2. Dusty And Blue

Die Gedanken daran bisher gut verdrängt. Und fast gedacht, darüber hinweg zu sein.

Greg saß auf der Kante seines Bettes und wippte seinen Körper langsam vor und zurück. Seine Augen waren ausdruckslos. Er kaute an seinen Fingernägeln. Das Jucken war schrecklich. Er hatte schon einen Verband um seinen Unterarm gewickelt. Davon juckte es zwar fast noch mehr, aber immerhin musste er sie so nicht sehen, die Wunde von damals und vergaß es vielleicht bald wieder. Ironie.

Nie könnte er es vergessen. Niemals.

Greg seufzte und legte erschöpft den Kopf in seine Hände.
Der Geruch klebte noch immer an ihm. Das Blut. Die ganze Zeit schon war ihm davon übel.

Es war nicht so, dass er nicht versucht hätte mit der Sache abzuschließen. Sich abzulenken war in Las Vegas wohl kein Problem. Und es gab beinahe kein verrücktes Hobby, dass er noch nicht ausgetestet hatte.

Aber allein wenn ihn jemand dort berührte.

Er wusste, er durfte das Foto auf dem Nachttisch jetzt nicht ansehen.
Schwer genug fiel es ihm die ganze Zeit schon nicht an Megan zu denken. Meggy.

Er konnte nicht anders.
Was machte es heute noch aus.
Sein Blick wanderte zu dem Bilderrahmen und blieb darauf ruhen.

Langsam und kalt kroch es an ihm hoch.

Auf dem Bild war ein Ehepaar zu sehen. Ende 30, mit ihrem Sohn, einem kleinen Jungen.
Greg schluckte, als er spürte wie die Umgebung vor seinen Augen verschwamm.

Seine Finger zitterten. Dennoch streckte er die Hand nach der Fotografie aus und hielt sie mit beiden Händen fest. Zärtlich streifte er über den dunklen Holzrahmen und mit dem Daumen fuhr er behutsam über das Gesicht der Frau. Die braunen Augen des Mannes lachten ihn an. Es war einer der wenigen warmen Sommertage in Finnland gewesen. Die Frau lächelte auch. Sie hatte ihren Arm um die Taille ihres Mannes geschlungen. Den kleinen Jungen hatte sie an der Hand.

Damals lächelten sie.

Das war ein Jahr, bevor sie starben.

Er hasste es, wenn es ihn einholte. Wenn er wiedereinmal merken musste, dass es ihn auf ewig verfolgen würde. Wenn die Realität sein Leben drosselte.

Er spürte etwas salziges auf seinen Lippen. Als er Luft holte, schmerzte es. Ein Tropfen Wasser fiel auf das Glas des Chromrahmens. Eine weitere Träne tropfte auf das Bild.
Greg presste es fest an seine Brust und beugte sich nach vorne.

Er schluchzte leise. Jedes mal wenn er ausatmete.

Damals hatte ihn seine Welt verraten.


Es war angenehm. Im Raum war es angenehm kühl. Sonst war es immer so warm, vor allem wenn er nach der Arbeit nach Hause kaum. Er spürte seinen Körper, aber wollte sich nicht bewegen. Es war so angenehm. Nur hier liegen.

Sarah saß auf dem alten Holzstuhl. Sie hatte ihren Kopf gegen die Wand gelehnt. Ihr Blick schweifte zur weißen Uhr über der Zimmertür. Viertel nach 7. Ihre Glieder fühlten sich schwer und müde an. Ihr ganzer Körper war schwer. Sie schüttelte den Kopf um die Schläfrigkeit zu vertreiben. Seit 6 Stunden saß sie nun schon hier. Nick war immer noch bewusstlos. Nachdem sie Grissoms Anruf erhalten hatte, war sie ins nächste Flugzeug gesprungen und hatte Familienfeier Familienfeier sein lassen. Sie hasste dieses Treffen einmal im Jahr. Eigentlich wunderte es sie sowieso, dass ihre Verwandten sie noch einluden, da sie sich nicht nach Tante Vivians neuer Hüfte erkundigte oder wie es ihrem entzückenden, hyperaktiven kleinen Neffen Peter, der ihr vorletztes Jahr die eingelegten roten Beete mit voller Absicht über die Hose gekippt hatte, bei seinem Psychiater erging. Stattdessen hatte sie dieses Jahr die Läuse auf Onkel Harrys Rosenstöcken begutachtet und dank dem „Ratgeber zur Bekämpfung von Parasiten und Zucht symbiosegeeigneter Insekten", den ihr Grissom zu Weihnachten geschenkt hatte, herausgefunden, dass die guten Blumen wohl schon sehr bald das Zeitliche segnen dürften.

Sie machte tausendmal lieber Nachtschicht anstatt an solchen Feiern teilzunehmen.
Aber sie wäre jetzt tausendmal lieber dort in New York, anstatt durch diesen Grund nach Las Vegas zurückgekehrt zu sein.

Monoton piepste das Gerät, dass den Pulsschlag ihres texanischen Kollegen anzeigte. Die Ärzte hatten gesagt, er würde bald wieder aufwachen. Und er würde wieder werden. Hatten sie vor 6 Stunden gesagt.

Es kotze sie an. Hier zu sitzen und nichts tun zu können. Sie hasste es. Ihr sträubten sich die Nackenhaare, wenn sie daran dachte, dass die Typen, die Nick und Greg das angetan hatten, irgendwo in Vegas wahrscheinlich gerade friedlich in ihren Betten lagen.
Sollten sie ihr unter die Finger kommen, würde sie ihnen die Augen auskratzen.

Sie konnte nicht so gut mit Menschen. Oder Kollegen. Sehr viele Freunde hatte sie auch nicht. Nicht umsonst war sie nun länger als ein Jahr Single.
Sie machte Karriere, kümmerte sich nicht sehr um sich selbst und lebte hauptsächlich für den Job. Dachten die meisten anderen. Dachte sie selbst.

Aber das war falsch. Sie lebte nicht nur für ihre Arbeit.
Sie lebte nur in ihrer Arbeit.

Vielleicht wusste sie einfach nicht viel von menschlichen Beziehungen. Das minderte jedoch die Tatsache nicht, dass sie die Nähe von Menschen brauchte. Und dass sie ihr viel bedeuteten.
Sie ging nicht nur in die Arbeit um Täter zu stellen oder um Land gerechter zu machen. Sie machte viele Überstunden. Und sie wollte Anerkennung. Von dem, den sie liebte. Und sie wollte geliebt werden. Von denen, deren Nähe sie brauchte um nicht ganz allein zu sein.

Sarah stand auf. Sie seufzte leise.
Sie fuhr sich durchs Haar. Ihr Kopf war unendlich schwer.

„Nick..." Es war ein Seufzer. Voller Bedauern und Schwäche. Sie ließ sich selten gehen.

„Nick... wach auf...", bat sie ihn leise und versuchte den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken. Sie nahm, und sie zitterte wohl leicht, Nicks Hand in ihre.

Verdammt.

„Hör auf uns solche Sorgen zu machen, du eingebildeter, texanischer Idiot..."
Er rührte sich nicht. Das Pulsmessgerät zerrte langsam an ihren Nerven. Das Leben war stehen geblieben. Sie senkte ihren Kopf.

„... Sarah?" Die junge Amerikanerin blickte auf. Müde sahen sie die braunen Augen an. Nick griff nach ihrer Hand. „Was... machst du denn hier?" Er sah sich verwirrt um und schüttelte leicht den Kopf, bereute dies jedoch gleich wieder. „Ah..." Er fasst sich an die Stirn. Sein Schädel schmerzte schrecklich. „Sarah?" Er bemerkte, dass sie den Tränen nahe war. Sie schüttelte den Kopf und lächelte glücklich, als sie mit der Hand über ihre Augen fuhr.


Breite Sonnenstrahlen leuchteten durch die Jalousien ins Schlafzimmer und winzige Staubpartikel flimmerten im Licht, als leise knarrend die Tür aufging. Er rührte sich ein wenig. Seufzte müde in sein Kissen. Er fror an den nackten Schultern. Ihm war nicht aufgefallen, dass die Tür nicht knarren konnte, weil hier eigentlich keiner war außer ihm.

Er hatte den Schlüssel auf die kleine afrikanische Kommode im Flur gelegt, als er gekommen war. Als er die Wohnung betreten hatte, hatte er sich zweimal vergewissert, ob das auch wirklich Gregs war. Er wusste ja, dass sein Kollege bei der Arbeit bisweilen Alternative-Rock-Musik hörte, er hatte sich auch nicht sonderlich über die seltsame faschingsartige Maskierung (welchen Teil von Heavy Metal sie auch immer repräsentierten) gewundert, die er bisweilen bei der Arbeit dabei trug, wenn er seine Lieblingsmusik durch das gesamte Labor dröhnen ließ, wie Grissom ihm erzählt hatte, und nur manchmal fragte er sich, ob es außer Greg noch einen Menschen auf dieser Erde gab, der Origami bastelte, eine Vorliebe für Latex hatte und daneben Münzsammler war.

Er hatte sich entschlossen, dass Greg eben nun mal verrückt sein musste.

Als er zu ihm gefahren war, hatte er sich sein Appartement als klein, unaufgeräumt und chaotisch vorgestellt. Aber die Realität übertraf seine Vorstellungen. Der Flur war vorgestellt mit allen möglichen und unmöglichen Dingen. Auf der linken Seite hing einer dieser Spiegel, wie man ihn aus den Garderoben von Theaterschauspielern kannte und als Nick den Lichtschalter betätigte, leuchteten die Birnen am Rahmen tatsächlich auf.
Über der Kommode auf der rechten Seite des Ganges war eine riesige Pinnwand aufgemacht, an der alle möglichen Dinge hingen. Viele Notizzettel, eine Einladung zu einem Leichtathletik-Wettkampf, Telefonnummern, die Stromrechnung von letztem Monat, alte Eintrittskarten von Konzerten, ein Handschuh, Zeitungsausschnitte, Fotos. Es war ein gigantisches, buntes Mosaik.
Nick betrachtete die Fotografien genauer und als er die Personen darauf erkannte, lächelte er. Es waren Aufnahmen von der Weihnachtsfeier letztes Jahr dabei. Greg hatte sie zu dem Foto gezwungen, obwohl sie alle schon ein wenig angetrunken waren. Auf einem anderen sah man Greg zusammen mit einer Frau. Sie musste etwa so alt wie er sein. Vermutlich etwas jünger. Sie hatte brünettes, leicht rotes, langes, lockiges Haar. Greg hatte einen Arm um sie gelegt und mit dem anderen hatte er das Foto gemacht. Sie schien glücklich zu sein und lachte. Als er die nächste Fotografie ansah, runzelte er die Stirn. Die junge Frau war auch diesmal das Motiv, aber sie hatte ein kleines Mädchen an der Hand. Er runzelte die Stirn. Ein Kind? Seine Schwester, seine Freundin?
Ach, wie auch immer. Wenn Greg ihm nichts davon erzählt hatte, dann ging es ihn nichts an. Und überhaupt war er nicht gekommen um in dessen Privatsachen herumzustöbern.

Nick riss sich von der Pinnwand los und schritt den Flur weiter entlang.
Viele Zimmer hatte das Appartement ja nun nicht. Er hatte das Schlafzimmer gleich gefunden. Im Vergleich zum Flur herrschte hier bis auf die Klamotten vom Tag zuvor am Boden schon penible Ordnung. Das Zimmer war schlicht eingerichtet. Ein geräumiger Schrank mit einer Spiegelfront an den Türen, das große Bett an der gegenüberliegenden Seite des Raums und die Wände waren mit einer hellen blau-grauen Farbe gestrichen.

Und jetzt stand er da und blickte ihn an. Er fragte sich, worauf er denn wartete. Es war nur so friedlich.

Auf den ersten Blick.

Nick trat ein paar Schritte heran. Er musterte ihn. Über die Kratzer auf seiner Wange war ein Pflaster geklebt, seine Handflächen und die Knöchel waren aufgeschrammt. Das war passiert, als er versucht hatte die Stürze abzufangen.

Jetzt stand er direkt neben ihm und sein großer Schatten bedeckte das Bett. Er entdeckte den festen Verband um Gregs linken Arm, was ihn seinen Blick auf den Boden senken ließ.

Sarah hatte es ihm erzählt. Er hatte es nicht glauben können.
Er war sofort, nachdem er auf sein eigenes Risiko und das strikte Abraten seiner Ärzte das Krankenhaus verlassen hatte, zu Greg gefahren. Er hatte es nicht glauben können. Er konnte es immer noch nicht glauben.

Greg sah mitgenommen aus.

Er fühlte sich schuldig. Und er war es verdammt noch mal auch.
Er wollte ihn nicht wecken. Nicht, da er jetzt so friedlich schlief.
Er sollte besser wieder gehen. Obwohl irgendetwas in ihm nicht wollte.

Seine Gedanken kreisten immer noch um die gleichen Fragen. Und er brauchte Antworten.

Er zog das weiße Laken über seine Schultern.
Die Mundwinkel des Finnen zuckten und er blinzelte. Nick blieb in der Hocke.

Als Greg ihn bemerkte, starrte er ihn mit großen Augen an und fuhr auf. Gleich darauf sank er jedoch auf die Matratze zurück. „Nick?", krächzte er und bekam einen Hustenanfall. Sein Kollege klopfte ihm auf den Rücken. „Danke..." Der Laborant blinzelte immer noch, das Licht blendete ihn. „Wie... was... wie bist du hier rein gekommen? Was..." „Die Vermieterin hat mir den Schlüssel gegeben. Ich wollte dich nicht wecken, tut mir Leid..." Entsetzt starrte Greg ihn an. „A... ha...?"

„Gestern...", erklärte Nick mit einem Wort und blickte zu ihm auf. Greg öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen, erinnerte sich jedoch dann. Er runzelte langsam die Stirn und kniff die Augen kurz zusammen, während er versuchte wach zu werden. Er sah den Texaner an. „Bist du... okay?", fragte er leise. Seine Stimme hatte sich verändert. Nick machte eine Bewegung, die man wohl als Mischung von Nicken und Kopfschütteln deuten konnte. „Ich hab vorhin das Krankenhaus verlassen."
Greg lächelte gezwungen. „Das ist gut..." Sie schwiegen einander an. „Nick, du musst dir nicht die Schuld geben. Du kannst nichts dafü..."

„Ich kann mich an nichts mehr erinnern", fiel er ihm ins Wort.

Verdutzt schaute der Skandinavier ihn an. „Was?" „Sie haben gesagt, man hätte mir einen Schlag mit einem stumpfen Gegenstand in den Nacken verpasst und mich ausgeknockt. Als der Supermarkt überfallen worden ist. Sie meinten, sie wüssten nicht, wann mein Gedächtnis wieder kommt." Nick sah ihm hilflos in die verwunderten, braunen Augen, während er sprach. „Ich hab keine Ahnung, wie das passiert ist... ich weiß nur..."
Er fixierte Gregs verbundenen Arm. „Ich fühl mich nur so, als hätte ich vollkommen... versagt..."
„Wa..." Der junge Mann zog das Bettlaken über seinen linken Unterarm. „Das ist nichts. Ich meine, das ist nicht von gestern... Das ist..." Er schloss für einen Augenblick seine Augen. „Das ist nur eine alte Kriegswunde... mehr oder weniger", erklärte Greg kopfschüttelnd.
„Vergiss es." Er blickte auf. Greg lächelte leicht und milde und Nick gab das Lächeln zurück, jedoch sichtlich schuldbewusst. Greg wusste nicht, wie Nick den Bericht aufnehmen würde. Er wusste nicht, wie man als Polizist in solchen Situationen reagiert hätte. Aber Nicks Verhalten war für seine Verhältnisse tatsächlich seltsam gewesen. Als die Räuberin aufgetaucht war, war sein Kollege wie versteinert geworden. Er zögerte. Schließlich war ihm eigentlich nichts passiert. Nur ein paar Schrammen. Er hatte schon Schlimmeres erlebt.
Ganz schlechter Gedanke. Eine Sekunde lang drohte er das Lächeln zu verlieren, aber er wollte die Fassade vor seinem Gegenüber wahren.

Es machte ihn traurig, Nick so betreten zu sehen.
Er machte ihm keinerlei Vorwürfe. Er hasste Gewalt. Wenn Nick sich gewehrt hätte, wäre er nur selbst verletzt worden.
Die Sonne tauchte Nicks Gesicht in warmes Licht.
Wann war er eigentlich das letzte Mal...

„Okay." Greg nickte und atmete tief ein. „Kaffee?", fragte er mit dem leicht verschmitzten Lächeln, für das er bekannt war und dem schon so manche verfallen war. „Gerne..."

Nick lächelte leicht zurück.

„Die Küche ist gleich links. Na ja, so viele Zimmer hab ich sowieso nicht..."

Während der Texaner sich auf den Weg dorthin machte, hob Greg die Beine aus dem Bett und stand auf. Da bemerkte er die Tabletten. Er sah nach Nick.
Greg öffnete die Schublade des kleinen Nachtkästchens und schob die Schlaftabletten mit einer geschwinden Handbewegung hinein. Als er über seine Schulter blickte, entdeckte er auch noch das Foto. Er resignierte kurz und ließ dann auch jenes im Schub verschwinden.

Das war jetzt weniger wichtig.

Er zog sich ein T-Shirt über und folgte Nick in die Küche.


Ich hasse die Absätze, die FF-net mir hier reinmacht.
Have fun reading. Plz review. No Time, have to leave :P

Seoul