Kapitel 2

Die Kerker

Es war nicht das, was Hermine erwartet hatte, als sie die Kerkerräume betrat, die ihr künftiges Refugium darstellen sollten. Es war schlimmer.

Professor Snape hatte sie begleitet, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen, geschweige denn, ein Wort zu ihr zu sagen.

Die schwere Tür schwang auf seinen Wink hin beiseite und er schob sie unsanft ins Innere seines Privatgemachs. Vor ihren Augen lag ein einziger Raum, der auf einer Seite mit seinem Büro und auf der anderen mit einem Badezimmer verbunden war. Es war dunkel, kalt und ungemütlich wie in einer Folterkammer, zumindest für Hermines Verhältnisse, die eindeutig etwas anderes gewohnt war.

Wenigstens gab es neben den gut gefüllten Bücherregalen ein Bett und auf der anderen Seite einen Sessel, einen Tisch und ein Sofa. Die schlimmste Befürchtung, sich mit ihm das Schlaflager teilen zu müssen, war somit abgewendet.

Hermine räusperte sich. „Ich nehme an, Sie schlafen auf dem Sofa?", fragte sie vorsichtig.

Nicht vorsichtig genug.

Er schloss hinter sich die Tür, streckte seine langen dünnen Finger und verschränkte schließlich die Arme, alles seelenruhig, ohne ein Wort.

Die Ruhe vor dem Sturm.

„Miss Granger", setzte er an, seine Augen bohrten sich tief in ihr Inneres.

Hermine schluckte. „Ich dachte nur …"

„Unterbrechen Sie mich nicht", knurrte er, woraufhin sie ihn mit weit geöffneten Augen anstarrte. „Glauben Sie wirklich, Sie könnten einfach so in mein Leben platzen, meine Privatgemächer in Anspruch nehmen und dann", er holte tief Luft, „auch noch mein Bett zu Ihrem Eigentum erklären?"

Sie biss sich auf die Lippe und überlegte, welche Möglichkeiten ihr zur Verfügung standen.

„Dachte ich es mir doch", antwortete er mit einem sarkastischen Grinsen auf dem Gesicht.

Ohne weitere Notiz von ihr zu nehmen, drehte er sich um, bereit zu gehen; bereit sie in diesem schrecklich unfreundlichen Raum zurück zu lassen.

„Halt, Professor Snape", sagte Hermine energisch.

Sie hatte ihren ganzen Mut zusammen genommen. An seinem zögerlichen Verhalten konnte sie sehen, dass es ihn unerwartet getroffen hatte. Schwungvoll warf er seinen schwarzen Umhang auf die Seite und fokussierte sie mit seinem Blick.

Ein lang gezogenes „Ja?", kam zwischen seinen eng aufeinander gepressten Kiefern hervor.

„Ich war noch nicht fertig", entgegnete sie trotzig.

Seine Mundwinkel kräuselten sich. „Was denn noch?", fragte er ungeduldig.

„Sie wissen genauso gut wie ich, dass ich mir diese Situation nicht ausgesucht habe", sagte sie offen. „Glauben Sie mir, ich würde jeden nur erdenklichen anderen Weg gehen, sofern ich die Wahl gehabt hätte. Die hatte ich aber nicht."

Er rollte mit den Augen, doch sie fuhr unbehelligt fort.

„Es mag ja Menschen geben, die auf Schmerzen stehen … und glauben Sie mir, das ist genau das, was dieses Arrangement für mich bedeutet. Ich für meinen Teil gehöre nicht dazu."

Sie holte Luft und ließ ihre Augen abwechselnd durch das Zimmer und wieder zu ihm schweifen, was nur dazu führte, dass sich die Mine auf seinem Gesicht verhärtete.

„Wir sitzen beide im selben Boot, Professor. Nein, das ist noch lange nicht ausreichend ... Es ist viel schlimmer! Wir sitzen hier fest, wie auf einer verdammten einsamen Insel, von der es kein Entkommen gibt. Wäre es also zu viel von Ihnen verlangt, Sie darum zu bitten, sich wie ein ehrenwerter Mann zu benehmen und mir - Ihrer Frau - das Bett zur Verfügung zu stellen?"

Schweigen.

Er sah sie an.

Lange.

Eine tiefe Falte zitterte zwischen seinen Augenbrauen, als er endlich antwortete. „Nein."

Wieder drehte er sich um, als könne er es nicht erwarten, so schnell wie möglich zu verschwinden.

Hermine seufzte und ließ sich schwerfällig mit dem Körper auf das Bett fallen. Sofort hielt er inne, als er das Geräusch hörte.

„Sie müssen mich schon persönlich von hier runter zerren", sagte sie bockig, als sie flach auf dem Rücken lag und die Arme vor dem Oberkörper verschränkt hielt.

Er wirbelte herum. Sein Umhang blähte sich auf und mit wenigen Schritten stand er vor ihr, seine Augen ein Spiegelbild des Zorns in seinem Inneren. Sein ganzer Brustkorb hob und senkte sich vor Anspannung.

„Miss Granger!", spuckte er wütend aus, seine schwarzen Haarsträhnen waren ein einziges Durcheinander.

Hermine wagte kaum zu atmen, so sehr war sie damit beschäftigt, seinem irren Blick stand zu halten.

„Sie sind unausstehlich!", setzte er nach und rang seine Hände.

Hermine seufzte laut. „Wenn Sie wüssten …"

Er legte den Kopf schief, seine Augenbrauen waren eng zusammen gezogen und die Zähne gefletscht. „Zehn Punkte Abzug …" Weiter kam er nicht.

„Für Gryffindor. Ja, ich weiß." Sie rollte mit den Augen. „Das wird so nicht funktionieren, Professor. Das Schuljahr hat noch nicht einmal angefangen."

„Für Sie immer noch Professor Snape", schnappte er zurück. Sein blasses Gesicht wurde immer noch von etlichen langen Strähnen verdeckt, doch Hermine konnte spüren, dass er zögerte, bevor er den nächsten Schritt tat.

„Warum tun Sie das?", wollte sie wissen.

Er hob eine Braue. „Warum tue ich was?"

„Sie demütigen mich, Professor." Es klang so simpel, was sie sagte, dass es schon fast verächtlich war.

Er schnaubte und richtete sich kerzengerade auf. „Miss Granger." Sie rollte mit den Augen und er gab sich Mühe, es für dieses eine Mal zu ignorieren. „Was möchten Sie hören? Dass es mir leid tut? Dass ich Sie bemitleide? Nein, ganz sicher nicht, denn das ist nicht der Fall. Ich habe in dieses Arrangement auf Professor Dumbledores ausdrücklichen Wunsch hin eingewilligt. Wie Sie bereits erkannt haben, befinden wir uns in einer aussichtslosen Lage und da ich im Dienste von Hogwarts stehe, gehe ich meiner Pflicht nach."

Genauso klang es auch: pures Pflichtbewusstsein.

Hermine seufzte. „Also gut", bemerkte sie wie beiläufig. „Wir sollten das Beste daraus machen, Professor."

„Selbstverständlich", gab er sarkastisch zurück.

„Was bekomme ich, wenn ich Ihnen das Bett überlasse?"

Er sah überrascht aus, doch nur für einen winzigen Moment. „Hogsmeade."

Hermine zitterte, als sie die gewaltige Kraft spürte, die in seiner tiefen Stimme steckte. Sie war nicht sicher, ob sie richtig verstanden hatte. „Wie bitte?"

„Ich erlaube Ihnen, jeden zweiten Samstag Hogsmeade zu besuchen, ganz gleich zu welcher Jahreszeit."

Ihre Kinnlade sank nach unten. „Aber … wollen Sie damit sagen, dass ich dafür Ihre Genehmigung brauche?"

Er hob seine Augenbraue an, so wie er es immer tat. „Neuerdings schon."

Hermine war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. „Das ist unmöglich. Meine Eltern …"

Ein dünnes, selbstgefälliges Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit. „Ihre Eltern werden bestimmt überrascht sein, dass ihre werte Tochter nun verheiratet ist."

„Das wagen Sie nicht!"

„Ich fürchte doch."

„Wie können Sie nur damit leben, wie Sie sind? Das ist Erpressung!"

Ein tiefes Grollen entfuhr ihm. „Willkommen in meiner Welt, Miss Granger. Oder sollte ich fortan lieber Mrs. Snape sagen?"

Er genoss es sichtlich, jedes einzelne Wort präzise und deutlich auszusprechen, um die absurde Wirkung auf sie noch zu verstärken.

„Wagen Sie es nicht!"

„Sie tun es schon wieder, Miss. Sagen Sie mir nicht, was ich zu tun oder zu lassen habe. Sie sind jetzt verheiratet und das setzt ein gewisses Verständnis für das Leben von erwachsenen Menschen voraus. Aber halt … Sie sind ja noch gar nicht erwachsen! Oder etwa doch? Es muss mir entfallen sein ..."

Hermine spürte das Blut in ihrem Kopf aufsteigen. Sie sprang mit einem Satz vom Bett auf und stürzte sich ihm entgegen. Er war von dieser Attacke so überrascht, dass er erst merkte, was sie tat, als es schon zu spät war. Mit fliegenden Fäusten trommelte sie auf seine Brust ein.

Snape stolperte einen Schritt zurück und packte geschwind ihre Hände. Seine Finger schlossen sich um ihre Handgelenke wie Schraubstöcke.

„Lassen Sie mich los!", brüllte Hermine. Es war ihr gleich, dass sie sich benahm, wie ein trotziges, kleines Kind. Das alles war zu viel für sie gewesen. Sie schrie ihre ganze Wut und Verzweiflung aus sich heraus.

Er hielt ihre Hände weiterhin fest, sein Brustkorb hob und senkte sich vor Anspannung, bis sie endlich aufhörte, sich gegen ihn zu wehren. Sprachlos starrte er sie an.

„Ist das alles, was Sie können, Professor? Ich hätte mir mehr von Ihnen erwartet", schluchzte sie und wagte es nicht, ihn anzusehen.

Erst nach einer Weile hatte sich sein Atem beruhigt. „Hogsmeade, Miss Granger", sagte er mit leiser, unendlich düsterer Stimme.

Hermine nickte.

„Ich werde jetzt eine kleine Mahlzeit zu mir nehmen. Wenn Sie mich entschuldigen würden …"

„Was?" Endlich blickte sie auf und sah in sein Gesicht. „Sie lassen mich jetzt einfach hier zurück?"

Er hob eine Augenbraue. „Das bleibt ganz Ihnen überlassen, Miss Granger. Ich würde Ihnen jedoch empfehlen, die ersten Wellen abzuwarten, bevor Sie ins kalte Wasser springen. Der Sturm wird sich mit Sicherheit bald legen."

Sie starrte ihn mit geöffnetem Mund an.

Oh nein! Die Gryffindors. Und die Slytherins. Und natürlich alle anderen.

„Ich werde einen Hauselfen schicken, dann können Sie sich etwas zu Essen bestellen. Guten Tag, Miss Granger."

Mit diesen Worten kehrte er ihr endlich den Rücken zu und verließ schwungvoll und mit wallendem Umhang den Raum.

xxx

Es war mitten in der Nacht, als Hermine erschöpft und frierend aufwachte. Sie war - entgegen der Abmachung - auf dem Bett eingeschlafen und musste feststellen, dass es bequemer war, als sie vermutet hatte. Von Snape gab es weit und breit keine Spur.

Zum Teufel mit ihm! Kanalratte!

Sie kroch schläfrig unter die Decke und nickte wieder ein.

Erst um drei Uhr morgens hörte sie ein leises Geräusch, das sie wach werden ließ. Instinktiv griff sie nach ihrem Zauberstab und brachte die Kerzen im Zimmer zum Leuchten. Verwirrt besah sie sich die schwarze Schattengestalt ihres Professors, die unweit von der Tür zusammen gesunken im Sessel saß und in ihre Richtung blickte.

„Professor", murmelte sie verwundert, doch es kam keine Antwort. „Was machen Sie um diese Zeit?"

„Nachtwache, Miss Granger."

Er lachte höhnisch auf. Und erst jetzt roch Hermine den Alkohol, der sich in der Luft verteilt hatte. Das Bild vor ihren Augen war ein einziges Trauerspiel. Sie zog fröstelnd die Knie an den Körper und legte die Arme darum.

„Sie liegen in meinem Bett", stellte er fest.

Hermine nickte. „Es war kalt."

„Ah, verstehe."

Seine langen, schwarz gekleideten Beine waren weit ausgestreckt und steckten immer noch in den Schuhen, die er tagein, tagaus zu tragen schien. Sein Umhang lag auf der Lehne des Sessels. Er wirkte vollkommen verändert in diesem Moment, noch nie hatte Hermine ihn in solch einer Verfassung gesehen. Es war beunruhigend.

„Kann ich Ihnen etwas bringen, Professor?", fragte sie vorsichtig. „Etwas Wasser vielleicht ..."

Er grinste verschlagen. „Nope!" Seine Stimme schwankte belustigt und wurde zum Schluss hin höher.

Hermine kaute verlegen auf ihrer Lippe herum. Sie wusste nicht so recht, was sie tun sollte.

„Wie war es da oben?", fragte sie nach einer Weile, schließlich war sie den ganzen Tag hier unten gewesen. Die Neugier in ihr hatte gesiegt und sie für einen Moment vergessen lassen, wie wütend sie auf ihn gewesen war.

„Hmmm, lassen Sie mich überlegen … ja, genau!" Er sprach ungewöhnlich langsam, der Alkohol zeigte seine Wirkung. „Ich glaube, abgesehen von Minerva, die den ersten Schock bereits verdaut hatte und natürlich Albus - mein lieber Albus, der mich erst in diese Situation gebracht hat - waren alle recht amüsiert von der Vorstellung, dass der Vampir aus den Kerkern die holde Jungfer zur Frau genommen hat."

Seine Stimme war einmal mehr messerscharf, abgesehen von der verlangsamten Geschwindigkeit war er wieder ganz Professor Snape.

„Woher wollen Sie das wissen?"

„Woher will ich was wissen?" Seine Augen blitzten wie schwarze Sterne auf. Es gelang ihm sogar, sie auf ihr Gesicht zu fokussieren.

„Nichts." Hermine biss sich auf die Zunge, ehe sie etwas sagen konnte, was sie später bereuen würde.

„Das mit der Jungfer?", fragte er spitz.

Oh. Nein.

„Miss Granger, hat Ihnen noch niemand gesagt, dass Sie ungeheuerlich jungfräulich aussehen? Ich meine, Sie benehmen und kleiden sich wie eine Jungfer. Da ist es doch nahe liegend …"

„WAS?"

„Nun ja, es ist nicht meine Aufgabe, Ihnen das mitzuteilen…", er stockte kurz und dachte nach, „… vielleicht ja doch. In Anbetracht der Umstände, als Ehemann natürlich …"

Sein Kopf sackte träge zur Seite weg. Hermine hielt gespannt die Luft an und lauschte seinem geräuschvollen Atem.

Plötzlich riss er den Oberkörper nach vorne und streckte den Hals. Verstört suchte er sie mit seinem Blick.

„Das ist das Schöne mit uns beiden", murmelte er schwer verständlich. „Wir haben wenigstens eine Gemeinsamkeit." Schon sank er wieder in sich zusammen und fing an zu schnarchen.

Oh. Mein. Gott. Er ist eine Jungfrau!

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Es war zu offensichtlich, was er gesagt hatte, selbst in diesem Zustand. Hermine war geschockt. Sie hatte nie wirklich über Severus Snapes Sexleben nachgedacht, doch sie war sich sicher, dass sie das nie wieder würde verdrängen können.

Irgendwie empfand sie ein Fünkchen Mitleid mit ihm. Es war schon traurig, dass ein Mann in seinem Alter … wie alt war er noch gleich? … noch nie Sex gehabt hatte. Andererseits war es auch bewundernswert, dass er seinen Prinzipien so treu war.

Plötzlich war sie neugierig geworden. Sie stand leise auf und schlich auf Zehenspitzen und immer noch mit ihrem Zauberstab bewaffnet zu seinem Sessel. Vorsichtig ging sie in die Hocke und hob die Hand, um die wirren schwarzen Haarsträhnen aus seinem Gesicht zu fischen.

Es fühlte sich eigenartig an, ihn zu berühren, immerhin war er bis vor nicht allzu langer Zeit einzig und allein ihr Professor gewesen - und den würde nun wirklich niemand freiwillig berühren. Die Tatsache aber, dass sie jetzt mit ihm verheiratet war, ließ sie Mut schöpfen. Sie sah sein Gesicht in einem völlig anderen Licht, als je zuvor. Jede Falte, die er sich im Laufe seines Lebens als Lehrer redlich verdient hatte, die blasse Hautfarbe, die ganz bestimmt von der Dunkelheit des Kerkerdaseins herrührte…

Er atmete laut hörbar ein und räkelte sich in seinem Sessel. Hermine hielt die Luft an, bis er wieder zur Ruhe gekommen war. Mit ihrem Zauberstab holte sie ein Kissen herbei und schob es vorsichtig unter sein Kinn.

In diesem Moment schlug er die Augen auf und griff plötzlich nach ihrer Hand. Hermines Herz schien stehen zu bleiben, als sie seinen bohrenden Blick auf sich spürte. Ihre Finger wurden feucht. Mit jeder Sekunde wurde ihr mehr und mehr bewusst, dass er sie nicht so einfach loslassen würde.

Sie schluckte schwer und starrte ihn verschreckt an.

„Miss Granger", entgegnete er hart. „Gehen Sie zu Bett."

Hermine nickte und wollte ihre Hand aus seinem Griff ziehen. Vergebens. Seine Augen drangen bis tief in ihr Inneres vor, ihr Herz pochte bis zum Hals.

„Fassen Sie mich nie wieder an", hörte sie ihn mit eiskalter Stimme sagen.