Kapitel 2: Der erste Geist
14.02.08; 01 Uhr morgens
„Greg!", flüsterte eine bekannte weibliche Stimme leise. „Greg, wach auf!" Sie summte.
House murrte und presste seine Augen fest aufeinander. Die Stimme wurde lauter: „Gregory House, wach jetzt auf!" Er rührte sich nicht. Auf einmal zog jemand fest an seinem Haar.
„Au!" Fluchend setzte House sich auf. „Was soll das denn, Cuddy? Wenn du glaubst, du könntest mich so zu noch´ner Nummer überreden, bist du noch verrückter als..." Er führte den Satz nicht zu Ende. Verständnislos und immer noch reichlich verschlafen betrachtete er seine friedlich neben ihm schlafende Chefin. Hinter ihm räusperte sich jemand.
„Stacy?" Entgeistert starrte House seine Ex-Freundin an.
Sie stand neben seinem Bett, bekleidet mit einem knallroten Kostüm, die Hände in die Hüften gestemmt und grinste zu ihm hinab. „Findest du es nicht reichlich unhöflich, einfach zu schlafen, obwohl du doch Besuch erwartest?" Abschätzig schnalzte Stacy mit der Zunge.
„Und findest du es nicht reichlich unhöflich, einfach in mein Schlafzimmer einzubrechen, während ich mit´ner anderen im Bett bin?", zischte House leise zurück und wies mit einer leichten Kopfbewegung auf Cuddy.
Stacy lachte bloß.
„Sei gefälligst leise!", knurrte House sie mit zusammengebissenen Zähnen an, während er vorsichtig aus dem Bett stieg und nach seiner Jeans griff, die neben ihm auf dem Boden lag. „Willst du etwa, dass sie aufwacht?"
„Oh, schüchtern sind wir also auch!" Stacy lächelte amüsiert. „Keine Angst, sie kann mich nicht hören... Ich bin ein Geist."
„Aber klar doch!" Er warf ihr einen bösen Blick zu und floh nur mit Jeans bekleidet nun schon das zweite Mal in dieser Nacht vor einer Frau aus seinem Schlafzimmer. Im Wohnzimmer griff er nach seinem Stock und humpelte jetzt etwas sicherer zu seinem Sofa. Hinter einem Kissen, völlig zerknittert, fand er ein abgetragenes T-Shirt, welches er sich überzog, bevor Stacy ebenfalls das Wohnzimmer betrat. Jedoch benutzte sie dazu nicht wie House die Tür, sondern schwebte einfach durch die Wand. Dicht vor ihm stoppte sie. House war sich nun völlig sicher, dass ihn die Tasse wohl doch am Kopf getroffen haben musste... Oder Wilson hatte mit seinem Vicodin rumgespielt...
„Wir müssen los, Greg", unterbrach Stacy seine Überlegungen.
„Ja, sicher!" Er bewegte sich nicht.
„Ich mein's ernst, Greg. Ich bin der Geist der vergangenen-"
„-Weihnacht. Schon klar. Aber findest du nicht, dass du dafür ein bisschen früh bist? Mach doch einfach für Dezember noch einen Termin mit Cameron für mich aus!", erwiderte er zynisch.
Stacy rollte mit den Augen: „Doch nicht Weihnachten! Echt, Greg, denk doch mit!" Missbilligend schüttelte sie den Kopf. „Heute ist Valentinstag. Ich bin der Geist der vergangenen Liebe und wir müssen jetzt los!" Sie fasste ihn am Arm.
„Wie auch immer... Aber wenn du glaubst, dass ich mitten in der Nacht mit einer Verrückten durch-" Unsanft setzte Houses Hintern auf hartem Beton auf.
„Was zum Teufel...?" Er saß mitten auf einer Straße, ganz in der Nähe seiner alten Uni. Es war helllichter Tag und die Straße war stark belebt. Überall Menschen, die geschäftig durcheinander liefen und Autos... House hatte gerade noch genug Zeit, zu fluchen und schützend die Hände vor sein Gesicht zu halten, als auch schon ein Auto auf ihn traf - und einfach durch ihn hindurchfuhr. Wilson musste ihm echt gute Drogen gegeben haben... Fluchend stand House auf und griff nach seinem Stock, den Stacy ihm grinsend reichte.
„Du hättest eben aufstehen sollen, als ich dich darum gebeten habe!", verteidigte sich Stacy ohne jedes Mitleid, als House ihr einen bösen Blick zuwarf.
„Du hast mich aber nicht gebeten!", schnappte House zurück, sein Blick wurde noch finsterer.
Stacy antwortete nicht, drehte sich einfach um und bog um die nächste Ecke in eine Seitengasse ein. Vor einem kleinen Café direkt gegenüber eines Obsthandels blieb sie stehen und setzte sich auf eine Bank. House hinkte wütend hinter ihr her.
Erst jetzt bemerkte er die altmodische Kleidung der Leute um ihn herum. Und dann, als er eben an Stacys Bank angelangt war, sah er sich selbst. Jung, mit glattem rasiertem Gesicht, mit Michigan-T-Shirt und verwaschenen Jeans bekleidet und mit zwei gesunden Beinen.
„Warum sind wir hier?" Er setzte sich neben Stacy.
Stacy erwiderte nichts, sondern zeigte einfach nur mit der Hand auf den jüngeren Greg.
Neben diesem fuhr gerade ein Fahrradfahrer vorbei, der es eilig zu haben schien. So eilig, dass er das kleine etwa 6-jährige Mädchen, welches nur ein paar Schritte von House und ihrer Mutter, die gerade die Äpfel in der Auslage des Obsthändlers begutachtete, entfernt stand, zu spät bemerkte und nur haarscharf an ihr vorbeifuhr. Die Kleine erschrak, wich rückwärts aus, stolperte und fiel hin, wobei sie sich die linke Hand aufschlug. Weinend lief sie zu ihrer Mutter. Der Fahrradfahrer hielt nicht mal an.
„Aus Ihrem Hirn sollte man einen Radschlauch machen, dann wäre es nützlicher!", rief der junge House dem Fahrer hinterher und beugte sich zu dem Mädchen hinunter.
„Keine Angst, ich bin bald Arzt,", sagte er dann sanft zu der Kleinen. „Zeig mir mal die Hand."
Schüchtern, den anderen Arm um die Beine ihrer Mutter geschlungen, streckte sie ihre Hand vor. Greg lächelte ermutigend. „Halb so wild ." Vorsichtig drehte er ihre Hand, um sie von allen Seiten zu betrachten.
House seufzte hörbar auf. „Sagst du mir jetzt, warum wir hier sind?", wandte er sich genervt an Stacy.
„Du erinnerst dich nicht an diesen Tag?"
„Nein." Er schüttelte den Kopf.
„Aber sie erinnert sich daran!" Sie lächelte und zeigte mit der Hand auf eine Stelle hinter House.
Als er den Kopf etwas drehte, sah er eine sehr junge Cuddy, die sein jüngeres Ich betrachtete, wie er das Mädchen versorgte.
Auf einmal bewegte sich alles um ihn herum rasend schnell. Menschen verschwammen vor seinen Augen, es wurde Nacht und wieder Tag, die Zeit beruhigte sich wieder. In einem Café sah er nun sich selbst bei einer Tasse Kaffee sitzen. Eine junge und glücklich wirkende Stacy saß ihm gegenüber. Und am Nebentisch... Cuddy. Sie trug ein pinkes Wickelkleid und eine dunkle große Sonnenbrille. Gerade lachte sie laut auf, weil wohl einer der beiden Typen, die neben ihr saßen, etwas Lustiges gesagt hatte. Er erinnerte sich. Er hatte Cuddy an diesem Tag zum ersten Mal gesehen.
Plötzlich blickte er auf kalte weiße Wände. Auch die Bank, auf der er saß, fühlte sich anders an. Irritiert sah er sich um. Stacy und er waren im Princeton-Plainsboro-Krankenhaus und saßen in einem nichts sagenden Flur auf zwei Besucherstühlen. Gerade wollte er Stacy fragen, was sie hier wollten, als er sich selbst in einem der Zimmer durch die Tür auf einem Krankenhausbett liegen sah. Eine etwas jüngere Stacy saß neben seinem Bett. Sein Bein...
„Sind wir hier, um uns den Anfang vom Ende unserer Beziehung anzusehen oder ist das nur ein amüsanter Zwischenstop?" Unentwegt starrte er auf die Szene vor sich. Er selbst schien zu schlafen und Stacy hockte am Rande seines Bettes und hielt seine Hand. Im Flur, nah an der Tür, stand Cuddy und beobachtete wie House die Szene.
„Wieso hast du mit mir Schluss gemacht?"
Mit zynisch erhobener Braue drehte er sich zu Stacy um. „Du hast mich verlassen, falls du das vergessen haben solltest."
Stacy nickte und erwiderte ruhig: „Ja, aber aus zwischen uns war es schon Wochen vorher."
Er schwieg. Um ihn herum wandelte sich die Szenerie abermals. Nun saß er auf einem leicht gepolsterten Stuhl an einem Ecktisch in einem riesigen Empfangssaal. Der Raum war voller Männer in schwarzen Anzügen und Frauen in teuren Kleidern. Auf einem großen Banner, welches einmal quer durch den Raum gespannt war, war zu lesen: 'Die Kinder der Krebsstation danken herzlichst für Ihre Spenden'. Vor knapp zwei Jahren hatte Cuddy ihn dazu gezwungen, zusammen mit Wilson dort zu erscheinen.
House erblickte sein jüngeres Ich an der Theke, Schnaps in der einen, Stock in der anderen Hand... Einige Minuten beobachtete er teilnahmslos das Geschehen um sich herum.
„Noch mal", sagte Stacy nach einer kurzen Weile.
„Was?", fragte er irritiert.
„Du hast es nicht bemerkt, also müssen wir uns alles noch mal von vorne ansehen!", tadelte ihn Stacy.
Die Menschen um ihn herum begannen, sich rückwärts zu bewegen, stoppten dann abrupt und verhielten sich wieder natürlich.
„Jetzt streng dich gefälligst an!", befahl sie ihm in herbem Ton.
„Und was soll ich bitte bemerken?", verlangte House genervt zu wissen. „Es passiert doch nichts!"
Stacy verdrehte die Augen. „Für ein Genie entgeht dir echt verdammt viel! Jetzt!" Sie packte House am Arm. Er schaute in die gleiche Richtung wie Stacy. Cuddy betrat gerade den großen Saal.
„Cuddy in 'nem Outfit, das nicht mal 'ne thailändische Nutte auf'm Straßenstrich tragen würde... Und?" Er zeigte sich wenig beeindruckt.
Stacy ging nicht auf seinen Kommentar ein, zeigte bloß mit der Hand auf den House an der Theke.
„Was soll mit mir sein? Ich hab' mich nicht mal bewegt!"
„Sag ich doch!", triumphierte Stacy.
House verzog das Gesicht. „Du sagst, dass 'nichts' passiert ist? Wow, schon verrückt, dass mir das nicht aufgefallen ist!"
„Genau." Sie grinste. „So wie du stehst, kannst du sie nicht gesehen haben und umgedreht hast du dich wie gesagt ja nicht!" Ihr Grinsen wurde breiter. „Also woher wusstest du, dass sie hereingekommen war?"
„Ich wusste was?"
„Dein Körper verrät dich, Greg. Du hast jeden einzelnen Muskel angespannt, gleich nachdem Cuddy den ersten Schritt in den Raum gemacht hatte."
„Ich wusste nicht-"
„Greg!", unterbrach ihn Stacy warnend. „Lüg' mich nicht an!"
House schnaubte ungläubig. „Was willst du denn von mir hören?", fragte er gereizt. „Dass ich immer weiß, wenn ich im gleichen Raum mit ihr bin, weil wir auf kosmische Weise miteinander verbunden sind?" Seine Stimme triefte nur so vor Sarkasmus.
Stacy nickte gelassen. „Und jetzt sag mir, warum du mit mir Schluss gemacht hast."
Er blickte zu Boden. „Du kennst den Grund."
„Ja, aber ich will es von dir hören."
Er konzentrierte sich auf die feine Holzmaserung des Parkettbodens. „Weil du unglücklich warst."
„Bullshit!"
Die Struktur des Bodens wandelte sich, unter seinen Füßen konnte er nun kalte Fliesen spüren. Aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit schloss er, dass er sich in einem der Baderäume des Krankenhauses befinden musste. Immer noch weigerte er sich, aufzusehen.
„Und es ist gut, dass es mit der Befruchtung nicht geklappt hat. Sie taugen nicht zur Mutter!"
Seine eigene Stimme klang fremd in seinen Ohren. Cuddy schluchzte leise.
Dann war es still und er saß wieder neben Stacy auf seiner Couch im Wohnzimmer.
„Sag mir, warum du Schluss gemacht hast", drängte sie ihn. „Sag mir, warum du mich letztes Jahr zu Mark geschickt hast. Sag es!"
Er biss sich auf die Unterlippe.
„Gut, dann sag ich es!" Sie klang wütend. „Du hast aus dem gleichen Grund mit mir Schluss gemacht, aus dem du Cuddy angebrüllt hast-"
„Wegen meinem Bein, zufrieden?", unterbrach er sie aufgebracht. „Weil ich ein Krüppel bin. Weil ich Schmerzen habe und weil ich mein ganzes Leben schon ein herzloser Bastard war. Reicht dir das?" Einige Sekunden starrten sie sich an.
„Du liebst sie." Sie war wieder völlig ruhig. Er wollte ihr ins Wort fallen, doch sie verschloss ihm mit einer Hand den Mund. „Du tust es, Greg. Versuch gar nicht erst, es abzustreiten. Deshalb hast du mit mir Schluss gemacht. Nicht nur, weil ich unglücklich war. Nein, auch weil du nicht aufhören konntest, an sie zu denken! Und deshalb hast du sie angeschrien, Greg. Es ging um ihren Schmerz, nicht um deinen." Sie betonte jedes einzelne Wort: „Und. Den. Erträgst. Du. Nicht."
Er wollte, dass sie ging.
„Hast du jetzt Angst um sie, Stacy?" Er lächelte boshaft. „Sorgst du dich um deine Freundin? Befürchtest du, ich könnte ihr Herz aus Stein brechen?" Seine Stimme war eiskalt. „Keine Angst, sie ist klüger als du. Sie weiß, was für ein Mistkerl ich bin."
Mitleidig sah Stacy ihn an. „Du Blödmann!"
House erwachte in seinem Bett. Cuddy lag immer noch friedlich schlafend neben ihm und nach seinem Wecker war es nun ein Uhr neunundfünfzig. Missmutig stand er auf, zog sich leise Jeans und T-Shirt an und humpelte ins Wohnzimmer.
