Huhu! :)
Dieses Kapitel war anfangs nur ein Teil eines anderen, bis ich beim Korrekturlesen festgestellt habe, dass es sich prima als eigenes kleines Kapitel machen würde. Seht es als Intermezzo, bevor es richtig weitergeht. :) Ihr bekommt hier einen kleinen Einblick in Evys Gefühlswelt... was Severus betrifft. ;)
Ich hoffe, es gefällt euch.
Spieglein, Spieglein an der Wand…
Das Gewitter wütete heftig. Der wolkenbruchartige Regen trommelte lautstark auf das Dach des Hauses am Grimmauldplatz Nr.12, und dessen Bewohner waren heilfroh, einen gemütlichen Platz im Trockenen zu haben.
Remus war nach oben gegangen um sich trockene Kleidung anzuziehen, und Evy nutzte die Gelegenheit, sich ebenfalls etwas frisch zu machen.
Es war zwar erst fünf Uhr nachmittags, trotzdem musste sie das Licht anmachen, als sie ihr kleines Badezimmer betrat, so dunkel war es wegen des einsetzenden Gewitters geworden. Der Regen prasselte fast waagerecht ans Fenster und sie überzeugte sich schnell davon, dass es auch fest verschlossen war. Eine Überflutung ihres Zimmers an diesem Tag reichte ihr vollkommen aus.
Nachdem sie sich Hände und Gesicht gewaschen hatte, betrachtete sie sich im Spiegel: Lange, schwarze Naturlocken. Diese beiden unterschiedlich gefärbten Augen, um die sie so viele ihrer ehemaligen Kommilitoninnen beneidet hatten, weil sie den Blick eines jeden Mannes unweigerlich fesselten. Eine kleine freche Stupsnase, deren Spitze sich keck etwas nach oben reckte. Die schön geschwungenen Lippen, die ein ehemaliger Liebhaber mal als „ungeheuer sinnlich" bezeichnet hatte.
Sie musste grinsen, als sie daran dachte. Sinnlich… Ihren Schülern fielen zu ihrem Mund wahrscheinlich alle möglichen Adjektive ein, aber „sinnlich" würde mit Sicherheit nicht dazu gehören! So unterschiedlich konnten die Betrachtungsweisen sein. Severus war dafür das lebende Beispiel.
Seine Schüler sahen in ihm einen furchteinflößenden, griesgrämigen, unfairen und bösartigen Bastard, dem nichts mehr Freude bereitete, als sie zu quälen. Über sein Aussehen wurde sich verschiedentlich geäußert, und keine einzige der teilweise recht farbenfrohen Bezeichnungen war dazu angetan, ihm in irgendeiner Weise zu schmeicheln. Welchen Namen hatten sie ihm nochmal gegeben? Alte Fledermaus… Sie hatte es zufällig im Vorbeigehen gehört, und es hatte sie schockiert. Aber noch entsetzter war sie über die Gleichmütigkeit, mit der Severus das hinnahm. Als sei es das Normalste der Welt, hatte er ihr erzählt, dass sich in der Schule das hartnäckige Gerücht hielt, er sei ein Vampir! Er hatte ihr fassungsloses Gesicht gesehen und gelassen entgegnet: „Ach Evelyn, man hat mich in meinem Leben schon Schlimmeres genannt." Daraufhin hatte er sich wieder der Korrektur seiner Klassenarbeiten gewidmet, als hätten sie bloß beiläufig übers Wetter geredet.
Vampir… Fledermaus…
Nicht mal im Traum wäre es ihr eingefallen, ihn ausgerechnet mit diesen Kreaturen zu assoziieren! Sein geschmeidiger, aufrechter, stolzer Gang, wenn er durch Hogwarts` Flure und Gänge schritt - seine eleganten, grazilen Hände, die mit solcher Anmut und traumwandlerischer Sicherheit Zutaten für einen Trank anrichteten - seine sparsamen, routinierten und auf den Punkt genau bemessenen Bewegungen, mit denen er all seine Tätigkeiten verrichtete – das alles ließ zusammengenommen nur ein Geschöpf zu, mit dem sie ihn hätte assoziieren können: Ein stolzer, schwarzer Panther!
Bei Merlin, selbst wenn er bloß hinter seinem Schreibtisch saß und las oder Arbeiten benotete, strahlte seine ganze Körperhaltung Stolz und Eleganz aus! Sollte das wirklich nur ihr aufgefallen sein? Irgendwo auf der Welt musste es doch noch andere Frauen geben, die ihn genauso sahen!
Zugegeben, er war kein Mann, der auf den ersten Blick als schön zu bezeichnen war. Seine Vorzüge erkannte man erst bei näherem Hinsehen, dann aber umso deutlicher.
Evelyn lächelte. In einem Gedichtband aus dem sechzehnten Jahrhundert war ihr mal ein Begriff untergekommen, der auf Severus passte wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge: Er war ein Mann von herber Schönheit…
Seine schwarzen Haare… Die Schüler bezeichneten sie als strähnig, ölig, ungepflegt. Für Evelyn waren sie seidig glänzend. Sanft umrahmten sie sein Gesicht, milderten seine scharfen Gesichtszüge, weckten in ihr jedes Mal aufs Neue den fast unwiderstehlichen Drang, mit den Händen hindurch zu gleiten…
Seine Augen… Von den Schülern als pechschwarz, stechend, kalt und leblos bezeichnet. Für sie waren seine Augen nachtschwarz, intensiv, alles durchschauend, hypnotisch. Er schien ihr mit seinen Augen bis auf den Grund der Seele und direkt ins Herz hinein blicken zu können.
Seine blasse Haut… Für die Einen fahl, kränklich, leichenblass. Für Evy hatte sie die Farbe von Champagner oder Elfenbein…
Sein Mund… Allgemein als grausam und erbarmungslos charakterisiert, war sie geneigt seine Lippen als ungemein sinnlich und erotisch zu beschreiben. Zugegeben, die meiste Zeit umspielte ein harter, unerbittlicher Zug seinen Mund, aber in den leider so seltenen Momenten, in denen Severus entspannt war, wurden seine Lippen weich, sensibel, ja beinahe schon verboten verführerisch! Wie gerne würde sie diese Lippen einmal auf ihren spüren… und andernorts…
„Reiß dich gefälligst zusammen!", schnauzte ihr Spiegelbild sie an und zog missbilligend die Augenbrauen kraus. Entschuldigend zuckte Evy mit den Schultern und entgegnete hilflos: „Hey, was willst du von mir? Ich bin schließlich nicht aus Stein!" Damit schien sich ihr Spiegelbild zufrieden zu geben und ließ Evy den eben unterbrochenen gedanklichen Faden wieder aufnehmen.
Wo war sie stehen geblieben? Ah ja, alles klar….
Seine Nase… „Zu groß" und „Zinken" waren die Worte, die die Schüler benutzten. Okay, seine Nase hatte eine wirklich beachtliche Größe und eine sehr … eigene Form, aber sie verlieh ihm ein extrem markantes Aussehen mit Wiedererkennungswert. Sie passte zu ihm. Und sein wirklich beeindruckendes Profil wäre im Alten Rom mit Sicherheit auf eine Münze geprägt worden… Außerdem konnte eine große Nase auch gewisse Vorteile haben… Evys Lippen verzogen sich zu einem mehr als unanständigen Grinsen, als ihr eine Redensart der Muggel einfiel, in der es um die Größe der Nase eines Mannes ging…
„Sau.", war der schlichte Kommentar ihres Spiegelbildes. „Gar nicht wahr!", gab Evy zurück und streckte ihrem gespiegelten Ich die Zunge heraus. „Du bist kindisch." „Ach, halt doch die Schnauze!"
Mit einem abschließenden Blick in den Spiegel, der ihr verriet, dass sie für eine Frau, die nur noch einen Katzensprung von den Dreißigern entfernt war, gar nicht mal so schlecht aussah, verließ sie ihr Bad und trat auf den Flur hinaus, um die Treppe ins Erdgeschoss zu nehmen.
tbc
So, das war zwar kurz, aber ich hoffe, dass es euch trotzdem gefallen hat. :)
Nun bitte ich euch, fleißig den Review-Button zu betätigen oder mir eine PM zu schicken! Ich freue mich über alles, was da kommen mag...
Liebe Grüße
Eure Kaddi
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