Etwas war nicht gelaufen wie geplant – eigentlich hatten sie nur den Arbeitgeber des letzten Opfers als Zeugen befragen wollen – bis dieser, als er ein Alibi angeben sollte plötzlich eine Schusswaffe aus seinem Schreibtisch gezogen hatte und nach einem kurzen Schusswechsel ohne Treffer aus dem Gebäude mitten auf die offene Straße gelaufen war und dadurch eine Massenpanik verursachte.

Noch im Laufen schüttelte SSA David Rossi genervt den Kopf.

Worin bestand nur der Sinn schreiend kreuz und quer durch die Schussbahn des Täters zu laufen, anstatt wie – so dachte er – jeder vernünftige Mensch es tun würde, sich zu ducken und verdammt noch mal leise zu sein.

Nun, dieser Wunsch nach Stille konnte auch von den Kopfschmerzen kommen die ihn seit einigen Tagen plagten.

Sich zusammenreißend konzentrierte er sich wieder auf die Verfolgung. Obwohl der Agent sich durchaus fit und sportlich hielt war er hinter seinen jüngeren Kollegen zurückgefallen und konnte nur aus der Ferne beobachten wie ein beherzter Passant in einer Kurzschlussreaktion den ausgesprochen dummen Versuch startete den Flüchtigen aufhalten zu wollen.

Rossi sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein, den Schmerz mitfühlend, als der Helfer von einem Ellbogen am Hals getroffen zurückflog, mit dem Hinterkopf an einem Hauseck aufprallte und regungslos liegen blieb.

Die Schaulustigen, die sich noch nicht in einem der Gebäude in Sicherheit gebracht hatten bildeten einen Kreis um ihn, einige zückten sogar ihre Handys um Fotos zu machen, doch keiner machte Anstalten dem offensichtlich schwer Verletzten zu helfen.

Kurz drosselte er seinen Lauf und erwog die Verfolgung aufzugeben um erste Hilfe zu leisten, als aus der Menge eine laute Frauenstimme ertönte. „Sie mit der roten Jacke, rufen 911, sofort!"

Beruhigt dass jemand eingeschritten war, der scheinbar kompetent war setzte er seine Jagd fort, nur um zu bemerken dass er keine Chance mehr hatte nah genug heranzukommen um hilfreich zu sein.

Seufzend steckte er seine Waffe zurück in den Halfter an seinem Gürtel und lief zielstrebig auf das Unfallopfer zu. Als er sich durch den Kreis an Schaulustigen gedrängt hatte sah er eine Person über dessen Gesicht gebeugt, offensichtlich die Atmung kontrollierend, deren lange, braune Haare so über ihr Gesicht fielen, dass er es nicht sehen konnte.

Nach einigen Sekunden in denen absolute Stille geherrscht hatte setzte sich die Helferin auf, fluchte sehr unfein und riss dem Bewusstlosen mit einem kräftigen Ruck das Hemd auseinander.

„Jemand muss in das Kaufhaus da drüben laufen und mir einen Defi organisieren. Schnell!"

Während sie mit geübten Bewegungen die Reanimation begann, kommandierte sie laut und ohne aufzuschauen:" Ich brauche einen Helfer, der ruhig bleiben kann und etwas von erster Hilfe versteht – und der Rest von euch verschwindet mitsamt den verdammten Fotoapparaten."

Trotz der ernsten Situation musste er schmunzeln, für ihr zartes Alter – sie konnte höchstens 25 sein – trat sie reichlich entschlossen auf.

„David Rossi vom FBI, ich bleibe da um zu helfen!". Er hoffte, dass seine Dienstmarke die Umstehenden dazu brachte, tatsächlich zu gehen.

„Gut! Rossi – ziehen Sie aus meiner Tasche meinen Schlüsselbund."

Sie kommandierte ohne aufzusehen oder mit der Herz-Lungen-Massage aufzuhören.

„An dem Schlüssel finden sie ein kleines, rotes Täschchen. Reichen Sie mir das Beatmungstuch darin und verbinden sie seinen Kopf – sie finden alles was sie brauchen."

Sie arbeiteten schweigend und konzentriert und erst als er sich die Handschuhe von den Fingern zog, die ebenfalls in dem kleinen Erste-Hilfe-Täschchen gewesen waren und einen letzten Kontrollblick auf seinen Druckverband warf, sah er dass dem Mädchen bereits die Hände zitterten und sie schwer atmete.

Beeindruckt dass sie überhaupt so lange durchgehalten hatte, immerhin war Reanimation alles andere als leichte Arbeit, brachte er seine Hände über ihren in Position und sagte entschieden „Ich übernehme!".

Ihren Rhythmus haltend fing er an kräftig auf das Brustbein des Mannes zu drücken um dessen Leben sie kämpften und zählte laut mit.

" Eins, zwei, drei…"

„Wo bleibt der verdammte Defi?"

„fünf, sechs, sieben…"

„Na endlich, Mann! Vorsicht Rossi!"

Er fuhr mit der Reanimation fort während sie mit schnellen, geübten Handgriffen die Pads klebte.

–Patient nicht berühren, Messung startet- schnarrte die Computerstimme des Defibrillators, woraufhin er sich zurückfallen ließ und sich die schmerzenden Arme rieb.

–Schock empfohlen, Gerät läd-

„Vorsicht, SCHOCK!"

Ein kurzes Zucken des Patienten und schon begann sie wieder mit der Herzmassage.

Auch wenn er sich etwas schämte, dass er ein junges Ding wie sie so viel Arbeit machen ließ, war er doch froh, kurz wieder durchatmen zu können und gerade als sie bei der zweiten Beatmung war und er ablösen wollte hörte er den Klang von Sirenen, der ihm selten so willkommen gewesen war wie heute.

Aufseufzend vor Erleichterung und mit neuem Elan drückte die junge Ersthelferin wieder kräftiger zu, bis kurze Zeit später der erste Sanitäter bei ihnen kniete und seine Hände in Position brachte um zu übernehmen.

Etwas schwindlig von der Anstrengung stand Rossi vorsichtig auf und schloss schnell die Augen als ihm das Blut in die Beine schoss. Er verfluchte sich selbst für diese Anwandlung von Schwäche, die er an einem so öffentlichen Ort unmöglich fand und beeilte sich, schnell Platz für die restlichen Sanitäter zu machen.

Die junge Frau die mit ihm reanimiert hatte machte dazu keine Anstalten, sie saß nur starr da und blickte mit großen Augen auf das Geschehen vor ihr.

Einen Bogen um den beatmenden Sanitäter machend eilte er zu ihr, fasste sie sanft an den Schultern und zog sie hoch. Obwohl sie sich willig wegführen ließ, zeigte sie doch mit keinem Wimpernzucken dass sie bemerkte was gerade um sie geschah.

Na wunderbar – er hatte sich offensichtlich getäuscht als er annahm, dass seine Krankenpflegerrolle für heute beendet währe.

Widerstandslos ließ sie sich zu einem großen, steinernen Blumenkasten am anderen Ende der Straße dirigieren und setzte sich auf dessen Rand, nachdem Rossi ihre Schultern leicht nach unten gedrückt hatte.

Ohne seine Patientin aus dem Blick zu lassen zückte er sein Handy und drückte auf die Kurzwähltaste mit der Nummer 1. Er hatte kaum die Zeit das Handy ans Ohr zu heben als schon eine harsche, Befehlsgewohnte Stimme am anderen Ende der Leitung ertönte:

„Rossi! Wo zur Hölle steckst du?"

„Hotch. Ihr habt mich abgehängt, ich hab mich um den verletzten Passanten gekümmert – was ist bei euch passiert?"

„Morgan hat ihn in eine Sackgasse gejagt, wir bringen ihn zum Verhör in die BAU. Ich erwarte dich so schnell wie möglich dort."

Damit war das Gespräch für seinen Boss beendet.

Grummelnd wandte er sich wieder der jungen Frau zu die in genau der Position auf dem Blumenkasten saß, in der er sie zurückgelassen hatte.

Er ging vor ihr in die Hocke und versuchte ihren Blick aufzufangen.

„Wie heißt du?"

Der Agent gab seiner Stimme einen möglichst sanften Klang, da es nicht seine Intention war ihren Schock noch schlimmer zu machen.

„Johanna"

Das klang so gar nicht nach den lauten und bestimmt erteilten Befehlen von vorhin.

„Joanna also.", versuchte er dem Namen einen vertrauteren, amerikanischen Klang zu geben.

„Nein, Johanna – ist ein deutscher Name."

„Gut, Johanna.", seine Zunge stolperte ein wenig über die Aussprache – Deutsch klang gänzlich anders als Englisch oder Italienisch. „Du hast das großartig gemacht, ich fahre dich jetzt ins Krankenhaus, da bekommst du etwas gegen den Schock und kannst dich nach dem Mann erkundigen. Ich muss zurück zu meinem Team aber ich währe sehr froh wenn du mich anrufen könntest und mir Bescheid geben würdest wie es dir geht und ob der Herr alles überstanden hat."

Mit diesen Worten streckte Rossi ihr seine Visitenkarte entgegen.

Johanna nickte vorsichtig, griff danach und stand auf.

Er legte eine Hand auf ihren Rücken und führte sie zu dem schwarzen SUV, der eine Straße entfernt geparkt war. Dabei hatte er erstmals die Zeit und Muße, sich seine kleine Helferin genau anzuschauen.

Und klein war sie in der Tat – er schätzte sie auf höchstens 1,60m. Ihr Gesicht, das sich, obwohl er selbst nicht gerade ein Riese war, gerade mal auf Schulterhöhe befand, war herzförmig und hatte etwas leicht kindliches, auch wenn es so erst aussah wie gerade jetzt. Sie hatte eine kleine, etwas knubbelige Nase und weiche geschwungene Lippen. Die Farbe ihrer Augen konnte er von oben nicht ausmachen da Johanna den Blick nach unten gerichtet hatte.

Obwohl sie keine Bilderbuchschönheit wie JJ war hatte sie doch etwas Liebreizendes an sich und dieser Eindruck verstärkte sich als sie aufsah und vorsichtig lächelte.

Ja, dachte er sich, sie war süß. Klein, mit unschuldigen Augen und leicht geröteten Wangen erfüllte sie genau die Aussehenskriterien die wohl jeden Mann instinktiv dazu brachten sie beschützen zu wollen.

Schmunzelnd und etwas beglückt über die Tatsache, dass er einmal in der Rolle war seinem Gegenüber so mühelos von oben auf den Scheitel schauen zu können überlegte er sich, wie lustig seine Begleiterin neben Morgan aussehen würde, der nicht nur riesig war, sondern auch noch fast doppelt so breit wie das Mädchen neben ihm.

Immer noch gedanklich kichernd sperrte er mit einem Knopfdruck den Wagen auf und öffnete ihr die Beifahrertüre.

Er musste die Beiden einander unbedingt vorstellen.