Und selbst wenn, es war schließlich ihm überlassen, wenn er Ayla sofort davon unterrichtete.

Der Weg zum Hort der Ihainym führte durch die Kronen der Mellyrn. Haldir bewegte sich auf nur allzu vertrautem Terrain. Die Mellyrn mochten ihre Kronen hoch über dem Boden erstrecken, aber ihre Äste waren breit wie Feldwege und ineinander verflochten. Es war eine so ganz eigene Welt dort oben, die Haldir Zeit seines Lebens schon vertraut war. Taurhoss war dem Goldenen Wald sehr viel ähnlicher als Ithuris und dennoch auf eine eigene Art sehr fremd. So hätte der Goldene Wald sein können, wären nicht die Unbillen Mittelerdes immer über ihn hinweggefegt und so hätte er sein können ohne die doch immer ordnende Hand der Lady Galadriel.

Leichtfüßig und sicher bewegte sich Haldir hinter dem spinnengleichen Ihainym her, der noch ein Stück über ihm ganz andere Wege durch die Kronen fand. Natürlich nahm er sich zurück in der Geschwindigkeit, mit der er sich bewegte, denn selbst der Waldelb hätte diesem Geschöpf niemals wirklich folgen können. Bei aller Unruhe über die seltsamen Umstände des Gesprächs spürte der Elb dabei, wie er sich zusehends entspannte. Diese eine, von keinem Wort gestörte Stunde in den Mellyrn nahm viel von der Last weg, die sich in den vergangenen Monaten zu einem beinahe unüberwindlichen Berg aufgetürmt hatte.

Sehr viel zuversichtlicher als noch bei seinem Aufbruch erreichte Haldir die verwobenen Kronen, auf denen die Ihainym ihren Hort errichtet hatten. Die Begrüßung war freundlich wie immer und doch entging ihm nicht, dass auf dem einen oder anderen Ihainym-Gesicht der kaum merkliche Schatten von Kummer lag. Er schob es auf die zurückliegende Schlacht, in der die Leben von Ihainym und Mellyrn gleichermaßen hatten geopfert werden müssen. Beides schmerzte auch ihn zutiefst. Der Anblick der verbrannten Bäume, die noch immer am Waldrand lagen, schnitt jedes Mal tief in sein Herz.

Haldir folgte Cric durch die bunte Stadt aus schmalen, hohen Häusern bis sie die irgendwie baufällige Hütte des Lei im Zentrum erreichten.

„Er erwartet dich", erklärte Cric und hielt mit einer leichten Verbeugung den verblichenen Vorhang beiseite, hinter dem die vertraute Dämmerung des Hütteninneren lag. „Ich bleibe in der Nähe und wann immer du zu deinen Freunden zurückkehren willst, werde ich zur Stelle sein."

„Ich finde den Rückweg schon", erklärte Haldir unwillkürlich.

Der Ihainym blinzelte ihm mit seinen leuchtenden Kupferaugen fröhlich zu. „Das weiß ich doch, Haldir von Ithuris. Aber ich bin so gerne in deiner Gesellschaft."

Mit einem leichten Kopfschütteln ging Haldir an ihm vorbei. Im ersten Moment erschien alles so wie er es auch bei seinen zurückliegenden Besuchen kennen gelernt hatte. Viele Möbelstücke gab es nicht, einige Körbe an den Wänden aufgereiht, die schmale Leiter, die in den ersten Stock hinaufführte und im Hintergrund des Raumes der von Sitzkissen umgebene sehr niedrige Tisch. Dort, halb verborgen im Rauch der Lichtschalen, saß Tox, der Lei der Ihainym. Erst vor wenigen Tagen war Haldir mit den anderen hier gewesen, ihm war nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Wie eine riesige Heuschrecke hockte der Lei mit angezogenen Beinen auf dem Boden, in eine bunte Decke gehüllt und mit den zwei langen Federn an seinem Kegelhut, die seine Ähnlichkeit mit einem Insekt noch verstärkten.

Doch nun spürte Haldir mit jedem Schritt, der ihn näher an dieses uralte Geschöpf brachte, eine seltsame Stimmung, die den Raum füllte und ihn gefangen nahm. Zögerlich ließ er sich auf einem der Kissen nieder und musterte forschend sein Gegenüber.

„Waldbeerenwein?" erkundigte sich Tox nach geraumem Schweigen mit der ihm so eigenen knisternden Stimme. „Du kannst ihn unbesorgt trinken."

Bei dem inzwischen schon zur Gewohnheit gewordenen Spruch lächelte Haldir etwas. „Danke, dein Wein ist immer sehr gut."

„Gelegentlich beruhigt er über alle Maßen", kicherte der Ihainym heiser. Er griff neben sich und stellte dann einen großen Holzbecher mit dunkelrotem Fruchtwein vor Haldir auf den Tisch. Ein leichtes Zittern seiner Finger verursachte winzige kreisförmige Wellen auf der Oberfläche der Flüssigkeit.

Haldir runzelte die Stirn, nahm jedoch nur stumm die Erfrischung an und trank einen großen Schluck. „Du wolltest also mit mir sprechen. Allein..."

„Als ob das wirklich möglich wäre", spottete der Lei freundlich. Er legte den Kopf etwas schief, die Federn wippten und er blinzelte langsam. „Du wirst an sie weitergeben, was ich dir nun erzähle. Ja, das wirst du wohl."

„Ich habe keinen Grund, es nicht zu tun."

„Woher willst du das wissen, Lichtbringer?" lautete die spöttische Gegenfrage. „Bist du so klug und weise, dass nichts mehr dich überraschen kann? Auch du hast Geheimnisse, die du mit niemandem teilst."

Haldir behielt seine unbeteiligte Miene bei. Er kannte Tox inzwischen gut genug, um sich nicht provozieren zu lassen. „Überlass das mir."

„Alles überlasse ich dir." Tox seufzte vernehmlich. „Ja, du wirst es an sie weitergeben, sie muss es wissen. Aber nicht sofort, glaube mir, Elb, manches braucht seine Zeit, um zu reifen. In dir. Bedenke es gründlich. Erst wenn du dich entschieden hast, werden die Dinge ihren Lauf nehmen."

„Ist das eine Warnung?"

„Warum sollte ich dich warnen?" Der Ihainym machte eine wegwerfende Handbewegung. „Du brauchst weder Rat noch Warnung von mir."

„Dann solltest du mir langsam erzählen, was dich so beschäftigt."

„Das werde ich", murmelte der alte Anführer der Ihainym versonnen. „Gewähre mir deine Aufmerksamkeit und auch dein Herz, Haldir von Ithuris. Ein Opfer oder ein Geschenk, am Ende kannst nur du allein es erkennen."

„Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich es hören will, Lei-Tox."

„Natürlich willst du es", war die belustigte Antwort. „Alt und erfahren magst du ja sein, Herr Elb, aber deine Neugierde ist nicht verschwunden über die Jahrtausende. Die Valar hätten dich nicht hergeschickt, wenn dieses Leben keine Wunder und Fragen mehr für dich hätte."

Es brachte wirklich nichts, ihn zu drängen. Der Ihainym hatte seinen eigenen Fluss der Zeit und so ließ sich Haldir einfach davon mittragen. In der Ruhe der Hütte, in ihrer nach Kräutern und Rauch duftenden Dämmerung verließ die Anspannung ihn und er wartete geduldig, dass Tox von dem zu sprechen begann, was ihm offenbar das Wichtigste war.

Stunden lauschte er dem sanften Flüstern, mit dem der Ihainym die Geschichte seiner Bäume und seines Volkes vor Haldirs Augen lebendig werden ließ. Tox berichtete von der Vergangenheit und auch von der Zukunft, die für ihn kein Geheimnis zu sein schien. Am Ende schließlich kehrte wieder Schweigen ein. Elb und Ihainym versanken für eine Weile in ihren eigenen Gedanken, bis der Lei einen Seufzer ausstieß.

„So kennst du nun alles und doch nur einen Bruchteil, Herr des Hellen Waldes, den meine Augen so sehr zu sehen wünschen. Bewahre es in deinem Herz und treffe die Entscheidung, wenn die Zeit gekommen ist."

Eine kurze Handbewegung und Haldir war entlassen. Ein sehr nachdenklicher Waldelb verließ dann die Hütte und blinzelte überrascht hinauf zum Nachthimmel. Er hatte gewusst, dass er lange bei Tox gesessen hatte, doch trotzdem war ihm die Zeit kürzer erschienen. Wortlos nickte er Cric zu, der wie versprochen ganz in der Nähe auf einer Bank vor einem der anderen Häuser geduldig gewartet hatte und sie machten sich beide auf den Rückweg. Haldir stand nicht der Sinn danach, sich mit dem Ihainym zu unterhalten und dieser akzeptierte dies ohne weiteres. Er brachte den Elb, der entgegen seiner Worte nun doch einen Führer benötigte, da er noch immer bei dem war, was ihm der Lei erzählt hatte und nicht auf den Weg achtete, sicher bis zu den Zelten, in denen die meisten Bewohner schon in tiefem Schlaf lagen. Cric verabschiedete sich mit einer Verbeugung, die bereits die Zeichen der Zukunft in sich trug und verschwand dann zwischen den mächtigen Mellyrnstämmen.

Ohne Überraschung entdeckte Haldir Aylas entspannte Gestalt in einem der Segeltuchstühle vor ihrem gemeinsamen Zelt. Sie deutete wortlos auf den zweiten Stuhl neben sich und reichte ihm einen Becher mit Wein.

„Ich war bei Tox", erklärte er, nachdem sie beide eine Weile friedlich zusammengesessen hatten.

„Das dachte ich mir", kam die ruhige Antwort. „Willst du darüber reden?"

Wollte er das? Haldir lauschte in sich hinein. „Nein, nicht jetzt. Es ist noch zu früh."

Er spürte ihren fragenden Blick und wandte sich ihr zu. Erebion hatte schon immer eine Schwäche für die Arenai gehabt, daran hatte sich auch als Stern nichts geändert. Sein Licht spielte mit ihren marmorblassen Zügen und ließ ihre Augen wie flüssiges Silber schimmern. Quecksilber, denn plötzlich trat ein mutwilliges Funkeln hinein.

„Also wieder einer dieser Momente", meinte sie voller Spott.

„Momente?" echote er, obwohl ihm bereits klar war, worauf sie hinauswollte.

„Du weißt schon...die Momente, in denen wir uns immer wünschen, dieser verdammte Winterstein mit Oryn darin wäre nie gefunden worden."

„Es kränkt mich, dass du solche Momente kennst, mein Herz." Haldir verschloss die letzten Stunden tief in seinem Geist. Er würde sich später damit befassen, jetzt interessierte ihn nur noch die Elbin an seiner Seite. Ihnen blieb selten genug Zeit für diese ungestörte Nähe.

„Ebenso viele wohl wie du", meinte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung.

„Du wünscht dir also dieses einsame, freudlose Leben in Arengard zurück?" Haldir streckte die Hand aus und fuhr mit der Fingerspitze den Schwung einer ihrer blauschwarzen Locken nach. „Langeweile, schlechtes Essen und einsame Nächte?"

Sie runzelte scheinbar überlegend die Stirn. „Du hast wohl Recht. Das Essen war früher eindeutig schlechter."

„Und deine Nächte?" fragte er mit einem zweideutigen Grinsen.

„Ruhiger", lachte sie leise. „Viel ruhiger."

„Zuviel Ruhe schadet der Seele. Das weiß doch jeder."

Ihre Antwort wurde nie ausgesprochen. Sie bemerkten beide gleichzeitig, dass etwas die friedliche Atmosphäre des Zeltlagers störte. Haldir konnte nicht einmal genau erklären, was ihn aufmerksam machte, doch es war da. Die Veränderung, die von einem Atemzug zum anderen auch bei Ayla dazu führte, dass sie wieder ganz die Schildmeisterin der Arenai war, bewies ihm, dass er sich nichts einbildete.

„Ich hätte nicht von Ruhe reden sollen", murmelte er freudlos, bevor er sich erhob.

Ayla zuckte nur kurz die Schultern und verschwand im Zelt. Kurz darauf war sie wieder da, ihrer beider Schwertgürtel in der Hand. Haldir hob die Brauen, nahm aber seine Waffe und legte sie an.

„Überraschungen auf Escalonde sind niemals nett und friedlich", erklärte Ayla und rückte Tirno zurecht. „Aber tröste dich, so schlimm wird es wohl nicht werden, sonst hätte ich auch noch deinen Bogen mitgebracht."

Sie brauchten wirklich nicht lange zu warten. Ayla hatte gerade Stellung an Haldirs linker Seite bezogen, als zwischen den Zelten drei Gestalten aus der Dunkelheit auftauchten. Einer davon war eindeutig ein Ihainym, die zweite bekannte Gestalt einer von Dorians Breill. Interessant war nur der Dritte, den die beiden zwischen sich führten.

Haldir unterdrückte einen Seufzer, während das Trio langsam näher kam. Warum waren sie sich immer so ähnlich, diese Sterblichen? Nicht nur das heruntergekommene Äußere des Neuankömmlings glich dem vieler anderer, denen er schon begegnet war, auch der trotzige Gesichtsausdruck sprach mal wieder Bände.

„Ich riech ihn bis hierher", murmelte neben ihm Ayla kaum hörbar. „Hoffentlich hat er einen guten Grund, mitten in der Nacht zu stören oder ich lass ihn im nächsten Weiher ertränken."

Ein leichtes Räuspern musste Haldirs Drang verdecken, laut aufzulachen. Mittlerweile liebte er ihre bösen Kommentare regelrecht. Allerdings war ihm dabei auch immer klar, dass die Arenai an seiner Seite nur selten wirklich Scherze machte. Bei ihr war durchaus damit zu rechnen, dass sie solche Ankündigungen auch in die Tat umsetzte.

„Wir haben ihn am Waldrand aufgegriffen", verkündete der Breill, kaum war die Gruppe bei ihnen angekommen und stieß den Sterblichen etwas auf sie zu. „Er behauptet, eine Nachricht zu haben."

„Das behaupte ich nicht nur!" fauchte sein Gefangener wütend und riss seinen Arm aus dem Griff des Breill los. „Ich will euren Anführer sprechen."

Ayla machte keinerlei Anstalten, sich auch nur einen Fingerbreit zu rühren. Nicht, dass Haldir ihre Überlegungen nicht erahnte. Im gleichen Moment, in dem er das erste Wort sprach, würde dieser Sterbliche wissen, dass alle Gerüchte, die ihm bislang zu Ohren gekommen waren, der Wahrheit entsprachen. Es war der Klang der Elbenstimmen, der noch immer den größten Eindruck auf die Escalonder machte. Die Arenai sprachen etwas rauer, auch wenn es immer noch im Vergleich zu den Escalondern wie Musik klang. Eines allerdings war ihm in den vergangenen Wochen aufgefallen. Selbst wenn Ayla es nicht erkannte, doch ihre Art zu sprechen hatte sich verändert, war weicher und melodischer geworden. Nicht sehr viel, aber durchaus bemerkbar.

„Ich habe eine Nachricht", rief sich ihr später Gast wieder in sein Gedächtnis zurück.

Haldir neigte etwas den Kopf zur Seite. „Und von wem, wenn ich fragen darf?"

Sein Gegenüber zuckte leicht zusammen und starrte ihn einen Moment fassungslos an. „Lichtbringer", hauchte er dann.

„Wie immer", murmelte Ayla etwas gereizt.

Der Escalonder fasste sich überraschend schnell wieder. Dabei war er noch recht jung, wie Haldir nach einem genaueren Blick auf sein schmales, von einigen Schmutzschichten und den Zeichen der Entbehrung entstelltes Gesicht feststellte. Jünger als Dorian mit Sicherheit, kein Knabe mehr, aber auch noch kein Mann mit großen Erfahrungen.

„Reichsvogt Raynulf schickt mich", knurrte der Junge und nahm irgendwie Haltung an. „Ich soll euch führen."

„Tatsächlich?" meinte Haldir und gestattete sich ein spöttisches Lächeln. „Der Reichsvogt muss uns sehr schätzen, wenn er eine derartige Eskorte bereitstellt."

„Mehr Männer wären zu auffällig", war die beleidigte Antwort. „Die Bergherren sind sehr misstrauisch in diesen Tagen. Nur der harte Winter, der die Drakan in ihren Garnisonen hält, schützt uns noch."

Das entbehrte nicht einer gewissen Logik. Haldir nickte langsam. „Wir wollten morgen aufbrechen."

Einen Moment schien der erschöpfte Bote zu verzweifeln. Wann hatte er wohl das letzte Mal wirklich Ruhe gefunden? Es musste Tage, wenn nicht Wochen her sein. Haldir tauschte einen Blick mit Ayla. Sie schüttelte resigniert den Kopf. Was brachte ihnen ein Führer, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte?

„Aber es gibt noch anderes zu regeln, deswegen mussten wir die Abreise auf den folgenden Tag verschieben", ergänzte Haldir also ruhig.

Die Erleichterung ließ den Escalonder beinahe taumeln. Der Ihainym hinter ihm streckte bereits die Hand aus, um ihn zu stützen, doch er fing sich wieder. Ein Ruck ging durch seinen Körper und er deutete überraschend eine Verbeugung an.

„Ich bin Fenvar", erklärte er dann. „Und ich werde dich und deine Begleiter sicher bis nach Ragnar, dem Sitz meines Herrn bringen."

„Willkommen in Taurhoss", erwiderte Haldir mit einer leichten Neigung des Kopfes. „Ich bin Haldir von Ithuris und das hier ist Ayla von Arenor, die Schildmeisterin der Arenai. Wir führen die Gesandtschaft gemeinsam."

Ein überraschter Blick aus samtbraunen Augen wanderte zu Ayla, die ihn mit der ihr eigenen Kühle und Herablassung erwiderte. „Wir hörten von dir, Herrin. Du hast Alben vernichtet."

„Wenn du es sagst", meinte sie nur und wandte sich dann an den Breill bei Fenvar. „Besorg ihm ein Quartier und etwas zu Essen. Ich will nicht erleben, dass er uns hier gleich vor die Füße fällt."

Bevor Fenvar protestieren konnte, hatten ihn seine zwei Bewacher gegriffen und brachten ihn wieder weg. Haldir und Ayla warteten, bis die Schatten der drei zwischen den Zelten verschwunden waren.

„Ein Führer also", meinte Ayla schließlich mit einem leichten Kopfschütteln. „Und so ein außergewöhnliches Exemplar. Raynulf muss uns wirklich schätzen."

„Was hattest du erwartet? Fanfaren und Blumenmädchen?"

„Mach es nicht noch schlimmer, Waldelb. Ich finde, wir sollten das ganze Unterfangen absagen."

„Warum bin ich jetzt nicht überrascht?" schmunzelte er und streckte ihr die Hand hin. Sie ergriff sie und ließ sich in seine Arme ziehen. „Lass uns schlafen gehen, Ayla. Das werden anstrengende Wochen, die noch vor uns liegen."

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Es war ein Versehen.

Es musste einfach ein Versehen sein, denn eine andere und vor allen Dingen vernünftige Erklärung fiel ihm beim besten Willen nicht ein. Und er überlegte schon eine ganze Weile. Stunden bereits, in denen sich sein Körper von einer ungeheuren Schwäche zu erholen versuchte, die diese doch recht abrupte Reise verursacht hatte.

Wenigstens lag er nicht mehr auf dem Rücken und starrte gegen die Eisdecke mit ihren bläulichen Schattenspielen, während das Eis unter ihm langsam schmolz und ihn in einem See klaren Wassers irgendwann zu ertränken drohte. Nein, er hatte inzwischen wieder genug Kraft gesammelt, sich auf seine Ellbogen aufzurichten und an der Wand hochzuschieben. Ebenfalls aus Eis, was auch anderes…

Mit einem müden Blinzeln starrte er auf seine ausgestreckten Beine, in die ebenfalls langsam das Leben zurückkehrte. Probehalber versuchte er, die Zehen zu bewegen und tatsächlich, diesmal gehorchten sie. Wenn es so weiterging, konnte er sich in einer guten Stunde wahrscheinlich endlich auf seine Beine erheben und diesen eisigen Ort verlassen, der herzlich wenig über den Platz aussagte, an dem er nun gelandet war.

Escalonde, die verlorene Melodie, der Name hatte wohl recht verheißungsvoll geklungen und er wäre nicht er selbst gewesen, wenn er Gandalfs so freundlich vorgebrachtes Angebot nicht angenommen hätte, einem alten Freund eine Botschaft zu überbringen, die eigentlich nur geeignet war, Kummer hervorzurufen. Irgendein Hintersinn musste den Maia jedoch außer Kummer bewegt haben, denn er hatte die ganze Zeit so verschmitzt gelächelt, als er ihm davon erzählte.

Seinen Händen erging es jedenfalls sehr viel besser als seinen Füßen, fiel ihm auf. Er verschränkte die langen, schlanken Finger ineinander, um ihre Beweglichkeit zu erhöhen. Dann spannte er die Muskeln seiner Arme an und stellte fest, dass die gewohnte Kraft auch dorthin zurückkehrte. Das war sehr gut, denn es gefiel ihm gar nicht, sogar zu schwach zu sein, ein Schwert zu halten. Nicht etwa, dass er eines bei sich führte. Jedenfalls hatte er noch keines entdeckt.

Diese Eishöhle war absolut leer und auch nicht besonders groß. Ihm direkt gegenüber war der Ausgang, kaum mehr als ein niedriges rundes Loch mitten in einer weißgläsernen Mauer. Der Ausblick aus diesem winzigen Ausschnitt versprach nicht gerade Abwechslung. Dahinter war es weiß, grauweiß wie bei einem Schneesturm.

Gandalf hätte ihm ruhig erzählen können, dass Escalonde unter Eis verborgen lag. Aber vielleicht galt das für Arenor ja nicht. Denn dorthin sollte ihn sein Weg führen, dort musste er die Botschaft überbringen. Wenn er jemals wieder laufen konnte, hieß das. Er zog die Beine an und unterdrückte nur mühsam einen triumphierenden Laut, als ihm das sogar recht schnell gelang. Eine Weile saß er einfach nur da, mit angezogenen Knien und düsteren Gedanken.

Es wäre klüger gewesen, sich noch etwas Bedenkzeit auszubitten oder nach den genauen Einzelheiten zu fragen, unter denen seine Reise beginnen sollte. Stattdessen auf Manwes Weisheit und Großzügigkeit zu vertrauen, war diesmal nicht unbedingt gut gewesen. Weise war Manwe unbestritten, zumeist auch großzügig, wer konnte dies besser wissen als er, aber er hatte einen eigentümlichen Sinn für Humor. Man brauchte nur seinen Maia Gandalf ansehen, der sich so an diese Form gewöhnt hatte, dass er sie wohl bis zum Ende aller Tage nicht mehr ablegen würde.

Sehr unüberlegt, einfach zuzustimmen. Jetzt saß er hier in dieser Höhle und kannte nur die Himmelsrichtung, in die er sich wenden musste, wenn es ihm denn dann endlich gelungen war, wieder auf die Beine zu kommen. Ein Unterfangen, das er nun weiter vorantrieb. Er zog die Beine unter seinen Körper, stützte sich mit den Händen ab und versuchte, sich hochzustemmen. Eis war nicht gerade der beste Untergrund für eine derartige Unternehmung. Leise fluchend kam er dennoch hoch, bis er mit zitternden Gliedern dastand, den Rücken noch an die Wand gelehnt und leicht nach vorne gebeugt. Die Haare fielen über seine Schulter, klatschnasse Flechten, die solange nicht trocknen würden, bis er endlich aus der Höhle mit ihrem inzwischen von seiner Körperwärme halbangetauten Boden heraus war.

„Gandalf, du Bastard!" fluchte er leise und mit etwas heiserer Stimme. Dennoch war es gut, endlich mal ein Geräusch zu hören. Diese Welt schien ungewöhnlich still.

Seinem Gleichgewichtssinn traute er noch nicht genug, die wenigen Schritte quer durch die Höhle einfach so zurückzulegen. Also tastete er sich mit wackligen Beinen dicht an der Wand entlang, rutschte einige Male beinahe ab und vernahm in aller Deutlichkeit seinen schnellen Herzschlag, als er endlich bei der runden Öffnung in der Eiswand angekommen war, hinter der Escalonde auf ihn wartete. Er hasste diese Schwäche. Wie ein gebrechlicher Greis, wie ein Sterblicher fühlte er sich.

Wie sollte er es jemals bis nach Arenor schaffen? Gandalf traute er zu, dass er ihn an der entferntesten Stelle abgesetzt hatte, nur um sich über seine Anstrengungen aus der Ferne Valinors zu amüsieren. Wenigstens Waffen wären nett gewesen oder auch etwas Nahrung, um sich zu stärken. Wasser war nun nicht erforderlich, nicht bei den Unmengen von Schnee und Eis hier. Aber irgendetwas hätte man ihm schon mitgeben können!

Ungeachtet der Lächerlichkeit dieser Haltung ließ er sich auf alle viere nieder. Hier war keiner, der sich über ihn lustig machen konnte. Gar keiner! Das zumindest war ihm in dem Moment klar, in dem er den Kopf durch die Öffnung steckte. Gandalf würde ihm das hier büßen. Vorausgesetzt, er kam jemals nach Valinor zurück. Im Moment standen die Aussichten allerdings nicht sehr gut.

„Melde dich nie wieder freiwillig, Glorfindel!" stieß er mit zusammengebissenen Zähnen hervor.

Mit leichtem Schaudern betrachtete er die trostlose Schneewüste, die sich vor ihm erstreckte. Weit und breit kein Baum, kein Strauch, nicht einmal ein Felsen, um die Eintönigkeit zu unterbrechen. Nur Schnee und Eis. Wobei selbst das nicht unbedingt ein erfreulicher Anblick war. Glorfindel ließ eine Hand langsam über die verharschte Schneedecke gleiten und wunderte sich, warum die sonst so blendend weißen Kristalle hier seltsam stumpf und leblos wirkten. Ahnungsvoll legte er den Kopf in den Nacken und sah hinauf zu diesem fremden Himmel, der sich über der Einöde erstreckte.

Lange ertrug er den Anblick nicht. Nach dem strahlenden Blau, das die Schönheit Valinors bis in unendliche Höhen ergänzte, war dieses hoffnungslose Grau ein umso größerer Schock. So trostlos war dieser Himmel in seinem Bleigrau, dass Glorfindel heftig schlucken musste, um nicht in Tränen auszubrechen. Was hatte diese Welt verbrochen, damit gestraft zu werden?

Er fing sich sehr schnell wieder. Über das Leid Escalondes konnte er klagen, wenn seine eigene Lage nicht mehr ganz so schlecht war. Glorfindel ruhte sich noch eine Weile aus und richtete sich dann auf. Er stand direkt neben einer beeindruckenden Wand aus Eis, einem riesigen Gletscher ähnlich, der diesen Teil des Landes wohl von dem dahinter völlig trennte. Selbst der Elb konnte sich nicht vorstellen, dass man diese Wand bezwingen konnte. Vor ihm war die Ebene aus Schnee, die scheinbar ins Nirgendwo führte. Viele Optionen hatte er nicht.

Er musste nach Osten und so setzte er sich langsam und zunächst mit stockenden Schritten in Bewegung, immer mit dem Eiswall zu seiner Linken und dem weißen Nichts zu seiner Rechten. Die Kälte machte dem Vanya nur wenig, ihn beschäftigten düstere Gedanken über das Schicksal seines Freundes. Schon als Elrond plötzlich von dem Schwanenschiff verschwunden war, hatte Glorfindel befürchtet, dass die Reise nach Valinor doch nicht seine letzte sein würde. So sehr er die unsterblichen Lande liebte, so sehr liebte er auch seine Freunde und Familie. Er hätte niemals Ruhe gefunden, ohne Elronds Verbleib aufgeklärt zu haben.

Die letzten zwei Jahre hatte er mit Nachforschungen verbracht und Überraschendes erfahren: nicht alle erreichten Valinor, die dorthin aufbrachen und manche gelangten dorthin, die schon vor Jahrtausenden ihre Reise angetreten hatten. Letztere schwiegen, ihre Erinnerung schien seltsam verschwommen an eine Zeit in Licht und Frieden an einem Ort, den niemand sonst erwähnte.

„Elrond, mein Freund", seufzte Glorfindel leise und ließ sich zu einer Rast nieder. „Kein Wunder, dass es dich hierhin gezogen hat. Du warst schon immer eine Ausnahme."

Einige Stunden hatte er durchgehalten und war recht erleichtert, dass nun das bleierne Licht sich verdunkelte. Die Nacht würde ihm neue Kraft geben, seinen Weg fortzusetzen. Nicht lange danach krümmte sich Glorfindel unter der bitteren Enttäuschung zusammen, die ihm diese Welt erneut bereitete. Dunkelgrau spannte sich der Nachthimmel über ihm. Er hätte nur mühsam diesen Anblick verkraftet, wenn nicht an einem Punkt weit im Osten ein Licht am Himmel zu erkennen gewesen wäre.

Glorfindel konzentrierte sich trotz der Müdigkeit, die seine Augen schwächte und fühlte, wie sich ein warmes Gefühl in seinem Inneren ausbreitete. Hell wie Ithil selbst stand ein einziger Stern an Escalondes Nachthimmel, um ihn herum war das Grau vergangen. Der Stern schien auf einem Kissen aus schwarzem Samt zu ruhen und ihm von dort voller Mitgefühl zuzublinzeln.

Erebion...woher er den Namen dieses Himmelslichts kannte, konnte er nicht sagen, doch so war es einfach. Und Erebion wurde während der nächsten drei Tage zum einzigen Vertrauten, den er hier auf Escalonde hatte. Am Tage wanderte Glorfindel die Eiswand entlang, stillte seinen Durst mit Schnee und verdrängte die Frage, ob er vielleicht verhungern würde, wenn er nicht bald etwas Essbares fand. Am Abend ruhte der Elbenfürst und hielt stumm Zwiesprache mit dem fernen Stern.

Zwar konnte er dank Erebion seine Kräfte jede Nacht erneuern, aber Glorfindel dämmerte am Morgen des vierten Tages, dass er eine andere Lösung finden musste. Davon abgesehen, dass er immer noch durch diese Schneewüste marschierte, zeigte sich nun, dass der Eiswall nicht in gerader Linie nach Osten führte, sondern sanft nach Süden abschwenkte. Wenn er dieser Linie folgte, würde er von seinem Ziel abgedrängt.

Glorfindel überlegte nicht mehr lange. An diesem Rand konnte er nicht weitergehen, es würde ihn wahrscheinlich in ein Nichts führen. Mit einem letzten Blick auf den Wall marschierte er nun direkt südlich, hinein in das Land, das von dem Wall abgeschlossen wurde. Irgendjemand musste einfach hier leben und ihm verraten können, wie er diese kalte Mauer überwinden konnte.

Lange brauchte er nicht zu gehen. Das Gelände stieg nach einigen Stunden langsam an und als er schließlich eine Hügelkuppe erreichte, blieb er stehen und betrachtete die beiden dunklen Punkte, die sich ein Stück vor ihm bewegten. „Wen haben wir denn da?" murmelte er nachdenklich. „Elben oder Menschen?"

Menschen, erkannten seine scharfen Augen und verengten sich leicht. Kein Elb würde so tief im Schnee einsinken, selbst wenn er ebenso mit dicker Winterkleidung und Waffen beladen wäre wie die zwei vor ihm. Glorfindel beschwerte sich nicht. Es hätten schließlich auch Orks sein können, vorausgesetzt, die gab es hier überhaupt. Ohne sich wirklich bemerkbar zu machen, setzte er sich in Richtung der beiden Wanderer in Bewegung.

Wie er vermutet hatte, dauerte es nicht lange und sie entdeckten ihn, blieben stehen und legten zumindest ihre Hände auf die Schwertgriffe, die an ihrer linken Seite aus den dicken, fellgefütterten Umhängen herausragten. Mit jedem Schritt, den er sich ihnen näherte, wurden die beiden fassungsloser. Als Glorfindel schließlich nur noch gut fünfzig Meter von ihnen entfernt war, begannen sie plötzlich zu rufen und hektisch zu winken.

Der Vanya blieb stehen und runzelte die Stirn. „Was?"

„Nicht weiter!" schallte es ihm entgegen. „Gletscherspalte, nicht weiter!"

Sie sprachen Sindarin, auch wenn der Akzent Glorfindel nicht vertraut war. Hoffnung machte es trotzdem. Außerdem warnten sie ihn immerhin gerade vor einer Gefahr und das war nicht unbedingt die Art von Feinden. Er suchte den Boden vor sich ab und erkannte die unauffälligen Anzeichen dafür, dass die Schneedecke vor ihm trügerisch dünn war. Allerdings schien es eine Art schmalen Steg aus Eis zu geben, der genau auf die beiden Wanderer zuführte. Glorfindel setzte sich wieder in Bewegung.

„Die Eisbrücke trägt Euch nicht", schrie der Ältere der beiden, dessen ergraute Haare aus der Kapuze ragten. „Herr, bleibt stehen."

Elben kannten sie also keine, sonst wären sie nicht so beunruhigt gewesen. Glorfindel machte eine beschwichtigende Geste und betrat den Steg. Natürlich trug ihn das zerbrechliche Gebilde aus Eis und gefrorenem Schnee. Langsam, die Augen immer auf die beiden Männer vor ihm gerichtet, überquerte er die Brücke. Es machte sie eindeutig nervös, den Jüngeren der Beiden sicherlich noch mehr als den Älteren, der sich inzwischen auf ein ungläubiges Kopfschütteln beschränkte.

Als Glorfindel vor ihm ankam, glitt plötzlich so etwas wie Erkennen über sein Gesicht und er neigte tief den Kopf.

„Ihr seid ein Erstgeborener", verkündete er mit leichter Verblüffung in der Stimme.

Glorfindel nickte nur und wappnete sich dann für die nächste Bemerkung, die nun unweigerlich kommen würde.

Der Sterbliche runzelte die Stirn und räusperte sich. „Herr, Ihr seid nackt."

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cassi-the-orc: Das hat doch ganz was von ‚Nachhausekommen'. Elrond darf sich wieder über dich ärgern, von Ayla und Haldir ganz zu schweigen. Das war schon fast eine eigenen Kurzgeschichte. Was mach denn jetzt nur? Angemessen wäre eine ebenso lange Reviewantwort, doch dann bekomm ich wahrscheinlich eine interne Verwarnung von es war ein wirkliches Vergnügen, dein Review zu lesen. Jetzt gibt es sogar Poesie von Haldir für Ayla. DAS hätte ich mich niemals getraut, niederzuschreiben. Der Waldelb würde mich bis in meinen Tiefschlaf mit seiner Rache verfolgen. Wer will das schon? Aber mit Elrond und Hivia läuft es nun mal nicht gut. Gesetze sind eben Gesetze. Mal sehen, ob es da nicht eine Ausnahmeregelung gibt. Zu leicht soll er es aber nicht haben. Auf gar keinen Fall.

Shelley: Ich habe mich auch sehr gefreut über das Review. Geht es dir eigentlich gut? Was macht die eigene Schreiberei? Da gab es doch so eine unvollendete Story, oder? Nein, fühl dich nicht gedrängt, ich kenn das inzwischen auch. Aber man gibt die Hoffnung eben nicht auf. Übrigens musste ich gelegentlich auch nachblättern. Einige Details vergisst sogar der Autor selber +grins+

Fireth: Huhu, hach ich freu mich, dass du mir ein Review geschrieben hast. Beim letzten Teil kannten wir uns noch gar nicht, kann das sein? Jedenfalls nicht wirklich. Da sieht man mal, wie einen fanfiction bereichern kann. Schön, dass du mitliest und ich warte nur, dass ich mich revanchieren kann. Mit dem Schwimmen muss ich noch schauen. Leicht bekleidete Elbenkörper in warmem Wasser, jaja. Dafür naht in ganz langsamen Schritten noch die Problemlösung für den depressiven Elrond.

Legenda: Hups, an den neuen Nick musste ich mich jetzt aber erst gewöhnen. Ist aber sehr schön, finde ich. Nur keine Hektik mit den Campingsachen. Ich kann Arenor im Moment nur alle zwei Wochen posten, da ich noch zwei andere Storys gerade in der Mache habe. Aber ich versuche, diesen Abstand zu halten.